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Full text of "Culturgeschichte des Orients unter den Chalifen"

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-1)S 



I 



CÜLTURGESCHICHTE 






A 



DES 



ORIENTS 



UNTER DEN CHALIFEN. 



VON 



ALFRED VON KREMER. 



ERSTER BAND. 



WIEN, 1875. 
WILHELM BRAUMÜLLER 

K. K. HOF- UND ÜMIVRBSItItSBCCBHXhDLER. 






Alle Autorsrechte vorbehalten. 



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1^ OiS< 



:; VORWOET. 

^ !Es schien mir keine ganz überflüssige Arbeit zu sein^ 

eine Culturgescbichte des Orients unter den Chalifen zu 
schreiben. Die Vorarbeiten hiefiir zu machen und die ganze 
Masse des gesammelten Stoffes nach allgemeinen Gesichts- 
punkten zu ordnen, fehlte es mir nicht an Gelegenheit während 
eines langjährigen Aufenthaltes in verschiedenen Gegenden 
der Levante. 

Eine glückliche Fügung gestattete es mir auch, meine 
Lern- und Wanderjahre eben auf jenem klassischen Boden 
beschliessen zu können, wo ich sie vor fünfundzwanzig Jahren 
begonnen hatte: in Syrien, an dem herrlichen phönicischen 
Gestade. Ich konnte noch einmal die unvergleichliche cöle- 
syrische Ebene durchstreifen und von der Chalifenstadt am 
Chrysorroas, von Damascus Abschied nehmen, wo so vieles 
an die Glanzepoche der arabischen Cultur erinnert. 

Dort begann ich Hand an diese Arbeit zu legen, die 
sich enge anschliesst an meine Geschichte der herrschenden 
Ideen des Islams. 

Die Lehre des Propheten von Mekka und das aus ihr 
emporgewachsene politische und sociale System ist eine That- 
sache von so grosser, selbst noch in unsere Zeiten eingrei- 
fender Wichtigkeit, dass es sich wohl der Mühe lohnt, deren 



O 



r^ 



IV Vorwort. 

culturgeschichtliche Bedeutung ausführlicher und sachgemässer 
darzustellen als dies bisher geschehen ist. Nur zu oft lässt 
man sich bei der Beurtheilung orientalischer Zustände durch 
die Eindrücke der Gegenwart irre leiten und vergisst hier- 
über jener Zeiten^ wo eben dieselben mohammedanischen 
Völker, über deren Zukunft jetzt so viel beuni*uhigende Be- 
trachtungen angestellt werden , die Träger "der Aufklärung; 
des Fortschrittes und einer bewundernswerthen geistigen 
Arbeitskraft waren. 

Es hatte die Civilisation damals ihren Sitz im Osten 
genommen. Bagdad war nicht blos die politische Hauptstadt 
des weiten Reichs^ sondern auch der Brennpunkt aller wissen- 
schaftlichen Bestrebungen. Dort las man mit dem hinge- 
hendsten Eifer und der feurigsten Begeisterung Aristoteles 
und PlatO; rief, auf Euklid und Ptolemäus gestützt^ das wissen- 
schaftliche Studium der Mathematik und Astronomie ins 
Leben. Mit Hippokrates und Galenus an der Hand oblag 
man der Heilkunde und erforschte man die Geheimnisse der 
Natur. Auf den Schriften der Alten fussend ward rüstig 
weiter gearbeitet und die Menschheit durch neue Ent- 
deckungen bereichert. 

Aber nicht blos auf dem Gebiete der exacten Wissen- 
schaften machte sich eine so grosse Rührigkeit bemerklich: 
auch die philosophischen und juridisch - politischen Studien 
fanden die eifrigste Pflege. Man sann über das Wesen und die 
Lebensbedingungen des Staates, erdachte politische Systeme 
und juridische Theorien, die an Bedeutung alles übertrafen, 
was die andern Völker des Mittelalters geleistet haben. Ge- 
waltige Gedanken, die in Europa erst seit dem letzten Jahr- 
hunderte sich Bahn brachen, wurden dort schon acht Jahr- 
, hunderte früher ausgesprochen. Es genügt hier an die Worte 
^/k/ 3f^ des Rationalisten Nazzäm (lebte um 835 Chr.) zu erinnern: 
'^ *\ J^T>ie erste Vorbedingung des Wissens ist der Zweifel". — 
/^-/tc/*1» Liegt nicht in diesem Satze der Keim für alle freie wissen- 
' %/^lr^ schaftliche Forschung, im Gegensatze zu dem jede unabhän- 



I 



Vorwort. » 

gige Verstand esthätigkeit erdrückenden, absoluten Autoritäts- 
glauben des Islams? 

Die Rechtsschule von Bagdad stellte Grundsätze auf 
wie folgende: dass kein gerichtliches Eingeständniss giltig 
sei, welches durch Anwendung von Gewaltmaassregeln er- r 
zwungen worden war; dass niemand lediglich auf den Ver- 
dacht einer strafbaren Handlung hin seiner Freiheit beraubt 
werden dürfe ; dass das Leben eines Nichtmohammedaners 
oder eines Sklaven ebensoviel werth sei als das eines Recht- 
gläubigen oder eines Freien. Man erörterte in jener Schule / 
Fragen wie die: ob ein Weib das Richteramt bekleiden * 
könne oder nicht; ob Nichtmohammedaner zu Staatsanstel- 
lungen zuzulassen seien — und es fehlte nicht an Stimmen, 
welche die Antwort hierauf im bejahenden Sinne abgaben. 

Ein überraschend humaner Geist zeigt sich in allem, 
was aus jenen Gelehrtenkreisen überliefert wird. Kein mo- 
derner Menschenfreund könnte mit grösserer Entrüstung 
den schmachvollen Handel mit Eunuchen brandmarken, als 
dies ein arabischer Schriftsteller des IX. Jahrhunderts Chr. 
thut. ^) Ja selbst gegen die Thierquälerei wollten die da- 
maligen Rechtsgelehi*ten von Seite der Obrigkeit Fürsorge 
getroffen wissen. 

Auf dem Gebiete des Rechts, der Verwaltungslehre, 
des Finanzwesens lassen sich merkwürdige Spuren einer 
hoc|igehenden Culturbewegung nachweisen. Eine Steuerge- 
setzgebung, welche sich durch ihre für die damaligen Ver- 
hältnisse unübertroffene Vollkommenheit auszeichnete, ward 
fiir das ganze Reich aufgestellt, ein gut eingerichtetes Post- 
wesen verband die entferntesten Provinzen, Zwischenzölle 
waren auf das strengste untersagt; und durch die Errichtung 
localer Unterstützungskassen in jeder Stadt, woraus nicht 



') Die hieranf bezügliche Stelle habe icbyn meiner Schrift : Cultur- 
geschichtliche Streifziige auf dem Gebiete des nl^^^(^ipzLg 1873| S. 27 
und 68, bekannt gemacht. v 



VI Vorwort. 

nur die einheimischen Armen, sondern auch mittellose Fremd- 
linge betheilt wurden und sogar Sklaven freigekauft werden 
sollten, war eine die ganze mohammedanische Welt umfas- 
sende Wohlthätigkeitsanstalt von unvergleichlicher Oross- 
artigkeit geschaffen worden. Freilich wurde dieselbe bald 
zu selbstsüchtigen Zwecken der Machthaber verwendet, aber 
ein solches System erdacht und, wenn auch nur zum Theil 
und för nicht allzulange Dauer, durchgeführt zu haben, ist 
ein bleibendes Verdienst des Islams. Die vollste Freizügige 
keit herrschte zwischen den verschiedenen mohammedani- 
schen Ländern. Die Pilgerfahrt nach Mekka, der Verfolg 
der gelehrten Studien an den bald aller Orten emporblü- 
henden Hochschulen und Akademien beförderten den Ge- 
dankenaustausch und erleichterten die gegenseitige geistige 
Anregung. 

Allein man darf sich durch ein so glänzendes Bild 
nicht täuschen lassen: diese intellectuelle Strömung durch- 
drang die Mittelklassen, vorzüglich der städtischen Bevöl- 
kerung, machte sich aber weder am Hofe selbst noch in 
den Regierungskreisen geltend. Der orientalische Despo- 
tismus Hess dort seine ganze Wucht empfinden und im 
Chalifenpalaste gab es nur e i n Gesetz : die Laune des all- 
mächtigen Gebieters oder seiner Favoritinnen. Einzelne 
Herrscher förderten zwar die gelehrten Bestrebungen und 
huldigten bewusst oder unbewusst dem Zeitgeiste, aber unter 
den Abbasiden hatten einige entschieden neronische Anlagen. 
Der Druck des Absolutismus war nur desshalb weniger fühl- 
bar, weil demselben kein byzantinischer Vcrwaltungsapparat zur 
Verfügung stand. Die Administration beruhte fast ausschliess- 
lich auf dem Selfgovernment der Gemeinden, welchen in 
ihren Angelegenheiten der grösste Spielraum gewahrt blieb. 
Die Organisation der wenig zahlreichen Regierungsämter 
war sorgfaltig geregelt und besonders die Pflichten sowie 
die Rechte des Richteramts wui'den von der juridischen 
Schule, die in Bagdad blühte, auf das genaueste festgestellt 



Vorwort. VII 

und die Competenz der verschiedenen Behörden, namentlich 
der richterlichen und administrativen; ward strenge ab- 
gegrenzt. In den Regierungsämtern wurden über die Hilfs- 
quellen der Provinzen, die Zahl der Einwohner nach ihren 
verschiedenen Bekenntnissen, über die Ertragfähigkeit und 
Ausdehnung des Culturlandes, der Bergwerke u. s, w. genaue 
statistische Verzeichnisse geführt, die, wie wir aus den er- 
haltenen Bruchstücken alter Steuerrollen ersehen können, 
durch grosse Genauigkeit sich auszeichneten. 

Ich glaube, dass diese Zusammenstellung einiger flüchtig 
herausgegriffenen Thatsachen, welche bisher theils gar nicht 
bekannt gemacht waren, theils unbeachtet geblieben sind, 
genügen dürfte, um einen richtigen Einblick zu gewinnen 
in die Bedeutung der damaligen Civilisation des mohamme- 
danischen Orients, die zu schildern der Zweck dieses Buches 
ist. Aus diesem Gininde halte ich es für überflüssig hier 
noch weitere Belege anzuführen und gehe statt dem gleich 
daran, den Plan darzulegen, nach welchem diese Arbeit 
unternommen ward, sowie den Standpunkt zu bezeichnen, 
von dem ich die Culturgeschichte aufgefasst habe. 

Der Staat, als Vereinigung eines ganzen Volkes zu 
einem gemeinsamen Zwecke, lebt eben so gut für sich, als 
in allen seinen Theilen; Staaten treten in der Geschichte 
mit ganz bestimmter Individualität auf und diese ist nichts 
anderes als der Gesammtausdruck ihrer Cultur. 

Die Aufgabe der Culturgeschichte besteht daher nicht 
bloB in der Beschreibung der Sitten und Denkweise, der 
Angewohnheiten, der geistigen und materiellen Leistungen 
eines Volkes, sondern eben so sehr des Fortschrittes oder 
Verfalles des staatlichen Organismus. Nur für jene Epoche, 
die auf eine Zeit zurückreicht, wo die staatliche Gesellschaft 
noch nicht bestand |uü die einzelnen Völkerschaften jene 
höhere Stufe der CuKur noch nicht erreicht hatten, aus 
welcher der Staat hervorgeht, wo sie noch in dem niedrigeren 
Entwicklungszustande der Stammesbildung und des Clan- 



Viri Vorwort. 

Wesens sich befanden; oder wo dieselben gar noch im ein- 
facheii Urzustände der Familie verharrten, entfallt auch die 
letztgenannte Aufgabe als gegenstandlos. 

Da wir den Staat als selbstständigen Organismus be- 
trachten, der als solcher sein eigenes Leben und seine 
eigenen Gesetze der Entwicklung hat, so muss die Cultur- 
geschichte nach zwei Richtungen hin ihre Aufgabe zu lösen 
suchen. Zuerst hat sie die Entstehung und Ausbildung des 
staatlichen Gemeinwesens zu verfolgen, dann aber die inner- 
halb dieses grossen Rahmens zur Thätigkeit kommenden 
Kräfte der einzelnen, die Gesammtheit der Nation bildenden 
Volksklassen zu erforschen und darzustellen. Der Staat für 
sich betrachtet, ist im Völkerleben ein Individuum, wie 
jeder einzelne Mensch im Privatleben. Gerade so sind zwei 
Heere, deren jedes zwar aus Hunderttausenden von mensch- 
lichen Monaden zusammengesetzt ist, wenn sie auf dem 
Schlachtfelde sich gegenüber stehen, doch nur zwei com- 
pacte, wie aus einem Gusse hervorgegangene Massen, von 
welchen jede für sich ihr eigenes Leben, ihre eigenen Ge- 
setze der Erhaltung oder Auflösung in sich trägt. Und diese 
Gesetze entsprechen genau der Summe der Anlagen und 
Kräfte all der unzähligen einzelnen Individuen, die staatlich 
oder militärisch vereinigt, einen Staat oder ein Heer bilden. 

So ist für uns der Charakter des Staates der Ausdruck 
der Summe von individuellen Charaktertypen der den Staat 
zusammensetzenden Menschen. Die vorherrschend überein- 
stimmenden Anlagen eines Volkes bestimmen dessen Rassen- 
charakter. Dieser ist das differenzirende Element unter den 
Völkern und trennt sie von einander, vereinigt aber um so 
fester die einzelnen Mitglieder einer und derselben Rasse. 

Für die Culturgeschichte muss desshalb der erste und 
wichtigste Gegenstand ihrer Forschung der Rassentjpus sein 
und sie hat ihn nach seinen mannigfaltigen Aeusserungen 
zu erfassen. Soll dies aber mit einiger Sicherheit geschehen, 
so lässt sich dies nicht anders bewerkstelligen als durch 



Vorwort. IX 

eine streng objective Darlegung seiner Wirkungen, welche 
sich am deutlichsten in der politischen Organisation eines 
Volkes, in seiner Staatsverfassung, in seinen administrativen 
und politischen Einrichtungen, in seinen Gesetzen erkennen 
lassen. 

Mit dem Staatswesen sind im Alterthume wie in der 
Gegenwart die religiöse Anschauung, der Cultus und Glauben 
unlösbar verbunden, welche den zweitwichtigsten Gegianstand 
des culturhistorischen Gemäldes zu bilden haben. Daran 
reiht sich die Besprechung des Lebens und der Verfassung 
der Familie, sowohl für sich selbst betrachtet, als im Zu- 
sammenhange mit anderen, also die Darstellung der bürger- 
lichen Gesellschaft in ihren verschiedenen Richtungen und 
Bestrebungen auf dem Gebiete des materiellen und geistigen 
Lebens. 

Die letzte und höchste, aber zugleich die schwierigste 
Aufgabe der Cultui'geschichte ist die : aus dem Ueberblicke 
des gesammten Civilisationsverlaufes einer Nation im Ver- 
gleiche mit dem Entwicklungsgange anderer Culturvölker 
jene allgemeinen Gesetze erfassen zu suchen, welche den 
Lauf der Völkergeschicke bestimmen und ihn ebenso un- 
wandelbar beherrschen, wie die Naturkräfte das Reich der 
Materie. 

Hiemit ist aber auch die Grenzscheide erreicht, wo 
das Gebiet der Geschichte mit jenem der Philosophie sich 
berührt. 

Keinesfalls dürfen wir uns der optimistischen Erwar- 
tung hingeben, dass es schon bei dem gegenwärtigen Stande 
der Wissenschaft möglich sei , diese schweren Probleme 
vollständig zu lösen. Viel wird noch gesammelt, gesichtet 
und verglichen werden müssen. 

Diesem Plane entsprechend bildet die Schilderung 
der staatlichen Einrichtungen den vorwiegenden Inhalt des 
ersten Bandes, während der zweite, falls mir Zeit und Kraft 



Vorwort. 



hiezu vergönnt sind, das religiöse Gesetz, den Ciiltus, die 
Familie und die büi'gerliche Gesellschaft in ihrer Thätigkeit 
auf dem weiten Gebiete des geistigen oder materiellen 
Schaffens zum Gegenstande haben wird. 



Wien, Mitte Juli 1874. 



A. V. E. 



INHALT. 



I. Die Entstehung des Chalifates und Uebertragung der Souveränität 

8. 1-21. 
n. Das städtische Leben 8. 22—47. 

HI. Die Staatseinrichtungen der patriarchalischen Zeit 8. 48 — 113. 
IV. Damascus und der Hof der Omajjaden 8. 114 — 158. 
y. Die Ausbildung des Staatswesens: I. Die Administration unter den 
Omajjaden 8. 169 — 183. II. Die staatlichen Einrichtungen der 
Abbasiden 8. 183—202. 
VI. Das Kriegswesen 8. 203 — 255. 

VII. Die Finanzen. I. Allgemeiner Ueberblick: 1. Die Zeiten der Omaj- 
' jaden 8. 256 — 263. 2. Die urkundlichen Quellen zur Finanz- 
geschichte unter den Abbasiden S. 263 — 270. 3. Die Einnahmen 
und die Steuergesetzgebung S. 271 — 280. 4. Die Epoche des Ver- 
falles 8. 280 — 286. II. Statistische Uebersicht der Provinzen 
8. 286—355. III. Die drei Steuerrollen 8. 356—379. 
VIII. Der Organismus des Staates 8. 380—469. I. Der Fürst der 
Gläubigen 8. 382—404. II. Die Minister und Statthalter. 8. 405—410. 
m. Das Militärwesen 8. 410—415. IV. Die Rechtspflege 8. 415—419. 

V. Die oberste Controle für Verwaltung und Rechtspflege 8. 419—423. 

VI. Die Markt- und Sittenpolizei 8. 423—426. VII. Das Finanz- 
wesen & 427 — 440. Vm. Die Provinzen und ihre territorialen 
Privilegien S. 440 — 442. IX. Rechtsverhältnisse des Grundeigen- 
thums 8. 442 — 448. X. Die religiösen Angelegenheiten 8. 448 — 453. 

XI. Die Orgfanisation des Staatsrechnungswesens 8. 453 — 459. 

XII. Die gesetzlichen Bestimmungen für Polizeiangelegenheiten und 
strafrechtUche Fälle 8. 459—469. 

IX. Das Recht 1. Die Anfänge des Rechts 8. 470—474. 2. Die 
Sammlung der Ueberlieferungen 8. 474—483. 3. Die Rechtsschule 
von Medyna 8. 483—489. 4. Die juridischen Schulen und Lehr- 
systeme 8. 489—504. 6. Das System des hanafitischen Rechts 
8. 504 — 532. 6. Die Quellen des mohammedanischen Rechts 
8. 582-547. 



-o«<^- 



I. 

Die Entstehung des Chalifats und Uebertragung der 

Souveränität. 



Montag; den 8. Juni des Jahres 632, als schon die 
Sonne etwas gegen Westen sich neigte — es war ungefähr 
zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags — machte sich auf dem 
Hauptplatze vor der Moschee in Medyna eine ungewöhnliche 
Bewegung bemerklich. Trotz der drückenden Hitze sah man 
einige Gruppen im Schatten der Lehmmauern oder neben 
den vereinzelten Palmbäumen kauern, dazwischen lagerten 
dunkelbraune, halbnackte Beduinen mit ihren Kameelen; 
Kinder und Weiber wanderten hin und her. Alles schien 
mehr oder weniger in Erwartung der Dinge zu sein, die da 
kommen sollten. Dass es sich nicht um freudige Ereignisse 
handelte, sah man schon aus den ernsten Gesichtern, 
den frommen Ausrufen, wenn auch nicht das Frauenge- 
schrei, welches klagend und leidenschaftlich manchmal aus 
der unmittelbar neben der Moschee befindlichen Hütten- 
gruppe ertönte, jeden Zweifel hierüber beseitigt hätte. Es 
war diese Häusergruppe, wenn man sie so nennen kann, 
ebenso wie die Moschee von Medyna selbst, ein aus Lehm- 
ziegeln und rohen Steinen aufgeführtes höchst einfaches 
Bauwerk, das allmälig dadurch entstanden zu sein schien, 
dass man an eine Hütte eine andere angebaut und sie mit 
einander in Verbindung gesetzt hatte. ^) Die Mauern waren 
kaum viel über Manneshöhe, das Dach bestand aus Palm- 

1) VgL Spreuger: Das Leben und die Lehre des Mohammed III. p. 17. 
V. Kremer, Cnltiirfoecluclite de« Orients. 1 



2 I. Die Eiitet«hung des Cbalifats. 

reisem und darauf gehäuftem Gestrüpp, das mit gestampfter 
Erde und Steinen belastet war, um den im Winter nicht 
seltenen WindstÖssen widerstehen zu können. Vor dem 
niederen auf den Platz herausführenden Thore befand sich 
eine aus Baumästen und Matten hergestellte gedeckte Veranda, 
und an der Mauer lief eine Erhöhung aus Erde herum, die 
theilw^eise mit Binsenmatten belegt war. Einige Männer 
Sassen auf diesem einfachen Divan und schienen der Bot- 
schaft zu harren, welche aus dem Innern des Hauses ihnen 
zukommen sollte. So mochte eine Stunde verflossen sein, 
als von einer neben dem Hauptthor der Moschee auf dem 
platten Dache angebrachten Estrade, die aus Palmstämmen 
und einer Ueberkleidung von Lehm errichtet war, eine klang- 
volle, kräftige Stimme in einfachen, fast wehmüthigen Mo- 
dulationen den Ruf zum Nachmittagfigebete ertönen Hess. 
Es war Bilal, der Gebetausrufer Mohammeds. 

Alle erhoben sich, und in demselben Augenblicke trat 
aus dem Thor des Wohngebäudes ein Mann heraus, der 
schon ein Sechziger sein musste, und dessen langes, scharf- 
geschnittenes Profil jedenfalls den Beweis für seine edle 
arabische Abkunft lieferte ; er war von heller Hautfarbe, von 
magerer Gestalt und eckigem Gesichtszuge, sein Bart w^ar, um 
die grauen Haare zu verbergen, nach arabischer Sitte hellroth 
gefiirbt, die unter dem Turban vorspringende Stirn deutete 
auf ungewöhnliche Intelligenz, aber sonst schien der ganze 
Mann, nach dem Gesammteindruck seiner Erscheinung, früh- 
zeitig gealtert: sein Gang war schleppend und sein Kücken 
gekrümmt. 1) Seine Kleidung bestand in einer weissen Schaf- 
wolldecko, die er wie eine Toga malerisch über die Schulter 
geschlagen hatte, so dass sie den Körper umhüllte, aber die 
Hände frei Hess, darunter trug er einen weiten über die 
Kniee reichenden Leibrock aus KameclhaarstofF. 



1) Osod alghäbah III. p. 223, Jbii Kotaibah p. 84, Sprenger: Das 
Leb. n. d. L. d. Moh. I. p. 409. 



I. Die Entstehung den Chalif&to 3 

Es war Abu Bakr, der Schwiegervater Mohammed's. 
Er begrüsste alle mit dem üblicheD Spruche: „Der Gruss 
sei mit Euch!", den sie mit der ebenso bekannten Formel 
erwiderten: „Ueber Dich (sei) der Gruss Gottes und seine 
Segnungen!" Dann schritt er langsam, umgeben von allen 
Anwesenden, zum nahen Hauptthore der Moschee, in der 
sich schon eine beträchtliche Menschenmenge eingefunden 
hatte, um das vorgeschriebene Gebet zu verrichten, das 
Abu Bakr als Stellvertreter des Propheten leiten sollte.*) 
Dies war das Ereigniss, welches das ganze Landstädtchen 
in Aufregung versetzte, denn der Prophet hatte trotz einer 
schon durch mehrere Tage anhaltenden Erkrankung es nie 
unterlassen, selbst dem Gebete beizuwohnen, und noch am 
Morgen desselben Tages hatte er sich der Gemeinde gezeigt. 
Allein nun konnte er es nicht mehr. Im Innern seiner Be- 
hausung, die aus mehreren um den Hofraum gebauten Lehm- 
hütten bestand, lag er schwer erkrankt darnieder und zwar 
in der Kammer seiner Gattin 'Aisha, eines kaum achtzehn- 
jährigen leidenschaftlichen Weibes, die mit ihrer schlanken 
Gestalt, dem schwarzen Haar und den feurigen stechenden 
Augen, in ihrer coquetten Kleidung: weiten rothen Beinklei- 
dern und einem mehr die Blicke anziehenden als ihre Reize ver- 
hüllenden Gazehemdehen, nach arabischen Begriffen für eine 
Schönheit ersten Ranges gelten konnte. Sie hielt das Haupt 
des Propheten, der auf einem Ruhebette von Palmstäben lag, 
auf ihrem Schosse und suchte den von wilden Fieberphan- 
tasien Geängstigten zu beruhigen und ihm Kühlung zuzu- 
fächeln. 

Hier lag der Mann, welcher in dem Zeiträume weniger 
Jahre eine neue Religion ins Ijoben gerufen, Mekka erobert 
und ganz Arabien seinem Worte gehorsam zu machen ge- 
wusst hatte. Hilflos kämpfte er mit einem verzehrenden 
Fieber, dem sein durch nervöse Ueberreizung, schmale Kost, 



>) Sharh almowatta' von Zorkäny I. p. 311. 



4 I- Die Entstehnngr des ChslifAtfl. 

Nachtwachen und massloBc Harem sfreuden erschütterter 
Körper kaum mehr widerstehen zu können schien. Das 
kreischende Geschwätz der Frauen und Diener, die im Ilof- 
raume verweilten , mochte ihn manchmal unliebsam an die 
Aussenwelt erinnern, aber rasch wanderten seine Gedanken 
wieder fort. Immer mehr sanken die Kräfte, er athmete 
mühsamer und schwerer; *Aisha hatte gerade eine Zauber- 
formel gebetet, die sie für sehr wirksam hielt: „O Gott, der 
du bist der Menschen Hort, schaff dieses Uebel fort, denn 
du bist der Heiler und es gibt keine Genesung als deine 
Heilung und dein Heilen verstattet dem Siechthum kein 
Weilen!" — Dabei hielt sie seine Hand fest umklammert; 
aber plötzlich fühlte sie dieselbe schwerer und schwerer 
werden. 'Aisha Hess aus und regungslos sank sein Arm 
nieder. — Der Prophet war todt. 

Es wäre schwer, den Eindruck schildern zu wollen, 
welchen dieses Ereigniss auf die Bevölkerung von Medyna 
hei*vorbrachte. Omar, Mohammed's Schwiegervater, sein 
Freund und treuester Rathgeber, der sich in dem Sterbe- 
hause befand, als die Todtenklage ertönte, mit der nach alt- 
arabischer Sitte die Weiber den Hin tritt des Hausherrn ver- 
kündeten, wollte es nicht glauben, dass auch der Prophet 
demselben Gesetze unterworfen sei wie alle anderen Sterb- 
lichen, und er drohte jeden zu tödten, der da' sage, dass 
Mohammed gestorben sei. Unterdessen kam aus der nahen 
Moschee Abu Bakr herbei und eilte in seiner Tochter 'Aisha 
Kammer, dort beugte er sich, wie Augenzeugen erzählen, 
tief über die leblose Hülle, so dass seine Stirn fast jene des 
Todten berührte; dann erhob er sich und bestätigte, dass 
der Lebensgeist entflohen sei. ^) 

Aber so wie der feurige Omar dachte wol die Mehrzahl 
der Medynenser. Sie konnten sich nicht in den Gedanken 
finden, dass der ausserordentliche Mann^ welcher über ihr 



1) Osod alghftbah IIL p. 221. 



1. Die Entblebung des Chalifats. 5 

Geinüth und Herz einen so unbegrenzten £influss g-ewonnen 
hatte, der so gewaltige und ohne besonderen göttlichen Bei- 
stand geradezu unmöglich scheinende Thaten vollbracht hatte, 
nun für immer von ihnen sollte geschieden sein. Den Frommen 
unter ihnen, die sich daran gewöhnt hatten, in einem ge- 
wissermassen ununterbrochenen Verkehr mit Gott und dem 
Himmel zu stehen, wobei der Prophet den allezeit bereit- 
willigen Vermittler machte, mag es unfassbar geschienen 
haben, dass sie nun fiir sich selbst denken und handeln 
sollten, ohne für jeden zweifelhaften Fall durch den Propheten 
eine immer den Umständen angepasste himmlische OflFen- 
barung sich bestellen zu können. Sie mussten sich nun 
gottverlassen fühlen. Dieser religiöse Gedanke war aber 
sicher damals in Medyna, dem Sitze und Sammelpunkte der 
eifrigsten Anhänger der neuen Religion des Islams, der vor- 
herrschende. 

Daselbst bildeten die beiden Stämme Aus und Chazrag 
den wichtigsten Theil der Bevölkerung. Sie waren die alten 
Ansiedler der Stadt und sie hatten, als Mohammed sich 
aus Mekka flüchtete, ihn biüderlich aufgenommen, seine 
Sache zur ihrigen gemacht, in allen Kämpfen und Schlach- 
ten für ihn gefochten und geblutet. Mit Mohammed's Tod 
schien nun das Band, welches diese beiden Stämme trotz 
ihrer alten Eifersucht bisher vereint hatte, zerrissen, und 
ihre verjährten Streitigkeiten drohten in aller Schärfe 
wieder hervorzutreten. Die Mehrzahl jener Mekkaner aber, 
die bei Mohammed's Auswanderung aus seiner Vater- 
stadt sich ihm angeschlossen hatten und die somit seine 
Fluchtgenossen (mohägir) geworden waren, denen sich all- 
mälig viele andere zugesellt hatten, welche ebenfalls aus 
Mekka nach Medyna übergesiedelt waren, fühlten jetzt erst, 
dass ihre Stellung den alten sesshaften Medynensern, nament- 
lich den Ansärs aus den Stämmen Aus und Chazrag gegen- 
über sehr bedenklich werde; früher hatte Mohammed seine 
mekkanischen Fluchtgenossen mit den Medynensern zu ver- 



6 I- Dio Entotehung des Chalifats. 

brüdern gesucht, er hatte ihre Eifersüchteleien beschwichtigt, 
Reibungen ausgeglichen und die Eintracht zu erhalten ver- 
standen. Jetzt musste sich dieser Theil der Bevölkerung 
von Medyna um so mehr in seiner Sicherheit bedroht fühlen, 
als das gemeinsame Mittelglied der Vereinigung in die Brüche 
gegangen war. 

Wenn nun schon diese massgebenden Klassen der Be- 
völkerung die Hilfs genossen (Ansär) und die eingewan- 
derten Mekkaner, die sogenannten Fluchtgenossen (Mo- 
hägir) sich durch diesen Todesfall plötzlich in ihren theuer- 
sten Gütern gefährdet sahen, so war dies sicher in noch 
weit höherem Grade bei dem engeren Kreise jener der Fall, 
welche die unmittelbare Umgebung des Propheten gebildet 
hatten, die seiner Familie, seinem Hause angehörten oder 
durch Bande der Freundschaft und Anhänglichkeit mit ihm 
und seiner Sache aufs innigste verkettet waren. Sie mussten 
sich mit Schrecken nun darüber klar werden, dass ihr Ein- 
/fluss, ihre Machtstellung und alle damit verbundenen gewiss 
nicht geringen materiellen Vortheile ihnen mit einem Male 
zu entgehen drohten. 

Der Selbsterhaltungstrieb war es daher zweifellos, der 
diese von verschiedenen Bestrebungen geleitete Masse zw^ang, 
darin zusammen zu wirken, dass sie die durch des Propheten 
Tod entstandene Lücke möglichst rasch auszufüllen suchten. 
Allerdings ging es hiebei nicht ohne heftige Parteikämpfe ab. 
Die Fluchtgenossen (Mohägir) und alle anderen mekkanischen 
Auswanderer schlössen sich gleich an die Familie des Pro- 
pheten an, deren ältestes Mitglied Abu Bakr, Mohammed's 
Schwiegei*vater, war. Schon in den Zeiten des altarabischen 
Heidenthums zollte man dem Alter eine hohe Verehrung, der 
älteste Mann der besten, edelsten Familie des Stammes galt als 
dessen Führer, Rathgeber und Richter. So schaarten sich denn 
die meisten Mitglieder der Prophetenfamilie, seine Anhänger 
und die mekkanischen Auswanderer um Abu Bakr. Die ent- 
gegenstehende Partei bildete sich aus den alten, sesshaften 



I. Die Entetohung det» Chalifats. 7 

Medynensern der beiden Stämme Aus und Chazrag-^ denen 
Mohammed den Ehrennamen der Ililfsgenossen (Ansär) bei- 
gelegt hatte. Diese hatten sieh an einem anderen Orte, der 
Sprechhalle der Banu Sa*ida zusammenbestellt , wo sie um 
ihren Häuptling und Führer Sa*d Ibn *Obäda sich sammelten, 
der fiir sich selbst die Führerschaft von Medyna anstrebte. 
Als Abu Bakr, begleitet von seinen Anhängern, sich ebenfalls 
dorthin begab, kam es zu heftigen Reden, die in Thätlich- 
keiten auszuarten drphten. Die Ansars bestanden darauf, 
dass ein Emyr aus ihrer Mitte, ein anderer aus jener der 
Koraishiten und der Mohägirs gewählt werden solle ; letztere 
aber wollten von einer solchen Zweitheilung der Herrschaft 
nichts wissen. Da entschied der rasche, feurige Omar das 
Schicksal des Tages, indem er Abu Bakr's Hand erfasste 
und ihm den Handschlag gab, der das Zeichen der Chalifen- 
wähl und der Huldigung bis in die spätesten Zeiten geblieben 
ist. Omar's Vorgang hatte eine zündende Wirkung, er riss 
die Mehrzahl der Anwesenden mit, sie folgten seinem Bei- 
spiele und wählten Abu Bakr als Stellvertreter des Propheten. *) 

Erst am nächsten Tage ging die allgemeine Wahl durch 
die gesammte Bevölkerung vor sich. 2) Aber eine nicht un- 
beträchtliche Anzahl einflussreicher Männer wie Aly, der 
Schwiegersohn Mohammed's, dann alle Häshimiden, Zobair 
Ibn 'Awwam, Chälid Ibn Sa^yd (Ibn *Asy) und Sa'd Ibn 
*Obäda, der Führer der Ansars, enthielten sich der Wahl. 3) 

So war denn der erste Wahlakt vollzogen worden und 
hiemit ein fiir die ganze fernere Geschichte des Chalifates 



«) Ueber Abu Bakr's Wabl vgl. Bochäry 3613 , über die Eifersucht 
der Ans&rs geg«n die Koraishiten Bochftry 1957, 2214 (7). 

2) Ibn Ifhak in Wüstenfeld's Uebersetzung II. p. 352. 

3) Osod algh&bah III. p. 222. Aly hielt sich als Schwiegersohn 
Mohammed^s für mehr berechtigt als jeder andere, dessen Erbschaft anzu- 
treten und sein Weib Fätima bestärkte ihn in dieser Ansicht (Boch&ry: 
Kit&b almagh&zy; ghazwat Chaibar). Unter dem Namen H&shimiden sind 
die nächsten Blutaverwandten Mohammed^s zu verstehen. H&shim war 
nämlich Mohammed*8 Urgrossvater. 



8 !• Di« Entstehung des ChAlifkts. 

überaus wichtiger Präcedenzfall geschaffen, indem die freie 
Wahl durch die versammelte Gemeinde und deren Bestäti- 
gung- durch die allgemeine Huldigung als staatsrechtliches 
Princip aufgestellt worden war. Allerding« war man in jener 
Zeit fern davon, an Theorien und Rechtsgrundsätze zu denken; 
niemand beabsichtigte hiemit eine feste Norm flir alle Zeiten 
zu schaffen. Man gab sich einfach der Leitung der aus dem 
Alterthume ererbten Anschauungen und Gewohnheiten hin. 
Denn schon vor Mohammed gingen die arabischen Stämme 
bei der Wahl ihrer Häuptlinge und Anführer von ähnlichen 
Grundsätzen aus. Allein eben weil hierin nichts Festes und 
Bleibendes war, entsprang später aus dem Widerstreite der 
Idee von der Fürsten wähl durch das Volk mit dem Erbrechte 
und dem Senioratsprincip , nach welchem der älteste der 
herrschenden Familie als zur Thronfolge berufen betrachtet 
ward, eine endlose Reihe von Erbfolgestreiten. 

Abu Bakr, der Nachfolger und Stellvertreter des Pro- 
pheten in der obersten Leitung der mohammedanischen Ge- 
meinde, war ein schlichter Mann der alten arabischen Sitte 
und er änderte sich in nichts, als er zum Chalifen gewählt 
worden war. Er wohnte wie früher in einer kleinen Ort>- 
Schaft namens Sonh, ausser der Stadt, wo er mit seiner 
Gattin Habyba unter einem Zelte von Kameelzeug hauste, 
so einfach und anspruchslos wie ein Beduinenscheich. Sieben 
Monate nach seiner Wahl lebte er so; des Morgens legte 
er zu Fuss oder zu Pferd den Weg in die Stadt zuiück, 
wo er schon vor Tagesanbruch eintraf, um dem Frühgebete 
vorstehen zu können. Abends kehrte er in derselben Weise 
zurück. ^) Später übersiedelte er in die Stadt , sein Haus- 
halt blieb aber immer ebenso anspruchslos: er hatte einen 
einzigen Sklaven, der, wenn er mit der Hausarbeit fertig 
war, sich damit befasste, den Gläubigen die Säbelklingen 
zu schleifen und als Schwertfeger sich nützlich zu machen. 



1) Osod alghftbah III. p. 219. 



I. Die EntetehiiDg des Cluüifats. 9 

Eine Staatsdotation bezog der Chalife nicht, und in der 
ersten Zeit seiner Regierung war auch das Einkommen des 
Staates gleich Null. Denn kaum hatte sich die Nachricht 
von Mohammed's Tode verbreitet, so entstand eine allge- 
meine Gährung, die meisten Araberstämme fielen ab, die 
entlegenen Provinzen schüttelten das Joch ab und in Mekka 
selbst regte sich die alte heidnische Partei. Allein jetzt 
erst, in dieser so gefahrvollen Lage zeigte es sich, wie 
klug Mohammed gehandelt hatte, da er nach Einnahme von 
Mekka seine einflussreichen Stammgenossen, die hervor- 
ragendsten Männer der Koraishiten, welche den Islam nur 
angenommen hatten, um ihr Leben zu retten, mit Geschenken 
förmlich überschüttet und, wie der officielle Koranausdruck 
lautet, „ihre Herzen besänftigt" hatte. Die Araber sind ein 
geldgieriges Volk; indem er die massgebenden Mekkaner 
bereicherte, machte er ihnen am wirksamsten klar, welcher 
Vortheil es für sie sei, einen Propheten zum Vetter zu haben. 
So kam es denn, dass die antiislamische Bewegung in Mekka 
im Sande verrann. Der alte Abu Kohäfa, des Chalifen Vater, 
der in Mekka sicher viel Einfluss besass, mag auch nicht 
wenig dazu beigetragen haben, die Autorität seines Sohnes 
zur vollen Anerkennung zu bringen und seinen mekkanischen 
Landsleuten die Vortheile begreiflich zu machen, die ihnen 
hieraus erwachsen müssten. >) So ist es erklärlich, dass die 
Bewegung in Mekka missglückte, und die Autorität des 
Chalifen auch hier schnell zur vollen Anerkennung kam. 
Die Beduinenstämme des umliegenden Gebietes von Mekka 
und Medyna waren, wie alle Hig^zstämme, in Folge des 
dürren Bodens stets arm und dürftig, sie befanden sich daher 
in einer starken Abhängigkeit von den beiden heiligen 
Städten. Nur die grossen sesshaften , Ackerbau treibenden 
Stämme von Centralarabien , sowie die den östlichen und 
südlichen Landstrich der arabischen Halbinsel bewohnenden 



Osod alghabah TIT. p. 223. 



10 I- DiA Enttttehiing de« ChalifaU. 

Stämme wareu reich und mächtig^: sie benutzten denn auch 
die Gelegenheit; um sich der Bezahlung der von Mohammed 
eingeführten lästigen Armentaxe (Zehent) zu entledigen, die 
sie als eine Demüthigung betrachteten. Die beiden Gegen- 
propheten Mosailima und Tolaiha, an der Spitze der ihnen 
ergebenen Stämme, erklärten sich offen gr^gen Abu Bakr. 
In Jemen, Hadramaut, Mahra und *Omän, zum Theile auch 
in Bahrain, folgte die Bevölkerung diesem Beispiele, verjagte 
überall Mohammed's Steuereinnehmer und seine Missionäre. 
Aber der Widerstand der unter sich uneinigen und nicht 
planmässig zusammenwirkenden Stämme gegen den festen, 
unerschütterlichen Willen Abu Bakr's musste erfolglos 
bleiben. 

Das Grösste, was Mohammed geleistet hatte, das Geheim- 
nis8 der Macht des Islams lag in der festen Disciplin, in 
dem unbedijigten Gehorsam, welchen er d«n Seinen einzu- 
flössen wusste. Das gemeinsame, täglich fünfmal zu ver- 
richtende Gebet, wo der Vorbeter vor der in enggeschlosse- 
nen Reihen hinter ihm geordneten Gemeinde steht, und jede 
seiner Bewegungen von all den Hunderten in der Moschee 
versammelten Gläubigen mit militärischer Genauigkeit nach- 
geahmt wird, vertrat in jener Zeit bei den Moslimen das, 
was jetzt der Exercierplatz ist: eine Schule, wo das Volk 
sich sammeln, in Massen bewegen und dem Commando 
folgen lernte. Auch war Abu Bakr ganz der Mann, diesen 
Vortheil vollständig auszunützen. Von jeher war er ein reli- 
giöser Schwärmer gewesen, der seiner Innern Ueberzeugung 
jedes Opfer zu bringen bereit war. ^) Mit dem vorgeschritte- 
nen Alter scheint sich diese angeborne Zähigkeit des Cha- 
rakters zu einem unerschütterlichen Eigensinn gesteigert zu 
haben. Die Verhältnisse mochten noch so ungünstig sein, 
die Lage noch so verzweifelt scheinen, er hielt fest an dem, 
was er für das Richtige erkannt hatte. Aber im politischen 

1) Vgl. Geschichte der herrschenden Ideen des Islams p. 321, 457. 



I. Die Entetehang des Chalifati. 11 

Leben ist Festigkeit, selbst im Irrthum, oft besser als 
Schwanken und Zaudern im Rechten. 

Einen Beweis solchen Starrsinns gab er gleich bei 
seinem Regierungsantritt. Mohammed hatte kurz vor seinem 
Hinscheiden einen Streifzug in das byzantinische Grebiet an- 
geordnet, eine Truppenabtheilung zusammengezogen und aus- 
gerüstet, die gegen Norden abgehen sollte. Zum Befehls- 
haber hatte er den Osärma, den Sohn seines Freigelassenen 
und Adoptivsohnes Zaid, ernannt. Als der Prophet starb, 
riethen viele, darunter auch Omar, diese Truppen nicht ab- 
gehen zu lassen, da man ihrer leicht gegen die inneren 
Feinde bedürfen könnte. Allein Abu Bakr weigerte sich, 
einen Befehl rückgängig zu machen, den der Prophet ge- 
geben hatte. So ging denn die Expedition ab; sie hatte 
eine Gesammtstärke von 3000 Mann, wovon 1000 beritten 
waren. ^) Die Unternehmimg war nichts anderes als ein ein- 
facher Raubzug, der vollständig gelang; die im Norden 
Medyna's hausenden Beduinenstämme einschüchterte, mit 
reicher Beute an Heerden heimkehrte und den Muth der 
Bevölkerung von Medyna ebenso hob , wie jenen der auf- 
ständischen Stämme erschütterte. 

Nicht weniger fest und unerschrocken trat der Chalife 
den centralarabischen Stämmen entgegen. Sie Hessen ihm 
sagen, dass sie zwar dem Islam treu bleiben wollten, aber 
nur, wenn er die Entrichtung der Armentaxe ihnen nach- 
sehe. Ungeachtet der damals sehr bedenklichen Lage und 
trotz des kleinmüthigen Einrathens zur Nachgiebigkeit seitens 
vieler der angesehensten Männer antwortete der Chalife mit 
folgender Alternative: Unbedingte Unterwerfung auf Gnade 
und Ungnade — oder Krieg bis zur Vernichtung. 2) Und 
der Erfolg gab ihm vollkommen recht, so dass einer der 
bedeutendsten Männer jener Zeit (Abdallah Ibn Mas'ud) 



W&kidj bei Ibn *AB&kir fol. 47. 
3} BaUdory p. 94. 



12 I- Die EnUtehoa; des Chalifats. 

den Ausspruch thun konnte : Nach dem Tode des Propheten 
befanden wir uns in einer Lage, welche uns dein Unter- 
gange nahe brachte, wenn Gott uns nicht mit Abu Bakr 
gestärkt hätte. In der That wollten alle lieber einen faulen 
Frieden abschliessen , nur Abu Bakr allein blieb uner- 
schütterlich. *) 

So einfach der Chalife in seinem Privatleben war, 
ebenso patriarchalisch war sein öffentliches Auftreten, und 
auch seine staatlichen Einrichtungen trugen denselben Cha- 
rakter. Das Einkommen des Staates bestand zum grössten 
Theil aus dem gesetzlichen Fünftel der Kriegsbeute, dann 
aus der Armentaxe (zakaht, oder sadakah), welche von allen 
bemittelten Moslimen zu entrichten war, und dem Zehent, 
der von den Gründen, oder richtiger den Bodenerzeiignissen 
abgeliefert werden musste. Zur Zeit Mohammed 's und Abu 
Bakr's wurde nur noch die Viehzucht besteuert. 

Diese Steuern flössen in der ältesten Zeit vermuthlich 
vorzüglich in natura ein, also in Kameelen, Pferden, Ziegen, 
Datteln, Feldfrüchten u. s. w. 

Im Zusammenhange mit diesem sehr einfachen Steuei- 
wesen stand ein eigenthümliches, schon unter Abu Bakr zur 
Anwendung kommendes und durch Omar weiter ausge- 
bildetes System der Vertheilung des Gesammteinkommens 
des Staates, nach Abzug der Kosten für die Kriegführung 
und Truppenausrüstung, an sämmtliche Mitglieder der mo- 
hammedanischen Staatsgemeinde. Es scheint dies nur eine 
Fortentwicklung der schon von Mohammed selbst einge- 
schlagenen socialistischen Richtung zu sein. Im Anfang 
mögen sich diese Vertheilungen , die bald den Charakter 
fixer Jahresdotationen annahmen, vorzüglich auf die Be- 



i) Bochäry 923; Tradition von Abu Horaira: Abu Bakr sprach: 
Wenn sie mir eine 'Anäk (d. i. eine zweijfihrige Ziege) verweigern , die 
sie (als Ai*mentaxe) an den Propheten abzuführen pflegten, so eröffne ich 
dieser Weigerung halber den Kampf gegen sie. — Statt 'Anäk findet sich 
die Lesart 'ikäl, vgl. Balftdory p. 94 ; die erstere ist jedenfalls vorzuziehen. 



I. Die Entstehung des Chalifats. 13 

wohner der beiden heiligten Städte und die mit ihnen ver- 
bündeten Stämme erstreckt haben, später erhielt aber dieses 
Princip eine allgemeine Tragweite und ward besonders von 
dem ganz dieselben Endziele verfolgenden zweiten Cha- 
lifen Omar I. zum Staatsgesetze erhoben, obgleich es auch 
damals kaum vollständig zur Anwendung kam. Im Anfange 
der Regierung Abu Bakr's war der Betrag der Jahresdo- 
tation noch sehr gering, denn Aufstände in Arabien, welche 
alle in der Weigerung die Armentaxe abzuführen ihren 
Grund hatten, schmälerten das Staatseinkommen. Im ersten 
Jahre kamen auf den Kopf 10, im zweiten 20 Dirham, 
Männer, Kinder und selbst Sklaven erhielten denselben 
Antheil. >) 

Seine eigenen Auslagen bestritt der Chalife aus dem t 
Einkommen eines kleinen Gutes, und als dies nicht aus- 
reichte, entlehnte er dem Staatsschatze 6000 Dirham, deren ' 
Zurückerstattung er auf dem Sterbebette seiner Familie 
besonders anempfahl. 

Die Schatzkammer befand sich in dem schon früher 
genannten Orte Sonh , im oberen Theile von Medyna,. wo 
Abu Bakr anfangs wohnte. Als er aber in die Stadt zog, 
nahm er den Schatz in seine neue Wohnung mit. Nach 
Unterwerfung der aufständischen Stämme liefen ansehnliche 
Beträge ein und Abu Bakr pflegte die Gelder gruppenweise 
an je hundert Mann zu vertheilen. Auch kaufte er Kameele, 
Pferde und Kriegsausrüstung oder Kleidungsstücke, die er 
an die Armen vertheilte. Nach seinem Tode fand man die 
Kasse leer. Ein Goldwäger, dessen er sich bedient hatte, 
gab die Summe, welche während seiner Regierung einge- 
laufen sein sollte, auf 200.000 Dirham an. 2) 

Nur kurze Zeit — etwas über zwei Jahre — vermochte 
der vielgepmfte Greis den Sorgen und Aufregungen seiner 

1) Alles nach Ibn Sa^d 1)ei Sprenger: Das Leben und die Lehre des 
Mobammf-d L p, 409. 

2) Sprenger I. p. UO. 



14 I- Die Entatehiittg des Chalifatn. 

neuen Stellung zu widerstehen. Die Wahl seines Nachfolgers 
Omar ging aber schon in viel ruhigerer Weise vor sich, 
denn der sterbende Chalife bezeichnete ihn selbst, und ver- 
sicherte sich im voraus der Zustimmung der massgebenden 
und einflussreichsten Männer der Ans4rs und Mohägirs, 
so dass die allgemeine Wahl und Huldigung ohne Anstand 
sich vollzog. *) 

Das Staatswesen ward somit keiner neuen Erschütte- 
rung ausgesetzt und die Uebertragung der höchsten Gewalt 
erfolgte ohne irgend einen Anstand. Vergessen dürfen wir 
hiebei allerdings nicht, dass das Senioratsprincip auch hier 
den Ausschlag gab, denn Omar war nach Abu Bakr der 
Aelteste der Familie des Propheten, und zugleich, wie jener, 
dessen Schwiegei'vater. 

Auch der zweite Chalife blieb den patnarchalischen 
Gewohnheiten der altarabischen Sitteneinfalt treu. Ein 
Augenzeuge erzählt Folgendes: „An einem sehr heissen 
Sommertage befand ich mich mit 'Osman auf einem Gute 
dieses letzteren bei Medyna, da sahen wir in einiger Ent- 
fernung einen Mann kommen, welcher zwei Kameelfiillen 
vor sich hertrieb. Die Hitze aber war so gross, dass die 
Erde von einer Staubkruste bedeckt war. Wir wunderten 
uns sehr, dass bei solcher Sonnengluth jemand sich ins 
Freie wage. Aber als der Mann näher kam, erkannten wir 
zu unserm !^'staunen in ihm den Chalifen Omar. Da stand 
'Osmän auf und steckte den Kopf aus seinem schattigen 
Platze hinaus in die Sonne, zog ihn aber schnell wieder 
zurück, denn der Gluthwind that ihm zu wehe. Als Omar 
herankam, frug ihn *Osmän, wesshalb er denn bei dieser 
furchtbaren Hitze sich ins Freie wage. Omar antwortete, 
die beiden Kameelfüllen gehörten zu den als Steuer einge- 
lieferten Thieren und er wolle sie selbst auf die Staatsweide- 
gründe treiben, damit sie sich nicht verliefen." 2) — Auf 

*) Osod algh&bah sub voce Omar IV. p. 69. 
2) Osod alghäbah IV. p. 71. 



I. Die Entstehung des Chalifitts. 15 

der Pilgerfahrt von Medina nach Mekka und zurück gab 
er nicht mehr als 80 Dirham ^) aus und machte sich trotzdem 
noch Vorwürfe darüber, dass er die Staatsgelder allzusehr 
in Anspruch nehme. 2) Er hatte nicht einmal ein Zelt mit, 
sondern man breitete einen Mantel über eine Staude oder 
einen Baum, und im Schatten ruhte der Chalife. 

Die politische und organisatorische Thätigkeit dieses 
merkwürdigen Mannes werden wir später genauer kennen 
lernen. Er war der eigentliche Gründer aller jener Einrich- 
tungen, die durch Jahrhunderte hinaus das Chalifat zur 
herrschenden Weltmacht erhoben. Nun aber müssen wir 
di üebertragung der Souveränitätsrechte auf seine Nach- 
folger schon hier besprechen, wenn wir uns eine richtige 
Vorstellung von der Art und Weise machen wollen, wie die 
Staatsidee in jener Zeit aufgefasst ward, wie die Souveräni- 
tätsrechte übertragen wurden und welchen Einfluss das Volk 
hierauf nahm. Denn schon aus dem bisher Gesagten ist es 
wohl jedem klar geworden, wie sehr die Araber auch hierin 
von andern asiatischen Völkern sich unterschieden, wie 
energisch eben in den ersten Zeiten das Selbstbestimmungs- 
recht des Volkes sich geltend zu machen strebte, und wie 
die Idee des Erbkönigthums ihnen vollkommen fremd 
war. Sie wählten ihre Chalifen gerade so wie früher ihre 
Stammeshäuptlinge, und zögerten auch nie, sie ihrer Würde 
zu entsetzen, sobald sie glaubten, hiezu genügenden Grund 
zu haben. 

Omar war bei dem Gebete in der Moschee von einem 
persischen Sklaven, der an dem Unterdrücker seiner Nation 
Rache üben wollte, tödtlich verwundet worden. Aber der 



1) Ein Dirham ist ungefähr im Werthe gleich einem Franc. Anfangs 
waren 10, später 12 und noch später 15 Dirham gleich einem Goldstück, 
Djnar, dessen Goldwerth etwas über 13 Francs beträgt. In diesem Yer- 
hXUnisse wechselte auch der Werth des Dirham. 

2) Osod alghAbah IV. p. 72. 



16 I- Die EnttftehiiDg des ChalifaU. 

Tod erfolgte nicht unmittelbar; und bei voller Besinnung 
konnte er seine letzten Verfiigungen treffen. Er bestimmte 
einen Regentschaftsrath ^ zusammengesetzt aus den ange- 
sehensten Gefährten des Propheten, nämlich: Aly, *Osman, 
Zobair, Talha, Sa'd und Abdalrahman Ibn 'Auf, denen er 
als siebenten seinen Sohn Abdalrahman beigesellte. Doch 
ordnete er ausdrücklich an, dass dieser nur an den Be- 
i*athungen theilnehmen sollte, wohl hauptsächlich um bei 
Stimmengleichheit den Ausschlag zu geben, ohne aber selbst 
als Bewerber für die erledigte Chalifenwürde aufzutreten. 

Man ersieht hieraus sehr deutlich, wie ferne jener Zeit 
der Gedanke an eine erbliche Monarchie lag: Omar schloss 
seinen eigenen Sohn von der Nachfolge aus. Die Haupt- 
aufgabe dieser Regentschaft bestand wohl darin, sich über 
die Person des neuen Chalifen zu einigen. Zugleich mit 
diesen Anordnungen sprach Omar sich aber auch über die 
Grundsätze aus, nach welchen fortan die oberste Staatsge- 
walt vorgehen sollte. „Meinem Nachfolger", sagte er, „em- 
pfehle ich die ersten Fluchtgenossen (Mohägir) zu achten, 
ihr Ansehen zu wahren; dann aber lege ich ihm ans Herz 
die Ansärs, welche Medyna und die Religion sich erkoren 
haben; möge er ihre Verdienste anerkennen und ihre Ver- 
gehen nachsehen. Ich empfehle ihm noch besonders die 
Bewohner der militärischen Standlager, denn sie sind die 
Hauptstütze des Islams, sie sind die Einsammler der Steuer- 
gelder, sie sind der Zorn der Feinde, von ihnen soll keine 
andere Auflage eingetrieben w^erden als das, was sie leicht 
zu entrichten im Stande sind und bereitwillig hergeben; 
dann empfehle ich ihm noch die Beduinen, denn sie sind 
die Wurzel der Araber und der Kern des Islams; es soll 
von ihren Heerden (die Armen taxe) nach Billigkeit einge- 
hoben und unter ihre armen Leute veii;heilt werden ; endlich 
empfehle ich ihm um Gottes und des Propheten Willen, 
dass er die mit den Ungläubigen abgeschlossenen Vorträge 
genau einhalte, und die noch nicht Unterworfenen bekriege. 



I. Die Entstehung des Chalifats. 17 

\ 

sowie dass er sie nicht über Macht belaste (d. i. die unter- 
worfenen Völker ^). 

Die altarabische Idee von der Nothwendigkeit eines 
Stammeshäuptlings siegte über die Selbstsucht der Mitglieder 
des Regentschaftsrathes und nach einer Reihe von Partei- 
kämpfen ging in Folge gegenseitiger Zugeständnisse *Osman, 
Mohammed's Tochtermann, aus der Wahl hervor als Chalife. 
Die Senioratsidee hatte zweifellos viel hinzu beigetragen, 
namentlich um den ehrgeizigen Aly zur Nachgiebigkeit zu 
bestimmen, der sonst unbedingt und mit gutem Recht als 
der nächste Anverwandte des Propheten auf die Herr- 
schaft hätte den Anspruch erheben können. So trat er 
gegen den beträchtlich älteren 'Osmän zurück. Mit ihm 
kam aber eine Partei zur Gewalt, die bisher in die Staats- 
geschäfte nicht hatte eingreifen können. Es war dies die 
Sippe der alten mekkanischen Patriciergeschlechter, die erst 
im letzten Augenblicke dem Propheten gehuldigt und den 
Islam angenomme;i hatten. 

Die alten Gefährten Mohammed's aber, und die ganze 
unter ihrem Einflüsse stehende Bevölkerung von Medyna, 
fühlten sich hiedurch nicht blos verletzt, sondern besorgten 
auch, ihrer Machtstellung gänzlich verlustig zu werden. 
'Osmän beging auch andere Unklugheiten und so stieg die 
Erbitterung, bis endlich eine von den Ansärs geforderte 
Verschwörung einen Aufstand und die Ermordung des 
greisen Chalifen zur Folge hatte. Aly ward nun gewählt 
und erreichte somit endlich das Ziel seines Ehrgeizes. Aber 
die massgebenden Ansärs selbst, namentlich alle Mitglieder 
des von Omar ernannten Regentschaftsrathes, deren mehrere 
das Chalifat für sich erstreben wollten, sahen sich hiedurch 
enttäuscht und die Eifersucht der mekkanischen Aristokratie 
gegen die Hegemonie der Ansärs und Mohagirs, oder kürzer 
gefasst, die Rivalität Mekka' s, des Sitzes der altheidnischen 



») Bochäry 2082. 
T Krem er, CvUiirgeschichte des Orients. 



18 I. Die Entstehung de« Chalifats. 

Ideen, gegen das puritanische Medyna, das von Mohammed 
zur Hauptstadt des Chalifenreiches erhoben worden war, 
während es früher ein unbedeutendes Landstädtchen ge- 
wesen, riefen kurz nach der Wahl Aly's Erhebimgen hei'vor, 
die zu einem langjährigen und blutigen Bürgerkriege führten. 

Aly ward unmittelbar nach der Ermordung 'Osmäns 
von der grossen Menge zum Chalifen ausgerufen. Anfangs 
soll er allerdings sich gesträubt und eingewendet haben, dass 
das Recht, den Chalifen zu wählen, vor allen den alten Mos- 
limen, die in der Schlacht von Badr gekämpft hatten, zu- 
komme, und dass nur der als rechtmässig gewählt zu be- 
trachten sei, für den sie sich entschieden, aber alle drangen 
in ihn, die Hand auszustrecken, um den Handschlag zu 
empfangen, der als Zeichen der Wahl und Huldigung galt. 
Diesem allgemeinen Andrängen gegenüber konnten auch 
die Mitbewerber, besonders Talha und Zobair, keinen Wider- 
stand leisten, und als Aly sich in die Moschee begab, um, 
wie dies der neue Chalife thun musste, von der Kanzel 
herab die Antrittspredigt an das Volk zu halten, huldigten 
auch sie , dann alle anderen Ansärs. ') Allein die beiden 
Erstgenannten eilten möglichst bald Medyna zu verlassen, 
trafen in Mekka mit andern Unzufriedenen zusammen, wor- 
unter die dem Aly sehr feindlich gesinnte *Aisha, Moham- 
med's Wittwe, an erster Stelle zu nennen ist, imd riefen 
gegen den neuen Fürsten, den sie der Mitschuld an der 
Ermordung ^Osmäns anklagten, eine Bewegung hervor, die 
dadurch höchst gefährlich ward, dass Mo'awija, der Statt- 
halter von Syrien, sich ihr anschloss und unter dem Vor- 
geben, die Ermordung *Osmäns zu rächen, von der Regie- 
rung in Medyna sich lossagte und Aly's Wahl für ungültig 
erklärte. 

In dem nun folgenden blutigen Kriege blieb Mo*äwija 
Sieger, indem Aly imter der Hand eines Meuchelmörders 



Tradition von Zohry: Osod alghäbah IV. p. 81, 32. 



I. Die Entstehung des Chalifats. 19 

fiel, sein Sohn Hasan aber, den seine Anhänger zum Chalifen 
wählten, schwach und kleinmüthig auf den Thron und die 
Herrschaft verzichtete und die Souveränität auf Mo'äwija 
übertrug, so dass nun wieder das Chalifat in einer Hand 
ruhte; aber dessen Sitz und Hauptstadt war nicht mehr 
Medyna, sondern Damascus. Hiemit schliesst das eigentliche 
patriarchalische Chalifat und beginnt die zweite Epoche, in 
welcher die mekkanische Aristokratie die höchste Gewalt 
an sich reisst und das weite Reich in der Art beherrscht, 
wie eben ein altarabischer Häuptling eines mächtigen 
Stammes dieser Aufgabe entsprochen haben würde. Mit 
dem Falle der Omajjadendynastie und der Uebertragung 
der obersten Leitung des Staates von Damascus nach Bag- 
dad endet die rein arabische Epoche des Chalifates und tritt 
an deren Stelle die letzte Periode des wachsenden fremden, 
vorzüglich persischen Einflusses, welche mit dem Sturze des 
Chalifates durch die Mongolen ihren Abschluss findet. 

Wenn wir die Entstehung und Uebertragung der 
Souveränität bei den Arabern hier so ausführlich zu schil- 
dern uns erlaubten , so glauben war zur Rechtfertigung 
unseres Vorganges einige Worte sagen zu sollen. Keine 
Institution hat für die Entwicklung der Menschheit, für die 
Fortschritte der Cultur eine grössere Bedeutung als die der 
Souveränität : der in der Person eines obersten Lenkers des 
Staates verkörperten Staatsgewalt. 

Bei den Arabern nun ist es am deutlichsten zu er- 
kennen, wie enge und unzertrennlich in der Auffassung des 
Orients die Idee der Souveränität mit jener der höchsten 
religiösen Würde, dem Hohepriesteramte verkettet ist. Es 
war schon im Alterthum allgemein die Ansicht vorherrschend, 
dass das Königthum nicht blos einen weltlichen, sondern 
auch einen wesentlich religiösen Charakter habe. Bei äen 
Kömern und Griechen hatte der König priesterliche Hand- 
lungen zu verrichten. Und selbst dort, wo ein mächtig ent- 
wickeltes Priesterthum eifersüchtig seine Rechte wahrte, er- 

2* 



20 I- I>i« EntstebQDg des Chalifata. 

hielt der König durch die besondere Anerkennung seitens 
der Priesterschaft, wie in Indien, oder durch die priester- 
liche Weihe und Salbung mit dem heiligen Oele, wie in 
Israel und in Aegypten, eine höhere Bestätigung. 
T Ebenso zeigte die Chalifenwürde, wenigstens im Anbe- 

\ ginn, einen viel mehr religiösen als weltlichen Charakter. 
Der Titel, welchen sich der erste Chalife beilegte, war „Stell- 
vertreter des Gesandten Gottes". Staat und Religion waren 
dem echt semitischen Geiste der Araber zufolge identische 
Begriffe, so dass sie sich keine Vorstellung eines nicht 
mit der höchsten priesterlichen Vollmacht bekleideten 
Fürsten machen konnten. Desshalb nannten sich die ersten 
Nachfolger Mohammed 's Chalifen und erst später kam der 
gleichfalls die religiöse Bedeutung zum Ausdruck bringende 
Titel „Fürst der Gläubigen" in den Gebrauch. 

Bezeichnend aber ist es jedenfalls, dass, um den Be- 
griff „Souverän" oder „Staatsoberhaupt" auszudrücken, die 
Araber desselben Wortes (imäm) sich bedienen, welches ur- 
sprünglich zui" Benennung des Vorbeters bei dem öffent- 
lichen Gottesdienste in der Moschee angewendet ward. 

So ging die Souveränität, die Herrschei'würde , die 
früher den nordarajbischen Stämmen gänzlich fremd ge- 
blieben war, aus der religiösen Idee hervor und schien der 
arabische Staat eine verjüngte Auflage der althebräischen 
Theokratie zu sein. Allerdings ist es auch kaum denkbar, 
wie bei einem so überaus unruhigen und jeder Herrschaft 
abgeneig-ten Volke sich die persönliche Souveränität, das 
monarchische Princip, auf anderm Wege hätte ausbilden und 
befestigen können. Die innere Noth wendigkeit machte aus 
dem losen Bunde der nordarabischen Stämme eine nach 
aussen scharf abgeschlossene und nach innen streng discipli- 
nirte Köi'perschaft. Die monarchische Spitze war hiebei ein 
Gebot der Selbsterhaltung für das im Kampfe mit allen 
Nachbarvölkern befindliche, neu erstandene Staatswesen des 
Islams. Sehr beachtenswerth ist es aber, dass jene arabischen 



\ 



I. Die Entstehung des Chalifats. 21 

Denker, die über die Ehtstehung des Königthums philo- 
sophische Untersuchungen anstellten, dasselbe durchwegs als 
eine zur Aufrechthaltung der gesellschaftlichen Ordnung un- 
umgänglich nothwendige Einrfchtung bezeichnen. Das König- 
thum ist nach ihrer Ansicht desshalb auch eine unentbehr- 
liche Vorbedingung der Cultur und mit vollem Rechte 
nehmen sie keinen Anstand, zu erklären, selbst ein unge- 
rechtes, gewaltthätiges Königthum sei besser als eine unge- 
zügelte Freiheit; denn: „ein ungerechtes Königthum durch |j 
vierzig Jahre ist besser als eine Stunde der Anarchie." •) 

Eine einzige Verirrung brachte die Araber um alle 
Vortheile ihrer so fest begründeten monarchischen Auffassung. 
Sie konnten das Selbstbestimmungsrecht des Volkes nicht 
versöhnen mit der Monarchie und hielten fest an dem durch 
nichts geregelten allgemeinen Wahlrechte. Desshalb blieben 
sie bei einem Wahlreiche stehen, das, wie überall so auch 
hier, die verderblichsten Wirkungen nur zu bald fühlbar 
machte. 



I 



1) Tartushy: Sir&g almoluk fol. 50. 



n. 



Das stadtische Leben. 



Je primitiver die politischen Verhältnisse jener. Zeiten 
nach den eben gegebenen Schilderungen zu sein scheinen, 
desto nothwendiger ist es, schon jetzt darauf aufmerksam zu 
machen, dass es sehr irrig wäre, nach demselben Massstabe 
die Culturstufe der Bevölkerung der beiden tonangebenden 
nordarabischen Städte zu beurtheilen. Mekka war seit einem 
hohen Alterthume der Sitz eines gemeinsamen Heiligthums 
der nordarabischen Stämme, die in jährlichen Wallfahrten 
sich hier im heiligen Temp'el begegneten. Gewisse mekka- 
nische Familien hatten durch ihre mit dem Tempeldienste 
und den Wallfahrtsceremonien verbundenen althergebrachten 
Vorrechte nicht blos Ansehen, sondern auch Reichthum er- 
worben und es w^ar eine Art Patriciervcrfassung allmälig 
entstanden, welche ein festes Gemeinwesen begründet und 
dieser Stadt ein grosses politisches Uebergewicht über die 
benachbarten Stämme verschafft hatte. Es führte eine Haupt- 
strasse des Handels von Südarabien herauf über Mekka und 
Medyna nach Syrien und Aegypten. Der Handel ist aber 
ein goldführender Strom, und wo er seine Wogen durch- 
wälzt, da bleibt ein mehr oder minder ergiebiger Absatz des 
kostbaren Metalles liegen, der durch der Menschen Arbeit 
und Unternehmungsgeist fruchtbar verwendet, schnell eine 
zehn- und hundertfache Ernte gewährt. Und dies verstand 
die gewinnsüchtige und betriebsame Bevölkerung von Mekka 



If. Das st&dtische Leben. 23 

im vollsten Masse. Die Vereinigung einer grösseren Menschen- 
menge in einem festen Wohnsitze, die wenn auch einfache 
Verfassung des Gemeinwesens, bot immer ein in jenen 
Zeiten unschätzbares Gut : Sicherheit der Personen und des 
Eigenthums. Die Häuptlinge der ansehnlichsten in Mekka 
angesiedelten Familien standen hiefiir gemeinsam ein. Es 
wird ein Fall erzählt, wo eben wegen einer Unbill, die einem 
nach Mekka gekommenen südarabischen Kaufmann wieder- 
fahren war, die Aeltesten der Stadt ein feierliches Bündniss ein- 
gingen, jedem ungerecht Misshandelten Hilfe und Schutz zu 
gewähren. Und von dem Zeitpunkte, wo diese Eidgenossen- 
schaft ins Leben trat, erfreute sich auch der Fremde auf 
dem Gebiete von Mekka der vollen Sicherheit der Person 
und des Eigenthums. Es ist nicht schwer, die Bedeutung 
einer solchen Massregel zu ermessen in einer Zeit und einem 
Lande, wo kein anderes Recht als das des Stärkeren Gel- 
tung hatte und die Beraubung der Karawanen als ehren- 
voller Lebenserwerb betrachtet ward. 

Ein Rathhaus, das unmittelbar neben dem Tempel 
stand, diente schon lange vor Mohammed als Sammelplatz 
der Häupter der Stadt, hier wurden fremde Gäste, Gesandte, 
Verbündete auf öflfentliche Kosten aufgenommen und ver- 
pflegt und von hier aus zogen die Handelskarawanen fort 
auf die Reise, hier machten sie Halt, wenn sie aus der 
Fremde wieder in die Vaterstadt zurückkehrten. Hier in 
dieser Stadthalle wurden die Heirathen abgeschlossen und 
fanden die wichtigsten Handlungen des öffentlichen und 
bürgerlichen Lebens statt. Daselbst pflog man die Be- 
rathung der städtischen Angelegenheiten, wirkliche Volksver- 
sammlungen im Sinne der antiken Stadtverfassungen, woran 
sich alle Mitglieder der patricischen Geschlechter betheiligen 
konnten, wenn sie ein gewisses Alter erreicht hatten.^) So 
bot Mekka zu jener Zeit das Bild einer kleinen Handels- 



*) CauMin de Perceyal: Essai sur Thistoire des Arabes L p. 237. 



\ 



24 II- Das st&dtische Laben. 

republik, an deren Spitze eine Anzahl edler Geschlechter 
standen , die neben ihren kaufmännischen Unternehmungen 
auch besonders durch die praktische Ausbeutung des Tempel- 
dienstes und der Wallfahrt ihr Ansehen und ihre Reich- 
thümer vermehrten. Die unter mehrere der hervorragendsten 
Familien getheilten Ehrenämter waren verschiedenartig; am 
angesehensten war die Würde des Tempelhüters, der die 
Aufsicht über das ganze Gebäude hatte und dem auch die 
Aufgabe zukam, w^enn man im Tempel nach altarabischer 
Sitte die Pfeile zum Loosen benützte, dieselben zu ziehen; 
hiemit war das Amt eines Säckelmeisters verbunden, der für 
die Verpflegung der Pilger zu sorgen hatte, ebenso bestand 
ein weiteres Ehrenamt fiir die Wasserversorgung derselben ; 
hieran knüpften sich noch andere Vorrechte ritueller Natur, 
z. B. das Recht, den Pilgern, die nach altarabischer Sitte 
bei der siebenmaligen Umwandlung um die Kaaba aller 
Kleider sich entledigen mussten, KUeider auszuleihen, welches 
Vorrecht ausschliesslich den Koraishiten zukam, *) ferner die 
Eröffnung und Anführung der Pilgerprocession von 'Arafat 
nach Minä u. s. w\ 

Der Handel, den Mekka als Zwischenstation von Syrien 
und Südarabien trieb, und der Güterimisatz, den es ver- 
mittelte, müssen sehr bedeutend gewesen sein und berech- 
tigen uns jedenfalls anzunehmen, dass sich ein beträchtlicher 
Wohlstand entfaltet hatte. An diesem Handel betheiligte 
sich die ganze Bevölkerung, indem jeder etwas in Geld oder 
Waare beisteuerte. Von Syrien her wurden Tuchwaaren 
und syrische Webestoffe in Schafwolle und Seide aus den 
Fabriken von Tyrus und Damascus eingeführt und noch bis 
jetzt hat sich diese uralte einheimische Industrie in einzelnen 
Theilen Syriens erhalten, noch jetzt werden dort die pracht- 
vollen purpurroth gefärbten Schafwollstoffe und die schweren 
Damaste verfertigt, mit denselben alterthümlichen Mustern, 



1) Vgl. Culturgeschichtl. Streifzüge auf d. Gebiete des Islams p. VIII. 



II. Daa Bt&dtische Leben. 25 

wie zur Zeit als die Phönicier von Sidon und Tyrus aus die 1 
ganze alte Welt mit diesen Luxusartikeln versorgten. In 
Arabien^ besonders in dem reichen Jemen, fanden solche 
Waaren guten Absatz. Aus Arabien aber exportirte man 
nach Norden Rosinen, Datteln und selbst edle Metalle, dann 
die kostbaren in der ganzen alten Welt überaus geschätzten 
Producte Jemens: Weihrauch, Myrrhen, Gewürze sowie 
Aloe- und Sandelholz, Zimmt, Cassia u. s. w., dann auch 
vermuthlich manche in den südarabischen Hafenstädten aus- 
geschiffte indische oder afrikanische Erzeugnisse. Ein Haupt- 
artikel des Exportes aus Jemen war Leder, das man dort 
in besonderer Güte zuzubereiten verstand. Um uns einen 
Begriff von dem Geldwerthe zu machen , den eine grössere 
Karawane darstellte, deren jährlich mehrere zwischen Mekka 
und dem Norden verkehrten, genüge die Bemerkung, dass 
eine solche, die im Februar 624 Ch. aus Gaza in Syrien 
nach Mekka abging, einen Werth von 50000 Mitral, also 
einer halben Million Francs hatte. ^) 

Aber bei so primitivem Landhandel ist der Gewinn ge- 
wöhnlich 50 — 100 Procent. Noch gegenwärtig wird bei dem 
Handelsgeschäfte von Kairo nach Chartum der regelmässige 
Gew innaufschlag , mit dem die Waare an letzterem Orte 
verkauft wird, auf 100 Procent angesetzt. Nehmen wir an, 
dass aber der reine Gewinn der Mekkaner nur 50 Procent 
betrug, so erzielten sie mit dieser einzigen Sendung einen 
Reingewinn von 25000 Mitral d. i. 250000 Frcs. Auf diese 
Art war Mekka reich geworden, und als Mohammed in der 
Schlacht von Badr verschiedene der angesehensten Mekkaner 
zu Gefangenen gemacht hatte, zögerten ihre Landsleute nicht, 
jeden mit 4000 Dirham (4000 Frcs.) auszulösen, eine Summe, 
die bei dem damaligen höheren Werthe der edlen Metalle 



>) Sprenger: D. Leben u. d. L. d. Moh. III. p. 96, Wftkidy 198. 
Es handelt sich hier um Gbldmit^le, deren einer den Werth von ongef&hr 
10 Dirham haUe. 



26 n* ^^8 »tidÜBche Leben. 

ungefähr dem doppelten Betrage nach unseren gegenwärtigen 
Werthvorhältnissen entsprechen würde. ') 

Da Mohammed endlich am Abende seiner Laufbulia 
als Sieger in seine Vaterstadt, die ihn so lange erbittert 
bekämpft hatte, einzog, Hess er eine Milde walten, die selbst 
seine Gegner überraschte, seine Anhänger aber sehr ver- 
stimmte. Allein es lag ihm daran, die Herzen seiner Stammes- 
verwandten möglichst schnell zu gewinnen und das Mittel 
hiezu war ein solches, w^elches bei Arabern, wie auch bei 
den meisten anderen Menschen, fast immer wirkt: zuerst 
Hess er sie seine volle üebermacht fühlen, dann aber versöhnte 
er sie durch Güte. Das verfehlt selten zum Ziel zu führen. 
Auf das hin nahmen die Mekkaner recht leicht und ohne be- 
sonderes Widerstreben den Islam an, denn er gab ihnen 
mehr als sie hatten; die früheren Handelsverbindungen, 
welche, so lange sie mit dem Propheten im Kampfe lagen, 
ihnen sehr erschwert, theilweise ganz unmöglich gemacht 
worden waren, hoflPten sie nun wieder zu erlangen, die reli- 
giösen Privilegien Mekka's blieben unvermindert, ja der 
Glanz der Stadt w^ard durch den Islam noch erhöht, und 
endlich, was das Wichtigste w^ar, von Mohammed sow^ohl als 
von seinen Nachfolgern flössen ihnen reiche Geldgeschenke 
zu. So wenig sie sich im Grunde genommen um den Islam 
kümmerten, so hatten sie doch alle Ursache, mit dem neu- 
geschaffenen Zustand der Dinge zufrieden zu sein. Mit den 
grossartigen Siegeszügen und Eroberungen der arabischen 
Heere strömten ungeheure Keichthümer in die beiden heiligen 
Städte, unendlich mehr als je der Handel, den sie früher 
betrieben, abgeworfen hatte. Und mit dem Chalifen 'Osmän 
gewann die aristokratische Partei von Mekka selbst in 
Medyua, das bisher der Sitz des äussersten religiösen 
Rigorismus war, die Oberhand; sie bemächtigte sich der 



*) WÄkidy p. 138, 198. 



II. Dm stftdtisehe Leben. 27 

Regierung und alle wichtigen Statthalterposten, Stellen, die 
sehr viel Geld einti'ugen, kamen zum grossen Aerger der 
frommen Partei, der alten Kampfgenossen des Propheten, in 
die Hände der mekkanischen Patricier, die auf diese Art 
in unglaublich kurzer Zeit sich zu bereichern verstanden. 
Und hiemit gleichen Schritt haltend entwickelte sich ein 
genusssüchtiges schwelgerisches Leben, das vom Islam 
und seinen strengen Sittenvorschriften kaum eine Notitz 
nahm. 

Schon im arabischen Alterthume pflegte man bei Gast- 
mälern und Festlichkeiten Sängerinnen auftreten zu lassen. 
Die reichen Kaufherren von Mekka kauften zu diesem Behufe 
eigene Sklavinnen. Die beiden Cicaden, zwei musikalische 
Dienerinnen eines reichen Mekkaners, denen man ihrer schönen 
Stimme wegen diesen Beinamen gegeben hatte, sind sprich- 
wörtlich berühmt geblieben. Wohlhabende Leute hielten der 
Musik und des Gesanges kundige Sklavinnen, die man für 
theures Geld aus den angrenzenden byzantinischen oder 
persischen Provinzen, besonders aus Hyra bezog. Bei Gast- 
niälern und Festgelagen sassen die Gäste gekleidet in grelle 
rothe, gelbe oder grüne Festgewänder auf Ruhebetten mit 
Myrten, Jasmin und anderen duftenden Kräutern und Blumen 
bestreut, in silbernen und goldenen Gefassen brannte Moschus, 
Ambra oder Aloeholz und versetzte durch den Duft die Gäste 
in gehobene Stimmung, während die Weinpokale aus kost- 
barem Metalle oder gezogenem Glase die Runde machten 
und die Sängerinnen ihre schönsten Weisen vortrugen. ^) 
Es scheint zweifellos, dass diese Sängerinnen im Anfang in 
ihrer eigenen Sprache, also griechisch oder persisch und 
nicht arabisch sangen, erst gegen die Hälfte des ersten Jahr- 
hunderts der mohammedanischen Zeitrechnung entstand eine 
echt arabische Schule des Gesanges in Mekka und etwas 



*) Caossin de Perceval: Essai II. p. 266. Vgl. Hamäsah p. 562, 
Alltara Moall. v. 38. 



28 ■ U- I>M •tftdtiBche Leben. 

später in Medyna. Towais wird als der erste g-enannt, der 
in arabischer Sprache sanj^ und zwar unter Begleitung; der 
Handtrommel. ') Man darf aber dies nicht so verstehen, als 
üb jeder rhythmische Vortrag von Gedichten früher unbekannt 
gewesen wäre. Das, was besonders aus Persien neu zu den 
Arabern kam, war die melodische Verbindung der Stimme 
mit Musikinstrumenten zu einem kunstgemässen musika- 

* lischen Vortrage. Der einfache vocalische Gesang hingegen, 
eine Art einförmiges Recitativ, reicht bei den semitischen 
Völkern ins höchste Alterthum zurück und war unzertrenn- 
lich mit der Poesie verbunden, denn das, was wir declama^ 
torischen Vortrag eines Gedichtes nennen, besteht bei den 
Arabern in einer gesangähnlichen, mit gewisser conventio- 
neller Stimmmodulation und im steten Anschluss an das 
Versmass stattfindenden Kecitation. Diese Art des Gesanges, 
denn so müssen wir sie nennen, während die Araber dafür 

5 die Bezeichnung „inshäd" d. i. declamatorischer Vortrag 
haben, war von jeher volksthümlich und hat sich am besten 
bis jetzt in der traditionellen Vortragsweise des Korans er- 
halten. So sang der einsame Wanderer in der Wüste, der 
Kameeltreiber , welcher seine müden Thiere zu rascherem 
Schritte anspornen wollte, so sangen im Chor die auf dem 
Kriegszuge befindlichen Krieger und diese Art der rhythmi- 
schen Declamation können wir noch jetzt in allen arabischen 
Ländern im Leben des Volkes studiren, wo dieselbe bei 
Vortrag der Geschichte Antares oder ähnlicher Werke noch 
immer zur Anwendung kommt. 2) 

Hand in Hand mit der Zunahme des Luxus, des ge- 
selligen Frohsinnes ging auch die Ausbildung und Verfeine- 
rung der Dichtkunst. Die alte Sitteneinfalt wird immer 



'1 
I 



1) Aghäny IL 170, 173. 

^) Der arabische Gesang war zur Zeit Omar^s I. noch nicht bekannt. 
Die Araber kannten nur den Gesang der Kameeltreiber, der eine einfache 
Recitation war. AghÄuy VIII. 149. 



IL Das Btftdtisclie Leben. 29 

mehr verdrängt durch ein üppiges Genussleben, dem sich 
trotz Koran und trotz der Sittenpredigten der Fanatiker die 
reiche Aristokratie in Mekka und Medyna so gefrn ergab. 
Die Beziehungen zum weiblichen Geschlechte verloren die 
Strenge, welche der Islam einfuhren wollte, und in späterer 
Zeit auch wirklich zm* Geltung brachte. Die jungen Schwelger 
von Mekka trieben ganz ohne Scheu in der heiligen Stadt, 
ja bis in den Tempel selbst das freche Spiel ihrer Liebes- 
scherze. Ja es zeigt sich eine ganz an das europäische 
Mittelalter, an die Minnetändeleien des Zeitalters der Trou- 
badours erinnernde Vergötterung der Frauen, und eine cheva- 
lereske Galanterie, die der spätere Islam, so wie er von 
den fanatischen Priestern, den Ulemä's und den exaltirten 
Frömmlern der mystischen Schule umgestaltet worden ist, 
mit Entrüstung von sich weisen würde. 

Der auch als Dichter bekannte Hslrit Ibn Chalid war 
vom Chalifen Abdalmalik zum Statthalter von Mekka ernannt 
worden. Er liebte *Aisha, die Tochter des Talha, eine der 
angesehensten und edelsten Frauen jener Zeit. Sie kam 
nach Mekka zur Zeit der allgemeinen Wallfahrt, um ihrer 
religiösen Pflicht Genüge zu thun. Da Hess sie am Tage 
der grossen Ceremonie im Tempel von Mekka dem Statt- 
halter sagen, er möge das allgemeine Gebet in der Moschee 
so lange verschieben, bis sie die vorgeschriebene religiöse 
Ceremonie der siebenmaligen Umwandlung der Kaaba, sammt 
den hiezu gehörigen Gebeten vollendet haben würde. Der ver- 
liebte Statthalter, der die gesammten Wallfahrtsceremonien 
zu leiten hatte, stand keinen Augenblick an, das Gebet nach 
Wunsch der Dame seines Herzens zu verschieben, was eine so 
grosse Entrüstung unter den frommen Muselmännern und den 
zu Tausenden versammelten Pilgern hervorrief, dass der Chalife 
sich genöthigt sah, den galanten Staatsmann seines Postens 
zu entheben. Als Härit diese Nachricht erhielt, sagte er: 
^Bei Gott! ich unterschätze nicht den Zorn des Chalifen, aber 
wenn 'Ai'sha auch bis zur Nacht nicht fertig geworden wäre. 



30 !'• I>M bt&düfclie Leben. 

80 hätte ich doch auf ihren Wunsch das allgemeine Gebet 
bis zur Nacht verschoben!" ^) 

Einer der bezeichnendsten Charaktertypen jener Zeit 
ist uns in der Lebensgeschichte eines jungen reichen Mekka- 
ners aus einer der edelsten Familien erhalten, der dadurch, 
dass er nicht blos Lebemann war, sondern zugleich auch 
als Dichter sich einen Namen machte, einen hervorragenden 
Platz in der Cult Urgeschichte seines Volkes sich errungen 
hat. Ungeheuer reich, verwandt mit der herrschenden Familie 
der Omajjaden, liebenswürdig, geistvoll und von bezaubern- 
der Erscheinung war Omar Ibn Aby Raby'a durch längere 
Zeit der Modeheld seiner Vaterstadt und der Liebling der 
Damen. Sein Vater war einer der angesehensten Männer von 
Mekka und pflegte zur Zeit des Heidenthums jedes zweite 
Jahr die Kaaba mit einem brokatenen Ucberzuge zu ver- 
sehen, während das nächste Jahr alle übrigen Koraishiten 
zusammen die Kosten dafui* trugen. Seine Reichthümer hatte 
er durch Handelsgeschäfte mit Südarabien erworben ; schliess- 
lich bekehrte er sich zum Islam und Mohammed machte 
ihn zum Statthalter der Provinz Ganad in Jemen. Omar 
Ibn Aby Raby'a wuchs also in den angenehmsten Verhält- 
nissen auf; für ihn handelte es sich nicht darum, zu erwerben, 
sondern zu gemessen und das that er auch im vollsten Masse. 
Ein begeisterter Verehrer der Frauen, ist seine Poesie fast 
ausschliesslich ihnen geweiht, und predigte er einen Koran 
der Liebe, welcher den alten Herren von Mekka so bedenk- 
lich schien, dass sie ihren Töchtern strengstens das Lesen 
der Gedichte Omar's untersagten. Selbst bis in seine alten 
Tage blieb er derselbe, denn schon hochbejahrt, pflegte er 
zu sagen: „Als ich jung war, wurde ich oft geliebt ohne zu 
lieben, jetzt aber, wo ich alt bin, bringe ich den Schönen 
meine Huldigungen dar bis zum Tode." 



») Aghftny III. p. 103. 



II. Das stidtische Leben. 31 

Einst besuchten zwei jung-e Damen die Kaaba, um ihre 
Andacht zu verrichten; ein Greis nahte sich ihnen ^ sprach 
sie an und frug sie um ihre Namen. Als sie sich ihm 
genannt hatten ^ entgegnete er: „Junge Freundinnen! ich 
bin der Schönheit dienstpflichtig, und wo ich sie sehe, 
folge ich ihr, aber als ich Euch erblickte, riss mich Eure 
Schönheit und Jugend hin, geniesst sie denn, bevor ihr 
deren Verlust beklagt." — Dieser Greis war Omar. 

In seinen Gedichten nennt er ohne Scheu den Namen 
der Damen, denen er seine Verehrung zollt; so in dem 
folgenden : 

Ich sandte meine Sklavin ^ 

Und sagte ihr: sei auf der Hut! 
Und sprich schmeichelnd zu Zainab: 
Sei doch deinem Omar gut! 
Heilst du den Todessiechen, 
Wer ist es, der Tadel dir spendet? — 
Sie schüttelt das Köpfchen und fragt: 
Wer hat dich desshalb gesendet? 
Ist das deine Frauenbehexung? 
Hier kennen wir dich: 
Stillte die Glut er, so sag^ man, 
Dann lässt er die Dame im Stich. — 

Ganz eigenthtimlich is't auch die in seinen Gedichten 
überall hei'vortretende Verherrlichung des Weibes in einer 
Art und Weise , die zeigt , welche hohe Stellung die 
arabische Frau damals einnahm. So erlaubte er sich selbst 
am Schlüsse eines Stelldichein, wozu ihn mehrere edle 
Frauen geladen hatten , die ihn kennen lernen und seine 
Gedichte von ihm selbst hören wollten, zu ihnen zu sagen: 
^ Schon längst fiihlte ich mich gedrängt, dem Grabe des 
Propheten in Medyna einen Besuch abzustatten, aber ich 
unterlasse es jetzt, um die Erinnerung an den Besuch bei 
Euch durch nichts abzuschwächen. "* 

Zur Zeit als die syrische Pilgerkarawane in Mekka ein- 
treffen sollte, machte sich Omar Ibn Aby Kaby'a in Gesell- 
schaft des damals berühmtesten Sängers von Mekka Namens 



32 n. DftM stidtiBcho Laben. 

Ibn Soraig auf, um der Karawane entgegen zu reiten. Sie 
bestiegen zwei edle Dromedare, die, wie es bei festlichen 
Anlässen üblich ist, mit Henna ^) roth gefärbt waren, während 
das Reitzeug und der Sattel von goldgesticktem Brokat 
schimmerten. Omar und sein Gefährte, beide in schönster 
Kleidung, ritten denn hinaus, um die Karawane zu erwarten. 
Bis es Abend ward, verkürzten sie sich die Zeit, indem sie 
den Weibern zusetzten, die vorbeikamen; als es aber dunkelte 
und der Mond heraufstieg, begaben sie sich auf eine Anhöhe 
in der Nähe der Karawanenstrasse und Ibn Soraig begann 
seine besten Lieder zu singen. Es währte nicht lange, 
so kam ein einzelner Reiter auf einem prächtigen Pferde 
herangeritten, hielt bei ihnen an und bat den Sänger, er 
möge die Gefälligkeit haben, das Lied zu wiederholen. Dann 
sprach er: „Bei Gott! Du bist Ibn Soraig, der Sänger von 
Mekka, und Dein Gefahrte ist Omar Ibn Aby Raby*a." Sie 
bestätigten es, und auf das hin richteten sie an den Unbe- 
kannten die Frage, wer denn er sei. Der wollte aber nicht 
mit der Sprache heraus: das ärgerte sie so, dass sie ihm 
sagten: „Wahrlich, wenn Du der Sohn des Chalifcn selber 
wärest , so könntest Du nicht geheimnissvoller thun." 
„Wohlan", entgegnete der Fremde, „ich bin es!" Da 
sprangen beide auf und entschuldigten sich, jener aber zog 
sein reichgesticktes Oberkleid aus, nahm seinen Ring vom 
Finger und beschenkte sie damit. Dann aber gab er seinem 
Rosse die Sporen und sprengte seinem schweren Gepäck 
nach. 2) 

Diese aus dem Volksleben gegriffenen Erzählungen 
zeigen uns so recht malerisch, wie es damals in Mekka zu- 
ging. Ein bewegtes, genusssüchtiges Treiben herrschte in 



1) Noch jetzt ist dies Im Oriente im Gebrauch. Der Schimmel, auf 
dem sich der Schah von Persien bei seiner Reise in Europa zeigte, war 
mit Henna am Schwänze roth gefärbt. 

2) AghAny I. p. 101. 



IL Das st&dtiflclie Leben. 33 

den höheren Kreisen der heiligen Stadt. Ein barbarischer 
Luxus machte sich neben einer schon sehr hohen Verfeine- 
rung der geselligen Formen und der Sitten bemerkbar. 
Poesie und Gesang verschönerten den Verkehr, unterbrachen 
die Einförmigkeit des Alltagslebens und brachten in die 
sonst sehr sinnlichen Beziehungen der beiden Geschlechter 
einen ritterlichen Zug. Die reichen Mekkaner kürzten sich 
die Zeit mit Liebe, Wein und Gesang. Auch dem Bedürf- 
nisse nach geselligen Vereinig^ngspunkten ward schon früh 
entsprochen. Ein bemittelter Patricier hatte schon zu jener 
Zeit ein Spielhaus, eine Art Club, errichtet, wo man Schach- 
spiele und Damenbrette fand, aber auch Bücher lagen auf, 
um durch Lesen sich, zu unterhalten. An der Wand des 
Zimmers, so fugt der altarabische, sehr umständliche Bericht- 
erstatter, dem wir diese Nachricht verdanken, hinzu, waren 
Holzpflöcke eingeschlagen, wo jeder, der kam, sein Ober- 
kleid aufhing, um bequem entweder eine Partie zu spielen, 
zu lesen oder mit Bekannten zu plaudern. ^) Auch in Medjna 
wird schon in früher Zeit ein Gasthaus genannt, eine Ein- 
richtung, die im späteren Islam kaum mehr vorkommt, es 
sei denn in der Form von Karawanenserais oder öjffentlichen, 
als fromme Stiftung errichteten Speisehäusern. 

Es liesee sich dieses Sittenbild des städtischen Lebens 
noch mit vielen Pinselstrichen vervollständigen, allein das 
Gesagte wird genügen, um eine im Allgemeinen richtige 
Vorstellung hierüber sich zu machen, die allerdings von den 
bisher üblichen Ansichten sehr wesentlich sich unterscheidet. 
Dennoch dürfte als Seitenstück zu dem Charakterbild des 
Omar Ibn Aby Raby'a noch das des Dichters *^Argy hier A^ cpi fll 
einen passenden Platz finden, indem es uns nicht blos mit in 

einem anderen jungen Schwelger aus den höchsten Kreisen ^ff, y^^j 
bekannt macht, sondern wir zugleich auch in ihm einen der 
originellsten Dichter jener Zeit kennen lernen. 



») AghAny IV. p. 52. 
T. Krem er, CaUorgeschichte des Orients. 



34 n. Du it&dtiBche Lebeo. 

Der elegante und der höchsten QesellBchaft angehörende 
*Argy war ein Enkel des Chalifen 'Osmän. Ebenso lebens- 
lustig als sorglos pflegte er in seinen Gedichten ohne jedes 
Bedenken die Namen der Schönen zu nennen , für welche 
er schwärmte und das machte ihm viele Feinde. Die Frei- 
gelassene eines Gutsbesitzers, der mit ihr in geringer Ent- 
fernung von der Stadt auf seinem Landschlosse in dem 
glücklichsten Verhältnisse lebte, pflegte desshalb, so oft sie 
von Argy und seinen Gedichten reden hörte, sich tadelnd 
darüber zu äussern, dass der Dichter die edelsten Frauen 
in übles Gerede bringe, und dass noch keine den Muth ge- 
habt hätte, dies als eine Gemeinheit ihm vorzuhalten ; kommt 
er jemals mir vor die Augen, fügte die schöne Koläba hinzu, 
so will ich ihm schon heimleuchten. *Argy vernahm diese 
Aeusserung und zögerte nicht, ihr nachzustellen. Als sie 
einmal allein mit ihrem Gesinde zu Hause war, kam er 
und l)egehrte sie zu sprechen, aber sie hielt Wort, schloss 
ihm die Thür, Hess ihn mit harten Reden an, und als er 
Miene machte, den Einlass ertrotzen zu wollen, bewarf sie 
ihn mit Steinen. 'Argy, erbost über diese Behandlung, 
machte nun folgendes Gedicht, welches er, um Kolllba zu 
compromittiren , durch die Sänger von Mekka allgemein 
verbreiten Hess: 

Einen Boten sandten holde Frauen 

mit erfreulichem Bericht — 
Denn klug errathen die Frauen, wo es andern 

an Verständniss gebricht, — 

Und Hessen mir sagen : Besuche uns, 

wenn niemand wacht, 
Dass kein neidisches Auge dich sieht 

und zum Gespötte uns macht ! 

Und so kam ich denn herangeschlichen, 

trotzend der Gefahr: 
In der Minne muthig Gefahren bestehen 

ist rühmlich fürwahr! 



II. Da« sUdtuclie Leben. 35 

Uebermannt mich auch die Angst zuweilen, 

so Sprech' ich zu mir: 
Was oben im Schicksalsbuche stehet, 

erfüllt sich hier! 

Ich schleiche heran so sacht und stille 

wie ein Südwind haucht 
Durch Myrtengeästei das frisch in nächtlichen 

Thau sich getaucht, 

In reichgefärbtem Festgewande, 

gestickt in Sus, 
Dessen lange Fransen verwischen die Spur 

von meinem Fuss. 

Und drinnen da sassen die süssen Holden 

im trauten Gemach 
Und kein feindlicher Blick war zu fürchten, 

kein Wächter war wach. 

Als ich lauschend stand an der Pforte 

im Dunkel versteckt — 
Wer solche Ziele verfolgt, bleibt gerne 

vom Schatten bedeckt — 

Da glänzten mir feurige Augen entgegen 

voll zündender Gewalt, 
Wie von edlen Stuten, wenn des Hengsten 

Wiehern erschallt. *) 

Da schrie KolÄba: Wer ist der Besucher? 

und unverzagt 
Sprach ich: Derselbe, den du hassest, 

wie man sagt. 

Ich bin der Mann, den die Liebe 

so mächtig bedrängt, 
Dass die Sinne vor Schmerz mir schwanden 

und mich Siechthum umfängt. 

1) Das echt arabische Bild bezieht sich auf Kameelhengste : das 

grosse schwarze Auge dieses Thieres ist bekanntlich das einzige Schöne 

an demselben. 

3* 



36 U. Das ttftdtiiche Leben. 

Ueberliefre nicht schnöde mich jener Schaar, 

die nnr Bache schnaubt, 
G^me zehrten mein Fleisch sie auf, 

wenn es ihnen erlaubt. 

Huldreich gewähre, o Holde, dafür 

wirst Du wieder belohnt, 
Denn bei Euch Gnaden zu finden bin ich 

längst schon gewohnt: 

Der Liebenden festestes Schild und Asyl 

ist in dieser Welt, 
Dass sie immer reuvoll es sühnen, 

wenn sie einmal gefehlt. 

Hier meine Rechte zum Unterpfande 

der treuesten Minne ! 
Nimm sie an und spotte der Neider 

mit leichtem Sinne! 

Sie sprach: Wohlan, ich bin es zufrieden, 

doch der Mond scheint klar, 
Verweile hier bis das nächtliche Dunkel 

dich schützt vor Gefahr. 

So blieb ich und schlürfte köstliche Becher, 

fleissig geleert. 
Herrlichen Weins, durch Geruch und Geschmack 

als edel bewährt. 

Bis endlich das Morgenroth strahlte: 

Da meinten wir zwei, 
Doss der Widerschein eines nächtlichen Brandes 

am Himmel es sei. 

Wie die Blässe eines edlen Hengstes 

glänzte der Schein, 
Des £ntzäumten, Nackten, dem die Marke man brennt 

ins Fleisch hinein, i) 



1) Dem edlen Rosse wird bei nächtlichem Feuer ein Brandmal ein- 
gebrannt und im hellen Schein des Feuers glänzt die Blässe an der Stirn 
desselben. 



II. Dm Bt&dtische Leben. 37 

Scheiden musste ich dann und sie fanden 

kein Abschiedswort 
Ausser der Finger Winken und Thränen 

immerfort 

^ Sie wollten manches Wort mir noch sagen : 

es ward gehemmt 
Durch der Thränen fluthenden Strom, der dem Worte 
entgegen sich stemmt. 

Das Gedicht kam natürlich auch dem Gebieter Koläba's 
zu Gehör, er fasste Verdacht gegen ihre eheliche Treue und 
um sich Gewissheit darüber zu verschaffen, beschloss er sie 
nach Mekka zu senden, damit sie dort im heiligen Tempel 
den Reinigungseid ablege, um hiedurch ihre Unschuld dar- 
zuthun. Er liess sie nach landesüblicher Sitte auf einem 
Kameele zwischen zwei mit Kameelmist gefüllten Säcken 
nach der Stadt bringen und dort im Tempel an der heiligen 
Stelle, zwischen der Ecke der Kaaba und dem Standplatze 
Abrahams, den Reinigungseid ablegen. Kol^ba leistete ohne 
Zagen diesen siebenzigfachen Schwur und war hiemit voll- 
kommen gerechtfertigt. Ihr Gebieter nahm sie mit offenen 
Armen auf und so oft er den Vers aus dem Gedichte *Argy's 
singen hörte: 

Denn bei Euch Gnaden zu finden bin ich 
längst schon gewohnt — 

pflegte er zu sagen: „Nein, bei Gott! er lügt, nie ist ihm 
dergleichen zu Theil geworden". — 

Eine ganz andere Schlusswendung nimmt folgendes 
galante Abenteuer. Schon durch längere Zeit widmete *Argy 
seine Aufmerksamkeit einer schönen Frau, die aber immer 
ihn zurückwies und stets sich verschleierte, sobald sie ihn 
nur von ferne erblickte. Einmal sah *Argy von ferne sie in 
der Mitte anderer Frauen im Freien sitzen. Um nun dem 
Gegenstande seiner Leidenschaft sich zu nähern, verfiel er 
auf eine List. Er hielt einen Beduinen an , der eben auf 
seinem Kameele zwei mit Milch gefüllte Schläuche zum 



38 II- Du Btädtiiicbe Leben. 

Verkauf in die Stadt brachte. *Argy gab ihm sein Pferd, 
seine elegante Kleidung und nahm dafür das Kameel und 
den Beduinenanzug. So verkleidet nahte er dem Frauen- 
kreise und bot seine Milch zum Verkauf aus. Voll Freude 
bemächtigten sich die Damen der Milch, während *Argy 
ruhig auf der Erde sass, seinen Blick auf den Boden heftete 
und nur von Zeit zu Zeit verstohlen den Gegenstand seiner 
Bewunderung betrachtete. Da richtete scherzend eines der 
Mädchen die Frage an ihn: Was hast du denn verloren, 
du Sohn der Wüste, dass du immer den Blick auf die Erde 
senkst? — Mein Herz ! entgegnete er. — Ach grosser 
Gott! rief da die Dame, es ist *Argy! sprang auf und ver- 
schleierte sich. 

'Argy trieb übrigens im Vertrauen auf seine Verwandt- 
schaft mit der herrschenden Familie seine tollen Streiche 
zu weit. Er besass eine Palmpüanzung im Gebiete des 
Stammes Banu Nasr, deren Kameele und Schafe oft in 
sein Gehege sich verirrten; jedes solche Thier tödtete er 
den armen Leuten. Wohl bewandert in den ritterlichen 
Künsten, schoss er trefflich mit dem Bogen und oft erlegte 
er hundert Thiere an einem Tage mit seinen Pfeilen. 

Schliesslich machte er sich den Statthalter von Mekka 
zum Feinde, indem er in frechen Versen die Gattin desselben 
nannte. Bald fand dieser die erwünschte Gelegenheit, sich 
zu rächen. *Argy gerieth in Streit mit einem Freigelassenen 
seines Vaters, und in dem Wortwechsel kam es zu gegen- 
seitigen Schimpfreden. Um sich zu rächen, überfiel 'Argy 
mit einer Anzahl seiner Diener nachts den Freigelassenen 
in dessen Haus, liess dessen Frau auf das schändlichste 
misshandeln und tödtete den Mann. Auf die Klage der 
Wittwe liess der Statthalter ihn verhaften, bestrafte ihn mit 
Peitschenhieben, stellte ihn an den Pranger und warf ihn 
dann ins Gefängniss, wo er seinen Tod fand. ') 



1) Vgl. AghAny I. 163—163, VIF. 146. 



II. Das sUdtificlie Leben. 39 

Die beiden Charakterbilder des Omar Ibn Raby'a und 
des *Arg;y zeigen uns, wie man zu jener Zeit in den höheren 
Kreisen von Mekka lebte und wie ungebunden man sich 
daselbst bewegte. Diese Stadt war damals die eigentliche 
tonangebende Metropole des Islams, die geistige und intel- 
lectuelle Capitale des Reiches, welche durch die jährlichen 
Pilgerkarawanen auch mit den entferntesten Provinzen im 
regen Verkehr stand. Der genusssüchtige , sorglose und 
namentlich in religiösen Dingen nahezu ganz indi^erente 
Geist, der in dem Leben und Treiben der hochgebornen 
mekkanischen Gesellschaft vorherrschte, war desshalb auch 
in Damascus, der Residenz der omajjadischen Chalifen, an 
der Tagesordnung und eine Kunst, gegen welche die fromme 
Partei von Anfang an als höchst gefahrlich und verderblich 
stets geeifert hat, nahm desshalb zu jener Zeit in Mekka 
ihren Ursprung und verbreitete sich über das ganze Reich. 
Es war dies die heitere Kunst des Gesanges und der Musik, 
die überall mit der Verwerthung des kurzen Augenblicks, 
ohne Sorge um die unbekannte Zukunft, Hand in Hand 
geht. Desshalb ward sie auch immer von den Frömmlern 
und Fanatikern, die gerne auf den Schrecken vor dem 
dunklen Jenseits speculiren und jede frohe Regung aus den 
Seelen verbannen möchten, auf das heftigste angefeindet. 
Das Verbot des Gesanges und die Vernichtung der Musik- 
instrumente war von jeher ein beliebtes Schlagwort der mo- 
hammedanischen Cleriker, der Theologenzunft, die nur von 
den Schrecken der Hölle, dem Zorne Gottes und der Sünd- 
haftigkeit der Welt den Stoff ihrer Sittenpredigten schöpften 
und alle Welt in die finstern Irrwege ascetischer Grübeleien 
und später in die ebenso gefährlichen Abgründe einer über- 
spannten Mystik zu stürzen sich bestrebten. Es war daher 
auch eine feststehende RegeFder mohammedanischen Sitten- 
polizei, dass Gesang und Musik strengstens zu verbieten sei. 
Allein wie immer in Fällen, wo Unmögliches gefordert wird, 
blieb das Gesetz bestehen, um stets umgangen zu werden 



40 



II. Dm ttAdtitclie Leben. 



\ 



\ 

I 



und die in Mekka zuerst veredelte Kunst des Gesanges mit 
Musikbegleitung bildete vom Zeitpunkt ihrer Entstehung bis 
in die spätesten Jahrhunderte nebst der Poesie die einzige 
künstlerische Richtung, in welcher sich eine wirkliche Künste 
Schwärmerei geltend machte, die in den besten Zeiten der 
arabischen Cultur nicht wenig zur Veredlung der Gemüther 
und zui' Verfeinerung des socialen Lebens, sowie der Be- 
ziehungen zwischen den beiden Geschlechtern beigetragen hat. 
Der erste Anstoss kam allerdings den Arabern aus der 
Fremde zu. Nach persischen Vorbildern übten sich die 
ältesten Sänger. Es scheint, dass es persische Kriegsge- 
fangene waren, die ja in grosser Zahl nach Mekka kamen, 
von denen man zuerst den Gesang mit Begleitung der da- 
mals üblichen musikalischen Instrumente, der Handtrommel 
(doflf), des Tamburins (tanbur), der Schalmei (nai*), der 
Laute (*ud) u. s. w. kennen lernte. Ibn Mosaggih wird als 
der erste genannt, der persische Tonweisen ins Arabische 
einfiihrte. Er hörte nämlich die bei dem Bau der Kaaba 
beschäftigten persischen Werkleute, die während der Arbeit 
ihre vaterländischen Weisen sangen imd ahmte diese nach. 
Er hatte so grossen Erfolg, dass die jungen Leute der besten 
Familien für ihn schwärmten, tolle Summen an ihn ver- 
geudeten und hiedurch selbst die Aufmerksamkeit des Statt- 
halters erregten, welcher an den Chalifen nach Damascus 
berichtete, dass die jungen Edelleute von Mekka sich für 
diesen Sänger förmlich zu Grunde richteten. Auf diesen Be- 
richt kam von Damascus der Befehl, den Sänger in die 
Hauptstadt zu senden, wo er am Hofe sang und so grossen 
Beifall fand, dass der Chalife ihn reich beschenkt nach 
Mekka zurückkehren liess und zugleich dem Statthalter den 
Befehl ertheilte, ihn nicht weiter zu behelligen.*) Von ihm 
sollen die zwei berühmtesten Sänger jener Zeit, Ma*bad 
und Gharydl herangebildet worden sein. Der Erstgenannte 



>; Aghäny II. 84, 86, 87. 



IL Das städtische Leben. 41 

war ursprünglich Sklave, später Freigelassener. Als Knabe 
hatte er die Schafe zu hüten und er erzählte selbst, wie 
er seine ersten musikalischen Inspirationen empfing: „Ich 
war", sagte er, „Sklave der Familie Katan und hatte die 
Schafe auf dem Steinanger ausserhalb Medyna zu weiden. 
Da pflegte ich nun in der Nacht einen Felsblock aufzusuchen, 
unter dem ich mich niederliess, um auszuruhen, aber, so- 
bald ich einschlummerte, hörte ich in meinen Ohren fremd- 
artige Melodien erklingen und beim Erwachen wiederholte 
ich sie". Bald erwarb sich Ma'bad einen grossen Ruf, kam 
zu Vermögen und scheint nun auf Speculation junge Sklaven- 
mädchen, die er ankaufte, im Gesang und in der Musik 
unterrichtet zu haben, um sie dann, nachdem er sie gehörig 
ausgebildet hatte, zu hohen Preisen weiter zu verkaufen. 
Es ist uns hierüber die folgende reizende Erzählung erhalten: 
Ma'bad hatte ein Mädchen Namens Zibja (Antilope) 
musikalisch ausgebildet und dann an einen reichen Mann 
aus Chuzistan verkauft, der sich in das Mädchen so ver- 
liebte, dass er untröstlich war, als sie ihm durch einen 
frühen Tod entrissen ward. Eine Mitsklavin hatte aber von 
Zibja viele ihrer Lieder eingelernt, die sie ihrem Gebieter 
oft vortrug. Dieser schwärmte so für den Meister seiner 
theueren Zibja, dass Ma'bad, dem dies zu Ohren kam, sich 
entschloss, ihm einen unangemeldeten Besuch abzustatten. 
Gesagt gethan. Von Mekka reiste er nach Bassora und suchte 
hier ein Schiff, um nach Chuzistan zu gehen. Da traf es 
sich, dass gerade der reiche Mann, welcher wegen Geschäften 
nach Bassora gekommen w*ar, auf einem Schiffe, das er fiir 
sich gemiethet hatte , nach Hause zurückkehren wollte. 
Ma^bad , ohne ihn zu kennen , bat um Aufnahme auf dem 
Schiffe und erhielt auch die Erlaubniss hiezu. Man wies 
ihm einen Platz auf dem Verdeck an. Das Schiff setzte 
sich in Bewegung. Als man die Mündung des Canals von 
Obolla erreicht hatte, ward das Mittagsmahl aufgetragen, 
man speiste-, dann machte der Wein die Runde und in der 



42 ' 11. Du at&dtiKhe L«b6n. 

besten Laune gab der reiche Herr seiner Sklavin den Befehl^ 
ein Lied vorzutragen. Ma'bad; ärmlich gekleidet in der Art 
von HigäZ; in einem abgetragenen Reisemantel, groben 
Schuhen und einem alten Pelz, sass still in seiner Ecke. 
Die Sklavin ergriff die Laute und sang, mit der Melodie 
des Ma'bad, ein Lied, dessen Anfang lautet : 

Fort ist So^ad, zerrissen ist ihr Liebesbund! 

Sie bezog die Niedrung und den sandigen 'Adma-Grond; 

Verschiedene Noten aber sang sie falsch ; da konnte Ma'bad 
sich nicht enthalten und rief ihr zu, dass sie falsch singe. 
Die Gesellschaft nahm das sehr übel auf und liess ihn mit 
harten Worten an. Dann ergriff die Sklavin wieder die 
Laute und sang: 

Tochter des Azditen! mein Herz ist gramdurchwühlt: 

Achl dass von ihr kein Trost es kühlt! 

Alle tadeln mich, doch: schweigt! rufe ich laut, 

Eben die ihr mir versagt, verlange ich zur Braut. 

Die Liebe versengt mir den Leib Zoll für Zoll: 

Ja wohl, der Liebe Walten ist gar wundervoll. 

Tadler! der mein Sehnen mir zum Vorwurf macht. 

Als das erste Opfer sollst du fallen dessen, den du verlacht. 

Aber wieder sang sie einige Stellen falsch und Ma*bad 
konnte nicht schweigen , erntete dafür jedoch eine noch 
schärfere Zurechtweisung. Die Sängerin trug nun noch 
einige Lieder vor und er hörte schweigend zu, bis sie zu 
folgender Arie kam: 

O Genossen! gebt mir eine Stunde nur der Frist 
Hier an dieser Stätte, die mir voll Erinnrung ist. 
Drängt nicht, wenn ich hier auf *Azzft's Zeltplatz stehe, 
Den ich in der öden Wüste menschenleer nun sehe. 
Sprecht zu diesem halbgenes*nen Herzen: liebe wieder, — 
Und zum Auge — giesse Thränenströme nieder! 
Ach die schöne Zeit kehrt nie zurück, die wir verbracht 
In des Frühlings Wonne und manch' schöner Sommernacht! 

Und wieder sang sie falsch. Da konnte Ma'bad nicht mehr 
anhalten und rief ihr zu: Kannst du denn keine einzige 
Arie fehlerfrei singen? 



IL D^ st&dtiiiebe Leben. 43 

Aber der grosse Herr erzürnte hierüber so sehr, dass 
er drohte, Ma'bad, wenn er noch einmal sich eine solche 
Freiheit herausnähme, stracks über Bord werfen zu lassen. 
Ma*bad schwieg nun, bis die Sklavin ihren Gesang beendigt 
hatte, aber als eine Pause eintrat, erhob er die Stimme und 
sang die erste Arie, die er getadelt hatte, dann die zweite 
und so fort. Nun änderte sich plötzlich die Scene, alle um- 
ringten ihn voll Bewunderung, man entschuldigfte sich und 
überhäufte ihn mit Artigkeiten. Nun gab er sich zuerkennen; 
der reiche Mann aus Chuzistan sowohl als dessen Sklavin 
küssten ihm Hände und Füsse und baten ihn um Vergebung. 
Dann fuhren sie zusammen nach Ahwaz, wo Ma'bad im 
Hause seines Gönners eine fürstliche Gastfreundschaft genoss 
und endlich mit reichen Geschenken beladen die Rückreise / / / < 
nach Mekka antrat. ') / ' / '^ 

Die Liebhaberei für Gesang und Musik nahm von nun 
sehr schnell zu und Mekka sowie Medyna wurden die Pflanz- 
stätten dieser Kunst ; von dort bezog der Hof von Damascus 
seinen Bedarf an Musikkünstlern. Die Musikleidenschaft 
herrschte besonders vor bei den jungen Edelleuten von 
Mekka. Ein Steinmetz Namens Hodaly hatte eine grosse 
natürliche Anlage. Wenn er nun in den Steinbrüchen ar- 
beitete, suchten ihn die jungen Leute auf, trugen ihm Spei- 
sen, Getränke und Geld zu und forderten ihn auf, ihnen 
etwas zu singen. Hodaly aber verlangte vor allem seinen 
Lohn, dann ersuchte er sie, ihm bei seiner Arbeit behilflich 
zu sein. Auch dazu verstanden sich die jungen Leute, 
schürzten ihre Elaftans auf, wickelten sie um die Mitte 
und trugen ihm Steine herbei. Dann pflegte er auf einen 
Felsblock zu steigen, setzte sich nieder und begann zu 
singen, während jene unten auf dem weichen Sande sich 
lagerten, Becher und Krüge hervorlangten und bis zum 
Sonnenuntergänge zechten. Ein Augenzeuge, dem wir diesen 



Aghany L 19—26. 



44 II> Das st&dtieclie Leben. 

Bericht verdanken, fiigt hinzu, dass, wenn Hodaly sang;, 
bald der ganze Hügel gelb und roth war wie ein Dattel- 
kuchen, von den farbigen Oberkleidern der Leute, die ihm 
zuhören wollten, i) 

Aber nicht bloB Männer widmeten sich der heiteren 
Kunst, sondern auch Frauen, und schon sehr früh ward es 
üblich, dass hohe Herren den Sängerinnen den Hof machten 
und — tout comme chez nous — sich für die Kunst be- 
geisterten. Die Sängerin Gamyla hatte nach Säi'b Ch^tir, 
einem der frühesten Musikkünstler von Medyna, sich gebildet 
und übertraf bald ihren Meister, so dass sie in Gesang und 
Lautenspiel selbst Unterricht ertheilte. Ihr Mann war ein 
Client. Sie pflegte offene allgemeine Empfangstage zu halten, 
bei solchen Anlässen, wo sie selbst in voller Toilette erschien, 
putzte sie auch ihre Sklavinnen heraus, denen sie künstliche 
Haarzöpfe anlegte, die als Chignons in Büschelform auf den 
Rücken herabhingen, kleidete sie in buntfiirbige Gewänder, 
setzte ihnen Diademe auf und empfing so die Besuche. Als 
sie einmal einen der angesehensten Männer der Stadt, einen 
Alyiden, einladen Hess, leistete er ihrer Aufforderung Folge 
und erschien in ihrem Hause, wobei sie ihm die Artigkeit 
erwies, ein Lied zu Ehren seines Geschlechtes vorzutragen. 2) 

Allein diese künstlerische Geistesrichtung hatte auch 
ihre Schattenseiten, die zu jener Zeit und unter jenem Volke 
um so schärfer hei-vortraten , als jedes andere Gegenmittel 
fehlte. Es gab damals ausser den religiösen Grübeleien über 
Koran und Tradition, Wissenschaften, mit denen sich nur 



i) AghÄny IV. 152. 

2) Aghany VII. 144 Ueber Saib Chätir wissen wir nur, dass er 
ein Client persischer Abkunft war, er soll der Erste gewesen sein, der den 
persischen Gesang im Arabischen nachahmt« und der Erste, der überhaupt 
den kunstgemfissen arabischen Gesang begründete. Er war der Erste, der 
in Medyna Lauten anfertigte. Wegen seiner guten Manieren und seiner 
schönen Stimme war er in der Gesellschaft der angesehensten Leute gerne 
empfangen. Aghäny VII. 188. 



II. Das stftdtisclie Leben. 45 

Leute der unteren Klassen ^ vorzüglich dienten, befassten, 
kein anderes ernstes wissenschaftliches Studium. So kam 
es, dass der Umgang mit Sängern und Sängerinnen die 
elegante Jugend der Hauptstadt von Nordarabien bald auf 
die gefahrlichsten Abwege brachte. Man kann nicht Tag 
für Tag Liebeslieder und Weingedichte geniessen, ohne [ 
schliesslich zum Weibemarren und Schlemmer zu werden. 
Bald wurden die Sänger, denen es vor allem darum zu thun 
war, ein gutes Stück Geld möglichst rasch zu verdienen, 
zu Vermittlern von unkeuschen Liebesbündnissen. Die durch 
vorzeitigen und übermässigen Genuss erschlaffte Jugend er- 
forderte geile Spiele und unzüchtige Kunstfertigkeiten, um 
sich zu erwärmen. Auf diese Weise entstand eine Art von 
Sängern, die es sich zur Aufgabe setzten, die Leidenschaften j 
einer gründlich verdorbenen Jugend künstlich zu wecken ;| 
und schamlos zu befriedigen. Man bezeichnete diese Klasse T 
von Sängern, um die sich stets eine Menge der verdorben- 
sten jungen Schwelger drängte , mit einem eigenen Namen 
„Mochannat^, der so ziemlich dem entsprach, was die Alten 
Cinaedi nannten. Sie leisteten beiden Geschlechtern ihre 
Dienste und störten dort, wo sie sich eindrängten, den 
Frieden der Familien. Aus diesem Grunde gingen mehr- 
mals die Behörden mit grösster Strenge gegen sie vor, in 
Mekka sowohl als in Medyna. ^) 

Diese Cinaeden ahmten in ihrer Tracht und äusseren 
Erscheinung die Weiber nach, sie färbten sich die Hände 
mit Henna, trugen weite grell gefärbte Frauenkleider, ge- 
kämmtes und geflochtenes Haar und sangen unter Begleitung 
der Handtrommel, wohl auch der Castagnetten , wozu sie 
vermuthlich die bekannten, noch jetzt im Oriente üblichen 



<) Unter dem Chalifen SolaimAn wurden alle Mochannat von Medyna 
entmannt Agb&ny IV. 60. Unter ihnen befand sich der berühmte Sänger 
Ihn DallÄl, der nebenbei als Lotterbube diente. Vgl. Agh&ny IL 171, 
172 flf. 



46 II. DaB gtidtiBche Leben. 

unzüchtigen Tänze aii£führten. *) Durch ihr Treiben ward 
der Sänger- und Musikantenstand, dem die religiöse Partei 
von Anfang an gram war, vollständig in Verruf gebracht 
und verschiedene Gewalthaber wandten desshalb wiederholt 
die allerhärtesten Massregeln gegen sie an. So verbot ein 
Statthalter von Irak (Chälid Kasry) Musik und Gesang bei 
strenger Strafe ; nur fiir Honain, den berühmten Sänger 
von Hyra; machte er eine Ausnahme.'^) 

Wie im Oriente jedes Geschäft, auch das schmutzigste 
und unehrlichste, im Wege der stillschweigenden Association 
sich in eine Zunft umgestaltet, wie z. B. die Diebe, die 
Einbrecher, die Kuppler u. s. w. ihre besondere Gilde bil- 
deten und zum Theil noch bilden, so steht es auch kaum 
zu bezweifeln, dass die unsaubere Sippe der Cinaeden 
(Mochannatyn) ihre eigene Zunft bildete und als solche trotz 
aller Verfolgung foii;bestand. So ist es denn auch nicht 
überraschend, dass sie noch bis jetzt im Oriente in einzelnen 
Ländern sich erhalten haben. Namentlich ist dies in Aegjpten 
der Fall. Dort ist es noch immer Sitte, dass bei gewissen 
Familienfesten, besonders bei Hochzeiten nebst den Tänzerin- 
nen auch Tänzer (Chawäl) auftreten. Sie tanzen gerade 
so wie die sogenannten Almeen, indem sie den Takt mit 
den Castagnetten schlagen, sie tragen Frauenkleider, affec- 
tiren in ihrem Gange, in Haltung und Bewegung weibliche 
Manieren, ihre Augenlider sind mit CoUyrium schwarz ge- 
färbt, die Augenbrauen gemalt, der Bart wird exstirpirt, das 
Haar tragen sie lang und nach Art der Weiber geflochten, 
mit künstlichen Zöpfen, die mit Goldstücken behangen sind. 



^) Aghftay IV. 39. Es gab übrigens solche Cinaeden schon zur 
Zeit Mohammed's, nur scheint es, dass sie damals einfache Kuppler, Lotter- 
buben waren, ohne zugleich als Musikanten aufzutreten. Vgl. Boch&ry 
2779, 3149. 

2) Agh&ny II. 123. Auf jeden Cinaeden setzt ein Statthalter von 
Mekka einen Preis von 300 Dirham und weist alle aus, die auf diese Art 
eingebracht wurden. AghAny IV. p. 39. 



II Das stftdtisclie Leben. 47 

ihre Hände sind mit Henna gefärbt, wie bei den Weibern, 
und auf den Strassen zeigen sie sich gewöhnlich mit halb- 
verschleiertem Gesicht, nicht aus Schamgefühl, sondern aus 
Coquetterie. Diese Chawäls, die man noch jetzt in den 
Strassen von Kairo trifft, sind die modernen £pigonen der 
altarabischen Cinaedi (Mochannatyn). In anderen orienta- 
lischen Städten, wie in Damascus, Aleppo u. s. w., bin ich 
ihnen nicht begegnet. Vielleicht aber findet man sie noch 
in Mekka, der heiligen Stadt, wo bekanntlich auch in unseren 
Zeiten die Unsittlichkeit grösser ist als an irgend einem 
anderen Punkte der mohammedanischen WeltJ) 



1) Ueber die Chaw&l vgl. Lane: Modern Egyptians II. cp. V[. 



III. 



Die Staatseinrichtungen der patriarchalischen Zeit. 



Mohammed war, wie er es als Prophet und Reformator 
seines Volkes nicht anders sein konnte, ein Revolutionär im 
vollsten Sinne des Wortes, denn seine religiösen Bestrebungen 
mussten nothwendiger Weise nicht blos die staatlichen Ver- 
hältnisse gänzlich umgestalten, sondern sie hatten die ebenso 
wichtige Folge, dass auch die socialen Zustände in die vollste 
Gährung geriethen. 

Man versetze sich nur in die Lage der ersten mo- 
hammedanischen G-emeinde, als dieselbe, nachdem Mohammed 
aus Mekka hatte flüchten müssen, in Medyna allmälig sich 
ansammelte. Von allem entblösst, lebte sie die erste Zeit hin- 
durch fast ganz von der Grossmuth und Gastfreundschaft der 
wohlhabenden Bewohner von Medyna, die durch Annahme der 
neuen Lehre an den Propheten und dessen Geschick sich an- 
geschlossen hatten. Durch Raubzüge gegen die mekkanischen 
Karawanen, durch Besiegung der reichen jüdischen Colonisten 
in und um Medyna wusste er bald den Seinen aufzuhelfen, 
und um allen Streitigkeiten vorzubeugen, nahm er selbst die 
Vertheilung der Beute vor. Er war für die Seinen alles in 
allem. Darbte er, so darbten sie auch mit ihm. Auf diese 
Weise bildete sich schon zu des Propheten Zeiten die Sitte 
heraus, dass von dem Staatseinkommen, wenn man die 
höchst unsicheren Einnahmsquellen jener Zeit, als Beute, 
Armentaxe und freiwillige Beiträge, so nennen kann, allge- 



III. Die Staatseinziehtangen der patriarchalischen Zeit. 49 

meine Vertheilung-en an das Volk, an die ^esammte Gemeinde 
vorgenommen wurden. Seine nächsten Verwandten bevor- 
zugte Mohammed wohl gern und kein Araber konnte hierin 
etwas Ungerechtes sehen, denn schon im Koran (Sui\ 8, 42) 
findet sich eine Stelle, wo den Verwandten des Propheten 
ausdrücklich das Recht auf Dotation aus dem Staatsschatze 
zuerkannt wird, und die Macht verwandtschaftlicher Bande 
war bei den Arabern der alten Zeit ausserordentlich stark. 
Das was man in unserer modernen Sprachweise Nepotismus, 
Verwandtengunst nennt, und wogegen soviel vorgebracht 
wird, obgleich es in der menschlichen Natur begründet ist, 
galt den Arabern immer als etwas ganz Selbstverständ- 
liches, ja als eine durch die Heiligkeit der Familienbande 
auferlegte moralische Vei*pflichtung. 

Der Prophet, zu dessen besten Eigenschaften jedenfalls 
eine echt arabische Freigebigkeit gezählt werden muss, blieb 
aber nicht blos bei den Seinen stehen, sondern treu dem 
von ihm aufgestellten Grundsatze der Gleichheit und engen 
Verbrüderung aUer Moslimen, brachte er dieselben Grund- 
sätze auf alle zur Anwendung: er war der allgemeine Ver- 
mögensverwalter aller Gläubigen. Starb einer, der Schulden 
hinterliess, so übernahm er deren Tilgung. Es ist uns von 
Bochäry eine Tradition erhalten, wo es heisst: „Der Prophet 
pflegte , wenn ein Moslim starb , zu fragen , ob er genug 
hinterlassen habe, um seine Schulden zu bezahlen; lautete 
die Antwort bejahend, so verrichtete er selbst das Todten- 
gebet für ihn, im entgegengesetzten Falle Hess er es von 
der Gemeinde vornehmen. Als er aber seine Eroberangen 
gemacht hatte, sagte er: ich stehe den Moslimen näher als 
sie selbst; wer von ihnen stirbt und eine Schuld hinterlässt, 
für den will ich die Bezahlung übernehmen , wenn er aber 
ein Vermögen hinterlässt, so gehört es seinen Erben.*) 

») Boch&ry 1420. Dieselbe Tradition findet sieb bei Bal&dory p. 458, 

aber mit yerachiedenem IsnAd; docti reicht die Ueberliefernng' bei beiden 
T. Er ein er, Coltargeschicht« des Orients. 4 



50 ni. Die Staat0«inrichtiiiig«n der p»tiiarchali0ch«n Zeit 

Um uns nun einen Einblick in die staatlichen und 
socialen Verhältnisse jener Zeit zu verschaffen , beginnen 
wir damit, die Quellen des Staatseinkommens, und zwar 
vorerst die Steuern ins Auge zu fassen. 

Im Koran schon wird nächst dem Gebete die Entrich- 
tung einer Steuer anbefohlen, die mit dem Worte ,,Zakäh^^ 
bezeichnet wird, welches dem späteren hebräischen Wort- 
schatze entlehnt ist und so viel als Reinigung bedeutet, was 
von den Arabern dahin erläutert wird, dass durch die Leistung 
dieser Abgabe der Rechtgläubige sich und sein Besitzthum 
von jeder Sünde reinige. 

Und im Koran schon folgt das Gebot der Armentaxe 
unmittelbar auf das des Gebetes: „Verrichtet das Gebet und 
zahlet die Armentaxe!" (Sur. 2, 40). 

Diese Auflage hatte eine stark communistische Färbung; 
folgende Tradition wird dies deutlich machen : „Der Prophet 
sandte den Mo*äd nach Jemen und sagte ihm: fordere sie 
auf das Glaubensbckenntniss, dass keine Gottheit ausser Allah 
ist, und dass ich der Gesandte Allah's bin, abzulegen; ge- 
horchen sie, so belehre sie weiter, dass Gott fünf tägliche 
Gebete vorgeschrieben hat; fügen sie sich auch dem, so 
belehre sie ferner, dass Gott ihnen die Almosenabgabe 
(sadakah = zakäh^) von ihrem Besitzthum auferlegt hat, die 
von den Reichen eingetrieben wird, um an die Armen ver- 
theilt zu werden". 

Dieser Armentaxe legte man früh eine solche Bedeu- 
tung bei, dass man dieselbe als ein ebenso unerlässlichcs 
Erforderniss des echten Moslims bezeichnete, wie das Gebet 
selbst. ^) Damit die Steuer nicht die Armen treffe , waren 
gewisse Grenzen festgesetzt. Wir fassen im Nachfolgenden 



anf Abn Horaira als ersten Bürgen der Echtheit znHick nnd wir wissen, 
dass Abn Horaira keineswegs als unparteiischer Berichterstatter ra be- 
trachten ist. 

^) Bochftry 882. 



m. Die Staatseinrichtungen der patriarchalischen Zeit 51 

die wichtigsten gesetzlichen Bestimmungen hierüber zu- 
sammen. 

Abu Bakr schrieb an seinen Steuereinnehmer in Bahrain 
wie folgt: 

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen! 
Dies ist die Almosensatzung, die der Gesandte Gottes den 
Moslimen aufgestellt, und welche Gott seinem Propheten 
anbefohlen hat. Wer von den Moslimen um dieselbe ge- 
setzlich angegangen wird, der bezahle sie und wer um mehr 
angegangen wird, der gebe (sie) nicht: von 24 Kameelen 
oder (unter dieser Zahl) von mindestens fiinf Eameelen ein 
Schaf; von 25—35 ein weibliches Machädfiillen (d. i. ein 
Kameelfiillen im zweiten Lebensjahre), von 36 — 45 ein weib- 
liches Labunfiillen (d. i. ein Kameel im dritten Lebensjahre), 
von 46 — 60 eine ausgewachsene Hikkah (d. i. ein vierjäh- 
riges Kameel), von 61 — 75 eine Gada'ah (d. i. ein fiin^äh- 
riges Kameel), von 76 — 90 zwei Labun (d. i. Milchkameele), 
von 91 — 120 zwei vollgewachsene Hikkah; wenn die Zahl 
120 übersteigt, von je 40 eine Labunstute, von je 50 eine 
Hikkah; wer nicht mehr als vier Kameele hat, der ist frei 
von der Taxe, ausser er entrichtet sie freiwillig; wenn Jemand 
nicht mehr als fönf Kameele hat, so ist ein Schaf zu ent- 
richten; von den Schafen, wenn deren Zahl von 40 — 120 
beträgt, ist ein Schaf abzugeben ; von 121 — 200 zwei Schafe, 
von 201 — 300 drei Schafe, von jedem weiteren Hundert ein 
Schaf. Ist aber die Schafherde nur 39 Stück stark oder 
noch weniger, so ist keine Armentaxe zu entrichten, ausser 
freiwillig. Vom Geld ist ein Viertel des Zehnten zu ent- 
richten; ist es aber nicht über 190 Dirham, so ist keine 
Abgabe zu bezahlen, Jtusser aus freiem Willen des Eigen- 
thümers. ') Fehlerhafte, alte Thiere wurden nicht ange- 
nommen. 



<) Bochäry 921. VgL Mäwardj p. 199. Die Ziegen wurden zu den 

Schafen, die zweihöckerigen, tatarischen Kameele (hochty) zn den Eameelen 

gerechnet, ibid. 

4» 



52 I^I' ^^ Stafttseinricbtangen der paMarchalüchen Zeit. 

Hiezu erliess der erste Chalife Doch eine weitere Ver- 
ordnung, wodurch der Werth der Kameele im Vergleiche 
zu jenem der Schafe festgestellt wurde: ^wer von seinen 
Kameelen eine Gada'ah als Armentaxe abzuliefern hat, eine 
solche aber nicht besitzt, der kann eine Ilikkah und zwei 
Schafe oder deren Geldwerth, nämlich 20 Dirham abliefern. 
Wer als Taxe eine Hikkah zu entrichten hat, sie aber nicht 
besitzt, aber wohl eine Gada^ah, der kann die3e geben und 
hat ihm der Steuerbeamte noch zwei Schafe oder 20 Dirham 
herauszugeben; wer eine Hikkah abliefern soll, aber nur 
eine Bint-labun besitzt, der kann sie geben und erhält zwei 
Schafe oder 20 Dirham zurück. Wer eine Bint-labun ab- 
liefern soll, sie aber nicht hat, aber wohl eine Hikkah, von 
dem ist diese letztere abzunehmen, und hat der Steuerein- 
nehmer ihm zwei Schafe oder 20 Dirham noch herauszu- 
geben u. s. w." *) 

Man sieht, dass es damals schon als nöthig sich erwies, 
einen Preistarif aufzustellen über die Art und Weise, wie 
die Kameele, in welchen der grösste Theil der Armentaxe 
entrichtet ward, bei den Regierungskassen angenommen 
werden sollten. Die Schafe dienten als Scheidemünze und 
war der Preis eines solchen zu Abu Bakr's Zeit 10 Dirham 
(10 Frcs.), was verhältnissmässig sehr hoch ist. 

Abu Bakr's Verfügungen hielt Omar I., sein Nachfolger, 
aufrecht und vervollständigte sie. Es ist die Abschrift eines 
Erlasses erhalten, den er hierüber ausfertigte. Dieses merk- 
würdige Schriftstück lautet : „Im Namen Gottes, des Gnädigen, 
des Barmherzigen ! Dies ist die Schrift über die Armen taxe: 
auf 24 Kameele und weniger ist von je fünf Kameelen ein 
Schaf zu entrichten ; auf mehr, bis 35 Kameele, ein Machäd- 
fiillen und im Ermanglungsfalle ein männliches Labunfiillen; 
auf mehr bis 45 ein weibliches Labunfiillen, auf mehr bis 60 
eine Hikkah, auf mehr bis 75 eine Gada'ah; auf mehr bis 90 



») Bochäry 920. 



III. Die SUatiseinrichlangen der patrüirchalischen Zeit. 53 

zwei weibliche Labimfiilleii ; auf mehr bis 120 zwei Hikkah, 
auf jede höhere Anzahl ist von je 40 ein weibliches Labun- 
fiillen zu entrichten und von je 50 eine Hikkah.'^ ^) 

„Von den Schaf lieerden ist von 40 — 120 ein Schaf zu 
entrichten, auf mehr bis 200 zwei Schafe, auf mehr bis 300 
drei Schafe und auf mehr, von jedem Hundert qin Schaf. 
Es darf nicht abgeliefert werden als Steuerzahlung ein Bock 
und kein altes oder fehlerhaftes Thier, ausser wenn es der 
Steuerbeamte selbst zulässt. Auch sollen bei der Einhebung 
der Taxe nicht zwei verschiedene Stcuerobjccte vereinigt 
oder ein vereinigtes Steuerobject getrennt werden, aus Rück- 
sichtnahme für die richtige Einhebung der Armentaxe. Was 
zwei Miteigenthümcr gemeinsam besitzen, dafür sollen sie 
nach gleichem Masse unter einander die Taxe aufbringen. 
Von dem Zahlmittel selbst (Silber), wenn es fünf Unzen 
erreicht, ist ein Viertel des Zehntels zu entrichten (also von 
200 Dirham fünf, d. i. 2V-2 Procent" 2). 

Die Praxis bei der Einhebung dieser Taxe war, dem 
patriarchalischen Charakter der Zeit entsprechend, äusserst 
mild. Abu Bakr pflegte, wenn er die jedem Mitgliede der 
moslimischen Gemeinde zukommende Staatsdotation aus- 
theilte, jeden zu fragen, ob er etvras besitze , wovon er die 
vorgeschriebene Armentaxe zu entrichten hätte. Lautete die 
Antwort verneinend, so zahlte er die Dotation voll aus, im 
entgegengesetzten Falle zog er den Betrag der Taxe davon 
ab. 3) Auch war es Grundsatz, dass man nur von jenem 
Eigenthum die Taxe zu entrichten hatte, das man durch 



J) Vgl. Mawardy p. 197, dann Abu Jusof: Denkschrift fol. 43. 

2) Sharh almowatta^ II. p. 65, 56, auch bei Tirmidy und Abu Dawod ; 
es wird dazu bemerkt, dass Mohammed selbst dieses Steuergesetz schreiben 
Hess, ohne es jedoch seinen Steuereinnehmern mitzntheilen. Er trug die 
Pergamentrolle, worauf es geschrieben war, an seinem Schwerte befestigt. 
Abu Bakr that dasselbe, erst Omar soll es veröffentlicht haben und MAlik 
nahm es in sein corpus traditionum auf. 

3) Sharh almowattti' II. p. 44. 



^ 



54 UI. Die StukUeiDrichtangen der patriarchalttchen Zeit. 

ein volles Jahr bosass. Es hatte also jeder seinen Ver- 
mögensstand zu bekennen. Omar I. trug ausserdem den 
Steuerboamten besonders auf, die Leute nicht zu bedrücken 
imd ihnen nicht die besten Thiere aus ihren Heerden weg- 
zunehmen. Und auch noch später bestätigt Mälik, dass es 
üblich war, kein Thier, das bei dieser Steuerzahlung darge- 
bracht wurde, wegen Unbrauchbarkeit zurückzuweisen.*) 

Man ersieht hieraus, wie einfach die Sitten jener Zeit^ 
waren und wie wenig die Regierung an fiscalische Placke- 
reien dachte. 

Aber auch von den Kindern war die Steuer zu leisten. 
Von weniger als 30 Kühen war keine Steuer zu bezahlen. 
Von 30 Kühen war ein Taby' (d. i. ein abgespäntes einjäh- 
riges Kalb) zu entrichten, von 40 Kühen eine Mosinnah 
(d. i. eine mindestens dreijährige Kuh) u. s. w. 

Von anderen Nutzthieren ward in der frühesten Zeit 
keine Armen taxe erhoben, denn die allgemeine Regel lautet: 
,, Armentaxe (sadakah) ist zu zahlen von den Acker- 
feldern, vom Werthmetall und von den Heerden", 
wozu die Commentatoren ausdiiicklich beifügen, dass hier- 
unter Kameele, Rinder und Schafe (Ziegen) zu verstehen 
seien. 2) Dass für Pferde und Sklaven keine Taxe zu zahlen 
•war, soll schon der Prophet verfugt haben, da er den Aus- 
spruch gethan haben soll: ^Ich erlasse für die Pferde 
und Sklaven die Armentaxe, zahlet sie aber vom 
Gelde".'^) Hingegen waren die Lebensmittel, besonders 
die Körnerfrüchte und Gemüse, steuerpflichtig. Von anderen 
Früchten waren alle steuerfrei, mit Ausnahme der Datteln, 



1) Sharh almowatta' II. p. 63. 

2) Ibid. p. 43. 

3) Tradition des Abu Dawod citirt im Sharh almowatta' 11. p. 73. 
Nach einer Stelle in der Denkschrift des Abu Jusof fol. 43 soll Abu Hanyfa 
^lehrt haben, von jedem Pferde sei ein Dynar zu bezahlen. Die obige 
von Abu Dawod angeführte Tradition findet sich auch in der Denkschrift 
des Abu Jusof fol. 43. 



III. Die Staatneinrichtangen der pairiärchalischen Zeit. 55 

Rosinen und Oliven. Doch begann die Steuerpflicht nur 
für Quantitäten über vier Wask (Kameellasten). Bei den 
Datteln und Weintrauben fand die Abschätzung der Quan- 
tität im Verhältniss zur Enite statt, man verständigte sich 
über den muthmasslichen Ertrag, den eine Palmpflanzung 
oder ein Weingarten an Früchten liefern würde und be- 
stimmte danach die als Armentaxe abzugebende Quote. 
Sobald die Abschätzung stattgefunden hatte, Hess man den 
Eigenthümer frei damit schalten. ^) Honig war ganz steuerfrei. 

Bei der Bemessung der Ai'mentaxe von Grundstücken 
ward aber ein Unterschied gemacht nach der Qualität des 
Bodens. Nach Mälik^) sagte schon der Prophet, dass alles, 
was auf einem Boden wächst, der vom Himmel, natürlichen 
Quellen oder Grundwasser bewässert wird (ba*l), den Zehent 
(*08hr) zu entrichten habe; alle jene Producte aber, die eine 
künstliche Bewässerung erforderten, zahlten niu* den halben 
Zehent. 

Die Körnerfrüchte, von welchen der Zehent zu bezahlen 
war, sind folgende : Gerste (sha'yr, hordeum), Mais (dorrah, 
Sorghum vidgare), Weizen (hintah, triticum turgidum), Lubia 
(dolichos lubia Forsk.), die Platterbse (gilbän, pisum), die 
Linse (*adas, ervum lens Lin.), Reis (orozz, oryza sativa), 
Negerhirse (sorghum saccharatum), Solt, d. i. eine Gerstenart 
ohne Hülse (hordeum nudum), Sesam (golgolän^). 

Omar I., um den Import der Körnerfrüchte nach Medyna 
zu heben, denn Arabien musste zu jener Zeit, sowie noch 
jetzt, bedeutende Quantitäten importiren, setzte die Steuer 
davon auf den halben Betrag des Zehents herab. Auch von 
den Nabatäern, d. i. den aramäischen Bewohnern von Arabia 
Petraea, Hess Omarl. vom Getreide imd dem Oele nur die 
Hälfte des Zehenten einheben. ^) Für die übrigen Nahr- 

>) Sharh almowatta' II. p. 65. 

») Ibid. 

3) Ibid, p. 68. 

*) Ibid. p. 76. 



56 HI. Die SUAtMinrichiaiigeii der pairiarchalischen Zeit 

pflanzen ; die von den arabischen Juristen unter der Be- 
zeichnung: Kitnijjah zusammengefasst werden und die wir 
Schotenfrüchte nennen wollen, als: Erbsen (pisum arvense, 
arab. bisyllah) , Wolfsbohnen ( lupinus tcrmis, arab. tirmis), 
Kichererbsen (cicer arietinum, arab. hiinmas), Bohnen (vicia 
fava, arab. ful), Hess er die Steuei- des Zehenten fortbe- 
stehen. ') iVlle anderen Fmchtc und Gemüse waren steuerfrei.^) 
Das dritte wesentliche Steuerobjcct waren das baare 
Geld und die Werthmetalle (*ain). Der Prophet selbst hatte 
im Koran über die Steuer von baarem Gelde nichts bestimmt. 
Es ist nur ein Ausspruch Aly's bekannt, welcher gesagt 
habensoll: „Bezahlet die Geldtaxc, von je 20Dynar 
einen halben Dynar. " Allein diese Tradition ist nicht 
gut verbürgt, obgleich alle späteren arabischen Juristen sie 
wiederholen. Nach Malik ist die Steuer vom Gelde, wie 
folgt: Alles unter 20 Dynar ist frei, alles darüber ist steuer- 
pflichtig. 3) Die Steuer war ein halber Dynar von 20, also 
27'2 Procent. ^) Immer aber galt die Vorbedingung, dass 
das steuerpflichtige Capital dm*ch ein volles Jahr in derselben 
Hand sich befunden hatte. Ganz dieselbe Abgabe ward von 
dem Mietherträgniss der Sklaven, der Wohnhäuser u. s. w. 
oingehoben. ^) Ebenso galt dieselbe Taxe für die Bergwerke 
und Minen, doch mit dem Unterschiede, dass in diesem 
Falle sie nicht nach einem Jahre, sondern, wie bei der Ernte 
der Bodenerzeiignisse, gleich nach der Gewinnung fällig war, 
wenn der Betrag die Normalhöhe von 20 Dynar erreichte. ♦*) 
Von den in der Erde gefundenen alten Schätzen (rikäz) 
erhob der Staat ein Fünftel. Vom Goldschmuck ward die 

1) Sharh almowatta' II. p. 70. 

2) Ibid. p. 71. 

3) Ibid. p. 45. 

*) Man rechnete zuerst den Djuar ssu 10 Dirhain, .später, schon zur 
Zeit des Abu Hanyfa, zu 12 Dirham. 
*) Sharh almowatta' II. p. 46. 
6; Ibid. p. 47. 



III. Die Staatoeinrichiungen der patriarchalischen Zeit. 57 

Steuer erhoben; man wog ihn jährlich ab, und ergab das 
Gewicht einen Werth von mehr als 20 Dynar, so ward die 
Bezahlun^)^ der Taxe g;ofordert. *) 

Von Ambra und Moschus, den überaus theuer bezahlten 
und stai'k verbrauchten Rauchwerkon, war keinerlei Abgabe 
zu zahlen. 

Aber auch von den Handelsleuten trieb man eine Art 
Zoll ein , der jedoch nicht mehr in die Rubrik der Armen- 
taxe, sondern der allgemeinen Staatseinnahmen gehörte. 
Omar II. gab seinem Statthalter in Aila, dem jetzigen 
*Akaba, damals einem der wichtigsten Handelsplätze, weil 
der ganze Karawanenverkehr von Nordarabien nach Syrien 
und Aegypten hier dui'chzog, folgenden Befehl: „Nimm 
von den Moslimen von je 40 Dirham einen Dirham 
und schreibe ihnen eine Quittung für das Jahr, 
von den nicht mohammedanischen Kauflcuten aber 
nimm von 20 Dirham einen Dirham^. ''^) Der Zoll be- 
trug also fiir Moslimen 2 '/-i Procent, für Andersgläubige das 
Doppelte, 5 Procent. 

Wenn man diese Daten überblickt, so wird man wohl 
nicht mehr daran zweifeln, dass schon in den ersten Zeiten 
der mohammedanischen Herrschaft das Abgaben- und Stcuer- 
wescn sehr sorgfaltig beachtet ward und dass die Einnahmen 
des Staates eine bedeutende Höhe erreicht haben müssen. 

Schon Mohammed hatte eigene Staatsweiden, wo die 
Menge von Kameelen, Rindern und Schafen, die als Steuer- 
zahlung eingingen, gehalten und verwahrt wurden.*^) Die 
Stelle des Aufsehers der Staatsweiden (hima) war daher 
auch ein Vertrauensposten, den Omar I. einem seiner Frei- 

1) Sharh almowatta' II. p. 4U. 

^) Ibid. p. 51, ö2. Omar n. stützte sich in allem auf den Vorgang 
der ersten Chalifen und besonders OmarV I., so dass mit Recht ange- 
nommen werden darf, dieser Zoll sei keine Neuerung gewesen. 

3) Das Weiderevier zur Zeit Mohammed's war in Naky"; Omar I. 
hatte seine Weiden in Rabada und öaraf; M&wardy p. 322. 



58 111- ^^^ StaaUeiorichUngen der pairiarchali»cheu Zeit 

^elassenou übeHrug. Auf diesen Staatsweiden befanden sich 
unter Omar I. nicht weniger als 40,000 Kanieele und Pferde J) 
Man machte diese dem Staate gehörigen Thiere dadurch er- 
kennbar, dass man ihnen eine besondere Marke (wasm) 
einbrannte. 

Was aber die Verwendung der grossen aus dieser Quelle 
der Regierung zufliessenden Mittel an Heerden und baarem 
Oelde anbelangt, so sollte grundsätzlich nach dem Gebote 
des Propheten der Ertrag der Armentaxe zu folgenden 
Zwecken vei'wendet werden: 1. Ausrüstung der Soldaten 
zum Kriege gegen die Ungläubigen, 2. Bezahlung der mit 
der Einsammlung und Einhebung der Taxe betrauten Be- 
amten (*Amil), 3. Unterstützung mittelloser Moslimen*^), doch 
immer mit Ausschluss der beiden edlen koraishitischen 
Familien der Mottalibiden und Hashimiden, der nächsten 
Stammesvei'wandten des Propheten, die ausdrücklich von 
der Betheilung aus den Geldern der Armentaxe ausge- 
schlossen waren, indem sie schon aus den allgemeinen Staats- 
mitteln fixe Dotationen zugewiesen erhielten. 

Allein es dauerte sicher nicht lange, bis sich die Ge- 
pflogenheit herausgebildet hatte, dass der gosammte Ertrag 
der Ai-mentaxe, ebenso wie das andere Staatseinkoni men 
ganz zur beliebigen Verfügung des Staatsoberhauptes stehe. 
Diese Ansicht ward schon früh in den staatsrechtlichen 
Theorien der Schule von Medyna gelehrt, die nach Malik 
ihren Namen trägt. ''^) Im Anbeginn des Islams hingegen 
wurde einzelnen Provinzen die Begünstigung eingeräumt, 
dass die daselbst eingehobene Armentaxe gleich in der Pro- 
vinz selbst an die Armen zur Vertheilung kam; dies war 
namentlich in Jemen der Fall.^) 



*) Sharh alinowatta' IV. p. 246, 247. 

2) Ibid. IL p. 63; Bochary 221^. 

3) Sbarh almowatta* II. p. 64. 
*) Bochäry 946. 



III. Die StoBiBeinrichtangen der patriarchalischeu Zeit. 59 

Aber noch viel bedeutendere Einkünfte flössen dem 
Staatsschätze aus anderen Quellen zu und bildeten das 
eigentliche allgemeine Staatseinkommen (fay'). Unter dem 
ersten Imd besonders dem zweiten Chalifen machten die 
Araber grossartige Eroberungen ; die reichsten und schönsten 
Länder: Syrien, Babylonien und Aegypten kamen in ihren 
Besitz und aus diesen Gebieten strömten ungeheure Summen 
und Werthbeträge, sei es in baarem Gelde, sei es in Kost- 
barkeiten der verschiedensten Art, nach Arabien und in die 
Schatzkammer der Chalifen, denn die unterworfenen Völker 
hatten namhafte Kriegscontributionen und Steuern theils in 
baarem Qelde, theils in natura zu erlegen. 

Die beiden Religionen, welche in den von den Arabern 
eroberten Provinzen des byzantinischen und persischen Reichs 
vorherrschten, waren das Christenthum und der Parsismus. 
Nach den schon von Mohammed aufgestellten Grundsätzen 
sollte aber eigentlich nur mit jenen Völkern unterhandelt 
werden, die im Besitze einer Offenbarung sich befanden; 
der Koran bezeichnet sie mit der Benennung „ Schriftbe- 
sitze r^, indem nur sie solche heilige Schriften hatten und 
an Propheten glaubten, die auch vom Koran anerkannt 
werden. Solche Schriftbesitzer waren eigentlich nur die 
Christen und Juden nebst den Samaritanern, allein auch die 
Parsen, zu welchen man die Manichäer rechnete, wurden 
von Omar I., trotzdem sonst das mohammedanische Gesetz 
für sie viel weniger nachsichtig ist als fiir die beiden ersten, 
dennoch wie die Schriftbesitzer behandelt, und 'Osmä-n er- 
streckte dieselbe Nachsicht auch auf die Bewohner Nord- 
afrikas, die Berberen. 

Die Steuern, welche die untei'worfenen Völker Aegyp- 
tens, Syriens, Mesopotamiens und Persiens zu zahlen hatten, 
waren zweifach: 1. Kopfsteuer (gisga, tributum capitis), 
2. Grundsteuer (char&g, tributum soli). Beide waren ver- 
muthlich den im römischen Reiche unter denselben Benen- 
nungen bestehenden Steuern nachgebildet und von der Kopf- 



60 in. Die Biaateeinrichtinigeii der pHtriarchalischeD Zeit. 

Steuer wissen wir, dass sie sclion im persischen Reiche unter 
den Sasaniden üblich war. ') Durch besondere Capitulationen, 
welche die Araber sehr gewissenhaft einzuhalten pflegten, 
hatten zwar auch einzelne Städt(^ und Landstriche sich eine 
bevorzugte Stellung ausbedungen. Für die grosse Masse 
der eroberten I^ändcr aber brachten die Araber die Kopf- 
und Grundsteuer nach denselben Principien zur Anwendung. 

Omar I. erliess hierüber die ersten Verfiigungen. Er 
verordnete, dass in den Ländern, wo die (iohiwährung 
herrschte, nämlich in Acgypten und Syrien — die Normal- 
münze war daselbst der römische Solidus — alle erwachsenen 
Einwohner männlichen Geschlechts 4 Dynar als jährliche 
Kopfsteuer zu entrichten hätten, während er in den Ländern, 
wo die Silbei'währung Geltung hatte — Mesopotamien, Ost- 
arabien (Bahrain), Persien — die Normalmünzc war daselbst 
der sasanidische Dirham — die Kopfsteuer auf 40 Dirham 
ansetzte; der Dynar war nämlich zu jener Zeit im Werthe 
gleich 10 Dirham. 

Die Kopfsteuer hatte drei Klassen: die Reichen zahlten 
vier, die mittlere Klasse zwei, die Armen aber nur einen 
Dynar. ^^) 

Diese Ziffern gelten für die Bewohner von Mesopota- 
mien. In Syrien ward die Kopfsteuer in ähnlichem Aus- 
masse festgestellt, doch fehlen bestimmte Angaben; nur 
wissen wir, dass daselbst die Kopfsteuer fiir die einzelnen 
Gemeinden mit Pauschalbeträgen bemessen war, welche 

1) Vgl. Canssin de Perceval: Essai sur Phistoire des Arabes III. 
p. 408, statt 4 Dirham ist dort zu verbessern 4 Dynar. 

2) Balftdory p. 269. Malik rechnet gewöhnlich den Dynar za 10 Dir- 
ham, an zwei Stellen III. p. 192, IV. p. 17 aber zu 12 Dirham, später 
aber rechnen ihn die Juristen, wie Abu Hanyfa, Ahmad Ibn Hanbai zu 
12 Dirham. Es scheint sich also der Wcrth des Goldes erhöht oder der 
Feingehalt und da« Gewicht des Dirhams vermindert zu haben. Durch die 
Münzen wird dies in der That bestätigt : die späteren Dirhams wiegen im 
Durchschnitte nur 2*97 Grm. gegen 3*9 des früheren sasanidischen Dirhams. 



9 



II]. Die Staataeinrichtangen der patriarchaliBchen Zeit. 61 

unverändert blieben, g-lcichviel, ob die Kopfzahl zu- oder 
abnahm. ^) In Aegypten betrug die Kopfsteuer 2 Dynar von 
jedem erwachsenen, erwerbsfähigen Individuum männlichen 
Geschlechtes. 2) 

Ausser dieser Kopfsteuer hatten die unterworfenen 
Völker Naturallieferungen an die Truppen zu leisten und 
zwar waren si^ vei*pflichtet, für jeden arabischen Krieger 
nach Omars Bestimmungen folgende Quantitäten monatlich 
beizubringen: in Syrien und Mesopotamien zwei Modd 
Weizen, dann drei Kist Oel (der Kist ist das griechische 
Bohlmass ^sotiqc;); dann ein gewisses Quantum Schmalz 
(wadak) und Honig. Die Bewohner von Irak aber hatten 
zu liefern 15 Sä* Weizen, dann ein gewisses nicht näher 
angegebenes Quantum Schmalz. Die Aegypter mussten mo- 
natlich einen Ardeb Weizen liefern, sowie die zui* Beklei- 
dung der Truppen und des Chalifen erforderliche Leinwand. 3) 
Makryzy, der ägyptische Historiker, 4) gibt nach dem Ueber- 
lieferer Zaid Ibn Aslam folgende Nachrichten über Omar's 
Steuersystem, wodurch obige Daten vervollständigt und be- 
stätigt werden. Den Befehlshabern der Truppen Hess Omar 



«) Tradition Ton Ibn 'Aid bei Ibn 'Asäkir fol. 88 v». Ea berichtet 
Walyd wie folgt: Mir erzählten Ibn G&bir und Andere, dass sie (d. i. die 
Moslimen) mit ihnen (d. i. mit den Bewohnern von Syrien) Frieden schlössen 
unter der Bedingung, dass sie eine gewisse Summe als Kopfsteuer zu ent- 
richten hätten, die weder erhöht werden dürfte, wenn ihre Kopfzahl zu- 
nahm, noch vermindert, wenn sie abnahm. 

2) Ich stelle hier einige Daten über die Kopfsteuer in Aegypten zu- 
sammen. Unter dem Chalifen Omar hatten die Einwohner von Aegypten 
2 Dynar per Kopf zn zahlen, dann Weizen, Oel, Honig und Essig in be- 
stimmten Quantitäten zu liefern. Aber unter demselben Fürsten trafen sie 
ein Uebereinkommen , welchem zufolge für alles in allem sie 4 Dynar 
zahlten. Baladory p. 216, 218. Das Erträgniss der Steuer hob sich denn 
auch bis auf 14 Millionen Dynar. Sojuty: Hosn almohädarah I. p. 69, 70. 
VgL über die Kopfsteuer im Allgemeinen Mawardy p. 249. 

3) Sharh abnowatta* II. p. 74. 
*) Makryzy: Cliitat I. 76. 



« 



62 in* Dl« StaAtteinrichtangen der patrUrchalischM Zeit 

den Auftrag zukommen, dass die Kopfsteuer nur von den 
Individuen männlichen Geschlechtes eingehoben werden 
dürfe ; die das mannbare Alter erreicht hatten (man garat 
*alaihim almawäsy) ; von den Völkern, bei denen die Silber- 
währung bestand, sollten 48 Dirham (= 4 Dynar), von 
denen, wo die Goldwährung herrschte, 4 Dynar erhoben 
werden ; die Bewohner von Irak hatten an Naturallieferungen 
zu leisten, fiir jeden Moslim monatlich 15 Sä' (Weizen) und ein 
Quantum Schmalz; die Aegypter mussten monatlich einen 
Ardeb und ein Quantum Schmalz und Honig liefern, dann 
den Linnenstoff (bizz) für die Bekleidung der Truppen, 
endlich hatten sie jedem Moslim dreitägige freie Verpflegung 
zu gewähren; die Bewohner Syriens und Mesopotamiens 
hatten zu liefern (monatlich) zwei Modd Weizen, 3 Kist Oel, 
dann Schmalz und Honig. Für alle Nichtmoslimen waren 
bleierne Controlsmarken vorgeschrieben, die sie am Halse 
zu tragen hatten und die als Beweis der richtig bezahlten 
Kopfsteuer galten.') Die Kopfsteuer, welche *Amr Ibn 
'Asy bei der Eroberung Aegyptens den Kopten auferlegte, 
war für jeden 2 Dynar. Ihre Zahl belief sich damals auf 
8 Millionen. 

Die Grundsteuer haftete auf dem Boden und dessen 
Erzeugnissen. Omar scheint diese Auflage zuerst in Irak 
kennen gelernt zu haben, wo sie schon unter persischer 
Herrschaft bestand, und dieses persische Steuersystem nahm 
er unverändert an. 

Von je 3600 DEllen (Garyb) musste ein Kafyz und 
ein Dirham entrichtet werden. ^) Omar Hess, als Babylonien 
erobert ward, das ganze Land vermessen und bestimmte die 
Giomdsteuer wie folgt: von jedem Garyb Land, das von 
der periodischen Ueberschwemmung des Stromes erreicht 
wurde, gleichviel ob es bebaut ward oder nicht, hob er 



>) Vgl. Abu Juflofs Denkschrift, die hiermit übereinstimmt. 
2; M&wardy p. 256. 



in. Die Staatfleinrichtangen der patriarchalischea Zeit. 63 

eine Grundsteuer von 1 Kafyz in natura und 1 Dirham in 
Geld ein. ') 

Von jedem Garyb Wiesengrund 5 Kafyz in natura und 
5 Dirham in Geld. Von jedem Garyb mit Bäumen bepflanz- 
ten Landes 10 Kafyz in natura und 10 Dirham. Ebenso 
von jedem Garyb Palmenpflanzung oder Weingarten ; nach 
Andern nur 8 Dirham.^) 

Von jedem Garyb Zuckerrohr 6 Dirham ; Weizenboden 
4, Gerstenboden 2 Dirham.^) 

Es darf nicht überraschen , dass in den Einzelheiten 
die Angaben von einander abweichen; allein das diesem 
Besteuerungssystem zu Grunde liegende Princip lässt sich 
trotzdem vollkommen erkennen; es war ein ganz richtiges, 
indem es die Steuer nach der Güte des Bodens und der 
Art der Bebauung desselben bemass. 

Eine Ausnahmsbestimmung Omar's I. darf hier nicht 
unerwähnt bleiben, die er zu Gunsten des arabischen Stammes 
Taghlib machte, der in Mesopotamien seine Wohnsitze hatte 
und dort Ländereien bebaute. Er wollte die Angehörigen 
dieses Stammes als reine Araber nicht den unterworfenen 
Völkern gleichstellen, obgleich sie den Islam anzunehmen 
sich hartnäckig weigerten und bei dem Glauben ihrer Väter, 
dem Christenthum, ausharrten. Omar verordnete, dass die 
Taghlibiten die doppelte Armentaxe entrichten, hingegen 
von der Kopf- und Grundsteuer befreit sein sollten.^) 

In Syrien und Aegypten herrschton in der Besteuerung 
des Grundes und Bodens einzelne Ungleichheiten , indem 



<) Ganz übereinfltimmend hiemit Abu Jusof, Denkschrift fol. 21, 22. 

2) Abu Jnsof fol. 21. 

3) Balftdory p. 269, 270. Nach Abu Jusof fol. 22 und 23 waren die 
Palmen steuerfrei; vom Garyb Sesam erhob er 6 Dirham, vom Grünzeug 
3 Dirham, von Baumwolle 5 Dirham per Garyb. Nach einer andern Stelle 
fol. 21 ward von Palmpflanznngen und Weingärten die Steuer ^on 8 Dir- 
ham eingehoben. 

*) Ihn Atyr II. p. 410, Mftwardy p. 249. 



G4 ni- I^>6 9taatBeinr1chtnnfi;en der patmrehftlischeii Zeit 

sich der Steuersatz oder die Art der Einhebung; und Be- 
zahlung nach den verschiedenen Agricultur- und Werthver- 
hältnissen richteten. In Spanien vertheilte der arabische 
Feldherr nach der Eroberung alle jene Ländereien, die 
durch Eroberung und nicht mittelst friedlicher Capitulation 
in den Besitz der Moslimen gekommen waren, an seine 
Krieger; das Fünftel aber ward als Staatseigenthum, zum 
Kronland erklärt und die auf solchen Gründen ansässigen 
Christen beliess man daselbst, gestattete ihnen wie früher 
das Land zu bebauen, wogegen sie ein Drittel des Erträg- 
nisses an den Staatsschatz abzuliefern hatten. Die durch 
Capitulation erworbenen Gründe, welche alle in den nörd- 
lichen Provinzen lagen, blieben im Besitze ihrer früheren 
Eigenthümer gegen Bezahlung der Kopfsteuer.*) 

Nächst diesen Quellen des Einkommens war aber sicher 
eine der bedeutendsten die Kriegsbeute, von welcher dem 
Staatsschatze ein Fünftel zufloss, eine Quelle, die bei den 
fast ununterbrochenen Erobenmgskriegen des ersten Jahr- 
hunderts ungeheure Summen geliefert haben muss. 

Die steigenden Einkünfte machten auch bald die Noth- 
wendigkeit fühlbar, hierüber Buch zu halten und Rechnung 
zu fuhren, sowohl über Einnahmen als über Ausgaben. 
Omar I. nahm desshalb die bereits im persischen Reich 
bestandene Einrichtung der Rechnungshöfe an, die unter 
dem Namen Dywän bekannt ist, welche Benennung später 
i auf alle andern Regierungsämter übertragen ward. 2) 

Als der Statthalter von Bahrain einst nach Medyna 
kam, meldete er dem Chalifen Omar, dass er von dem Ein- 
kommen der Provinz eine halbe Million Dirham mitbringe. 
Der Chalife aber meinte, es sei nur im Scherze gesagt, 

') Dozy: Recherches Bur Thistoire et la litt<jrature de TEspa^e etc. 
I. p. 79, II. Ausgabe. 

2) Vg^l. Bal&dory p. 193, 453; Sojuty: Hosn almohftdarah T. p. 71. 
Das Wort Dyw&n ist übrigens nicht persischen, sondern aratnaischen ITr- 
spnings. Vgl. Cnltnrgesch. Strcifzügo p. XII. Anmerkung. 



III. Die Staateeinrichtungen der patriarchalischen Zeit. 



65 



denn die Summe ging weit über alles hinaus, was er bisher 
gehört hatte. Als er endlich von der Richtigkeit der Sache 
sich überzeugt hatte, sprach er von der Kanzel herab, nach- 
dem das Volk in der Moschee sich zum Gebete versammelt 
hatte: ,,Ich habe grosses Q-ut aus Bahrain erhalten^ wenn 
ihr wollt, so messe ich es euch mit dem Metzen zu, oder 
zieht ihr es vor, so zählen wir es." *) 

Man sieht hieraus, dass er noch ganz im Sinne der 
patriarchalischen Zeit das in den Staatschatz fliessende Geld 
gleich an die Gemeinde zu vertheilen beabsichtigte. Ein 
Mann aus dem Volk soll da gesagt haben, er hätte gesehen, 
dass die Perser ihren Schatz mittelst eines Dywans (Rech- 
nungshofes, und davon abgeleitet Buchführung) in Ordnung 
hielten und er knüpfte den Vorschlag daran, dass man das- 
selbe System annehmen möge. Omai- ging hierauf ein und 
Hess Rechnungsregister anlegen^ worin sowohl die Einnahmen 
als die Ausgaben verzeichnet wurden. In Medyna war dies 
eine Neuerung. In den eroberten Provinzen des byzantini- 
schen und persischen Reichs, in Aegypten und Syrien Hessen 
die Araber die Buchhaltung durch die eingebornen Christen 
in griechischer Sprache, in Babylonien und Mesopotamien 
durch die Perser in persischer Sprache fuhren. Erst unter 
den Omajjaden - Chalifen ward die arabische Buchhaltung 
allgemein eingeführt und das Griechische oder Persische als 
Amtssprache aus den Rechnungsbüchern, Steuerrollen und 
den Kanzleien verdrängt. 2) 

Omar Hess nun in Medyna selbst solche Verzeichnisse 
der Einnahmen und Ausgaben anfertigen und verband hieinit 
die Organisation eines nach gewissen, festen Grundsätzen 
entworfenen Dotationssystems aller Moslimen. Während 
früher Abu Bakr und dann Omar selbst, wie wir oben gesehen 
haben, die Staatseinkünfte kurzweg an die versammelte Ge- 



i 



V 



») Abu Juaof : Denkschrift fol. 27 rO. 

2) BalAdory p. 193, 463. 
V. Kremer, Culturgetichicbte des Orients. 



60 in. Die .Staatneinrichtungon der patriarchalischen Zeit. 

meinde vertheilteo, ^) hatt« mm die ungeheuer rasche Zu- 
nahme der moslimischenReligionsjjfenossenschaft, deren durch- 
weg-s krieg^erisehe Organisation, der massenhafte Uebertritt 
fast aller Bewohner des grossen arabischen Continents, 
die Nothwendigkeit nahe gelegt, Ordnung und Kegelmässig- 
keit in die Geldvertheilung zu bringen, die einer der mäch- 
tigsten Hebel der neuen Religion, eine der stärksten Stützen 
des neuen Staates war. Es lag auch hier die schon früher 
betonte entschieden demokratisch - socialistische Idee des 
ersten Islams zu Grunde , und ist auch diese staatliche 
Schöpfung durch ihre Neuheit, ihre Tragweite und Folgen 
eine der wichtigsten Erscheinungen nicht blos des Islams, 
sondern der Geschichte überhaupt. 

Die Verlegenheit damber, was man mit dem beiden- 
massig vielen Geld anfangen sollte, gab den ersten Anstoss 
dazu, dass Omar mit den angesehensten Gefährten des Pro- 
pheten berathschlagte , wie die Vertheilung durchzufuhren 
sei; denn dass das ganze verfügbare Staatseinkommen ein 
Gesammteigenthum der Moslimen sei, und dass es vertheilt 
werden müsse, daiüber waren alle einig. Man wies auf die 
byzantinischen Einrichtungen hin, welche die Araber in 
ihren Kriegen kennen gelernt hatten und man rieth, wie es 
di(5 Griechen hielten, welche Volksregister hatten und ihren 
Soldaten fixe Löhnung zahlten, auch für die Moslimen einen 
allgemeinen Census vorzunehmen und jedem einen festen 
Autheil zu bestimmen. 

Bei der Abfassung dieses Census hielt man sich in 
streng arabischer Auffassung an die Gliederung des ganzen 
Volkes in Stämme und Familien. Man begann selbstver- 
ständlich mit der Familie des Propheten und liess die andern 
arabischen Stämme in einer Reihe darauf folgen, welche dem 

^) Abu Juaof fol. 2ö, schon Abu Bakr liess eine Vertheilong an alle 
Moslimen (in Medyna) vornehmen; joder erhielt 9'/j, Dirham, nnd zwar 
Frauen, Kinder, Freie und Clicnten ohne Unterschied; im nächsten Jahre 
floss mehr in den StÄJitsschatz und da erhielt jeder 20 Dirham. 



m. Die StaatBeinrichtnngen der patriarchalischen Zeit. 67 

Däheren oder entfernteren verwandtschaftlichen Verhältniss 
entsprach; in dem sie zum Propheten gestanden waren. ^) 

Omar begann seinen Census mit den Wittwen des 
Propheten: 'Aisha stellte er an die Spitze und wies ihr 
den Jahresgehalt von 12.000 Dirham an. Auf sie folgten 
die übrigen Propheten - Wittwen mit je 10.000 Dirham. 2) 
Denselben Betrag wies er den Gliedern der Familie Ilashim 
(Häshimiden und Mottalibiden) an, die an der Schlacht von 
Badr Theil genommen hatten.^) Auf diese Hess er mit ge- 
ringeren Beträgen jene Mitglieder folgen, die erst später 
den Islam angenommen hatten. Nach den Anverwandten 
des Propheten kamen die Ansllrs, und zwar begann er mit 
Sa*d Ibn Mo'äd vom Stamme Aus ; auf diesen folgten dessen 
Stammesverwandte und hiebei wurden immer jene in die 
erste Reihe gestellt, welche den Islam fiiiher angenommen 
und sich in den Kriegen und Kämpfen des Propheten her- 
vorgethan hatten. Omar wich in dieser Anordnung von 
Abu Bakr ab, der alle Moslimen, ohne Unterschied des 
Ranges, mit gleichen Beträgen betheilt hatte. 

Von solchen Grundsätzen ausgehend, stellte er jene 
Ansärs und Mohagirs an die Spitze, die in der Schlacht 
von Badr gefochten hatten; jedem von ihnen wies er eine 
Jahresdotation von 5000 Dirham und ebensoviel ihren 



1) Eine gntc Vorstellnng der Stammliste Omar^s kann man sich 
machen, wenn man die von Wüstenfeld zusammengestellten Stammregister 
nnd zwar die Ucbersichtstabellc der isma'ilitischen Stämme sich ansieht; 
die Reihenfolge war also: 1) Wittwen Mohammed's, 2) H^himiden: a) AI7 
und seine Familie, b) Abbasiden, c) Abu Bakr nnd der Stamm Taim, 
3) Omar und die Stämme *Adj, Gomah nnd Sahm, 4) 'Osmftn Ibn 'Affan 
nnd die Omajjaden, 5) Omajjaden in genere n. s. w. 

2) Nach Mäwardy nur 6000 Dirham. Aber nach Ahn Jnsof bekamen 
alle Wittwen des Propheten mit Ausnahme der SaflQjja und Gowairijja 
12.000 Dirham, den beiden letztgenannten wies er nur COOO Dirham zu; 
sie protestirten aber und da gab er auch ihnen denselben Betrag, wie den 
übrigen. Abu Jusof fol. 25 v° nach einer Tradition des Abu Mas'har. 

3) Vgl. Mawardy Cap. XVni, I. p. 347. 

6* 



63 ^^» ^i< StaatseüiTiclitniifeii der patriArchAliBcheii Zeit. 

Stammesverbündeten (halyf) und dienten (mawäly) an, und 
dieselbe Dotation bestimmte er für sich selbst. ') Jenen, 
welche ebenso frühzeitig den Islam angenommen hatten, oder 
die sich vor den Verfolgungen der Mekkaner, um dem Islam 
treu zu bleiben, nach Abyssinien geflüchtet hatten, bestimmte 
er 4000 Dirham,'^) den Söhnen der Badrkämpfer 2000 Dir- 
ham, nur Hasan und Hosain erhielten wegen ihrer nahen Ver- 
wandtschaft mit dem Propheten je 5000 Dirham und eben- 
soviel auch 'Abbas Ibn Abdalmottalib. Jedem, der sich schon ' 
vor der Einnahme von Mekka dem Propheten angeschlossen 
hatte, wies er 3000 Dirham zu, denen, die erst mit der 
Einnahme dieser Stadt zum Islam sich bekehrt hatten, gab 
er 2000 Dirham und ebensoviel den Söhnen der Ans&rs 
und Mohägirs. Seinem eigenen Sohne setzte er 3000 Dirham 
aus. 3) Einige Personen, die sich einer besonderen Zuneigung 
des Propheten orfreut hatten, erhielten ausnahmsweise höhere 
Dotationen im Betrage von 4000 Dirham.^) 

Nach diesen ordnete er die grosse Menge des gesamm- 
ten arabischen Volkes je nach ihrer Stellung im Register 
der Stämme, nach ihrer Kenntniss des Korans und ihren 
kriegerischen Verdiensten. Den Jemeniden und Kaisiden, 
welche Stämme sich in Syrien und Irak angesiedelt hatten, 
warf er Gehalte von 300, 500—1000 oder selbst bis 2000 
Dirham aus.-^) 

Alle übrigen kamen in eine gemeinsame unterste Classe. 
Den Frauen, die nach Mohammed 's Flucht nach Medyna 
ebenfalls Mekka verlassen hatten, wies er auch fixe Be- 

') Abu Jiifiof fol. 2.0 nncli Abu Ma'shar, vgl. awch Mriwardy p. .'U7. 

2) Abu Ju8of ibid. 

3) Abu Jusof ibid. 

"*) MÄwardy Cap. XII. .Seine Angaben stimmen im Wesentlichen 
mit Abu Jusof überein, so dass es kaum zu bezweifeln ist, dass er ihn 
benützt habe. 

^) Mawardy. 



III. Die Staatoeinrichtnngen der patriarchalischen Zeit. 69 

träge zu, einer sogar 6000 Dirham , den anderen 1000 biB 
3000 Dirham. Für die der Brust entwöhnten Kinder be- 
stimmte er je 100 Dirham, die er, wenn sie heranwuchsen, 
auf 200 und später noch weiter erhöhte. Selbst für Find- 
linge sorgte er auf dieselbe Weise und ernährte sie auf 
Staatskosten. 

Ganz besonders muss hervorgehoben werden , dass 
Omar zwischen Vollblutarabern (saryh), Halbarabern (halyf) 
und Clienten in der Betheilung mit Dotationen keinen Unter- 
schied machte; er wollte alle Moslimen vollkommen gleich 
behandelt wissen. An einen Statthalter, der den Arabern 
die Dotationen ausbezahlt, die Clienten aber abgewiesen 
hatte, schrieb er folgenden lakonischen Erlass : „Es sei dem 
Manne als Missethat angerechnet, wenn er seinen Bruder 
Moslim verachtet!^ — Ja selbst Nichtarabern, die zum Islam 
übergetreten waren, wies er Dotationen an; so. verschiedenen 
persischen Landedelleuten in Mesopotamien und einem 
früheren Christen aus Hyra. In Betreff der zum Islam 
übergetretenen Fremden und ihrer Clienten gab er seinen 
Truppenbefehlshabern den gemessenen Auftrag, sie ganz auf 
gleich mit den Moslimen zu behandeln, deren Rechte und 
Pflichten sie zu theilen hätten und er gestattete sogar, dass 
sie für sich einen besonderen Stamm bilden dürften, der 
nach denselben Grundsätzen mit Jahresdotationen zu be- 
theUen sei, wie die arabischen Stämme. 

Auch den Kindern und Weibern der Soldaten (die im 
Felde standen oder gefallen waren) w^ies er je 10 (Dynar) 
an und *Osmän sowie die späteren Chalifen bestätigten dies. 
Selbst moslimische Sklaven Hess er nicht unberücksichtigt: 
drei Sklaven , die bei Badr gefochten hatten , bedachte er 
mit jährlichen 3000 Dirham. Den Truppen und Einwohnern 
von Medyna scheint er ausserdem noch bestimmte Rationen 
monatlich veitheilt zu haben , die er für jeden Mann, auch 
die Sklaven inbegriffen, auf monatlich zwei Motzen (Modj) 
Weizen und zwei Mass (Kist) Essig festsetzte. 



70 I^I- ^^® Staattteinrichtangeii der patiiarchalischen Zeit. 

Dieser Census des g-esammten moslimischen Volkes 
ward, wie es scheint, sehr ^euau durchfi^eiuhi't. Jeder arabi- 
sche Stamm war in einer besonderen Liste mit all seinen 
Mitgliedern eing-etragen und die Veränderung durch Todes- 
fälle oder Geburten wurden sorgfältig vorgemerkt. So wird 
berichtet, dass Omar I. einst selbst mit dem Register des 
Choza'astammes hinauszog und den ganzen Stamm vorlud, 
um jedem seinen Antheil auszufolgen. ') Später, unter Mo'ä- 
wija wurden sogar eigene Aufseher bestellt, die genau jede 
Geburt und jeden Todesfall registrirten. *'^) 

Ueberblickt man diese Thatsachen, so wird man wohl 
keinen Augenblick zögern, zu bekennen, dass man hier 
vor einer der eigenthümlichsten Erscheinungen der Ge- 
schichte steht. Auch in altasiatischen Reichen, sowie im 
römischen , hatte man allgemeine Volkszählungen vorge- 
nommen, aber jeder solche Census hatte nm* den Zweck, 
schwerere Auflagen und Steuern einzuführen und zu ver- 
hindern , dass kein verlorenes Schäflein der menschlichen 
Hcerde dem. Scheermesser der Finanzbeamten entgehe. 
Omar I. führte seinen Census im entgegengesetzten Sinne 
durch, um allen jenen, die zum Koran sich bekannten, aus 
dem Staatseinkommen den nach den damals herrschenden 
Ansichten als Recht ihnen gebührenden Antheil zuzu- 
weisen. 

Es braucht wohl nicht des längeren erörtert zu werden 
welchen Eindruck auf die Massen, welche Anziehungskraft 
diese Politik ausüben musste. Der religiöse Enthusiasmus 



J) Nach Balädory p. 448 ff. 

-) Sojuty: Hosn almohadarah I. 71. Die ganze folgenschwere Mass- 
regel der Registeraufertlgung und Dotationsanwoisung soll Omar im Jahre 
20 H. durchgeführt haben. 

3) Nach Theo phanes nahm Omar im Jahre 631 Chr. einen allgemeinen 
Census vor und Hess sowohl das Volk, als die Heerdcn und Pflanzungen 
abzählen. Allein das Datum ist irrig, denn erst 634 Chr. kam Omar zur 
Regierung. 



III. Die ätaatüeiarichtungeii der patriarchäliächen Zeit. 7 1 

mag* im Beginne des Islam» viel zur Befestigung der neuen 
Religion beigetragen haben, aber der sichtue Gewinn an 
Geld und Gut, den Omar den Gläubigen zuwendete, hat 
gewiss den grössten Antheil an der riesigen und unaufhalt- 
bar rasehen Verbreitung der Keligion Mohammed's, sowie 
an dem fabelhaft schnellen Anwachsen des mohammedani- 
schen Staatswesens. Die unterjochten Völker mussten säen 
und arbeiten. Die Moslimen aber ernteten, genossen und 
trieben nur das edle Kriegshandwerk. Jene zahlten Kopf- 
und Grundsteuer und mussten noch Naturallieferungen leisten. 
Die Moslimen aber entrichteten 2'/.^ Procent Vermögens- 
steuer (d. i. Armentaxe), eine (irrundsteuer von 10 Procent, 
erhielten aber dafür vom Staate, nebst vier Fünfteln der 
Kriegsbeute, noch tixe Jahresdotationen. Ein gemeinsames 
Leben sinteressi; vereinigte die ganze überaus schnell ange- 
wachsene Staatsgemeinde der Äfoslimen , ein Gedanke be- 
lebte sie. Auf diese Art gründeten sie ihr Weltreich auf der 
festesten und unwandelbarsten Grundlage der menschlichen 
Dingte ; auf dem stets gleich regen materiellen Interesse, 
wozu als nicht minder wichtiger Kitt das von C)mar eigent- 
lich erst recht geschaflene. und mit sicherer Hand bis zur 
schwungvollsten Leistungsfiihigkeit entw^ickelte Nationalge- 
fiihJ des arabischen Volkes und der auch immerhin ins (Je- 
wicht fallende Enthusiasmus für die durch so wunderbare 
Erfolge gerechtfertigte neue Religion hinzutraten. 

Um jedoch die Araber als herrschende Kriegerkasto 
möglichst unvermischt zu erhalten, traf Omar eine weitere 
wichtige Anordniing. Er verbot nämlich aufs strengste den 
^Vrabern, in den eroberten Ländern, ausserhalb Arabien, 
Grundbesitz zu erwerben und Ackei'bau zu treiben. Den 
AnstosB zu diesem in alle Lebensverhältnisse tief eingreifen- 
den Entschluss gab die Erol)erung jenes reichen Land- 
strichs des Euphi'atgebietes , den wir Babylonien nennen, 
welchen die Araber aber mit dem Namen Sawäd bezeichnen 
und hierunter das ganze Gebiet verstehen , das von der 



72 m* ^i<) SUataeinricIitungen der patriarchalischen Zeit. 

SüdostgTcnze Her syrischen Wüste bei *()Haib und Kädi- 
sijjja bis an den Gebirgszug von Holwän, das Zagrosgebirge 
der Alten, in der Breite von Osten nach Westen, und von 
*Abbadän am persischen Meerbusen, in der Länge von Süden 
nach Norden, bis in die Nähe von Mosul sich ausdehnt. 
Es umfasst das Sawäd, also nicht blos Babvlonien und Chal- 
däa, sondern auch Theile von Mesopotamien und Assyrien. 
Von den beiden Flüssen Euphrat und Tigris bewässert, 
war es seit dem höchsten Alterthum einer der fruchtbarsten, 
gesegnetsten und , wie die Sage vom Thurmbau von Babel 
beweist, auch am dichtesten ])evölkcrten Landstriche von 
Asien. Eine der belebtesten Handels- und Verkehrs- 
strassen führte hier von Syrien, Kleinasien und Persien 
herab ans Meer, von wo zu Schiff von Apologos, dem Obolla 
der arabischen Geographen, ein sehr reger Waarenumsatz 
mit Hinterasien und Indien sowohl, als mit Ostarabien, der 
ostafrikanischen Küste und den Ländern des rothen Meeres 
stattfand. In diesem Gebiete lagen im Alterthume die pracht- 
vollen Königsstädte der verschiedenen weltbeherrschenden 
Dynastien: Babylon, Ninive, Seleucia, Ktesiphon (Madain). 
Unter der Herrschaft der Sasaniden, welche den Parthern 
gefolgt waren und den alten persischen Feuercultus wieder 
in seiner ursprünglichen Reinheit hergestellt hatten, war, 
nachdem die verheerenden Kriege zwischen Römern und 
Parthern viel zum Verfalle der alten Wohlhabenheit dieser 
Provinzen beigetragen hatten, eine Zeit der Ruhe eingetreten 
und die hoch entwickelte, durch ein System künstlicher 
Canäle geforderte Agricultur hatte sich rasch wieder gehoben. 
Arabische Stämme hatten schon im Alterthum dieses 
Gebiet bewohnt, das Christenthum hatte unter ihnen Ver- 
breitung gefunden und eine reiche, von vielen Christen be- 
völkerte Stadt, Hyra, in der Nähe des heutigen Meshhed 
Aly gelegen, war der Sitz einer Dynastie arabisch-christlicher 
Könige, die als Vasallen des Perserkönigs diese Gebiete be- 
herrschten, während in dem benachbarten Aubär die per- 



III. Die Staatseinrichtangen der patriarchalischen Zeit. 73 

sischo Rentkammer und das Depot der Regierun^svorräthe 
sich befanden. 

Schon unter Abu Bakr beginnen die Moslimen^ ver- 
stärkt durch centralarabische und jemenische Stämme, welche 
S5um grossen Theil durch Noth und Mangel dazu veranlasst 
worden sein mögen, Kriegszüge in diese reichen Landstriche 
zu unternehmen. Abu Bakr und nach ihm Omar organisirten 
diese Bewegung, die alten Kampfgefährten Mohammed's, 
seine Stammesverwandten tibernahmen die Leitung über 
die ziemlich ungebildeten Massen, und bald überfluteten die 
arabischen Horden das ganze Gebiet. Die Schlacht von Ka- 
disijja lieferte den arabischen Heerführern das ganze Sawäd 
oder wie es später mit der altpersischen Benennung wieder 
benannt wurde, und noch jetzt bei den Ttirken heisst, Irak, 
in die Hände. Hyra ward von den Arabern, nachdem sie 
einmal schon verdrängt worden waren, wieder besetzt, An- 
bär ward genommen, OboUa, der wichtigste Hafen am per- 
sischen Golfe, erobert und die Stadt Basra (Bassora) zuerst 
als ständiges Militärlager gegründet. *) 

Unermessliche Beute fiel den Siegern anheim, die mit 
Ausnahme der Führer und der in der Menge zerstreuten 
Mekkaner oder Medynonser noch so kindisch unerfahren 
waren, dass sie sich von der Grösse der Werthbeträge kaum 
eine Vorstellung machen konnten. So hatte ein arabischer 
Ki'ieger bei der Einnahme von Hyra die Tochter eines der 
edelsten Männer dieser Stadt, als zu seinem Antheil der 
Kriegsbeute gehörig, zugesprochen erhalten. Als nun ihre 
Angehörigen kamen, um sie auszulösen, ging er auf ihre 
Vorschläge um so bereitwilliger ein, da die Dame alles 
weniger als schön und jung war. Er stellte sich mit einem 
Lösegelde von 1000 Dirham zufrieden. Als seine Waffen- 
gefahrten dies hörten, machten sie ihm Vorwürfe, dass er 
seine Gefangene so billig hergegeben habe, denn er hätte 



1) BalHdory p. 246, 256. 



74 m I)io Siaatt»einrichtangea der patrüirclialificheu Z«it. 

von den Hyrensern leicht den zehnfachen Betrag orlialten 
können. Er aber entgfe^nete darauf: Bei Gott! ich wusste 
nicht, dasB cb eine grössere Zahl gebe, als zehnmal Hundert! *) 
Gold, Schmuck, Teppiche und Seidenstoffe , kostbares Ge- 
räthe, und all die tausenderlei Luxusg-egenstände , welche 
einem in der Cultur vorgeschrittenen Volke so werth und 
theuer sind, galten der grossen Masse der arabischen Krieger 
nichts. Das, worauf sie sich verstanden und was besonders 
von den an Ackerbau und Viehzucht gewöhnten central- 
arabischen Stämmen geschätzt ward, war Grund und Boden, 
Hecrden von Kameelen, Schafen und edle Rosse. Als nun 
Omar die arabischen Stämme zu organisiren und eine mög- 
lichst ausgiebige Sendung von Truppen nach Babylonien 
zusammenzubringen sich bemühte, war es die Aussicht auf 
reiche Beute, mit der er sie lüstern zu machen suchte. 2) 
Es kam ein Häuptling des grossen Bagyla- Stammes und 
erklärte sich bereit mit den Seinen gegen die Perser nacli 
Irak zu ziehen, wenn der Chalife seinem Stamme das Viertel 
der zu erobernden Landstriche als Eigenthum zuweisen 
wollte. Diese Zusage leistete Omar in der That.-*) 

Als nun aber ganz Irak wirklich erobert worden war, 
befand sich dieser in einer nicht geringen Verlegen- 
heit: denn der Bagyla-Stamm hatte ungefähr ein Viertel 
der Krieger geliefert, die das Heer bildeten, welches in der 
grossen Entscheidungsschlacht von Kadisijja die Macht der 
Perser brach. Nach einer andern Ueberlieferung soll der 
Bagyla-Häuptling sogar ein Drittel des ganzen Gebietes zu- 
gesichert erhalten haben. *) Wie dem immer sei, als wirklich 
ganz Sawäd (Irak *araby) von den Waffen der Moslimen 
erobert worden war, erhoben sich grosse Streitigkeiten unter 
den Heerführern und Stammeshäuptlingen; die Bagylakrieger 

1) lialfidory p. 244. 

2) Ibid. p. 250, 253. 
3j Ibid. 

*; Ibid. 



III. Die StaaiüdinrichtaugeD der patriarchaliuchen Zeit. 75 

bestanden auf dem ihnen zugesicherten Rechte, die andern 
verlangten, das» das Sawäd als Ki'icgsbeute beti-achtet und 
nach Ausscheidung des dem Staate zukommenden Fünftels 
unter alle zu gleichen Thoilen vertheilt werden sollte. Die 
Bewohner aber sollten Sklaven sein. Zwar hatte Omar dem 
Heere alles bewegliche Gut, sowie allen Viehstand (korä*), 
den sie erbeutet hatten, schon zugesprochen, allerdings nach 
Abzug des dem Staatsschatze zukommenden gesetzlichen 
Fünftels, allein das befriedigte die beutegierigen arabischen 
Krieger nicht ; sie begehrten Sklaven und Ländereien. *) 

Omar Hess, bevor er einen Entschluss fasste, darüber 
Ei'hebungen anstellen, wie gross die Ausdehnung des er- 
oberten Landes und die Zahl der Bevölkerung sei. Ueber 
das Ergebniss dieser Vermessung werden wir später zu 
sprechen Gelegenheit haben, was aber die Zahl der Be- 
völkerung anbelangt, so soll sich gezeigt haben, dass auf 
jeden arabischen Krieger drei Bauern kommen würden. 
Der Chalife zog nun die angesehensten Männer zu Rath 
und im Einvernehmen mit ihnen entschied er, dass das 
ganze Sawad für ewige Zeiten imveräusserliche Krondomäne 
sein solle, deren Erträgniss zum allgemeinen Besten der 
moslimischen Staatsgenossenschaft zu verwenden sei. Die 
Bagylakrieger , welche nach einzelnen Nachrichten bereits 
Besitz ergriffen hatten, bewog er zum Rücktritt, indem er 
ihrem Häuptling 400 Dynar schenkte und die Jahresdotation 
jedes Einzelnen auf 2000 Dirham erhöhte. 2) Die Bewohner 
von Sawäd aber Hess er im Besitze ihrer Gründe, legte 
ihnen jedoch Kopfsteuer und Naturalabgaben auf, deren 
Höhe bereits früher angegeben worden ist. 

Mit dieser Entscheidung in Betreif des eroberten Sawad 
scheint der Chalife ein für alle Mal den Entschluss gefasst 
zu haben, die moslimischen Krieger in den eroberten Ländern 



1) Hal&dory p. 266. Geschichte der herrschenden Ideen des Islams 
p. 460, 461. 

2) Baladory p. 266—268. 



76 IH. Die StaaUeinrichtungen der patrurrhalischen Zeit. 

— natürlich nicht in Arabien — von jedem GriinHhesitze 
auszuschliessen. ') 

') In dem Geschichtswerke den Ibii 'Asäkir finden wir folgende 
Tradition von Ibn *Aid: Omar und die Geführten des Propheten sprachen 
sich insgesammt dahin aus, dass sie (d. i. die Bewohner des Saw&d) im 
Besitze ihrer Gründe zu belassen seien, um dieselben zu bebauen und die 
Grundsteuer hievon den Moslimen zu entrichten; wer aber von ihnen zum 
Islam übertrat, der wurde von der Grundsteuer befreit und das, was er 
an liegenden Gründen besass, sowie sein Wohnhaus, ging an seine (früheren) 
Religionsgenossen von den Einwohnern seines Dorfes über, die davon die 
Gnmdsteuer zu bezahlen hatten, sowie er dieselbe früher entrichtet hatte ; 
hingegen mussten sie ihm seine beweglichen Habe, seine Sklaven und seinen 
Viehstand ausfolgen, hiefür ward er in dem Gehaltsregistcr der Moslimen 
aufgenommen und thcilte mit den Moslimen alle Rechte und Pflichten. 
Sie hielten aber nicht dafür, dass er, und wenn er auch zum Islam über- 
trat, mehr Anrecht als seine Anverwandten habe auf seine früheren Im- 
mobilien, weil dieselben in den Gesammtbesitz der Moslimen gekommen 
seien. Man nannte jene, die bei ihrem Dorfe verblieben, Schutzgenossen 
(dimmah) der Moslimen. Man hielt auch dafür, dass es nicht tauge, für 
einen Moslim etwas von den Gründen zu kaufen, die im Besitze der alten 
Einwohner verblieben waren und zwar (hielt man an diesem Grundsatze fest) 
aus Scheu vor den Argumenten, welche jene vorbrachten, dass der Grund- 
besitz sie vom Kampfe abhalte und sie nöthige, auf die Unterstützung der 
Feinde der Moslimen gegen sie zu verzichten. Dies war die Ursache, 
wesshalb die Gefährten des Propheten sowohl als die massgebenden Männer 
sich enthielten, jene Grtlndc unter die Moslimen zu vertheilen imd ihnen 
die Ländercien abzunehmen, die sich in ihren Händen befanden. Man 
missbilligte aber eben so sehr, dass die Moslimen solche Ländereien auf 
gütlichem Wege erwarben, weil die Moslimen das ganze Land nach Be- 
siegung aller, die sich widersetzten, erobert hatten und weil die Einwohner 
es unterlassen hatten von den Moslimen und den massgebenden Männern 
den Frieden zu erbitten, bevor die Moslimen sie besiegt hatten. Auch 
sagte man, dass man den Erwerb (der Gründe durch die Moslimen) auf 
gütlichem Wege desshalb missbilligt habe, weil Omar und seine GefTihrten 
diese Ländereien als unveräusserlich erklärt hatten zum Besten der kom- 
menden Generationen des moslimischen Volkes, ohne dass sie verkauft oder 
vererbt werden durften, als Mittel zum Kriege gegen jene Ungläubigen, 
welche noch nicht unterworfen worden waren. — Diese Stelle aus der 
Geschichte des Ibn 'Asakir habe ich seitdem im Originaltext herausge- 
geben. Vgl. Culturgeschichtliche Streifzüge auf dem Gebiete des Islams p. CO. 



in. Die Staatseinrichinngen der patriarchaliBChen Zeit. 77 

Man ersieht hieraus, wie allg^emein dieser Grundsatz, 
dass nichts von den eroberten Ländereien des Sawä.d ver- 
kauft werden dürfe, festgehalten und durchgeführt ward. 

Nur zwei Gebiettheile waren ausgenommen und durften 
verkauft werden , aber wohl nur an Nichtmoslimen : es 
waren dies der District Banu Salubä und jener von Hyra; 
deren Bewohner hatten nämlich zur rechten Zeit capitulirt 
und ward ihr Land also nicht zu den mit Waffengewalt er- 
oberten Gründen gerechnetJ) 

Wie strenge Omar das Verbot , dass kein Moslim 
Grundbesitz erwerben dürfe, festhielt, beweist auch folgender 
Fall. Als sich der Statthalter von Aegypten ('Amr Ibn 'Asy) 
in Kairo ein Haus erbaute, ertheilte ihm der Chalife dess- 
halb einen Verweis; 2) ebensowenig erlaubte er, dass die 
Araber in Aegypten sich fest ansiedelten, 3) oder dass sie 
Ackerbau trieben. Trotz einer amtlichen Kundmachung, dass 
es jedem Moslim streng verboten sei, sich mit Ackerbau 
zu befassen, hatte ein Soldat es gewagt, sich ein Feld zu 
bestellen; er glaubte dies um so mehr thun zu können, da 
der Sold schon seit längerem nicht ausbezalilt worden war. 

Der Statthalter berichtete über diese Sache an den 
Chalifen, der den Mann unverzüglich zu sich nach Medyna 
beschied, um ihn zu bestrafen.^) 

Wir kommen nun im engen Anschluss an das Vorher- 
gehende zu den Militäreinrichtungen Omar's, die sich natür- 

') Vgl. Canssin do Perceval: Essai sur riiistoire des Arabes etc. 
ni. p. 407, dann Bal&dory p 245. Nach dem sehr alten KitAb alshobohftt 
über juridische Streitfragen, das sich in Beirut im amerikanischen Collegiuni 
befindet, heisst es vom Saw&d (fol. lölv*^); es darf Tom Saw&d nichts ver- 
kaaft werden, als das Gebiet der Banu Salnb&, dann der Ahl alshark, und 
was *Osm&n als Lehen verliehen hat. Vgl. über das Sawad: Mas'ndj IV. 
p. 204, 262; dann über die Grenzen desselben Journal Asiat. 1861 XVIII 
p. 414, 1866 vol. V. p. 242. 

2) Weil, Geschichte der Chalifen I. 117. 

») l. L 

*) Cnltnrgeschichtliche Streifzüge p. 6H, 64. 



78 ni. Vi« StaatBeiBrichtnngen der patriarchalticben Z«it. 

lieh ganz im ZuBammcnhange befanden mit seiner Politik 
in Betreff der eroberten Ländereien. 

Man würde sich täuschen^ wenn man meinte, dass die 
Araber in militärischer Beziehung im Beginn des Islams 
ganz unerfahren gewesen seien. Sie hatten schon längst die 
Kriegskunst der Byzantiner sowohl als der Perser kennen 
gelernt und auch in ihren eigenen unablässigen Kämpfen 
und Stammesfehden hatten sie viele Erfahrungen gesammelt. 
Die dem byzantinischen Reiche wehrpflichtigen Stämme, 
welche die Süd- und Ostgrenze Syriens bewohnten (es waren 
dies die Stämme Bahrä., Kalb, Salych, Tanuch, Lachm, 
Godäm und Ghassän *), hatten sicher manches von der 
Kriegskunst ihrer Gebieter angenommen. Und schon in den 
Kämpfen Mohammed's mit den Mekkanern tritt ein gewisses 
System der Kriegführung hervor, ebenso wie bei seiner 
Vertheidigung Medyna's durch Wall und Graben. Allerdings 
hat man sich die Truppen nicht in Regimenter oder Legio- 
nen und festgeschlossene Corps eingetheilt zu denken, denn 
sie waren nur nach Stämmen gegliedert und man kannte 
nur zwei Waffengattungen: Reiterei und Fussvolk. 

Die Bewaffnung dos Fussgängers bestand aus Schild, 
Lanze und Schwert, oder auch nur aus Bogen oder Schleuder. 
Als Schutzwaffe waren Schilder im Gebrauch und zwar 
grössere, aus Holz, bedeckt mit Leder oder Metallbeschlag 
(tars), und kleinere, runde: Tartschen (gahfah oder darakah), 
welche später die ausschliessliche Schutzwaffe der saraceni- 
schen Reiterei wurden und bei den Türken und Persern 
noch bis ins späte Mittelalter und in die Gegenwart sich 
erhalten haben. Die Ilauptwaffe des Reiters war die Lanze, 
deren Länge an 10 Ellen (cubiti) betrug. 2) 

Ein Fachschriftsteller erklärt, dass die Lanze in keinem 
Fall länger als 10—11 Ellen sein dürfe. 3) Der Schaft war 



>) Ihn ^Asfikir fol. 50 v^ 

2) HamÄnah p. 779. 

^) Ibn *Awwltm im Kitfib alfalsihah II. p. G9(). Aaflgabc von Madrid. 



II L Die StaAto^inrichtnngen der patriarelialiBCben Zeit. 79 

von elastischem Holz; am beliebtesten war das aus Indien 
über die ostarabischen Hafeuplätze zu diesem Behufe im- 
portirte Bambusrohr. In Ostarabien (Bahrain) wurden die 
besten Lanzen verfertigt; die Spitze war von Eisen, auch 
war am Ende ein spitziger, eiserner Beschlag, um sie in 
den Boden stecken zu können, ganz so wie die Beduinen- 
lanzen, die sicher unverändert so geblieben sind, wie vor 
dem Islam. Man hatte auch kürzere Speere, die geschleudert 
wurden; mit einem solchen Wurfspeer tödtete der Client 
Wahshy in der Schlacht von Ohod den Oheim Mohammed's 
(Hamza) und auf dieselbe Art erlegte derselbe später den 
Gegenpropheten Mosailima. ^) 

Von den Schwertern werden schon in den alten arabi- 
schen Gedichten die indischen gerühmt. Die gewöhnlich im 
Gebrauche stehenden waren sicher von schlechtem Eisen 
und mittelmässiger Arbeit. Die südarabischen Klingen wurden 
sehr geschätzt und mögen, mit Rücksicht auf die in Jemen 
hoch entwickelte Industrie, bedeutend besser gewesen sein. 
Auch in dem syrischen Grenzstädtchen Muta wurden Schwer- 
ter angefertigt. Man schätzte besonders die durch die wellen- 
förmige Zeichnung im Stahle leicht erkennbaren damasce- 
nirten Klingen. Das Schwert ward an einem Gehänge über 
der rechten Schulter getragen. Die Scheide war gewöhnlich 
von Holz mit Metallbeschlag und wie noch jetzt im Oriente 
dies allgemein üblich ist, verwahrte man gute Schwerter 
in einem über die Scheide gezogenem Lederfutteral. Die 
Helme waren theils aus Leder, theils aus Metall, oft auch 
mit einem das Gesicht und den Nacken bedeckenden Visier 
und Netzwerk aus Eisenringen, ebenso wie die Panzer, die jedoch 
ihres hohen Preises wegen ganz ausserordentlich selten waren ; 
die eisernen bestanden aus Ringen, in der Art wie die aus 
den Ej'euzzügen stammenden saracenischen Panzerhemden. 



1) Nawawy: Tahdyb p. 344. 



80 ni. Die StoBiMinrichtangen der patriarclialiiehen Zeit 

Die ledernen waren wohl auch häufig mit Metallplatten be- 
schlagen ; die besten kamen aus Südarabien. 

Die eigentlichen Nationalwaffen der Araber waren der 
Bogen und die Lanze, die sie desshalb gerne den arabischen 
Bogen und die arabische Lanze nennen. Die Bogen wurden 
aus elastischem Holze verfertigt, waren stark gekrümmt und 
mit einer Sehne bespannt. Es gab deren verschiedene Arten. 
Einzelne arabische Stämme genossen besonders den Ruf 
vorzügliche Bogenschützen zu sein. Um den Finger gegen 
das Zurückschnellen der Sehne zu schützen, bekleidete man 
denselben mit einem Stück Leder. Die Pfeile, die man 
schoss, waren lang, aus Rohr und unten befiedert, mit breiter 
eiserner Spitze. Zum Aufbewahren der Pfeile diente der 
Köcher. Die Schuss weite eines guten Bogens wird auf 100 
Ellen angegeben. ^) 

Die Eintheilung des Heeres in Centrum, zwei Flügel, 
Vortrapp und Nachhut war bereits zur Zeit Mohammed's 
bekannt und angewendet. Die Reiterei deckte die Flügel 
und die Schützen bildeten schon damals ein eigenes Corps. 2) 

Von dieser Fünftheilung des Heeres erhielt es die Be- 
nennung: das funfgliederige (chamys). 

Jeder Stamm hatte seine Fahne, um die er sich sam- 
melte ; dieselbe bestand in einem an einer Lanze befestigten 
Tuche. In der Schlacht von Badr hatten die Moslimen drei 
Banner (liwä'). Mohammed's grosse Standarte führten die 
Mohägirs. Jeder der beiden ihm ergebenen Stämme Aus 
und Chazrag hatte seine eigene Fahne. •'^) Ebenso hatten die 
Koraishiten deren drei. Als Fahnenträger wurden immer 
die angeseliensten Männer und tapfersten Krieger bestellt.-*) 



») Ibn *AwwSm p. 534, cap. 32. 

') V&J« Schlacht von Ohod: Sprenger, das Leben und die Lehre 
Moh. m. 171. 

3) Wäkidy p. ß3. 

*) Ibn 'Asakir fol. 44 vO. 



III. Die BtMtMinriehtangeii der patTfarcbftUsclieii Zeit. gl 

Die grosse Standarte des Propheten hiess 'Ok&b, d. i. der 
Adler, wohl nach einer darauf befindliehen, vermuthlich den 
Römern nachgeahmten Adlerabbildung, welche die Araber 
den römischen Legionen abgeschaut hatten. Diese Standarte 
soll schwarz gewesen sein und Chälid Ibn Walyd Hess sie 
auf seinem Peldzuge in Syrien vorantragen. *) 

Auch Kriegsmaschinen waren den Arabern schon in 
früher Zeit bekannt. Vermuthlich hatten sie dieselben von 
den Persern und Griechen kennen gelernt; später wurden 
sie von ihnen wesentlich verbessert. 2) 

Die ersten von Medyna aus zur Eroberung der Nach- 
barländer des byzantinischen und persischen Reichs ent- 
sendeten Truppenkörper waren so wenig zahlreich, dass man 
staunen muss über die erzielten Erfolge und dennoch stimmen 
die Berichte verschiedenen Ursprungs hierin überein. Aber 
man darf nicht vergessen, dass der Islam in die früher so 
ungefügigen Schaaren einen Geist des unbedingten Gehor- 
sams, eine so strenge Disciplin gebracht hatte, dass sie hie- 
durch allein schon hundertmal den griechischen und persi- 
schen Söldnerheeren überlegen waren. Ausserdem fanden 
die Araber in Syrien sowohl als in Irak stille oder offene 
Bundesgenossen an der in den beiden Ländern schon seit 
hohem Alterthum einheimischen arabischen Bevölkerung, 
die aus Stammesgeftihl und Premdenhass ihnen überall Vor- 
schub leistete, den Spiondienst besorgte und auch im offenen 
Kampfe nicht selten auf die Seite ihrer Stammesverwandten 
trat. In Aegypten erwiesen ihnen die unzufriedenen Kopten 
ähnliche Dienste. 

Zur richtigen Beurtheilung der Kriegführung jener 
Zielten wird es sicher nicht ohne Nutzen sein, wenn wir hier 
etwas näher die frühesten militärischen Unternehmungen 
gegen Syrien schildern, die unter dem ersten Chalifen begannen 



1) Ibn *Asakir fol. 63 v«. 

^ Freytag: Einleitang in d. Stadium derr aab. Sprache p. 261. 
▼ Kremer, Gnltargeicliiehte dee Orients. 6 



82 ni. Die StMtMwriehtiiBfeii der patriueluilUehaii Zait 

and in wenig Jahren die Eroberung dieses lindes zur 
Folge hatten.*) 

Die erste grössere Expedition nach Norden, welche 
unmittelbar nach Abu Bakr's Regierungsantritt stattfand, 
war die des Osama Ibn Zaid. Der Prophet hatte kurz vor 
seinem Tode selbst ein allgemeines Aufgebot aller waffen- 
fähigen Mannschaft in Medyna ergehen lassen/'^) zu einem 
Kriegszuge, um die Oelkarawane abzufangen. Mit dem Hin- 
scheiden Mohammed's trat eine Verzögerung ein, allein trotz 
des Abrathens der angesehensten Männer von Medyna und 
obgleich der grösste Theil der arabischen Halbinsel sich im 
Aufstand befand, liess Abu Bakr dennoch Osama abgehen, 
indem er erklärte, ein vom Propheten ertheilter Befehl müsse 
unter allen Umständen ausgeführt werden. Osama zog denn 
wirklich aus. Seine Truppen waren nur 3000 Mann stark, 
wovon ein Drittel zu Pferde. 3) 

Er passirte in Eilmärschen das nördlich von Medyna 
befindliche Gebiet der Gohaina-Beduinen und anderer Theile 
des grossen Kodä*a-Stammes, die dem Islam treu geblieben 
waren. Im Wädy-lkork angekommen, sandte er einen Späher, 
einen Beduinen vom 'Odra-Stamme voraus, der allein auf einem 
flüchtigen Reitkameel nach 'Obnä ( Jobnk ^) sich begab, um 
es auszukundschaften und den Weg zu erforschen. Dann 
kehrte er zurück und traf Osama in der Entfernung zweier 
Tagmärsche in der Wüste. Er berichtete ihm, dass die Be- 
wohner dieses Dorfes sorglos und ohne jede wehrßihige 



Wir verfügen hiezn über eine vortrefFliche Quelle, nftmlich Ibn 
'Asäkir^s Geflcbichte von Damascus, worin derselbe alle zu seiner Zeit 
zngXnglichen Traditionen und Oeachichtswerke benätzte und sich für die 
Geschichte der Erobertmg von Syrien besonders auf Wftkidy, sowie auf 
Saif Ibn 'Omar stützt. 

2) Ibn 'Asakir fol. 44 v». 

3) 1. 1. fol. 46 ro Tradition von W&kidy von 'Orwa. 

*) Dieser Ort liegt an der Nordgrenze von Arabien gegen Syrien. 



ni. Die ataatMinricbtangon der patTiarchaUschen Zeit. 83 

Mannschaft seien , und rieth mög-lichst rasch sie zu- über- 
fallen, bevor noch die Landleute Zeit hätten , sich zu 
sammeln. Als Osama nun in der Nähe des Ortes angekom- 
men war, ordnete er seine Krieger und sprach zu ihnen: 
„Nun fuhrt den Ueberfall aus, hütet euch aber auf Ver- 
folgung (der Flüchtigen) einzugehen, zerstreut euch nicht 
und haltet im Anstürme aus, dabei rufet im Herzen Gott 
an; dann ziehet die Säbel und hauet nieder, was euch ent- 
gegenkommt!" Hierauf gab er das Zeichen zum Angriff, 
und bevor noch ein Hund gebellt hatte, stürmten die Mos- 
limen heran mit dem Schlachtrufe: O Siegreicher, tödte! 
(ja mansur 'amit). Wer von den Bewohnern des Dorfes sich 
ihnen entgegenstellte, ward niedergemacht, die Wehrlosen 
gefangen genommen, die Wohnhäuser, Fruchtvorräthe und 
Felder in Brand gesteckt, so dass die Rauchsäulen wie 
riesige Staubwolken emporstiegen, während das Wehgeschrei 
der Verwundeten die Gegend erfüllte. Die Moslimen Hessen 
sich aber auf Verfolgung der Flüchtlinge gar nicht ein, 
sondern nahmen das, was sie vorfanden. Nur denselben 
Tag verweilten sie an der Stelle, um die Beute zu sichten 
und zu rasten. Osama ritt bei dieser Expedition ein Pferd 
Namens Sabha, auf dem sein Vater in dem Gefechte von 
Muta den Tod gefunden hatte und auf demselben Pferde 
erjagte er nun den Mörder seines Vaters und tödtete ihn. 
Von der Beute Hess er je zwei Antheile auf jedes Pferd 
und einen Antheil dem Reiter zuweisen, so dass der Reiter 
sammt Pferd das Dreifache von dem erhielt, was einem 
Fussgänger zukam, i) Am Abende desselben Tages noch 
gab er Befehl zum Aufbruch und trat nun unter Führung 
des 'Odra-Beduinen sofort den Rückzug auf demselben 
Wege an. In Eilmärschen zog man heim und erreichte 



1) Jftknt berichtet nach dem Kitab aUmwäl des Aba 'Obaid K&sim 
Ibn Salläm, dass bei der Beutevertheilung der Reiter drei, der Fussgänger 
nur einen Antheil erhielt. Mo'gam I. p. 47. 

6* 



I 

I 



I 

! 



84 in. Die Staatseinrichton^en der patriarchalischen Zeit 

nach sieben Nächten Wädy-lkork un<J von hier Medyna, 
ohne dass ein einziger Mann verwundet worden wäre. ^) 

Das Bild, welches uns diese Erzählung vor die Augen 
führt, zeigt uns die ersten moslimischen Kriegszüge in die 
fremden Gebiete als einfache Razzia's, wo man, angeblich 
zur grösseren Ehre Gottes und seines Propheten, wehrlose 
Ansiedlungen überfiel, ausraubte und die Bewohner mordete. 

Die moslimischen Krieger jener Zeit waren beute- 
gierige Räuber und fromme Enthusiasten zugleich, letzteres 
aber immer weniger als ersteres. Die Schilderungen der 
; I arabischen Geschichtschreiber, welche nicht genug Worte 
finden, um die fromme Begeisterung jener Glaubenskämpen 
zu preisen, sind in hohem Grade übertrieben. Beutelust 
und Aussicht auf das Paradies wirkten zugleich auf sie als 
verführerische Lockungen, aber doch erstere nach allem 
Vermuthen noch mehr als letztere. 

Sowie Osäma's Raubzug gegen 'Obnä sind die arabi- 
, |f sehen Razzia's noch jetzt; nichts hat sich verändert, nicht 
einmal die Scenerie und die Menschentracht. Unternimmt 
ein Araberstamm der grossen Wüste einen Raubzug in die 
Culturgebiete, so zieht er, behutsam die Thal er und Niede- 
rungen aufsuchend, bei Nacht, rastet während des Tages in 
irgend einem abgelegenen Thale, wo er sicher ist, nicht ent- 
deckt zu werden, schleicht sich in die Nähe der Ansiedlung 
heran und überfällt sie dann bei erstem Morgengrauen, wenn 
alles noch im tiefen Schlafe liegt. Die Verwirrung des 
ersten Allarms wird benützt, so. viel als möglich zu rauben 
und dann verschwindet die ganze Bande ebenso schnell als 
sie kam; nur rauchende Trümmer bleiben als Zeichen ihres 
Besuches zurück. 

Die syrische, sowie die persische Grenze lagen beson- 
ders günstig für solche Raubzüge: denn die Wüste, die 
natürliche Heimat der arabischen Horden, streckt sich tief 



1 M 



*) Ibn 'Asäkir fol. 46, Tradition des Wftkidy von Mondir Ibn Gahm. 



IIL Die Staatseinrichfcnngen der patriarchalibchen Zeit. 85 

in die Cnlturgebiete hinein und* bietet allenthalben offene 
Einbruchstellen, wie auch günstige Rückzugslinien. Die Be- 
völkerung der Grenzdistricte aber, welche im byzantinischen 
oder persischen Solde stand; und die Grenze hätte verthei- 
digen sollen, fand es bald viel einträglicher, anstatt sich 
gegen ihre tapferen Stammbrüder zu schlagen, mit ihnen 
gemeinsame Sache zu machen, den Islam anzunehmen, und 
auf Raub und Beute auszugehen, dabei aber sich Jahresge- 
halte zu erwerben, die ihnen, sobald sie zum Islam sich 
bekannt hatten, von Medyna aus zugewiesen wurden. So 
kam es auch, dass die verschwindend kleinen arabischen 
Heere, welche nach Syrien und Irak eindrangen, schnell 
lawinenartig anschwollen und alle Hindernisse, die sich ihnen 
entgegenstellten, niederwarfen. 

Das erste Truppencorps, welches Abu Bakr nach der Ex- 
pedition des Os£ima gegen Syrien abgehen Hess, war das 
des *Amr Ibn *Asy; es war 3000 Mann stark und zählte 
viele Ansärs und Mohägirs. Der Chalife befahl, dass *Amr 
den Weg nach AUa (jetzt 'Akaba) einschlage und die an 
der Strasse dahin ihre Wohnsitze habenden KodaVStämme, 
wie die Baly- und 'Odra-Beduinen zum Anschlüsse auffordere. 
Gleichzeitig ernannte der Chalife den Feldherrn zum Statt- 
halter über diese Stämme. ^) 'Amr schlug in Ausführung 
dieser Befehle den eben bezeichneten Weg ein; die drei 
anderen Heerführer : Jazyd Ibn Aby So^än , Abu *Obaida 
Ibn Garräh und Shorahbyl Ibn Hasana wurden angewiesen, 
den Weg über Tabukijja nach der syrischen Provinz Balkä 
zu nehmen, um von dort in das eigentliche byzantinische 
Gebiet einzubrechen. 2) Jedem dieser vier Heerführer ward 
eine Provinz Syriens zugewiesen : dem ersten Filistyn (Palae- 
stina), dem zweiten Damascus, dem dritten Hims, dem vierten 



1) Ibn 'Asäkir foL 49 r^, Tradition von Mohammed Ibn Sa'd. 
3) Tabak war unter Kaiser Trajan die römische Grenzstation gegen 
Arabien. Ztschr. d. d. M. 0. XXV. p. 5C2. 



PtQ III. Die Staatseiiirichtungen der patriarehaliüchen Zeit. 

Ordonn (das Jordangebiet). Alle vier Expeditionseoi-ps 
sollten an einem beßtimmtcn Orte sich vereinigen und zwar 
am Jarmiik (Hieromax) , am obern Jordanlaufe , wo sie in 
der That später den Grieehen die grosse Entscheidungs- 
schlacht lieferten. Die Gesammtstärke der vier Corps war 
27000 Mann, dazu kamen 3000 Mann, als letzte Trümmer 
eines Corps, das unter Chalid Ibn 8a*yd von den Griechen 
geschlagen worden war, imd, wie es scheint, schon vorher 
eine Recognoscirung unternommen hatte, die unglüc^klich 
abgelaufen war; ferner stiessen etwas später zu den syrischen 
Armeecorps noch 10000 Mann Hilfstruppen aus Irak unter 
Chalid Ibn Walyd und endlich noch eine Reserve von 
6000 Mann. Im Ganzen betrug also die GesammtzifFor der 
Truppen 46000 Mann. ') Nach anderen Nachrichten wird 
die Zahl der vier zur Occupation von Syrien entsendeten 
Armeecorps aiif 24000 angegeben, also jedes Armeecoi'ps zu 
je 6000 Mann. 2) Chalid Ibn Walyd soll nur 6000 Mann 
Hilfstruppen aus Irak nach Syrien geführt haben. Trotzdem 
finden wir die Zahl der mohammedanischen Truppen, die 
in dem blutigen Kampfe von Jarmuk fochten, schon auf 
70000 Mann angewachsen, wovon der Stamm Azd allein 
das Drittel ausmachte.-^) Und dass die Armee, welche in 
Irak sich mit den persischen Heeren schlug, auch nicht 
zahlreicher war, erhellt daraus, dass Chalid Ibn Walyd, als 
er von dort mit der Hälfte seines Heeres nach Syrien zog, 
nur 10000 Mann mit sich führte, wärend in Irak ebensoviel 
zurück blieben.^) 

Wir ersehen aus dem Gesagten, dass sich die anfang- 
liche Zahl der Truppen sehr bedeutend vermehrt und fast 
verdoppelt hatte; der Zuzug aus Arabien und der Anschluss 



Ibn 'As&kir foL 78, Tradition von Saif Ibn 'Omar. 

2) Ibn 'AsÄkir fol. 51 v^, Tradition von Ibn 'Äid. 

3) Ibn 'AsÄkir fol. 73 v^ der dazu bemerkt, dags sie statt des Schwert- 
gehänges ibre Säbel an Stricken aus Palmbast trugen. 

*) Ibn 'AsÄkir fol. 54 vO, Tradition von Ibn *Äid. 



r 



III. Die SUfttHeinrichtungen der pAftriarchalischen Zeit. 87 

der syrisch -arabischen Stämme genügten yoUkouimen, um 
diese Erscheinung zu erklären* Jedenfalls können wir, wenn 
wir obige Ziffern zur Grundlage einer Berechnung nehmen, 
die Zahl der arabischen Truppen in Syrien, ebenso wie in 
Irak, auf 60 — 70000 Mann annehmen, wobei wir aber nicht 
vergessen dürfen, dass ein sicher äusserst zahlreicher Tross 
von Weibern, Kindern, Sklaven und dienten sie begleitete, 
denn die Mehrzahl der an diesem Kriege sich betheiligenden 
Stämme zog mit Familie ins Feld. ') 

Auch in diese Bewegung suchte Omar Ordnung zu 
bringen. Als Jerusalem in die Oewalt der Araber gefallen 
und die £robei*ung von Syrien nahezu vollendet war, begab 
er sich selbst zui* Vertheilung der Beute dahin und kam 
bis Jerusalem oder nach andern bis Gäbija, einem Dorfe 
unmittelbar vor Damascus. Es war dies im Jahre 16 H. 
Er organisirte, wie die ältesten Berichterstatter erzählen, die 
Truppen und gründete die stabilen Militärlager ; *^) es ist dies 
so zu verstehen, dass er die arabischen Truppen in bestimmte 
Corps schied, wovon jedes aus einigen Stämmen sich bildete, 
und dass er fixe Standplätze oder Garnisonsorte den ein- 
zelnen Heerestheilen anwies-, in Syrien waren dies: Hims, 
Damascus, Ordonn und Filistyn. Die beiden erstgenannten 
Städte waren selbst die Garnisonsplätze, für Ordonn (das 
Jordangebiet) war Tiberias der Standort der Truppen und 
für Palaestina war es zuerst Lydda (Lodd), aber später 
Ramla. ^) Auf ähnliche Weise entstanden auch in Irak 
permanente Heerlager, nämlich Kufa und Bassora. Die 
Soldaten bauten sich daselbst zuerst Baracken aus Schilf, 
die sie mit ihi*en Familien bewohnten und beim Abmarsch 



*) Ibn 'As&kir fol. 47 ff. Vgl. Geschichte d. herrschenden Ideen des 
Islams p. 468, Note 5. 

3) Ibn ' AsAkir foL 80 v^. Tradition von Ibn 'Aid : fagannada wa 
nMSsar'alamsAr. 

») Ja'kuby p. 116. 



88 III. Die Staatseinrichtniigen der patriarckaliflchen Zeit 

abbrachen^ aber bald erhoben sich aus den Schilfhütten 
Häuser von Lehmziegeln und hieraus gingen die beiden 
Städte hervor, welche durch längere Zeit ausschliessliche 
Militärplätze blieben. ') Man bezeichnete sie desshalb auch 
mit dem Namen almisrän d. i. die beiden Standlager, denn 
aus ihnen zogen die Chalifen im Falle des Bedarfes grosse 
Truppenmassen . 

Um die Truppen zu leiten, bestellte der Chalife die 
Befehlshaber, doch sind uns hierüber für die Zeiten der 
ersten vier Chalifen genauere Nachrichten nicht erhalten, 
nur das wissen wir, dass zur Controlle jedes Stammes ein 
Regierungsbeamter aufgestellt war, der den Titel *Aryf führte 
und über alle Angelegenheiten des Stammes die Aufsicht 
hatte. So hcisst es in einem alten Berichte : 2) ^Er war 
damals *Aryf des Stammes Mäzin, der Städtebewohner dieses 
Stammes sowohl als der Wüstenbewohner." 

Diese Einrichtung fand später eine grössere Ausbildung, 
indem man auch in der Armee für je zehn Mann einen *Aryf 
als Gefreiten bestellte ; dessen Rolle fiel also mit jener der 
römischen Decurionen zusammen und mag wohl zur Zeit 
der Omajjaden, wo die Araber dem römischen Kriegswesen 
in ihrer Heeresorganisation sich anschlössen, den Byzantinern 
machgeahmt worden sein. Diese Unterofficiere scheinen die 
Aufgabe gehabt zu haben, die Mannschaft zu beaufsichtigen, 



*) Vgl. über die Gründang von Bassora Balädory p. 346; es ward 
gegründet im Jahre 14 H. Kufa erst später um 14 H. oder 17 H. Balä- 
dory p. 276, Ibn Atyr II. 410, 411, Mas'udy IV. 225. Bassora war nach 
den fünf Stämmen, die sich daselbst angesiedelt hatten, in fünf Bezirke 
eingetheilt; diese St&mme waren: Azd, Tamym, Bakr, 'Abdalkais und Medy- 
nenser. Ibn Atyr V. 63. 

2) Agh&ny II. 186, Sharh almowatta', wo in einer Tradition ein Fall 
citirt wird, aus dem erhellt, dass der Chalife Omar von dem 'Aryf über 
den Leumund eines Mannes Auskunft erhält. Der Commentar bemerkt 
zu dieser Stelle : 'Aryf ist jener, der die Angelegenheiten des Volkes kennt 
und davon seinem Vorgesetzten Bericht erstatten kann. 



III. Die SUatMiiirichtaDgen der pfttriarchalisohen Zeit 89 

die Zucht aufrecht zu erhalten und jeden, der seiner Militär- 
pflicht nicht nachkam, anzuzeigen. ^) 

£& bestanden desshalb auch schon zu jener Zeit Strafen 
fiir den^ welcher dem Militärdienst sich entzog. Omar und 
'Osmsln Hessen den Schuldigen dadurch bestrafen, dass man 
ihm den Turban abriss und ihn an den Pranger stellte. 
Damals genügten also noch solche entehrende Strafen. All- 
mälig aber sah man sich genöthigt, die Bestimmungen zu 
verschärfen, ein Beweis, wie sehr das Ehrgefühl sich ab- 
schwächte und die Scheu vor dem Militärdienst zunahm. 
Mos*ab Hess zwar ebenfalls den Turban dem Schuldigen ab- 
reissen und ihn an den Pranger stellen, dazu aber noch das 
Haupthaar und den Bait scheeren. Bishr Ibn Marwän ver- 
schärfte diese Strafe, indem er auch die Hände annageln 
Hess und Hagg^, Abdalmalik's energischer Statthalter in 
Irak, machte es am kürzesten, indem er die Leute einfach 
köpfen Hess. 2) Es geht übrigens aus den Quellen hervor, 
dass die Bestellung der Unterbefehlshaber nicht unmittelbar 
von dem Chalifen erfolgte, sondern dieser ernannte nur den 
Oberbefehlshaber, welcher nach eigenem Gutdünken seine 
Officiere wählte. An eine strenge, ordnung^mässige Gliede- 
rung der Heere jener Zeit darf freilich nicht gedacht werden. 
Der Oberbefehlshaber war in allem Stellvertreter des Cha-' 
lifen und übte auch das wichtigste Souveränitätsrecht im 
Wege der Delegation aus, nämlich die Leitung und Vor- 
steherschaft bei den fünfmaligen täglichen Gebeten. Dess- 
halb wird auch in allen Fällen, wo mehrere Armeecorps sich 
vereinigen, genau angegeben, welcher der Generäle dem Gebet 
vorstand, denn dieser war dann auch der Oberbefehlshaber. 

Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, 
dass die Kriegsführung und Kampfweise dieser ältesten 
arabischen Heere sehr primitiv war. 



«) Ibn Atyr IV. 18, 19. 
2) Ibn Atyr IV. 308. 



90 lU. Die Staatoeiarichtuugen der patriarchalischen Zeit. 

Die Schlachtordnung war die Linienformation. Mo- 
hammed scheint ebenso ^ wie er bei den gemeinsamen Ge- 
beten die ganze Menge der Gläubigen in gedrängten 
Reihen aufstellte, auch hierin eine strenge. Ordnung einge- 
führt zu haben, denn nach den ältesten und besten Berichten 
ersehen wir, dass er in der Schlacht bei Badr die Moslimen 
in so fest geschlossenen Reihen ordnete, dass nicht der 
kleinste Zwischenraum offen blieb. Er hielt also mit Recht 
sehr auf scharfe Fühlung. Dabei deckten sich die Krieger 
mit den Schildern und Mohammed gab Befehl, dass sie die 
Schwerter erst dann ziehen sollten, wenn der Feind ganz 
nahe sei. *) Die Schlachten begannen fast immer mit Zwei- 
kämpfen einzelner hervorragender Krieger, die aus den 
Reihen hervortraten, dabei Trutzlieder sangen, Namen und 
Abstammung ausriefen und einen ebenbürtigen Gegner zum 
Kampfe aufforderten. So Hessen vor Beginn der Schlacht 
von Badr die Mekkaner durch ihren Herold Mohammed 
einladen ihnen einige ebenbürtige Recken entgegenzu- 
stellen. Da Hess er von seinen Familienmitgliedern, den 
Pläshimiden, drei vortreten, es waren dies: Aly, Hamza und 
*Obaida Ibn H&rit. Diese begaben sich vor die Reihen und 
ebenso schnell stellten sich ihnen drei edle Mekkaner ent- 
gegen: *Otba, Shaiba und Walyd. Da aber die ersteren in 
voller Rüstung das Gesicht durch den Helm verdeckt hatten, 
so riefen ihnen die Mekkaner zu, sich erkennen zu geben, 
damit sie wüssten, ob sie ihnen auch ebenbürtig seien. 
Hamza sprach da: „Ich bin der Löwe Gottes und seines 
Propheten." Ihm erwiederte *Otba von Seite der Mekkaner: 
„Ebenbürtig bist Du und edelgeboren und ich bin der Löwe 
der Halyfe; wer aber sind die zwei andern mit Dir?" Er 
antwortete: „Aly, der Sohn des Abu Tälib und 'Obaida, 
der Sohn des Härit." „Wohlan", entgegnete *Otba, „auch 
diese zwei sind ebenbürtig und edelgeboren." Darauf be- 



«) W&kidy p. 61, 62, 63. 



III. Die StaftiMinrichtungen der patriarchalischen Zeit. 91 

gannen sie den Zweikampf. *) Von kriegerischen, bei solchen 
Anlässen gesungenen Trutzliedern ist eine grosse Anzahl 
erhalten, wovon viele entschieden den Anspruch der Echtheit 
haben und sich durch eine alterthümliche Haltung aus- 
zeichnen. So sang 'Asim Ibn Täbit in der »Schlacht von 
Ohod: 

Nicht kümmern mich — denn ich bin ein kriegserfahrener Recke — 

Pfeil und Hogen mit ihrem Todesdräuen. 

Von meines Schildes Rücken prallen die Wurfgeschosse ab. 

Der Tod ist das allein Gewisse, das Leben eitel Schein; 

Alles was der Herr bestimmt, erfüllt sich 

An dem Menschen und zu ihm kehrt jedermann zurück ; 

Wenn ich euch nicht bekämpfe, so sei meine Mutter kinderlos! 2) 

Als Mohanimed -die jüdische Ansiedhing Chaibar be- 
lagerte, machten die jüdischen Truppen einen Ausfall gegen 
die Moslimen unter Führung eines ihrer besten Krieger 
Namens Marhab, dabei sang er: 

Chaibar weiss, dass ich mich Marhab nenne 

Vollgewappnet, kühn und kriegserfahren; 

Wenn ich haue mit dem Schwert oder mit dem Speer einrenne. ^) 

Erst wenn nach einer Reihe solcher Zweikämpfe die 
beiden Heere mehr und mehr erbittert worden waren, er- 
folgte der allgemeine Angriff, der zum Handgemenge führte. 
Die Reiterei stürmte natürlich nie in geschlossenen Massen, 
sondern zerstreut heran und zog sich ebenso schnell wieder 
zurück. Diese Kampfart brachte es mit sich, dass, so lange 
arabische Heere der ersten Zeit sich einander bekämpften, 
die beiderseitigen Verluste meist sehr gering waren. In der 
Schlacht von Badr verloren die Moslimen auf eine Gesammt- 
zahl von 303 Mann nur 14. Von den Mekkanern in einer 
Gesammtstärke von 950 Mann blieben nur 70 Mann todt 
und wurden ebenso viel gefangen genommen. Bei Ohod, 
wo die letzteren siegten, verloren die Moslimen, die an 



»; Wftkidy p. 63. 

2) Ibid. p. 346. 

3) Ibid. p. 390. 



92 III- I^i® SUatbeüirichtongen der patriarchaliiicben Zeit. 

700 Mann stark waren^ an Todten 75 Mann ; die Mekkaner 
aber, deren Heer bei 3000 Mann zählte^ nur 23 Todte. 

In den Eroberungskriegen gegen die persischen und 
griechischen Truppen waren die Verluste viel stärker; wo 
immer aber die Araber siegten, war das Gemetzel unter der 
geschlagenen Armee furchtbar. Sowohl die Griechen als 
die Perser waren schwer beweglich, ihre Massen, wenn ein- 
mal durchbrochen, hielten nicht mehr Stand und ihre Ver- 
luste durch die eigene Verwirrung fügten ihnen mindestens 
ebenso grossen Schaden zu als das Schwert der Sieger. Die 
arabischen Berichte melden, dass in der Schlacht von Wäkusa, 
welche identisch ist mit der von Jarmuk (Hieromax), die 
Griechen ihre Reihe dadurch undurchbrechlich machten, dass 
die Soldaten mit Ketten an einander gebunden waren. ^) 
Dasselbe wird auch von den persischen Truppen berichtet 
und erhielt davon eine denkwürdige Schlacht den Namen 
Kettenschlacht. Man kann sich leicht vorstellen, von welchen 
Folgen die Niederlage begleitet sein müsste. Die persischen 
Heere in Irak fiihrten auch Kriegselephanten mit sich, die 
den leicht beweglichen Arabern verhältnissmässig nicht viel 
Schaden machten, hingegen einmal scheu geworden oder 
verwundet, unter den eigenen Truppen furchtbare Verhee- 
rungen anrichteten. 

Die Stärke der arabischen Heere lag also vor allem, 
nächst Giünden moralischer Natur, in ihrer Ausdauer, Ent- 
behrsamkeit und der dadurch bedingten grösseren Beweg- 
lichkeit. Eine Niederlage konnte ihnen nie so verhängnissvoll 
werden. Die Wüste war in diesem Falle ihr Sammelplatz, 
wo sie schnell sich zu neuer Offensive vorbereiteten. Ueber- 
haupt war ihre Kriegsfuhrung, wie es die Natur der Sache 
mit sich brachte, stets offensiv, die der Gegner aber war 
i eine planlose Defensive. So erklären sich aus sachlichen 
' Gründen ihre grossen Erfolge. 



1) Vgl. Kremer: Mittelsyrien und Damascus p. 10. 



III. Die SiiatseinrichtoBgen d«r patriarcbalisclieii Zeit. 93 

Zur Sicherung und Behauptung der eroberten Gebiete 
errichteten die Moslimen überall stabile Heerlager^ wo die 
nach Stämmen geordneten arabischen Heermassen ihre Stand- 
quartiere hatten und nach dem Erforderniss zur Verfugung 
standen. Solche Gamisonsplätze waren Bassora und Kufa 
in Irak; Damascus, Hirns, Tiberias, Lydda in Syrien; in 
Aegypten legte der Eroberer dieses Landes *Amr Ibn 'Asy ! 
ein befestigtes Lager bei dem alten Babylon an , der söge- ' 
nannten römischen Festung, die gegenüber von Memphis 
sich befindet, wo vermuthlich schon zur Zeit der Römer ! 
eine starke Garnison lag. Aus diesem Standlager wuchs ' 
später eine Stadt empor, die den Namen Fost4t führte und j 
bis zur Erbauung von Kairo die Hauptstadt des ganzen 
Landes blieb, seitdem aber unter dem Namen von Alt-Kairo 
fortbesteht und allmälig durch ununterbrochenen Anbau mit 
Neu-Kairo sich vereinigte. Nächst Fostät ward Alexandrien 
der wichtigste arabische WaflFenplatz von Aegypten, denn 
es war als die grösste Seestadt stets den Angriffen der das 
Meer beherrschenden griechischen Flotten ausgesetzt. Man 
verlegte also eine starke Besatzung (r&bitah) dahin. *Amr 
Hess ein Viertel seines Heeres daselbst, das er alle sechs 
Monate wechselte. Das zweite Viertel hielt die Seeküste 
besetzt und die übrige Hälfte hatte er bei sich in Fostät. 
Nach anderen Nachrichten soll er jährlich aus Medyna 
die Garnison von Alexandrien haben ablösen lassen. Auch 
'Osm4n befolgte dasselbe System und wechselte zwei- 
mal im Jahre die Truppen, welche in dieser Stadt lagen, 
lieber die Stärke der Garnison besitzen wir erst aus der 
Zeit der Omajjaden Nachrichten. Mo*äwija fand nämlich 
deren Zahl mit 12000 Mann zu schwach und verstärkte sie 
auf 27000. 

Diese Besatzung von Alexandrien unterschied sich 
wesentlich von jener der anderen grossen Heerlager. In 



^) Sojaty: Hoan almoh&darah I. p. 76. 



94 Ilf- ^^ StftfttMinrichtnngen der patriftrchftHiehen Zelt. 

diesen wohnten die nach Stämmen gegliederten Truppen 
mit ihren Familien unter Baracken und zwar jeder Stamm 
in seinem eigenen Viertel, wo er sein eigenes Bethaus hatte. ^) 

Um unser Bild der frühesten Militärorganisation des 
arabischen Reiches zu vervollständigen, sollten wir nun noch 
die weitere Entwicklung der von Omar geschaffenen Institu- 
tionen unter seinen zwei Nachfolgern 'Osmän und Aly 
schildern. Allein hiefür fehlen die Daten und aus diesem 
Grunde gehen wir gleich daran, die Skizze von Omar's orga- 
nisatorischer Thätigkeit zu Ende zu fuhren, durch Darstel- 
hmg seiner administrativen Einrichtungen. Denn das, was 
die beiden letzten Chalifen der patriarchalischen Epoche 
auf dem organisatorischen Gebiete geleistet haben, ist ver- 
schwindend klein gegen Omar's grossartiges staatsmännisches 
Schaffen. Er allein hat den Islam staatlich ausgebildet und 
die Grundzüge einer Regieimngsmaschinerie entworfen, die 
fast bis in unsere Tage das maassgebende Gesetz des Staats- 
lebens für alle mohammedanischen Völker geblieben ist. 

Es ist schon früher das System des Steuerwesens, der 
daraus sich ergebenden allgemeinen Betheilung aller mosli- 
mischen Staatsangehörigen und die darauf beruhende Mili- 
tärorganisation, so weit es die Quellen gestatten, erschöpfend 
dargestellt worden, und zwar ausführlicher und eingehender 
als dies je bisher geschehen ist, denn niemand hatte noch 
so vielfache und aus so verschiedenen Quellen fliessende 
Daten in solcher Vollständigkeit gesammelt und gesichtet. 

Die administrative Eintheilung des Reichs war schon 
theilweise von dem ersten Chalifen vorgenommen worden. 
Unter ihm bestanden folgende Statthalterposten: Syrien war 
in vier Militärdistricte (Damascus, Hirns, Ordonn und Fili- 
styn) eingetheilt und in jedem war der Befehlshaber des 
daselbst garnisonirenden Armeecorps zugleich Statthalter, 
aber alle zusammen und somit ganz Syrien standen unter 



«) Mas«udy V, p. 136. 



ni. Die SlaAtBeinrichtnngeii der patrüireluüischeii Zeit. 95 

der Leitung des Oberbefehlshabers des gesammten Heeres. 
Die Steuereinhebung ward durch die Truppenbefehlshaber 
besorgt; in Arabien hatten in den folgenden grösseren 
Städten Statthalter ihren Sitz : Mekka^ Täi'f (in Nordarabien), 
San'ä, Zabyd, Ganad und Gorash (in Südarabien) , dann 
residirten Statthalter in den Provinzen Chaulän, Nagi*d.n und 
Bahrain^ endlich war ein Statthalter für Dumat-algandal 
bestellt, das, an der grossen Handelsstrasse nach Syrien und 
Irak gelegen, ein wichtiger Punkt des Verkehrs war. *) Man 
sieht, welche Äufinerksamkeit Abu Bakr Südarabien zu- 
wendete; während in späteren Zeiten ein einziger Statthalter 
für ganz Jemen ernannt ward , hatte er solche in allen 
grösseren Städten. Ausserdem war noch ein Statthalter 
über Taim&, Chaibar und die dazu gehörigen Dörfer gesetzt, 
den schon Mohammed ernannt hatte. ^) 

Unter Omar erweiterte sich bereits in Folge der Er- 
oberungszüge der Kreis der Statthalterschaften, während 
einige kleinere aufgelassen wurden. Ueber Aegypten war 
der Eroberer dieses Landes als Statthalter bestellt; in Da- 
mascus bekleidete Mo*llwija diese Stelle, derselbe, der später 
als erster Chalife der omajjadischen Dynaertie erscheint. 

In Syrien bestand ausserdem noch eine zweite Statt- 
halterschaft in Ilims; Irak war in zwei Statthalterschaften 

1) Ibn Atyr IL 323. 

2) Osod algh&bah sub voce ChfiUd Ibn Sa*ytl: der Prophet sandte 
ihn als Einsammler für die Armentaxe nach Jemen, oder nach anderen 
für die Armentaxe des Madhigf-Stammes und ernannte ihn zugleich zum 
Statthalter f^r San*A. Als der Prophet starb, bekleidete Chdlid noch diesen 
Posten, ebenso wie seine zwei Brüder *Amr und *AbAn die Statthalterposten 
inne hatten, die ihnen der Prophet verliehen liatte. Nach seinem Tode 
kehrten sie von ihren Ämtern heim. Abu Bakr frug sie, wesshalb sie ihre 
Posten verlassen hätten, und forderte sie auf, wieder dahin zurückzukehren. 
Sie aber sagten: Wir sind Männer vom Stamme des Ohaiha und wollen 
keinem andern dienen als dem Propheten. Ch&lid war Statthalter über 
Jemen, *Abän über Bahrain und 'Amr über Taim&, Chaibar und die dazu 
gehörigen arabischen Dörfer. 



96 ni. Die Staatoeinrichtiingeii der patriarchaUseben Zeit. 

eingetheilty wovon die eine in Kufa, die andere in Bassora 
ihren Sitz hatte ; in Arabien verminderte sich deren Zahl auf 
fünf in: Mekka, Täif, Ganad, San% Bahrain.') 

In Aegypten ernannte Omar aber noch einen beson- 
deren Statthalter für Oberägypten. 2) Auch die Amtsgewalt 
des Statthalters von Damascus beschränkte er, denn während 
früher derselbe nicht blos oberster Befehlshaber der Truppen 
war, sondern auch alle religiösen und richterlichen Befug- 
nisse des Chalifen, wie die Rechtspflege, die Vorsteher- 
schaft bei dem allgemeinen Gebete und allen religiösen Cere- 
monien ausübte, ernannte Omar für Damascus und Ordonn 
einen besonderen Richter (Kädy), dem er die Ausübung der 
religiösen Functionen und die Vorstehorschaft bei dem Ge- 
bete übertrug, ebenso bestellte er einen Richter für Hims 
und Kinnasryn. ^) In Medyna verwaltete der Chalife selbst 
das Richteramt. Trotzdem müssen immer die Befugnisse 
der Statthalter nahezu unbeschränkt gewesen sein und sie 
wussten dies auch zum besten ihres Säckels auszunützen. 
Als 'Osmftn nach Omar's Tode zur Regierung kam, wollte 
er die Vollmacht des Statthalters von Aegypten abschwächen 
und ihm blos das Militärcommando und die politische Ver- 
waltung belassen, das Steuerwesen aber einem besonderen 
Beamten übertragen. 'Amr protestirte hiegegen in der nach- 
drücklichsten Weise und erklärte ganz offen: „In diesem 
Falle wäre ich dann in derselben Lage, wie einer, der 
die Kuh bei den Hörnern hält, während ein anderer sie 
melkt." 4) 



«) Vgl. Ibn Atyr IIl. p. 60. Statthalter von San'Ä war Ja'lA Ibn 
Monja, der unter Abn Bakr denselben Posten in ChaulAn bekleidet hatte 
nnd furchtbar viel Geld gemacht haben muss, denn er galt alH der reichste 
Mann seiner Zeit. 

^) Sojnty: Hosn almoh&darah 11. p. 3. 

3) Der Richter von Damascus war Abu Dard&, der von Hims 'Obftda. 
Balftdory p. 141. 

*) Sojutjr: Hosn almohädarah I. 76. 



ITT. Die StMtwinrichtnngen der patriarclialischen Zeit. 97 

Schon Omar musste fortwährend die Steueuabfuhr 
Aegyptens urg^iren, denn der Statthalter war regelmässig 
damit im Rückstände.^) Allein, wie das sehr natürlich ist, 
der tapfere General, welcher einer der edelsten Familien 
von Mekka angehörte und durch die Eroberung von Aegypten 
sich eine unantastbare Stellung geschaffen hatte, musste mit 
Rücksicht behandelt werden. 

Eine eigenthümliche Verfugung traf Omar in Botreff 
des eben in den letzten Jahi'en seiner Regierung eroberten 
Mesopotamiens. Er ernannte daselbst zwei Statthalter: der 
erste hatte das Kriegswesen und die unterjochten Völker 
unter sich, der andere aber die Araber. 2) 

In der Absicht, eine gewissenhafte Pflichterfüllung zu 
sichern und Missbräuche zu beseitigen, wies auch Omar den 
Statthaltern und Regierungsbeamten feste Gehalte zu. So 
dem 'Amm^r Ibn Jasir, den er zum Statthalter von Kufa 
ernannte, 600 Dirham Monatsgehalt, nebst den Gehalten für 
dessen Unterbeamten, und täglichen Rationen von Schaf- 
fleisch und Weizen; mit 'Ammär waren zwei Beamte ent- 
sendet worden, nämlich 'Osmän Ibn Honaif und Ibn Mas'ud, 
der erste erhielt tüglich 5 Dirham ausser seinem Jahresge- 
halte, der 5000 Dirham betrug , dann auch seine bestimmte 
Ration Schaffleisch, der zweite bekam monatlich 100 Dirham 
und seine Ration. Der Kädy Shoraih, den er als Richter 
für Kufa bestellte, bezog monatlich 100 Dirham und 10 Garyb 
Weizen. *Aramär hatte höhere Bezüge als die andern, weil 
er gleichzeitig mit der Vorsteherschaft bei dem Gebete be- 
auftragt war. 3) Auch furBassora bestimmte er einen Richter.^) 
Es scheint also, dass er vorerst nur für die grossen Militär- 
lager, wie Bassora, Kufa, Damascus, Hims und vermuthlich 
auch Fostat Richter einsetzte. 

') Sojuty: Hosn almohftdarAh I. 70. 

2) Ibn Atyr IL 41 ö. 

3) Balädory p. 269, Siräg almoluk fol. 132 vO. 

*) Ibn Atyr III. 60. 
▼. Kremer, CuUurgeschichte de« Oriente. 7 



98 ni. Die StaaUeinricbtnngen der patriarchaliMcbra Z«it. 

Durch die Zuweisung von Gehalten an die Beamten 
und die Ernennung von Richtern begründete Omar die Ad- 
ministration und Rechtspflege, freilich noch immer in sehr 
mangelhafter Weise, aber doch war es ein grosser Fortschritt. 

Von einer der wichtigsten administrativen Maassregeln 
Omar's, der Vermessung von Babylonien (Sawäd) zum Be- 
hufe einer gleichmässigen Besteuerung, ist bereits früher die 
Sprache gewesen und hier ist der Ort, die hierauf bezüg- 
lichen Anordnungen eingehender zu erörtern. Omar beauf- 
tragte den oben genannten 'Osmän Ibn Ilonaif, das ganze 
Land zu vermessen. Derselbe entledigte sich dieser Auf- 
gabe und stellte den Flächenraum des gesammten Cultur- 
landes auf 36 Millionen Qaryb fest. £s ist dies ein 
altbabylonisches Flächenmass, das zu 3600 Quadratellen an- 
gegeben wird. Die hier gemeinte Elle ist die gewöhnliche 
arabische Elle zu 24 Zoll, die dem römischen Cubitus ent- 
spricht. Um uns aber einen annähernden Begriff von diesen 
2jahlenverhältnissen zu machen, wollen wir annehmen, dass 
diese Elle dem um ein Drittel kleineren römischen Fuss 
entspreche. Unter dieser Annahme würde ein Garyb dem 
römischen Clima von 3600 römischen Fuss gleich sein, 
welches römische Flächenmass offenbar auf demselben alt- 
babylonischen Duodecimal-Sy Stern beruht, wie das Garyb. 
Die Elle, mit der die Vermessung vorgenommen ward, war 
eine ausnahmsweise grössere und daher für die Steuerträger 
günstigere. Sie war die gewöhnliche arabische Hand eile von 
24 Zoll, zu der man noch eine Faust mit dem ausg-estreckten 
Daumen zuschlug. ^) Der römische Cubitus, welcher ebenfalls 
24 Zoll (digiti) hat, ist = 0.4436 Meter ; die Faust (arabisch 
Kabdah, lateinisch palmus) ist der sechste Theil hievon, also 
0.0739 Meter. Nur die Bestimmung für die Länge eines 
ausgestreckten Daumens ist schwerer zu geben, wir nehmen 
sie an auf 3 Fingerbreiten, also (1 Fingerbreite = 0.0184 M.) 



1) Balidory p. 272. 



m. Die SUatMmrichtnikgen der imtriarchalitcben Zeit. 99 

0.0552 Meter; die Länge der bei der Vermessung des Sa- 
wäd-Gebietes zur Anwendung gekommenen Elle beläuft sich 
somit auf 31 Pingerbreiten oder annähernd auf 0.57 Meter. 
Das Garyb hatte 60 solcher Ellen im öeviert, enthielt also 
den Flächenraum von (60 X 60) 3600 D Ellen. Nachdem 
eine Elle die Länge von 0.57 Meter hatte, so waren 60 Ellen 
(0.57 X 60) = 34.2 Meter und hatte das Gaiyb einen Flächen- 
raum von (34.2 X 34.2) 1169.64 D Meter. 

Die Vermessung zeigte, dass der gesammte Landstrich 
36 Millionen Garyb enthielt, eine Angabe, die allerdings 
schon wegen der wiederkehrenden Zahl 36 sehr verdächtig 
erscheint und also kaum einen praktischen Werth hat. Erst 
auf Grundlage dieser Vermessung ward die von den ver- 
schiedenen Gründen zu entrichtende Steuer festgesetzt und 
in dem bereits früher angegebenen Ausmaasse ausgeschrieben. 
Es war also ein förmlicher Kataster der Gründe, den man 
ausarbeitete und worin nicht blos der Flächenraum derselben, 
sondern auch die Qualität des Bodens genau verzeichnet 
ward. ') 

Es ist schon hervorgehoben worden, dass Omar durch 
die Herabsetzung des Zolles die Einfuhr gewisser Grattungen 
Cerealien zu fördern suchte, welche Arabien nicht in ge- 
nügender Menge hervorbrachte, deren aber die beiden in 
raschem Aufblühen begriffenen Städte Mekka und Medyna 
sehr bedürftig waren zur Ernährung der stets zunehmenden 
Bevölkerung. Er hat das Verdienst, in dieser Richtung eine i 
noch viel weitgreifendere Massregel durchgeführt zu haben, 
welche den Beweis für die Thatkraft und das klare Urtheil 
dieses grossen Staatsmannes liefert. Er eröffnete nämlich 
den Suezkanal, um auf diese Art eine directe Verbindung 
vom Nil in das Kothe Meer herzustellen. Den Anstoss 



1) Bal&dory p. 269. Y^l. auch Mäwardy cap. XIV., letzter Abschnitt 
Meine Berechnung des Flächenraumes eines Garyb in den Culturgeschichtl. 
8treifzügeu p. 18 ist nach Obigem zu yerbessern« 



100 in* Dio Stmatiieinrirhtan(f«n dor patriarclia1ixr1i0n ZpU. 

hiezu gab wohl die grosse Tlungersnoth (*äm alrainft-dah), 
die im Jahre 18 H. (639 Chr.) in Arabien herrschte, «loieh- 
zeitig mit einer furchtbaren Seuche (tä*un *amwäs), welche 
Syrien verheerte. Der Statthalter von Aegypten erhielt den 
Befehl des Chalifen, den alten Kanal, der bei Babylon, jetzt 
Alt-Kairo, vom Nil abzweigt, unter dem Namen „Chalyg" 
Kairo durchschneidet, und ins Rothe Meer bei Klysma mün- 
dete, wieder aufzugraben. Dieser Wasserweg den die Araber 
Kanal des Fürsten der Gläubigen nennen, ward in weniger 
als einem Jahre vollendet, und die Nilbarken segelten auf 
demselben ins Rothe Meer bis Janbo* und Godda, so dass 
die Getreidepreise auf den Märkten von Mekka und Medyna 
unverzüglich sanken und kaum mehr betrugen als das, was 
man in Aegypten zahlte. *) 

Von einem minder richtigen Gefühle war der Chalife 
geleitet, als er die allgemeine Austreibung aller Andersgläu- 
bigen aus Arabien anordnete. Arabien sollte fortan ein von 
keines Ungläubigen Fusstritt entweihtes Land sein. Es wird 
diese Maassregel auf einen Ausspinich Mohammeds zurückge- 
führt, dessen Echtheit nach den Grundsätzen der arabischen 
Kritik selbst sehr zweifelhaft ist, und der lautet: Es sollen 
nicht neben einandei* zwei Religionen auf der Insel der 
Araber bestehen. ^) Auf diese Ueberlieferung hin soll Omar 
die reichen und gewerbfleissigen Juden von Chaibar aus- 
gewiesen haben, ebenso die christlichen und jüdischen Be- 
wohner von Nagrän und Fadak. Jenen von Chaibar gab 



1) Vgl. Ibn Atyr IT. 434, dann Sojuty: Hosn almohAdamh T. 73. 

*) Eine ähnliche ueberlieferung gibt Bochary (1915) auf Autorität 
des Ibn 'Abbfts : derselbe erzählt, dass der Prophet unmittelbar vor seinem 
Tode drei Ermahnungen ausgesprochen habe ; die erste war : Vertreibt die 
Ungläubigen aus der Insel der Araber! die zweite: Beschenket die Gesandt- 
schaften in der Art, wie ich sie beschenkte. Die dritte Ermahnung hatte 
der Erzähler vergessen. Es wird nur zur Erklärung beigefügt, dass unter 
dem Ausdruck ^die Insel der Araber" zu verstehen sei: Mekka, Medyna, 
JamAma und Jemen. Also Ostarabien blieb ganz ausser Betracht, obgleich 
dort viele Perser wohnten. 






• • • 



m. Die Staattfeinrichtungen der patriarchaliDclien Zeit. IQl 

er g^r keine Entschädigung, denen des letztjrenannten Ortes 
liess er den Schätzwerth der Hälfte ihrer Ernte und ihrer 
liegenden Gründe auszahlen. ') Den Anstoss hiezu soll übrigens 
das ungebührliche Benehmen gegeben haben, welches die 
Bewohner von Chaibar gegen einen Sohn des Chalifon sich er- 
laubt hatten.-) Er wies den Juden Jericho und Taima zum 
Aufenthalte an. Auch die Christen mussten insgesammt 
Arabien verlassen.^) Die Mehrzahl der ambischen Christen 
gehörte dem Landstriche Nagran an, der sich dui'ch eine 
sehr entwickelte Industrie auszeichnete. Mohammed hatte 
ihnen besondere Privilegien zugestanden, ■*) die von Abu Bakr 
bestätigt wurden. Sie mussten einen jährlichen Tribut zahlen, 
den sie in Kleidungsstücken eigener Fabrik, Panzern, Ge- 
räthcn und Pferden entrichteten. Unter dieser Bedingung ge- 
nossen sie das Recht der freien Religionstibung. Trotz der 
gewissenhaften Genauigkeit, mit welcher sie ihren Vei'pflich- 
tungen nachzukommen bedacht waren, ertheilte ihnen Omar 
den Befehl der Auswanderung und wies ihnen neue Wohn- 
plätze in der Nähe von Kufa an. Ein Theil ging nach Syrien. 
Das von den Nagräniten verlassene Land erklärte Omar als 
Staatsdomäne, d. i. es blieb, wie das Sawäd, für alle Zeiten 
Eigenthum der gesammten Staatsgenossenschaft der Mos- 
limen und war somit unveräusserlich. ^) 

^lan sieht, dass auch hier Omar dieselben Grundsätze 
zur Anwendung brachte, die wir bereits früher besprochen 
haben. 

Jedenfalls ist es auffallend, dass er ein so gut verbrieftes 
Recht , wie das der Christen von Nagran , denn sie hatten 
ihre Freibriefe von Mohammed und Abu Bakr, durch einen 
Machtspruch beseitigte. Es müssen starke Gründe eingewirkt 

») Shnrh almowattii* IV. 72, 73, Bochnry 1608. 

2) BocliÄry 1698, Ibn Atyr II. 169, 171. 

3) Boch&ry 1459. 

*) Sprenger: das Leben u. die Lehre des Moh. III. 502. 
») I. 1. III. 505. 



102 ni. Die SUfttoeinrichtungen der pafcriarchaliflcben Zeit. 

haben^ um ihn hiezu zu bestimmen. Wir können dieselben 
mit grosser Wahrscheinlichkeit errathen: es war derselbe 
Gedanke, welcher ihn bei der Ausschliessung der Muslimen 
von jedem Grundbesitze oder Ackerbau geleitet hatte, es 
war der Gedanke, seine Nation ungemischt und streng ge- 
schieden von den Andersgläubigen, als ein streitbares Volk 
von Kriegern zu erhalten. Arabien sollte das Bollwerk des 
Islams sein und hier sollten nur Rechtgläubige wohnen dürfen. 
Man muss daher auch, will man in moderner Sprachweise 
sich ausdrücken, Omar's Politik als eine streng nationalara- 
bische bezeichnen, für ihn gab es nur ein Volk, das zum 
Herrschen berufen war: die Araber. Alle anderen sollten 
ihnen unterworfen sein. Von dieser Voraussetzung ausgehend 
erklären sich alle weitern hierauf einschlägigen Verfugungen 
des zweiten Chalifen: so das Verbot fiir die Moslimen, sich 
fremder Sprachen zu bedienen, ') das entgegengesetzte Verbot, 
dass die Christen nicht arabisch lesen lernen, sich nicht der 
arabischen Schrift bedienen sollten. Ganz deutlich tritt 
diese Idee hervor in der Urkunde, worin die Christen die 
Bedingungen formuliren, unter welchen sie sich unterworfen 
haben, welches Schriftstück dann von Omar ausdrücklich 
bestätigt ward. Es lautet: Im Namen Gottes, des Gnädigen, 
des Barmherzigen! Dies ist eine Schrift an Omar Ibn 
Chattab, den Fürsten der Gläubigen von den Christen der 
Stadt N. N. Als ihr dieses Land betreten hattet, baten wir 
euch um Sicherheit für uns und unsere Familien, unsere 
Besitzthümer und unsere Religionsgenossen. Und wir gingen 
euch gegenüber die Bedingung ein, dass w'ir nicht neu er- 
bauen würden in unserer Stadt imd in ihrer Umgebung 
weder ein Kloster, noch eine Kirche, noch Mönchszelle oder 
Einsiedelei ; dass wir nicht herstellen, was davon in Ruinen 
gefallen ist, und nichts davon wieder ins Leben rufen, was 
in den moslimischen Stadtvierteln liegt; ferners, dass wir 



») Ibn Khaldoun: Proleg U. 316. 



III. Die StaatBeinrichtuDgen d«r patriarehalifchen Zeit. 103 

nicht verhindern werden, wenn die Moslimen in unseren 
Kirchen fiir drei Nächte sich einquartiren und dass wir sie 
verköstigen; dass wir nicht in unsern Kirchen und Woh- 
niing^en einen Spion aufnehmen und keinen Feind der Mos- 
limen verberg^en, dass wir unsere Kinder nicht im Lesen 
unterrichten, dass wir Abgötterei nicht offen treiben und 
niemand dazu verleiten wollen; ferncrs, dass wir keinen 
unserer Verwandten abhalten, in den Islam einzutreten, wenn 
er es will; dass wir die Moslimen ehren werden und von 
unsern Sitzen uns erheben, wenn sie sich niederlassen wollen, 
dass wir uns nicht ihnen ähnlich tragen werden, sei es in 
Betreff der Mütze, des Turbans, der Sandalen oder der 
Scheitelung der Haare; dass wir nicht in ihrer Sprache 
reden wollen, dass wir nicht ihre Namen ims beilegen, auf 
keinen Sätteln reiten, keine Schwerter umhängen, keine 
Waffen ankaufen oder mit uns führen, keine arabischen In- 
schriften auf unsere Ringe graviren, dass wir keinen Wein 
verkaufen, dass war unsere Stirnhaare abschneiden, und dass 
wir unsere Kleidung bewahren, wo immer wir seien; dass 
wir um die Mitte Gürtel binden, kein Kreuz auf unseren 
Kirchen aufstellen, unsere Bücher nicht in den Strassen der 
Moslimen oder auf ihren Bazaren herumtragen, dass wir die 
Glocken in unseren Kirchen nur schwach läuten, dann in 
unseren Bethäusern die Stimme bei der Vorlesung nicht zu 
laut erheben, so lange ein Moslim in der Nähe ist, dass wir 
nicht mit unseren Palmzweigen (am Osterfeste) und unserem 
Idol öffentliche Processionen abhalten , dass wir nicht bei 
den Leichenbegängnissen unserer Verstorbenen die Stimme 
erheben, nicht die Lichter hiebei in den Strassen und 
Bazaren der Moslimen herumtragen, dass wir keine Sklaven 

1) Im Text steht b&'una, ein Wort, das in den arabischen Wörter- 
bächern fehlt. Man könnte es für da« syrisch - aramäische bA*uta halten, 
wobei ein Schreibfehler das t in ein n vemnstaltet hat. In dem von Amari 
benützten Texte steht: tÄgutinü, d. i. unserem Götzenbilde (wohl das 
Crucifix) und diese Lesart scheint mir die bessere. 



104 



III. Die SUatseinrichtangen der palriarchaiiächen Zeit 



nehmen ; die schon im Besitze von IMoslinien waren, und 
dass wir die Moslimen nicht in ihren Wohnungen ausspähen. 
Als Omar diese Urkunde gelesen hatte, fugte er eigenhändig 
hinzu: „und dass wir keinen Moslirn schlagen; dies alles 
zu beobachten verpflichten wir uns für uns selbst und imscre 
Religionsgenossen und nehmen dafür die Sicherheit (des 
Lebens und Eigenthums) entgegen und wenn wir etwas 
von dem abweichen, was wir euch zugesichert und wozu 
wir uns vei-pflichtet haben, so sei der Schutz uns verlustig 
und stehe es euch frei zu thun, was ihr thut mit den Wider- 
sachern und Empörern." ') 

Diese Urkunde stellt den Unterwerfungsact der syri- 
schen Christen vor, wie ihn Omar natürlich in die Feder 
dictirte und wie er schon vielleicht vor ihm durch Abu Bakr 
formulirt worden war: der Chalife approbirte ihn einfach, 
wodurch die beiderseitige Rechtsverbindlichkeit des Vertrages 
hergestellt ward. Es geht daraus sehr deutlich hervor, dass 
es nicht in der Absicht der siegreichen Moslimen lag, die 
unterjochten Völker sich zu assimiliren, sondern dass sie im 
Gegentheil die Scheidewand zwischen Gläubigen und Un- 
gläubigen möglichst scharf gezogen und strcDge eingehalten 
wissen wollten. Ganz im Sinne der grossen politischen Auf- 
fassung Omar's war es, wenn er den Grundsatz allgemein 
aufstellte, dass kein Araber mehr Sklave sein könne, sei 
es, dass er als solcher gekauft oder als Kriegsgefangener 
erworben worden sei.^) Der Araber war nach Omar ipso 
facto frei, nur Fremde konnten und sollten Sklaven sein. 
Die Araber waren in seinen Augen das auserwählte, herr- 
schende Volk; desshalb konnte er auch nicht dulden, dass 
irgend ein, wenn auch noch so geringer Theil des arabischen 
Volkes unter fremder Herrschaft verbleibe. Ein kleiner 



*) Ibn *A8&kir fol. 87, 88. Vgl. die ganz ähnliche Urkunde bei 
Aman: Storia dei Musalmani della Sicilia I. p. 477, Note. 
2) Agh&ny XI. 79, 80. 



III. Die ötaatoeinrichtungea der pafcmrchiUiBcfaen Zeit lOo 

Stamm von ung^efähr 4000 Köpfen, der sich zum christlichen 
Glauben bekannte, flüchtete; als die Moslimen das obere 
Mesopotamien eroberten, auf römisches Gebiet. Da schrieb 
Omar an den griechischen Kaiser: ^Ein arabischer Stamm 
hat mein Gebiet verlassen und sich auf das deine geflüchtet : 
bei Gott! wenn du sie mir nicht auslieferst, so treibe ich 
alle Christen aus meinem Gebiete aus zu dii\" 

Die Griechen zauderten auch nicht, die Flüchtlinge heim 
zu senden und Omar vertheilte sie in den nächstliegenden 
Gebieten von Mesopotamien und Syrien.*) Und in dieser 
Sorgfalt für die arabische Nationalität ging der Chalife selbst 
so weit, dass er christlichen Volksstämmen, wenn sie nur 
echte Araber waren, in Betreff der Besteuerung günstigere 
Bedingungen gewährte, als jenen fremder Abstammung. Als 
Irak erobert worden war, weigerte sich der zahlreiche 
christlich-arabische Stamm der Taghlib-Beduinen, den Islam 
anzunehmen, ebensowenig wollte sich aber ihr echt arabischer 
Stolz herbeilassen, wie die fremden Völker die Kopfsteuer 
zu entrichten. Sie drohten, eher auf griechisches Gebiet 
auszuwandern, als eine demüthigende Behandlung hinzu- 
nehmen. Da gestattete Omar eine Ausnahme für sie, indem 
er nur den doppelten Betrag der Armentaxe, welche von 
den Moslimen zu bezahlen war, von ihnen einheben Hess, 
zugleich stellte er aber die Bedingung auf, dass sie ihre 
Kinder nicht mehr taufen sollten.-) Allein der ganze Raby*a- 
Stamm, von dem die Taghlibiten eine Unterabtheilung sind, 
blieb bis ins zweite Jahrhundert der mohammedanischen 
Zeitrechnung dem christlichen Glauben treu."^) 



1) Ibn Atyr II. 415. 

2) Yft\, oben p. 63, dann Baladory 182. 

') Ucber die cbristlichcu Raby'a-Beduincn vpl. A^hauy XX. 127 und 
*Ikd des Ibn *Abd-Rabbih II. fol. 229 der Wiener Handschrift, wo es heisst : 
Am Chabnr- Flusse sind die Wohnplütze des Raby'a - Stammes , sie sind 
grösstentheils Christen oder Charigiten. — Viel wenig^er standhaft waren 
die anfangs zu den Griechen haltenden Stumme von Süd- und Ost-Syrien: 



106 ni. Die Staatseinrichtaagen der patriArcludücheii Zeit. 

TJebrigens schlössen sich auch christliche Araberstämme 
den Moslimen in ihren Kämpfen gegen die Perser an, Beute- 
gier mag hiebei ebenso entscheidend gewesen sein, wie die 
gemeinsame Nationalität, die hier stärker verbindend und 
anziehend wirkte, als die Verschiedenheit der Religion tren- 
nend und abstossend. *) 

Mit dem Regierungsantritte 'Osmän's, des dritten Cha- 
liefen, kam eine Partei ans Ruder, welche ganz andere Ziele 
verfolgte. Der neue Herrscher, der seine Wahl keinem 
anderen Umstände verdankte, als seinem Alter — denn er 
war nach Omar das älteste Mitglied unter der Verwandt- 
schaft dos Propheten und dessen Schwiegersohn, — hatte 
auch den nicht gering anzuschlagenden Vortheil fiir sich, 
dass er dem schon im Ileidenthume sehr angeschenen und 
zu den tonangebenden Familien zählenden Geschlechte 
Omajja angehörte. Es ist sehr möglich, dass Mohammed 
ihn auch aus diesem Grunde gern als Schwiegersohn sah, 
denn er ward hicdurch verschwägert mit einer der alten 
Patricierfamilien seiner Vaterstadt. 'Osmän folgte zwar 
seinem Schwiegervater in die Verbannung nach Medyna, 
aber er war schwach, eitel, prunksüchtig imd stand über 
alle Maassen unter dem Einflüsse seiner mekkanischen Ver- 
Tvandten, die, wenn sie auch zuletzt nothgedrungen den 
Islam angenommen hatten, doch im Innern ganz den Ideen 
und Ueberlieferungcn des arabischen Alterthums ergeben 
waren. Desshalb war er auch den Koraishiten und über- 
haupt der mekkanischen Partei viel lieber als sein strenger, 
puritanisch gesinnter Vorgänger. 'Osmän sah fiir seine 
Verwandten gern durch die Finger, bei-cicherte sie in jeder 
Ali; und besetzte aus ihrer Mitte fast alle einflussreichen 



Lachm, GodÄin, Balkain, Baly, 'Ämila, Ghassiin, lauter KodA'i'ten, die sich 
anfangs theilweise gegen die Moslimen schlugen, nach den ersten grösseren 
Erfolgen derselben aber zum Islam übertraten. 

1) Ibn Atyr II. 339; dieser christliche Araburstamm, war der Stamm 
Banu Nimr. 



111. Die Staatsemrichtangen der patriarchalischen Zeit. 107 

und einträglichen Posten, besonders die Statthalterschaften. 
So schenkte er dem Marwän das Fünftel der Kriegsbeute 
von Aegypten, welches dem Staatschatze hätte zukommen 
sollen. Er verfugte ganz willkürlich über die öflFentlichen 
Gelder und wies seinen Verwandten nach Gunst und Laune 
hohe Jahresdotationen an, was besonders Aly sehr übel 
aufnahm. ^) 

Auf diese Art brachte er die von Omar mit so grosser 
Umsicht aufgebaute Staatsmaschinerie ins Stocken ; er änderte 
allerdings nicht gleich das bestehende System, aber wie es 
immer bei einer nur von persönlichen Rücksichten geleiteten 
Regierung der Fall ist, wurden zu Gunsten Einzelner so viele 
Ausnahmen gemacht, dass das Staatswesen ohne officiell 
umgestaltet worden zu sein, allmälig an den Ausnahmen zu 
Giiinde ging. Es zerbröckelte von selbst. 

Das System der Jahresdotationen untergrub er, wie 
wir eben bemerkt haben, indem er zum Besten seiner An- 
verwandten ausnahmsweise hohe Dotationen bewilligte, die sich 
von dem durch Omar festgesetzten ZifTeransatze weit ent- 
fernten. Hiemit betrat er eine höchst gefährliche Bahn, 
Aenn bei einem so geldgierigen Volke musste eine solche 
Maassregel die heftigsten Verstimmungen hervorrufen. Ebenso 
machte er zahlreiche Ausnahmen von dem durch Omar mit so 
grosser Energie zum Regierungsgrundsatz erhobenen Gesetze 
der Ausschliessung der Moslimen vom Grundbesitze in den 
eroberten Ländern. Sein Vetter Mo*awija war schon vor 
Beinern Regierungsantritte zum Statthalter von Damascus 
ernannt worden. Als nun der neue Chalife die Regierung 
übernommen hatte, eilte Mo*awija um die Belehnung mit den 
in Syrien befindlichen Krondomänen ihn zu bitten, welche 
unter Omar als Nationaleigenthum aller Moslimen betrachtet 
und von dem jeweiligen Statthalter verpachtet zu werden 



>) Geschichte der herrsch. Ideen p. 337, Sprenger: D. Leben n. d. 
Lehre d. Moh. L 416. 



108 III' l^i« äUai«eijiricht.ungen der patriarchalischen Zeit. 

pflegten, der den Pachtschill in g in die StaatskaiSsc abziifiihren 
hatte. Mo'awija gab als firund seines Ansuchens an, er habe 
grosse Auslagen zu tragen für die Verpflegung und Beher- 
bergung der vielen Officiere der Truppen, sowie für die 
häufig bei ihm sich einfindenden griechischen Gesandten. *) 
*Osmän zögerte nicht, seinem Vetter die Bitte zu gewähren 
und hiemit waren sämmtliche Staatsdomänen in Syrien für 
immer dem National-Eigenthum entzogen, denn Mo*äwija 
vererbte sie weiter auf seine Nachkommen und es scheint 
überhaupt zu jener Zeit noch gar nicht daran gedacht worden 
zu sein, für den Rückfall der Gründe an den Staat nach 
dem Tode des Nutzniessers zu sorgen. Praktischer verfuhr 
*Osman mit den Krondomänen in Babylonien (Sawad). Es 
sind hierunter jene Ländereien zu verstehen, die früher 
Privateigenthum der persischen Könige waren, sowie auch 
jene herrenlosen Gründe, die von den Bewohnern verlassen 
worden waren. 'Osmän Hess sie für Rechnung des Aerars 
verwalten und zog daraus ein jährliches Einkommen von 
50 Millionen Dirham.2) 

Doch auch hier fanden einzelne Ausnahmen zu Gunsten 
der Bevorzugten statt. Ankäufe von Grund und Boden, die 
Omar annullirt hatte, bestätigte er. Und wie weit der Ueber- 
muth der tonangebenden Patricier-Familicn gestiegen war, 
beweist am besten der Umstand, dass sie Babylonien als 
ihr ausschliessliches Eigenthum beanspruchten, indem sie 
die Ansicht aufstellten, es gehöre ihnen und nicht der Ge- 
sammtheit der moslimischen Gemeinde, wie Omar verfügt 
hatte. Und dieses Gebiet, dessen sich die herrschenden 
Familien zum Schaden des Staates bemächtigen wollten, 
trug dem Staatsschatze jährlich 84 — 90 Millionen Dirham 

') Geschichte der herrsch. Ideen p. 336; CiiUurgeschichtl. Streif- 
züge p. 61. 

'^) M&wardy p. 334, wozu derselbe Autor ausdrücklich bemerkt, es 
habe sich hiebei nicht um die Zuweisung der Gründe als Eijj^cnthum 
(tamlyk), sondern um die einfache Verpachtung (ikta' ig&rahj guliandelt. 



TTT. Die StaatRAinnchtufififen der patriarchftliflchen Zeit. 109 

ein und hatte eine Bevölkerung von mindestens zwei Mil- 
lionen. 

Doch scheint der Chalife in diesem Punkte nicht nach- 
gegeben zu haben, wenn nicht etwa sein rasches Ende 
allein ihn verhindert hat, auch hierin seinen Anverwandten 
Zugeständnisse zu machen. 

Es ist auch die Ansicht aufgestellt worden, dass *Osman 
das System der Verleihung von Grundeigenthum als Ijehen 
eingeführt habe und dass diese Institution von den Persern 
entlehnt worden sei, indem schon im Sasanidenreiche die 
Belehnung mit Grundeigenthum üblich gewesen sei. So 
richtig auch letztere Angabe ist, so lässt es sich doch leicht 
erweisen, dass die beiden ersten Voraussetzungen haltlos 
sind. *Osman's Belehnungen mit Grundeigenthum waren Aus- 
nahmen von der Regel, dass die Moslimen in eroberten 
Ländern keine Ijiegenschaften erwerben sollten und der in 
Syrien ei-worbene Grundbesitz blieb, w^ie wir aus Ibn 'Asäkir's 
Angaben wissen, bis in die Zeiten Omar's ü. ein Gegen- 
stand der Missbilligung. Verschiedene omajjadische Chalifen 
ordneten hierüber Erhebungen an und Omar 11., welcher 
in allem und jedem zu Omar's I. Regieningsgrund Sätzen 
zurückkehren wollte, erliess ein Gesetz, welches dem Ei'werb 
von Grundeigenthum Schranken setzen sollte, und das wir 
später eingehender zu besprechen Gelegenheit haben werden.^) 
Allein es scheiterte an der Macht vollzogener Thatsachen. Was 
die Ansicht anbelangt, dass die Araber das Lehensystem von 
den Persern entnommen haben sollen, wie von einigen behauptet 
wird, so ist sie gänzlich unbegioindet. Das Lehenwesen 
ist eine Institution, die sich bei den verschiedensten Völkern 
von selbst entwickelt. Wir finden es bei den Persern, ebenso 
wie bei den Germanen und anderen nicht blos arischen Völkern, 



n Maa'udy IV. p. 262, Aghftny XL 30. 

2) Den Text der wichti^n Stelle habe ich in den Culturg^eschicht- 
lichcn Streifzügen p. CO ff. bekannt gemacht. 



110 II^« Di^ StaAtBeinticbtmigBn der pafariarchaliscban Zeit. 

ohne däss desshalb an eine gegenseitige' Entlehnung gedacht 
werden könnte. Es ist eben eine Erscheinung des socialen 
Entwicklungsprocesses der Staaten, die unter gegebenen Ver- 
hältnissen von selbst hervortritt. Dass *Osmaln zuerst statt 
festen Soldes die Truppen mit Grundstücken belehnt habe, 
ist eine Nachricht, die auf sehr zweifelhaften Quellen beruht.-) 
Zur Vervollständigung des Charakterbildes 'Osmän's 
wollen wir nui* noch des Umstandes erwähnen, dass der 
Chalife von seinen Statthaltern Geschenke annahm. Der 
Statthalter von Bassora sandte ihm eine schöne Sklavin 
und der schon im hohen Alter stehende Fürst fand an ihr 
sein Wohlgefallen. 2) Da er sicher auch viel Geld brauchte, 
um seinen Hang zum Prunk und Wohlleben zu befriedigen 
und den stets grösser werdenden Anforderungen seiner Ver- 
wandtschaft zu genügen, so machte er den Versuch, aus den 
Provinzen, wo die geldgierigen Statthalter das ganze Ein- 
kommen verschlangen, grössere Einnahmsquellen dadurch 
zu erzielen, dass er die Steuereinhebung von der politischen 
Administration trennte. In Aegypten missglückte, wie bereits 
oben bemerkt, der Versuch, indem der Statthalter ganz offen 
erklärte, er werde es nie zugeben, dass ein anderer die Kuh 
melke, während er sie bei den Hörnern halte. In anderen 
Provinzen aber, so z. B. in Kufa, gelang es ihm doch, diese 
Maassregel durchzufuhren und das Steuerwesen von der poli- 
tischen Verwaltung zu trennen, aber die unmittelbare Folge 



1) Tischendorf in seiner fleissigen Arbeit über das Lehnwesen (Leipzig 
1872 p. 27) schöpft diese Angabe nach Hammer^s: Staatsverwaltung des 
osmanischen Reichs ans dem türkischen Schriftsteller Alj Dedeh, der 
Sojnly benützte. So sehr ich den Letzteren als gut unterrichtet kennen 
gelernt habe, so muss ich doch die Autorität des Erstgenannten bezweifeln, 
und dies um so mehr, da sich in allen andern arabischen Schriftstellern 
nichts findet, was diese Annahme bestätigen würde. Die Belehnung der 
Truppen mit Ländereien, deren Einkommen ihnen als Löhnung diente, 
erfolgte erst viel später. 

^ Sharh almowatta' IIL p. 101. 



ni. Dia Staatseinrichtnngen der patriarchalischen Zeit. 1 1 1 

davon war, dass der hiedurch schwer beleidigte Statthalter 
von Kufa ('Ammär Ibn Jäsir) sich zu den Missvergnügten 
schlug und die Empörung anstiften half, die zu 'Osmän's 
Ermordung führte J) 

Durch die grossen und ununterbrochen fortgesetzten Er- 
oberungen der arabischen Heere hatte sich die Zahl der 
Statthalterschaften vermehrt. Die erste und wichtigste Pro- 
vinz war Syrien, welcher Mo'awija vorstand, der seine Unter- 
statthalter in Hirns, Kinnasryn, Ordonn, Filistyn und der 
Seeküste selbstständig bestellte und vermuthlich auch den 
Richter von Daniascus ernannte. Die nächstwichtige Statt- 
halterschaft war Kufa, wobei jedoch die politische Admi- 
nistration schon von der Steuererhebung des Sawäd getrennt 
war, sowie auch das Kriegswesen. Die weiteren Statthalter- 
schafken waren: Bassora, Karkysijä, Aderbygän, Holw&n, 
Mäh-Dynär (Nehäwend), Hamadän, Ray, Isfähän, Mäsaba- 
d4n. In Arabien selbst bestanden folgende Statthalterposten : 
Mekka, Täi'f, Ganad, San'ä.^) Die in Afrika eroberten Ge- 
biete bildeten noch keine selbstständigen Provinzen, sondern 
wurden von Aegypten aus verwaltet. Centralarabien stand 
vermuthlich unter Täi'f, aber Ostarabien, Bahrain und 'Oman 
waren zweifellos, wie dies unter den Omajjaden der Fall 
war, integrirende BestandtheUe der Statthalterschaft von 
Bassora. 

Die Pflege des Richteramtes scheint unter diesem 
Herrscher keine wesentliche Umänderung erfahren zu haben. 
Anfangs versah der Chalife selbst, wie dies seine Vorgänger 
schon gethan hatten, die Obliegenheiten des Richters und 
es sind verschiedene richterliche Entscheidungen von ihm 
erhalten, später aber führte er die Neuerung ein, dass er 
einen eigenen Richter für Medyna einsetzte.^) Von einer 



^) Qeschichte der herrsch. Ideen d. Islams p. 340, Mas'udy IV. 284. 
*) Ibn Atyr DI. 149. 
3) Ibn Atyr OL 150. 



112 ni. Die Stutseinrichtviigen der patriarrhalifchpii Zeit. 

allgemeinen Ernennung von Richtern an allen wichtigeren 
Orten kann ebenso wenig unter 'Osmsln die Rede sein, als 
unter Omar. Es bestanden Richter (Kädy) nur in den 
Hauptstädten, dort wo grosse Massen arabischer Truppen 
lagen und um dieselben und aus ihnen hervorgehend allmälig 
mohammedanische Ansiedelungen entstanden waren : also in 
Kufa, Bassora; Damascus, Hims, vermuthlich auch in Kin- 
nasryn, dann in Fostät (Alt-Kairo), und Kairawtln. Allerdings 
ist es nicht unwahrscheinlich, dass diese sclbstständig ihre 
Unterrichter und Substituten in den einzelneu Bezirken be- 
stellten. Eine bestimmte Nachricht ist aber hierüber nicht 
erhalten. 

*Osmä.n's Regierung endete blutig, indem ein Aufstand, 
dem die einflussreichsten Ansars und Mohagirs nicht fremd 
waren und wobei auch Aly keineswegs frei von Mitschuld 
ist, ausbrach und der alte Chalife nach einer längeren Be- 
lagerung in seinem Hause ermordet ward. Er empfing den 
Todesstreich im Koran lesend. Aly ward nun zum Chalifen 
gewählt, aber nur ein Theil des weiten Reichs erkannte 
seine Wahl an. Ein Bürgerkrieg, der mit furchtbarer Er- 
bitterung ausgekämpft ward, brach zwischen ihm und Mo*a- 
wija, dem Führer der omajjadisch-mekkanischen Partei aus 
und derselbe nahm in solchem Maasse Aly 's ganze Thätig- 
keit in Anspruch, dass man sich nicht wundern darf, wenn 
er keine Zeit fand, sich mit administrativen Neuerungen zu 
befassen. Nur einige der ärgsten unter seinem Vorgänger ein- 
gerissenen Uebelstände schaffte er ab. So zog er einige Län- 
dereien in Irä-k ein, w^elche 'Osman an seine Günstlinge 
verschenkt hatte und so entsetzte er auch die Mehrzahl der 
von ihm ernannten Statthalter.^) 

Unter den Blutströmen des nun entflammten Kampfes 
zwischen den Omajjaden, die um Mo'äwija sich schaarten, 
und den Anhängern der alten Ordnung der Dinge, der 

1) Maa'udy IV. 299—303. 



in. Die StM.t86inriclitiing«n der patriarchalischen Zeit. 1 J 3 

Partei von Medyna, welche für Aly das Schwert zog, fand die 
patriarchalische Epoche des Islams ihren Abschluss. ^) Die 
Macht des arabischen Nationalgefühles, welches geschaffen 
zu haben, ein so grosses Verdienst Omar's ist, war zwar 
noch so gewaltig, dass das Chalifenreich nicht in Trümmer 
ging, dass es trotz der innern Kämpfe seine Eroberungszüge 
gegen die fremden Völker fortsetzen konnte, aber als endlich 
mit Aly's Ermordung der Streit um den Chalifenthron be- 
endigt war, als Mo'äwija über den gesammten mohamme- 
danischen Staat mit unbeschränkter Machtfiille herrschte 
und sein Name als Chalife und Fürst der Gläubigen von 
allen Predigerkanzeln des weiten Reichs ohne Einsprache 
verkündet ward, nachdem ihm in allen Provinzen gehuldigt 
worden war, da zeigte es sich, dass der Charakter der Zeit 
und des neu erstandenen Staatswesens ein wesentlich anderer 
war, als jener der patriarchalischen Epoche der vier ersten 
Chalifen. 



^) Die überwiegende Mehrzahl der AnsUrs und Mohagirs, d. i. der 
Hiten Kampfgenossen Mohammed^s, hielten zu Aly. In der Sclilacht von 
Siffyn befanden sich im Ganzen 2800 Gefährten des Propheten unter seinen 
Fahnen. Mas'udy IV. 295. 



ir. Kremer, Cnltnrgeschicht« des OrientH. 



IV. 



Damascus und der Hof der Omaj jaden. 



Die Entstehung von Damascus fällt in vorgeBchicht- 
liche Zeiten. Schon im höchsten Alterthunie war es weit 
berühmt in ganz Vorderasien und Könige herrschten da- 
selbst, deren Heere oftmals Syrien durchzogen. Die Lage 
der Stadt ist auch eine so überaus günstige, dass sie zweifel- 
los schon sehr früh ein wichtiger Knotenpunkt des Völker- 
verkehres und des Waarenaustausches , ebenso aber auch 
eine Wiegestätte des politischen und socialen Lebens fiir 
jene Gegenden werden musste. Dicht am Rande des Anti- 
libanons gelegen, in der Mitte einer mehrere Meilen weit 
herum sich ausdehnenden, fruchtbaren, mit einem grossen 
lieichthume stets fliessender Wasser gesegneten Ebene, die 
vom Fusse des Gebirges gegen das Hochplateau der grossen 
syrischen Wüste sanft sich abdacht, war es von jeher 
die natürliche Hauptstadt des weiten umliegenden Gebietes. 
Von der phönicischen Küste ging dm'ch die fruchtbaren 
Niederungen Coelesyriens ein bedeutender Waarenzug nach 
Damascus, fand von hier seine Fortsetzung ostwärts über 
Tadmor an den Euphrat und auf demselben Wege gelangten 
die werthvollen Producte Babyloniens, Assyriens, Mediens 
und Persiens'an die Gestade des Mittelmeeres. Ebenso führte 
aus dem Norden Syriens, von Aleppo, dem alten Beroea, 
über Hamah (Epiphania) und Hims (Emessa) eine Handels- 
strasse, die noch jetzt thcilweise benützt wird, und deren 



tV. ÜaniMcu und der Hof der Om%j jaden. 115 

Richtimg durch eine Reihe von Karawanserais bezeichnet 
ist, nach dem südlichen Theii von Syrien, den alten Land- 
schaften Ituraea, jetzt Gedur, Trachonitis (Lagäh) Haura- 
nitis, jetzt Haurän, und verzweigte sich einerseits übei* 
Gaulän (Gaulanitis) nach Palästina, anderseits über Bostra, 
jetzt Bosrk nach Nordarabien. 

Damascus war desshalb schon in den ältesten Zeiten 
der Hauptort dieses ganzen ostsyrischen Landstriches, dessen 
ländliche Bevölkerung die Erzeugnisse ihrer Bodencidtur 
und der häuslichen Arbeit hier gegen die Industrieproducte 
des städtischen Gewerbsfleisses umtauschte. Die wandernden 
Volksstämme der unabsehbaren ostwärts bis an die Euphrat- 
ufer sich ausdehnenden Hochebene lebten im Alterthume, 
sowie jetzt vorzüglich von dem Erträgniss der Vielizucht 
und dem Verdienste, das sie als Vermittler des Waaren- 
verkehres, als Karawanenführer, Kameeltreiber und Vieh- 
züchter sich erwarben. Auf den reich mit allen Bedürfnissen 
des Thebens ausgestatteten Bazaren von Damascus versahen 
sie sich damals , wie jetzt, mit Kleidungsstücken , Waffen, 
Hausgeräthe und den wenigen Luxusgegenständen, die sie 
suchten, wogegen sie ihre eigenen Waaren, vorzüglich 
Schaf- und Kameelwolle, Häute, dann Soda, Kali, Färber- 
röthe, Schwefel, Salz und Wüstenpflanzon absetzten, sowie den 
Ueberschuss ihrer zahlreichen Heerden an Schafen, Ziegen, 
Kameelen und Pferden verkauften, und der grossen Stadt 
den für ihre Bevölkerung nothwendigen Bedarf von Schlacht- 
vieh zuführten. All die kleinen Landstädte und Weiler, deren 
häufige, zum Theile von einem vorgeschrittenen Cultur- 
zustande Zeugniss gebende Ruinen man im östlichen Mittel- 
syrien so häufig antrifft, von Bostra im Süden angefangen 
bis Palmyra im Osten und Hims im Norden, standen mehr 
oder weniger in commercieller, oft auch in politischer Ab- 
hängigkeit von Damascus. 

In den glücklichen Epochen des Alterthums waren 

diese Gebiete auch weit stärker bevölkert, als dies in der 

8* 



116 IV. DamascQs und der Hof der Omajjaded. 

Gegenwart der Fall ist, indem Pest und Hungersnoth, die 
mit dem Verfalle des Chalifenreicbs so häufig auftreten, 
damals noch nicht ihre verheerenden Wirkungen fühlbar 
gemacht hatten. Die Wüste aber selbst war, so wenig wie 
jetzt, eine völlig menschenleere Einöde. 

Dieselben Beduinenstämme, welche sie noch immer 
bevölkern, hatten daselbst schon im Alterthume, zum Theil 
sogar mit denselben Stammesnamen, ihre Weidebezirke und 
Ansiedelungen. In den allerdings seltenen, aber den Noma- 
den wohl bekannten Brunnen fanden sie auch während der 
grössten Sommerhitze Wasser fiir sich und ihre Ileerden; 
aber im Herbst, Winter und Frühling, wenn die erquicken- 
den Regengüsse kommen , da bedeckt sich plötzlich der 
Wüstenboden mit einem zwar spärlichen Pflanzenwuchse, der 
aber bei der ungeheueren Ausdehnung, wo man, so wie eine 
Stelle abgeweidet ist, eine andere aufsuchen kann, den 
Heei'den roichlicl^es Futter liefert. Einzelne Oasen, wo bestän- 
dige Quellen sich finden, waren im Altei-thume der Sitz von 
grösseren Niederlassungen (Arak , Palmyra). Schliesslich 
dürfen wir nicht unbemerkt lassen, dass sich in jenen Zeiten 
das Culturland viel weiter gegen Osten erstreckte, als in den 
späteren Jahrhunderten. Wer die Grenzlandschaften der syri- 
schen Wüste von Hims herab gegen Bostra zu durchstreift, 
wird, wie dies neuestens Burton nachgewiesen hat, überall 
Spuren antiker Wohnstätten, Trümmer römischer Grenz- 
festen, ehemaliger Wasserbehälter und andere deutliche An- 
zeichen früherer Menschenanhäufung an jetzt ganz verödeten 
Stätten finden. 

So lag Damascus an der Grenze zweier gleich wichtigen 
Gebiete. Westlich gehörte in seinen Machtbereich die frucht- 
bare und reichbevölkerte Ebene, welche die Alten Coelesyrien, 
das hohle Syrien nennen , wegen ihrer Lage zwischen den 
beiden Bergketten des Libanons und Antilibanons , und 
östlich beherrschte es das unermessliche Gebiet des syrisch- 
arabischen Sandmeeres; nur Palmyra, die Königin der 



ly. DamascuB and der Hof der Omajjaden. 1X7 

Wüste, die Wimderstadt Zenobia's, wusste durch einige 
Zeit den Transithandel zwischen Westen und Osten zu mo- 
nopolisiren. 

Ueber die Schicksale von Damascus unter assyrischer, 
chaldäisch-babylonischer und altpersischer Herrschaft fehlen 
die Nachrichten. Aber so viel lässt sich wenigstens aus 
Ezechiel schliessen, dass es durch den Handel immer eine 
grosse Wichtigkeit besass. Anfangs war es unabhängig; 
von David bezwungen, machte es sich schon unter Salomo 
wieder frei und ward den späteren Königen von Juda und 
Israel gefährlich. Von Tiglath-Pilesar wird es den Assyriern 
unterworfen, geht dann an die Perser über und wird nach 
der Schlacht von Issos an Alexander d. G. verrathen, der 
daselbst des Darius Schätze und Harem erbeutete. Die Se- 
leuciden nahmen ihren Sitz in Antiochien, während Damascus 
sammt Palästina und Coelesyrien öfters in ägyptischer Bot- 
mässigkeit sich befand. Erst um 111 v. Chr. erhielt An- 
tiochus IX. Phönicien und Syrien und wählte Damascus zu 
seiner Residenz. Um 84 v. Chr. verlor es Antiochus Dio- 
nysos an den arabischen Fürsten Aretas. Zwanzig Jahre 
später (64 v. Chr.) ward die Stadt von den Römern unter 
Metellus, nach Besiegung des Königs Tigranes, besetzt und 
Pompejus empfing daselbst die Gesandtschaften imd Ge- 
schenke der Könige der umliegenden Landstriche. Syrien 
ward nun eine römische Provinz und die Proconsuln, die 
in der Regel in Antiochien ihren Amtssitz hatten, kamen 
nur ausnahmsweise nach Damascus. 

Zur Zeit des Apostels Paulus stand es unter dem 
arabischen König Aretas, einem Vasallen der Römer, der 
hier einen Statthalter (Ethnarchen) hatte. Seit der seleu- 
cidischen Epoche hatten sich viele Juden daselbst nieder- 
gelassen und besonders waren, wie Josephus berichtet, fast 
alle Weiber der jüdischen Religion zugethan. Paidus , der 
in den Synagogen von Damascus auftrat, fand einige Jünger 
Christi vor, denn schon früh hatte das Christenthum Wurzel 



113 IV. Damascufi und der Hof der Onajjadeii. 

gefasst auf diesem Boden und bald entstand ein Bischofssitz. 
Kaiser Philippus machte es zu einer römischen Colonie. 
Die alten Befestigungen stellte Diocletian wieder her, indem 
er eine grosse römische Grenzfeste daraus schaffen wollte. 
Er rief auch die berühmten Waffen fabriken ins Leben, die 
fiir lange Zeit eines hohen Rufes sich erfreuten. 

Theodosius hatte den heidnischen Tempel in eine christ- 
liche Kirche verwandelt *) und den Christen geschenkt. Justi- 
nian erbaute eine neue christliche Kirche. Allein bei den 
wiederholten Einbrüchen und Plünderungen durch die Perser, 
besonders im Jahre 605 Chr. unter Kaiser Heraclius 
wurde die Stadt furchtbar verheert, ein grosser Theil der 
Bewohner als Gefangene und Sklaven fortgeführt und sicher 
ward auch die Mehrzahl der öffentlichen Gebäude zerstört. 

Welche Bedeutung aber immer Damascus besass, er- 
hellt trotz des Schweigens der alten Schriftsteller aus Kaiser 
Julians Epistel an Serapion, worin er es das Auge des 
ganzen Morgenlandes nennt: was wohl in dein Sinne zu 
verstehen ist, dass es der wichtigste Grenz- und Beobach- 
tungsposten gegen den Osten sei. Hier war auch der Sitz 
eifriger theologischer Studien, welche in Johannes Damas- 
cenus und dessen Schüler Theodorus Abucara, deren Leben 
und Wirken mit dem Beginn der arabischen Herrschaft zu- 
sammentrifft, ihren Glanzpunkt und Abschluss fanden. 

Die herrliche Lage, welche auch die Araber so 
entzückte, dass sie die Ghuta, d. L die Ebene von Damascus, 
fiir ein irdisches Paradies erklärten, erregte selbst die 



*) Procop, de Aedif. Justin, ed. G. Dindorf, Bonn 1838 Lib. V. 
vol. III. p. 328. — Von jeher war Damascns ein Haupthandelsplatz ; der 
Verkehr mit Tyrus ist Ezechiel 27, 18 erwähnt. Die kunstvollen Ge- 
webe, die dort verfertigt wurden, waren von Alters geschätzt. In der 
christlichen Urgeschichte wurde Damascus berühmt durch die Bekehrung 
(Act. 9, 3 flf.) und erste Predigt (Act. 9, 20 ff.) des Paulus. Vgl. über Da- 
mascus: Ersch u. Gruber, Encyclop. Dann: Ritter, Erdk. u. Winer: Bibl. 
Bealwörterb. 



lY. Damascus und der Hof der Omajjaden. 119 

BevvuDcleniiij^ der geistlosen und prosaischen Byzantiner 
und Georg Pachymeres nennt diese Stadt „die schönste" 
(xaXXtoTY)). 

Seitdom man auf der neuen Poststrasse mit der Post- 
kutsche nach Damascus ßihrt, hat der erste Anblick viel 
an Reiz verloren. Der Weg führt nämlich von Chan Dymäs 
an dui'ch die Schluchten des Antilibanon und mündet bei 
dem Felspass Rabwa in die Ebene. Ganz anders ist die 
Uebersicht, wenn man auf der alten Karawanenstrasse, die 
von Chan Dymäs aus auf dem Rücken des Antilibanon sich 
hinzieht; am Rande des gegen die Ghuta zu plötzlich steil 
abfallenden Felskammes angelangt ist, den die Damascener 
Gebel Kasjun (in Damascener Dialekt: Asun) nennen. Da 
eröflEhet sich urplötzlich eine weite grossartige Fernsicht 
über die grüne Ebene mit ihrer üppigen, massenhaften 
Vegetation; die äussersten Linien am fernen Horizont ver- 
lieren sich im blauen Dufte und in dem glänzenden Schimmer 
des grellen von dem gelben Sandboden der Wüste reflec- 
tirten Sonnenlichtes. Gegen Norden und Nordosten ziehen 
sich in pittoresken Formen die eckigen Felskanten des Anti- 
libanon hin, die gegen die Wüste zu sich allmälig ver- 
flachen und in dem Sandmeere unterzugehen scheinen; 
im Süden erhebt sich die dunkle Masse des Gebel eshshaich, 
des Hermon, dessen wettergefurchtes Haupt gewöhnlich mit 
einem blendend weissen Schneeturban bedeckt ist, während 
gegen Südost und Ost zu die niedrigen Bergketten des 
Ledsch4hgebirges und des Haurän in tiefvioletter Färbung 
sich vom dunkeln Blau des Firmamentes abheben. Zu unseren 
Füssen aber liegt die alte, herrliche Chalifenstadt in der Mitte 
eines smaragdenen Gürtels von Gärten und Pflanzungen — 
ein gelbes Häusermeer, aus dem die grosse Kuppel der 
Hauptmoschee, deren vier schlanke Minarete und unzählige 
andere Kuppeln und Thürme emporragen. 

Zur Zeit als die ersten arabischen Heere l)is hieher 
vordrangen, war die Stadt noch nicht so ausgedehnt wie 



120 !▼• DamaAcus and der Hof der Omajjaden. 

jetzt, hingegen war die Umgebung reicher und sorfältiger 
bebaut, als dies in der Gegenwart der Fall ist. Der da- 
malige Umfang lässt sich deutlich erkennen aus den Resten 
der alten Stadtmauern, die als stumme Zeugen der grossen 
Vergangenheit noch heute ziemlich unverändert an ihrer 
alten Stelle aufrecht stehen. Sie umschliessen ein von Osten 
nach Westen sich ausdehnendes längliches Viereck, dessen 
nordwestliche Picke etwas abgestumpft war, denn daselbst 
befand sich vermuthlich an derselben Stelle, wo jetzt die 
Citadelle steht, eine grössere Befestigung. Die Stadtmauern 
waren in der Höhe von ungefähr 20 Fuss und hatten eine 
Dicke von 15 Fuss, sie bestanden aus Quadern und ruhten 
zum Theil auf einem noch weit älteren Unterbau, der in 
vorgriechische Zeiten zurückreicht und leicht erkennbar ist 
durch den gewaltigen Umfang der ohne Mörtel zusammen- 
gefügten, sorgfältig behauenen Steinblöcke. Viereckige vor- 
springende Thürme mit Mauerzinken gekrönt, die in der 
Entfernung von etwa 50 Schritten aufeinander folgten, 
dienten den Bogenschützen und Schleuderern, um die Er- 
steigung der Wälle zu verhindern, und ein 10 — 15 Fuss 
breiter Graben, mit Wasser aus dem Baradk gefüllt, er- 
schwerte den Angriff*. Oben auf den Stadtwällen waren 
theilweise Wohnhäuser erbaut, die in der Höhe von einem 
bis zwei Stockwerken über den Wällen emporragten, ganz 
in derselben Weise, wie man dies noch jetzt besonders auf 
der Strecke vom Thomasthor bis zum Bab alfarag vorfindet. 
Mehrere Thore, mit sclnveren eisenbeschlagenen doppelten 
Flügelthüren versehen und von zahlreichen Wachposten be- 
setzt, vermittelten den Verkehr mit dem offenen Lande. 

Das Stadtthor, welches den von Südosten heranrücken- 
den Arabern vermuthlich am ersten zu Gesicht kam, war 
das Ostthor (Bäb alsharky). Vor demselben stand ein grosser 
Tempel aus römischer Zeit,') dessen Portal sich bis zum 



^) Vgl. Kremer: Topographie von Damascus I, p. 11. 



lY. Damascus uud der Hof der Omajjaden 121 

Jahre 602 H., d. i. 1205 — 6 Chr. erhielt. Seitdem ist 
zwar dieses Bauwerk spurlos verschwunden , aber das Ost- 
thor selbst ist ganz unverändert so erhalten, wie es in 
römischen Zeiten war, als der Apostel Paulus es durch- 
schritt, nur ist die mittlere Hauptpforte gegenwärtig* ver- 
mauert; es besteht nämlich aus einem grossen, mittleren 
Portal festen römischen Baues von hartem, schön polirtem, 
röthlichem Sandstein und im Rundbogen gewölbt; zu 
beiden Seiten des Hauptportales befinden sich zwei kleinere 
ebenfalls rund gewölbte Thore. Das mittlere grosse Thor, 
das jetzt zugemauert ist, war für die Reiter, Kameele und 
Lastthiere bestimmt, und von den zwei Neben thoren diente 
das eine für die heraus-, das andere fiir die hineinströmende 
Volksmenge. Solcher Thore befanden sich noch mehrere 
an andern Stellen. Auf der nördlichen Seite ist das Thor 
zu nennen, welches jetzt Bab alkarädys heisst (richtiger Bäb 
alfarädys, d. i. Thor der Gärten), ganz aus Steinblöcken 
und nicht gewölbt, sondern mit einer grossen Steinschwelle 
gedeckt, eine Bauart, die zweifellos aus dem höchsten Alter- 
thume stammt. Auf der Westseite befand sich ein weiteres, 
jetzt nicht mehr in seiner ursprünglichen Form erhaltenes 
Thor, das an der Stelle des jetzigen Bab algäbijah stand. 
Auf der Nordseite ist eine römische Pforte ganz unverändert 
im Gebrauch und führt den Namen Bab alshäghur ; sie ist aus 
gut behauenen Quadern im Style des Ostthores, mit weitem 
Rundbogen und herumlaufendem gut gearbeitetem Fries. 

So stellte sich Damascus in seinem äusseren Anblicke 
den vor seinen Thoren lagernden arabischen Kriegern gross- 
artig genug dar und das Innere der Stadt stand mit ihrer 
äusseren Erscheinung in vollem Einklänge. Von dem Ost- 
thor zog sich die schon in der Apostelgeschichte erwähnte 
via recta in der Breite von ungefähr 15 Schuh, als das 
eigentliche Forum der Stadt in der Länge von einer guten 
Viertelmeile bis zum Westthor, jetzt Bäb algäbijah. Auf 
halbem Wege zwischen den beiden Thoren, also fast in der 



1 22 IV- Damaftcus und der Hof der Omaj jaden. 

Mitte der Stadt, lag^ die Metropolitankirche, welche Johannes 
dem Täufer gewidmet war und nach ihm benannt gewesen 
sein soll. Sie stand an der Stelle eines alten heidnischen 
Tempels, auf dessen gewaltigen Grundfesten ihre Mauern 
ruhen. Grosse Portale, von korinthischen Säulen getragen, 
mit reich von Sculpturen des späteren römischen Renaissance- 
styles geschmückten Architraven, verzierten den Eingang 
und es hat sich von einer dieser alten Tempelpforten, die 
in Styl und Grossartigkeit der Proportionen lebhaft an Baal- 
bek erinnern, ein bedeutender Rest erhalten, auf der West- 
seite der jetzigen Hauptmoschee, vor dem Baryd-Thore; 
ebenso wie auf der Südseite ein dreifaches aber kleineres 
Portal ganz unversehrt ist, das aber nicht dem alten heid- 
nischen Tempel, sondern der byzantinischen christlichen 
Kirche angehört. Die Araber haben es einfach vermauert, 
aber die über der Hauptpforte stehende bezeichnende In- 
schrift ganz unbeschädigt gelassen. Sie lautet wie folgt: 

H . BACIAEIA . cor XE BACLVEIA . IIANTÜN . TÖN 

AIONÖN . KAI . H . AECIIOTIA . COV . EN . HACH . 

TENEAT 

KAT TENEAI 

Dein Königthum, o Christus, ist ein Königthum für alle 
Zeiten und deine Herrschaft (besteht) von Geschlecht zu 
Geschlecht. *) 

Das Innere der Kirche muss äusserst prachtvoll ge- 
wesen sein; das Hauptschiff, von einer mächtigen Kuppel 
überwölbt, welche die Araber die Kuppel des Adlers (Kob- 
bat alnasr) nennen, ist zweifellos byzantinischen Ursprunges, 
die Mauern waren von aussen sowohl als von innen mit 
prachtvollen Mosaiken bekleidet, von denen noch jetzt be- 
deutende Reste erhalten sind, die auf Goldgrund Darstel- 
lungen von Pflanzen, Blumen und Landhäusern enthalten 



') Diese Inschrift habe ich zuerst copiert und bekannt gemacht, 
und zwar schon im Jahre 1854. 



lY. Damascas und der Hof der Omajjaden. 123 

und in Styl sowol als Technik lebhaft an die Mosaike der 
Marcus-Kirche in Venedig erinnern. Der Chalife Walyd L, 
den die arabischen Schriftsteller als den Erbauer der grossen 
Moschee nennen^ fugte nur die links und rechts von der eigent- 
lichen Kirche sich ausdehnenden Säulenhallen und Gänge 
hinzu, er erbaute die prachtvollen, den ganzen Hofraum der 
Moschee umfassenden Arcaden und die Minarete. 

Rings um die Johanneskirche, welche so recht das 
eigentliche Herz der Stadt war, veraweigten sich nach 
allen Richtungen breite, mit Pflasterstegen für die Fussgänger 
versehene Strassen, wo Säulengänge, deren Reste noch heute 
verfolgt werden können, im Sommer vor der Sonne, im 
Winter aber gegen den Regen willkommenen Schutz ge- 
währten. Eine aus hohem Alterthum stammende Wasser- 
leitung fiihrtc auf mächtigen Gewölben aus riesigen Quader- 
steinen das frische Wasser des Chrysorrhoas (Baradk) in 
die Stadt. Bei dreizehn andere Kirchen, ausser der Kathe- 
drale, gaben Beweis für den Reichthum und den frommen 
Sinn der Bewohner. Da auch viele byzantinische Grosse 
und Würdenträger, sowie eine starke Besatzung hier ihren 
Sitz hatten, so fehlte es nicht an andern grossartigen öffent- 
lichen und privaten Bauwerken, von denen jetzt freilich 
kaum mehr nennenswerthe Spuren erhalten sind. 

So fanden die arabischen Eroberer Damascus, als sie 
es in ihren Besitz bekamen. Nach der einheimischen Ueber- 
lieferung soll die östliche Hälfte der Stadt durch Eroberung 
mit den Waffen, die westliche Hälfte aber durch Capitula- 
tion in die Gewalt der Moslimen gekommen sein, und selbst 
die Johanneskirche ward getheilt, indem die eine Hälfte 
als Moschee diente, während in der andern die Christen 
ihren Gottesdiemst wie früher abzuhalten fortfuhren, so dass 
man in demselben Raum den Koran recitiren und die christ- 
lichen Liturgien absingen hörte. Erst der Chalife Walyd I. 
brachte die ganze Kirche in seinen Besitz, indem er halb 
durch Drohungen, halb dui'ch Entschädigungszusicherungen 



124 IV. DamascuB nnd der Hof der Omajjaden. 

die Christen bestiminte, auf ihren Antheil zu verzichten. 
Er gestaltete sie nun ganz in eine prachtvolle, im reichsten 
Goldschinucke des byzantinischen Geschmackes glänzende 
Moschee um, die unter dem Namen der Omajjaden-Moschee 
im ganzen Morgenlande berühmt ward, und ein dauerndes 
Denkmal des Kunstsinnes und der Frömmigkeit dieser 
Dynastie ist. Nach den Moscheen von Mekka, Medyna und 
Jerusalem gilt die von Damascus als die viert-heiligste der 
ganzen mohammedanischen Welt. 

Hier in diesen Hallen vollzogen sich viele für die 
Geschichte des Orients wichtige Ereignisse. Hier predigte 
Mo'awija, der Gründer der Omajjaden-Dynastie, und feuerte, 
indem er die abgehauene Hand des ermordeten Chalifen 
^Osmän , dessen blutiges Hemd , sowie den mit seinem 
Blute getränkten Koran vorzeigte, zur Rache gegen dessen 
Mörder an und rief so den ersten Bürgerkrieg des Islams 
hervor. Hier ward die Thronentsetzung so vieler Chalifen 
vom versammelten Volke ausgesprochen und hier fanden 
auch die allgemeinen Huldigungen für die neu gewählten 
Herrscher statt. 

Die Araber siedelten sich zuerst in dem westlichen 
Stadttheile an, um die daselbst gelegene Citadelle, und 
vermuthlich mussten die christlichen Einwohner diesen Theil 
der Stadt räumen. Besonders war es die Baradk-Ebene, 
jetzt der grüne Rennplatz (maidan alachdar) genannt, wo 
sie sich niederliessen, und allmälig dehnte sich die mo- 
hammedanische Stadt immer weiter aus, wurden die Christen 
und Juden immer mehr auf die östlichen Stadtviertel be- 
schränkt, wo sie noch jetzt ausschliesslich wohnen und zwar 
die ersteren auf der Nord-, die letzteren auf der Südseite 
der via recta (darb almostakym). 

Die Araber brachten auch hier ihre eigenthümlichen 

Sitten und Einrichtungen mit, an denen sie überall in den 

\ eroberten Ländern festhielten. Denn trotz der grossen 

i Leichtigkeit, womit sie von den fremden Culturvölkern so 



IV. DamaBcns and der Hof der Omajjaden. 1 25 

vieleß entlehnten, drückten sie immer den Ländern, die sie 
unterworfen hatten und beherrschten, iliren nationalen, g-anz 
originellen Stempel auf. Von dem Augenblicke an, wo I)a- 
mascuR in arabischen Besitz gekommen war, wechselte es 
seinen Charakter, es hörte auf eine griechisch-syrische Stadt 
zu sein und ward sehr schnell eine echt arabische. Sobald 
es die Residenz der Chalifen geworden war, nahm die mo- 
hammedanische Bevölkeining, theils durch Einwanderung, 
theils durch massenhaften Uebertritt zum Islam, in solchem 
Grade zu, dass die früheren I^andeseinwohner sicher sehr 
schnell in der Minderzahl sich befanden. 

Wie bedeutend die mohammedanische Bevölkerung 
damals war, können wir aus der uns erhaltenen Nachricht ') 
bemessen, dass unter Walyd I. (705 — 715 Chr.) schon 
die Zahl jener Personen, die in Damascus Jahresdotationen 
aus der Staatskasse erhielten, sich auf 45000 belief. Wenn 
wir bedenken, dass zu jener Zeit die Ertheilung von Jahres- 
gehalten nur an solche stattfand, die Kriegsdienste zu leisten 
vermochten, oder Regierungsämter bekleideten, so können 
wir die Gesammtzahl der damaligen mohammedanischen 
Einwohnerschaft auf mindestens das Doppelte, wo nicht 
Dreifache ansetzen. 

So ist es kaum zweifelhaft, dass schon in der mittleren 
Zeit der Omajjaden-Dynastie der Charakter von Damascus, 
der allgemeine Typus des Volkslebens daselbst, sich nicht 
mehr sehr stark von dem gegenwärtigen unterschieden habe, 
es sei denn durch die grössere Lebhaftigkeit des Verkehrs, 
denn es war damals der Sitz eines reichen, verschwenderi- 
schen Hofhaltes und seines ganzen Trosses von hohen Staats- 
l)eamten, hier war der Sitz der Administrationen, dann einer 
beträchtlichen Truppenmasse und der Sammelplatz stets neu 
zuströmender Fremden , Handelsleute und Karawanen aus 
allen Theilen des Morgenlandes. Dasselbe Menschengetümmel, 

\. Goeje : Fragitipntn Hi«foriconim Arnbicnrnm I. p. 6. 



126 IV* DftmMCtts and der Hof der OBajjaden. 

das wir noch jetzt auf den Bazaren von Damascus bewundern, 
muBS damals in weit grösserem Maasse die Märkte und 
Strassen belebt haben. Sicher herrschte schon in jener Zeit 
auf den Bazaren dasselbe System der strengen Absonderung 
der verschiedenen Handwerke und Zünfte, das überall im 
Oriente besteht und den grossen Markthallen desselben einen 
so eigenthümlichen Reiz verleiht. Damascus zeichnete sich 
stets hiedurch aus; seine Kaufläden waren nicht nur mit 
allen Kunst- und Naturproducten dreier Welttheile reich 
versehen, sondern auch die bunteste und malerischeste 
Menschenmenge belebte und erfüllte diese Räume. Da kom- 
men Schaaren syrischer Landbewohner in ihren purpurrothen, 
auf dem Rücken mit Arabesken von echt altasiatischem 
Geschmacke verzierten Leibröcken, mit weiten Pumphosen, 
rothen Schuabelschuhen und grossen, weissen oder blauen 
Turbanen, und treiben ihre mit Landerzeugnissen beladenen 
Esel, Maulthiere und Kameele vor sich her; dort gehen 
verwundert und in dem Menschengewühl verloren sonnge- 
bräunte Beduinen in ihren braunweiss gestreiften Mänteln 
aus KameelwoUe, den Kopf mit schmutziger, rothgelb ge- 
streifter Kufijje umwunden; dazwischen reitet auf schönem 
arabischem Rosse, die hohe, an der Spitze mit einem Büschel 
schwarzer Straussfedern geschmückte Lanze in -der Hand, 
ein Beduinenhäuptling. Nachkommen des Propheten mit 
feinem langgezogenem Profil, schwarzen stechenden Augen 
und spärlichem Barte, gehen gemessenen Schrittes in langem 
Kaftan, den Rosenkranz stille abbetend, zur Moschee. Frauen- 
schaaren in ihren weissen, die ganze Gestalt verhüllenden 
Uebei-würfen feilschen in den Buden. Kinder, Negersklaven 
und Bettler drängen sich durch die Menge, hausirende Hal- 
wäverkäufer bieten ihre Waare aus; Wasserträger, Eislimo- 
nade und andere Scherbete verkaufend, klappern mit den 
zwei messingenen muschelform igen Trinkschalen; dazwischen 
summt und surrt durch die Luft das unbeschreibliche Ge- 
räusch der aus hundert verschiedeneu Kehlen aufsteigenden 



IT. Damascns nnd der Hof der Omajjaden. 1 27 

Laute der mit arabischer Lebhaftigkeit in Bewegung ge- 
setzten Sprachwerkzeuge. Dazwischen erschallen die schrillen 
Rufe der verschiedenen Hausirer, Bettler und Marktschreier: 
raghyf ja shibäb! Brot o Jünglinge! ruft der Brotverkäufer; 
Mal Halbun! Waare aus Halbun, schreit der Bauer mit 
seinen prächtigen Trauben, Feigen und Granatäpfeln; sabyl 
ja 'atshän, ein Opfertrank, o Durstender ! kreischt der Scher- 
betschenke; sultany ja ka'k mal alghada, Sultansbretzen 
zum Mittagsschmaus! ist die Formel des Bretzenhändlers ; 
eddaim alläh, Gott ist der Unvergängliche! lautet die Re- 
clame des Salatverkäufers, womit er im Gegensatz zu dem 
schnell verwelkenden Charakter seiner Waare die Unver- 
gänglichkeit Gottes preist, und auf diese Art für fromme 
Seelen seinen Salat besonders empfehlen swerth macht. 

Und all dies Getriebe, dies Getümmel und Lärmen ist 
eingeschlossen innerhalb der engen Räume der oben gegen 
die brennenden Sonnenstrahlen entweder durch feste Stein- 
gewülbe oder durch Holzgebälke und darüber gebreitete 
Binsenmatten gedeckten Markthallen, die auf beiden Seiten 
von den Kaufbuden und den dahinter sich erhebenden 
Mauern der Privathäuser oder öffentlichen Gebäude, Mo- 
scheen und Chane begrenzt sind. 

Einzelne dieser Bazare haben zweifellos schon vor der 
Zeit der arabischen Eroberung ganz dieselbe Stelle einge- 
nommen und haben auch unverändert dieselbe Physiognomie 
beibehalten, so z. B. der Bazar der Griechen (suk alarwäm) 
und mehrere andf^re. 

Eine weitere orientalische Eigenthümlichkeit ist wohl 
auch erst durch die Araber eingeführt worden. Es ist dies 
die Trennung der einzelnen Stadtviertel, ja selbst der grösse- 
ren einzelnen Strassen und der innerhalb derselben liegenden 
Häuserinseln dui'ch besondere Pforten (bawwäbeh), die bei 
Nacht oder bei Gefahr von Unruhen geschlossen wurden 
und die verschiedenen Stadtviertel absperrten. Die Araber 
zeichneten sich stets durch ihre Al)neigung gegen jede centrali- 



f> 



128 I^' Damascas and der Hof der Omajjaden. 

ßirende Regierimgseinriclitung aus. In den Standlagern, wo 
sich arabische Heere niederliessen und Ansiedelungen bil- 
deten, aus denen später Städte hen'^orgingen (Bassora, Kufa, 
Fostät, Kairawän u. s. w.) wohnten sie nach Stämmen ge- 
schieden. Jeder Stamm hatte sein besonderes Stadtviertel, 
sein Quartier, seine eigene Moschee, seinen Bazar, sogar 
seinen eigenen Begräbnissplatz, denn selbst im Tode wollten 
sie in der Gemeinsamkeit ihren Stammesangehörigen ver- 
bleiben und sich nicht mit Fremden vermischen. ^) Jedes 
solche Stadtviertel bildete eine kleine Stadt für sich und 
war gegen die andern dadurch abgeschlossen, dass am Ende 
der Hauptgasse eine Pforte sich befand, die im Nothfalle 
abgesperrt ward und jede Verbindung mit der übrigen 
Stadt unmöglich machte. Diese alterthümliche Einrichtung 
findet man noch immer in Damascus, in Kairo, Aleppo und 
in allen anderen arabischen Städten. 

Wenn ich mich Abends in Damascus von einem Be- 
suche nach Hause begab, hatte ich oft . vier bis fünf solcher 
Pforten zu passiren. Jede hat ihren Wachmann (häris), der 
erst dann öffnet, wenn man auf seine Frage: min, 2) wer? 
mit dem üblichen: iftah ja haris, öffne o Wachmann! ge- 
antwortet hat, worauf er ein kleines SpeiTgeld — damals 
war es 5 Para — in Empfang nimmt. 

Die Bauart der Wohnhäuser der syrischen Hauptstadt 
ist sehr eigenthümlich. Fast alle sind aus Lehm und nur die 
öffentlichen Gebäude haben Steinmauern. Es unterliegt 
keinem Zweifel, dass schon im Alterthum dasselbe der Fall 
war, denn sonst würden mehr Baureste erhalten sein. 

Als die Araber Syrien eroberten, hatten sie noch 

r nicht Zeit gehabt, sich einen eigenen Baustyl zu bilden. 

I Sie nahmen daher den byzantinischen an und bauten ihre 

Häuser ganz nach dem antiken Brauche der spätrömischen Zeit. 

') Vgl. Culturgeschiclitliche Streifziige p. 63. 
2) Min ist die vulgäre Aussprache stett: man. 



IV. DamMCiu und der Hof der OmajjadeiL 129 

Dicke Lehmmauerii ; g^gen die Strasse zu oft unge- 
tüncht^ schliessen das damascenische Haus von der Ausseu- 
welt ab. Keine Fenster gehen auf die Strasse hinaus, ausser 
von den Zimmern des ersten Stockwerks, und diese sind 
mit Holzgittern wohl verwahrt. 

Die innere Anlage und Eintheilung eines solchen 
Hauses ist ganz die des römischen. Ebenso wie in Syrien 
die Araber sich dem römischen Baustyle anschlössen, so 
nahmen sie in andern Provinzen andere Vorbilder, und die 
arabischen Häußer in den Städten von Irak, besonders in 
Bagdad, lassen deutlich persischen Styl und Greschmack 
erkennen. 

Den Eingang in das Damascener- Wohnhaus bildet ein 
gedeckter Gang, der gewöhnlich in einem rechten Winkel 
ins Innere führt, so dass^ selbst^ wenn das Thor geöfiiiet 
wird, kein neugieriger Blick in die Innern Räume eindringen 
kann. Unter dem Thorweg, der dem römischen ostium ent- 
spricht, sitzt auf hoher Holzbank oder auf einer Estrade 
von Lehm oder Stein der Thorhüter (bawwäb), der bei 
keinem grösseren Hause fehlt und dessen Aufgabe es ist, 
die Besucher anzumelden. Das Thor ist von Holz, gewöhn- 
lich bei den Häusern der Reichen mit grellen Farben und 
Oelmalerei verziert, oft mit einem frommen Spruche darauf. 
Es öffnet sich immer nach Innen, hängt aber nicht in eiser- 
nen Angeln, sondern bewegt sich in keilförmigen Angel- 
zapfen, die in der obern und untern Schwelle eingelassen 
sind, ebenso wie dies bei dem römischen Hause der Fall 
war. Das Verschliessen der Thür geschieht von innen mittelst 
eines hölzernen Querbalkens (dirbäs, lateinisch sera); jetzt 
tritt allerdings mehr und mehr der europäische eiserne 
Schlüssel an dessen Stelle, nur ist derselbe, wenn er Fabri- 
kat der einheimischen Schlosser ist, übermässig plump. 

Aus dem Thorweg gelangt man in einen offenen Hof 
von länglich viereckiger Form (hosh, das römische atrium) ; 
derselbe ist oft bei grösseren Gebäuden mit Säulengängen 

T. Kremfir, Cultnrgetchichte de« Orients. 9 



I) 



130 IV. DamatciiB nnd der Hof der Omajjaded. 

herum versehen und hat auf der Südseite eine gegen Norden 
oflfene Halle^ deren Fa^ade von einem weit gespannten Spitz- 
bogen getragen ist. Diese Halle heisst lyw&n (zusammenge- 
zogen aus dem altarabischen alaiwän) und darf bei keinem 
Hause fehlen. Sie ist in den heissen Sommertagen der an- 
genehmste Aufenthalt, wo man des Abends die kühle Nord- 
brise geniesst. Der Estrich derselben ist ungeföhr um 
einen Schuh höher als die Flur. 

Hier werden in der heissen Jahreszeit die Besuche 
empfangen. In der Mitte des Hofes erhebt sich 1 — 1^2 Schuh 
über die Flur ein Wasserbecken aus Stein gemauert und mit 
Marmor bekleidet. Der Boden des Hofraumes sowohl als 
des Lywän ist mit Marmor und bunten Steinen gepflastert. 
Schöne Arabesken werden mittelst des schwarzen vulkani- 
schen Steines, der aus dem Ledschähgebiete kommt, und 
des rothen Sandsteines des Antilibanon hergestellt. Gewöhn- 
lich stehen ein paar Orangen- oder Citronenbäume im Hof- 
raum, manchmal findet man auch eine vereinzelte Palme, 
obgleich dieser schöne Baum in Damascus schon recht selten 
ist und sich nicht mehr heimisch fühlt: der Winter mit 
seinen kalten Nordstürmen, Regengüssen und Schneegestöber 
ist ihm schon zu rauh. Um den Hof reihen sich die Wohn- 
gemächer des Erdgeschosses, deren mit geschnitzten Holz- 
gittern versehene Fenster gross, breit und nicht gewölbt 
sind, und eine länglich viereckige Form haben. Durch einen 
zweiten, engen Thorweg gelangt man in den Häusern der 
grossen Familien in einen zweiten Hofraum und manchmal 
folgt auf diesen noch ein dritter, wo alles wie in dem ersten, 
nur in grösseren Dimensionen und mit mehr Luxus, ausge- 
führt ist ; die Mai-mormosaike der Flur sind sorgföltiger ge- 
arbeitet, die Wasserbecken grösser und mit künstlichen Cas- 
caden versehen. In der Regel erhebt sich über dem Erd- 
geschoss noch ein Stockwerk. Gerade, steile und ziemlich 
schmale Treppen mit bemaltem Holzgeländer fuhren zum 
flachen Dach der unteren Gemächer empor, auf dem sich 



lY. DamMCns und der Hof der Omejjaden. l3l 

meistens eine mit bunt bemaltem grünem oder rothem Ge- 
länder versehene oflFene Gallerie theilweise um den Hof 
herumzieht, von der man in die Gemächer des oberen 
Stockwerkes eintritt. Wilder Wein, Nachtschatten und 
andere schön blühende immer giiine Schlingpflanzen klettern 
aus dem Hofe empor und verhüllen unter ihrem massigen 
Laubdach die Mauer, welche nach origineller Damascener- 
Sitte mit schuhbreiten abwechselnd woissblauen und weiss- 
rothen horizontalen Streifen bemalt ist, deren greller Farben- 
contrast dem Innern des Wohnhauses einen eigenthümlich 
lebhaften, heiteren Charakter verleiht. Die inneren Wände 
des an der Südseite des Hofes befindlichen Lywän sind fast 
ohne Ausnahme mit ganz byzantinisch aussehenden Male- 
reien, Landschaften, Paläste, Wasserfalle darstellend, ausge- 
schmückt. Rechts und links vom Lywan öffnen sich die 
Thüren in die Empfangszimmer, die während der kalten 
Jahreszeit benützt werden, während im Sommer der Lywä.n 
als beständiger Aufenthaltsort dient. Diese Zimmer, die 
man Kä'ah (Halle) nennt, haben gleichfalls jedes sein kleines 
Wasserbecken mit immer fliessendem Brunnen. Die messinge- 
nen Pipen derselben sind gewöhnlich phantastisch geformte 
Löwen oder Drachen, die aus ihrem Schlünde den Wasser- 
strahl ausspinideln. Einen Schuh höher ist der Estrich des 
Zimmers, dessen Fenster auf den Hof hinausgehen. Das 
einzige Einrichtungsstück ist in der Regel ein auf drei 
Seiten an den Wänden sich hinziehender grosser Dy wän. Der 
Eintrittsthür gegenüber, oder in der Seitenwand des Zimmers 
befindet sich eine kleine Wandnische (soffah) mit Marmor- 
säulen und Marmorsculpturen verziert. Hier ist auf der in 
der mittleren Höhe angebrachten Marmorplatte der Platz 
fiir Ibryk und Tosht, Kanne und Wasserbecken, deren sich 
die Mohammedaner zu ihren religiösen Ablutionen bedienen. 
Um die Sofiah herum ist die Wand in den besseren Häusern 
mit reichbemalter Holzarbeit und eingelegten Spiegelchen 

verziert. Der Rest des Zimmers ist, wie schon bemerkt, 

9* 



132 I^- DAm««cai and der Hof der Omejjadeii. 

einen Schuh über die Flur (*atabah) erhöht und auf dieser 
Erhöhung laufen an den drei Wänden des Gemachs die 
Dywäne henim. Um aber jedem Irrthum zu begegnen, 
und damit man sich diese Dywäne nicht als europäische 
Canapees vorstelle , wird bemerkt, dass sie nur aus einer 
länglichen, ungefähr 3 — 4 Schuh breiten Matratze bestehen, 
die mit buntem Stoflfe, Damascener-Seidenbrokat überzogen, 
oder mit persischen Teppichen belegt und anstatt der Lehne 
mit Polstern versehen ist. 

In Manneshöhe zieht sich an der Wand ein vorspringen- 
des hölzernes Gesims (riff) herum, das dazu benützt wird, 
um kleinere Gegenstände, Gefasse u. dergl. daraufzustellen. 
An den Seitenwänden sind in der Tiefe der Mauer Wand- 
schränke (cheristän) angebracht, deren Thüren von Holz in 
Felder eingetheilt, bunt bemalt und mit kleinen Spiegeln 
eingelegt sind. Ebenso sind nicht selten die Wände der 
Zimmer, besonders jener, die zum Winteraufonthalt dienen, 
bis zur halben Höhe mit Holz getäfelt, das gleichfalls bunt 
bemalt ist. Ober den Wandschränken sieht man auf hölzernen 
in der Mauer eingelassenen Tafeln, meistens auf lasurblauem 
Grunde goldene Inschriften, fromme Sprüche und Denkverse 
enthaltend. Im Hintergrunde ist gewöhnlich ein riesiger 
Wandschrank mit zwei breiten Flügelthüren , welcher fast 
den ganzen Kaum dieser Seite des Gemachs einnimmt. 
Man nennt ihn Chazneh oder Doläb und seine Bestimmung 
ist vorzüglich die, während des Tages das Bettzeug aufzu- 
nehmen, das Nachts auf dem Boden ausgebreitet wird, denn 
bekanntlich bedienen sich die Orientalen keiner Bettstellen. 

Da man die Kunst Holz zu poliren in Damascus nicht 
übt, so wird auch dieser Holzverschlag mit allem Aufwand 
orientalischer Künstlerphantasie mittelst Oelmalereien deco- 
rirt, mit eingelegten Spiegelchen und Vergoldungen ausge- 
schmückt. Der Boden der Halle ist im Winter mit Teppichen, 
im Sommer mit Binsenmatten der bekannten, schönen Da- 
mascenerarbeit belegt. Die Fenster sind mit bemalten Holz- 



IV. Damascus und der Hof der Omujjadeii. 133 

laden versehen, die im Winter über Nacht geschlossen 
werden, die Thüren hingegen sind auch in der kalten Jahres- 
zeit gewöhnlich offen und werden nur mittelst Vorhängen 
(berdäjah, sitärah) aus schwerem Tuch, oder Teppichstoff 
geschlossen , worauf mit weissem oder rothem Tuch in 
grossen Buchstaben Inschriften oder Arabesken zur Zierde 
aufgenäht sind. Zur Erwärmung dient im Winter, da man 
keinen Ofen kennt, das messingene Känun oder Mankal, d. i. 
Kohlenbecken, das in der Mitte des Saales vor dem Dywän 
aufgestellt wird, und woran man sich Hände und Füsse 
wärmen kann. 

Die Decken der Zimmer, sowohl des obern als untern 
Stockwerks, sind aus den langen Stämmen der Silbei-pappel, 
die in dem wasseiTcichen Grunde um Damascus ganze dichte 
Auen bildet. Ueber diese Balken, die beiläufig einen Schuh 
weit von einander abstehen, liegen Bretter, deren Zwischen- 
räume dui'ch aufgeheftete Holzleisten verkleidet werden. Die 
Decke ist also ganz von Holz, aber in der Decorirung der- 
selben leistet man Ausserordentliches. Alles wird mit bunten 
Oelfarben bemalt, mit Arabesken ausgeschmückt und mit 
Vergoldungen bedeckt. In den Ecken defe Plafonds werden 
in den Häusern der Reichen jene schönen tropfsteinartigen 
Verzierungen in Holz imitirt, die man in Stein ausgeführt 
fast an allen Moscheenportalen bewundert. All diese Plafond- 
malereien sind in reicher Farbenpracht im maurischen Styl 
höchst geschmackvoll ausgeführt und erinnern lebhaft an 
die kunstvollen Ornamente der Decken, Friese und Wände 
in der Alhambra. 

Mir scheint es zweifellos, dass diese eigenthümliche 
Ornamentik, die fiir Damascus so ganz charakterisch ist, 
und besonders durch vorherrschende Benützung der Oel- 
malerei und Verwendung greller Farbencontraste sich aus- 
zeichnet, byzantinischen Ursprungs sei. Denn die landschaft- 
lichen Darstellungen, die wir auf den Mosaikresten der 
Johanneskirche finden, nähern sich in Zeichnung und Aus- 



] 34 I^- DaiDftscus and der Hof der Omajjadea. 

fiihrung ganz den decorativen Malereien der modernen Da- 
mascener- Häuser, wo solche landschaftliche Darstellungen 
eine Hauptrolle spielen, mit derselben Unkenntniss der Per- 
spective, mit derselben Vorliebe fiir pagodenähnliche Häus- 
chen, steife Bäume, unverhältnissmässig grosse Vögel und 
immer wiederkehrende Felsen und Wasserfälle. Grelle Farben 
sind für diesen eigenthümlichen Styl der Ornamentik cha- 
rakteristisch, Himmelblau, Hellgrün, Violett herrschen vor. 
Ich sehe auch hierin ein Vermächtniss der byzantinischen 
Kunst. Die arabischen Einwanderer eigneten sich diesen 
Kunstgeschmack an und führten ihn fort, mehr oder weniger 
von ihnen umgestaltet und besonders in architektonischer 
Hinsicht veredelt und entwickelt, wobei aber doch besonders 
in der Malerei der byzantinische Grundtypus ziemlich deut- 
lich sich erkennen lässt. Doch fügten sie auch selbstständig 
Geschaffenes hinzu. Während die decorativö Landschafts- 
malerei keinen Fortschritt gegen die frühere Kunst bildete, 
entwickelten die Araber zwei decorative Kunstrichtungen, 
die ihnen ganz eigenthümlich sind, zur unübertrefflichen 
Vollkommenheit: die Arabeske und die Anwendung der 
Kalligraphie zur monumentalen Ornamentik. Ich betrachte 
es daher so ziemlich als ausgemacht, dass ebenso wie die 
grosse Moschee von Damascus einen unverkennbar byzan- 
tinischen Charakter aufweist , so auch alle Bauwerke 
aus der Zeit der Omajjaden , von denen uns leider keine 
weiteren Reste erhalten sind, ganz in demselben Style aus- 
geführt waren und sich nicht wesentlich von den modernen 
Leistungen der Damascener-Architektur unterschieden. 

Nach dem eben Gesagten können wir uns nun auch 
ein annähernd genaues Bild von dem Innern des alten 
Chalifenpalastes machen. Schon Mo'äwija, der Begründer 
der Dynastie, erbaute sich ein Residenzschloss , das unter 
dem Namen Chadrä, d. i. der grüne Palast, bekannt war, ^) 



1) Goeje: Fragm. Eist Arab. I. p. 146. 



lY. Damascus und der Hof der Oiuajjaden. 13o 

vermuthlich von dem grünen Anstrich so benannt. Unter 
seinen Nachfolgern entstanden zahh*eiche Prachtgebäiide der 
Chalifen sowohl als der Mitglieder des herrschenden Hauses 
und der Grossen des Reiches, die das Innere der Stadt und 
die herrliche, parkartige Ebene schmückten, welche ringsum 
die Stadt einschliesst. Aus dem massigen Laubdach der 
dichten Wälder von Platanen, Silberpappeln, Wallnuss- und 
Aprikosenbäumen, der Pflanzungen von Feigen und Oliven- 
bäumen, zwischen denen haushoch die Reben und andere 
Schlingpflanzen sich emporrankten, ragten überall die weissen 
Kuppeln und Thürmchen von Lustschlössern, Kiosken, ele- 
ganten Landsitzen, Moscheen und Grabmonumenten hervor. 

Besonders war es Walyd I., der Damascus und die 
Umgegend mit schönen Bauwerken schmückte und durch 
den Ausbau der grossen Moschee sich ein bleibendes Denk- 
mal setzte. *) 

Ein alter Berichterstatter, der im Gefolge des Chalifen 
Mo'tasim Damascus besuchte, schildert uns, wie folgt, einen 
der Omajjaden-Paläste : „Als wir in Damascus angekommen 
waren, besichtigten wir uns die Paläste der Omajjaden. Da 
kamen wir in einen grossen Palast, der ganz mit grünem 
Marmor (verde antico) gepflastert war; in der Mitte des 
Hofraumes befand sich ein grosses Wasserbecken mit immer- 
währendem Zufluss, dessen abfliessendes Wasser einen Gai-ten 
bewässerte, wo alle Gattungen der schönsten Pflanzen und 
Bäume standen, während zahllose Singvögel, deren Gesang 
die schönste Musik ersetzte, ihn belebten." 2^ 

Weit verbreitet war auch in der arabischen Welt der 
Ruf der herrlichen Bauwerke und Paläste von Damascus, so 
dass der Dichter Farazdak, als ein Feldherr in Irak sich 
gegen den Chalifen empört und die Drohung gethan hatte,- 
er wolle keinen Stein von Damascus auf dem andern lassen, 
hierauf in einem seiner Gedichte anspielend sagte : 

^) Goeje: Fragm. Histor. Arab. I. p. 11. 
2) Ghorar fol. 68. 



136 !▼• DamMcnB und der Hof der Om^ijftden. 

Dir künden die Seher, da«8 du Eerstören würdest, 

Damascus, die Stadt, von den Ginnen errichtet, 

Die vom Schneegebirge die Quadern holten; 

Felsblöcke, die sie aufeinander geschichtet; 

Doch schon nahen Syriens Reiter, von deren Lanzen 

Die Fähnlein flattern, gleich Geiern, die Beute erspähen, 

Ihre Rosse führt ein gesegneter Held; 

Keine Schaar, die er angreift, kann ihm widerstehen. *) 

Es ist ein unvergängliches Verdienst der omajjadischen 
Chalifen, dass sie die Stadt mit diesem Wasserreichthum 
versorgt haben, der noch jetzt im ganzen Oriente unüber- 
troffen ist. Der Baradk, der ChrysoiThoas der Alten, führte 
zwar schon im Alterthum reichliches Trinkwasser zu, aber 
das Verdienst, das Bewässerungssystem so ausgebildet zu 
haben, dass noch heutigen Tages auch das ärmste Haus 
seine immer fliessende Fontäne besitzt, gebührt ausschliess- 
lich den Chalifen der ersten Dynastie. Einer der sieben 
Hauptkanäle führt daher noch immer nach dem Chalifen 
Jazyd, der ihn eröffnete, seinen Namen (Nähr Jazyd.^) 

So hatten sich denn die Beherrscher von Damascus 
hier und in der reizenden Umgebung einen Aufenhalt zu 
schaffen gewusst, wie er nicht heiTÜcher gedacht werden 
kann. Der Chalifenpalast strahlte von Gold und Marmor, 
prächtige Mosaike zierten die Wände und den Boden, immer 
fliessende Springbrunnen und Cascaden verbreiteten die an- 
genehmste Kühlung und ihr Murmeln lud zum erfrischenden 
Schlummer ein. Herrliche Schlingpflanzen und schattige 
Bäume dienten zahllosen Singvögeln zum Aufenthalte. Die 
Decken der Gemächer glänzten in Gold- und Farbenschmuck 
und buntem Getäfel, reichgekleidete Sklaven in schwer- 
seidenen Stoffen von greller Farbe, in den noch jetzt in 
Damascus üblichen gestreiften Mustern, erfüllten die Räume, 
und in den Innern Gemächern hausten die schönsten Frauen 
der Welt. Auch waren die meisten dieser Herrscher von 



') Goeje: Fragm. Hist Arah. p. 68. 

2) Vgl. meine Topographie von Damascus. 



IV. Damftscut and der Hof der OmajJAden. 1 37 

DamascuB lustige Lebemänner und unersättliche Zecher, 
denen die unvermeidlichen Herrschersorgen oft recht lästig 
geworden sein mögen. Und doch gab es gewisse Pflichten, 
denen selbst in jenen Zeiten der fürstlichen Allgewalt sie 
sich nicht entziehen konnten. Vorerst, und dies war wohl 
das Lästigste, musste- der Chalife die fünfmaligen täglichen 
Gebete öffentlich in der Moschee verrichten und den Gottes- 
dienst der Gemeinde leiten. Am Freitag musste er noch 
dazu die Predigt abhalten. 

Bei solchen Anlässen, besonders an den grossen Fest- 
tagen, erschien der Chalife in der Moschee ganz weiss ge- 
kleidet, *) in weisser Tunica (dorrä'ah), das Haupt mit einer 
spitzen Mütze (kalansowah) bedeckt 2), bestieg die Prediger- 
kanzel und hielt von dort aus seine Predigt an die ver- 
sammelte Gemeinde ; was jeder Chalife ohne Ausnahme auch 
nach seiner Wahl, und nachdem er die Huldigung entgegen- 
genommen hatte, unfehlbar thun musste. Die einzigen In- 
signien seiner hohen Würde bestanden in dem Siegelringe 
und dem scepterähnlichen Stabe. 3) 

Freilich nahm es der eine oder andere, sobald er auf 
dem Throne sich hinreichend sicher fühlte, nicht so genau 
mit diesen Pflichten. Jazyd H. Hess sich beim öffentlichen 
Gebete durch den Obersten der Leibgarde (sähib alshortah) 
vertreten,^) und Walyd Tl., einer der leichtfertigsten Fürsten 
dieser lebenslustigen und genusssüchtigen Dynastie, erlaubte 

>) Agh&ny VI. 141. 

2) Goeje: Fragm. Hist. Arab. p. 7. 

') Goeje: Fragm. Hist. Arab. p. 82. Unter den Abbasiden war die 
achwarxe Farbe yorgeschrieben nnd musste bei der Predigt am Freitag 
der Prediger in der Hanptmoschee, bekleidet mit einem schwarzen Leib- 
rock, den Kopf mit der schwarzen Kapnze bedeckt, erscheinen. Auf einem 
mit prachtvollen Aquarellen versehenen Manuscripte der Makamen des 
Haryry, das sich auf der Wiener Hofbibliothek befindet, ist der Prediger 
so abgebildet und er sieht zum Verwechseln einem Franciscanermöuch 
gleich, die ja ebenfalls bei der Predigt die Kapuze über den Kopf ziehen. 

*] Abn-lmah&sin Ihn Taghrybardy: Annales ed. Juynboll I. p. 283. 



1 38 !▼• DamMcns und der Hof der Omajjftden. 

sich, wenn die Geschichte wahr ist, den Scherz eines Morgens, 
als der Ruf zum Gebet ertönte, eine schöne Haremsdame, 
mit welcher er eben sich unterhielt, in seinen Bm'nus ge- 
hüllt, in die Moschee zu senden, um statt seiner der ver- 
sammelten Gemeinde bei dem Gebete zu präsidiren. 

Nächst diesen religiösen Functionen oblag es dem 
Chalifen, der in der ersten Zeit bei den noch sehr patriarcha- 
lischen Sitten auch als oberster Richter in Streitsachen jeder 
Art galt, Audienzen zu ertheilen. Man unterschied schon 
damals zwischen grossen, allgemeinen und kleinen Audienzen 
(maglis *amm, maglis chass). Bei den ersteren sass der Fürst 
im grossen £mpfangssaal auf seinem Throne, der aber nicht 
im entferntesten dem entspricht, wie wir nach europäischen 
Bogriffen einen Thron uns vorstellen: der orientalische 
Fürstenthron ist nichts anderes als ein erhöhter Sitz, ge- 
wöhnlich von viereckiger Form, mit Polstern aus reichstem 
Goldstoff bekleidet, auf welchem der Fürst mit unterschla- 
genen Beinen sitzt. Rechts vom Chalifen standen bei den 
Audienzen in einer Reihe den Saal entlang die väterlichen 
Anverwandten des Fürsten ('a'raäm) und links ebenso ge- 
reiht die Anverwandten von mütterlicher Seite (achwäl *). 
Unmittelbar ihm zur Seite waren seine Brüder und Söhne, 
weiter unten reihten sich die Hofchargen und Würdenträger 
an, dann die dienten des Hofes, die Dichter, Bittsteller und 
der ganze grosse Schweif von kleinen Leuten. Bei solchen 
Gelegenheiten pflegten auch einzelne Dichter vorzutreten und 
Gedichte zum Lobe des Fürsten vorzutragen. Bei den kleinen 
Audienzen sassen die nächsten Anverwandten auf niedern 
Stühlen ohne Lehne (karäsy), die weitschichtigen Ange- 
hörigen mussten sich mit Polstern begnügen. Die Kleidung 
des Chalifen bei solchen Anlässen war überaus reich und 
schon früh fanden die arabischen Grossen an der Pracht 
der Kleidung, trotz der gegentheiligen Verordnungen des 



1) AghÄny IV. 80, 81. 



lY. DamaflCQB und der Hof der Omajjaden. 139 

Korans, viel Wohlgefallen. Als *Amr, der Statthalter von 
Aegypten, in der grossen Moschee von Altkairo (Fostat) 
die Predigt abhielt, hatte er goldbrokatene Unterkleider, 
darüber trug er ein Ueberkleid (holiah), einen Kaftan (gob- 
bah) und den Kopf hatte er mit einem Turban bedeckt.') 
Walyd II. trug goldene mit Edelsteinen besetzte Halsketten, 
die er täglich wechselte 2) und am Tage seiner Ermordung 
auf dem Landschlosse NagrsL trug er eine Tunica von Gold- 
brokat (kasab) und weite Beinkleider von schwerem Da- 
mast. 3) Der Chalife Solaimän war so eingenommen für 
Damast (washj), dass dieser kostbare Stoff, der damals vor- 
züglich in Jemen, Kufa und Alexandrien angefertigt ward, 
allgemein in die Mode kam, man trug Unterkleider und 
Kaftan, Hosen, Turbane und Mützen von Damast. Kein Be- 
diensteter des Hofstaates hätte es gewagt;, anders gekleidet 
vor den Chalifen zu treten. Selbst der Koch, wenn er vor 
dem Chalifen erschien, hatte seine Jacke und Mütze von 
Damast. Er selbst trug immer Kleider von diesem Stoffe 
zu Hause sowohl als in der Moschee und bei seinen Aus- 
flügen zu Pferde. Und er ward seinem Wunsche zufolge 
auch in Damast beerdigt.^) 

Die Regierungsgeschäfte nahmen sicher einige Zeit in 
Anspruch. Die Abende hingegen waren grösstentheils der 
geselligen Unterhaltung und dem engeren Kreise der durch 
das Haremsleben allerdings äusserst zahlreichen Familie ge- 
widmet. Bei diesen Abendgesellschaften, die nach einer im 
Orient noch immer bestehenden Sitte sich in den schönen 
Sommernächten sehr in die Länge zogen, vertrieb man sich 
die Zeit auf mannigfaltige Art. Schon imter den ersten 
Herrschern des Fürstenhauses der Omajjaden war es am 



1) Ibn Taghrybardy I. p. 81 nach Ibn Abdalbakam. 

2) CnltnrgeschichtL Streifzüge p. 29. 
') Goeje: Fragm. Hist. Arab. p. 143. 
*) Ma«*ady V. 400. 



140 



lY. DamMCiu und der Hof der Omajjaden. 






Hofe sehr beliebt durch Geschichtenerzähler sich die Abende 
verkürzen zu lassen. Die herrschende Familie stützte sich 
vorzüglich auf die südarabischen Stämme, die bei den ersten 
Eroberungszügen in grossen Massen sich betheiligt und dann 
in Syrien sich niedergelassen hatten. Aus diesem Grunde 
wohl berichten die arabischen Schriftsteller, dass der Stoff 
der Abenderzählungen am Hofe von Damascus mit Vor* 
liebe der alten südarabischen Sagengeschichte entnommen 
ward. Jemen ist der einzige Landstrich der arabischen Halb- 
\ \ I insel, der eine frühe, in ein hohes Alterthum reichende Cultur, 
eine merkwürdige Geschichte, eine volksthümliche Tradition 
derselben, und viele locale Volkssagen über die Macht und 
Herrlichkeit der alten Könige, deren Kriegszüge, Abenteuer 
und Heldenthaten besass. Die Erzählungen hievon, poetisch 
ausgeschmückt, bildeten nun in der ersten Zeit den belieb- 
testen Gegenstand dieser Vorträge, mit denen man die 
Abendstimden sich kürzte. ') Auch die Declamation von 
Gedichten, sowohl neueren selbstverfassten, oder solchen der 
alten berühmten Dichter der Zeit vor Mohammed belebte 
diese Abendgesellschaften. Lange dauerte es aber nicht, so 
begann man trotz Koransverbot sich dem Genüsse des 
Weines zu ergeben; Sänger aus Mekka und Medyna, wo 
damals der eigentliche Sitz der Kunst des arabischen 
/i Gesanges und des Musikspieles war, wm*den an den Hof 
I berufen und unter einzelnen Herrschern arteten die Abend- 
gesellschaften zu reinen Saufgelagen und förmlichen Or- 
gien aus. 

In den grellsten Farben schildern die einheimischen 
Berichterstatter den zweiten Chalifen Jazyd I. Manches 



1) Solche Geschichtenerzähler waren 'Abyd Ihn Shorja, Ton dem 
ich Bruchstücke bekannt gemacht habe. Vgl. meine f,8üdarab. Sage^ 
p. 49, dann Wahb IbnMonabbih, 'Awänaund Jazyd Ihn Mofarrig; Hammer: 
Purgstall: Lit.-Geschichte II. p. 222 — 226; anch Sprenger: D. Leb. u. d. 
Lehre d. Moh. L p. 516. 



IV. DftmMciui und der Hof der Omajjaden. 141 

scheint aber auf Uebertreibung zu beruhen. Denn wir dürfen 
nicht vergessen, dass die öeschichtschreiber, deren Werke 
uns erhalten sind, durchwegs aus der Zeit der Abbasiden 
stammen, wo es gefahrlich gewesen wäre, von der früheren 
Dynastie etwas Gutes zu sagen. Trotzdem weiss auch ein 
sonst sehr unbefangener Erzähler ') von ihm des Anstössigen 
viel zu erwähnen. Er soll der Erste seines Hauses gewesen 
sein, der sich dem Trünke ergab. Seinen Wein bezog er 
aus T&if, dem zwei Tagreisen von Mekka entfernten Gebirgs- 
städtchen, dessen vorzügliche Trauben noch immer sehr be- 
liebt sind. Sein Wein ward, vermuthlich um dessen be- 
täubende Wirkung zu verstärken, mit Moschus versetzt (wa 
joftako laho bilmiski). Er hatte einen Lieblingsaffen, der 
stets an seiner Seite war und dem er den Ehrennamen 
Abu Kais beilegte. Er behauptete scherzhaft, der Affe sei 
ein alter Jude, den Gott wegen seiner Sünden verwandelt 
habe. Oft sprang er ihm auf die Schultern und soff aus 
seinem Becher und bei keinem Zechgelage durfte er fehlen. 
Wenn sich vor dem Thor des Palastes recht viel Volk ver- 
sammelt hatte, um den Chalifen ausreiten zu sehen, Hess 
dieser statt seiner den Affen ausreiten. Ja sogar an Wett- 
rennen betheiligte sich Abu Kais in prachtvollen, schwer- 
seidenen Kleidern mit einer bunten Mütze auf dem Kopfe 
und auf einer hiezu abgerichteten Wüsteneselin reitend. 2) 
Er fand auch schliesslich hiebei sein Ende, indem die Eselin 
ihn einmal abwarf, wobei Abu Kais sich den Hals brach. 
Der Chalife war untröstlich, Hess seinen Affen aufbahren 
und beerdigen wie einen rechtgläubigen Moslim und empfing 
dann die üblichen Condolenzbesuche. Es wird sogar ein 
Vers aus einem Gedichte überliefert, das er auf seinen Lieb- 
ling verfasst haben soll: 



*) 0er Verfasser des Werkes Kotb alsomr. 
2; Mas'ady V. p. 157. 



142 nr. DamMciu und dar Hof dar Onajjadan. 

Mein Zechgenosse ist Abu Kais, denn er ist geistreich 
Und verständig, wann immer der Witz der Gesellschafter stillsteht, i) 
Wie dem immer sei, und obgleich wir gegen die 
Richtigkeit dieser auf Kosten Jazyd's I. erzählten Anekdoten, 
die wohl aus shyitischer Quelle stammen, starke Zweifel 
hegen : so viel steht fest, dass man am Hofe sehr lustig zu 
leben verstand. Unter den damals üblichen Spielen war schon 
das Schachspiel bekannt, das aber trotzdem noch immer 
nicht als ganz anständig galt,'^) ferner liebte man das per- 
siehe Ballspiel zu Pferde (saulagän^). Auch kannte man 
die Hahnenkämpfe, die von mehreren Chalifen streng ver- 
boten wurden, und besonders waren Wettrennen so allge- 
mein beliebt, dass selbst eine Prinzessin (die Tochter des 
Chalifen Hishslm) sich daran persönlich betheiligte. ^) Die 
Stellung der Frauen war damals eine viel freiere nnd unge- 
bundenere als man bei der gegenwärtigen Lage des schönen 
Geschlechtes in den mohammedanischen Ländern anzuneh- 
men geneigt ist. Obscure Minnesänger und Dichter knüpften 
mit omaj[jadischen Prinzessinnen Liebesverhältnisse an, die 
sie ganz unverhohlen in ihren Gedichten besprechen, ohne 
dass ihnen desshalb etwas üebles wiederfuhr. 

Abu Dahbal,^) aus einer edlen mekkanischen Familie, 
war dm*ch seine männliche Schönheit bekannt : seine langen 
Locken bedeckten ihm die Schultern. Ein seltenes dichteri- 
sches Talent war ihm eigen. Als nun *Atika, die Tochter 
des Chalifen Mo*4wija, nach Mekka wallfahrtete , nahm sie 
hren Aufenthalt in Du Towa, einem Orte ausserhalb der 
Stadt an der Karawanenstrasse von Medyna. Da fügte es 
der Zufall, dass sie an einem heissen Sommertage ihren 



1) Kotb alsoror I. fol. 114—116. 

2) Goeje: Fragm. Hist Arab. p. 102. 

3) Ibid. p. 114. 

^) Bei einem Wettrennen, das Wnlyd II. in Ros&fa abhalten Hess, 
kamen nicht weniger als 1000 Pferde in die Rennbahn. Mas^udy VI. p. 14. 
*) Aghfiny VI. 165. 



IV. Damuen« und der Hof der Omijjftdeii. 143 

Dienerinnen gerade den Befehl gegeben hatte, den Vorhang 
der Halle, wo sie sass, zu lüften, als Abu Dahbal vorüber- 
ging; die Prinzessin sass in einem leichten Kleide und 
blickte auf die Strasse hinaus, bemerkte aber den un- 
berufenen Beobachter erst, als derselbe stehen blieb und 
voll Bewunderung sie betrachtete. Nun eilte sie sich zu 
verschleiern und Hess sogleich den Vorhang herab. Aber 
um den armen Abu Dahbal war es geschehen. Er begann 
Gedichte auf 'Atika zu machen , die grosse Verbreitung 
fanden, so dass sie bald zu ihren Ohren kamen. Es ent- 
spann sich nun ein Liebesverhältniss zwischen der Fürsten- 
tochter und dem Dichter. Er folgte ihr nach Damascus, 
aber hier verflossen Monate auf Monate in bangen Sorgen, 
für welche die kurzen Augenblicke des Glückes keinen ent- 
sprechenden Ersatz boten; hierauf anspielend sagte er in 
einem Gedichte: 

O Freund! Gott segne die Häuser und Bewohner 

Am Thor von Gairun, wo der Brunnen rauscht,*) 

Links, wenn du das Thor durchschreitest, 

Kechts von dem, der die Richtung vertauscht. 

Desshalb weile ich hier in Damascus 

Und schon verzweifeln an mir die Meinen : 

Wie die Perle des Tauchers ist sie voll Glanz, 

Ein Kleinod unter den Edelsteinen. 

Und zählst du ihre edlen Ahnen, 

So findest du sie an Adel mir gleich. 

Auf ihrem K&nun brennt nur Moschus, 

Aloe und Weihrauchgesträuch. 

Ich wandelte an ihrer Seite bis zum 

Grünen Zelte auf Marmorgängen, 

Durch erleuchtete HaUen und Säle, 

Geschmückt mit Blumen und Rebengehängen; 



1) Das Thor von Gairun ist das Ostthor der grossen Moschee, das 
jetzt von dem mächtigen Springbrunnen (naufarah) davor B&b alnaufarah 
heisst. Dieser Springbrunnen ist derselbe, auf welchen der Dichter anspielt-. 
In der Nähe davon muss der ChaliFenpalast gestanden haben. Vgl. Topo- 
graphie von Damascus I. p. 36. 



1 44 IV. DamMcna and der Hof d«r Omajjftdan. 

Einem Zelt aas jemenischen Stoffen, gespannt 
Im Gemach gegen des Winters KSlte. i) 
Und die Trennung Yon ihr war so traut nnd innig, 
Wie den Geliebten entlässt die Herzerwählte. 

Der Chalife , welchem dieses Liebesverhältniss mit 
seiner Tochter zu Ohren kam^ vermerkte die Sache sehr übel 
und suchte der ihm höchst unangenehmen Geschichte mög- 
lichst schnell ein Ende zu machen. Allein durch Anwendung 
von Gewaltmaassregeln besorgte er seine Tochter erst recht 
ins Gerede zu bringen. Er richtete es daher so ein, dass 
bei einer öffentlichen Audienz alle Anwesenden sich ent- 
fernten . und er zuletzt mit Abu Dahbal allein blieb. Diesem 
theilte er mit der Miene des grössten Wohlwollens mit, dass 
Jazyd, sein Sohn, der Kronprinz, wegen seiner Gedichte 
sehr erbittert gegen ihn sei, wesshalb er ihn warnen wollte 
und ihm rathe, Damascus möglichst schnell za verlassen. 
Abu Dahbal verstand den Wink und reiste ohne Verzug 
ab. Doch von Mekka aus fuhr ör fort Briefe und Gedichte 
an die Prinzessin zu senden. Da unternahm Mo*äwija eigens 
die Wallfahrt nach Mekka, liess den Dichter rufen und 
frug ihn, welches Mädchen in Mekka er am liebsten zur 
Gattin haben wolle und als jener ihm eine nannte, über- 
nahm er es die Heirath zu vermitteln, stattete das Mädchen 
mit 1000 Dynars aus und sicherte ihm einen Jahresgehalt 
zu. Abu Dahbal aber heirathete sie und verzichtete auf 
weitere poetische Liebesergüsse. 2) 

Man sieht, wie verschieden die Sitten und die Denk- 
weise jener Zeiten von dem Orient der Gegenwart waren. 
Ein orientalischer Sultan der späteren Zeit würde einem 
Dichter, der es gewagt hätte, seiner Tochter den Hof zu 



1) In Persien ist es noch jetzt üblich, im Winter über das Kohlen- 
becken ein kleines Zelt zn spannen nnd nnter diesem zn schlafen, eine 
Sitte, die, wie Pollak in seinem Bnche über Persien bemerkt, sehr gesnnd- 
heitsschSdlich ist. 

2) Vgl. Aghany Vi. 161, XIII. 150. 



IV. DsrnMcai nnd der Hof der OmajjadeB. 145 

machen, einfach den Kopf vor die Füsse gelegt haben. 
Doch fehlte es auch am Omajjjaden - Hof sicher nicht an 
Liebesverhältnissen, deren Lösung durchaus keine so heitere 
war, wie die obige. Ein sehr bezeichnendes Beispiel will 
ich mittheilen. 

In Mekka lebte in einem zahlreichen Kreise von Dichtern, 
Sängern und Musikern ein junger Mann, Namens Wadd&h, 
gleich berühmt und beliebt durch seine schöne Erscheinung 
als sein poetisches Talent. Eine Menge galanter Abenteuer 
machten ihn um so interessanter und in seinen Gedichten 
that er sich auch hierauf nicht wenig zu Gute. Ich gebe 
hier nur eines, das aber zu den schönsten Leistungen auf 
diesem Gebiete gehört: 

Banda! Dein Freier ist früh schon wach, 

Sein Herz ist ihm schwer, die Geduld ist ihm schwach. — 

Sie sprach: Betritt nicht des Hauses Bereich, 

Mein Vater hütet heilig die Ehre. — 

Ich sagte: Ich werde den Zeitpunkt erlauern: 

Mein scharfes Schwert gibt dafür mir Gewähre. — 

Sie sprach: Uns scheiden das Schloss und die Mauern! — 

Ich sagte: Den Weg, den will ich schon finden. — 

Sie sprach: Uns scheidet die Meeresfluth. -- 

Ich sagte: Wohlan, ich schwimme gut! — 

Sie sprach: Meine sieben Brüder wachen! — 

Ich sagte: Ich bin ein Recke voll Muth. — 

Sie sprach: Zwischen uns liegt ein Löwe. — 

Auch ich bin ein Leu, in der Stunde der Wuth! — 

Sie sprach: Bedenke, dass Gott uns sieht! — 

Ich sagte: Gott vergibt und verzeiht. 

Sie sprach: Ich warnte umsonst, wohlan: 

Sei, wenn die Wachen schlafen, bereit! 

Husche herein wie der Thau der Nacht, 

Wenn niemand mehr es dir wehrt oder wacht.*) 

Als nun Walyd I. mit seiner Gattin die Wallfahrt 
nach Mekka unternahm^ sah sie Waddäh^ den kecken Dichter 



1) Agh&ny VI. 36. 
▼. Xremer, CultargeselLichte de« Orieatt. 10 



146 IV. DftiDMeiis and der Hof der Om^jjftden. 

und Frauenhelden und verliebte sich in ihn. Waddah erwiederte 
diese Leidenschaft und dichtete auf sie einige seiner schönsten 
Lieder. Als sie nach Damascus zurückkehrte , folgte er ihr 
und sie gewährte ihm Zulass in ihre Gemächer. Wenn sie 
gestört zu werden besorgte^ pflegte sie ihn dann in einer 
grossen Kleidertruhe zu verbergen, wie solche in jedem 
Damascener- Haushalt ein nie fehlendes Möbelstück sind 
und, schön mit Perlmutter und Bein eingelegt, eine Zierde 
der Wohngemächer bilden. 

Es scheint, dass der Chalife endlich Andeutungen über 
diese Vorgänge erhielt und Verdacht schöpfte. Eines Tages 
überraschte er seine Frau mit seinem Besuche, als eben 
Waddah bei ihr war. Sie hatte kaum Zeit, ihn wie gewöhn- 
lich in der Truhe zu verstecken. Im Laufe des Gespräches 
brachte der Chalife die Rede auf die Einrichtung ihrer 
Zimmer und bat sie zuletzt, sie möge ihm doch gestatten, 
sich ein Möbelstück zu wählen, und als sie hiezu ihre Er- 
laubniss gab, bezeichnete er die Truhe, in der Waddah ver- 
borgen war. Die Fürstin bewahrte ihre volle Selbstbeherr- 
schung und verrieth ihre Gemüthsbewegung mit keiner 
Miene. Walyd aber liess die Truhe sofort in sein Gemach 
bringen, dort eine tiefe Grube graben, worin er dieselbe 
hinabsenkte, indem er laut ausrief: Es kam mir etwas zu 
Ohren; ist es wahr, so begrabe ich hiemit für immer den 
Gegenstand meines Verdachtes und mache ihn auf ewig ver- 
schwinden, ist aber das mir Hinterbrachte falsch, so ver- 
schanzen wir nur eine hölzerne Truhe. ') Dann liess er die 
Grube mit Erde ausfüllen und den Teppich darüberbreiten. 
Seiner Gattin gegenüber that er aber nie des Vorfalles Er- 
wähnung. Von Waddah hörte man nie wieder. 

Die Gemahlin des Chalifen unteinahm später ein zweites 
Mal die Wallfahrt nach Mekka, aber ganz anders als früher ; 
sie zeigte sich keinem fremden Blicke , beobachtete die 



>) Agh&ny VI. 32, XL 49. 



ty. Bamaacos und der Hof der Omftjjaden. 147 

strengste Zurückg'ezogenheit und kehrte ebenso nach Da- 
mascus zurück. ^) 

Wie man hieraus ersieht^ war die Stellung der Frauen 
am Chalifenhof zu jener Zeit himmelweit verschieden 
von der tiefen Entwürdigung, der später das schöne Ge- 
schlecht in den mohammedanischen Ländern verfiel. Oft 
sprachen Damen das entscheidende Wort auch in Staatsan- 
gelegenheiten und die Gattin des Chalifen war oft in Wirk- 
lichkeit der eigentliche Herrscher. So stand Abdalmalik 
ganz unter dem Einfluss seiner ebenso schönen als eigen- 
willigen Gemahlin ^Atika, einer Enkelin des Chalifen Mo'ä- 
wija. Einst ward sie böse auf ihren Mann und wollte von 
einer Aussöhnung nichts hören, verschloss ihm die Thür 
und verweigerte ihm hartnäckig den Zutritt. Das machte 
ihren Gatten ganz unglücklich und er sann vergebens auf 
Mittel und Wege, um sie zu versöhnen. Da bot sich einer 
der Höflinge an, die Sache auszugleichen und Abdalmalik 
sicherte ihm eine fürstliche Belohnung zu, wenn es gelänge. 
Derselbe begab sich nun zu 'Atika und erzählte, bitterlich 
weinend, eine ünglücksgeschichte von seinen zwei Söhnen, 
deren einer den andern getödtet, wofür nun der Chalife den 
einzigen überlebenden hinzurichten befohlen habe: nur ihre 
schleunige Vermittlung könne ihn retten , denn das Todes- 
urtheil sei bereits erflossen. Das rührte die weichherzige 
^Atika so sehr, dass sie trotz des Zwistes mit ihrem 
Manne beschloss, sich zu ihm zu begeben, um Gnade von 
ihm zu erbitten. Der Fürst spielte seine Rolle vortreflflich, 
machte anfangs grosse Schwierigkeiten, und endete damit, 
ihren schönen Augen zu Liebe alles zu bewilligen. Hiemit 
war die Aussöhnung der beiden Ehegatten vollzogen. Der 
schlaue Höfling, dessen Rührgeschichte natürlich von An- 
fang bis zu Ende erlogen war, erhielt vom Chalifen eine 
Landwirthschaft mit vollständigem fundus instructus, dazu 



i) Agh&ny VI. 32, XL 49. 

10* 



148 I^' DftmMcas und der Hof der OmaJjadeH. 

lOUO Djnars , dann Jahresgehalte för seine Söhne und 
Familienglieder. *) 

Erst später, unter dem Chalifeu Walyd 11. begann die 
eigentliche Haremswirthschaft, indem derselbe, die byzantini- 
sche Sitte nachahmend, Eunuchen in seinen Haushalt auf- 
nahm, die von nun an für alle Zeiten eine grosse Bedeutung 
an den orientalischen Höfen erlangen, als Hüter der Frauen- 
ehre und vertraute Diener des Haushaltes.') Man bezog sie 
zuerst von den Griechen, die das scheussliche Handwerk 
der Verstümmelung und des Handels mit den Opfern ihrer 
Habsucht betrieben, worüber schon ein gelehrter Araber 
des ni. Jahrhunderts H. , Gähiz, der bekannte Rationalist 
(Motazilite), sich mit der grössten Entrüstung ausspricht. 

Ebenso wie die Chalifen vom Hofe von Byzanz die 
abscheuliche Mode der Verwendung von Eunuchen für den 
inneren Dienst des Chalifenpalastes und besonders des Ha- 
rems entlehnten, so ahmten sie auch in manchem die Sitte 
der persischen Grosskönige und deren Hofetiquette nach, 
die den Arabern, sobald sie Irä,k und die übrigen Theile 
der ehemaligen Monarchie der Sasaniden erobert hatten, 
sehr wohl bekannt geworden waren. Vorerst war es das 
Weintrinken, das trotz Koranverbot sich am Hofe von 
Damascus immer mehr einbürgerte. Man trank anfangs ein- 
gekochten Most (tilä) oder ein von den Griechen entlehntes 
allerdings sehr unschuldiges Getränk, das man nach dem 
griechischen Namen (poaaTOv) Rosaton nannte, welches noch 
gegenwärtig in Beirut und Damascus als Rosenzucker- 
scherbet ein sehr beliebtes Getränk ist, das bereitet wird, 
indem man Rosenzucker in Wasser auflöst und im Sommer 
durch Schnee kühlt. Besonders die Damen der fürstlichen 
Familie scheinen dieses Getränk sehr begünstigt zu haben. 



Agh&ny II. 140. 

') Der erste Eunuche wird bei Walyd Ihn Jazyd genannt, als er 
noch Kronprinz war. Agh&ny IV. 78. 



IV. DamMcns nnd der Hof der Omaj jaden 149 

denn man zeigte noch in späteren Zeiten in der Schatz- 
kammer zu Bagdad einen in Gold gefassten Krjstallbecher 
von gewaltigem Umfang, aus dem 0mm Hakym, die Gattin 
des Chalifen Hishflm, ihr Rosaton zu trinken pflegte. 

Bald aber ging man weiter. Bei den altpersischen 
Königen soll es üblich gewesen sein, dass sie alle drei Tage 
einmal dem Weingenuss zu huldigen pflegten, ausser Bahräm 
Gur (Bahram V.), Artabän (der Rothe) (Artabanes) und 
Sapor,') denn diese tranken ihn täglich. Von den Chalifen 
der Dynastie der Omajjaden ahmte der zweite, Jazyd I., 
dies Beispiel nach und betrank sich täglich; er soll fast 
nie nüchtern gewesen sein. Abdalmalik gestattete sich dies 
Vergnügen einmal im Monate, und pflegte dann, wie die 
römischen Schlemmer, durch Anwendung eines Brechmittels 
den Magen zu entladen, so dass er am nächsten Morgen 
schon wieder ganz frisch und munter war und niemand ihm 
etwas ansah. Sein Sohn Walyd I. trank jeden zweiten 
Tag. Hishä.m^) aber hielt jeden Freitag nach dem Gottes- 
dienst sein Zechgelage.^) 

Mit diesen bei Hof immer gewöhnlicher werdenden 
Weingesellschaften waren musikalische Vorstellungen ver- 
bunden. Sänger und Musiker wurden herbeigeholt und halfen 
die Zeit verkürzen. Es war eine ebenfalls den persischen 
Königen nachgeahmte Sitte, dass bei solchen Abendunter- { 
haltungen der Chalife durch einen in der Mitte des Saales ' 
herabgelassenen dünnen Vorhang von den Höflingen, die \^ 
ihm Gesellschaft leisteten, den Sängern und Tonkünstlem 
getrennt war. *) Bald artete die Liebhaberei für Gesang und 
Musik in vollständige' Kunstnarrheit aus. Man verschwendete 
ungeheuere Summen an berühmte Sänger oder Tonkünstler, 



*) lieber Artablln vgl. Hamza Isfahanensis p. 123. 
^) Nach Agbäny V. 167 enthielt er sich des Weines und tadelte 
dessen Genuss. 

3j Kotb alsomr I. fol. 114. 

<) Kotb alsorur I. foL 106 v« £f. 



150 IV. Damaicai and der Hof der Omajjaden. 

die man aus den entferntesten Provinzen an den Hof berief. 
Besonders war es Mekka ^ wo der Ritz der ersten Schule 
des arabischen Gesanges und der Tonkunst war. Für fabel- 
hafte Summen kaufte man Sklaven und Sklavinnen, die in 
der Kunst des Gesanges und der Musik besondere Begabung 
besassen, und einige Chalifen trieben ihre Liebhaberei bis 
zum vollständigen Wahnsinn. 

Jazyd n. Hess den berühmtesten Sänger der damaligen 
Zeit, Namens Ma'bad aus Mekka an den Hof berufen, um 
ihn zu hören. Als derselbe sein erstes Lied beendigt hatte, 
gerieth der Chalife darüber in solches Entzücken, dass er 
aufsprang und im Saale herumtanzte , bis er bewnisstlos 
niedersank. Die Sklavinnen eilten nun herbei, hoben ihn 
auf und trugen ihn in sein Schlafgemach. ^) Zwei kunst- 
fertige und schöne Sängerinnen Hababa und Saläma be- 
herrschten ihn so vollständig, dass, als die erste starb, er 
sich zu Tode grämte.*^) 

Alle seine Vorgänger übertraf aber Walyd H. durch 
Sittenlosigkoit und geniale Narrenstreiche. Sein Erzieher 
soll ein Atheist (Zindyk) gewesen sein, der ihn zum Wein- 
trinken und zur Religionsverachtung verleitete. 3) Er war 
nur in Ausnahmsfällen nüchtern und trieb schon als Kron- 
prinz die tollsten Streiche. Den Töchtern der angesehensten 
Männer machte er öflfentlich den Hof imd besang sie in 
Gedichten, die natürlich schon wegen des Verfassers grosses 
Aufsehen machten und allgemeine Verbreitung fanden, wodurch 
die betreffenden Damen und deren Familien in die peinlichste 
Verlegenheit gesetzt wurden. Einmal fiel es ihm ein, um in 
die inneren Räume des Hauses zu gelangen, w^o seine Flamme 
wohnte — sie war die Tochter eines sehr hochstehenden 



«) Aghany I. 33. 

^) Goeje: Fragm. Bist Arab. I. p. 76—81, vgl. Eotb alsonir I. 
fol. 143 ff. 

3) Agh&ny IL 78. 



lY. DamMcns and der Hof der OTaajjaden. 151 

Mannes — mit einem Bauern, der seinen mit zwei Oel- 
krtigen beladenen Esel in die Stadt trieb, die Kleider zu 
tauschen. Als Oelverkäufer Hess man ihn in das Haus ein, 
die Mädchen sammelten sich um ihn und brachten ihre Ge- 
fasse herbei, um sie zu füllen. Da blickte ihm eine der 
Zofen ins Gesicht und erschrocken rief sie ihrer Gebieterin 
Salm& zu : Sieh ihn nur an, wie ähnlich er döm Walyd ist ! 
Bei Gott, rief Salmä, indem sie sich schnell verschleierte, 
er ist es selber ! — Trolle dich fort mit deinem Oel, schrien 
die Mägde, wir kaufen keines! — 

Hishäm, sein Oheim, ermahnte ihn oft, diese tollen 
Streiche zu lassen , die ihm als zukünftigen Chalifen so 
schlecht anständen , aber alles war vergeblich. Im Jahre 
110 H. ernannte er ihn zum Fürsten der Wallfahrt, d. i. 
Anführer der Pilgerkarawane nach Mekka. Es ist dies ein 
Ehrenamt, das nur den höchsten Würdenträgern verliehen 
zu werden pflegt. Walyd zog mit grossem Gefolge und 
fürstlicher Pracht nach Mekka, führte aber seine Hunde mit 
und wollte sogar auf dem Dach der Kaaba ein Zelt für sich 
aufschlagen lassen, um darin mit seinen Kumpanen zu zechen. 
Seine Religionspflichten erfüllte er so wenig, dass er statt 
seiner einen dienten in der Moschee dem öfientlichen Gebete 
präsidiren Hess. ^) Sein Benehmen erregte auch ein solches 
Aergerniss, dass Hishäm, der vielleicht die Absicht hatte, 
ihn unmöglich zu machen, ihn der Thronfolge verlustig er- 
klären und dieselbe seinem eigenen Sohne Maslama über- 
tragen wollte. 2) Er sperrte ihm auch seine Apanage und 
Walyd zog sich nun erbittert und von einem vertrauten 
Kreise seiner Zechgenossen und Anhänger umgeben, in die 
Wüste zurück, wo er ohne Scheu so leben konnte, wie er 
w'ollte. Aber von dort gelangten nicht selten einzelne poeti- 
sche Ergüsse voll Grimm und Hass gegen seinen Oheim 



Kotb alsornr I. fol. 167. 
») Agh&ny VI. 102. 



152 I^- DanuMcns und der Hof der Omi^JAdeD. 

Hisbllni^ den regierenden Chalifen, nach DamascuB. So machte 
er bei Sperrung seiner Apanage, die auf Befehl des Chalifen 
verfügt worden war, folgendes Epigramm: 

Ich sehe du banst mit Gewalt auf meiner Trift, 
Wfirst da weise, so rissest du nieder was du gebaut; 
Du vermachst den Deinen nur Galle und Gift: 
Stirbst du, so büssen sie deine Thaten! 
Den Mitgliedern der herrschenden Familie, seinen Ver- 
wandten aber sagte er: 

Lasst mir die kleine 8alm&, den Wein und die Süngerin 

Und den Becher, das ist alles, was ich begehr; 

So lang ich im Sandthal von 'Alig die Tage verschwelge, 

Und Salm4 umarme, verlang ich nicht mehr. 

Nehmt euren Thron, Gott stütze ihn nicht! 

Ich gebe dafür keinen Groschen her. 

Unverhofft starb Hishäm und Walyd bestieg den Thron. 
Allein es gefiel ihm nicht in der Hauptstadt, er zog sich 
wieder nach seinem Lustschloss (Nagra) in der Wüste, in 
der Nähe des heutigen Dorfes Korjetein, zuiück und lebte 
dort ganz seinem Vergnügen. Trinkgenossen, Tonkünstler 
und Sänger bildeten seinen Hofstaat. 

Es ist uns der Bericht eines Augenzeugen erhalten, 
der dort Zutritt hatte. Er erzählt, wie folgt: „Ich fand den 
Chalifen auf einem weich gepolsterten Thronsitze; er war 
mit zwei gelben Leibröcken bekleidet, um die Mitte trug 
er einen Gürtel und die Schultern bedeckte ein saffrangelber 
Burnus. ') Bei ihm befanden sich Ma*bad, der Sänger von 

*) Es ist sehr auffallend, dass die gelbe Farbe, welche bei den 
Arabern sehr beliebt war, bei den Indem als ausschliessliche Farbe der 
königlichen Kleidung galt. Nur der König und seine Familie durften gelbe 
Kleider tragen und war auch die Kleidung stets aus Seide, wie bei den 
Chalifen. Roth hingegen war bei den Indem die Farbe des Todes und 
aus demselben Grunde lesen wir in den Erzählungen der Tausend und 
Einen Nacht, dass, wenn der König in ganz rothem Gtewande erschien, 
man daraus erkannte, er sei gesonnen, ein Strafgericht ergehen zu lassen. 
Der Henker war desshalb auch roth gekleidet. Vgl. über die Kleiderfarben 
bei den Indern: Ausland 1873, p. 387. 



ly. DamsBcns nnd der Hof der Omaj jaden. 153 

Mekka, dann Malik Ihn Aby Samh und sein Freig-elassener 
Abu Kd^mil. Er Hess mich einige Zeit unbeachtet stehen, 
bis sich meine Befangenheit etwas gelegt hatte, dann befahl 
er mir das Gedicht vorzutragen, dessen erster Vers lautet: 

Ist es der Tod und sein Dräuen, das mich mit Schmerz erfüllt? 
Ich gehorchte, und als ich geendet hatte, sprach er zum 
Mundschenk Sabra: Reich ihm einen Trunk! Der Hess mich 
nun drei Becher leeren, die mich vom Scheitel bis zur Zehe 
durchglühten. Nun wünschte der Chalife von M^lik ein Ijied 
zu hören, dann ein zweites und ein drittes; zuletzt kam 
er in so gute Stimmung, dass er rief: Sabra, Sabra! kre- 
denze mir den Pharaosbeutel ! Man brachte einen bockshorn- 
fbrmig gekrümmten Pokal und den leerte er zwanzigmal. 
Da trat der Obersthofmeister ein und sprach : Der Mann, 
den Eure Majestät berufen haben, ist vor der Thür. Der 
Chalife befahl sogleich ihn einzuführen, und herein trat ein 
Jüngling von bildschönen Gesichtszügen, der nur den Fehler 
hatte, dass einer seiner Füsse etwas einwärts stand. Sabra! 
rief Walyd, kredenze ihm eine Schale. Der Mundschenk 
eilte zu gehorchen. Hierauf Hess der Chalife von ihm ein 
Lied vortragen, dann ein zweites, dessen erster Vers lautet : 

Es kam das Traumbild, gese^et sei es, 
Tausendmal, das Abbild meiner ^Zainab. 

Da riss Ma*bad die Geduld und er rief: O Fürst der Gläu- 
bigen, ich reiste in meinen Jahren von Mekka bis hieher 
an deinen Hof und nun lässt du mich wie einen verscheuch- 
ten Hund hier stehen, und hast nur Ohr und Auge für diesen 
Jungen! Bei Gott, entgegnete der Chalife, ich verkenne nicht, 
o Ma'bad, weder dein Alter noch dein Verdienst, aber der 
Gesang dieses Jünglings hat mich so ergriffen, dass ich 
darüber alles vergass. 

Und dieser Knabe, der solchen Eindruck hervor- 
brachte, war Ibn 'Aisha aus Mekka, der bald Ma'bad den Vor- 
rang abgewann, und als der erste Sänger seiner Zeit galt. ') 



1) Aghftny II. p. 65. 



1 54 I^* Darnftflcufl und der Hof der Oaftjjaden. 

Derselbe befand sich einst bei Walyd und sang: 

Ich erblickte am Morgen der Wallfahrt holde Mädchen, 

Die des Entsagens Gedanken schnell mir verscheuchten, 

Hell wie die Sterne bei Nachtanbmeh, 

Die im weiten Kreise den Mond nmleuchten. 

Hinaus zog ich um frommes Verdienst zu erwerben, 

Und kehrte heim mit Sünden, die schwer mir düuchten. 

Walyd war entzückt hierüber, fluchte und lästerte schreck- 
lich und rief: He Mundschenk! kredenze mir den „vierten 
Himmel". Er leerte den Pokal auf einen Zug und befahl dem 
Sänger, indem er bei seinem Urahn Abdshams schwor, das 
Lied zu wiederholen. Und nochmals beschwor er ihn bei 
seinem Ahn es zu wiederholen und so fuhr er fort, bis er in 
immer leidenschaftlicheres Entzücken gerieth. Zuletzt sprang 
er auf, umarmte den Sänger, küsste ihn, riss seine eigenen 
Kleider herab und warf sie auf ihn, als Ehrengeschenk. 
Halb entkleidet blieb der Chalife, bis die Sklaven ihm 
einen andern Anzug angelegt hatten. Dann schenkte er dem 
Sänger noch 1000 Dynars und ein Maulthier, um nach Hause 
zu reiten. ') 

Eine seiner ersten Sorgen war es, als er die Herrschaft 
angetreten hatte, den schon früher genannten Sänger Ma'bad 
aus Mekka nach Damascus an den Hof zu berufen, und wir 
wollen noch die Schilderung der ersten Audienz desselben 
hier folgen lassen, da sie von dem Leben, welches damals 
im Chalifenpalaste herrschte, ein recht eigenthümliches Bild 
gibt. Die Erzählung stammt von einem Augenzeugen. 

Als Ma*bad angekommen war, führte man ihn sogleich 
in den Palast. Er fand den Chalifen in einem grossen Saale 
sitzend, in dessen Mitte ein marmorner Wasserbehälter sich 
befand, der zur Hälfte mit Wasser, zur Hälfte mit Wein 
gefüllt war. Ein ganz dünner durchsichtiger Vorhang, hinter 
dem der Chalife sass, schied den Saal in zwei ungleiche 

>) AghAny II. 72. 



lY. Danucas und der Hof der Onajjadeo. 155 

Hälften. Ma'bad ward angewiesen, auf der andern Seite 
des Wasserbeckens sich niederzulassen und zu singen. Er 
begann mit einem Liede elegischen Inhalts. Es machte auf 
den Fürsten einen solchen Eindruck, dass er den Vorhang 
aufriss, sein parfümirtes Oberkleid wegwarf und sich in das 
Wasserbecken stürzte, aus dem er einen Schluck trank. 
Die Sklaven eilten unterdessen mit neuen Gewändern her- 
bei, durchdufl^ten ihn mit Räucherwerk und Salben, w orauf 
er sich wieder setzte und Ma'bad befahl, weiter zu singen. 
Dieser ergriflf die Laute und begann: 

O dn öde Hütte, npende eine Antwort 

Einem Liebeskrunken, 
Den du nan als siechen Pilger 

Siebest dir entgegenwanken. 
Möge jede Frübling^wolke 

Dieb in küblem Gusse baden: 
Bis icb dich mit Blumen sehe 

Ringsumher beladen. 

Nun Hess der Chalife eine Börse mit 1500 Goldstücken 
bringen, goss sie Ma*bad in den Schooss und sagte dazu: 
Kehre zu den Deinigen zurück und schweige über das, was 
du gesehen.^) 

Walyd war aber nicht nur ein fanatischer Musikfreund, 
sondern er sang selbst und war auch Musiker, er componirte 
Arien, die eine grosse Verbreitung fanden, spielte die Laute 
dazu und schlug mit der Handtrommel den Takt, und das 
mit solcher Meisterschaft, dass ein Tonkünstler von Profession 
es nicht besser hätte machen können. 2) Der Tod über- 
raschte den leichtsinnigen, nur seinem Vergnügen lebenden 
Fürsten zu Nagrä. Ein omaj[jadischer Prinz, der im stillen 
viele Anhänger geworben hatte, brachte durch einen kühnen 
Handstreich Damascus in seine Gewalt und die Empörer 
überraschten den Chalifen in seinem ländlichen Aufenthalte. 



') AgbÄny I. 27. 

2) Agh&ny VIIL 161, 162. 



156 1^* Damasea« nnd der Hof der OraajjadeB. 

Er fiel unter ihren Streichen und ßtarb mit mehr Muth, als 
sein leichtfertiges Leben erwarten Hess. 

Sein Nachfolger suchte sich mit der bigotten Partei 
gut zu stellen und war ein entschiedener Frömmler. Allein 
mit der Ermordung Walyd's 11. endete auch die glückliche 
Epoche dieser Dynastie. Empörungen und blutige Kämpfe 
verbannten den sorglosen Lebensgenuss vom Hofe der Omaj- 
jaden bis zu ihrem baldigen Ende. Und mit ihrem Sturze 
hörte Damascus auf, die Hauptstadt der islamischen Welt 
zu sein. Die von Gold und Marmor schimmernden Paläste 
der Chalifen sanken in Schutt und Staub und selbst ihre 
Gräber blieben nicht verschont, indem die Abbasiden, als sie 
die Herrschaft errungen hatten, sogar diese letzten ewigen 
Ruhestätten nicht achteten und sie insgesammt zerstören 
Hessen. Jetzt ist in Damascus kein Grabmal eines omajja- 
dischen Chalifen mehr bekannt. Nur in der Vorstadt, die 
jetzt 'Abr-atki in dem schlechten Dialekte von Damascus 
genannt wird, steht eine einfache Grabkuppel, ziemlich mo- 
dernen Ansehens , die als das Grab der Chalifentochter 
*Atika (kabr *Atikah) bezeichnet wird.*) Mo'äwija soll seine 
letzte Ruhestätte an der südlichen Mauer der grossen Moschee 
gehabt haben, allein längst ist jede Spur davon verschwunden. 
Nur der Ort, wo Jazyd I. beerdigt ist, welchen die Shy*iten 
wegen der auf seine Anordnung erfolgten Niederm^tzlung 
Hosain's, des Enkels des Propheten, mit unauslöschlichem 
Hasse verfolgen, ist noch jetzt durch einen riesigen Stein- 
hügel bezeichnet, indem alle Perser es fiir eine heilige 
Pflicht halten, auf das Grab des Gotteslästerers und Mörders 
der Familie des Propheten einen Stein zu werfen. 2) 



') Topographie von Damascus II. 22. 

^) Topographie von Damascus II. p. 20. Es scheint jedoch , dass 
dieses Grab, welches jetzt als das des Jazyd Y. bezeichnet wird, eigentlich 
das des Jazyd III. sei. So erhellt aus der Stelle bei Mas^ndy VI. p. 19, 
es sei denn, dass beide Jazyd auf demselben Friedhofe des Stadtthores 
Bäb-alsaghyr beerdigt worden wären. 



IV. DamascuB und der Hof der Omsjjaden. 157 

Nur einmal noch schien für Damascus eine glücklichere 
Epoche anzubrechen^ indem Motawakkil^ der zehnte Chalife 
der Dynastie der Abbasiden, die Residenz dahin verlegen 
wollte; allein das Klima sagte ihm nicht zu und nach 
einem nur zweimonatlichen Aufenthalt verliess er es wieder 
und kehrte nach Irak zurück. *) Damascus blieb fortan 
nur mehr eine Provinzialstadt^ in welcher die abbasidischen 
Statthalter ihren Sitz hatten. Als die Dynastie der Tulu- 
niden^ später die der Ichshydiden in Aegypten empor- 
kam, fiel es diesen zu, ging dann, als Aegypten von den 
shy'itischen Beherrschern Nordafrika's erobert ward, an die 
Fatimiden über, kam endlich in den Besitz der Seldschuken, 
und als ihr Staat sich in eine Menge kleiner Dynastien 
auflöste, brachte es der seldschukische Heerführer Tutush 
in seine Gewalt, dessen Nachkommen bald die willenlosen 
Werkzeuge ihrer Obersthofmeister (Atäbek) wurden, die 
eine selbstständige Dynastie in Damascus begründeten. Diese 
ward von den Ajjubiden verdrängt, deren ritterlichste Er- 
scheinung, der aus der Geschichte der Kreuzzüge bekannte 
Saladin (Saläh aldyn) ist, der Gegner dÄ Herzogs Leopold 
von Oesterreich und Richard's Löwenherz. Nach dem Er- 
löschen der Dynastie der Ajjubiden fiel Damascus mit ganz 
Syrien, nachdem durch kurze Zeit die Mongolen es erobert 
und ihrem Reiche einverleibt hatten, an die Sultane von 
Aegypten, in deren Besitz es verblieb, bis die Osmanen es 
sich unterwarfen. 

Aber noch immer lebt im Bewusstsein des Damasceners 
die Erinnerung an die alte Macht und Herrlichkeit seiner 
Vaterstadt fort und dieser Erinnerung hat er in der stolzen 
Inschrift den richtigen Ausdruck verliehen, die auf der 
inneren Decke der Kuppel des vor dem Westthor der 
grossen Moschee befindlichen Bazars in grossen Lettern 
prangt, und an einen fremden Eroberer gerichtet, denselben 



1) Weil: Geschichte der Chalifen II. p. 364 



1 58 IV. Damaicu und der Hof der Oaajjadoa. 

gewissermaassen warnen soll , sich nicht an Damascus zu 
vergreifen; sie lautet: 

Sporne deines Rosses Flanken von Damascns fort| 

Denn es fügen Löwen sich gehorsam seinem Wort ! 

Mag ein Mond auch zwischen seinen Thoren untergehen: 

Tausend Monde sind es, die an dessen statt erstehen! 

Jeder, den du siehst des Weges ziehn, klagt und spricht: 

Oll, dass ich doch wüsste, wer beherrscht dies Land voll Licht.*) 



1) Vgl. Topographie von Damascus II. p. 8, wo sich der arabische 
Text dieser Verse findet. 



V. 



Die Ausbildung des Staatswesens. 



I. Die Administration unter den Omajjaden. 

l)er Gründer der Dynastie der Omajjaden, den Mo- 
hammed einen armen SeUucker genannt hatte, welcher keinen 
Pfennig in der Tasche habe, ^) war von Omar zum Statt- 
halter von Damascus ernannt worden, allerdings mit sehr 
beschränkten Vollmachten, indem zugleich mit ihm ein 
Richter für diese Stadt entsendet ward, welcher den öfiFent- 
lichen Gebeten vorzustehen beauftragt war, und in dieser 
Eigenschaft den Chalifen als religiöses Oberhaupt des Islams 
zu vertreten hatte, was dem Ansehen des Statthalters sicher 
nicht geringen Eintrag that.^) Trotzdem verstand er es, die 
Statthalterschaft von ganz Syrien zu erlangen, und der 
schwache *Osmcln belehnte ihn auf seine Bitte, wie schon 
oben erwähnt worden ist, mit ausgedehntem Grundbesitz. 
Nach dessen Ermordung erhob er zuerst seine Stimme gegen 
Aly, den legitimen Chalifen und als dieser dem Schwerte 
eines Meuchelmörders erlegen war, schwang er sich auf den 
nun mehr von keinem Nebenbuhler ihm streitig gemachten 
Thron. 

Als echter Araber war Mo^äwija habsüchtig, aber als 
kluger Staatsmann verstand er es zur rechten Zeit mit vollen 
Händen Geld zu spenden. In seinen Kämpfen hatte er sich 

1) Sharh almowatte' HL 66. 

2) Baladory 141. 



160 ^- I^i« Ansbildung des SUainrAMiiB. 

den Beistand des Eroberers von Aegypten dadurch zu er- 
werben gewusst, dass er ihm den ganzen Steuerertrag dieses 
Landes zusicherte J) *Amr ward hiedurch in eine Stellung 
versetzt, die noch weit voi-theilhafter war als jene, welche 
gegenwärtig der Vicekönig von Aegypten der Pforte gegen- 
über einnimmt. So lange er Gegner zu besiegen hatte, 
spendete Mo*awija mit voller Hand gewiss auch an andere 
einflussreiche Männer. 2) Als er aber einmal im ruhigen Be- 
sitze der Macht war, dachte er daran, den Staatsschatz, der 
ihm zur unbeschränkten Verfügung stand, möglichst schnell 
zu füllen. Er traf eine Anordnung, die sehr beachtenswerth 
ist und den Beweis liefert, wie sicher er sich fiihlen musste: 
er unterzog nämlich auch die fixen Jahresdotationen, welche 
nach Omar's Grundsätzen an alle Mitglieder der moham- 
medanischen Religionsgenossenschaft vertheilt werden sollten, 
der Einkommensteuer (Armentaxe), die er gleich von der 
Dotation in Abzug brachte. 3) Diese Maassregel, die einige 
Aehnlichkeit mit der modernen Couponsteuer hat , war 
gleichbedeutend mit einer Reduction der Dotationen im 
Betrage von 2% Percent. 

Das gesammte Staatseinkommen umfasste nach den 
von Omar aufgestellten Steuervorschrifteu folgende Posten: 
1. Kopfsteuer der unterworfenen Völker, 2. Grundsteuer, 
3. Armentaxe, 4. Zehent von den im Besitze von Moslimen 
befindlichen Gründen, 5. Handelssteuern und Waarenzölle, 
6. Naturallieferungen der unterworfenen Völker, 7. Tribut- 
leistungen der durch Capitulation gegen Bezahlung eines 



1) Makryzy: Chitat 11 1. 337. Der Steuerertrag Aegyptens belief sich 
damals auf 12 Millionen Dynars. Sojuty: Hosn olmoh&darah I. 69, 70. 
Nach Bal&dory, 218, betrug der Charäg allein anfangs 1 Million, dann 
4 Millionen Dynar. 

2) So erkaufte er von Hasan, dem Sohne Aly's, den Verzicht auf 
das Chalifat, Bochftry 1679, und während seiner Kriege gegen Aly zahlte 
er Tribut an den griechischen Kaiser. Mas'udy IV. 360. 

3) Sharh almowatta' II. 44. 



V. Die Ansbildang des Staatswesens. 161 

bestimmten Tributes eingenommenen Städte und Landstriche, 
sowie der zu solchen Zahlungen gezwungenen fremden Länder, 
8. dem Staatsschatze zukommendes Fünftel der gesammten 
Kriegsbeute. ') 

Die Einhebung der Steuern fand in der ersten Zeit 
durch die Befehlshaber der Ti*uppen statt, die in den er- 
oberten Ländern die höchsten Regierungsbefugnisse aus- 
übten. Für die Armentaxe aber pflegten sowohl Mohammed 
als seine ersten Nachfolger eigene Steuereinsammler zu ent- 
senden, deren Functionen jedoch schon damals denen eines 
Statthalters sehr ähnlich gewesen zu sein scheinen. Mo'äwija 
ging als kluger Administrator auf der schon von *Osmän 
betretenen Bahn weiter und suchte das Finanzwesen von 
der politischen Verwaltung zu trennen. So ernannte er einen 
Statthalter über Kufa für die politische Administration, das 
Kriegswesen und die Vorsteherschaft des Gebetes ; aber ein 
anderer vom Statthalter unabhängiger Beamter besorgte 
selbstständig die Einhebung der Steuern, besonders die 
der Grundsteuer, wovon er auch den Namen führte (sä,hib 
alcharäg). 

Es darf übrigens nicht unterlassen werden, hier darauf 
aufmerksam zu . machen , dass schon vom Anbeginne des 
Chalifates in Betreflf der Finanzen der Grundsatz der voll- 
konimensten Decentralisation herrschte. Jede Provinz oder 
Statthalterschaft bildete ein für sich selbstständiges Steuer- 



*) Zum Staatseinkommen ans dem gesetzlichen Fünftel gehören: 
1. das Fünftel der Kriegsbeute, 2. das Fünftel des Ertrages der Minen 
und Bergwerke, 3. das Fünftel vom Meeresantrieb (das englische flotsom 
and jetsom), 4. das Fünftel, welches der ZoUbeamte ('äsbir) von den 
fahrenden Haben und Waaren der Moslimen, der Bajahs (ahl aldimmah) 
und den feindlichen Völkern (ahl alharb) einhebt, die des Handels halber 
auf moslimisches Gebiet kommen. Endlich sind noch die Lösegelder zu 
erwähnen, welche die Insassen eines festen Platzes zahlen ; diese Lösegelder 
fallen ohne Abzug an den Staatsschatz und sind nicht als Beute zu be- 
trachten. JAknt: Mo'gam L 61, 5'2. 

▼. Krämer, Cultargeschicbta des Ürienta. 11 



1f)2 V. Dio Ansbildang; dos StaaUweaeiifi. 

gebiet. £s gab keine Centralkasse. Die geRammten Steuern 
der Provinz flössen in die Schatzkammer des Statthalters 
oder des mit Einhebung der Steuern betrauten Beamten. 
Hieraus mussten aber alle Kosten für die Verwaltung, die 
Jahresdotationen, Soldatenlöhnungen u. s. w. bestritten wer- 
den und nur der Ueberschuss ward an die allgemeine Staats- 
kasse (bait mal almoslimyn) oder in späteren Zeiten, wo 
die Staatskasse zui* Privatkasse des Chalifen geworden war, 
an diese abgeliefert. ^) Unter Mo'awija herrschte in diesem 
Punkte die volle unbeschränkte Willkür des Staatsober- 
hauptes, er verfügte nach Belieben über das Einkommen 
der Provinzen des weiten Keiches. So haben wir oben ge- 
hört, dass er das Gesammteinkommen von Aegypten dem 
dortigen Statthalter auf Lebenszeiten überliess, wofür der- 
selbe allerdings die Kosten für die Verwaltung und die 
Armee zu bestreiten hatte. Mit dem Statthalter von Irak 
soll er hingegen ein anderes Uebereinkommen getroffen 
haben. Er stellte demselben die Wahl, entweder abzu- 
danken, oder sich zu verpflichten, nach Abzug aller Kosten 
für das Heer und die Verwaltung noch baare 100 Millionen 
Dirham jährlich an die Staatskasse abzuführen. 2) 

Zu jener Zeit war das Reich in folgende Provinzen 
eingetheilt: 1. Syrien, mit den Unterabtheilungen von Da- 
mascus, Kinnasryn, Ordonn und Filistyn. 2. Kufa mit ganz 
Irak (selbst der Präfect von Ray ward von Kufa aus er- 
nannt). 3. Bassora mit Persien, Segistan, Choräsän, Bahrain, 
'Oman, vermuthlich auch Nagd und Jamäma. 4. Armenien. 



*) In den wichtigeren Provinzen mögen sich in den Provinzialkassen 
sehr bedeutende Geldbeträge angesammelt haben. Als Mochtar Kufa er- 
oberte, fand er in der Regierungskasse 9 Millionen Dirham. Ibn Atyr IV. 
187. Im Schatze von Bassora befanden sich, als Obaidallah Ibn Zij&d die 
Stadt flüchtend verliess, 19 Millionen. Ibn Atyr IV. 110. — Als sich Jazyd 
Ibn Mohallab der Stadt Bassora bemächtigte, fand er daselbst in den lie- 
gierungskassen 10 Millionen Dirham. Goeje: Fragm. Histor. Arabic. I. p. ö9. 

2) Ibn Atyr IV. 116. 



V. t>ie AuBbildung des Staatswesen«. 163 

5. Mekka. 6. Medyna. 7. Das Grenzgebiet von Indien (Ker- 
män, Sind, Ghazna, Kabul u. s. w.). 8. Afrika (Ifrykij[ja). 
9. Aegypten. Hiezu ist noch 10. Südarabien zu rechnen, 
das in der Liste wohl nur aus Versehen nicht angeführt 
erscheint. ^) 

Die Statthalterschaft von Ifrykijja trennte er von jener 
Aegyptens wohl nur aus politischen Gründen, um dem Statt- 
halter dieses Landes nicht auch jenes Gebiet ohne Controle 
überlassen zu müssen. Dann löste er Chorä^sän von Bassora 
ab und bildete später aus den beiden Verwaltungsgebieten 
von Bassora und Kufa eine einzige grosse Statthalterschaft 
von Irak. 2) Dem Statthalter von Bassora gesellte er einen 
Polizeivogt (sähib alshortah) bei, der vom Chalifen selbst 
ernannt wurde, ebenso einen Richter, und in anderen Pro- 
vinzen pflegte er wohl dasselbe zu thun. Die Vereinigung 
von Bassora mit Kufa dauerte aber nicht lange, indem bald 
wieder Bassora zu einem selbstständigen Verwaltungsgebiet 
erhoben ward, als welches es die wichtigste Provinz des 
Kelches war^ denn dazu gehörten Färis (Farsistan), Ahwäz 
(Chuzistan, Susiana), 'Oman, Bahrain, Chord^ssln und Kan- 
dabyl. •'») 

Die Amtsbefugnisse der Statthalter waren sehr weit- 
gehend. Nur für die richterlichen Angelegenheiten ernannte 
der Chalife einen besonderen Beamten (Kädy) und mit der 
Vertretung des Staatsoberhauptes bei den öffentlichen Ge- 
beten, als höchsten Oberpriesters des Islams, wurde gewöhn- 
lich ein besonderer Würdenträger beauftragt. Ebenso ward 
oft die Finanzverwaltung einem eigens hiezu entsendeten 
Beamten überwiesen. 

Bei der Ausdehnung der meisten Provinzen mussten 
als Executivorgane der Regierung für einzelne Bezirke ünter- 



t) Ibn Chaldan: Allgem. Geschichte lU. 10, 15, 17, 134. 

2) Ibid. p. 10. 

^) Goeje: Fragm. Hist. Arab. I. p. 59. 

Jl» 



164 V. Die Aiubildang det StofttoweMM. 

Statthalter ernannt werden. Und die Ernennung dieser er- 
folgfte ohne weitere Verfugung des Herrschers durch den 
Statthalter, welcher sich seine Districtspräfecten wählte und 
sie ernannte, wovon er vermuthlich dem Chalifen nur die 
Anzeige erstattete. So ernennt der Statthalter von Kufa 
den Unterstatthalter von Ray, ^) der von Bassora den Unter- 
statthalter von Segistän und den indischen Grenzländern 
(Sind), während aber nach anderen Berichten dieser letztere 
unmittelbar vom Chalifen selbst gewählt wonlen sein soll. ^) 
Als Zijäd Statthalter von Bassora geworden war, theilte er 
sogleich Chorslsän in vier Districte und bestellte für jeden 
einen Präfecten. ^) 

Gewöhnlich war eine Dreitheilung der obersten Regie- 
rungsgewalt üblich, so dass die politische Administation, das 
Steuei-wesen und die Vorsteherschaft der öffentlichen reli- 
giösen Ceremonien durch drei besondere Würdenträger ver- 
sehen w^urden. Es kamen aber auch Fälle vor, wo der 
Herrscher zum Beweise seines besonderen Vertrauens die drei 
Aemter einem Einzigen übertrug; so ernannte der Chalife 
Solaimän den Jazyd Ibn Mohallab zum General-Statthalter 
von Irak und übertrug ihm sowohl das Kriegswesen, als die 
Vorsteherschaft bei dem Gebete und die Steuereinhebung. 
Allein dieser kluge Staatsmann fand bald, dass dort nicht 
mehr viel für ihn zu holen sei, und lehnte diese Ehre ab, 
indem er voraussah, dass, wenn er einen geringeren Steuer- 
betrag als sein Vorgänger abführte, die Ungnade ihm sicher 
sei. Er bewarb sich also statt dieser Stelle um die Statt- 
halterschaft von ChorasÄn, die er auch erhielt, während er 
ermächtigt ward, in Irak einen Unterstatthalter zurückzu- 
lassen. Jedoch in Choräsän Hess sich der Biedermann solche 
Erpressungen zu Schulden kommen, und unterschlug solche 



*) Ibn Chaldun: Allgem. Gesch. III. 4. 

2) L l. III. 6. 

3) l. 1. III. 9. 



y. Die Ausbildung des StaaUwe«ens. 165 

Summen, dass schon derselbe Chalife ihn zm* Verantwortung 
zog. Der nächste Herrscher aber erst zwang ihn, einen 
grossen Theil der so übel erworbenen Reichthümer heraus- 
zugeben. *) 

Immer galt Irak als der wichtigste Posten und nicht 
blos Choräsän war damit vereinigt, sondern oftmals auch alle 
östlichen Länder bis an die Grenzen Indiens, sowie grosse 
Theile Ost- und Centralarabiens. 

Unter Haggäg gehörte nicht blos Choräsän, sondern 
selbst Kermän und Segistän zur Statthalterschaft von Irak, 
und entsendete der Statthalter dieser Provinz in jene Länder 
seine Präfecten (*ämil). 2) Später als der Gouverneur von 
Choräsän eine selbstständige Stellung erhielt, besetzte er die 
Präfectenposten in Samarkand, Tochäristän und Transoxa- 
nien. ^) Um den schriftlichen Verkehr des Herrschers mit 
den Statthaltern zu vermitteln, der, so einfach auch die 
Verhältnisse waren, dennoch bei der grossen Ausdehnung 
des Reiches sehr bedeutend gewesen sein muss, schuf schon 
Mo'äwija eine Staatskanzlei, welche den Namen „Staats- 
siegelamt" (dywän alchätam) führte. Jeder von dem Cha- 
lifen ausgehende Erlass ward daselbst in dem Register 
copirt, dann das Original gesiegelt und expedirt. Früher 
hatte man die Schreiben ungeschlossen befördert und es w^ar 
der Fall vorgekommen, dass ein Mann, dem der Chalife bei 
der Provinzialkasse 1000 Dirham angewiesen hatte, den Brief 
gelesen und die Ziflfer auf einen höheren Betrag gefälscht 
hatte. Der Betrug kam erst auf, als der Statthalter die 
Rechnung einsandte. **) 

Auch das Postwesen soll durch Mo'äwija begründet 
worden sein, indem er diese Einrichtung den Byzantinern 



*) Ibn Atyr V. 16, 16, 17, 36. Ibn Chaldan: AUgem. Gesch. HI. 69. 
Goeje: Fragfm. Hiat. Arab. 1. 19, 20, 21. 
2) Ibn Atyr IV. 362. 
») Ibn Atyr V. 260, 261. 
*) Ibn Chaldun: Allgem. Gesch. III. 19. Elfachry 130. 



166 ^* I^io Aatfbildang ded StaatfiweBeiiB. 

oder Persern nachahmte. Jedenfalls bestand die Post schon 
in sehr früher Zeit. *) Wir werden später ausfuhrlich hierüber 
zu sprechen haben. 

In solcher Weise gestaltete der erste Omajjade sein 
Reich und seine Administration und es ist kaum zu be- 
zweifeln, dass die von ihm geschaffenen Institutionen auch 
geraume Zeit nach ihm unverändert blieben, denn sein Sohn, 
der ihm in der Herrschaft folgte, Jazyd I., war ein heiterer 
Lebemann und grosser Zecher, der es mit seinen Herrscher- 
pflichten nicht sehr genau nahm und die Dinge gehen liess. 
Auch regierte er nur kurze Zeit. Dessen Nachfolger, Mo*ä- 
wija n., starb wenige Monate nach ihm und die nicht lange Re- 
gierung Marwän's I. war so erfüllt von Kämpfen und Unruhen, 
dass er kaum Zeit gefunden haben dürfte, sich mit den fried- 
lichen Arbeiten der Administration zu befassen. Erst mit Ab- 
dalmalik kamen die Zügel der Regierung in die Hand eines 
wahrhaft begabten Fürsten. Mit vollem Rechte sagt ein sehr 
treffend urtheilender einheimischer Geschichtschreiber, dass 
unter der Omajjaden-Dynastie nur drei grosse Staatsmänner 
und Administratoren waren: Mo'äwija I., Abdalmalik und 
Hishäm.^) Des Ersten staatsmännische Thätigkeit haben wir 
schon besprochen. Wir gehen nun zu Abdalmalik über. 

Nach den orientalischen Berichten soll er ein grosser 
Kenner der Tradition gewesen sein, was uns allerdings vor- 
aussetzen lässt, dass er eine sorgfältigere Erziehung erhalten 
hatte, als seine Vorgänger. Allein das, was die Araber da- 
mals unter Bildung verstanden, muss nach unsern Begriffem 
als überaus ungenügend erscheinen. Er mag die von dem 
Propheten überlieferten Traditionen, den Koran, selbst alt- 
arabische Poesie noch so gut gekannt haben, aber das all- 
gemein bildende und veredelnde Element, welches in diesen 
Studien liegt, ist sehr gering. Dennoch wissen begabte 



^) Dies beweist die Tradition bei Bochäry: Kitftb alwodu* 166. 
2) MasSidy V. 479. VI. 161. 



y. Die Ausbildung des Stoatsweseuu. 167 

Natui'en selbst unter den ungünstigsten äusserlichen Ver- 
hältnissen sich Bahn zu brechen und bei Fürsten ist klares 
Urtheil, festes Wollen und ernstes Streben mehr als alle 
Bücherbildung. Dass Abdalmalik diese Eigenschaften besass, 
beweist die Energie, mit welcher er die Autorität der Regie- 
rung in jener Provinz herzustellen wusste, die nach Syrien 
die wichtigste war, und welche er bei seinem Regierungs- 
antritte in höchst zerrüttetem Zustande vorfand. Irak befand 
sich in vollem Aufruhr und in Ai*abien herrschte der Gegen- 
chalife Abdallah Ibn Zobair. Zuerst untei-warf Abdalmalik 
seiner Herrschaft Irak, dann wandte er sich gegen Arabien, 
denn der Besitz der heiligen Städte war eine Lebensfrage 
für die Befestigung seiner Herrschaft. Grosse Fürsten haben 
die Gabe die geeigneten Werkzeuge zu finden. Ein solches 
erkannte er in einem Manne, der fi'üher durch einige Zeit 
in dem kleinen arabischen Gebirgsstädtchen Tai'f als Schul- 
meister die Kinder im Lesen und Schreiben unterrichtet 
haben soll. Es w^ar Hagg&g, welcher als einer der grössten 
Staatsmänner seines Volkes zu nennen ist. Die äusserst 
schwierige Statthalterschaft von Irak ward ihm übertragen 
und sobald er dort die Ordnung hergestellt hatte, ging er 
auf Befehl des Chalifen mit einem Heere nach Mekka ab, 
und eroberte die heilige Stadt nach hartnäckiger Belagerung; 
der Gegenchalife fiel im Kampfe. Nun war die Zeit ge- 
kommen, wo die friedliche reformatorische Thätigkeit be- 
ginnen konnte. Sein Hauptaugenmerk richtete Abdalmalik 
darauf, den eben wieder unter seinem Scepter vereinigten 
Ländern gemeinsame Institutionen zu geben. Die wichtigste 
hierauf bezügliche Maassregel ist die Verdrängung der Perser 
und Christen aus den Regierungsämtern und ihr Ersatz durch 
arabische Beamte.*) Hiedurch entzog er den Fremden den 
grössten Theil ihres Einflusses auf die Staatsgeschäfte und 
versperrte ihnen eine der ergiebigsten Quellen des Geld- 

Yg\. MÄwardy cap. XVllI. 1. Balädory p. 193. 



f 



Iß3 ^- ^^^ AaBbildnnsr deo Staatswesens. 

gewinnes: denn die Steiiereinhebung, die in Syrien ganz in 
den Händen der Christen, in Persien und Irak in jenen der 
Perser lag, trug sehr viel Geld ein.*) Allerdings wirkte 
diese Anordnung nicht lange, denn unter den Arabern fanden 
sich nicht hinreichend viele brauchbare und mit den erforder- 
lichen Kenntnissen ausgerüstete Beamte; bald hatten die 
Christen und Perser wieder die einträglichsten Finanzposten 
inne, aber dennoch blieb fortan arabische Sprache und Schrift 
allein herrschend in allen Regibrungskanzleien und immerhin 
mag auch eine beträchtliche Anzahl arabischer Beamten her- 
angezogen und ausgebildet worden sein. Eine weitere min- 
destens ebenso wichtige Verfügung war die Einführung der 
eigenen arabischen Münze imd Ausschliessung fremder Prä- 
gung von dem Verkehr. Bis zur Zeit Abdalmalik's cursirten 
in den verschiedenen Provinzen Münzen der früheren Dyna- 
stien: in Aegypten und Syrien römisch-byzantinische Gold-, 
Silber- und Kupferstücke, in den zum ehemaligen persischen 
Reiche gehörigen Gebieten aber vorzüglich sasanidische 
Drachmen. In den erstgenannten liändern herrschte die 
Goldwährung auf Grundlage des römischen Solidus, in den 
letztern die Silberwährung des sasanidischen Dirham. Diese 
Münzsorten cursirten neben- und durcheinander, aber die 
oftmals nöthige Reducirung der einen Währung in die andere 
musste vielfache Unbequemlichkeiten und Irrungen zur Folge 
haben. Allerdings hatten die Araber schon früh zu münzen 
begonnen: sie schlugen römische Solidi mit byzantinischem 
Gepräge und arabischer oder lateinischer Aufschrift (es waren 
dies die sogenannten herakleischen Dynare) oder Silberstücke 
mit sasanidischem Typus und mit Pehlewy-Aufschriften, aber 
sie dachten nicht daran, diesen Münzfuss zur ausschliesslichen 
Währung zu machen. Der Staat übte auf die Emission 
keinerlei Controle, die Statthalter münzten jeder in voU- 



*) Nach Theophanes fand eine erneuerte Aasschliessung der Christen 
im Jahre 75 X Chr. statt. 



y. Die AoBbildung des Staatswesens. 169 

kommener Selbstständigkeit und begnügten sich auf den | 
Stempel nur den eigenen Namen, nicht aber auch den des . 
Chalifen zu setzen. Auch die Prägung und der Werthgehalt 
waren äusserst ungenau und der Fälschung war Thür und 
Thor geöflfnet. 

In Mekka cursirten schon zur Zeit Mohammed's rö- 
mische Goldstücke und persische Drachmen, die aber im 
Verkehr nach der Wage beurtheilt wurden. Nach arabischen 
Angaben soll der erste, welcher Münzen schlug, Mos'ab, der 
Bruder des Abdallah Ibn Zobair, des Gegenchalifcn von 
Mekka, gewesen sein, und auch von dem letzteren findet 
man Silberstücke mit seinem Namen, aber in Pehlewvschrift. 
Als Abdalmalik ihn besiegt hatte, nahm er selbst die Rege- 
lung des Münzwesens vor. *) 

Sicher war das Bedürfniss eines festen Münzfusses sehr 
dringend. Die Ausdehnung des Reiches über die entlegensten 
Länder Asiens und Afrika's, die Anknüpfung und Wieder- 
belebung alter Handelsverbindungen, der erhöhte Austausch 
der Producte und Waaren eines w^eiten Gebietes erforderten 
ein allgemein giltiges und anerkanntes Verkehrsmittel. Hiezu 
kamen' auch Motive politischer Natur. Seit jeher war in 
Asien die Münzprägung ein dem Herrscher oder dem Staate 
vorbehaltenes Souveränitätsrecht gewesen und Abdalmalik 
wollte davon Gebrauch machen. Ausserdem mussten auch 
die von Omar I. geregelten Steuerzahlungen die Nothwen- 
digkeit eines gesetzlichen und einheitlichen Münzsystemes 
hervortreten lassen, denn sich der Schafe als kleiner Münze 
zum Wechseln zu bedienen und die grösseren Summen in 

1) BaULdoiy I. p. 466. Ich brauche nicht zn bemerken, dass schon 
vor diesem Chalifen die Araber Münzen präg-ten. * Dr. Karabacek besitzt 
einen Djnar von dem Gegenpropheten Mosailima; ein Kupferstück von 
Chalid Ibn Walyd hat Saulcy im Journal Asiatique besprochen. Ich ent- 
halte mich weiterer Bemerkungen, da Dr. Karabacek, einer der tüchtigsten 
Forscher auf dem Oebiete der mohammedanischen Numismatik, in Kürze 
eine aosfUhrliche Arbeit zn veröffentlichen beabsichtig^. 



1 70 V. Die Anobildang des StaaUwei»eus. 

; Kameelen zu bezahlen, wie dies noch unter Abu Bakr bei 

/ der Entrichtung der Vermögenssteuer stattfand, fiel schwer 

' bei den seitdem ganz anders gewordenen Verhältnissen des 

Lebens und dem rasch aufblühenden Städtewesen, das einen 

beschleunigten Werthumsatz zur Folge hatte. 

Diese Gründe mögen den Chalifen zu seiner Münz- 
reform bewogen haben, die im Jahre 77 H. (696 Chr.) ihren 
Abschluss fand. Ueberraschend ist die Genauigkeit, mit 
welcher diese erste arabische Prägunu^ in Gold ausgebracht 
ward, sie wiegt 4*25 Gr. Das Gewichtsverhältniss des Gold- 
stückes zu der Silbermünze (Dirham) war wie 10 : 7, letztere 
wog in der That 2*97 Gr. 

Abdalmalik's Münzreform beruht auf einer Verbindung 
römischer und sasanidischer Nominale. Er beschränkte sich 
auf die Annahme gewisser Nominale aus dem römischen 
Münzsystem unter Beibehaltung des von Omar eingeführten 
und aus der persischen Silberprägung hervorgegangenen 
legalen Dirham s. Für die gewöhnlichen Goldmünzen war 
der römische Solidus die Basis, für die Silbermünze der 
legale Dirham. Der Feingehalt dieser Münzen ist sehr be- 
deutend (0-87 Percent).!) 

Das Werthverhältniss des Silbers zum Golde stellte 
sich in der ersten Zeit wie 10 : 1 und etwas später wie 12:1; 
noch später ward durch Verschlechterung des Silbers dieses 
Verhältniss ungünstiger, indem der Dynar zu fünfzehn und 
selbst zu zwanzig Dirhams gerechnet wird. 

Abdalmalik scheint auch das Institut der Post sehr 
verbessert zu haben. Es heisst zwar, dass schon Mo'äwija 
dieselbe ins Leben gerufen haben soll, aber so wahrschein- 
lich auch diese Nachricht lautet, so stammt sie doch aus 
einer zweifelhaften Quelle. 2) Unter Abdalmalik war das 



1) Nach Y. Bergmanns aasgezeichneter Arbeit : Die Nominale der Münz- 
reform Abdalmalik's. In den Sitzungsberichten der Wiener Akademie 1870. 

2) Elfachry p. 129. 



Y. Die Ausbildung de» Staatswesens. 171 

Postwesen schon so gut eingerichtet, dass Relais auf den 
Hauptstrassen 7 welche die wichtigsten Städte des Reiches 
verbanden, aufgestellt waren und nicht nur Regierungsde- 
peschen, sondern selbst Reisende mit grosser Schnelligkeit 
befördert wurden. Ein neuernannter Statthalter von Choräsän 
geht sammt Gefolge mittelst Post dorthin ab. Ja selbst 
Truppensendungen erfolgten in dringenden Fällen durch die 
Post.*) Man beförderte auf einmal immer 50 — 100 Mann. 
Unter dem omajjadischen Statthalter von Irak, Jusof Ibn 
Omar, kostete die Postverwaltung für diese Provinz jährlich 
4 Millionen Dirham. 2) Wir werden Gelegenheit finden später 
bei der Schilderung der administativen Zustände des Cha- 
lifenreiches unter den Abbasiden nochmals auf diesen Gegen- 
stand zurückzukommen, dessen hohe Bedeutung man schon 
damals vollständig zu würdigen wusste. 

Eine nicht minder einflussreiche Thätigkeit als der 
Herrscher selbst enfaltete in der wichtigsten Provinz des 
Reiches der frühere Schulmeister von Taif. In den beiden 
Militärcolonien von Kufa und Bassora, deren ganze Bevölke- 
rung zum Kriegsdienste verpflichtet war, hatte sich allmälig 
die grösste Insubordination eingenistet ; die politisch-religiöse 
Partei der Charigiten, welche demokratische Ansichten ver- 
focht und den Herrscher in Damascus nicht anerkannte, 
indem sie das strenge, altarabische Wahlrecht des Volkes 
bis zur äussersten Schärfe vertrat, verwüstete die Provinz 
und schlug zu wiederholten Malen die ihnen entgegenge- 
stellten Heere. Haggäg, sobald er die Statthalterschaft an- 
getreten hatte, begann damit, durch furchtbare Strenge die 
meuterischen Kufaner zum Gehorsam zu zwingen, unter 
Strömen von Blut stellte er die Disciplin in Kufa sowohl 
als in Bassora wieder her und bratihte das alte Princip 
der allgemeinen Wehrpflicht für alle Moslimen. arabischer 



») Ibn Atyr IV. 362, 362, 374. 

2) Mftwardy cap. XIV. letzter Abschnitt 



172 V* I^i® AuBbüdnng des StaatsweiieuB. 

Nationalität zur Durchfiihning. *) Auf diese Art g^elang es 
ihm, genügende Truppen als Verstärkung dem gegen die 
Charigiten kämpfenden Heere zuzusenden, so dass man sie 
endlich besiegte. 

Das Steuerwesen war ganz in Unordnung gerathen: 
Irak, das unter Omar 100 — 120 Millionen Dirham abwarf, 
trug nur mehr 40 Millionen ein. ^) Der Hauptgrund für diese 
Abnahme war nächst den Verwüstungen durch die Kriege 
und Aufstände der Uebertritt grosser Massen von Landes- 
eingebornen zum Islam, wodurch die von ihnen früher be- 
zahlte Kopfsteuer dem Staatsschatze entging. Haggag traf 
in dieser Hinsicht einige sehr wirksame Verfügungen. Um 
den Viehstand in seiner Provinz zu heben und den Acker- 
bau zu fördern, erliess er das Verbot des Genusses von 
Rindfleisch, auch ertheilte er der ländlichen Bevölkerung 
einen Vorschuss von 2 Millionen Dirham, 3) dann stellte er 
einen Verbindungskanal (nyl) her zwischen dem Euphrat 
und Tigris ; *) ferners befahl er , dass die zum Islam Ueber- 
getretenen, also die ganze grosse Klasse der Neumuselmänner, 
die Kopftaxe w^ie vor ihrer Bekehrung zu bezahlen habe: 
eine Maassregel, welche einen furchtbaren Aufstand der Neu- 
bekehrten und ihrer dienten zui' Folge hatte ; es betheiligten 
sich besonders viele Leute aus Bassora, alte Krieger, dienten 
und Koranleser, hieran. Es liegt eine Angabe vor, dass von 
diesen Aufrührern 100,000 Mann in dem Register der Jahres- 
dotationen eingetragen waren, also, um uns modern auszu- 
drücken, dem Landwehi-verbande angehörten, und ebensoviel 
andere hatten sich ihnen angeschlossen. Ilaggäg trieb die 
Aufständischen nach schweren Kämpfen zu Paaren, und um 
ein für alle Mal die Klasse der Neumuselmänner und dienten 



») Aghäny XIII. 42. 

2) Balädory p. 270. 

») AghÄny XV. 98, Ibn Chordädbeh: Journal Asiatiqnc 1865, V. 36. 

*) Dimishky: Cosmographie p. 280. 



V. Die Aasbildang des Staatsweseni. 173 

ZU zersprengen, liess er die Aufständischen in ihre Dörfer 
intemiren; damit keiner sich entfernen könne, ward jedem 
der Name seines Dorfes auf die Hand eingebrannt. ^) Ebenso 
wie in anderen Provinzen ward unter der Verwaltung dieses 
thatkräftigen Staatsmannes in der Führung der Steuerregister 
und der Regierungskanzleien an die Stelle der früher üblichen 
persischen Sprache und Schrift die arabische gesetzt. 2) Und 
um mit seiner wichtigsten Schöpfung zu schliessen : er gründete 
die Stadt Wäsit als Militärcolonie und stabiles Heerlager 
zur näheren Verbindung der beiden bereits bestehenden 
grossen Garnisonsplätze von Kufa und Bassora. 

Auf diese Art gelang es ihm, nicht nur die omajja- 
dische Herrschaft in Irak zu befestigen, sondern die Militär- 
organisation der arabischen Bevölkerung wieder in solchem 
Grade herzustellen, dass er eine Armee von 6000 Mann zur 
Eroberung der indischen Grenzgebiete (Sind) entsenden 
konnte, deren Erhaltungskosten weitaus durch das Ein- 
kommen der neu eroberten Provinz gedeckt wurden, indem 
dieselbe jährlich 120 Millionen Dirham tnig, während die 
Auslagen sich auf 60 Millionen beliefen. 3) 

Von den zwei auf Abdalmalik folgenden Fürsten, Walyd 
und Solaimän, ist nui* wenig in administrativer Hinsicht zu 
berichten. Der Erstgenannte scheint religiöse und humani- 
täre Zwecke besonders verfolgt zu haben. Die Moschee von 
Damascus, die ehemalige Johanneskirche, die zui* Hälfte im 
Besitze der Christen geblieben war , entzog er ihnen und 
baute sie durch griechische Werkmeister, die er eigens aus 
Byzanz kommen liess, prachtvoll aus. Auch befahl er überall 
die Moscheen durch Zubauten zu vergrössern. Den Aus- 
sätzigen wies er abgesonderte Asylstätten und Pensionen an,**) 



1) Cultargeschichtllche Streifzüge Auf dem Gebiete des Islams p. 24. 

2) BalAdory 300. 

5) Ibn Atyr IV. 425—427. 
*) 1. 1. IV. 4J3. 



174 V. Die Aasbildniiff des StMtsweienf. 

auch sorgte er für die Armen , die Blinden und erriclitete 
Spitäler. *) 

Im Ganzen war die administrative Maschinerie zu jener 
Zeit noch immer sehr einfach. Es gab folgende Central- 
stellen: 1. Kanzlei der Grundsteuer (dywän alcharäg), welche 
Behörde damals so ziemlich als Finanzministerium gelten 
konnte. 2. Die Staatssiegelkanzlei, wo jede von dem Herr- 
scher ausgehende Depesche mit dessen Siegel versehen ward, 
denn bekanntlich werden im Oriente, wie dies noch jetzt 
der Fall ist, Briefe und Depeschen nicht mit der Unterschrift 
bekräftigt, sondern es wird einfach das Siegel in Tinte oder 
Tusche beigedrückt. 3. Das Correspondenz-Bureau (dywän 
alrasäil), wo alle Regierungsschriften ausgearbeitet wurden. 
4. Das Staatsrentamt (dywän almostaghillät), wo all die ver- 
schiedenen Abgaben, die der Staat als Pachtschilling für 
die Benützung von öffentlichem Grund und Boden u. dgl. 
einnahm, registrirt und verrechnet wurden. 2) 

Ein recht bezeichnendes Urtheil über die beiden letzt- 
genannten Chalifen geben die einheimischen Geschicht- 
schreiber: unter Walyd, sagen sie, war das Tagesgespräch 
in der Hauptstadt von Bauten und Palästen, unter Solaimän 
unterhielt man sich gewöhnlich von feinen Tafeln und schönen 
Frauen, gerade wie unter dem nächstfolgenden Herrscher, 
Omar H., wieder die streng religiöse Richtung vorherrschte 
und Koransprüche oder die überlieferten Worte des Pro- 
pheten den Gegenstand der geselligen Besprechungen bildeten. 

In der That bezeichnet die kurze Regierung Omar's II. 
einen Wendepunkt in der inneren Entwickelung. Er war 
ein religiöser Enthusiast, der um jeden Preis zu dem patriar- 
chalischen Regierungssystem Omar's I. zurückkehren wollte. 



1) Fragm. Histor. Arab. ed. Goeje I. 4. 

2) Vgl. über den Ausdruck: mostaghiUät und dessen Bedeutung 
Istachrj ed. Goeje p. 158. Ueber die angeführten Staatsämter Goeje: 
Fragui. Hist. Arab. 1. p. 14. 



V. Die Ansbildnng des Staatsweeens. 175 

Er stand in allem unter dem Einflüsse der fanatischen Partei 
und liess sich yon dieser zu den unsinnigsten und selbst 
gegen den Fortbestand seiner eigenen Dynastie gerichteten 
Schritten hinreissen. Eine seiner ersten Regierungsver- 
fügungen war, dass er die von Walyd prachtvoll ausgebaute 
grosse Moschee von Damascus verunstaltete. Die Wände 
waren von innen sowohl als von aussen mit herrlichen Mo- 
saiken verziert, welche auf Goldgrund Zeichnungen von 
Landschaften und Thieren darstellten, und noch jetzt an 
einzelnen Stellen erhalten sind. Als ich diese Moschee zum 
letzten Male besuchte (Anfangs Mai 1871), überraschte mich 
die Aehnlichkeit mit der Mosaikbekleidung der Marcuskirche 
in Venedig. Omar 11. liess die Wände mit Zelttuch ver- 
hängen, ja selbst die vergoldeten Ketten der Ampeln, deren 
einige Hunderte zur Erleuchtung der Moschee dienten, liess 
er herabnehmen und sie absieden, bis sie ihren Glanz ver- 
loren, denn er meinte, alles das zerstreue das Gemüth und 
verhindere es, in voller Andacht sich zu sammeln. ^) Von 
solchen überspannten religiösen Ideen ausgehend, wagte er 
es auch, eine Frage gesetzlich regeln zu wollen, die aufs 
tiefste eingreifen musste in alle Verhältnisse des Lebens. 
Er wollte nämlich zu dem System Omar's I. zurückkehren und 
den Moslimeu den Grundbesitz untersagen. Im ersten Jahre 
nach seinem Regierungsantritte, also 100 H. (718 — 19 Chr.), 
erliess er eine Verordnung, worin er zwar den Grundbesitz, 
der vor diesem Zeitpunkte und mit Genehmigung der früheren 
Chalifen in das Eigenthum von Moslimen übergangen war, 
unberührt liess, und sie darin bestätigte, indem das Eigen- 
thumsrecht nicht mehr angefochten werden konnte, ohne 
alle Verhältnisse in Frage zu stellen; hingegen aber sollte 
jeder Moslim, der solchen Grundbesitz hatte, hievon den 
Zehe'nt, nicht aber die Kopfsteuer entrichten, welche die 
früheren nichtmohammedanischeu Eigenthümer zu bezahlen 



>) Vgl. Culturgeschichtl. Streif ziigc auf dem Gebiete des Islams p. 72. 



1 76 ▼• I>io. Ansbildimg des Rtutswesent. 

g^chaLt hatten. Er Hess im genannten Jahre eine hierauf 
bezügliche Proclamation ergehen, die öffentlich verlesen ward, 
womit er jede Bezahlung der Kopftaxe der früheren nicht- 
mohammedanischen Eigenthümer durch die später an ihre 
Stelle getretenen Moslimen untersagte und festsetzte, dass 
letztere nur den Zehent zu bezahlen hätten ; gleichzeitig aber 
that er kund, dass jeder Kauf von Grund und Boden durch 
einen Moslim, wenn nach dem Jahre 100 H. abgeschlossen, 
null und nichtig sei. Dieses Gesetz trat auch wirklich in 
Kraft und bestand sogar nach Omar's IL Tode fort bis in 
die Zeiten des Chalifen Hishäm. Erst später gerieth es in 
Vergessenheit. *) 

Zugleich bestimmte Omar IT., dass die Angehörigen 
der geduldeten Religionen nicht mehr das Recht haben 
sollten, ihre Gründe zu verkaufen, käme aber trotzdem der 
Fall vor, dass ein Moslim ein Grundstück von einem Rajah 
ei'werbe, so sollten alle beide, Käufer sowohl als Verkäufer, 
gestraft werden. Der Kaufpreis sollte als Strafgeld an den 
Staatsschatz abgeführt, das Grundstück aber an den Rajah 
zuinickgestellt werden. ^) 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese strenge Ver- 
ordnung, welche alle Lebenskreise berührte, eine sehr üble 
Wirkung hatte. Zwar war es für die Moslimen, welche von 
früher her Grundeigenthum erworben hatten, gewiss sehr 
angenehm, dass sie fortan keine Kopfsteuer mehr zu ent- 
richten hatten, aber die weit grössere Zahl jener, die sich 
nun von der Möglichkeit ausgeschlossen sahen, Grund und 
Boden zu erwerben, fühlte sich durch die neue Verordnung 
zuiückgesetzt. Für die Finanzen war diese Neuerung ver- 
hängnissvoll, denn da der Zehent viel niedriger als die Kopf- 
steuer war, so verminderte sich mit einem Male das Staats- 
einkommen um eine sehr beträchtliche Ziffer. Aber der 



1) Nach Ihn 'As&kir vgl. Cnltargeschichtl. Streifztige p. 62. 

2) Ihn 'As&kir fol. 95 r». 



y. Die Ausbildang des Staatswesens. 177 

Chalife ging in seinem frommen Wahnsinn noch weiter; 
kaum zur Regierung gekommen, beeilte er sich an die 
Statthalter zu schreiben; dass sie alle auf ungesetzliche 
Weise in die Regierungskassen gelangten öelder den Parteien 
zurückstellen sollten. Es ist sehr zweifelhaft, ob an die 
Berechtigten wirklich etwas zurückgestellt ward. Thatsache 
ist es nur, dass in den Regierungskassen eine tiefe Ebbe 
eintrat. Die E^asse der Provinz Irak leerte sich so voll- 
ständig, dass man aus Damascus die zur Bezahlung der 
Administration erforderlichen Gelder dorthin senden musste, 
während früher dieselbe Provinz bedeutende Kassenüber- 
schüsse in die Hauptsta'dt abgeführt hatte. ^) Eine weitere 
für den Staatsschatz höchst verderbliche Maassregel war es, 
dass er verfugte, jeder Christ, der zum Islam übertrete, habe 
nicht mehr die Grundsteuer, sondern nur, sowie alle andern 
Moslimen, den Zehent zu bezahlen. 2) Hiedurch rief er eine 
Unzahl von Scheinbekehrungen hervor, welche das Staats- 
einkommen empfindlich schmälerten, denn es versiegte hie- 
durch immer mehr dessen ausgiebigste Quelle: die von den 
Rajahs zu entrichtende Grundsteuer. Auch die Kopfsteuer 
hob er fiir alle zum Islam Uebergetretenen auf. 3) 

Gairz mit seinem sonstigen Ideengang übereinstimmend 
war es, dass auch er an alle Statthalter den Befehl ertheilte, 
keinen Fremdgläubigen mehr im Rechnungs- und Finanz- 
fach oder sonst in irgend einem andern Regierungsdienste 
zu belassen. 



Nawawy: Tahdjb p. 467. 

2) Ihn Atyr V. p. 44. 

^ Ihn Atyr V. 37, vgl. auch p. 44 n. 50. Sein Statthaitor in Jemen 
hatte dort die Grundsteuer eingeführt, Omar II. davon benachrichtigt, gab 
ihm den Befehl, dieselbe allsogleich einzustellen und nur den Zehent oder 
den halben Zehent einzuheben. Hingegen liess er von den Christenge- 
meinden die Kopfsteuer auch fär die verstorbenen Mitglieder eintreiben. 

Makrysy: Chitat I. 77. 

T. Kremor. diltnrgeschichte des Orient». 12 



178 ^ V- I>i« Aubildang dM Staatawesens. 

Natürlich ist dieser fromme, in planlosem Haschen nach 
Wiederherstellung längst veralteter Zustände die Wurzeln 
seines eigenen Staatswesens untergrabende Herrscher das 
Ideal der orthodoxen Ulema's und des Pöbels. Unter solchen 
Einflüssen ist auch vielfach seine Charakterschilderung ge- 
fälscht und durch parteiische Darstellungen verherrlicht 
worden, so dass selbst neuere europäische Forscher Omar H. 
ganz irrig beurtheilten. Auf derartige unlautere Quellen 
gehen vermuthlich die Nachrichten über seine humanitären 
Einrichtungen zurück. So heisst es, dass er alle Taxen und 
Gebühren (Mokus ^) abgeschafft, auf der ganzen Heeresstrasse 
nach Choräsän in bestimmten Entfernungen Karawanserais 
erbaut, dass er die Sitte der allgemeinen Vertheilung von 
Jahresdotationen wieder streng durchgeführt und selbst den 
Säuglingen Dotationen aus der Staatskasse zugewiesen habe. 
Er soll sogar den Befehl haben ergehen lassen, keinen 
Arrestanten so zu fesseln, dass er an der Verrichtung seines 
Gebetes dadurch verhindert werde. 2) 

Hingegen ist uns ein schönes Denkmal humanen Sinnes 
in einem Schreiben erhalten, welches er an seine Feldherren 
richtete; es lautet: „Ich habe von meinem Vater erzählen 
gehöht, dass der Gesandte Gottes, wenn er eine Kriegs- 
expedition aussandte, zu sagen pflegte : Kämpfet im Namen 
Gottes auf dem Pfade Gottes, bekrieget alle, die da an Allah 
nicht glauben, unterschlagt nichts (von der Beute), betrügt 
nicht, verstümmelt nicht, tödtet kein Kind. Das sage deinen 
Truppen, so Gott will. Friede sei mit dir."') 



^) Diese Mokus waren : Taxen zur Bezahlung der Messbeamten (der 
Ländereien), Neu Jahrsgeschenke und MihrgAngeschenke , Papiertaxe, Auf- 
sperrgelder, Miethzinstaxe, Heirathsdirham, und Chardg, wenn er von den 
zum Islam übergetretenen Rajahs eingehoben ward. Ibn Atyr V. 44. 

2) Nawawy: Tahdyb 468, 470. 

3) Sharh almowatta* H. 297. Diese Qmndsätze beruhen übrigens 
auf ähnlichen Anordnungen Omar> I. 



y. Die Ausbildung des Staatawesens. 179 

Die bei weitem gefahrlichste seiner Schwächen war 
eine offen zur Schau getragene Vorliebe fiir die erbittertsten 
Gegner der Dynastie, die Nachkommen des Propheten, welche 
sich allein als die legitimen Erben des Chalifats und die 
herrschende Familie der. Omajjaden als Usurpatoren be- 
trachteten. ^) Diese Thorheit mag mehr als alles Andere 
dazu beigetragen haben, ihn mit seiner Familie gänzlich zu 
entzweien, so dass es nicht so ungFaubwürdig ist, sein plötz- 
licher Tod sei kein natürlicher gewesen. 

Von Omar's ü. administrativen Einrichtungen ist nur 
noch zu bemerken, dass er den oberen Theil von Mesopo- 
tamien von der Statthalterei von Irak trennte und eine be- 
sondere Provinz von Gbizyra daraus machte. 2) 

Von diesem Fürsten an kann man den Beginn des Ver- 
falle!^ der Omajjaden - Dynastie rechnen. Die von seinen 
Vorgängern mühevoll geschaffene und ausgebildete Staats- 
maschine hatte er durch seine aberwitzigen Reactionsver- 
suche in ihrem Gange gestöii;. Keiner seiner Nachfolger 
vermochte diesen Schaden wieder gut zu machen. 

Das fürstliche Haus der Omajjaden war von nun an 
auffiJlend arm an hervorragenden Männern. Omar's n. un- 
mittelbarer Nachfolger, Jazyd H., war ein unverbesserlicher 
Säufer und stand ganz unter dem Einflüsse seines Harems. 
Nur Hishäm und Marwän H., der letzte Fürst dieses Ge- 
schlechtes, waren begabtere Naturen. Der erste wusste als 
guter Administrator das Reich, welches in seinem ganzen 
Gefiige durch Stammeszwistigkeiten , Empörungen, immer 
frechere und kühnere Umtriebe und Aufreizungen der Nach- 
kommen des Propheten, der Häshimiden, erschüttert war, 
nicht blos zusammenzuhalten, sondern demselben seinen 
Glanz, wenigstens äusserlich, zu wahren. Er entsandte nach 
Ir&k einen Statthalter (Chälid Kasry), der, selbst der Sohn 



>) Ibn Atyr V. 30; Mas'ndy V. 421. 

2) Ibn Atyr V. 40. 

12» 



180 V. Die Ansbildang d«« Staatewetens. 

einer Christin , g^g^^ ^^^ Andersgläubigen äusserst milde 
auftrat und dieselben in vielen wichtigen Regierungsämtern 
anstellte^ was natürlich den Ingrimm der fanatischen Partei, 
besonders der Priester (Ulemä) erregte. Chälid Kasry war 
in Allem unabhängig von religiösen Vorurtheilen, eine Eigen- 
schaft, die bei mohammedanischen Staatsmännern jener Zeit 
eine sehr seltene Sache war. Er glich hierin seinem grossen 
Vorgänger in der Statthalterschaft von Irak, dem Schul- 
meister von Tä'if. Hiefiir überschütteten ihn auch die Irä- 
kaner mit Gift und Gralle. Sie sagten ihm nach, er habe 
erklärt, er sei bereit, auf Befehl des Chalifen selbst den 
heiligen Tempel von Mekka niederzureissen. *) Und der 
Dichter Farazdak, der eine sehr böse Zunge hatte, sagte 

von ihm: 

Gott verfluche den Bücken des Kameeies, 
Das von ferne Chälid zu ans hertrug^, 
Wie kann er den Gläubigen Gebetsvorstand sein, 
Da seine Mütter znr Vielgötterei sich bekennet. 

Und in einem andern Gedichte: 

Bring dem Fürsten der Gläubigen die Botschaft: 
Eile, dass Gott dich leite, Ch&lid abzuberufen. 
Er baute seiner Mutter eine Kirche mit einem Kreuze, 
Und reisst ans Hass gegen Gott die Moscheen nieder.^) 

Auch unter Hishäm bestand die alte politische Ein- 
theilung des Chalifenreiches nach Statthalterschaften fort; 
der Statthalter von Irak verwaltete Chorasän und selbst die 
indischen Provinzen (Sind), fiir die er den Präfecten zu 
bestellen hatte. ^) 

Allein am Hofe machten sich die bedenklichsten Ein- 
flüsse geltend. Schon unter Jazyd II. war der Fall vor- 
gekommen, dass die Verleihung der wichtigen Statthalter- 
schaft von Irak dtirch Vermittelung der Favoritin des Chalifen 



1) Aghftny XIX. 61. 

2) Ibid. 

») Ibn Atyr V. 138. 



y. Die Ausbildung des SUatswesens. Jgl 

erfolgt war. ') Unter Hisham ereignete sich dasselbe, indem 
seine Frau für ein ihr zum Geschenk dargebrachtes goldenes 
Halsband es erwirkte, dass die Statthalterschaft von Cho- 
räsän ihrem Anempfohlenen zugesprochen ward. 2) Auch 
eine andere Unsitte riss ein, die später sehr üble Wirkungen 
hatte. Hohe Herren des Hofes, Mitglieder der herrschenden 
Dynastie, Hessen sich entfernte, wichtige Provinzen über- 
tragen, traten aber ihre Statthalterposten nicht selbst an, 
sondern blieben am Hofe und Hessen sich durch selbstge- 
wählte und von ihnen beglaubigte Procuratoren (n&ib, 
chalyfah) vertreten, die wohl kaum einen anderen Zweck 
verfolgt haben dürften, als den, die Taschen ihrer hohen 
Mandanten möglichst schnell mit dem Einkommen der Pro- 
vinz zu füllen, wobei sie natürlich ihren eigenen Säckel nicht 
vergassen. 

So ernannte Hisham seinen Bruder Maslama zum 
Statthalter der vereinigten Provinzen von Armenien und 
Aderbaigän; dieser aber Hess sie durch ein.en Procurator 
verwalten. ') Als aber der Prinz später wirklich einen Statt- 
halterposten antrat, vergass er es regelmässig den Steuer- 
ertrag derselben an die Centralregierung abaiführen.-*) 

Uebrigens scheint unter Hisham in einzelnen Theilen 
des Reiches der Wohlstand und, als Folge davon die Steuer- 
iähigkeit zugenommen zu haben, denn es wird berichtet, 
dass sich das Erträgniss der Kopfsteuer von Alexandrien 
unter ihm von 18,000 Dynars auf 36,000 gehoben habe.*) 

Wenn nun aber auch dieser Fürst, trotz seines guten 
Willens, die Verderbniss der Zeiten nicht zurückdämmen 



Ihn Atyr V. 75. 

2) 1. 1. V. 116, 116. 

3) Ibn Atyr V. 102, schon unter Ja^yd II. waren die Provinzen 
Armenien, Aderbaig&n and Gazjrah zu einem Verwaltungsgebiete vereinigt 
worden. Ibn Atyr V. 52. 

*) Ibn Atyr V. 74. 
») BaUidory 223. 



182 Y. Die Ansbildang dM StMtoweMiu. 

und den Verfall nicht aufhalten konnte^ so verdient es doch 
immer erwähnt zu werden, dass er den öffentlichen Bauten 
seine Aufmerksamkeit zuwendete und einen Kanal graben 
liess, welcher die Stadt Mosul mit gutem Trinkwasser ver- 
sorgte; wofür die Auslagen sich auf 8 Millionen Dirham 
beliefen. *) 

Die administrative Einrichtung des Reichs war so ziem- 
lich unverändert geblieben. Doch wurden die beiden Richter- 
stellen von Kufa und Bassora von den Statthaltern verliehen 
und nicht mehr, wie dies fiiiher der Fall war, von dem 
Chalifen selbst, was auf eine zunehmende Schwächung der 
Centralregierung schliessen lässt. Auch kam eine neue 
Würde auf, die vorerst mit der Richterwüi'de von Kufa ver- 
bunden war, nämlich die Commissärsstelle fiir die ,,'Ahdät^; 
die schon früher namhaft gemachte Polizeivogtei (shortah) 
war hiemit nicht selten vereinigt; die Vorsteherschaft bei 
den öffentlichen Gebeten war in der Regel ein Vorrecht des 
Richters. 2) 

Walyd n. erhöhte, um sich popiüär zu machen, die 
Jahresdotationen um je 10 Dirham (10 Percent), wies auch 
den Blinden und Krüppeln^ Gehalte zu und Hess öffentliche 
Volksspeisungen vornehmen. 3) Sein Nachfolger sah sich 
durch solche Verschwendung genöthigt, die Dotationen 
wieder herabzusetzen und erhielt hiefur den Beinamen „der 
Knicker ^^ Es scheint kaum zweifelhaft, dass in Irak nur 
zwei Richterstellen bestanden, nämlich in Kufa und Bassora, 
denn nur von diesen ist in den Annalen die Rede. ^) Doch 
auch in den anderen grossen Garnisonsplätzen, wie Damascus, 
Hims, Kinnasryn, Fostät u. s. w., waren besonaere Richter 
bestellt. Eine allgemeine , das ganze Reich umfassende 



») Ibn Atyr V. 99. 

2) 1. 1. V. 115. lieber die Bedeutung des Ausdrucks 'Ahdät werden 
wir später sprechen. 

3) Goeje: Fragm. Hist. Arab. f. p. 123. 
*) Ibn Atyr V. 180. 



Y. Die Ausbildung des Staatswesens. 



183 



Organisation hatte das Richteramt aber zu jener Zeit noch 
keineswegs erlangt. Dies erfolgte erst viel später. Die Richter- 
stellen waren ursprtLaglich zu dem Zwecke eingesetzt worden^ 
um Streitigkeiten zu entscheiden und zu schlichten, die unter 
den arabischen Kriegern und deren Angehörigen sich er- 
gaben. Um Nichtmoslimen bekümmerte man sich sehr wenig 
und sowie es zum Theil noch bis heute im türkischen Reiche 
der Fall ist, räumte die Regierung ihnen die vollständigste 
Autonomie ein, überliess ihnen die selbstständige Regelung 
ihrer inneren Angelegenheiten, und die religiösen Vorsteher 
der nichtmohammedanischen Gemeinden übten daher, wenn 
immer erforderlich, das Richteramt zwischen ihren Gemeinde- 
angehörigen aus. 

Auf diese Art erklärt sich die auf den ersten Anblick 
so befremdende Erscheinung, dass im Beginne des Chalifats 
nur in ''den grossen Städten Richter genannt werden. Später, 
als das Reich an Ausdehnung gewann, wählten die Statt- 
halter in ihren Provinzen die Kädy's und setzten sie ab, 
ganz nach ihrem Belieben. *) 

n. Die staatlichen Einrichtungen der Abbasiden. 

Dieselbe Umwälzung, welche die Herrschaft den Omaj- 
jaden entriss und an die Dynastie der Abbasiden übertrug, 
hatte zugleich die weitere Folge, dass Damascus zu einer 
Provinzialhauptstadt herabsank, dass Syrien, welches das 
tonangebende Land gewesen war, sein Uebergewicht ein- 
büsste und dafür Ir&k der Sitz der Chalifen ward, die zu- 
erst in Kufa, Häshimijja und Anbär residirten, dann sich 
in einer überaus glücklich gewählten Lage Bagdad erbauten, 
das von nun an durch eine Reihe von Jahrhunderten der 



') Ibn Atyr V. 106. Ich will hier noch die Bemerkung beifügen, 
dass unter den Omajjaden in Damascus schon ein Staatsarchiv (bait alka- 
rfttys; bestand. Mas'udy V. 239. 



184 V. Die Ansbildnng des StutoweMus. 

Sitz des Chalifats und die Hauptstadt des Reiches blieb. 
Von hier aus ward die mohammedanische Welt beherrscht 
und die erste Wirkung des Dynastiewechsels war, dass die 
östlichen Provinzen eine viel grössere Machtstellung erhielten, 
als dies bisher der Fall gewesen. 

Die politische Eintheilung des Reiches war unter Saffah, 
dem ersten Abbasiden, wie folgt: 1. Kufa und Sawäd, 
2. Bassora mit Mihragänkadak , dem Tigrisdistricte (Kur 
Diglah), dann Bahrain und 'Oman, 3. Higäz .mit Jamäma 
(Centralarabien), 4. Jemen, 5. Ahwäz (Chuzistän, Susiana), 
6. Färis, 7. Choräsän, 8. Mosul, 9. Gazyra (Mesopotamien) 
mit Armenien und Aderbaigän, 10. »Syrien, 11. Aegypten 
mit Ifrykijja (Africa), 12. das indische Grenzgebiet (»Sind). 
Später zerlegte er die grossen Statthaltorcien und schied von 
Syrien die Statthalterschaft von Palästina aus, trennte Ar- 
menien und Aderbaigän von Mosul, indem er daraus zwei 
neue Verwaltungsgebiete bildete. ^) 

Die neueroberten Länder wurden von den Statthaltern 
der nächstgelegenen Provinz verwaltet und diese ernannten 
daselbst ihre Unterstatthalter. So ward die Statthalterschaft 
von Sicilien nicht unmittelbar vom Chalifen, sondern von 
dem Statthalter von Africa verliehen. 2) Ebenso ward in 
der ersten Zeit die Statthalterschaft von Africa durch den 
Statthalter von Aegypten besetzt. 3) Und selbst Spanien 
wurde anfangs durch einen vom Statthalter von Africa er- 
nannten Unterstatthalter verwaltet.*) 

Die Steuer- und Finanzadministration des ganzen Reichs 
vertraute der erste Abbaside einem zum Islam übergetretenen 
Perser, Chälid Ibn Barmak, und stellte ihn an die Spitze 
des unter dem Namen Dywän der Grundsteuer (dywän 



1) Ibn Atyr V. 340, 341, 343, 1348. Ibn Chaldun: Allgrem. Oesch. 
III. 177. 

2) Dozy: Ibn *Ad&ry I. 104. 

3) 1. 1. I. 23. 
*) 1. 1. I. 33. 



y. Die Aiist>Udiuig des StestsweaeiiB. 185 

alcharäg) errichteten Centralsteueramtes. i) Nächst diesem 
Staatsamte war das des Wezyrs das wichtigste. Diese 
Würde scheint persischen Ursprungs zu sein und kam erst 
mit den Abbasiden zu den Arabern.^) 

Aber all diese staatlichen Einrichtungen hatten einen 
höchst wandelbaren Charakter, je nach der Person des 
Herrschers, der seinen Ministern ein grösseres oder gerin- 
geres Maass der Selbstständigkeit und der eigenen Initiative 
überliess. Doch hielt sich die Wezyrswürde bis in die Zeiten 
des Chalifen Rädy, wo an die Stelle des Wezyrs als obersten 
Staatsbeamten der Einfluss des Obersthofmeisters (Amyr 
alomarU) trat,,^) des Oberbefehlshabers der Truppen, dessen 
Rollo ganz ähnlich jener der Majores domus im fränkischen 
Reiche war. Der Wezyrtitel aber ging, als die bujidischen 
Sultane die Chalifen ganz unter ihre Vormundschaft nahmen 
und sie nur mehr als geistliche Oberhäupter des Islams be- \ 
liessen, an den ersten Minister der neuen Herrscher über. I 
Die Chalifen hatten nur mehr ihren Cabinetssecretär , der 
den Titel Ra'ys alro'asä iiihrte. Unter den Seldschuken- 
Sultanen, wo die Chalifen wieder zu grösserer Macht kamen, 
ernannten sie abermals, wie früher, ihre eigenen Wezyre.*) 

Die arabischen Staatsrechtslehrer, besonders Mäwardy, 
haben, gestützt auf die Erfahrungen der Geschichte, sich 
vielfach beschäftigt mit der Stellung, die der Wezyr im 
Staatsorganismus einzunehmen habe. Sic unterscheiden zwei 
Stufen des Wezyrats: 1. das unbeschränkte (wizärat tafwyd), 
2. das beschränkte (wizarat tanfyd). 

Der unbeschränkte Wezyr, den man mit einem später 
üblich gewordenen Ausdrucke, den Grosswezyr nennen kann, 
ist Majordomus und alter ego des Chalifen', er übt factisch 



») Ibn Atyr V. 342. 

2) Mas'udy VI. p. 133, Sojuty: Hosu almohAdarah II. 113. 

3) Abulfarag: Hist Dyn. 302. 

*) Sojniy: Hosn almoh&darah U. 114, 115, 117. 



186 ^- Di6 Aubildnng des StafttsweMns. 

die volle Herrschergewalt aus, und ist nur verbundeD, dem 
Chalifen von allem ^ was er verfiigt, Bericht zu erstatten; 
der Grosswezyr kann ohne vorläufige Anfrage jede Ver- 
fügung treffen, die er für noth wendig hält, nur darf er 
keinen vom Chalifen ernannten Beamten absetzen. Hin- 
gegen hat er das Recht, Beamte im Namen des Souveräns 
zu ernennen und Rechtssachen in letzter Instanz zu ent- 
scheiden. 

Diese Allmacht der Wezyre tritt unter den Abbasiden 
deutlich hervor, mit Ausnahme der zwei ersten, nimmt dann 
immer mehr zu, je lieber der Fürst sich der Staatssorgen 
entschlägt und seinen Haremsfreuden lebt, was besonders 
von Harun Rashyd an mit seltenen Ausnahmen der Fall ist. 
So beherrschten die Wezyre aus der Familie der Barmakiden 
mit unbeschränkter Machtvollkommenheit das Chalifenreich, 
bis zu ihrer Vernichtung durch Harun Rashyd. Die Stellung 
des Grosswezyrs war übrigens alles weniger als leicht und 
sorgenfrei. Er musste alle Künste des vollendeten Höflings 
besitzen und orientalische Herrscher haben in dieser Hin- 
sieht stets sehr hohe Anforderungen gestellt; der Wezyr 
sollte nicht blos erfahrener Geschäftsmann, er musste guter 
Gesellschafter, witziger Geist und schlagfertiger Redner sein, 
ja die Araber verlangen noch mehr von ihm: er sollte sich 
auch auf Schach-, Ball- und Citherspiel verstehen, in Mathe- 
matik , Arzneikunde , Astrologie , dann. Poesie , Grammatik 
imd Geschichte, endlich selbst im Vortrage von Gedichten 
und Erzählungen bewandert sein. Die orientalische Literatur 
ist desshalb auch reich an Schriften, welche die Verhaltungs- 
regeln für Wezyre zum Gegenstande haben und dieselben 
mit endlosen Erzählungen vom klugen Benehmen früherer 
Grosswezyre. in schwierigen Fällen zu dicken Bänden an- 
I schwellen. Ganz besonders ist es der alte Bozorgimihr, der 
Wezyr des persischen Königs Nushyrwän, der in allen solchen 
Fällen herhalten muss. Vieles ist an diesen Erzählungen 
überaus treffend und einiges ist sogar Gemeingut der eui'o- 



/ 



Y. Die Aasbildimg des Staateweeens. 



187 



päiscben Literaturen geworden, so z. B. die bekannte Er- 
zählung, wo der kluge Minister, der mit dem Könige auf 
einem Jagdausfiuge im Schatten eines verfallenen Gebäudes 
ruht, demselben das Zwiegespräch zweier in der Ruine hau- 
senden £ulen verdolmetscht. Die beiden Eulen, sagte der 
Wezyr, hatten gerade die Hochzeit ihrer Kinder besprochen 
und sich über die Mitgift verständigt, die in hundert ver- 
ödeten Dörfern zu bestehen hätte, wobei die Eule hinzu- 
fugte: Gott erhalte uns nur recht lange Seine jetzt regierende 
Majestät, denn unter seiner glorreichen Regierung fehlt es 
nicht an verlassenen Ortschaften, da die Bauern wegen des 
Steuerdruckes alle Reissaus nehmen. 

An diese Erzählung knüpfen die orientalischen Autoren 
mit aller Ausführlichkeit die weitere Nachricht, dass Nu- 
shyrwän, den Sinn dieses Gespräches wohl erwägend, in sich 
gegangen sei und alle ungerechten Steuern sofort abgeschaffi; 
habe, was man nur dem gewandten Minister zu verdanken 
hatte. 

Lange nicht so weit reichend sind die Befugnisse des 
beschränkten Wezyrs. Derselbe hatte nicht die eigene Ini- 
tiative, sondern ihm oblag blos die Ausfuhrung der von 
seinem allerhöchsten Herrn und Gebieter ihm ertheilten Be- 
fehle. Er war einfach der Vermittler in den Beziehimgen 
zwischen Fürst und Volk. Trotzdem war auch diese Stelle 
noch immer einflussreich genug, um ehrgeizige Bestrebungen 
zu wecken. Dieser Wezyr stand auch in unmittelbarem 
Verkehr mit dem Chalifen, er war der erste, der aus dem 
Born der fürstlichen Freigebigkeit schöpfen konnte. Alle 
Befehle und Erlässe des Sultans gingen durch seine Hand 
und erhielten erst durch ihn ihre amtliche Ausfertigung und 
Beglaubigung, sei es durch Beisetzung des Siegels, der 
Unterschrift oder indem er die vorgeschriebene Formel 
daraufzeichnete. 

Man glaube aber ja nicht, dass diese Stelle leicht aus- 
zufällen war, denn sie erheischte allseitige Kenntniss der 



188 



V. Dio Aaabildvng des Staats wetieiii. 



Administration 7 der Steuererhebung, der Localverhältnisse 
der Provinzen, des öfifentlichen und privaten Rechtes. Es 
fehlt auch nicht an Beispielen, wo Wezyre wegen oflFenbar 
gewordener Unfilhigkeit ihren Posten verloren, was allerdings 
nicht ausschliesst , dass es nicht selten auch minder Be- 
fähigten gelang, sich im Besitze ihres Amtes zu erhalten. 
Gewöhnlich war aber die Absetzung eines Wezyrs verbunden 
mit der Einziehung seines Vermögens und oft kostete ihm 
der Sturz auch das Leben. 

Für den Posten eines beschränkten Wezyrs gestatteten 
einige mohammedanische Rechtslehrer selbst die Verwendung 
von Nichtmohammedanern, was allerdings damals gerade so 
viel Ingrimm bei den orthodoxen Moslimen erregte, als in 
unseren Tagen die Ernennung des ersten Juden auf einen 
Ministerposten die Erbitterung gewisser Kreise hervorrief. 
Die shy*itischo Dynastie der Obaiditen, welche über Africa 
gebot und später in Aegypten ihre Herrschaft fortsetzte, 
machte das obige Princip zur Thatsache und hielt einen 
jüdischen Wezyr. Ein gleichzeitiger ägyptischer Dichter 
spielt hierauf in folgenden Versen an, die zeigen, wie schon 
damals die Rührigkeil und der Unternehmungsgeist den 
Juden eine nicht minder einflussreiche Stellung verschaffte, 
als wir dies in unseren Tagen sehen: 

Die Juden unserer Zeiten erreichten 

Das Ziel ihres Sehnens und kamen zur Herrschaft, 

Ihrer ist das Ansehen, ihrer ist das Geld! 

Aus ihnen macht man Staatsräthe und Prinzen; 

O Volk Aegyptens! ich geh' euch den Rath, 

Werdet Juden, denn der Himmel selbst ist jüdisch geworden. ') 

Eine weit wichtigere Frage hat die Staatsrechtslehrer 
des Islams vielfach beschäftigt, nämlich die, ob mehrere 
Wezyre neben einander bestehen können. Bei dem grossen 
Andränge von Geschäften , in Folge der Ausdehnung des 
Reiches ist es klar, dass sich das Bedürfniss der Theilung 



I) Hosn almoh&darah II. p. 117. 



y. Die Auibildang des StaatowesenB. 139 

der obersten Kegierungsgewalt um so fühlbarer machen 
musste^ je sorgloser die orientalischen Fürsten zu sein 
pflegten. Es kam desshalb auch sicher nicht selten vor, 
dass mehrere Wezjre bestanden. Doch untersagen die ara- 
bischen Staatsrechtslehrer principiell die gleichzeitige Be- 
stallung mehrerer unbeschränkter Wezyre, welche sie nur 
dann för zulässig erklären, wenn der Wirkungskreis und 
die Competenz eines jeden einzelnen streng abgegrenzt ist, 
oder alle zusammen , als eine moralische Person collectiv 
die Regierungsgewalt ausüben. 

Was die Ernennung des Wezyrs betrifft, so erfolgte 
sie immer durch das Staatsoberhaupt, sei es mündlich, sei 
es schriftlich. Dass die Entlassung nicht minder einfach 
und rasch vor sich ging, kann man sich wohl denken.^) 

Es ist ' kaum zu bezweifeln , dass das beschränkte 
Wezjrat das ursprüngliche war und erst bei dem zunehmen- 
den Verfall der Autorität der Chalifen das unbeschränkte 
Wezyrat ins Leben trat. Je heilloser die Zustände am Hofe 
von Bagdad waren, desto üppiger schoss der Weizen in 
die Blüthe zum Besten ehrgeiziger und gewinnsüchtiger 
Abenteurer. 

Diese Bemerkungen dürften genügen, um dem Leser 
eine der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung von dem 
arabischen Wezyrat zu geben, das im Orient auch bei 
Türken, Mongolen, Persern u. s. w. so ziemlich dasselbe 
geblieben ist. 

Von dem dritten Herrscher aus dem Hause der Abba- 
siden wird berichtet, dass er den Ausspruch gethan habe, 
die vier wichtigsten Werkzeuge eines Fürsten seien: ein 
ehrlicher Richter (K&dy), ein gerechter Polizeivogt, ein ge- 
schäftskundiger Finanzminister (sähib alcharäg) und ein ver- 
lässlicher Postmeister (sähib albaryd). ^) 

1) Vgl. über das Wezyrat die treffliche Abhandiang ron M. Enger : 
Z. d. D. M. G. XUI. 239 and Mftwardy p. S3 ff. 
«) Ihn Atyr VI. 16, 17. 



190 ▼• I^io Alubildang des StutsweseDS. 

Hierait sind auch so ziemlich diejenigen Aemter be- 
zeichnet, die man damals als die unentbehrlichsten ansah. 
Der Polizeivogt war eigentlich in der ersten Zeit der An- 
fiihrer der fürstlichen Leibwache, er war der Vollstrecker 
der Befehle, der Hinrichtungen. Man . begreift somit seine 
Wichtigkeit.*) In den einzelne^ Statthalterschaften gab es 
auch solche Polizeivögte, die flir die öffentliche Sicherheit 
zu sorgen und die Ordnung aufrecht zu erhalten hatten. 
Manchmal war diese Stelle mit der Statthalterwürde ver- 
einigt, öfters aber hievon getrennt. Hiemit ist nicht zu 
verwechseln die Stelle des Mohtasib oder Vorstehers der 
Markt- und Sittenpolizei, ein Amt, das schon unter dem 
zweiten Abbasiden in Bagdad besteht. 2) 

Was die Statthalterwürde anbelangt, so wird sie von 
den arabischen Rechtshistorikern ebenso wie das Wezyrat 
in die beschränkte und unbeschränkte eingetheilt. Die be- 
schränkte Statthalterschaft bestand darin, dass der Statt- 
halter den Befehl der Truppen führte und die Verwaltung 
leitete, aber weder richterliche Befugnisse ausübte, noch in 
religiösen Dingen das Staatsoberhaupt vertrat. Dies war 
die Statthalterschaft in der guten Zeit des Chalifats, als 
noch die Autorität der Centralregierung fest begründet war. 
Im frühesten Islam hingegen muss die Statthaltenvürde viel 
unbeschränkter gewesen sein, der Statthalter war in jener 
Zeit in allem und jedem der Stellvertreter des Chalifen. 
Man konnte damals so wenig die Trennung der geistlichen 
von der weltlichen Macht begreifen, dass die Statthalter den 
ihnen anvertrauten Provinzen nicht blos als Verwalter in 
administrativer, militärischer, finanzieller und richterlicher 
Beziehung vorstanden, sondern gleichzeitig auch als Reprä- 
sentanten des geistlichen Oberhauptes, den Chalifen in allen 



*) Später ward die Shortah eine wichtige Hofcharge. Ihn Chaldun 
Proleg. I. 462, II. 36. 

2) Ibn Atyr V. 440. 



y. Die Ansbildang das StaatsweMns. 



191 



kirchlichen und religiösen Angelegenheiten vertraten. Sie 
predigten am Freitage in der Moschee^ sie präsidirten dem 
Gebete und waren also nicht blos Statthalter, sondern auch 
Legaten des Oberhauptes der Religion. So war die Statt- 
halterschaft unter Abu Bakr und Omar, zum Theil noch 
unter 'Osmän, der übrigens schon versuchte, deren Befug- 
nisse zu naindern. Noch mehr that dies der staatskluge 
Mo'äwija, und so lange die Macht der Chalifen in voller 
Blüthe stand, war die Autorität der Statthalter mehr oder 
weniger begrenzt. Am strammsten zogen die Abbasiden die 
Zügel an. Mansur hatte die Gewohnheit, wenn er einen 
Statthalter absetzte, auch gleich dessen Vermögen einzu- 
ziehen. ^) Ueberhaupt erfolgte die Absetzung der Statthalter, 
ihre Abberufung oder Versetzung ganz nach Belieben des 
Chalifen, der sie oft sehr schnell wechselte, nur nach den 
Eingebungen seiner Laune. Bald aber wussten sich die 
Statthalter einzelner Provinzen bevorzugte Stellungen zu 
sichern, sei es, dass ihre dem Staate geleisteten Dienste sie 
besonders hiezu berechtigten, sei es, dass die reichen Hilfs- 
mittel, welche sie aus ihrem Verwaltungsgebiete zogen oder 
die politische Bedeutung der von ihnen administrii-ten Länder 
ihnen eine hervorragendere Stellung sicherten. .Die Familie 
der THhiriden, der Statthalter von Chor&sän, errang sich 
bald die Erblichkeit dieser Würde und schon Ma'mun ver- 
lieh dem Abdallah Ibn Tahir als Ehrenzeichen eine Fahne, 
worauf in Goldlettern der Name des Statthalters mit dem 
ihm vom Chalifen ertheilten Ehrentitel: Mansur, d. i. der 
Siegreiche, gestickt war. 2) Und je mehr die* Macht der 
Centralregierung sich abschwächte, desto höher stieg der 
Einfluss und die Selbstständigkeit der Statthalter. 



^) Ibn Atjr VI. 19. Mansur ging mit grosser Willkür zu Werke. 
Dem Chftlid Ibn Barmak, welchen er zum Statthalter von Mosul ernannte, 
legte er eine in drei Tagen zu leistende Zahlung von 3 Millionen Dirham 
auf: Ibn Atyr VI. 8. 

3) Ibn Taghrybardj I. 593. 



1 



192 ^' !>>« AoBbildnng des StaaUweMns. 

Diese unbeschränkte Statthalterschaft ging dann sehr 
bald in jene über^ welche die arabischen Staatsrechtslehrer 
mit dem Namen: Statthalterschaft durch Usurpation (am4rat- 
alistylä) bezeichnen. Es ist dies schon in einer Zeitepoche 
der Fall; wo das Chalifat in sichtbarer Auflösung sich be- 
findet. Statthalter durch Usurpation ist jeder politische 
Abenteurer, der ohne Ermächtigung des Souveräns, ja gegen 
dessen Willen, mit Waffengew^alt sich in den Besitz einer 
Provinz gesetzt hat, ufid in dieser Stellung durch ein Be- 
stallungsdiplom des Chalifen bestätigt wird, der mit ihm 
eine Ai-t Concordat abschliesst, laut welchem sich der Em- 
pörer verpflichtet, die religiösen Prärogative des Chalifen 
als Oberpriesters der Moslimen zu achten und ihm als ober- 
stem Herrscher des Islams zu huldigen, wogegen dieser 
ihn in seinem Länderbesitze förmlich anerkennt und be- 
stätigt. ') 

Es erübrigt jetzt noch, eine dem Chalifate ganz eigen- 
thümliche Institution näher zu besprechen, nämlich die der 
Postmeister (sähib albaryd). Der Name ist eigentlich alles 
weniger als bezeichnend, denn diese Stelle war etwas ganz 
anderes, als wir darunter verstehen. Richtiger wäre die 
Benennung: General-Berichterstatter oder Chef der Staats- 
polizei. Es entspricht dieser Institution ein Amt, welches 
seit einigen Jahren in der Türkei mit dem Titel Controller 
(^nüfettish) eingeführt worden ist, sich aber im Ganzen sehr 
wenig wirksam erwiesen hat. In jedem der grossen Ad- 
ministrationsbezirke des türkischen Reichs, die jetzt Wiläjet 
genannt werden und zum Theil selbst geographisch mit den 
Statthaltereien des Chalifenreichs zusammentreffen, ist dem 
General-Gouverneur ein Müfettish beigegeben, der die ganze 
Regierungsthätigkeit zu überwachen, gewisse Acte durch 
seine Unterschrift zu bekräftigen und von Zeit zu Zeit an 



1) Geschichte der herrsch. Ideen d. Islams p. 421. Näheres fol^ 
hierüber im Capitel VI IT. 



T. Die Anabildnng des SUaiswesens. 193 

die Central re^ierung über den Gang der Verwaltung Bericht 
zu erstatten hat. Er controlHrt daher selbst den General- 
Gouverneur. Allein diese Einrichtung hat sich nahezu er- 
folglos erwiesen, weil der Müfettish, anstatt durch wahrheits- 
getreue Berichte sich den General-Gouverneur zum Feind 
zu machen, es vorzieht, sich mit demselben gut zu stellen 
und die Dinge gehen zu lassen, wie sie eben gehen. Dessen 
Gunst ist ihm mehr werth als die zweifelhafte Anerkennung, 
die er vielleicht mit seinen Berichten, wenn sie gewissenhaft 
wären, in Constantinopel sich erwerben könnte. Die Pforte 
hat daher in neuester Zeit eine andere Controlsbehörde ge- 
schaffen, indem sie in die Provinzen, unter dem Titel : Gor- 
nälgy, specielle Regierungsberichterstatter entsendet. Das 
Resultat dieser Maassregel dürfte ebenfalls sehr zweifelhaft 
sein, denn Controle und Supercontrole bleiben ohne Erfolg, 
wo das Pflicht- und Ehrgefühl des Beamten nicht stark 
entwickelt ist. Verkommene Regierungen haben jedoch nie 
ehrenhafte und pflichtgetreue Beamte sich zu erhalten 
gewusst. Ohne diese Vorbedingung ist aber alle Controle 
wirkungslos. 

Eine ähnliche, nur noch wichtigere Vertrauensstellung 
war die des Oberpostmeisters. In jeder der grossen Pro- 
vinzen, in welche das riesige Reich gegliedert war, bestand 
ein Postmeister in der Hauptstadt der Provinz und seine 
Aufgabe war es, dem Chalifen über alle wichtigeren Vor- 
kommnisse fortwährend Berichte ^einzusenden. Der Post- 
meister hatte selbst über den Statthalter und dessen Ver- 
halten zu wachen, und war also ein unmittelbar von der 
Centralregierung bestellter confidentieller Agent. Es ist uns 
der Bericht eines Oberpostmeisters von Bagdad an den Cha- 
lifen Motawakkil erhalten. Der Gouverneur von Bagdad 
hatte auf der Wallfahrt nach Mekka und Medyna, wohl um 
sich für die Entbehrungen der Pilgerfahrt zu entschädigen, 
eine wunderschöne Sklavin gekauft, in die er wahnsinnig 
verliebt war. So sehr er die Sache geheim zu halten suchte, 

T. Kr«m«r, Coltargeschichte det OrienU. 13 



'194 ^- ^^^ Ansbildnng des Staatswesens. 

erfuhr sie doch der OliorpoHtraeister von Bagdad und sandte 
den nachfolgenden Bericht an den Clialifen, der in einer 
Entfernung von vier Parasan^en von der Hauptstadt sicli 
auf einem Landsitze aufhielt. 

Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen! 
O Fürst der Gläubigen! Mohauimcd Ibn Abdallah hat um 
100,000 Dirham eine Sklavin gekauft, mit welcher er vom 
Morgen bis zum Abend seine ganze Zeit vertändelt, so dass 
er wegen ihr von den Staatsgeschäften und von Erledigung 
der KJageschriften sich abhalten läss-t. Der Fürst der Gläu- 
bigen geruhe nicht zu übersehen, dass Bagdad leicht Schaden 
nehmen könnte, bei der Menge des Pöbels dieser Stadt, wo 
dann der Fürst der Gläubigen Mühe haben würde, die Ord- 
nung wieder herzustellen. — Dies berichtet der unterthänigste 
Knecht an den Fürsten der Gläubigen, den Gott stärken 
möge, und er ist der Herr (hierüber) zu entscheiden. Heil 
über ihn und die Barmherzigkeit Allah's und seine Seg- 
nungen ! *) 

Wir besitzen die Erzählung des Postmeisters von Cho- 
räsän unter dem Chalifen Ma'mun, der berichtet wie er jener 
denkwürdigeü Predigt beigewohnt habe, wo Tähir der mäch- 
tige Statthalter jenes Landes bei der Freitagspredigt in der 
grossen Moschee vor der versammelten Volksmenge absicht- 
lich den Namen des regierenden Chalifen und das für ihn 
einzufugende Gebet wegliess, was soviel bedeutete, als die 
Unabhängigkeitserklärung. Der Postmeister begriff, um was 
CS sich handle, zweifelte aber auch keinen Augenblick daran, 
dass Tahir vor allem ihn fassen und tödteu lassen würde, 
um ihn zu hindern, seine Anzeige nach Bagdad zu expediren. 
Desshalb eilte er sofort aus der Moschee nach Hause, schrieb 
seinen Bericht und fertigte ihn mittelst eines Eilboten ab. 
Nicht lange währte es auch, dass der Statthalter ihn holen 
Hess und schon glaubte er des Todes zu sein, allein ein 

1) Tliim alnas bimA gar& lilbur&raikah fy banV'Vabhks p. 252, 253. 



Y. Die AaBbildnng des Staatswesen«. 195 

plötzlicher, unerwarteter Anfall machte dem Leben Tähir's 
ein Ende und so entkam der pflichtgetreue Agent, i) 

Auch die Form des Anstellungsdecretes eines Post- 
meisters kennen wir: der Chalife trägt ihnt darin auf, von 
Zeit zu Zeit Bericht zu erstatten, über das Verhalten der 
Finanzbeamten und Verwalter der Staatsdomänen, über den 
Zustand der Bodencultur, über die Lage der Bauern, das 
Betragen der politischen Behörden, über die Münze, wie viel 
Gold und Silber geprägt werde; er musste auch bei der 
Musterung^und Gehaltszahlung der Truppen zugegen sein. 
Man sieht, das eigentliche Postwesen, wie wir es verstehen, 
war Nebensache. Merkwürdig ist es und ein Beweis für die 
bereits ziemlich weit ausgebildete Geschäftsleitung, dass in 
demselben Decrete dem Postmeister anbefohlen wird, in 
seinen Berichten nicht etwa, wie der bureaukratische Aus- 
druck lautet, verschiedene Gegenstände zu cumuliren, sondern 
jedes Fach getrennt zu behandeln, damit die Berichte an 
die betreffenden Stellen geschickt werden könnten. Es scheint 
also, wie Dr. Sprenger bemerkt, dass die einlaufenden Be- 
richte von dem Chalifen den verschiedenen Behörden zuge- 
theilt wurden. 

Es ist ziemlich sicher, dass die Post nicht an bestimmten 
Tagen und Stunden abging, sondern nur, wenn Regierungs- 
depeschen zu befördern waren; dass sie Privatcorrespondenzen 
mitnahm, ist wahrscheinlich, aber gewiss war die damalige 
l*o8t keita Institut zum Nutzen des Publicums, sondern diente 
ausschliesslich für Regierungszwecke. 2) Zur Beförderung 
der Depeschen wurden sowohl Pferde als Läufer verwendet, 
l^etzteres scheint in Persien der Fall gewesen zu sein, wo 
die Poststationen, wie sie von Kodäma angegeben werden. 



') Ooeje: Fragm. Histor. Arab. 453. 

2) Nach ^fas'ady VI. 93 beförderte die Post auch Privatbriefc. Vgl. 
Sprenger: Post^ und Reiserouten des Orients p. 159. 



13* 



196 ^' ^^^ Ansbildnng dee Rtaattwesens . 

Viel kürzer sind, als in Syrien und Arabien, in welchen 
Ländern die Postboten auf Kameelen ritten, ') Die einzelnen 
Relais müssen sehr stark besetzt gewesen sein, denn man 
bediente sich derselben auch zum Transporte von Personen. 
So geht ein Statthalter sammt seinem Gefolge in die ihm 
zugewiesene Provinz mittelst Post ab und auch Transporte 
von Truppen fanden, wie wir schon früher (S. 171) ge- 
zeigt haben, auf demselben Wege statt. 

Im ganzen Chalifeu reiche waren längs der Postrouten 
die aus den Provinzen nach der Hauptstadt führten, Post- 
relais in bestimmton Entfernungen aufgestellt. Mahdy richtete 
im Jahre 165 H. (781 — 82 Ch.) eine solche Postcourslinie 
von Jemen nach Mekka und von dieser Stadt nach Bagdad 
ein. 2) Um die Postpferde, welche Regierungseigenthum 
waren, von Privatpferden zu unterscheiden, stutzte man ihnen 
die Schwänze in besonderer Weise. ^) Ibn Chordädbeh, der 
selbst die Stelle eines General-Postmeisters unter dem Cha- 
lifen Mo'tamid bekleidete, sagt, dass im ganzen Reiche 
930 Poststationen bestanden. Der Unterhalt der Thiere mit 
Einscliluss des Preises für neue Ankäufe, sowie der Besol- 
dung der Postboten und des Postpersonals belief sich zu 
seiner Zeit auf 154,100 Dynars jährlich (d. i. ungefähr 
273 Mill. Francs^). Uebrigens betrug unter dem omajjja- 
dischen Chalifen Hishäm die Ausgabe für die Post in der 
Statthalterschaft von Irak allein 4 Millionen Dirliam, woraus 
sich ergibt, dass obige Nachricht des Ibn Chordädbeh nur die 
Ausgaben einer einzigen Provinz, vermuthlich von Irak, zum 



^) In Persien warou die Puststationeii von zwei zu zwei Parasangen 
(6 arabische Meilen oder 2 Wegstunden), in Syrien und Arabien von 4 zu 
4 Parasangen (12 arabische Meilen oder 4 Wegstunden). Sprenger: Die 
Postrouten p. 2. 

=») Ihn Atyr VI. 49. Ibn Taghrjbardy I. 443. 

3) Balädory p. 376. 

*) Ibn Chord^beh in der franz. llebersetzung p. 512. 



y. Die Aosbildaog des Staatswesens. 197 

Gegenstande hat. *) In der Residenz bestand ein eigener 
Postdywän. Alle Depeschen , die aus den Provinzen ein- 
trafen, mussten durch die Hand des Vorstehers dieses Dy wäns 
gehen. Er hatte die Berichte der Postmeister und anderer 
Correspon deuten dem Chalifen vorzutragen oder auch früher 
Auszüge daraus zu macheu. Ihm lag es ob, die höheren 
und subalternen Postbeamten und die an den Poststationen 
Angestellten, sowie die Auszahlung der Gehalte zu über- 
wachen und in allen Proviuzialhauptstädten die Postmeister 
zu ernennen. 2) Man hatte in Bagdad sehr genaue Post-Iti- 
nerare des ganzen Reichs, wo Station für Station eingetragen 
und die Entfernung der einen von der andern genau ange- 
geben war. Aus diesen Postcoursbüchern gingen die ältesten 
geographischen Werke der Araber hervor. 

Die Schnelligkeit, mit welcher grosse Entfernungen 
durch die damaligen Postcouriere zurückgelegt wurden, Hess 
nichts zu wünschen übrig. Es ist uns eine ofltenbar über- 
triebene Notiz erhalten, dass ein Courier in 3 Tagen den 
Weg von 250 Parasangen, also ungefähr 750 englische Meilen 
zurückgelegt habe, was 10 englische Meilen auf die Stunde 
ergibt. 3) In 20 Tagen ritt der Postcourier von Gorg&n nach 
Bagdad. *) 

1) Unter dem omajjadischen Statthalter Jusof Ihn Omar betrug die 
Ausgabe für die Post in Irak 4 Millionen Dirham. Müwardy cap. XIV. 
letzter Abschnitt p. 306. 

*) Sprenger: Post- und Reiserouten p. 1 — 6. 

5) Elfachry p. 257, Goeje: Fragm. Bist. Arab. I. 326. 

*) Ihn Taghrybardy I. 462. Der russische Courier, welcher bei dem 
Ableben Mohammed Rh&h's dem Thronfolger, dem jetzt regierenden N^ir- 
ed-djm Shfth, die Nachricht nach Tebryz überbrachte, legte die Strecke von 
Teheran nach Tebryz, welche 94 Parasangen beträgt, in 48 Stunden zurück. 
Pollak: Persien II. p. 5. Couriere machen mit Postpferden gewöhnlieh 
20 deutsche Meilen des Tages. Von Teheran nach Trapezunt, eine Strecke 
▼on etwa 37 Tagereisen, reitet der Courier in 10 Tagen, von Teheran nach 
ShyT&z, eine Strecke von 23 Tagereisen, in 6 Tagen. Pollak: Persien 

n. p. 61. 






198 ▼• ^i« Aasbildong des Stutswesens. 

Auch die Taubenpost war schon früh im Gebrauche; •) 
in den späteren Zeiten, besonders unter dem Chalifen Näsir 
bediente man sich derselben in ausg'edehntem Maassstabe. 2) 

Was die administrativen Einrichtungen unter den 
Abbasiden betrifft, so ist hier besonders der Einführung von 
Rechnungsämtei'n (dawäwyn alazimmah) bei den grossen 
Centralbehörden zu gedenken, eine Maassregel, die der Cha- 
life Mahdy traf, ^) über deren Tragweite aber keine näheren 
Nachrichten vorliegen, so dass wir nicht wissen, ob es sich 
hiebei um eine Controle der Geschäftsgebarung im Allge- 
meinen oder blos um die regelmässige Buchführung gehan- 
delt habe. Wie unter den Omajjaden, so blieb auch unter 
den Abbasiden das Central steueramt (dywän alcharäg) die- 
jenige Behörde, welche die grösste Bedeutung hatte, denn 
es war deren Aufgabe die Grundsteuer von ganz Irak, der 
reichsten Provinz des Reichs direct einzukassiren und über 
die Abfuhr der Steuern aus den andern Provinzen Buch zu 
halten. Mit der Einhebung der Steuer ward desshalb auch 
nicht selten ein anderes Amt, nämlich das der Naturallie- 
ferungen (ma'äwin) verbunden. ^) 

Die zweitwichtigste Behörde war der DywÄn altauky', 
der ganz dem entspricht, was wir die Cabinetskanzlei nennen. 
Diese Kanzlei, die unter den Omajjaden den Namen Staats- 
siegelamt führte, hatte alle vom Fürsten ausgehenden Befehle 
auszufertigen, in den Registern einzutragen, die allerhöchste 
Namenschiffre in der üblichen Weise darauf zu zeichnen, 
das Siegel beizudrücken, den Wahlspruch des Chalifen, der 
gewöhnlich in einem Koransatze bestand, darauf zu schreiben 
und endlich den Erlass zu expediren. Sicher kamen auch 
die an den Chalifen gerichteten Berichte und Eingaben in 



*• 



1) Unter dem Chalifen Mo*tasim. Mas'udy VII. 127. 

2) Journal Asiatique S^rie V. vol. VI. p. 284. 

3) Ibn Taghrybardy I, 436. 
*) Ibn Atyr IV. 279. 



y. Die Aubildang des BtsatswMens. 199 

diese Kanzlei, deren oberste Leitung in der Regel der Gross- 
wezyr fiihrte. Bei der Wichtigkeit dieser Stelle ist es leicht 
begreiflich, dass sie nicht selten auch über die politische 
Verwaltung die oberste Aufsicht übte, und die Statthalter 
controlirte, weshalb öfters dieses Regieningsanit als oberste 
Controlbehörde filr die sämnitlichen Provinzialstatthalter- 
schaften genannt wird. *) 

Ein anderes Ministerium bestand für die Verwaltung 
der Krongüter und führte den Titel: dywan aldijä*: Kanzlei 
der Domänen. 

Es ist aber schwer, ja nahezu unmöglich bei den spär- 
lichen Nachrichten der Quellen über den Stand des gesamm- 
ten Verwaltungsapparates in einem gegebenen Zeitpunkte 
vollkommen Sicheres zu ermitteln, da die verschiedenen 
Herrscher oftmals und willkürlich Aenderungen vornahmen. 
Unter Motawakkil, also zu einer Zeit, wo das Abbasidenhaus 
noch so ziemlich im vollen Besitze seiner alten Macht sich 
befand, gab es folgende oberste Regierungsämter: 1. C©n- 
tralkanzlei der Steuern (dywän alcharag, Finanzministerium), 
2. Kanzlei der Krongüter (dywän aldijä*) 3. Kanzlei der 
Buchhaltung (dyw&n alzimtlm d. i. oberster Rechnungshof), 
4. Kanzlei der Soldtruppeu (dywän algond walshäkirijjah, 
Kriegsministerium), 5. Kanzlei der dienten und Sklaven 
(der regierenden Familie, dywän almawaly walghilm&n) ein 
Amt, das wie begreiflich kein europäisches Gegenstück hat. 
Es war dasselbe von grosser Wichtigkeit, indem daselbst die 
Register der nach vielen Tausenden zählenden Freigelassenen 
und Sklaven der Chalifen gefuhrt und von hier aus deren 
Gehaltsanweisungen ausgefertigt wui'den. 6. Kanzlei des 
Postwesens (dywän albaryd^), 7. Kanzlei der Buchhaltung 
für die Ausgaben (dyw4n zimäm alnafakät^). 

*) Djwftn altaaky* wa-ltatabbo' 'al&-rominftl : Goeje: Fragmenta 
Hist. Arab. p. 652. 

3) Vgl. Ja'kuby: Kitäb albolcUn p. 42. 
3) Ibn Atyr VII. p. 27. 



nl 



2CX) ^' ^i® AuBbildiuig des St&afcairesens. 

Kodama gibt folgende Aufzählung der zu seiner Zeit 
bestehenden höchsten Staatsämter : 1. Kricgsininisteriuin, 
2. Dywan der Ausgaben (nafakät), 3. Dywan des Staats- 
einkomnieus (bait-almal), 4. Correspondenzbureau (dywan 
alras&il) 5. Cabinetskanzlei (dywan altauky*), 6. Dywan des 
Staatssiegels , wo die Depeschen gesiegelt und expedirt 
wurden, 7. Kanzlei für Eröffnung der anlangenden Depe- 
schen, 8. .Münzhaus und Amt für die Normalgewichte, 
9. Oberstes Controlamt für Verwaltung und Justiz (nazar 
almazMim) 10. Amt für die Registrirung der Polizisten und 
der Rekruten. ^) 11. Postbureau. 

Nächst diesen obersten Centralstellen gab es noch eine 
beschränkte Anzahl von Unterbehörden, administrativer, po- 
litischer und richterlicher Natur. Einen grossen Beamten- 
apparat, so wie er im byzantinischen Reiche bestanden hat, 
kannte das Chalifenreich nicht, und die Gemeinden erfreuten 
sich in ihren eigenen Angelegenheiten einer so grossen Au- 
tonomie, dass hierunter die Macht der Centralregierung oft 
zu leiden hatte. Nichts war dem asiatischen Geiste fremder 
als eine streng centralisirte Staatsverwaltung. Jedes Dorf, 
jede Stadt regierte sich eigentlich selbst, und die Regierung 



1) Der Ausdruck, den ich so übersetzte, ist sehr zweifelhaft, denn 
shortah bedeutet gewöhnlich Polizeivogtei und ahd&t wird in der Epoche 
der Rreuzzüge angewendet, um neue ausgehobene Truppen zu bezeichnen. 
Bei Ihn Atyr liest man unter dem Jahre 257 H., dass ein Beamter in 
Bassora bestellt wurde für: die ahdUt, die Kopfsteuer der Christen und 
Juden (gaw&ly) und die Polizeiangelegenheiten (shorat). Gewöhnlich war 
das Amt eines Vorstehers der Gawaly- Auflage verbunden mit dem Ahdftt, 
so dass vielleicht auch unter diesem letzteren eine Abgabe oder Einkom- 
mensquelle zu verstehen ist. Vgl. Journal Asiatique 1862, August, p. 160. 
Dann Ibn Atyr VI. 6, 27. Schon unter Mahdy erscheint das Amt: wil^at- 
alahdAt Ibn Chaldun: Allgem. Gesch. III. 207, 208. Nach Ibn Chaldun: 
Allgem. Gesch. III. 453 bildeten die Gawftly-Einnahmen einen Theil des 
dem Chalifen ausschliesslich zufallenden Einkommens. Unter der Bezeich- 
nung ahd&t können auch accidentielle, nicht regelmfissige Einnahmen ver^ 
standen werden. 



y. Die AuBbilduDg des StaatswesenB. 201 

griff nur ein, wenn es zu Unorflnung;en kam, oder die Pteuern 
nicht abgeführt wurden. Bios für die mit der Agricultur im 
Zusammenhang stehenden Fragen scheint die Regierung von 
ihrem Systeiu der Nichteinmischung eine Ausnahme gemacht 
zu haben, nämlich in der Ueberwachung des Bewässerung- 
wesens und der Dammbauten, von deren Instandhaltung der 
Ertrag der Ernte und die Einnahme des Staates abhängig 
waren. Desshalb ward auch die Herstellung und Instand- 
haltung der Kanäle als eine der wichtigsten Aufgaben der 
Regierung angesehen und Abu Jusof betont in seinem Send- 
schreiben an Rashyd, dass es eine der ersten Aufgaben der 
Staatsregierung sei auf ihre* Kosten neue zur Förderung der 
Agricultur nothwendige Kanäle herzustellen, ebenso habe sie 
die Verpflichtung die gi'ossen Kanäle, welche das Wasser 
des Euphrat und Tigris auf die Ländereien vertheilen, zu 
reinigen und in Stand zu halten, wofür die Kosten theils 
vom Staate theils von den Betheiligten zu tragen seien. 
Nicht minder wird ausdrücklich bemerkt, dass die Auslagen 
für die Schleusen (botuk), die Wasserwerke und Dämme 
am Tigris und Euphrat, wegen deren grosser und allge- 
meiner Wichtigkeit ausschliesslich vopi Staatschatze zu tragen 
seien, *) Auch auf die Strompolizei sollte sich die Thätigkeit 
der Regierung erstrecken und die Beseitigung aller Hinder- 
nisse der Schiffahrt auf den grossen Strömen, besonders 
dem Euphrat und Tigris, ward als eine wesentliche Aufgabe 
der Regierung bezeichnet. 2) 

Zum Schlüsse dürfen wir nicht unbemerkt lassen, dass 
während durch die Oberpostmeister die höhere Staatspolizei 
gehandhabt ward, schon unter Mansur eine sehr zahlreiche 
Geheimpolizei bestand, die auf alle Verhältnisse des Volks- 
lebens ihre Aufmerksamkeit richtete. Zum Spionirdienste 



1) Abu Juflof, Sendschreiben fol. 61 ff. 
») L L foL 63. 



202 ▼• I^i^ Aasblldnog des StaatsweMu. 

wählte man Leute aus allen Klassen der Bevölkerung^, beson- 
ders Kaufleute, Hausirer und dgl., deren Berichte den Cha- 
lifen von allen wichtigeren Beobachtunp^en und Vorgängen 
in steter Kenntniss erhielten. *) 

Es braucht kaum besonders erwähnt zu werden, dass 
dieses Spionirsystem, das ja im Geiste einer despotischen 
Regierung liegt, sich bis in späte Zeiten erhielt. Unter 
Rashyd stand es in Blüthe und auch später nahmen die 
Chalifen, selbst wenn sie ins Feld zogen, ihren eigenen 
Agenten für Geheimpolizei mit ins Lager. 2) Ein besonderes 
Odium scheint sich an die polizeiliche Thätigkeit nicht ge- 
heftet zu haben; man war zu sehr daran gewöhnt. 



1) Vgl. Aghftny XV. 36. Goeje: Fragm. Hist. Arab. p. 234. 

2) Goeje: Fragm. Histor. Arab. p, 466, 498, 512, 614, 667. 



VI. 



Das Kriegswesen. 



Die grossen Erfolge der mohammedanischen Trappen 
gegenüber den persischen und griechischen Heeren, später 
selbst gegen die Gothen in Spanien, genügen allein um jeden 
Zweifel darüber zu beseitigen, dass die Araber damals in 
ihrer Heeresorganisation jenen Völkern überlegen waren. 
Aber es ist so wenig genaues bisher über ihre militärischen 
Einrichtungen, wie über die ihrer Gegner bekannt geworden, 
dass dies allein schon eine sorgföltigere Untersuchung dieses 
Gegenstandes rechtfertigt. 

Die militärischen Anordnungen Omar's, welche wir 
früher kennen gelernt haben, blieben unter dessen nächsten 
Nachfolgern im wesentlichen unverändert, wenigstens sind 
aus jenen Zeiten keine Nachrichten erhalten, die es uns 
mr)glich machen, hierüber nähere Nachweisungen zu geben. 
Osmän's Regierung war zu kurz und die bisherige Armee- 
organisation hatte sich bei den ununterbrochenen Eroberungs- 
kriegen zu gut bewährt, als dass man daran gedacht hätte, 
irgend eine durchgreifende Aenderung eintreten zu lassen. 
Der Bürgerkrieg, welcher mit der Wahl Aly^s zum Chalifen 
seinen Anfang nahm und erst mit seinem Tode endete, be- 
schäftigte die Geister vollauf und beide Theile bekämpften 
sich mit ganz denselben Mitteln und auf dieselbe Weise. 
Nur waren durch die ununterbrochenen Kämpfe die Gemüther 
wilder geworden und die Schlachten zwischen den sich 



204 VI. Das KriegsweMn. 

g-egenüber stehen den arabischen Heeren wurden ungleich 
bhitiger und erbitterter. In der sogenannten Kameelschlacht 
zwischen Aly und den seine Wahl zum Chalifen nicht aner' 
kennenden Parteifiihrern , fielen von Seite der letzteren 
1 3,000 Mann und ersterer verlor 5000, obgleich die Schlacht 
nur einen Tag dauerte und mit den sehr unvollkommenen 
alten Waffen gefochten ward. In den nur sechs Monate 
späteren Kämpfen von Siffyn, die allerdings 10 Tage währten, 
fielen nicht weniger als 70000 Mann. ') Die Eintheilung der 
Truppen auch in dieser Schlacht war noch ganz die alte 
nach Stämmen. Die Bewaffnung bestand in Schwert und 
Schild, Bogen und Pfeilen, Lanze und Wurfspiess. Trotzdem 
zeigt sich ein gewisser Fortschritt in der militärischen Aus- 
bildung, denn es wird schon ein Truppenkörper von 4000 
Mann genannt, die gleichmässig durch grüne Turbane sich 
von den anderen unterschieden, und desshalb das Corps der 
Grünen hiessen. ^) Auch die syrische Armee hatte eine 
grössere Festigkeit der Gliederung erlangt, indem auch sie 
nach Stämmen focht, w^obei sie aber doch die schon von 
Omar eingeführte Eintheilung in Armeecorps beibehielt, denn 
die beiden Legionen von Ilims und Kinnasryn werden aus- 
drücklich angeführt. Die Kampfart und Gefechtsweise war 
ganz die altarabische. Man begann mit Einzelkämpfen und 
erst nach einer Reihe solcher Scharmützel kam es zum 
Handgemenge, wobei auch, die Reiterei von beiden Seiten 
eingriff. 

Mit dem Regierungsantritte der omajjadischen Dynastie 

ging hierin ziemlich rasch eine wichtige Veränderung vor 

sich. Es scheint, dass die Araber in ihren Kriegen mit den 

I Byzantinern immer mehr die Vortheile der römischen Kriegs- 

I kunst kennen gelernt hatten und sich nun beeilten, dieselbe 

anzunehmen. So finden wür, dass schon unter den Omajjaden 



1) Mas'udy IV. p. 293, 387. 
2} Mas'udy IV. p. 356. 



VI. Das Kriegs wesen. 205 

die arabischen Feldherm ganz so, wie dies in der römischen 
Kriegsführung üblich war, nach jedem Tagesmarsch ein mit 
Wall und Graben befestigtes, mit zwei oder vier Thoren 
versehenes Lager aufschlugen. *) Es ist diese Sitte vermuth- 
lich durch Vermittlung der Perser, welche sie zweifellos von 
den Römern angenommen hatten, zu den Arabern gekommen, 
denn der Name, womit sie den Wallgraben bezeichneten, 
ist ein persisches Wort (chandak, persisch kandak. 2) Diese 
befestigten Lager blieben durch die ganze Zeit der Omajjadeu 
und unter den Abbasiden bis in die Zeiten Ma'mun's noch 
in Gebrauch, kamen aber später mehr und mehr in Ver- 
gessenheit. ^) Aber nicht blos auf dem Marsche wussten die 
arabischen Feldherrn, gleich den römischen, durch solche 
Befestigungen sich gegen UeberföUe zu schützen, sondern 
überall in den eroberten I^ändern errichteten sie an strate- 
gisch wichtigen Punkten Standlager, in welchen sie eine 
entsprechende Anzahl von Militärcolonisten ansiedelten, die 
mit ihren Familieii daselbst sich niederliessen, vom Staate 
Jahresgehalte und wol auch Naturallieferungen erhielten, 
wogegen sie auf jeden Befehl bereit sein mussten, Kriegs- 
dienste zu leisten und dieselbe Verpfiiclitung theilten deren 
Nachkommen. Den Ackerbau untersagte Omar diesen ange- 
siedelten Truppen aufs strengste.^) So organisirte Omar 
vier solche Standlager in Syrien und theilte hiernach die 
gesammten arabischen Truppen in dieser Provinz in vier 
Armeecorps. •■») In Aegypten bildete sich ganz auf dieselbe 



<) So in den Kämpfen des Mohallab gegen die Ch&rigiten : Ibn Atyr 
IV. 162, 163, 280, 325. Schon bei den Persern Ovaren befestigte Lager 
üblich. Ibn Taghrybardy I. 340. Goeje: Fragm. Hist Arab. I. 194. 

2) Ueber die Kainpfart der Perser vergleiche man des Constantinns 
Porphyrogenitos Bemerkungen in seiner Tactica. 

3) Vgl. Ibn Khaldonn: Prolog. II. 83. 

*) Vgl. Cultargeschichtl. Streifzüge p. 64. 

3) Balfidorjr p. 132 Qesch. d. herrsch. Ideen d. Islams p. 329 Note. 
Vgl. oben p. 87. 



206 VI. DftB Kriof^we^^en. 

Weise da» Ktandla^er bei der römischen Feste und alten 
Koptenstadt Babylon, welches, da es das Zfelt (fostat) des 
Feldherm unigab, darnach den Namen Fostat erhielt. Nicht 
minder ward auch Alexandrien, als wichtiger Waffenplatz 
gegen Angriffe von der See mit einer starken Besatzung 
versehen, die jedoch nicht stabil war, sondern oft gewechselt 
ward. *) Alier ungleich wichtiger als diese permanenten 
I^ager Syriens und Aegyptens waren die zwei grossen Mili- 
tärstationen von Bassora und Kufa in Babylonien, welche 
von den Arabern unmittelbar, nachdem sie dieses Land er- 
obert hatten, angelegt wurden. Die Lage war für beide 
trefflich gewählt und zeugt für einen sehr richtigen stra- 
tegischen Blick. 

Eine Ileeresabtheilung lagerte im Jahre 14 H. (635 Ch.) 
an der Ruinenstätte einer ehemaligen Ansiedelung (choraibah); 
in seinem Berichte an den Chalifen hob der Anfuhrer die 
Nothw'endigkeit hervor einen Lagerplatz zu errichten, wo 
die Tinippen überwintern und von den Strapazen des Feld- 
zuges sich erholen könnten, er schlug hiefur den Ort vor, 
wo er eben sich aufliielt, indem derselbe nahe am Wasser 
sei, Ueberfluss von Schilfrohr habe, das gute Feuerung lie- 
fere, und auch treffliche Weideplätze sich daselbst befanden. 
Omar genehmigte den Antrag und auf diese Art entstand 
die erste Militäran Siedlung, aus welcher die Stadt Bassora 
hervorging. Die Soldaten bauten aus Rohr Wohnhütten, 
die sie, wenn sie gegen den Feind zogen, einfach abbrachen 
und bei ihrer Heimkehr wieder aufrichteten. Jiald nahm 
die Bevölkerung zu, festere Wohnhäuser, öffentliche Gebäude, 
eine Moschee, ein Regierungspalast und Gefiingniss wnirden 
gebaut und zwar aus Lehm und ungebrannten Ziegeln. 2) 



^) Vgl. oben p. 93. 

2) Die Breite der HauptstraASc von BaASora, des Mirbad (forum), war 
60 Ellen, die übrigen Hauptetrassen (shäri') waren 20 Ellen breit, die 
Nebengassen (zokäk) 7 Ellen. In der Mitte jedes Stadtviertel» war ein 



Vf. Das Kriegnwesen. 207 

Allein schon unter Mo'A-wija's Regiening baute dessen Statt- 
halter die Moschee mit g-ebrannten Ziegeln und Mörtel auf, 
Hess das Dach aus Teckholz verfertigen und schmückte sie 
mit schönen Säulen aus Stein. ^) 

Die Zahl der Truppen, die zuerst an diesei- Stelle 
lagerten, soll urspiünglich nicht mehr als 800 Mann ge- 
wesen sein. 

Ueber die Entstehung von Kufa berichten uns die 
ältesten Quellen folgendes: Omar gab dem Anführer der 
Truppen in Irak den Befehl, er möge für seine Soldaten 
einen befestigten Sammelplatz und Zufluchtsort bauen, der 
durch keine Wasserstrasse von Arabien geschieden sei. Da 
gedachte er in Anbär das Lager aufzuschlagen, allein die 
Mannschaft litt daselbst so sehr von Mücken, dass man sich 
genöthigt sah, einen etwas höher gelegenen, der Wüste 
nähei'en Oii; aufzusuchen. So wählte man die Stelle, wo 
später Kufa erbaut wurde. Der Feldherr steckte die Grenzen 
der Ansiedlung ab und wies den verschiedenen Stämmen, 
je nachdem sie dem südarabischen oder nordarabischen 
Zweige angehörten, besondere Wohnplätze an. Gleichzeitig 
errichtete er eine Moschee und ein Regierungsgebäude, vor 
welchem er einen grossen Platz zu Versammlungen und als 
Bazar frei liess. Von südai'abischen Stammesangehörigen 
waren es 12,000, von nordarabischen (nizär) aber 8000, 
welche die erste Niederlassung bevölkerten. Jeder der ver- 
schiedenen Stämme bewohnte natürlich ein eigenes Stadt- 
viertel, hatte seine eigene Moschee und seinen eigenen Be- 
gi'äbnissplatz. Daselbst siedelten sich auch einige Tausend 
persische Krieger an, die in der Schlacht von Kädisijja 
capitulii-t hatten und denen Omar Jahresgehalte von 1000 Dir- . 
ham aussetzte. So. entstand Kufa im Jahre 17 U. (638 Chr.^). | 

Platz, wo man die Pferde anband, daselbst war auch die Begräbnisstätte, 
Mftwardy Cap. XV. 

ßal&dory p. 846. 

2) BalÄdory 272, 273, 275, 346 ff. Ibn Atyr H. 411. 



208 ^' I^u Kri«gBwe86ii. 

Ein Blick auf die Karte genügt, um den Beweis zu 
Ii(ifern, wie richtig die beiden Standlager gewählt waren. 
Kufa beherrschte den Verkehr auf dem Euphrat, Bassora 
hingegen die Verbindung mit der See; beide Städte hatten 
die Wü"&te im Kücken, von wo sie stets neue Truppenzufuhr 
und Unterstützung erhalten konnten. 

Welche Bedeutung beide Orte bald erlangten, erhellt 
am besten aus dem Umstände, dass schon dreissig Jahre 
später, unter dem Statthalter Zijad, nach den Registern <ler 
Soldzahlung die Ziffer der waffenfiihigen Mannschaft sich 
verhielt, wie folgt: 

Bassora zählte 80,000 Mann ; ihre Familien hatten eine 
Kopfzahl von 120,000.») 

Kufa hatte zu derselben Zeit G0,000 Mann, und ihre 
Familien zählten 80,000.2) 

Als Zijad Ibn Aby So^än im Jahre 51 IT. (671 Chr.) 
zum Statthalter von ChorA-san ernannt ward, nahm er aus 
den beiden Städten nicht weniger als 50,000 Mann sammt 
deren Familien mit und siedelte sie dort an.-*^) 

Je mehr aber die zwei Städte emporblühten, desto 
stärker machte sich in der Bevölkerung auch der Wunsch 
geltend, der auf ihnen lastenden Pflicht des Kriegsdienstes 
enthoben zu sein, um statt Gefahren in barbarischen Ländern 
zu bestehen, behaglich im Kreise der Ihrigen zu verweilen 
und der Vortheile des städtischen Lebens und geordneter 
Zustände sich zu erfreuen. Es trat eine offene Widersetz- 
lichkeit gegen die Befehle des Chalifen oftmals hervor, 
Bassora und Kufa wurden der Heerd gefiihrlicher Aufstände 
und als der furchtbare Kampf der unter dem i^amen der 
Azrakiten bekannten puritanischen Secte gegen die Herr- 
schaft der Omajjaden-Chalifen entbrannte, weigerten sie sich 



') Baladory p. 360. Ibn Atyr IV. 108. 
2) Baladory 1. 1. 
') BalAdory p. 410. 



VI. Dm Kriegswesen. 



209 



die Waffen zu ergreifen. Abdalmalik sandte den energischen 
und unbeugsamen Ilaggäg als Statthalter nach Irak und dieser 
stellte mit eiserner Zuchtinithe die Ordnung wieder her und 
führte die allgemeine Wehrpflicht aller männlichen Bewohner 
der beiden Städte Kufa und Bassora mit grösst^r Strenge 
<lurch. *) Dabei ging er so unerbittlich zu Werk, dass jeder, 
der körperliche Gebrechen vorschützte, um vom Kriegsdienst 
befreit zu wei'den, sich einer förmlichen Visitation unter- 
ziehen musste.^) Auf diese Art gab er die beiden Städte 
ihrer ursprünglichen Bestimmung zurück und machte sie zu 
grossartigen Truppendepots. So Hess er einmal zu einem 
Kriegszuge gegen den König von Segistan, Namens Ratbyl, von 
jeder der beiden Städte 20,000 Mann stellen.'^) Aber nicht 
zufrieden hieiiiit, gründete er, um Kufa und Bassora zu ver- 
binden und somit gewissermaassen eine Kette von grossen 
Militärposten herzustellen, noch ein drittes stehendes Lager, 
das er, da es in der Mitte zwischen Bassora, Kufa und Ahwäz, 
lag, Wasit, d. i. das Mittlere, nannte.*) Bei all diesen Re- 
formen stützte sich der energische Statthalter selbstverstäntl- 
lich auf ein verlässliches Corps syrischer Truppen, die er 
auch, was bisher unerhört war, ohne Zögern in die Häuser 
der Privaten einquartirte. ^) Bassora und Kufa blieben aber 
fortan bis zum Ende der Omajjaden-Dynastie die Haupt- 
quelle der Militärmacht des Reiches und aus beiden Städten 
wurden selbst für die fernsten Provinzen die erforderlichen 
Garnisonstruppen gezogen. So bestand die Besatzung von 
(Jhoräsän unter dem Chalifen Solaimän aus 40,000 Basren- 
7000 Kufensern und 7000 Clienten. ^») Und als einmal 



I 



i/.l^/v^K 



Bern, 



der Statthalter von Chorasan durch die Türken stark be- 



Aghäoy IL 155. Vgl. S. 171. 

2; L 1. 

3) Ibn Atyr IV. .S65. 

<) BalÄdory 289. 

5) Ibn Kijf IV. 386. 

«) BalAdory 423, Ibn Atyr V. 9. 
▼. Krem er, Calturgeschiclite dee Oriente. 



14 



310 ^. I>M KriegnreMtt. 

drängt war, sandte ihm der Chalife Tlishän) 10,000 Mann 
aus Kufa und 10;000 aus Bassora zur Hilfe J) 

Wir besitzen auch über die maassgebenden Stämme, 
welche sich in diesen beiden grossen Lägerplätzen nieder- 
gelassen hatten, ziemlich genaue Nachrichten. In Kufa hatten 
die südarabischen Stämme das entschiedene Uebergewicht 
und stand der Morädstamm an der Spitze, dessen Scheich 
unter dem Chalifen Jazyd I. über 4000 gepanzerte Reiter 
und 8000 Fussgänger verfügen konnte ; ja mit Herbeiziehung 
seiner Verbündeten, der Stämme Kinda, Hamdän und anderer 
konnte er selbst bis 30,000 Reiter zusammenbringen.^) 

In Bassora wohnten in fiinf besonderen Stadtvierteln 
folgende Stämme: Azd,Tamym, Bakr, Abdalkais, Alxl aV^lijah 
d. i. Medynenser. •^) 

Aber auch auf andere Provinzen erstreckte sich die 
Militärorganisation der Omajjaden. So wessen wir, dass in 
Mesopotamien, jener Provinz, die am meisten den Einbrüchen 
der Griechen ausgesetzt war, die waflFenföhige Mannschaft 
unter Jazyd Ibn Walyd über 20,000 Mann stark war; es 
bildete diese Provinz damals einen besonderen Militärbezirk 
(gond •*), und die Armee, welche der letzte HeiTScher dieser 
Dynastie in dem entscheidenden Kampfe um sich versammelt 
hatte, der ihm Thron und Leben kostete, war noch immer 
120,000 Mann stark. •'^) Diese Thatsachen sind mehr als ge- 
nügend, um den Beweis herzustellen, dass die militärischen 
Kräfte des Reiches sehr bedeutend und jedenfalls auch so 
entwickelt waren, dass daraus allein schon die riesigen Er- 
folge der arabischen Waffen sich vollkommen erklären, wenn- 
gleich noch ein Umstand von grosser Bedeutung hinzutritt, 



») Ibn Atyr V. p. 125, Ibn Chaldim: Allj^em. Gesch. III. 91. 

2) Mas'udy V. 140. 

') Ibn Atyr V. 63. 

*) Ibn Atyr V. 234. BalÄdory 132. 

•') Ibn Atyr V. 319. 



VI. Pap Krie^wesen. 21 1 

den wir des Näheren besprechen müsflen, nämlich die Be- 
soldung der Truppen. Bevor wir jedoch diese Frage berühren, 
wollen wir nur noch, anknüpfend an das früher über das 
System der grossen stehenden Lager Gesagte, bemerken, 
dass die Araber auf allen ihren Eroberungen in den ersten 
Jahrhunderten demselben treu blieben. In jedem neu er- 
oberten Gebiete wählten sie eine günstig gelegene, strategisch 
wichtige Stadt, oder wo keine solche sich vorfand, schlugen 
sie ein befestigtes Lager auf und siedelten daselbst eine 
Truppenanzahl an, die mit ihren Familien sich niederliessen, 
aber stets bereit sein mussten, auf jeden Befehl Kriegsdienste 
zu leisten.*) In der fi'ühesten Zeit erhielten diese Garnisonen 
ihre Löhnungen aus der Provinzialkasse bezahlt, später kam 
es oft vor, dass man ihnen statt Bezahlung Ländereieu an- 
wies, die sie zwar nicht selbst bebauten, aber von deren 
Ertrag sie ihre Löhnungen bezogen. Solche befestigte Lager, 
aus welchen zum Theil Städte entstanden, waren in der 
Provinz Chuzistan: *Askar Mokram, in der Provinz Farsistän: 
Shyräz, ursprünglich ein befestigtes Lager, dann von Haggag 
erbaut; in der Provinz Sind: Mansura, in Transoxanien : 
Marw. 2) In der Provinz Aderbaigän lagen die Truppen 
anfangs in Maragha, später in Ardabyl. üie syrischen Stand- 
lager sind bereits bekannt. In Africa waren Fostät, Barka^) 
und Kairawän die Garnisonsplätze. 

Aus diesen bisher ganz unbeachtet gebliebenen Daten 
mag man ersehen, dass, wenn die Araber die halbe Welt 



^) Als die Araber Kazwyn pinnabmen, blieb eine Garnison von 
500 Mann daselbst, welcben man Gründe zuwies, die sie bebauten. Sie 
blieben ganz unabhSng'ig, wie die" Garnison von Bass^ra und batten da« 
Recht, ihre Anführer zn wählen. Barbier de Meynard: Dict. Geogr. de la 
Perse p. 442. Man vergleiche auch die Bemerkungen v<ui Amari: Storia 
dei Mnsnlmani della Sicilia I. p. 112. 

2) Istachry p. 262. 

5; Noch zu Ja'kuby's Zeit bewohnten die Nachkommen der arabi- 
schen Militarcolonisten die Vorstfidte von Barka. Ja'kuby p. 182. 

14* 



i,i 



212 VI. IHM KHfttriiWMeii. 

r eroberten und auch für läng-ere Zeit ihre Stelle als lierrschenrle 
\ Nation zu behaupten verstanden, dies keineswegs planlos 
\ g-eschah, sondern ihr Militärsysteni stellt sich als unvergleich- 
* lieh dem ihrer Gegner überlegen dar. Noch weit überzeu- 
gender erhellt dies aus <ler Betrachtung der materiellen Lage 
des arabischen Soldaten und namentlich seiner Löhnung im 
Vergleiche zu jener seiner Gegner. Denn es bedarf wohl 
keines Beweises, dass keine Armee jener Zeit sich blos aus 
Pflichtgefühl oder Patriotismus schlug. Pflichtgefühl ist eine 
Eigenschaft, die nur bei sehr lioch entwickelten Nationen als 
entscheidender Factor auftritt und Patriotismus ist eine Idee 
von so elastischer Natur, dass sie bei verschiedenen Völkern, 
zu verschiedenen Zeiten, ja selbst bei den einzelnen Parteien 
desselben Volkes sehr verschieden aufgefasst und verstanden 
worden ist. In sinkenden Staaten verflüchtigt sich das 
patriotische Gefühl und das Bewusstscin der Pflicht sehr 
schnell, und dass bei den Byzantinern beide schon längst 
geschwunden waren, bedarf wohl kaum eines weiteren Nach- 
weises. Bei den Persern war das Reich durch innere Zwistig- 
keiten geschwächt und es lässt sich kaum annehmen, dass 
auf sie dieses (ieftihl stark gewirkt habe. Ihre Heere machen, 
nach den arabischen Berichten, den Eindruck schnell zu- 
sammengeraffter, schlecht organisirter und von keiner grossen 
gemeinsamen Idee belebter Massen. Die Araber standen 
diesen Gegnern immer als festgegliederte, einheitlich geleitete 
und von einer eisernen Disciplin belebte Nation gegenüber, 
die von den mächtigsten Hebeln zugleich getrieben war: 
vom religiösen Enthusiasmus, sowie maassloser Beutelust und 
Kaubsucht. Im Vergleiche zu dem elend bezahlten byzanti- 
nischen Söldner war der arabisclie Soldat nicht blos fürst- 
lich besoldet, sondern der ihm gesetzlich durch Koranssatzung 
zugesicherte Beuteantheil bot die glänzendsten Aussichten. 
So war der Kriegsdienst für den Araber nicht blos das 
edelste, gottesgefälligste, sondern auch das einträglichste 
Handwerk. 



VI. Das KriegüWOBeu. 213 

Wir haben schon früher kennen gelernt, dass die 
Jahresgehalte, welche Omar I. jedem Moslim zuwies, in der 
letzten Classe GOO, 400, 300—200 Dirham betrugen, i) Die 
letzteren ZiflFern gelten füi' Weiber und Kinder; wir können 
also als Minimum dessen, was ein arabischer Krieger als 
Jahresgehalt bezog, 500 — 600 Dirham annehmen. Da zu 
jener Zeit der Dynar 10 — 12 Dirham werth war, der Gold- 
werth eines Dynars aber über 13 Frcs. beträgt, so können 
wir einen Dirham mindestens gleich einem Franc ansetzen. 
Der Soldat der ersten Zeit bezog also an baarem Gelde 
monatlich 50 — 60 Frcs., eine Löhnung, die schon an und 
für sich bedeutend höher ist, als das was zu jener Zeit der 
Kaiser von Byzanz seinen Söldnern zahlen konnte. Ausser- 
dem scheint es, dass die Truppen, wenn sie im Felde standen, 
auch Naturallieferungen erhielten. Allein schon unter Omar 
herrschte in der Schatzkammer von Medyna ein solcher Geld- 
tibei'fluss und es scheint auch durch die ungeheure Kriegs- 
beute an edlen Metallen der Geldwerth so herabgemindert 
worden zu sein, dass die Löhnung bedeutend erhöht werden 
konnte. 

Unter den ersten Chalifen aus der Familie Omajja be- 
trug die Zahl des stehenden arabischen Heeres an 60,000 Mann 
und es wird in den ältesten Quellen ausdrücklich beigefügt, 
dass die jährliche Auslage hiefiir 60 Millionen ausmachte. 
Es gibt dies im Durchschnitte die Summe von 1000 Dirham 
per Mann. '*) 

In Syrien waren die südarabischen Stämme, welche 
bei der Eroberung dieses Landes den entscheidendsten An- 
theil genommen hatten, ein wichtiger politischer Körper. 
Diese Stämme, die man nach ihrem biblischen Stammvater 



»j Nach Ihn Chordildlieh auch war der Sold der griecliischeti 
Tnippon 8—1*2 Dyuar jährlich, aber die Auszahluupren famleu sehr 
uuregelniä8sig' statt. 

^) Mas'udy V. 19.3. 



214 VI. Dm Kriegswesen. 

Kabtaii (Jüktan) die Kalitanstiiiiime oder Kahtaniden nennt, 
hatte Mo*ä\vija, der Gründer der omajjadischen Dynastie, da- 
diireh für sich zu g^ewinnen ^ewiiöst, dass er ihnen grosse Zu- 
gestund nisse machte. Sie verpflichteten sich ihm, mit einem 
Corps von 2000 Mann (Reitern) Kriegsdienste zu leisten, 
gegen eine Löhnung von 1000 Dirham per Mann, ausserdem 
sollten sie ihre Stammesangelegenheiten ganz selbstständig 
ohne irgend eine Einmischung der Regierungsbehörden zu 
regeln das Recht haben, bei Berathungen über Staatsange- 
legenheiten sollte ihr Stammeshäuptling einen besonderen 
Ehrenplatz erhalten u. dgl. mehr. *) 

Mo'awija^s Nachfolger sahen sich immer geiiöthigt, diese 
Privilegien zu bestätigen, denn nur dann leistete der Stamm 
dem neugewählten Fürsten die Huldigung. Als Marwän I. 
zur Regierung kam, musste er gleichfalls den mächtigen 
Stamm in seinen alten Vorrechten bestätigen und erst als 
dies geschehen war, erkannte man ihn an, bei welcher Ge- 
legenheit aber der Stammeshäuptling ganz freimüthig er- 
klärte, er betrachte sich dem Chalifen gegenüber durch die 
Huldigung keineswegs für immer gebunden, denn, sagte er; 
„wir leisten Kriegsdienste des Gewinnes halber, gewährst 
Du uns dieselben Vortheile wie Deine Vorgänger, so halten 
wir zu Dir, im entgegengesetzten Falle kümmern wir uns 
nicht weiter um Dich."^) 

Der echt semitische Charakter dieses Volkes zeigt sich 
am deutlichsten in Geldangelegenheiten. Geldgier ist eine 
der constantesten Seiten seines Nationalcharakters. Es unter- 
liegt sonach keinem Zweifel, dass die Truppen keine Ge- 
legenheit unbenutzt vorübergehen Hessen, um Solderhöhung 
zu erzielen. Bald kam es soweit, dass bei den Streitigkeiten 



*) Mas'udy V. p. 200, 201. Anfangs zahlte Mo*äwija den südara- 
biscben Stämmen aUein Sold, AgbÄny XVIII. 69, später aber auch den 
Kaisiten. 

2) Mas'udy V. 201. 



VI. Das KriegHwesen. t^lÖ 

über die Thronfolge das Geld eine entscheidende Wirkung 
ausübte. Walyd 11. erhöhte bei seiner Thronbesteigung die 
Gehalte um je 10 Dirham (wohl 10 Percent) und für die 
Syrer mn noch mehr. ^) Aber je gi-össere Anforderungen 
an den Staatsschatz gestellt wurden, desto schwerer konnte 
dieser Alle • befriedigen. Schon unter Abdalmalik scheint es 
in dieser Hinsicht Anstände gegeben zu haben, die nur da- 
durch weniger fühlbar wurden, weil sein Gegner, der Gegen- 
chalife von Mekka, seine Truppen auch nicht regelmässig 
ausbezahlen konnte. Er hatte seinem Brudei- Mos'ab die 
Statthalterschaft von Bassora übertragen, dieser Hess die 
längste Zeit seine Truppen ohne Löhnung, scheute sich aber 
nicht, einer sehr schönen Dame aus edelster Familie, bei der 
Heirath mit ihr eine Morgengabe von einer Million Dirham zu 
verehren. Dies veranlasste die Truppenanfiihrer, eine poetische 
Klageschrift nach Mekka abzusenden, worin folgender Doppel- 
vers vorkam: 

Eine Million gibt er der Braut, der zarten, 

Indess die Truppen hungernd auf die Löhnung warten! 2) 

Obwohl Abdalmalik in dem Kampfe gegen den Thron- 
prätendenten schliesslich Sieger blieb, so scheint dies grosse 
finanzielle Opfer gekostet zu haben, denn, um sich den 
Rücken zu decken und mit ganzer Macht seinen Neben- 
buhler zu erdrücken, verpflichtete er sich dem Kaiser von 
Bjzanz gegenüber, jährlich 52,000 Dynar zu zahlen und zwar 
unter der demüthigenden Bedingung, dass an jedem Freitag 
1000 Dynar abgeführt werden sollten, wogegen die Byzan- 
tiner versprachen, keine Einfälle auf mohammedanisches Ge- 
biet durch ihre Truppen vornehmen zu lassen. 3) 

Von Omar 11., der die Finanzen in volle Unordnung 
brachte, nimmt sicher die Unregelmässigkeit in der Aus- 
zahlung der Truppen nur zu. Aber nicht blos die Löhnung 



1) Ihn Wardy I. p. 186. 

2) Agh&uy XIV. 170, Hammer-Purgstall : Lit. Gesch. II. p. 67. 

3) Ibn Chaldun: Allgem. Gesch. III. 70, Ibn Atjr IV. 251. 



216 VI. Du Kriegsweeen. 

verschlang- ung:eheure Beträg-e, sondern noch mehr die Aus- 
rüstung, die keinesvveg-s so billig war, wie man etwa an- 
nehmen zu können vermeint. Zwar hatten die Heere damals 
weder Hinterlader noch kostspielige Geschütze und die Aus- 
rüstung eines arabischen Soldaten jener Zeit bestand aus 
Schwert und Lanze, Schild, Bogen und Köcher, *) aber die 
Bclagerungsmaschinen, die wie wir später sehen werden, durch- 
aus den römisclieu nachgebildet waren, dann die Panzer und 
Rüstungen, die immer mehr in Gebrauch kamen, verschlangen 
gewiss beträchtliche Summen. Der Transport grosser Men- 
schenmassen, ihre Vei'proviantii'ung, erforderten bei dem 
Mangel guter Heerstrassen sehr l)edeutende Auslagen. So darf 
es uns nicht überraschen, wenn wir lesen, dass unter Abdal- 
malik, als Haggäg, sein Statthalter von Irak, eine Expedition 
von '^ 0,000 Mann nach Segistän entsendete, die Ausrüstung 
dieses Heeres ohne Löhnung der Soldaten zwei Millionen 
Dirham kostete.-) ^ 

Gegen Ende der Omajjadendynastie gestalteten sich 
die Verhältnisse immer ungünstiger und der Chalife JazydHL, 
sah sich genöthigt, alle Gehalte um 10 Dirham (wolil 10 Per- 
cent) herabzusetzen, wobei g'cwiss auch der Sold der Truppen 
geschmälert wurde. 3) Trotzdem soll die Armee noch unter 
Marwän H. 120,000 Mann stark gewesen sein.^) Aber unge- 
achtet dieser bedeutenden Heeresmacht und trotz einer durch- 
greifenden und sehr richtig gedachten, von diesem Fürsten 
eingeführten Aenderung der bisherigen Taktik und Gefechts- 
art, gelang es ihm doch nicht, den Sieg an seine Fahnen 
zu fesseln. 



') Ibn Atyr V. 127. Die Truppen des Walyd Um Abdalnialik waren 
bei einer Parade in Mekka bewaffnet mit Lanzen und eisernen Str(itkolb(-n. 
Goeje: Fragm. Hist. Arab. I. p, 7. 

2) Ibn Atyr IV. 865. 

3) Vgl. oben S. 182. 

*} Ibn Atyr p. HU). Goeje: Fragm. Hist. Arab. l. 202. 



yi. Dm KriegsweMn. 217 

Die älteste arabische Gefechtsforniation war, wie wir 
schon früher bemerkt haben, die Linienaufstellung; man 
ordnete die Truppen in einer einzigen oder mehrfachen eng- 
geschlossenen Linie und griff auch so an oder empfing in 
solcher Aufstellung den Anprall des Feindes. Das Heer 
selbst pflegte man schon in den frühesten Zeiten in fünf 
Corps zu theilen: das mittlere war das Centioim, die zu 
beiden Seiten desselben stehenden Abtheilungen waren der 
rechte und der linke Flügel, vor dem Centrum stand die 
Vorhut und hinter demselben die Nachhut. Der Oberbefehls- 
haber hatte seine Stelle bei dem Centrum, das er nur in ganz 
ausnahmsweisen Fällen verliess. Man nannte diese Aufstel- 
lung des Heeres dessen Schlachtordnung und in dieser 
pflegten auch die Armeen ihre Märsche zurückzulegen. Es 
unterliegt keinem Zweifel, dass diese Marschordnung, welche 
ganz und gar der römischen entspricht, von den Arabern, 
wie so vieles Andere, den Römern oder richtiger den Byzan- 
tinern nachgeahmt war, denn wh* dürfen nicht vergessen, . 
dass schon in den ersten arabischen Heeren zur Zeit Mo- I 
hammed's und seiner Nachfolger viele Soldaten sich befanden, \ 
die in der griechischen und persischen Armee Kriegsdienste 
geleistet und deren Anordnung und Taktik gewiss ganz 
genau kennen gelernt hatten. 

Die Araber unterschieden nach Ibn Chaldun zwei 
Kampfarten: die erste nennen sie das Gefecht mittelst An- 
sturmes und Zurückweichens , die zweite aber das Gefecht 
mittelst Linienanmarsches. Die Völker, welche der ersteren 
Kampfart sich bedienten, pflegten im Rücken des Heeres 
durch Anhäufung des Gepäckes, der Reitthiere u. s. w. sich 
eine Art Verschanzung zu bilden, um einen Stützpunkt zu 
haben, wohin ihre Reiterei sich zurückziehen und wo sie sich 
sammeln konnte, um dann wieder zum Angriff" zu schreiten. 
Diese Kampfart hatte die Folge, dass die Schlachten sehr 
lange unentschieden blieben. Aber auch die Völker, welche 
den Angriff mittelst Linienanmarsches ausführen, pflegten 



218 VL Dm Kriegswesen. 

raanchmal solche Verschanzungen im Rücken der Armee zu 
errichten. 

Die Perser Hessen in ihren Kämpfen mit den Arabern 
£lephanten in die Schlacht rücken, die auf ihrem Rücken 
Thürme trugen, welche mit Fahnen geschmückt, und mit 
Soldaten und Schützen gefiillt waren. Während der Schlacht 
hielt man gewöhnlich die Kriegselephanten, in Reihen auf- 
gestellt, hinter der Schlachtlinie und nur im äußsersten Noth- 
falle führte man sie ins Gefecht. Allein in der Schlacht von 
Kadisijja, die den Persern die schöne Provinz Irak kostete, 
bewährten sich die £lephanten nicht, denn als man sie am 
dritten Tage aus der Reserve ins Gefecht führte, gelang es 
den Arabern, indem sie ihnen die Rüssel verwundeten, die- 
selben scheu zu machen, so dass sie umkehrten und im 
persischen Heere die grösste Verwirrung hervorriefen. 

Die Griechen sowohl als die Gothen hatten nach Ibn 
Chaldun als Sammelplatz des Heeres einen Thron, auf dem 
der König oder Oberbefehlshaber während der Schlacht sass 
und den Verlauf derselben beobachtete. Um ihn standen 
die Diener, das Gefolge und die Leibgarde. An den vier 
Seiten des Thrones pflegte man Standarten aufzustecken und 
rund herum bildete eine auserkorene Truppe von Bogen- 
schützen und Lanzenträgern einen Ring. Diese Throne, die 
manchmal von ungeheurem Umfang waren, dienten den 
Heerestheilen als Sammelpunkt. In der Schlacht von Kädi- 
sijja sass der persische Befehlshaber auf einem solchen: als 
er aber sah, wie die Araber seine Heereslinie durchbrachen, 
ergriff er die Flucht gegen den Euphrat zu, wo er getödtet 
ward. ^) 

Die Beduinenaraber, sowie die meisten Nomadenvölker, 
welche die Gefechtsart mittelst Ansturmes und Zm'ückweichens 



1) Kaiser Otto IV. hatte in der Schlacht von Bouvines einen Fahnen- 
wagen, über dessen Mastbaum ein auf bezwungenen , goldenen Drachen 
Hegender Adler befestigt war. Raumer: Gesch. d. Hohenstaufen V. öOO. 



VI. Da« Kriegswesen 219 

haben, pflegen sich einen Vereinigungspiinkt im Rücken des 
Heeres dadurch zu bilden, dass sie dort die Kameele niedcr- 
liegen lassen und die anderen Reit- und Lastthiere mit 
den Frauen und Kindern versammeln. 

* Die arabischen Armeen 'der . ersten Zeiten hatten die 
Gewohnheit, mittelst Linienanmarsch den Angriff zu machen. 
Nicht, dass ihnen etwa die andere Kampfweise unbekannt 
gewesen wäre, die ja ihren Beduinensitten ganz angepasst 
war, aber zwei Gründe bestimmten sie, nach Ibn Chaldun, 
dem wir hierin folgen, der ersteren Kampfart den Vorzug zu 
geben. Erstens war dies auch die Kampfart ihrer Gegner 
und dies zwang sie in derselben Weise vorzugehen ; zweitens 
aber bestimmte sie hiczu auch der Wunsch, Beweise ihres 
Muthes zu geben, indem sie ihre Feinde angriffen, wobei 
sie in der Ueberzeugung lebten, durch den Tod auf dem 
Schlachtfelde der Aufnahme in das Paradies sich zu ver- 
sichern. 

Der erste arabische Herrscher, der diese alte Art der 
Gefechtsformation in Linie und fünf Heerestheile verliess, 
war Marwan H., der letzte Omajjade. Er gab die Linien- 
formation und den Anmarsch in Linie auf und setzte an 
deren Stelle die Formation in kleineren compacten Truppen- 
körpern (kardus, cohors, xoöpTic;^). 

Eine gute Schilderung der alten Schlachtordnung hat 
Ibn Atyr (IV. 341) erhalten. Der omajjjadische Feldherr 
'Attab hatte Shabyb, den gefurchteten Anführer der unter 
dem Namen der Azrakiten bekannten charigitischen Secte, 
zu bekämpfen. Seine Armee bestand aus 40,000 Mann regu- 
lären Truppen (mokätilah) und 10,000 Mann jungen Mann- 
schaften und Tross. Er theilte sein Heer in einen rechten 
und linken Flügel und nahm selbst seinen Platz im Centrum. 
Die Fusstruppen stellte er daselbst in dreifacher Linie auf. 



Ibn Chaldun: Prolog. II. 81. Ibn Atyr V. 267. Ibn Chaldnn: 
AUg. Gesch. III 165, 195. 



220 ^- !>»• Kriegswesen. 

in der ersten Reihe standen die mit Schwertern Bewaffneten, 
in der zweiten Linien die Lanzenträ^er, in der dritten die 
Bogenschützen. 

Die Lanzenträger pflegten auch in solchen Fällen nieder- 
zuknieen iind die Lanzen vorzustrecken. *) 

Ein Beispiel der neueren (Jefechtsforniation haben wir 
in der Schlacht, die Tahir, der Feldherr des Ma'mun, dem 
Befehlshaber der Truppen des Gegenchalifen Amyn lieferte. 
Dieser stellte sein Heer auf, wie folgt: Centrum, rechter und 
linker Flügel; dann bildete er. zehn Fähnlein (räjah) zu je 
100 Mann und stellte sie im Centrum hinter einander so auf, 
dass sie je einen Bogenschuss (60 — 80 Schritt) von einander 
entfernt waren. Dazu ertheilte er den Befehl, dass sie nach 
einander ins Gefecht rücken sollten, in der Art, dass, sobald 
das erste Fähnlein ermüdet sei, das zweite an dessen Stelle 
einzutreten hätte, um das erste abzulösen. Jene, welche 
Panzerhemden hatten, stellte er im ersten Gliede auf. Tahir 
hingegen theilte seine Armee in Gehörten (kardus) und trug 
auch den Sieg davon, '^) indem er das Centrum angriff, das 
erste Fähnlein zuiückdrängte , und dadurch die anderen in 
Unordnung brachte. 

Ein spanischer Muselmann des sechsten Jahrhunderts, 
der bekannte Tartushy (d. i. der aus Tortosa Gebürtige), 
Verfasser des Buches : Siräg almoluk (Leuchte der Könige) 
schildert als Augenzeuge die Kampfart der Muselmänner in 
Spanien gegenüber den spanisch-christlichen Truppen, wie 
folgt: die erste Linie bildeten die Fusstruppen, bewaffnet 
mit vollen (d. i. grossen) Schildern und langen Lanzen, 
neben welchen sie noch mit Wurfspeeren versehen waren. 
In festgeschlossenen Reihen nahmen sie ihre Stellungen ein. 
Die Lanzen haben sie hinter sich in die Erde aufgepflanzt, 
während sie sich bereit machen, mit den Wurfspeeren den 



n Ibn Atyr IV. 344. 
2) 1. 1. VI. 168. 



71. Da« KriegBire««!!. 221 

Feinfl zu empfangen. Jeder Soldat kniet auf dem linken 
Knie und hält das Schild vor sich auf dem Boden gestützt; 
hinter dieser ersten Reihe stehen die Bogenschützen und 
hinter diesen ist die Reiterei aufgestellt. Erfolgt nun der 
Angriflf des Feindes, so darf keiner, der da kniet, sich er- 
heben oder von der Stelle weichen; ist der Feind bis auf 
Schussweite herangekommen, so schiessen die Bogenschützen 
und schleudern die Fusssoldaten ihre Speere, worauf sie 
die Lanzen entgegenstrecken. Die Reiterei aber bricht in 
den Zwischenräumen hervor und reitet auf die feindlichen 
Truppen ein.*) 

Zum Schlüsse dieser Darstellung der Gliederung des 
arabischen Heerwesens haben wir nur noch beizufügen, dass 
Gepäck, Proviant und Tross, sowie auch die schweren Ge- 
schütze und Belagerungsmaschinen im Nachtrapp mitgefuhrt 
wurden. 2) Die Araber waren auch hierin bei den Byzan- 
tinern in die Lehre gegangen. Wie diese hatten sie Ballisten 
und Katapulten (manganjk, *arr&dah), mit welchen sie Stein- 
blöcke oder Balken gegen die belagerte Stadt schleuderten. 
Zum Einrennen der Wälle diente wie im Alterthume der 
Widder (aries, kabsh) und zum Unterminiren der Mauern 
die Schildkröte (testudo, dabbäbah). Die Wurfmaschinen 
verstand man in solcher Stärke herzustellen, dass die Fels- 
blöcke, welche sie schleuderten, nicht etwa im Bogen fliegend 
erst im Falle die Mauern und Gewölbe durchschlugen, sondern 
dass das Geschoss in gerader Schusslinie gegen die Mauern 
flog und dieselben durchbrach. Um so grosse Wirkung zu 
erzielen, ipusste man die Hebelbalken bedeutend verlängern 
so dass die Maschinen ganz ausserordentliche Dimensionen 
annahmen. Zum ersten Male erscheinen diese verbesserten 
Kriegswerkzeuge, die später im zwölften Jahrhundert die 
Wälle von Ravello bei Amalfi erschütterten und die Griechen 



i) Siräg almoluk foL 180 meiner Handschrift cap. 58. 
2; Goeje: Fragm. Hist Arab. II. 480, 486. 



222 Tl. Dm KrIegiireBeii. 

in Salonich in Schrecken setzten, bei der Belagerung von 
Salerno im Jahre 861 Chr. und von Syracus im Jahre 877 : 
die Verbesserung dieser Kriegsmaschinen scheint also jeden- 
falls den africanischen oder sicilianischen Arabern unter der 
Herrschaft der Aghlabiden zuzuschreiben zu sein. *) 

Nächst den orientalischen Quellen besitzen wir eine 
höchst lehrreiche Beschreibung der arabischen Kriegführung 
von dem byzantinischen Kaiser Leo VI., genannt der Weise, 
in seinem Buche über das Militärwesen: Tactica. Er hat 
zwar nicht selbst gegen die Saracenen gefochten, aber sein 
Vater Basilius, auf dessen Lehren und Erfahrungen er sich 
beruft, hatte sie nicht ohne Glück bekriegt. Ausserdem 
standen dem Kaiser im ausgiebigsten Maass die Berichte 
der Grenzcommandanten und Statthalter zur Verfügung. Leo 
regierte von 886, wo sein Vater starb, bis zu seinem Tode 
im Jahre 912, er war also ein Zeitgenosse der Chalifen Mo'ta- 
mid, Mo'tadid, Moktafy und Moktadir, wo zwar das arabische 
Staatswesen schon im Verfalle war, aber trotzdem die alten 
Einrichtungen durchaus noch fortbestanden ; besonders unter 
dem Erstgenannten hatte des Chalifen tapferer Bruder Mo- 
wafFak durch glückliche Kriege gegen die Charigiten das 
arabische Heerwesen sehr gehoben und zugleich die tür- 
kischen Prätorianer, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder 
zu beseitigen verstanden. In diese Zeit fallen die Schil- 
derungen Leo's des Weisen, der mehr schriftstellerte als 
für einen Fürsten gut und nützlich ist, sich aber dadurch 
den Namen des Weisen erwarb, auf den ihm weder sein 
öffentliches noch häusliches Leben den geringsten Anspruch 
verleiht. In einem gelehrten Werke über das Kriegswesen 
behandelt er nicht nur die Grundsätze der römischen und 
griechischen Kriegskunst, sondern schildert auch die Kampf- 
art der mit dem byzantinischen Reiche oftmals im Streite 
liegenden Nachbarvölker, worunter die Araber die erste 

1; Vgl. Amari : Storia dei Musulmani della Sicilia I. p. 396 III, 588. 



TL "DtM Kriegswesen. 223 

Stelle einnehmen, obgleich man damals in Byzanz noch 
keine Ahnung von der Gefahr hatte , die von Seite des 
Islams dem Bestände des Reiches drohte. 

In der Bewaffnung und Ausiüstung unterschieden sich 
die arabischen Soldaten nicht wesentlich von den griechi- 
schen. Sie war fast ganz dieselbe : Bogen und Pfeile, Lanzen 
und Wurfspeere, Schwerter und Streitäxte ; den Kopf schützte 
der Helm, den Körper ein Panzei*wamms und an den Armen 
und Beinen trug man Eisenschienen. Gürtel, Zügel und 
Schwerter pflegten die Saracenen schön mit Silber zu ver- 
zieren, die Pferdesättel waren ganz wie die byzantinischen 
und entsprechen genau den noch heute im Oriente üblichen 
(Tactica, Cap. XVm, 116 i)- 

Der Transport des Gepäckes und Kriegsmaterials oder 
Proviants erfolgte nicht wie bei den Griechen mittelst 
Karren oder auf Packpferden, Maulthieren und Eseln, 
sondern mittelst der Kameele und in der Schlacht bedienten 



^) Die Ansrüstung^ des byzantinischen Soldaten war wie fol^: Bogen, 
Pfeile und Pfeilköcheri grosse Schilder, kleine Tartschen für das angrei- 
fende FnssYolk, oder auch runde abgeschliffene Eisenschilder mit einem 
Buckel oder Dom in der Mitte, Lanzen von 8 Ellen Länge, Wurfspiesse, 
Aexte und Streitkolben, welche eine keilförmige eiserne Spitze auf der 
einen und einen schneidenden Halbmond auf der anderen Seite hatte, eine 
Form, die noch jetzt in der Türkei (bozdoghftn) sehr üblich ist und auch 
in Ungarn unter dem Namen Fokos allgemein im Gebrauche geblieben ist, 
breite zweischneidige Schwerter, die an der Hüfte getragen wurden, Wfimmser 
mit Metallschuppen oder von Büffelleder, an der Brust mit Eisen belegt. 
Eisenschienen an Armen und Beinen, eiserne Helme, Schleuder und Hand- 
siphon, letzteres um das griechische Feuer zu werfen. Der berittene Bogen- 
schütz sollte ein Panzerhemd haben, das bis ans Knie reicht, das Schwert, 
lang, gerade und breit, trug er an einem Wehrgehänge, die Pferde hatten 
Brust und Stirne mit Eisenschienen bedeckt, der Sattel war ganz der noch 
im Orient jetzt gebräuchliche. 

Die arabischen Krieger schildert der Kaiser Constantinus Porphyro- 
genneta in seinem Werke: De administrando imperio Cap. XX: Sie sind 
kräftig und kriegerisch, so dass, wenn auch nur tausend von ihnen ein 
Lager besetzt halten, es unmöglich ist, dasselbe einzunehmen. Sie reiten 
nicht auf Pferden, sondern auf Kameelen, im Kriege tragen sie keine Eisen- 



224 Vr. Dm Kriegswesen. 

sich die Araber nicht der Trompeten oder Hörnersig^nale, 
sondern kleiner Pauken, deren dumpfer unp^ewohnter Ton, 
sowie der eben so fremdartige Anblick der Kameele, nach 
Leo's Versicherung, die Pferde der byzantinischen Reiterei 
im hohen Grade erschreckte (Cap. XVllI. 113). Ungeheuie 
Mengen von Kameelen begleiteten die arabischen Heere, 
die bei dem Marsche in die Mitte genommen wurden. Man 
pflegte deren Packsättel mit Fähnlein und farbigen Lappen 
zu schmücken, wie noch jetzt bei den Karawanen dies ge- 
bräuchlich ist, und Kaiser Leo bemerkt hinzu, dass bei den 
grossen Massen der überwältigende Gesammteindruck hie- 
durch noch erhöht ward (Cap. XVIII, 115). Die Fuss- 
truppen verstärkte man mit africanischen Bogenschützen, 
die keine schweren Waflfen trugen und die Vorhut der Rei- 
terei bildeten (115). Auch nahmen die Reiter die Fuss- 
gänger aufs Pferd, so dass jeder einen Fussgänger hinter 
sich aufsitzen Hess. Doch kam diess nur bei Kriegszügen 
in nicht zu grosser Entfernung vor. Bei weiteren Expedi- 
tionen ma<;hte man auch die Fusstruppen beritten (116). 
Nachtgefechte vermieden die Saracenen; desshalb pflegten 
sie, sobald sie auf feindlichem Gebiete sich befanden, sich 
nach jedem Tagesmarsch in befestigte Stellungen zu be- 
geben und daselbst zu übernachten, oder ihre Lagerplätze 
mit Sorgfalt zu verschanzen, so dass sie keine feindliche 
Ueberrumpelung zu befürchten hatten (119). 

Ihre Schlachtoi'dnung war immer die eines länglichen 
Vierecks, desshalb auch äusserst schwer anzugreifen und 
die grössten Vortheile für die Vertheidiguug darbietend. ') 



rüstnngen (Ocopaxa^) oder Panzerhemden (xXißovia), sondern faltige Wämmser 
(wohl von Leder mit Metallschuppen). Ihre Waffen sind lange Lanzen, 
grosse Schilder, die fast den ganzen Körper bedecken und Bogen aus ela- 
stischem Holze, die so gross sind, dass Personen von kleiner Statur kaum 
im Stande sind, sie zu spanneu. 

^) Dies muss die Anordnung in Cohorten (kar&dys) sein, von der 
die arabischen Annalisten sprechen. 



VT. Dat KrUgswesen. 225 

Diese Schlachtordnung* hielten sie strenge ein, sowohl auf 
dem Marsche, als in der Schlacht und im Handgemenge (119). 
Sie ahmen hierin, fügt Leo hinzu, die Römer nach, indem 
sie, wie in anderen Dingen, so auch hier in derselben Weise 
jene bekämpften, wie sie durch die Erfahrung es von ihnen 
kennen gelernt haben (120). In dieser Schlachtordnung 
pflegten die Saracenen fest und unerschütterlich Stand zu 
halten und sich weder zum übereilten Angriffe, noch aber 
zum Abbrechen des einmal begonnenen Kampfes hinreissen 
zu lassen. Gewöhnlich zogen sie es vor, den Angriff zu er- 
warten, sobald sie aber sahen, dass der erste Anprall abge- 
schlagen war, begannen sie selbst mit aller Macht einen 
Vorstoss zu fuhren. Diese Kampfart beobachteten sie sowohl 
im Gefecht zu Land als zur See. Zuerst beschossen sie 
den Feind mit Wurfspeeren und Pfeilen, dann aber schlössen 
sie die Schilder aneinander und gingen zum Angriff in 
dichten Reihen vor (121, 122, 123). 

Im Kriege zeichnen sich die Saracenen vor allen an- 
deren Nationen dui'ch grosse Umsicht und treffliche Anord- 
nung aus (124). 

Sie ziehen in den Krieg nicht durch die Conscription 
gezwungen, sondern freiwillig. Die Reichen betheiligen sich 
um fiir das Vaterlan<l zu kämpfen und zu sterben, die 
Armen um Beute zu machen. Die Waffen liefern ihnen ihre 
Landsleute, und Männer sowohl als Frauen tragen eifrigst 
hiezu bei, indem sie die Arinen und Mittellosen auf ihre 
Kosten mit Waffen versehen (129). *) 

Dies sind im Wesentlichen die Beobachtungen, welche 
Leo der Weise uns über di6 arabische Kriegsführung mit- 
theilt. £r ahnt nicht, dass jene Saracenen, die er Barbaren 
und Ungläubige nennt, damals an Cultur den verrotteten 
Byzantinern weit überlegen waren, dass sie zu jener Zeit 



^S^- ^1^ übereinstimmenden Stellen in Coustantini Imperatoris 

Romani filü Tactica, die daraus abgeschrieben sind. 

▼. Kram er, CnliurgMchlcht« de« Oriente. 15 



226 



Tl. Du.Kriegsweien. 



r 



im Gegensätze zu Byzanz den Fortschritt und die Civili- 
sation vertraten, während die entarteten OstrÖmer schon 
den Keim der Auflösung in sich trugen. Aber manches 
liefert uns den Beweis, wie sehr die Byzantiner selbst den 
Namen von Barbaren verdienten, den sie jenen gaben. So 
lernen wir von Leo, dass sie mit vergifteten Pfeilen die 
Saracenen und besonders deren Reiterei beschossen, indem 
diese auf ihre Pferde fast mehr achteten als auf sich selbst 
und häufig sich lieber zurückzogen als ihre Pferde durch 
vergiftete Pfeile tödten zu lassen (136). Die Verheerung 
und Verbrennung der feindlichen Dörfer ist byzantinische 
Kriegsregel (cap. IX), während das arabische Kriegsrecht 
dies nur mit gewissen Beschränkungen gestattet, die aller- 
dings in der Praxis oft unbeachtet blieben. Die Gefangenen 
als Sklaven zu verkaufen galt bei Arabern und Byzantinern 
als Regel und nur hinsichtlich der Theilung der Beute, wor- 
über bei letzteren Vorschriften nicht bestanden, hatte das 
religiöse Gesetz den Moslimen unwandelbare Grundsätze 
vorgezeichnet, die gewöhnlich auch strenge eingehalten 
wurden, so lange überhaupt die alte Disciplin noch nicht 
gelockert war. 

Wie es mit der moralischen Ueberlegenheit der Araber 
gegenüber den Griechen stand, kann man aus der zuletzt 
angeführten Stelle entnehmen, wo von der allgemeinen frei- 
willigen Betheiligung der Saracenen am Kriege die Rede 
ist. Man liest zwischen dejn Zeilen, wie sehr dieser Gegen- 
satz zu den eigenen heimatlichen Zuständen den Kaiser 
schmerzlich berührte. 

Was aber ganz besondere Beachtung verdient, ist IjCo's 
Bemerkung über die ungeheuren Massen von Transport- 
kameelen bei den arabischen Heeren ; während die Byzan- 
tiner sich nur der Pferde, Maulesel und Esel, oder mit 
Ochsen bespannter Karren bedienten, vollzogen die Araber 
ihre Transporte von Menschen und Gepäck viel schneller 
und sicherer mittelst der Kameele, selbst durch wasserlose 



VI. Das Eriegawesen. 227 

Gegenden, die kein griechisches Heer zu passiren vermochte, 
ein Vortheil, der nicht hoch genug angeschlagen werden kann. 
Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, dass 
die Araber durch das Kameel allein schon aus den meisten 
Kämpfen mit den Griechen als Sieger hervorgehen mussten. 
Das geduldige Thier eroberte für sie Syrien und Aegypteu. 
In Kleinasien scheint das Kameel vor der mohammedanischen 
Herrschaft nicht verbreitet gewesen zu sein. Es folgte den 
Siegen des Islams. Mit den Erobeningszügen der Türken 
kam es zum ersten Male seit dem Einbrüche der Perser 
nach Griechenland wieder auf europäischen Boden, ebenso 
wie die Araber es i\^ch Spanien brachten, ^) von wo es mit 
dem Ende der maurischen Herrschaft auch allmälig ver- 
schwand. Das merkwürdigste mir bekannte Beispiel aber, 
wie das Kameel die Wanderungen der asiatischen Völker 
begleitet, ist in der letzten nach deni Krimkriege stattge- 
fundenen Einwanderung der Tartaren aus der Krim nach 
der Dobrutscha gegeben. Sie brachten ihre Kameele mit, 
die sich schnell acclimatisirten und zum Lasttragen sowohl 
als zum Pflügen und Ziehen benützt werden. Ich sah in 
Galatz tartarische Karren, von Kameelen gezogen, die ge- 
frorne Donau überschreiten. 

Grossartig und überwältigend muss der Anblick dieser 
arabischen Heere gewesen sein, wenn sie das feindliche 
Gebiet in unabsehbaren Colonnen durchzogen. Schaaren 
leichter Reiterei in schimmernden Panzerhemden und glän- 
zenden Staiilhelmen mit ihren langen Lanzen, deren oberster 
Theil ein Büschel schwarzer Straussfedern schmückt, bil- 
deten den Vortrapp, ihnen waren Abtheilungen der Bogen- 
schützen beigegeben, braune, sehnige, halbnackte Bursche, 
die fast so schnell liefen, als jene ritten. . Ebenso wurden 



IM 



*j In der Schlacht von Grauada, 1212 Chr., hatten die Araber 300 Ka- 
meele in ihrem Heere. La Fuente: Historia de Grenada. Granada 1844, 

Tom II. p. 275. 

15* 



228 VT. Dm Kri^d^iwoMn. 

(He beiden Flügel durch Streifcorps gegen Ueberfiille ge- 
deckt. Im Centrum bewegte sich in dichten Massen das 
Fussvolk, mit Wurfspeeren, Schwert und Schild bewaffnet, 
in dessen Mitte in langen Reihen die Tausende von Ka- 
meelen dahinzogen, die den Proviant, die Zelte, den Waffen- 
vorrath zu tragen hatten, während die Ambulanzen, die 
Sänften für die Kranken und Verwundeten, dann die in 
Stücke zerlegten und auf Kameele, Maidesel und Saumrosse 
verpackten Kriegsmaschinen im Nachtrap))e folgten. Befand 
sich aber der Chalife selbst oder einer der Prinzen bei dem 
Heere, so erhöhte sich die Pracht des Schauspieles durch 
die bunten, goldverzierten Costüme der fürstlichen Leib- 
garden : da sah man die persischen Garden mit ihren hohen 
schwarzen Ijammfellmützen, die türkische Palastwache mit 
glänzend weissen Turbanen, auf den Fahnen und Standarten 
blinkte der in Gold gestickte Namenszug des Herrschers, 
der in der Mitte seines Hofstaates, umgeben von den obersten 
"Befehlshabern, auf seinem von Gold und Juwelen strahlenden 
Zelter einherritt. Ihm folgten in nächster Nähe die an ihren 
verzerrten Zügen leicht erkennbaren Eunuchen und eine 
Reihe dicht verschleierter Palankine, in denen die aus- 
erkornen Damen des Harems sich befanden. Der dumpfe, 
dm'chdringende Ton der kleinen Doppeltrommel ertönte 
von Zeit zu Zeit und beheri-schte das Geräusch und Ge- 
tümmel des Marsches. Wenn man aber endlich nach kurzem 
Tagesmarsch an dem vorher bestimmten l^agerplatz ange- 
kommen war, wo schon der Vortrapp Verschanzungen und 
Gräben hergestellt hatte, da entstand plötzlich wie auf den 
Wink eines Zauberstabes eine grosse Stadt von Zelten mit 
Strassen, Märkten und Plätzen, bald flammten die Lager- 
feuer und sotten die Kessel und nach dem einfachen Abend- 
mal begannen sich Kreise zu bilden, wo man Kriegsaben- 
teuer erzählen oder altarabische Gedichte unter Begleitung 
der Flöte oder Violine vortragen hörte. Erst wenn die 
Sterne am nächtlichen Himmel sich senkten, ward es alt 



VI. Daa Eriegtiwesen. 229 

mälig stille und breitete sich die Ruhe der Nacht über das 
Lager und seine buntgemischte Bevölkerung. 

Hiemit hätten wir über die Gefechtweise und Taktik 
der arabischen Heere einen Ueberblick gewqnnen, der ge- 
stattet, von den militärischen Verhältnissen jener Zeit uns 
eine annähernd richtige Vorstellung zu machen. 

Jetzt erübrigt nur, den Faden unserer Untersuchung 
dort aufzunehmen, wo wir ihn verlassen haben, und die 
Löhnungsfrage der Truppen, insoweit Nachrichten hierüber 
erhalten sind, auch für die Epoche der Abbasiden zu be- 
sprechen. 

Wir haben früher gesehen, dass unter den Omajjaden 
die durchschnittliche Löhnung eines gemeinen Soldaten 
1000 Dii'ham jährlich betrug. Mit dem Emporkommen der 
Dynastie der Abbasiden tritt in dieser Beziehung eine 
Herabminderung ein. Der Sold des Gemeinen unter dem 
Chalifen SaflGah, dem ersten Abbasiden, belief sich auf nur 
80 Dirham monatlich, also 960 Dirham im Jahre; ier 
Reiter erhielt ungefähr das Doppelte. ') Im Anfange war 
die Löhnung noch niedriger und erst auf die Nachricht 
von der gegen den letzten Omajjaden gewonnenen Schlacht 
Hess er jedem Soldaten ein Geschenk von 500 Dirham er- 
theilen und erhöhte den Sold des Fussgängers auf 80 Dirham. 2) 

Abdallah Ibn Aghlab, der im Jahre 184 H. (800 Chr.) 
mit der Statthalterschaft von Africa belehnt ward, nachdem 
er früher Präfect der Provinz Zäb gewesen war, zahlte im 
Jahre 196 H. (811 — 12 Chr.) jedem Berittenen einen täg- 
lichen Sold von 4 Dirham, also 120 Dirham monatlich und 
1440 Dirham jährlich, jedem Fussgänger aber die Hälfte. ^) 
Es scheint diese Löhnung als besonders hoch betrachtet 



1) Ibn Atyr V. 322. 

^) 1. 1. Derselbe Fürst soll auch die Jahresdotationen um 100 Dir- 
ham erhöht haben. Qoeje: Fragm. Hist. Arab. I. 200. 
^) Ibn Atjr VI. 187. 



230 VI. Du Kriegs weseo. 

worden zu sein, denn es wird hinzugefügt, dass auch viele 
Berberen sich unter seine Fahnen einreihen Hessen. Endlich 
besitzen w^ir aus der Zeit der höchsten Blüthe des Chali- 
fats unter M^'mun die Nachricht, (lass im Jahre 201 H. 
(816 — 17 Chr.) die Armee, welche in Irslk stand und diese 
Provinz besetzt hielt, 125.000 Mann stark war iipd dass der 
Sold eines Fusssoldaten 20 Dirham monatlich, der eines 
Reiters das Doppelte betrug. ') Der jährliche Sold selbst 
eines Reiters war also nur mehr 480 Dirham. Ma'mun 
zahlte den Truppen des Militärbezirkes von Damascus: jedem 
Reiter monatlich 100 Dirham, jedem Fusssoldaten aber 
40 Dirham. ^) Es zeigt sich also im Vergleich mit der 
Ziffer des Soldes in der ersten Zeit der Omajjaden eine Ver- 
minderung um mehr als die Hälfte. 

Diese Erscheinung zu erklären föllt nicht schwer. Im 
Anbeginne des Chalifats bestanden die arabischen Heere 
ausschliesslich aus echten Vollblutarabern, die nach Stämmen 
gruppirt für gutes Geld und Aussicht auf reiche Beute sich 
am Kriege betheiligten. Auf diesen Stämmen beruhte aus- 
schliesslich die Macht der Regierung. Aber die Geldgier 
der Araber kannte keine Grenzen , sie stellten maasslose 
Anforderungen und man musste sie bewilligen, dafür schlugen 
sie sich gut. Allein bei der ungeheuren Ausdehnung, welche 
die Eroberungen der moslimischen Waffen schon unter den 
ersten Chalifen gewannen, verbreitete sich das arabische 
Element in solchem Grade, dass es zur zwingenden Noth- 
w^endigkeit für die Eroberer ward, sich möglichst schnell 
zu verstärken. Die Polygamie, die im ausgiebigsten Maassc 
zur Vermehrung der arabischen Rasse benützt ward, lieferte 
nicht schnell genug den erforderlichen Bedarf an Menschen. 
Hingegen brachte die gewaltsame Verbreitung des Islams 



1) Ihn Atyr VI. 228. 

^) Goeje: Fragm. Eist. Arab. 464. Vgl. auch ebendaselbst p. 42.S 
und p. 433. 



\ 



VI. Das Kriegaweaen. 231 

den Arabern einen roichen Zuwachs neuer Kräfte, die aller- l ! 
dings ein fremdes, unberechenbares Element in ihr Staats- 
wesen einführten, dessen zersetzende Einwirkungen erst 
geraume Zeit später sich fühlbar machten. In den so ver- 
schiedenen Ländern, die eine Beute der mohammedanischen 
Waffen wurden, schlössen sich den Siegern theils aus Ueber- 
zeugung von der Wahrheit einer Religion, die so riesige 
Erfolge aufzuweisen hatte, theils aus selbstsüchtigen Gründen 
grosse Schaaren der eingebornen Bevölkerung an. Die durch- 

.aus demoki*atische Richtung des frühesten mohammedani- 
schen Staatsrechtes beförderte insoferne solche Massenbe- 
kehi'ungen, als der Grundsatz galt, dass jeder Fremde, der 
zum Islam übertrat, hiemit alle Rechte des Moslims erlange. 

•Zwar verlor er nach den unter Omar's Regierung geltenden 
Grundsätzen sein Eigenthum an Grund und Boden, allein 
es verblieb ihm seine bewegliche Habe, er ward in die 
Gehaltslisten der Moslimen eingetragen und erhielt seine 
jährliche Gehaltsdotation. Er gehörte fortan der herrschenden * 
Rasse an und die hiemit verbundenen Vortheile waren sicher [ 
nicht gering. Ausserdem fugte es sich bei dem Uebertritte 
zum Islam gewöhnlich so, dass man hiemit zugleich die 
Aufnahme in den Verband eines der grossen arabischen 
Stämme oder das Patronat eines der mächtigen Feldherrn 
und Staatsmänner, vielleicht sogar der herrschenden Dyna- 
stie, erlangte. In jenen Zeiten war aber dies die sicherste 
Gewähr für Sicherheit der Person und des Eigenthumes. 
Der Uebertretende ward Client und stand nach den Grund- 
sätzen des Clientelverhältnisses in unmittelbarer verwandt- 
schaftlicher Beziehung zu seinem Patron. ') 

So kam es, dass in den untei*worfenen Ländern, in 
Syrien, Aegypten, Africa, wie in Ii*äk, Persien und Trans- 
oxanien grosse Massen von Eingebomen sich den Eroberem 



i) Gesch. der herrsch. Ideen d. Islams p. 372; CnlturgeschichtL 
Streifoäge p. 11 und 16, vgl. BalÄdory 873. 



232 VI. Das Kriegswesen. 

anschlössen, indem sie den Islam annahmen und zu ara- 
bischen Familien oder Stämmen in das Clientelverhältniss 
traten. Sicher ist es, dass die Mehrzahl dieser Neubekehrten 
das so einträgliche Kriegshandwerk wählten und in der 
Armee Dienst nahmen. So liegt die Angabe vor, dass Tärik, 
derselbe welcher Spaiiien eroberte und dessen Namen die 
Insel Gibraltar (Gabal Tärik) fuhrt — der selbst ein Client 
war — sein Heer dergestalt mit Berberen verstärkte, die 
zum Islam übergetreten waren, dass diese die Mehrzahl aus- 
I machten: dabei waren diese Bekehrungen so oberflächlich, 
\ dass man eigene Religionslehrer aufstellen musste, um die 
Neubekehrten im Koran und den Religionsvorschriften zu 
unterrichten und sie dergestalt zu Moslimen zu erziehen. *) 
Mit diesem, wie man sieht, nur zum kleineren Theil aus 
echten Arabern bestehenden Heere ward kurz nachher 
Spanien erobert. 
^^ { I Ganz in derselben Weise erfolgte auch in den anderen 

•=^ n^ * * * Ländern eine durchgreifende Aufmischung der herrschenden 
^o [ Nation mit den unterjochten Landeseingebornen. So finden 
wir schon in der Geschichte der ersten Eroberungszüge 
nach Chorasd,n eine Angabe, laut welcher das moslimische 
Heer, das über den Oxus vordrang und Säghänijän bela- 
gerte, flinftausend Mann zählte, wovon jedoch ein Fünftel 
Perser waren, die den Islam angenommen und mit den 
Arabern gemeinsame Sache gemacht hatten.^) 

Auf diese Art kam es, dass die Chalifen keineswegs 
mehr wie früher auf die Dienste der grossen arabischen 
Stämme allein angewiesen waren, sondern unter den zum 
Islam übergetretenen Völkern so viel Rekniten fanden, als 
sie nur haben wollten. Die Heere wurden bedeutend zahl- 
reicher und zählten unter den ersten Abbasiden schon, wie 
die oben gegebenen Ziffern dart^un, nach Hunderttausenden, 






1) Ibn Atyr IV, 428. 

2) Baladory p. 407. 



YI. Das Kriegswesen. 233 

aber in demselben Maasse musste man auch bedacht sein, | 
den Sold zu vermindern. Ausserdem darf man nicht ver- 
gessen, dass seitdem der Werth des Groldes um ungefähr 
ein Drittel sich erhöht hatte. Der Dynar, welcher unter 
Omar den Werth von 10 Dirham hatte, galt unter Ma'mun 
schon 15 Dirham. 

Die Abbasiden hatten die ihnen vorausgegangene Dy- 
nastie nicht mit arabischen Truppen besiegt, sondern die ! 
grössten Theils aus Chorasanern bestehende, von Abu Moslim 
geführte Armee hatte ihnen zum Siege verholfen. jVIan kann 
daher auch mit Recht sagen, wie dies schon in den einhei- 
mischen Schriften deutlich genug betont wird, dass mit dem 
Beginne der Herrschaft der Abbasiden das arabische Element - » 
aufhörte, das herrschende im Staatswesen zu sein, indem ^ { 
von nun an die Perser das entscheidende Wort führten. *) 

Unter dem Chalifen Mansur, der viel mit militärischen 
Dingen sich befasst zu haben scheint, und selbst die Heer- 
schau über seine Truppen abzuhalten pflegte, wobei er auf 
seinem Thron sitzend; mit Panzer und Helm bekleidet, die 
Truppen defiliren Hess, bestand die Armee aus drei grossen 
Abtheilungen: 1) nordarabische Stämme (Modar), 2) südara- 
bische Stämme (Jemeniden), 3) Chorasaner.^) Letztere Truppe 
war das eigentliche Gardecorps der herrschenden Familie, 
die sich dadurch gegen Soldatenaufstände zu sichern wusste, 
dass sie zwischen den beiden ersten stets auf einander eifer- 
süchtigen Abtheilungen die Zwietracht nährte und so den 
einen Theil der Armee durch den anderen beherrschte. ^) 
Diese Politik der Theilung der Armee in verschiedene na- 
tionale Coi-ps, um sich dadurch gegen die Gefahr eines all- 
gemeinen Soldatenaufstandes zu sichern, setzten die späteren 



Cultargeschichtl. Streifzüge p. 31. 

2) Ibn Atyr V. 462. 

3) Ibn Atyr V. 462. 463. 



n 



234 yj. Dos Kri4>gsw6ten. 

I Chalifen fort, wenngleich sie hiemit die Gefahr, welche sie 

j vermeiden wollten, erst recht herbeiführten. 

Zu den drei Corps der südarabischen, nordarabischen 
und chorasanischen Truppen kam schon unter Mo'tasim ein 

I viertes, welches in Kürze das gefahrlichste ward: das der 
A Ferghaner' (faräghinah) oder der Türken. Den ersteren 
Namen erhielten sie von der Stadt und Landschaft Ferghäna, 
aus der sie der Mehrzahl nach stammten. Es kamen jährlich 
grosse Mengen von türkischen Sklaven auf den Bazar von 
Bagdad, wo dieselben an reiche Private, vorzüglich aber an 
den Ilof verkauft wui'den, an welchen übrigens eine be- 
trächtliche Zahl solcher türkischer Sklaven auch als jähr- 
liche Naturallieferung einiger centralasiatischer Provinzen 
gelangte. Diese regelmässige Zufuhr von Sklaven bi*achte 
tausende derselben in das Chalifenheer. Da die Mehrzahl 
aus der Landschaft Ferghäna, dem jetzt zum Theil von den 
Russen eroberten Chanate Chokand stammte, so erhielten 
sie vorzüglich den Namen der Ferghaner, später nannte man 
sie schlechtweg: Türken (aträk). Ebenso wie aber der äus- 
serste Osten seinen Menschentribut an den Hof in Bagdad 
zu entrichten hatte, so galt dies nicht minder von den im 
ussersten Westen des Reiches gelegenen Provinzen: Africa 
und Maghrib (Mauritanien). Negersklaven waren an orien- 
talischen Höfen von jeher sehr geschätzt, man suchte sie 
wegen ihrer Treue und Ergebenheit als blinde Werkzeuge 
auch der grausamsten fürstlichen Befehle. Aus dem Inneren 
von Africa, dem eigentlichen Sudan, ging ein starker Export 
von Sklaven nach den im Besitze der Araber befindlichen 
Seestädten der Mittelmeerküste. Auch die verschiedenen 
berberischen Stämme, die jeden Augenblick revoltirten, zum 
Theil aber die Autorität der Statthalter der Chalifen gar 
nicht anerkannten, lieferten ein reiches Contingent. Der 
berberische Volksstamm ist wegen der Schönheit seiner 
Formen bekannt, die Mädchen kamen in den Harem des 
Chalifen, die Blnaben aber reihte er in seine Leibgarde ein. 



VI. Das Kriegsweeen. 235 

So entstand noch eine fiinftc, nationale^ nichtarabische 
Truppe, die man mit dem Namen der Africaner (alarikah), 
oder der Maghrebiner (magharibah) bezeichnete. 

Dieses Corps, das sich stets durch seine Wildheit be- 
merklich machte, ward von Mo'tasim ins Leben gerufen 
und zuerst aus ägyptischen Beduinen gebildet, dann durch 
Neger und Berberen vermehrt. 

Allein die eben besprochenen fremden Truppenkörper, 
auf welche sich die Chalifen mit Vorliebe stützten, erregten 
durch die ihnen zu Theil werdende Bevorzugung, durch 
ihre UebergrifFe und Gewaltthätigkeiten nicht blos den Un- 
willen der Bevölkerung von Bagdad, sondern auch der na- 
tional-arabischen Soldtruppen. ') 

Mo'tasim hatte eine offene Abneigung gegen die Araber 
und bevorzugte die Fremden; er Hess alle Araber aus den 
Armeeregistern von Aegypten streichen und ihnen die Jah- 
resdotationen sperren.'^) Einst ritt er an einem Festtage, 
umgeben von seiner türkischen Leibwache, durch die Bazare 
von Bagdad; da fiel ihm ein Greis in die Zügel mit dem 
Rufe : O Herr ! o Herr ! die türkische Garde wollte ihn mit 
Schlägen zunicktreiben, aber der Chalif verbot es und frug 
ihn, was er von ihm wolle. Der Greis entgegnete: Gott 
möge es Dir nicbt vergelten, dass Du uns solches Volk in 
die Stadt gebracht und diese fremden türkischen Garden 
in unsere Mitte verlegt hast, denn Du hast hiemit unsere 
Kinder zu Waisen und unsere Weiber zu Wittwen gemacht, 
unsere Männer aber getödtet! Mo*tasim hörte es und von 
diesem Augenblick an hatte die gute Stadt Bagdad die 
Gunst des fürstlichen Herrn verscherzt. Er betrat sie nicht 
wieder, siedelte nach Kätul über und baute sich eine neue 
Residenz in Samaira (221 H. 836 Chr.), wohin er sich mit 
seinen Truppen zurückzog. ^) 

J) Ibn Aijr VI. 319. 

2) Ibn Taghrybardy I. 642. 

3) Ibn Atyr VI, 319. Goeje: Fragm. Hist. Arab. 478. 



236 VI. Das Kriegsweben. 

Bald gestalteten sich diese türkischen Söldner zu 

Prätorianern um, deren Befehlshaber nach Belieben die Cha- 

lifen vom Throne stiessen und wieder auf denselben erhoben. 

Die Gewaltthätigfkeiten und Rohheiten der immer mächtiger 

werdenden Soldatesca entfremdeten das Volk ganz und gar 

seinen Herrschern. Als Mo*tasim starb und Wätik gewählt 

worden wai*, machte der Dichter Di*bil folgende Verse: 
Gott sei's geklagt! nicht Muth und Kraft, 
Oder Ausdauer hilft, wenn das Volk im Schlafe liegt: 
Ein Chalife starb und Niemand grämt sich darüber, 
Ein anderer kam und Niemand freut sich darüber. *) 

Wir müssen hier noch einen Blick zurückwerfen auf 
die Ileeresorganisation unter den ersten Abbasiden. 

Unter dem Chalifen Mahdy finden wir 'folgende Ein- 
theilung der Armee: Gond d. i. besoldetes Militär und zwar 
voi'wiegend fremder Nationalität, dann Harbijjah d. i. mit 
Lanzen bewaflfnete arabische Fusstruppe, arabische Lanzen- 
träger, endlich Motatawwi'ah d. i. Freiwillige. 2) Letztere be- 
theiligten sich aus religiösem Eifer besonders an den Kriegen 
gegen die Fremden, namentlich an den Sommerfeldzügen 
gegen die Byzantiner, die allmälig und vorzüglich seit Mahdy's 
Regierung immer mehr den Charakter einer regelmässig jedes 
Jahr wiederkehrenden religiös-militärischen Uebung annah- 
men. Die beiden ersten Klassen der regidären nichtarabi- 
schen Truppen und der arabischen Lanzenträger fasste man 
auch unter der Bezeichnung: Soldtruppen (mortazikah) zu- 
sammen, im Gegensatze zu den unbesoldeten Freiwilligen. 
So wird berichtet, dass Harun Rashyd einen Sommerfeldzug 
gegen die Griechen mit 135,000 Soldtruppen, ausser den 
Freiwilligen und dem Tross, unternommen habe. Es war ein 
solcher Sommerfeldzug eigentlich nichts als eine in grösserem 



») Aghftny XVin. 41. 

2) Ihn Chaldufi: Allgem. Gesch. lU. 209, 238, 245, 260. Vgl. Ihn 
Taghrybardy I. p. 397. Auch ein Stadttheil von Bagd&d hiess Bäb Harb 
und könnte der Name Harbijjah davon abgeleitet sein. 



YI. Das KrUgsweaen. 237 

Style ausgeführte Razzia: man fiel in das feindliche Gebiet 
ein, verwüstete es und kehrte mit möglichst viel Raub und 
Gefangenen heim. 

Unter der allgemeinen Benennung der Soldtruppen 
waren die verschiedenen Waflfengattungen inbegriffen, also 
Reiterei so gut wie Fussgänger. Schon damals hatten die 
Chalifen ein eigenes Corps der Bogenschützen (n&shibah), 
ein anderes der Naphtafeuerwerker (naffiLtyn), die mit Naphta 
oder griechischem Feuer den Feind in den festen Plätzen 
zu beschiessen hatten. *) Es ist uns eine Angabe erhalten, 
woraus erhellt, dass diese Naphtafeuei-werker eigene, angeb- 
lich feuerfeste Anzüge hatten, mit welchen sie durch bren- 
nende Trümmer in die feindlichen Plätze eindringen konnten.^) 

Was die Gliederung dieser Truppenköi*per anbelangt, 
so wissen wir nur, dass offenbar nach römischem Vorbilde 
über 10 Mann ein Gefreiter (*aryf, decurio), über je 50 Mann 
ein Zugführer (chalyfah) und über je 100 Mann ein Lieute- 
nant (käid) gesetzt war. ^) Nach einer anderen Nachricht 
hingegen, war über je 10 *Aryf, also 100 M^nn, ein Nakyb 
(centurio) gesetzt, über 10 Nakyb, also 1000 Mann, ein Käid 
und über 10 Kaid, also 10,000 Mann ein Emyr. ») Wir haben 
schon früher gesehen, dass eine Abtheilung von 100 Mann 
ein Fähnlein bildete, mehrere solcher Fähnlein machten ver- 
muthÜch eine Gehörte (Kardus). Selbst die Anfange einer 
einheitlichen Bekleidung der Ti'uppen, einer Uniform, machen 
sich schon ziemlich früh bemerftbar. Mo'tasim pflegte seine 
Leibgarde (Mameluken) mit Damastkleidern und goldenen 
Gürteln zu versehen.*) Motawakkil schrieb vor, dass sämmt- 
liche Soldtruppen (gond) ihre frühere Tracht ändern und 
fortan hellbraune Ueberzieher (tailasän) tragen, ferners die 



1) Ibn Ghaldun: AUgem. Gesch. III. 260. 

») Aghany XVU. 45. 

3) Ibn Chaldan: Allgem. Qesch. III. 299. 

*) Maa'udy VI. 452. 

*) Ibn Taghrybardy I, p. 654. 



238 VI. Dm Kriegswesen. 

Säbel nicht mehr, wie es altarabischer Brauch war, an einem 
Wehrgehänge über die rechte Schulter, sondern um den 
Gürtel befestigt haben sollten, wie dies persische Sitte war. ^) 

Später werden noch andere Truppengattungen genannt, 
von denen wir kaum mehr als die Namen kennen. Shäkirijjah 
hiessen unter Mohtady die arabischen Söldner, 2) die unter 
diesem Fürsten, sowie schon unter Mosta*yn gefahrliche Auf- 
stände hervorriefen, indem sie gegen die türkischen Sold- 
truppen und deren überwiegenden Einfluss sich erhoben. Als 
die türkische Partei den Chalifen Mohtady zur Thronent- 
sagung zwingen wollte , sprach sich das Volk von Bagdad 
im Verein mit den arabischen Truppen für ihn aus. Sie 
verlangten, dass er die fremden Söldner aus seiner Nähe 
entferne, dass die alte Heeresordnung, wie sie unter Mosta'yn 
bestanden hatte, abermals eingeführt, die Löhnung alle zwei 
Monate ausbezahlt, die missbräuchlich an die türkischen 
Offiziere verliehenen Lehen und Ländereien zum Besten des 
Schatzes wieder eingezogen würden. Endlich forderten sie, 
dass der Chalife die oberste Leitung des Heeres einem seiner 
nächsten Blutsverwandten (also einem Araber) anvertraue und 
dieselbe den türkischen dienten und Söldnern entziehe.^) 

Etwas später begegnen wir einer besonderen Palast- 
garde, die den Namen „Kammerk'nechte" (alghilm&n alho- 
garijjah) führte, während die grosse Masse der arabischen 
Fusstruppen nun die Benennung y, Linientruppen" (alrigäl 
almasäffijjah) erhält. ^) Hiezu kommt noch später eine Heeres- 
abtheilung, die- vermuthlich nach dem zu jener Zeit eine 
bedeutende politische Rolle spielenden Parteigänger Abu Säg 
den Namen Sägiten (Sägijjah) führt. •'^) 



\ Ibn Chaldun: Allgem. Gesch. III. 275. 

2) Ibid. III. 288, 290. 

3) Ibid. III. 299. 

*) Ibid. III. 379, 380. 
5) Ibid. III. 373. 



Tl. Das KriegBWMftB. 239 

Somit hätten wir die verschiedenen Wandelungen^ 
welche das arabische Heerwesen durchmachen musste, bis j 
zu jenem Zeitpunkte verfolgt, wo durch das Emporkommen 
der türkischen Gardetruppen, deren Anführer das Reich be- 
herrschten, das arabische Element auch im Heerwesen so . 
zurückgedrängt ward , dass es aufhörte, eine selbstständige . 
Stelle zu behaupten. Das gesammte Militärwesen erfuhr 
unter dem Einflüsse des türkischen Säbelregiments eine voll- 
kommene Umgestaltung, welche auch für die finanziellen 
und politischen Zustände des Reiches von grosser Tragweite 
war. Bevor wir diese letzte culturgeschichtliche Epoche dar- 
zustellen versuchen, wollen wir noch einige bisher unbeachtete 
Seiten der arabischen Militäreinrichtungen zur Zeit der Blüthe 
des Reiches unter den Abbasiden in Kürze zu beleuchten 
unternehmen. 

Unmittelbar nachdem die Araber Syrien erobert hatten, 
begannen sie die nördlichen Grenzdistricte dieses Landes 
gegen Kleinasien zu nach Möglichkeit zu befestigen, um sich 
gegen die Einbrüche der Byzantiner zu sichern, die sie fortan 
als ihren gefahrlichsten Gegner betrachteten. Anfangs suchten 
sich die beiden feindlichen Staaten dadurch gegen einander 
abzuschliessen , dass sie die Grenzdistricte in eine Einöde 
verwandelten. Die Griechen verliessen das nördlich von 
Antiochien und Aleppo gelegene Gebiet, zerstörten die da- 
selbst befindlichen Ansiedlungen und die Araber thaten ihrer- 
seits dasselbe. Allmälig aber fassten diese festeren Fuss 
und begannen im Gefühle ihrer Stärke nicht nur einzelne 
der von den Byzantinern verlassenen Ortschaften aufzubauen 
und zu befestigen, sondern sie gründeten auch Blockhäuser 
und dehnten allgemach ihre Eroberungen auf eigentlich 
byzantinischen Boden aus. Die strategiscli wichtigen Punkte 
waren Tarsus, Adana, Massysa, Mar'ash und Malatija, die am 
Knotenpunkte der Heerstrassen oder an der Ausmündung 
der Gebirgspässe lagen, durch die allein grössere Truppen- 
massen hervorbrechen konnten. Die Omajjaden schon hatten 



240 ▼!• ^> KriegflwesM. 

ilir Augenmerk der Bfifesti^uTi^ der Grenze zugewendet. In 
Kafrbajjä, der Vorstadt von Massysa^ dem alten Mopsueste, 
ward ein mohammedanisches Blockhaus erbadt und Truppen 
hineingelegt. Omar 11., dessen Geistesrichtung wir schon 
kennen, unterliess es nicht für das Seelenheil der daselbst 
stationirten Truppen zu sorgen, indem er eine Moschee er- 
richtete. Das feste Schloss hatte schon sein Vorgänger 
Äbdalmalik gebaut. ^) Harun Rashyd Hess die in Verfall ge- 
rathene Stadt wieder mit Wällen umgeben und Mo^tasim 
führte den Bau zu Ende. Erst im Jahre 384 H. (994 Chr.) 
ging Mopsueste an die Griechen ^ verloren , indem Küriser 
Nicephorus es eroberte , später kam es in den Besitz der 
armenischen Könige und ward nach dem Sturze des arme- 

m 

nischen Königreichs wieder eine Beute der Moslimen. 

Mar'ash, das alte Germanicia, ward schon von dem 
ersten Omajjaden erobert, der eine Besatzung hineinlegte, 
dann ging es wieder an die Byzantiner über, denen es unter 
Walyd I. abermals entrissen ward. Nun befestigten es die 
Araber und legten eine Besatzung hinein, die jährlich abge- 
löst und vom Armeecorps (gond) von Kinnasryn (dem alten 
Chalcis) dorthin detachirt ward. Unter MarwinJI. nahmen 
es die Byzantiner wieder ein, die von Mansur neuerdings 
vertrieben wurden. Endlich fiel die Stadt der Ilamdän- 
Dynastie von Aleppo zu, von welcher sie in den Besitz der 
armenischen Könige kam. 

Nicht minder wechselvoll waren die Schicksale von 
Malatija (Melitene). Unter Mo*äwija erobert, ging es bald 
wieder verloren. Omar II. gewann die Stadt nur für kurze 
Zeit. Die Byzantiner zerstörten sie im Jahre 133 H. 
(750 — 51 Chr. 2). Sechs Jahre später liess Mansur sie neu 



J) Bal&dory 166. 

^) Nach den Byzantineru eroberte sie Kaiser Constantinus Copro- 
nymus im Jahre 765 Chr. und entführte ihre armenischen and georgischen 
Bewohner nach Constantinopel. 



YI. Dm Kri«gtweten. 241 

aufbauen^ befestigen und legte eine Besatzung von 4000 Mann 
hinein. Er liess für die Truppen eigene Wohnhäuser her- 
stellen^ für je 10 — 15 Mann zwei Zimmer mit Stall. Jeder 
Soldat bekam über seine gewöhnliche Löhnung noch eine 
Zulage von 10 Dynar und Naturallieferungen für 100 Dynar. 
Auch Waffendepots legte man daselbst an und befestigte die 
Umgebung durch weitere Forts. ^ Später, um das Jahr 1068, 
fiel Malatija \yieder in die Hand der Griechen unter dem 
Kaiser Romanus Diogenes und kam erst unter den Sultanen 
von Iconium neuerdings in moslimischen Besitz. 

Tarsus, die uralte Stadt am Cydnus, war von den 
Byzantinern aufgegeben worden und lag in Ruinen. Harun 
Rashyd liess es besetzen und wandelte es in ein grosses 
Standlager um; den Besatzungstruppen gewährte er eine 
Zulage von 10 Dynar zu ihi*er Löhnung. Adana liess er 
befestigen und legte eine Besatzung hinein, während er das 
11 Meilen nordöstlich von Mopsuestia gelegene Anazarba mit 
Militärcolonisten bevölkerte. In der Nähe von Mar*ash 
giündete er die nach ihm Harunijja benannte Bui*g. Isken- 
derune (Alexandrette) ward von desselben kluger Gattin, 
der berühmten Zobaida, aus den Ruinen neu erbaut. 

Das Schloss Hadat in Cilicien, dann Zibatra, das Zar 
petron der Byzantiner, die alte Stadt Laodicea ad Lycum 
in Phrygien, jetzt Esky Hisar, endlich Hisn Mansur, westlich 
vom Euphrat, wurden vom Chalifen Mansui* theils hergestellt, 
theils neu erbaut. Mo*tasim, der seine Aufmerksamkeit be- 
sonders diesen Gebieten zuwendete, und selbst seine Heere 
nach Kleinasien führte, liess die alte Stadt Tyana, die Ge- 
burtsstätte des Apollonios von Tyana, welche wegen ihrer 
Lage am Fusse des Taurus in der Nähe der cilicischen Pässe 
eine besondere strategische Wichtigkeit besass, mit arabischen 
Militärcolonisten bevölkern., Jedem Reiter wies er einen 
Monatssold von 100 Dirham, jedem Fussgänger einen solchen 



1) Batidory 187. 
▼. Krem er, Coltargeschiclite des Orient«. 16 



I 



242 VI. Du Eri^gvmwn. 

von 40 Dirhani an. Nach Anazar ba verlebe derselbe eine 
starke Colonie jener indischen Völkenschaft der Dschati^, 
welcher die Araber den Namen Zott gaben. ') 

So stellt die Geschichte dieser Grenzstädte deutlich 
die wechselvollen Phasen der Kraftentwicklung oder des 
Ermatten s der beiden hier in Jahrhunderte langem tödtlichem 
Ringen begriffenen Mächte dar. Je nachdem die eine oder " 
andere über eine grössere Summe von Kräften gebot, musste 
der schwächere Theil zurückweichen und schob der andere 
seine Grenzen vor. Es gibt vielleicht keinen Fleck der Erde, 
cUe Ufer des Rheins und die Ebenen der Lombardei nicht 
ausgenommen, wo jede Scholle so mit Blut gedüngt, wo um 
jede Fussbreite Land so oft und so erbittert gestritten worden 
ist, wie in diesen Grenzmarken zwischen Syrien und Klein- 
asien. Die Araber hatten in ihrer ersten Eroberungsperiode 
unter den Omajjaden ihre Herrschaft bis innerhalb des alten 
Cilicien und Cappadocien ausgedehnt. Bald aber ermattete die 
Kraft des Staates durch innere Zwistigkeiten. Die Byzantiner 
eroberten fast alle wichtigeren Grenzstädte zurück und nahmen 
langsam wieder ein Stück Land um das andere. Mit den Abba- 
siden fand das Reich neue Kraft, Mansur gewann die Grenz- 
städte zurück und legte allerorten neue Befestigungen an. Unter 
Harun Rashyd ward eine äusserst wichtige Verftigung getrof- 
fen, indem dieser Chalife aus jenen Grenzdistricten, die bisher 
zum Militärdistricte von Kinnasryn geholt hatten, eine eigene 
Provinz schuf, welche Antiochien, Manbig (Hierapolis), Doluk 
(Dolichc), Ra*bän, Kuris (Cyrrhus) und Tyzyn umfasste und 
eine ganz militärische Organisation erhielt, da in allen 
wichtigeren Punkten ständige Besatzungen vertheilt und zahl- 
reiche neue Grenzfesten und Blockhäuser errichtet wurden. 2) 

Der ganze Landstrich bekam von nun an eine eigene 
Bezeichnung (*awasim), die man am besten mit dem Ausdruck 
„Militärgrenze" wiedergibt. Die Besatzungen, welche 

') Ibn Atyr VI. 311, vgl. auch Goejo: Fragm. Hist. Arab. II. 473. 
2) Balftdory 1.S2. 



▼I. Das KriegHweMD. 243 

daselbst vertheilt waren, bezo|^en ihre fixe Löhnung nebst 
einer bedeutenden Zulage und ausserdem Naturallieferungen, 
wogegen sie' ihre Waffen und Reitthifere in gutem Stand 
erhalten mussten, man wies ihnen aber auch Gründe an, die 
sie für sich und ihre Familien bebauen konnten. Dasselbe 
System befolgte der nächste Nachfolger des Harun Rashyd. 
Man verpflanzte auch hieher, um die durch die fortwäh- 
renden Raubzüge verwüsteten und entvölkerten Gegenden 
wieder zu beleben und die mohammedanische Bevölkerung 
zu verstärken, ganze Völkerstämme aus entlegenen Provinzen 
des Reiches. t)ie kurze Machtentfaltung des Chalifats unter 
den Abbasiden fand mit Watik's Regierungsantritt ihren 
Abschluss und die Byzantiner drängten wieder die Araber 
zurück. Erst als in Aleppo die halbsouveräne Dynastie der 
Flamdäniden sich befestigt hatte, gelang es ihr, die Grenz- 
districte mit Erfolg zu vertheidigen. Später bei dem gänz- 
lichen Verfall des Chalifats und unter Beihilfe der Kreuz- 
fahrer entstand ein christliches Fürstenthum Antiochien und 
dehnten die in Sywäs residirenden Könige von Armenien 
ihre Herrschaft in diese Gegenden aus, bis mit dem Er- 
starken der turkomanischen Dynastie der Sultane von Iconium 
und unter den in ihre Fussstampfen tretenden Mongolcn- 
sultanen aus dem Stamme Hulägu's die letzten Reste christ- 
licher Herrschaft von diesem Boden verschwanden. 

Noch immer aber sind die Spuren dieser Völkerstürme 
auf jenen Gebieten deutlich zu erkennen. Schon auf der Strecke 
von Aleppo nach Alexandrette findet man allenthalben Ruinen 
alter Kirchen, Ritterschlösser und verlassener Ansiedlungen. 

Im Zusammenhange mit der von dem ersten Abbasiden 
in Angriff genommenen militärischen Organisation dieser 
Grenzlandschaft stand die um dieselbe Zeit ganz regelmässig 
auftretende Gepflogenheit der Sommerfeldzüge. Jeden Sommer 
brachen die Araber mit entsprechender Heeresmacht aus ihren 
Grenzmarken in das griechisshe Gebiet ein, um dann mit 
Beute und Gefangenen wieder heim zu ziehen. Manchmal 

16* 



244 VI. Du KriegBWttMB. 

wurden hiebei bedeutende Heermassen in Bewegung gesetzt: 
80 z. B. unter Mahdy, der ein Heer von 80,(X)0 Mann Sold- 
truppen und vielen Freiwilligen entsandte J) Unter Harun 
Rashyd's persönlicEer Anfuhrung gingen mehrere solcher 
Feldzüge vor sich, das erste Mal, als er noch Kronprinz war, 
mit 95,000 Mann. Von den Gefangenen Hess der mit Un- 
recht gepriesene Prinz zweitausend über die Klinge springen.^) 
Bei einem andern Sommerfeldzuge dieses Fürsten zählte das 
Heer 135,000 Mann ausser den Freiwilligen. Er drang bis 
Tyana vor und eroberte Heraclea. ^) Erstere Stadt war dess- 
halb eSn wichtiger Punkt, weil sie an der Ausmündung jener 
Engpässe lag, durch die allein der Einmarsch in das jen- 
seitige Gebiet möglich war.^) 

Es versteht sich von selbst, dass bei diesen Beziehungen 
der beiden Länder man sich gegenseitig sehr aufmerksam 
beobachtete und über jeden Vorgang jensei^ß der Grenze 
sich in Kenntniss zu setzen suchte. Von den Chalifen wissen 
wir bestimmt, dass sie stets in den nördlichen Nachbarländern 
ihre geheimen Berichterstatter unterhielten : man wählte hiezu 
Personen aus beiden Geschlechtern, die unter den verschie- 
densten Masken, gewöhnlich als Handelsleute oder Aerzte 
reisten und ihre geheimen Berichte nach Bagdad erstatteten. 
So diente unter Harun Rashyd ein gewisser Abdallah, Sydy 
Ghäzy genannt, bei zwanzig Jahre als Spion in den griechi- 
schen Ländern. 

Aus solchen Berichten entstand zweifellos die Schilde- 
rung des griechischen Staates und seiner Vertheidigungs- 



») Weil: Geach. d. Chal. II. 98, 100, Ibn Atyr VI. 41. 

2) Ibn Atyr VI. 44, 4ö. 

3) Ibn Atyr VI. 134, Weil: Gesch. d. Chal. IL 160. 

*) Nach Istacliry lässt sich dio dAmalige Grenze gegen Kleinasien 
ganz gnt bestimmen. Sic ging von Shim.shrit über Malatija, Hisn Man^nr. 
Hadat, Mar^ash, Zibatra, Haninijja, MaAsysa naoli Adana und Tarsus. Von 
hier ans zog dio Grenzlinie ans Meer, wo das Fort Aulfts (das alte Elensa) 
stand, als liusscrste arabische Grenzstation. Istachry ed. Goeje p. 64. 



VI. Das Kriegswesen. 245 

mittel; die uns Ibn Ch'ordädbeh aiifbewahit hat. Es wird 
darin sorg'ßiltig bei jeder Provinz des byzantinischen Reichs 
die 5jahl der befestigten Städte und Festungen angegeben 
und schliesslich die Militärkraft des Landes geschildert. Da 
diese Nachrichten der arabischen Berichterstatter über die 
militärischen Zustände des griechischen Kaiserthums gegen 
Ende des VIII. Jahrhunderts nicht ohne Werth sind, so 
lasse ich sie hier folgen, indem auch der Yergleich mit der 
arabischen Militärorganisation hiedurch ermöglicht wird. 

Die byzantinischen Armeeregister enthielten einen 
Truppenstand von 120,(XX) Mann. Ein Patricier befehligte 
je 10,000 Mann, unter seinen Befehlen standen zwei Turm- 
archen (TOup[ji.apxai), deren jeder den Befehl über 5000 Mann 
hatte. Weiter kamen 5 Dningarii oder Chiliarchen, deren 
jeder 1000 Mann befehligte, ') 5 Tribunen (comes) über je 
200 Mann, 5 Hekatontarchen (centui'iones) , jeder über 
100 Mann, 10 Demarchen (decuriones) über je 10 Mann, 2) 

Ebenso wie über die Byzantiner suchten die Chalifen 
auch über die airderen nördlichen Grenzvölker sich genaue 
Kenntniss zu verschaflFen. * Es ist der Bericht eines Agenten 
zum Theil erhalten, den der Chalifo Wätik in die nördlichen 
Gegenden absandte, um die slavischen und tartarischen 
Völker, die an der Wolga und am Jaxartes ihre Sitze hatten, 
zu erforschen,^) Und dasselbe System der Grenzbefestigung, 



1) Das Wort ist in der Ausgrabe des Ibn Chordftdbeh entstellt, es 
ergibt sich aber mit voller Sicherheit, dass Tarungarijjah zu lesen ist, was 
dem byzantinischen: dningarii ganz genau entspricht. Vgl. die Tactica 
des Kaisers Leo Cap. IV. des Textes. 

») Ein alter Autor, Ja'kuby, der im Jahre 278 H. (891—92 Chr.) 
schrieb, g^bt ebenfalls lehrreiche Nachrichten über die Wehrverfassung des 
byzantinischen Reiches. Leider ist gerade dieser Theil seiner Schrift nur 
fragmentarisch erhatten« 8o viel erhellt daraus, wie wir übrigens auch aus 
den byzantinischen Schriften lernen, dass nebst den Soldtruppen die Armee 
aus Territorialmilizen bestand, deren jede Stadt oder Provinz eine bestimmte 
Anzahl auszurüsten u«d zu stellen hatte. Ja'kuby p. 110. 

I^) Edrysy: Trad. par Jaubert . p. 41^. 



246 VI. Dm Kriegswesen. 

welches wir früher in den syrischen Grenzland Schäften kennen 
g-elernt haben^ wai'd auch in den anderen Provinzen zur Durch- 
führung" gebracht. Ueberall errichtete man Blockhäuser und 
befestigte Wachposten (ribat), die von der Regierung unter- 
halten oder von frommen Muselmännern mit reichen Stif- 
tungen bedacht wurden, so dass dort, wo die kriegerische 
Bedeutung derselben durch die veränderten Verhältnisse 
entfiel, Derwischherbergen und Kapellen frommer Asceten 
daraus wurden, die daselbst im Genüsse der Stiftungen in 
faider Beschaulichkeit ihre Tage verträumen. Wie gross die 
Zahl dieser Ribäte war, erhellt daraus, dass in Transoxanien 
deren einige Tausende bestanden haben sollen. *) 

Es erübrigt jetzt nui* lioch, bevor wir zur Schil- 
derung der letzten Epoche des arabischen Militärwesons 
übergehen, auch die Seekämpfe und das Flottenwesen zu 
besprechen. 

In der iersten Zeit enthielten sich die Araber jeder 

grösseren Seefahrt und Omar soll militärische Entsendungen 

^ zur See geradezu untersagt haben. Allein schon unter den 

ersten Omajjaden wurden grössere überseeische Expeditionen 

unternommen. 2) Allerdings kann kaum bezweifelt werden, 

dass die Flotte, welcher man sich hiezu bediente, in ihrer 

j Bemannung und Ausrüstung viel mehr griechisch-syrisch als 

' arabisch war. Durch die Eroberung von Syrien war den 

Chalifen nicht blos eine langgedehnte Küste unterworfen 

worden, sondern sie fanden auch an den Bewohnern der im 

Alterthume wegen ihrer kühnen Seefahrten berühmten phöni- 

cischen Städte die besten Matrosen der Welt.^ Cypern ward 

angeblich schon im Jahre 28 H. (648 — 49 Chr.) von den 



*) Ibn Khallikän, übersetzt von Slane I. p. 159, Note 3. 

2) Nach CoDstatitinus Porphyrogenneta: De administrando imperio 
> Cap. XX. nahm Mo'&wija Bhodus und zerstörte den berühmten Koloss, 
dessen Metall er wegführen liess. Vgl. Theophanes ed. Bonn. p. 527. Die 
Araber verloren aber die Insel bald wieder. 



VI. UvM KriegKwoKen. 247 

Arabern besetzt. ') Im Jahre 34 IL unternahm der Statt- 
halter von Aegyptcn eine grössere Fahrt von Alexandrien 
aus. Die Flotte zählte an zweihundert ÖehifFe.^) 

Sie lagen gerade an der lycischen Küste vor Anker, 
an einem Orte, den die arabischen Chronisten die „Masten" 
nennen, als Constans mit seiner Flotte von ungefähr 600 
Schiffen sie angriff. 3) Die Moslimen nahmen unerschrocken 
die Schlacht an. Bald aber überzeugten sie sich, dass sie 
unterliegen mussten, wenn sie von Schiff zu Schiff kämpften. 
Sie eilten ein Handgemenge herbeizufuhren, um Mann gegen 
Mann zu fechten. Mit eisernen Widerhaken fassten sie die 
feindlichen Fahrzeuge, zogen sie heran und enterten sie, 
indem sie mit Speer und Schwert auf die griechischen Mann- 
schaften eindrangen. Ein blutiges Ringen erfolgte, aus dem 
die Araber als Sieger hervorgingen. Constans, der sich 
zurückzog, als die ersten Pfeile zu schwirren begannen, 
wandte sich bald zur Flucht und entkam mit knapper Noth. *) 

Auch Bosaisa, die schöne und unerschrockene Gattin 
des arabischen Befehlshabers, war als Zuschauerin anwesend. 
Nach der Schlacht frug sie ihr tratte, wen sie von den 
arabischen Kriegern für den Tapfersten erkläre. „Üen Mann 
von der Kette" erwiederte sie. Es war dies ein junger Krieger, 
der im Handgemenge, als das arabische Admiralschiff von 
einem griechischen Fahrzeuge mittelst einer Kette gefasst 
worden war und Gefahr lief, weggeschleppt zu werden, voll 
Todesverachtung, trotz aller feindlichen Geschosse sich auf 
die Kette gestürzt und dieselbe durchhauen hatte. Der 
Tapfere hiess Alkama und liebte Bosaisa, um deren Hand 

*) ibn Taghrybardy I. 95. Vgl. Amari: Storia dei Musulmani della 
Sidiia I. 81. 

2) Ibn Taghrybardy I. 90, Ibn Atyr III. 90. 

3) Jedes einzelne dieser Schiffe mag ungefähr bis 100 Manu aufge- 
nommen haben Vgl. Amari: Storia dei Musulmani delbi Sicilia I. p. '2H8. 

*) Nach Theophanes ed. Bonn, 1839, I. p. 528 fand die Schlacht 
im Jahre 646 Chr. statt. 



248 VI. I>M Kriegsweteo. 

er früher vergeblich angehalten hatte, denn er musste gegen 
einen angeseheneren Freier zuiückstehen, der nun den Ober- 
befehl über die Flotte führte. Erst einige Jahre nach der 
Schlacht von den Masten starb dieser und nun erhielt er sie 
zvir Gattin.*) 

Um 668 oder 69 Chr. lief eine 200 Schiffe starke Flotte 
von Alexandrien aus und übei-fiel Sicilien, von wo sie mit 
reicher Beute beladen glücklich heimkehrte.^) Unter Harun 
Rashyd ward Khodus zum zweiten Male erobert. 

Es ist zweifellos, dass diese ersten arabischen Flotten 
ihre Matrosen aus den syrischen und ägyptischen Küsten- 
städten nahmen ; Matrosen sowohl als Capitäne waren gewiss 
zum grossen Theile Christen oder Renegaten, die für Geld 
und Beute den Arabern dienten. Sie waren ihre ersten 
Lehrmeister in der Nautik. Allmälig aber wurde die Be- 
völkerung der syrischen und ägyptischen Küste für den Islam 
gewonnen, die Araber gewöhnten sich an das Seewesen imd 
so entstand eine eigentliche arabische Seemacht. Jetzt sind 
die Schiffer und Seeleute d^r syrischen Küste ausschliesslich 
Mohammedaner. Man baute auf den Werften der syrischen 
und ägyptischen Seestädte Triremen und Galeeren. Aus 
Kaiser Leo's Schrift erfahren wir, dass diese arabischen 
Schiffe zu seiner Zeit schon sehr gross gebaut wurden, aber 
ihrer Schwerfälligkeit wegen nicht schnell segelten (Tactica 
Cap. XIX* 70). Sie waren zweifellos den byzantinischen 
Triremen nachgeahmt*, diese hatten mindesten 25 Ruder- 
bänke in jedem der zwei Stockwerke, und die Zahl der 
Ruderer betrug, da auf jeder Bank zwei Mann sassen, 
100 Mann. Auf jeder Seite des Schiffes sassen also in zwei 
Reihen übereinander, je 25 Mann. Die Ruderer waren zu- 
gleich als Soldaten bewaffnet. Am Buge des Schiffes stand 
ein erzgefüttertes Siphon zum Werfen des griechischen 



1) Amari: 8toria dei Musulmani della Sicilia I. 92. 

2) Ibid. I. 99. 



YI. Das KriagBwesen. 249 

Feuers, *) und über diesem erhob sich das Pseudoplatium, 
eine Art Castell aus starken Balken, wo die Soldaten ihren 
Platz hatten, die von dort aus die ihnen sich entgegen- 
stellenden Feinde bekämpften uqd deren Schiff beschossen 
(Cap. XIX. 6). Auch grössere Triremen wurden gebaut, 
die bis 200 Mann fassten, wovon 50 auf die Ruderbänke 
vertheilt waren, während 150 oben sich befanden und gegen 
den Feind kämpften (Cap. XIX. 9). Kleinere Schiffe, die 
besonders zum Schnellsegeln bestimmt waren, hiessen Ga- 
leeren (yaXdat; XIX. 10). 

Auf ähnliche Weise waren gewiss die arabischen Kriegs- 
schiffe erbaut, welche Kumbaria genannt wurden. 2) 

Ganz, besonders in . den africanischen und spanischen 
Besitzungen der Araber nahm das Seewesen einen raschen 
Aufschwung. Der Oberbefehlshaber der spanisch-arabischen ^ 
Flotte hatte gewöhnlich seinen Sitz in Baggäna (jetzt Pochina, 
einem Dorfe bei Almeria) und in Almeria, in welchen beiden 
Hafenplätzen die Flotte vor Anker lag. Es scheint, dass 
dieselbe nicht blos aus solchen Schiffen bestand, welche die 
Regierung selbst für ihre Kriegszwecke bauen Hess, sondern 
jede Provinz oder Seestadt hatte eine bestimmte Anzahl zu 



*) Dieses Zerstömngsmittel war den Arabern nicht bekannt und erst | 
im Beginne des 12. Jahrhunderts kommt dessen Verwendung bei den • 
Arabern vor. Amari: Storia dei Musulmani III. 367. 

^ Das Wort Ifisst sich im Arabischen nicht mit Sicherheit nach- 
weisen, vermuthlich ist es verschrieben; es sei denn, man nehme es als 
das arabische Kobb&r, d. i. die Grossen, das mit der griechischen Plural- 
endung versehen ward. Auch im Neugriechischen bedient man sich, um 
das harte b auszudrucken, welches die Griechen nicht haben, der Zusammen- 
setzung {iß. Bei den byzantinischen Autoren kommt in der That auch die 
Form: xo(ißapiov, xo^jmipiov vor. Ducange: Gloss. inf. graec. — Die Ueber- 
legenheit der arabischen Marine gegenüber der griechischen erkUrt sich 
vorzüglich daraus, dass die arabischen Seeleute nach dem Koran auf vier ■ 
Fünftel der Beute Anspruch hatten, die griechischen Seeleute aber nicht ! 
Entere waren also an dem Erfolge ihrer Waffen direct betbeiligt. Ihn 
Hankal p. 132. 



250 VI. Dm Kriegswesen. 

stellen, wenn die Regierung ihr Aufgebot ergehen liess, wie dies 
auch unter den Fatimiden in Aegypten ebenfalls üblich war; ') 
denn Ibn Chaldun berichtet, dass die Flotte der spanischen 
Oinajjaden-Chalifen aus allen Hafenplätzen des Reiches ver- 
sammelt ward, indem jeder seine bestimmte Anzalil Schiflfe 
zu stellen hatte. '^) Jedes Schiff der Kriegsflotte stand unter 
den Befehlen eines Kaid, Capitäns, der jedoch sich nur mit 
den militärischen Angelegenheiten, Ausrüstung, Einübung 
der Seesoldaten und Bemannung befasste, während ein zweiter 
Officicr, Rai's genannt, ausschliesslich die Navigation und 
die Segel- oder Rudermanöver leitete, eine Einrichtung, die 
im Mittelalter auch bei den christlichen Flotten üblich war 
und noch jetzt in der englischen Marine fortbesteht, wo auf 
jedem Kriegsschiffe ein besonderer Officier (master) für die 
Navigation dem Commandanten beigegeben ist. Die Be- 
mannung der Schiffe bestand aus Matrosen und Ruderern, 
dann aus Landsoldaten, die bei kriegerischen Unterneh- 
mungen eingeschifft wurden. 

In den östlichen Küstenländern des Mittelmeeres nahm 
die Ausbildung des Marinewesens keinen so günstigen Ver- 
lauf, wie im Westen. Zwar fing die Handelsmarine schon 
unter den Omajjaden an, einen grossen Aufschwung zu 
nehmen und etwas später besuchten arabische Kauffahi-er 
selbst die indischen und chinesischen Meere. Aber in der 
Kriegsmarine blieb der Osten weit hinter dem zurück, was 
die kleinen africanischen und spanischen Dynastien zur See 
leisteten. Und, wie man weiss, erhielten sich selbst, nach- 
dem Spanien wieder ganz christlich geworden war, die nord- 
africanischen Staaten immer im Besitze einer bedeutenden 
Seemacht, so dass die europäischen Mächte bis nahe zum 
Schlüsse des vorigen Jahrhunderts Tribut zahlten , um ihre 
Handelsschiffe gegen die maurischen Corsaren zu sichern. 

») Makryzy: Chitat I. 482, 483. 

2) Ibn Khaldoun: Prolog II. p. 40. Vgl. auch Amari: Storia dei 
Musulmani etc. III. 1, 339. 



Yl. Dm KriegvweBen. 251 

Dasß aber diese arabischen Flotten der frühesten Zeit 
in vieler Beziehung jenen der christlichen Länder als Vor- 
bild gedient haben; das beweisen die manchen arabischen 
Seemannsausdrticke, die sich in den südeiiropäischcn Sprachen 
erhalten haben, wie z. B. cable, das Ankertau, arabisch habl, 
Arsenal; italienisch darsena, arabisch dar assanä'ah; CorvettC; 
welches von dem arabischen Namen ghoräb, d. i. Rabe, ab- 
stammt; *) u. dgl. m. 

Wir kommen nuü zur Betrachtung der letzten grossen 
Umgestaltung des Militärwesens im Reiche der Chalifen, 
indem an die Stelle der regelmässigen Soldbezahlung aus 
dem Staatsschatze die Anweisung des Einkommens ganzer 
Provinzen an die Befehlshaber der Truppen zui* Bezahlung 
derselben erfolgte. Wie wir bei der Darstellung der Finanz- 
geschichte sehen werden; war es die Regierung des Moktadir, 
unter welcher das Deficit eine Höhe erreicht hatte, wie nie 
früher. Der Staatsschatz war leer, die meisten Provinzen 
führten keine oder im Verhältniss zu früheren Zeiten ganz 
unbedeutende Steuerbeträge nach Bagdad ab und die Macht 
der Centralregierung war so vollständig gelähmt; dass der 



^) Diese Art von Schiffen ward so genannt wegen des schwarzen 
Anstrichs und vermuthlich der eigenthümlichen Bauart. Das Wort findet 
sich im Spfttgriechischen in 'der Form: Golafros, Golabros und Golafos 
(vgl. Dticange: Glossarium infimae graecitatis und Muratori: Rerum Itali- 
carum etc. VI. 112). Das arabische Wort: ghor&b, als Benennung einer 
Art Schiffe, kommt schon in dem von Schiaparelli herausgegebenen : Voca- 
bulista in Arabico sub voce: galea vor; ist aber seitdem im Arabischen 
selbst in Vergessenheit- gerathen. — Hieher gehört auch das Wort: har- 
rakah, d. L Brander, womit die Araljer jene griechischen Schiffe bezeich- 
neten, die das griechische Feuer warfen. Zwischen dem Ende des 8. und 
dem An£ang des 9. Jahrhunderts begannen die Araber ebenfalls solche 
Brander zu erbauen, und bald erhielt dieser Name eine allgemeinere Be- 
deutung. Er ist in dem Worte „carraca^ oder „caracca^ erhalten, das in 
den Annalen von Genua und Venedig vorkommt. Amari : Storia dei Musul- 
mani della Sicilia I. p. 302. Das Wort Admiral ist auch aus dem Arabi- 
schen entlehnt, aber nicht von Amyr albahr, sondern von Amyr allein, wie 
Amari zeigt: Storia dei Musulmani III. p. 361, 352. 



252 ' VI. Da« KriegswMen. 

Chalife, um nur eine halbwegs regelmässige Einnahmsquelle 
sich zu sichern, gencithigt war, ganze Provinzen an die schon 
fast unabhängigen Statthalter unter der Bedingung zu ver- 
leihen, dass sie sich verpflichteten , jährlich eine bestimmte 
Pauschalsumme als Tribut an den Schatz in Bagdad zu ent- 
richten. So belehnte er einzelne Grosse mit I^ndstrichen 
in der Art, dass sie das ganze Einkommen für eigene Rech- 
nung einhoben, die Administration und den Sold der Truppen 
davon bezahlten und jährlich eine gewisse Summe an den 
Hof in Bagdad ablieferten. Man nannte diese Belehnung 
mit einer Provinz Mokata'ah, d. i. Verpachtung. Und dieses 
System ist bis auf unsere Tage in Pcrsien das herrachende 
geblieben, während es in der Türkei seit Beginn dieses Jahr- 
hunderts grösstentheils beseitigt und durch die Centralisa- 
tion der ganzen Steuerverwaltung in Constantinopel ersetzt 
worden ist. 

Ein türkischer Feldherr, Sabük, setzte sich in den 
Besitz der grossen Provinz Aderbaigän und verlangte von 
dem Chalifen Moktadir, gegen einen Jahrestribut von 
220,000 Dynar damit belehnt zu werden, was auch geschah. ') 
In Segistan und Kermän hatte sich ein Empörer der früheren 
Beherrscher dieser Länder, der Samaniden, zu entledigen 
gewusst und ersuchte den Chalifen, ihm die Investitur zu 
ertheilen, gegen einen Jahrestribut von 500,000 Dirham. 
Jener bestätigte ihn in der That (304 H. 916—17 Chr.*^). 
Den dailamitischen Fürsten Mardäwyg belehnte er mit Isfä- 
hän, Mah-alkufa (Dynawar) und Chuzistän für die jährliche 
Summe von 200,000 Dynar 3) und der Chalife Rädy bestätigte 
denselben im Besitze aller Gebiete und Provinzen, die er 
erobert hatte, für die Jahressumme von 1 Million Dirham.^) 



1) Ibn ChAldun: Allgem. Gesch. III. p. 370^ 

2) Ibid. p. 370. 



3) Ibid. p. 384, 390. 
*) Ibid. p. 396. 



VI. Das Krieg^Bwasen. 253 

Es ist tiberflüssig, zu bemerken, dass hiemit das Reich 1 
in eine Anzahl halbsouveräner Staaten zei'fiel, deren jeder 
für sich selbstständige Heere unterhielt, denn das Heei^wescn 
sogar hatte aufgehört, als eine gemeinsame Angelegenheit 
des ganzen Reiches betrachtet zu •werden. Dem Chalifen 
blieben kaum . einige Provinzen und die Hauptstadt. Um 
aber bei so geschmälertem Einkommen doch noch sein An- 

* sehen und den Glanz des Hofstaates zu erhalten, musste er 
zu jenen Gewaltmitteln und Ei-pressungen greifen , die wir 
bei der Besprechung der Finanzgeschichte schildern werden. 
Auch war er gezwungen, um die Anführer der fremden 
Truppen an sich und seine Sache zu fesseln, die Kron- 
ländereien und jene Gründe, die dem Staate dui*ch die da- 
mals sehr häufigen Confiscationen zufielen, an sie zu ver- 
schenken. Als endlich aber die Herrscher von Dailam, die 
unter dem Namen der Bujiden bekannt sind, Bagdad und 
die Person des Chalifen gänzlich in ihre Gewalt bekamen, 
vertheilten sie anstatt der Löhnung Ländereien an die 
Truppen als Militärlehen. Diese Lehengründe waren frei 

-von jeder Steuer und ^gehörte der Ertrag den Lehensin- | 
habom, also den Officieren und Soldaten. Die Folge hievon ' 
war, dass die Cultur zm*ückging und die ergiebigsten und 
reichsten Provinzen bald verarmt und entvölkert waren. ^) "^ 

So ward allmälig die arabische Nation immer melir 
aus dem Grundbesitze verdrängt durch die Fremden. Die 
Anführer der türkischen Truppen, die damals als Eroberer 
das Chalifenreich beherrschten, gelangten in den Besitz der 
den Arabern abgenommenen Gründe, der Chalife belehnte 
sie hiemit und so entstand ein militärischer Lehnsadel 
nichtarabischer Nationalität, aus dem bei der zunehmenden 
Schwäche der Centialregierung eine Anzahl kleiner Lehens- 
fiirsten und halbsouveräner Dynasten hervorgingen, die auf- 
ihren Besitzungen mit unumschränkter Machtvollkommenheit 



<) Ibn ChHldun: Allgem. Gesch. III. 421, 436. 



254 YI. Das KriegswMen. 

walteten, und Münzen mit ihrem Namen prägten, wobei 
sie höchstens den Namen des regierenden Chalifen hinzu- 
setzten. — Unmittelbar vor Beginn der Kreuzzüge war der 
Orient in seiner politisch-socialen Gestaltung fast ganz wie 
der damalige Occident; getheilt in eine Anzahl grösserer 
und kleinerer Staaten und Lehensfiirstenthümer, über wel- 
chen als gemeinsames religiöses Oberhaupt, wie dort der 
Pabst, so hier der Chalife stand. Das Heerwesen aber hatte 
schon seit dem Emporkommen der Bujiden aufgehört arabisch 
zu sein und war ganz und gar in die Hände der Türken 
oder Perser gekommen, die es nach dem System der Militär- 
lehen gründlich umgestalteten. 

Unter der Herrschaft der Seldschuken, die als Bevor- 
münder der Chalifen die Erbschaft der Bujiden anti*aten, war 
die Ausbildung des Militärlehenwesens schon so vollendet, 
wie wnr es in weit späteren Zeiten in der Türkei und noch 
gegenwärtig in Persien theilweise in Wirksamkeit bestehend 
vorfinden. Jedes Mitglied der herrschenden Familie, jeder 
Emyr erhielt als liehen eine Stadt oder eine Landschaf't, in 
der er unumschränkt gebot und alle Befugnisse des Lehens- 
herrn ausübte, er hatte die Patrimonialgerichtsbarkeit und 
ihm mussten die Bauern Fi-ohndienste leisten. An den 
Sultan entrichtete der Lehensherr einen jährlichen Tribut und 
musste er in Kriegszeiten mit einer bestimmten Truppen- 
menge, die er auf seine Kosten auszurüsten und zu erhalten 
hatte, ins Feld rücken, um dem obersten Lehensherrn, dem 
Sultan, Kriegsdienste zu leisten. Unter diesen Ijehensfürston, 
deren es zur Zeit des Seldschuken-Sultans Malik-Shä.h in 
Irak allein bei vierzig gab, hatten sich nur wenige arabische 
Familien zu erhalten gewusst, wie die kleine Familie der 
Dobais in ITilla, die einen jährlichen Tribut von 40,000 Dynar 
zu bezahlen hatte. ^) 



*) Defrömery: Journal Asiat. 1863, Avril-Mai, p. 429; Hammer- 
Purgstall: GemSldesaal Y. 83. 



VT. Dm Kriegsweien. 255 

Dieses militärische Lehensystem ward von den Türken 
und Tataren, welche von nun an als erobernde und herr- 
schende Nation in ^nz Vorderasien auftreten, überall hin 
übertragnen, wo sie ihre siegreichen Fahnen entfalteten, nach 
Aegypten und Westafrica ebenso wie nach Persieu und 
Indien, ja schliesslich so^ar über den Bosporus nach Thracien 
und Griechenland auf den Boden Europa' 8, w^o es erst seit 
den Reformen des Sidtans Mahmud und der P^infuhrung; der 
regulären Armee zum Falle gekommen ist. 



VJI. 



Die Finanzen. 



I. Allgemeiner Ueberblick. 

1. Die Zeiten der Omajjaden. 

Das FiDanzwesen des arabischen Reiches fusst ganz 
auf den Einrichtungen jener Staaten^ welche früher die nun 
von den Arabern eroberten Gebiete besessen hatten; also 
des byzantinischen Reichs in den westlichen und des per- 
sischen in den östlichen Ländern. Die wichtigsten Einrich- 
tungen beider eigneten sich die Araber an: so das Maass- 
und Gewichtssystem mit dem Münzwesen. Auch die Steuer- 
verordnungen Omar's I. stützten sich, wie die arabischen 
Geschieh tschreiber berichten, auf das persische Steuergesetz, 
so wie es von Chosroes Nushyrwän geregelt worden war. 

Wir können jedenfalls annehmen, dass der Steuersatz, 
den die Eroberer in den Provinzen einhoben , die früher 
zum persischen Reiche gehört hatten, keineswegs geringer 
war als der, welchen diese Länder unter der Herrschaft 
der Sasaniden-Könige bezahlt hatten. Wir besitzen aber 
ziemlich verlässliche Nachrichten über die Steuereinnahme 
der persischen Könige. Ibn Chordädbeh, ein zum Islam 
übergetretener Parse, -der sicher mit der Geschichte seines 
Volkes und Landes gut vertraut war und in der zweiten 
Hälfte des neunten Jahrhunderts Chr. in Bagdad lebte, wo 
er einen hohen Posten bekleidete, berichtet wie folgt: „Der 
König Parwyz erhob im Jahre 18 seiner Regieining von den 



▼II. Die FinaiiMn. 257 

Steuern seines Reiches den Gesammtbetrag von 420 Mil- 
lionen Mitkill, was, wenn man den Mitkd.1 zu dem Gewichte 
von sieben, d. i. 10 Dirham = 7 Mitkäl rechnet, 195 Mil- 
lionen Dirham ausmacht ; später betrug das Einkommen des 
Reiches 600 MUlionen Mitkai. ^ 

Kodäma, der eine hohe Stelle am Hofe einnahm und 
im Jahre 337 H. (948 — 49 Chr.) starb, gibt in seinem Buche 
über das Steuerwesen folgende Nachricht: „Man behauptet, 
sagt er, dass Chosroes Parwyz (Chosroes 11) die Steuerhöhe 
seines Reiches ermitteln Hess und zwar im Jahre 17 seiner 
Regierung (619 Chr). Er besass alle jene Provinzen, die wir 
namhaft gemacht haben, mit Ausnahme der westlichen, 
indem die Grenze seines Reiches bei Hyt war. Alle jene 
Länder des Westens, die wir angeführt haben, gehörten den 
Griechen; die Höhe des Steuererträgnisses seines Reiches 
belief sich auf 720 Millionen Mitkai, was in Silber so viel 
ist als 600 Millionen Dirham.^ 

Diese beiden Angaben stimmen in der Zahl 600 überein, 
nur macht Ibn Chordädbeh eine falsche Rechnung, indem 
er den Mitkäl als Goldmünze ansieht und zu 33 Dirham 
und einem Bruchtheil rechnet, während Kodama den hier 
genannten Mitkäl nicht als Goldmünze auffasst, sondern als 
Silbermünze, was zweifellos richtig ist, indem im Sasanideu- 
reiche die Goldwährung nicht üblich war und Gold nur 
ausnahmsweise geprägt ward. 2) Es ergibt sich also trotz 
der stark verderbteu Stelle des Ibn Chordädbeh durch die 
Vergleichung mit Kodama, dass die gesammte Steuerein- 
nahme des persischen Reiches zu jener Zeit auf 420 — 600 
Millionen Dirham sich belief, wobei wir jedoch nicht ver- 
gessen dürfen, dass der Werth des Geldes damals jedenfalls 
bedeutend höher war als jetzt. ^) 

^) Ibn Chordlldbeh ed. Barbier de Meynard p. 42. 

3) Mommsen, Gescbichte des römiflchen Münzwesens, p. 749. 

3) Ich muss hier Barbier de Mejrnard^s Ausgabe und UeberAetzung 

defi Ibn ChordAdbeh berichtigen. Wie ans der Vergleichnng mit dem Nozhat 
T. Kremer, CnltnrgeBcUchte des Oriente. 17 



258 yn. Die Finameo. 

Die einzig^e Provinz Sawäd (Babylonien) , allerdings 
die reichste, warf unter Kob&d, dem Sohne des Pyruz, 
150 Millionen Silber-Mitkals, also 214 Millionen Dirham ab. 

Nach der Eroberung durch die Araber erhob Omar I. 
von derselben Provinz nur 120 Millionen; das Ei-trägniss 
verminderte sich also um die Hälfte, welche Erscheinung 
sich sehr leicht durch die Schwächung der ^teuerkraft er- 
klärt, die eine Folge der Plünderung und Brandschatzung 
der Bevölkerung durch die arabischen Truppen und des 
Verfalls der Agricidtur war. ^) Unter Mo*awija sank das 
Einkommen von Irak (d. i. Sawäd) noch tiefer imd betrug 
nur mehr 100 Millionen Dirham, aber selbst dieser Betrag 
war nur mit Mühe einzutreiben, so dass dieser Fürst seinem 
Statthalter die Wahl stellen mussto, entweder für den rich- 
tigen Eingang zu bürgen oder abzudanken. 2) Die weiteren 
Nachrichten, die wir über die Schicksale der Provinz Irak 



alkolab erhellt, wo derselbe Passus des Ihn Chordädbeh in persischer 
Uebersetzung gegeben wird, ist im arabischen Text statt Wba*at Vl&f alf 
zu lesen: *arba'mi'at alf alf; im persischen Text des Nozhat aber ist 
statt: bjst haz&r dynär zu lesen: bjst haz&r hazftr. Ferner darf nicht über- 
setzt werden: nach dem Gewichte des Dirhams 795 Million., sondern: 
nach dem Gewichte des Dirhams zu sieben Mitkäl (d. i. je 10 Dirham 
= 7 Mitk&l) 195 Millionen. Vgl. Mäwardj p. 268, 302. Im Sasanidenreiche 
herrschte die Silberwährnng und einen Aureus zu 38 Dirham gab es nicht. 
Trotzdem hat Herr Thomas in dem Numismatical Chronicle 1873 III. 
p. 246 auf diese ganz verfehlten Angaben sich stützend eine Berech- 
nung angestellt, laut welcher das Einkommen Persiens unter Parwjz anf 
13,200,660,000 Dirham (!) sich belaufen haben soll. Eine Widerlegung 
ist überflüssig. 

>) Vgl. Sprenger's Aufsatz: Remarks on Barbier de Meynard's edi- 
tion of Ihn Khord&dbeh p. 11. Nach Mawardy p. 302 betrug das Steuer- 
einkommen der Provinz Saw&d unter dem Sohne des Kobäd 287 Millionen 
Dirham. Der Flächenraum des bebauten Landes, von dem allein die Steuer 
(1 Dirham in Geld und 1 Kafyz in natura per Garyb) eingehoben wurde, 
war 150 Millionen Garyb, hingegen hatte sich unter Omar I. der Flächen- 
rftimi des bebauten Landes bis 32—36 Millionen Garyb vermindert. 

2) Ibii Atyr IV. 116. 



VII. Die Finanzen. 259 

besitzen^ zeigen uns, dass die Steuerkraft unter den Omaj- 
jaden nicht mehr zunahm und später sog^r erheblieh sank. 
Der Statthalter Obaidallah Ibn Zijäd erhob unter den drei 
ersten Omajjadenfursten noch 135 Millionen, was er aber 
nur durch die g-rössten Gewaltmaassregeln möglich machte. 
Ilaggäg, Statthalter derselben Provinz unter Abdalmalik, 
erhob 18 Millionen, unter Omar 11. stieg das Eii;rägniss 
angeblich wieder auf 120 Millionen ; Ibn Hobaira unter dem 
Chalifen Jazyd II. trieb jährlich nach Abzug der Verpflegs- 
kosten der Truppen 100 Millionen ein, Jusof Ibn Omar, 
Statthalter unter den Chalifen Hishäm und Walyd IL, er- 
zielte eine jährliche Steuereinnahme von 60 — 70 Millionen, 
wovon der Sold seiner syrischen Truppen im Betrage von 
10 Millionen, die Auslagen fiir die Postverwaltung mit 
4 Millionen Dirham, für unvorhergesehene Auslagen 2 Mil- 
Honen und für Beherbergung und Versorgung der Rekruten 
und Invaliden 10 Millionen bestritten wurden. *) 

Babylonien oder Sawäd hat, wie Dr. Sprenger bemerkt, 
viele Aehnlichheit mit Holland. Es ist das Delta des Tigris 
und Euphrat. Die beiden Ströme, die es bewässern, zerstören 
aber statt zu befruchten, sobald das System der Dämme 
und Kanäle vernachlässigt wird. Unter der persischen Herr- 
schaft waren Drainirungs- und Kanalisationsarbeiten in 
grossem Maasstabe unternommen worden. Man hatte Dämme 
errichtet und Kanäle gegraben, um die periodischen Ueber- 
schwemmungen zu regeln; sobald nun diese Arbeiten ver- 
nachlässigt wurden, richtete das Wasser Verwüstungen an 
und verwandelte das fruchtbare Ackerland in Sümpfe. Schon 
auf den ptolemäischen Karten linden wir solche Sümpfe 
verzeichnet. Da unterhalb Bassora sehr häufig der Tigris 
<las umliegende Land, welches theilweise fast gleich tief 
wie der Wasserspiegel ist, überschwemmte, so hatte man 
die Ufer mit Schutzdämmen eingesäumt und den Stromlauf 



^) MÄwardy p. 301 ff. 

17» 



2G0 TU. Die FiQftnxan. 

re^irt. Unter der TTerrschaft des SasaDiden-König^ Kobad, 
vermuthlich nach jener Epoche, während welcher er ein 
so hohes Einkommen von SawÄd bezog, brachen die Dämme 
unterhalb Kaskar und die umliegende Gegend ward über- 
schwemmt. ') Erst Nushyi-wän stellte die Dämme wieder her. 
Im Jahre G H. ((327 Chr.) stiegen die Wasser des Euphrat 
sowie des Tigris besonders stark und durchbrachen die 
Dämme an verschiedenen Stellen. Parwyz zeigte grosse 
Energie und man erzählt, er habe an einem Tage bis 50 zer- 
störte Stellen wieder ausbessern lassen ; auch wies er grosse 
Geldbeträge aus Staatsmitteln zur Herstellung der Dämme 
an, ohne jedoch den früheren Wohlstand der Provinz wieder 
ins Leben rufen zu können. ^) Nur wenige Jahre später 
beginnen die Araber ihre verheerenden Kriege, die mit dem 
Sturze der persischen Herrschaft endeten. 

Diese scheinen, nachdem sie Babylonien erobert hatten, 
sich anfangs wenig um die Ausbesserung oder den Wieder- 
aufbau der Dämme gekümmert zu haben. Die persischen 
und aramäischen Landeseinwohner, ebenso wie die Dihkäns, 
d. i. die eingebornen Besitzer grösserer Gnindcomplexe und 
Distriotsvorsteher, welche allmälig zum Islam übertraten, 
hatten nicht genügende Mittel, dem Uebel zu steuern. 
Mo*awija I. sandte einen seiner dienten Namens Abdallah 
Ibn Daräb als Steuereinnehmer nach Babylonien und dieser 
scheint der Erste gewesen zu sein, der einige Landstrecken 
wieder entsumpfte. ^) Mit grösserem Erfolge war später in 



') M&wardy sagt p. 2ö6 von Kisrä Ibn KobAd d. i. Nushyrwan : Er 
war der Ernte, welcher das Sawftd vermessen liess und die Grundsteuer 
ausschrieb, die Landniarken bestimmte und die Stcuerämter einrichtete. 
Er liess den mittleren Ertrag jedes Grundstückes feststellen und nahm von 
jedem Garyb einen Kafyz in natura und einen Dirham. Das Gewicht des 
Kafyz war damals 8 Rotl und sein Werth 3 Dirham. — Omar I. nahm 
später fiir einen grossen Theil der Lftndereien des Saw&d denselben Steuer- 
satz an. 

2) Mas*udy I. p. 225. Vgl. Ritter : Erdkunde X, p. 162 ff. 

3) Vgl. Mawardy XV. Abschnitt I. Mas^udy I. p. 226. 



VII. Die Finanzen. 261 

dieser Richtung; der Nabatäcr Plassan \) tliätifj; , der als 
Steuereinnehmer unter dem Chalifen Ilisham in Babylonien 
sich grosse Verdienste erwarb. Er öflftiete zwei Abzugs- 
kanäle^ um grössere Landst];ecken zu entwässern. Im Jahre 
75 IL (694 — 95 Chr.) hatte Ilaggag, der Statthalter von 
Irak, der sich auch durch die Herstellung eines Verbindungs- 
kanales zwischen dem Euphrat und Tigris verdient machte, 
berichtet, dass die Entwässerung der Provinz 3 Millionen 
Dirham kosten würde, eine Summe, die dem Chalifen zu 
hoch schien. Maslama, ein omajjadischer Prinz, erklärte 
sich bereit, einen Theil des Landes trocken zu legen, unter 
der Bedingung, dass das Einkommen der auf diese Art ge- 
wonnenen Ländereien ihm gehöre. 2) Der Chalife ging auf 
diesen Vorschlag ein, Maslama eröffnete zwei Abzugskanäle 
imd errichtete die erforderlichen Dämme. Auf diese Art 
gewann er ausgedehnte Landstrecken, wo sich bald ein zahl- 
reicher Bauernstand ansiedelte, <ler vermuthlich auf diesen 
einem Prinzen der herrschenden Dynastie gehörigen Gründen 
vor Steuerei'pressungen geschützt war. 

Bis zum Sturze der omajjadischen Dynastie blieben 
die Nachkommen Maslama's im Besitze dieser Landstriche. 
Der erste abbasidische (/halife verlieh sie einem seiner eige- 
nen Verwandten. Dessen Erben erhielten sich noch durch 
einige Zeit als Eigenthümer dieser Ländereien; endlich 
fielen sie aber doch der Krone zu. 3) 

Wie wir gesehen haben, machte sich in dem Steuer- 
erträgniss der wichtigen Provinz Irak eine ziemlich rasche 
Abnahme bemerklich. ^) Es unterliegt keinem Zweifel, dass 



^) Balftdory Hchreibt den Namen: Hajj&u. 

2) Es ist dies derselbe Maalama, der von seiner Statthalterschaft 
durchaus keine Steuer an die C'entralkasso abführen wollte und desshalb 
auch abberufen ward. Ibn Atyr V, 74; Goeje: Frap^in. I, 75. 

3) Sprenger, Keiuarks etc. p. 13. 

*) Ibn ChordÄdbch ed. Barbier de Meynard p. 36. Ualädory p. 270. 
Goeje Fragni. Hist. Arab. I. p. 33. 



262 71 r. Die Finanxen. 

in demselben Verhältnisse wie dort, so auch in den anderen 
Provinzen das Einkommen und die Steuerabfuhr fifcg-en 
früher bedeutend nachliessen. Wenn man bedenkt, welche 
Verwüstungen auch die fortwährenden Aufstände, die Kämpfe 
mit den Chärigiten, die Kriep^e mit den Byzantinern und 
den Türkenstämmen der Nordostgrenze angerichtet haben 
müssen, so dürfte es sicher nicht zu g-ewagt sein, das g-e- 
sammte Staatseinkommen unter den Omajjaden, trotz der 
reichen Hilfsquellen, welche Syrien, Aegypten und Africa, 
dann auch Spanien eröffneten, auf kaum mehr als die Hälfte 
jener Ziffer anzusetzen, welche das Staatseinkommen unter 
den Sasaniden erreichte, d. i. ungefiihr 300 Millionen Dirham. 
Leider felilen uns für jene Zeit bestimmtere Angaben, so 
dass unsere Uebersicht der Finanzen des Reichs unter, den 
Omajjaden wohl für immer lückenhaft bleiben muss. Sicher 
ist es, dass der finanzielle Verfall mit Omar II. begann, denn 
dieser bigotte Chalife brachte dm*ch seine verkehrten Kegie- 
rungsanordnungen die Finanzen in die grösste Unordnung, 
so dass Provinzen, die früher immer activ gewesen waren, 
nun plötzlich nichts mehr an die Centralkasse abführten, ja 
sogar von dieser bedeutende Summen beanspruchtcu. 

Aus der Zeit Mo*awija*s I. ist uns eine Nachricht er- 
halten, dass [ein Statthalter von Bassora (*Obaidallah Ibn 
Zijad) in einer öflPentlichen Rede an die Bewohner dieser 
Stadt gesagt habe , der Schatz der Regierung enthalte 
100 Millionen Dirham und das Heer zähle 60.(XX) Mann, 
wofür der Sold jährlich (iO Millionen betrage. *) Diese An- 
gabe stammt aus guter Quelle und gestattet uns ein an- 
nähernd richtiges Urtheil festzustellen über die materiellen 
Hilfsmittel des damaligen Staatsw^esens. Derselbe "Statthalter 
soll das Einkommen seiner Provinz (Bassora), das anfangs 
nur 90.0(X) Dynar betrug, auf 140.000 Dynar gebracht haben, '^) 



') Mas'udy V. 196. 
2) Ibn Atyr IV. 108. 



YIl. Die Finaaxen. 263 

und als er diese Stadt, vor einem Aufstande flüchtend, 
verliess, befanden sich in der Provinzialkasse 19 Millionen 
Dirham, die er zum Theil unter seine dienten verschenkte, 
theils für sich behielt. *) 

Derlei vereinzelte Angaben linden sich manche vor, 
allein, wenn man sie auch noch so sorg^fältig mit einander 
vergleicht und zusammenstellt, so lässt sich daraus kein 
auch nur annähernd vollständiges Bild gewinnen. Aus diesem 
Grunde brechen wir hier auch unsere 8kizzo der Finanzlage 
unter den Omajjaden ab. Wir werden gleich in dem nächst- 
folgenden Abschnitte durch um so reichere und vollstän- 
digere Angaben über die Zeit der Abbasiden unsere Leser 
zui- Genüge entschädigen. 

2. Die urkundlichen Quellen zur Finanzgeschichte 

unter den Abbasiden. 

Ueber die Einkommensquellen unter den Abbasiden 
sind uns weit ausführlichere Nachrichten überliefert, als für 
die Zeiten der vorhergehenden Dynastie, doch auch nur 
für die Blüthezeit, nicht aber für die Epoche des Verfalls. 
Es erklärt sich dies von selbst. Je mehr die Macht der 
Centralregierung sank, desto unabhängiger wurden die Statt- 
halter der einzelnen Provinzen und desto weniger führten 
sie den üeberschuss der Einkünfte an den Schatz der Cha- 
lifon ab; desto mehr lag es in ihrem Interesse, über die 
Einkünfte ihrer Provinz da» Geheim niss zu bewahren. Wir 
sind aus diesem Grunde vor allem darauf angewiesen, die 
Finanzen des Staates in der Zeit seines höchsten Glanzes 
zu besprechen. Schon diese Untersuchung ist von hohem 
Werth, weil wir hiedurch in die Lage gesetzt werden, ein 
annähernd richtiges Urtheil uns zu bilden von den finan- 
ziellen Hilfsmitteln jenes Weltstaates, der damals eine Aus- 



1) Ihn Atyr IV. p. 110. 



264 YII. Die Finanz«!!. 

dehnung gewonnen hatte, die selbst jene des alten römischen 
Kaiserreiches weitaus überholte. 

Da die Steuern nicht nach einem allgemeinen gleich- 
förmigen Systeme eingehoben wurden, sondern bei jeder 
Provinz Eigenthümlichkeiten von grösserer oder geringerer 
Bedeutung vorkamen, je nachdem dieser oder jener Land- 
strich bei der Eroberung durch die Araber günstigere oder 
ungünstigere Bedingimgen erhalten hatte, oder durch die 
von einzelnen Chalifen ertheilten Privilegien besser gestellt 
worden war, so ist vor allem eine Rundschau über sämmt- 
liehe Provinzen nothwendig, wobei deren Steuerki'aft nach 
Maassgabe der natürlichen und industriellen Ertragsfahigkeit 
zu bestimmen sein wird. Nicht minder wichtig ist es bei 
dieser Untersuchung, die Summen kennen zu lernen, welche 
in einem gegebenen Zeitpunkte von jeder einzelnen Provinz 
an den Hof von Bagdad abgeführt wurden. 

So schwierig es nun auch auf den ersten Blick scheinen 
mag, diese Aufgabe zu lösen, so ist es doch eine nicht ge- 
ringe Genugthuung für mich, dies in ziemlich vollständiger 
Weise thun zu können. Der heutige Stand der orientalischen 
Studien und die Textwerke, welche grösstentheils durch 
den Fleiss gelehrter Fachgenossen ^eum Gemeingute der 
Wissenschaft gemacht worden sind, gestatten es uns, über 
den Reichthum und die Steuerfähigkeit der einzelnen Pro- 
vinzen , deren Industrieentwicklung und Production ein 
ziemlich vollständiges und, was am wichtigsten ist, auch ver- 
lässliches Bild zu entwerfen. 

Was die geographische und administrativ-politische 
Eintheilung der Gebiete anbelangt, so besitzen wir in 
dem erst seit kurzem in brauchbarer Form von dem 
verdienstvollen holländischen Orientalisten de Goeje heraus- 
gegebenen arabischen Geographen Istachry ein Schriftwerk, 
welches die Zustände des Reiches kurz vor dem Auftreten 
der das Chalifat ganz in den Schatten drängenden Dynastie 
der Bujiden sdiildert und in einzelnen Theilen, wo die 



YII. Die Finanzen. 2()5 

ursprüngliche Redaction des Balchy unverändert erhalten 
ist, in noch frühere Zeit zurückreicht. ^ 

Um jene Zeit machten sich allerdings schon die An- 
lange des Verfalls bemerkbar, aber die Glanzepoche unter 
Harun Rashyd und Ma'mun lag kaum hundert Jahre zuiück. 
Und wenn uns Istachry von vielen Landstrichen ein sehr 
günstiges Bild der Culturentwicklung, des Wohlstandes, der 
industriellen Thätigkeit der Bewohner imd eines regen Han- 
delsverkehrs entwirft, so können wir daraus mit voller Ge- 
wissheit den Schluss ziehen, dass es in den Jahren der 
früheren HeiTscher zweifellos noch besser stand und damals 
die allgemeinen Culturverhältnisse noch weit günstiger ge- 
wesen sein müssen. Eine im Jahre 27H'H. (891 — 92 Chr.) 
verfasste geographische Schrift, Ja*kuby's Buch der Länder, 
dessen Herausgabe wir ebenfalls einem holländischen Orien- 
talisten zu verdanken haben, während das Verdienst es im 
Oriente aufgefunden zu haben einem Russen, Muchlinski, 
gebührt, schildert uns einen beträchtlichen Theil der dama- 
ligen mohammedanischen Welt und liefert viele ausseror- 
dentlich werthvoUe Nachrichten über den Culturzustand, 
die Industrie, den Handel und die Steuerkraft der einzelnen 
Provinzen. 

So anziehend und belehrend nun auch die Einblicke 
sind, die wir aus diesen Quellen gewinnen, so würden wir 
doch schwerlich hieraus ein vollständiges Bild der Finanz- 
lage schöpfen können. Eine günstige Fügung hat uns hiefiir 
noch ganz andere Urkunden erhalten, aus welchen wir die . 
finanziellen Zustände des Chalifates " zur Zeit, als Carl der j 
Grosse in Europa herrschte, weit genauer kennen lernen, \ 
als die europäische Geschichte uns über die Lage unseres I 
eigenen Vaterlandes in jener Epoche unterrichtet. Freilich 



^) Nach de Goeje^s Untersuchung in der Zeitschrift d. D. M. G. 
XXV. p. öl starb Balchy 322 11. und Istachry verfasste wahrsclieiiilicli 
um 340 H. eine neue Ausgabe des Werkes mit seinen ZusätKen. 



266 YII. Die Finansen. 

darf man hiebei nicht verg^essen, dass die Civilisation damals 
ihren Sitz im Oricnto aiifgeschlag^en hatte, während sie 
seitdem von dort fortg^ezogen und nach Westen odei' Norden 
f>;ewandert ist. 

Diese Urkunden sind drei aus verschiedenen Jahr- 
Vr i^ängen stammende Steuerrollen, welche die Einkommens- 
posten ziffermässig mit ihrer Vertheilung auf die einzelnen 
Provinzen angeben und ihre Daten aus officiellen Quellen 
der Staatskanzlei von Bagdad entlehnten. 

Die erste dieser Steuerrollen hat uns der grosse 
Geschichtsphilosoph Ibn Chaldun aufbewahrt und dieses 
wichtige Schriftstück ward zuerst von Josef v. Hammer 
in seiner bis jetzt unübertroffen gebliebenen Preisschrift 
über die Ländei-verwaltung unter dem Chalifate (Berlin, 1835) 
bekannt gemacht. Nach dem, was Ibn Chaldun selbst hiezu 
bemerkt, fand er diese Liste der jährlich in den Schatz 
fliessenden Einnahmen in einem Werke, das den Titel: 
Girab aldaulah führt, den man: „das Staatsarchiv" über- 
setzen kann. Ibn Chaldun fügt hinzu, dass diese Liste das 
Einkommen des Staatsschatzes von Bagdad darstellt, sowie 
es zur Zeit des Chalifen Ma'mun w^ar. Diese Angabe galt 
bisher als unverdächtig und man dachte nicht daran, sich 
die Mühe zu nehmen, deren Richtigkeit zu prüfen. Allein 
eben hier zeigt es sich wieder, wie gut es ist, bei orientii- 
lischen Autoren immer die Sonde einer besonnenen Kritik 
der Thatsachen — nicht blos der Worte, w^ie dies Mode 
geworden ist — anzulegen. Es ergibt sich nämlich bei 
näherer Prüfung dieses Documentes, dass dasselbe nicht in 
die Zeit Ma'mun's gehört, sondern aus einer weit früheren 
p]poche stammt. Provinzen, die schon unter Ma'mun nahezu 
unabhängig waren und längst keine Steuern mehr abführten, 
^ wie die Provinz Sind, werden noch als activ aufgefiilirt. 
Dasselbe ist mit Africa (Ifrykijja) der Fall, das in Ibn 
Chaldun's Liste erscheint, während es in den beiden an- 
deren Steuerrollen fehlt, weil zur Zeit, als die letzteren 



Vn. Die Finanzen. 267 

zusammengestellt wurden, diese Provinz schon von der Re- 
gierung' in Bagdad unabhängig war: denn die Aghlabiten 
erkannten die Oberherrlichkeit des Chalifen nur formell an. 
Ihn Chaldun's Liste stammt, wie aus diesen Gründen und 
den bezüglichen historischen Vergleichungen mit Sicherheit 
sich erweisen lässt, aus der Zeit der Chalifen Mahdy und 
Hädy (775 — 78(> Chr.), vermuthlich aber des Letztgenannten 
^78.^-786 Chr.») 



*) Der Umstand, diuss Sind und Mokriin von Ibn Chaldun mit 
einem hohen Steiierbetrag angeführt erscheinen, während beide Provinzen 
in den Steuerlisten des Kod<^ma und Ibn ChordMbeh fehlen, ist sehr be- 
acbtenswerth. Es kann dies nur dadurch sich erkllircn, da^s diese zwei 
Provinzen zur Zeit, als die beiden letztgenannten Schriftsteller in Bagdad 
ihre Steuerlisten aus den Archiven abschrieben, nicht mehr darin verzeicli- 
net wurden, weil sie keine Steuern mehr abfiihrten. Hieraus folgt, dass 
die von Ibn Chaldun erhaltene Steuerliste jedenfalls aus der Zeit vor 
Ma^mun stammt, denn dieser ernannte zwar noch einen Statthalter von Sind, 
aber mit der Bedingung, dass er jährlich eine Million Dirham in die Staats- 
kasse nach Bagdad abführe, was die Vermuthimg nahe legt, dass der neue 
Statthalter ein glücklicher Abenteurer gewesen sei, der dort sich der Herr- 
schaft bemächtigte, und von dem Chalifen einfach bestätigt ward, gegen 
Bezahlung eines jährlichen Tributes von 1 Million Dirham (Ibn Atyr VI. 
206). In der That wird berichtet, dass Ma'mun im Jahre 213 H. einen 
neuen Statthalter über Sind ernannte, weil der frühere keine Steuer mehr 
abführte (1. 1. p. 288); der neue Statthalter brachte zwar den früheren 
zum Gehorsam zurück (1. 1. 296), vermuthlich aber führte derselbe den 
Tribut wieder nur für einige Zeit ab. Wir wollen hier über die Statthal- 
terschaft Sind noch einige Bemerkungen beifügen. Unter Mo'äwija wurde 
für Sind ein Unterstatthalter durch den Statthalter von Bassora ernannt 
(Ibn Chaldun. Allg. Gesch. III, 6, 135). Und auch noch in späteren Zeiten 
war es eine Dependenz von Irak (Ibn Atyr V. 101). Die Abbasiden er- 
nannten selbst ihre Statthalter für das indische Grenzgebiet und Mansur 
entsendete einen Statthalter für Kerman und Sind (Ibn Atyr VI. 6). 
Harun Rashyd ernannte im Jahre 174 H. einen Statthalter über Sind und 
Mokran (Ibn Taghrybardy I. p. 474), dann im Jahre 184 H. (l. 1. I. p. 618). 
Nun kam Ma'mun, der ebenfalls, wie schon bemerkt, einen Statthalter 
ernannte, und die letzte mir bekannte Notiz ist die, dass Mo'tasim den 
Afshyn zum Statthalter von Sind bestimmte (Goeje: Fragm. Hist. Arab. 
L 388), was jedoch kaum mehr etwas anderes, als eine Ernennung in 



26H Yll. Die FiüftuMB. 

Die nächste Quelle ist Ihn Chord^dbch's Buch der 
Postrouten, worin er die Steuer angibt, welche jede Provinz 
Jährlich nach Bagdad abfiihrte. Der Verfasser war ursprüng- 
lich Parse, trat dann zum Islam über und stieg zu hohen 
Aemtern und Würden empor. Er war Überpostmeister und 
politischer Berichterstatter für die Provinz Gabal (Irak 
*agemy), genoss im hohen Grade die (runst des Chalifen 
MoHamid (25()— 279 Tl., H7(>— 892 Chr.), hielt sich öfters 
am Hofe auf und soll sogar die Stelle eines Wezyrs be- 
kleidet haben. Er schrieb ein Buch der Postrouten, das 
wohl zum amtlichen Gebrauche bestimmt war, denn bei Ent- 
Sendung von Courieren, bei Truppenmärschen nach den ver- 
schiedenen Provinzen war es sicher von grosser und sehr 
wohl verstandener Wichtigkeit, schon von Bagdad aus die 



partibus iuiideliuni gewesen »elu dürfte. Und aus Ibn Uaukal wissen wir, 
dass in den indischen Grenzgebieten und Mokrän ganz unabhängige ara- 
bische Häuptlinge herrschten, welche den Chalifen in Bagdad nur als 
geistliches Oberhaupt anerkannten. Wie dem immer sei, so viel ist sicher, 
dtiss Sind, als es noch eine förmliche Provinz des Reiches war und den 
Steucrüberschuss an den Schatz abführte, ein viel grösseres Einkommen 
aufwies. Unter Abdalmalik, als Haggag, der Statthalter von Irak, es ver- 
waltete, trug Sind, worunter auch Mokr&u inbegritfen ist, 120 Millionen 
Dirham, wovon 60 Millionen in den Schatz flössen. Und dass es auch 
unter den ersten Abbasiden eine wichtige Provinz war, geht daraus hervor, 
weil sowohl unter Safi&li als Mansur unter den Statthalterschaften des 
Reichs immer Sind angeführt wird. Es muss daher die allmälige Eman- 
cipation der Provinz von der Autorität der Centralregierung in der Zeit 
zwischen Mansur und Ma'mun erfolgt sein und würde Ibn Chaldun's Liste 
in diese Zeit fallen. Allein ein weiterer Umstand veranlasst uns, sie noch 
in die Zeit vor Harun Rashyd zu verlegen: denn wir wissen, da-ss die 
Organisation von Militärcolonien und die Einrichtung einer Militärgrenze 
in den nordsyrischen Gebieten erst unter Harun Rashyd erfolgte (Ibn Atyr 
VI 7o, Baladory p. IH'2;. Nun kennt aber Ibn Chaldun's Steuerliste diese 
Militärgrenzen noch nicht, während Kodama und Ibn Chordadbeh sie aus- 
drücklich anführen. Die von Ibn Chaldun erhaltene Steuerrolle fällt also 
in die Zeit vor Harun Rjvshyd, vermutlilich stammt sie ans den Tagen 
der Chalifen Mahdy und Hady. 



VIT. Die Finansen. 269 

Marschroute und die Zahl der Haltstationen bestimmen, so 
wie sich über die Hilfsmittel der verschiedenen Gegenden 
genaue Rechenschaft geben zu können. Das Werk hatte 
also vorzüglich einen praktischen Zweck und wurde aus 
amtlichen Quellen zusammengestellt. Für uns hat es aber 
einen unschätzbaren Werth, denn es ist ein vollkommenes 
Itinerarium und Katiocinarium Imperii. Der Zeitpunkt der 
Verfassung fällt ungefiihr zwischen die Jahre 240—200 H. 
(854 — 874 Chr.). Vor 231 H. kann es nicht verfasst sein, 
da in der Stelle, welche die Steuern von Chorftsän betrifft, 
eine Urkunde citirt wird, welche dieses Datum trägt und 
für den Fürsten aus der Familie der Tähiriden bestimmt 
ist. Es kann aber auch nicht später als 200 H. verfasst 
sein, da im Jahre 201 H. Nasr, der Samanide, die Investitur 
der Statthalterschaft von Transoxanien erhielt, während Ibn 
Chordädbeh als Gouverneur dieses I^andes noch den Nuh 
Ibn Asad nennt. 

Die dritte Quelle, über die wir verfugen, ist KodUma's 
Steuerbuch (KitÄb alcharäg). Der Verfasser, der im Jahre 
337 H. (948 — 49 Chr.) starb, war im Staatsdienste in Bagchul 
angestellt und bekleidete einen hohen Posten in der Ver- 
waltung. Er entstammte einer christlichen Familie, die in 
Bassora ansässig war, nahm aber dann den Islam an und 
legte in die Hände des Chalifen Moktafy das mohammeda- 
nische Glaubensbekenntniss ab. Indem er seine Schrift: 
„Buch der Steuer" verfasste, scheint er ebenfalls vorzüglich 
praktische Zwecke im Auge gehabt zu haben, er wollte 
jungen Beamten einen Leitfaden der Finanzkunde an die 
Hand geben und aus diesem Grunde fügte er demselben 
Werke einen zweiten Theil an, der die bezeichnende Auf- 
schrift: „Die Geschäftswissenschaft des Dywänbeamtcn" 
(sanä'at alk&tib) führt, i) 

*) Ueber Kodama vgl. den Aufsatz von Baron 81ane, Journal Asiat. 
1862, dann Ibn Taghrybardj II. p. 32.S. 



270 YII. Die Finanien. 

Kodäma'B Daten sind ziemlich alt. Er suchte nämlich 
in den Archiven von Bagdad, wie es scheint, nach den ältesten 
Kechnungsacten, nun hatte aber im Jahre 204 H. (819—20 Chr.) 
(iin grosser Brand die alten Archive zerstört. Er nahm daher 
die Rechnungsschlüsse dieses Jahres zur Grundlage seiner 
Arbeit. Der schlechte Zustand des einzigen bisher aufge- 
fundenen Manuscriptes vermindert leider den Werth der 
hieraus geschöpften Daten und es steht somit Kodäma\s 
Werk weit unter Ibn Chordjldbeh's Schrift. 

Die drei Quellen, welche wir eben besprochen haben, 
geben also eine Darstellung der Finanzen des Chalifats für 
folgende Zeitepochen : 

I. Steuerrolle des Ibn Chaldun; dieselbe fallt in die Zeit 

von 158—170 H. (775 bis 78()). 
II. Steuernotizen des Kodäma; sie beziehen sich dort, wo 
kein Datum angegeben ist, auf das Jahr 204 H. und 
die spätesten Documente datiren aus dem Jahre 237 H. 
(851—52 Chr.). 
III. Steuernotizen des Ibn Chordadbeh; dieselben beziehen 
sich, wo es sich um die Provinz Chorasan handelt, auf 
das Jahr 221—222 H. (836 Chr.), die anderen auf 
spätere Jahrgänge und wird bei einigen Posten, z. B. 
Kazw^yn imd Bahrain, das Jahr 237 H., bei Taberistän 
das Jahr 234 H. beigefugt. 

Mit diesem Leitfaden an der Hand sind wir im Stande, 
von den materiellen Hilfsmitteln des mohammedanischen 
Weltreichs zur Zeit seiner höchsten Blüthe eine genaue Vor- 
stellung uns zu machen. Diese findet ihren Ausdruck in 
der folgenden Uebersicht, während wir zum Schlüsse eine 
vergleichende Finanzstatistik der Provinzen jenen Lesern 
vorführen, die in die Einzelnheiten dieser Untersuchung ein- 
zudringen wünschen. ') 



1) Der persiRche Geschichtschreiber Wassfif hat einige für die Pinanz- 
gcschichte höchst wichtige Urkunden gesammelt und seinem Werke ein- 



yn. Die Finanzen. 271 

3. Die Einnahmen und die Steuergesetzgebung. 

In der ersten Epoche (Ibn Chaldun's SteuerroUe), d. i. 
zwischen den Jahren 158 — 170 H. (775 — 780 Chr.), betrug 

verleibt. Joaef von Hammer war der Erste, welcher deren Wichtigkeit 
erkannte (Ueber die Länderverwaltung unter dem Chalifate p. VI). Allein 
er konnte sie nicht benutzen, da es ihm nicht gelang, die eigenthümliche 
Zifferschrift, in der die Zahlangaben geschrieben sind, zu lesen. Den türki- 
schen Literaten ist es auch nicht besser gegangen und aus diesem Grunde 
findet man diese Zahlenverzeichnisse in den meisten Handschriften der 
Geschichte WassÄf s entweder gar nicht oder doch nur in höchst verstüm- 
meltem Zustande. 

Ich habe mich nun mit der Entzifferunt^ dieser Urkunden befasst 
und benützte hiebe! eine sehr alte, sorgfältige Handschrift der k. k. Hof- 
bibliothek in Wien. Es ergab sich, dass diese räthselhaften Zahlzeiclien 
keineswegs unbrauchbar oder unverständlich sind, sondern sich sehr jener 
Zifferschrift nähern, die schon de Sacy in seiner arabischen Grammatik 
unter dem Namen der DjwRny-Ziffem bekannt gemacht hat, und welche 
noch jetzt in Persien und Indien bei den kaufmännischen Rechnungen all- 
gemein im Gebrauche ist. 

Nach diesen Vorbemerkungen stelle ich die wichtigeren Daten zu- 
sammen, welche aus diesen Urkunden, die offenbar aus amtlichen Quellen 
gesammelt sind, sich ergeben. 

Die erste Urkunde gibt da» Budget der Einnahmen unter dem Cha- 
lifen Harun Rashyd. Dasselbe bestand aus ßaarzahlungen und Natnral- 
liefeningen. Die Ziffer der ersteren ist nicht ganz verlässlich und könnte 
nur durch den Vergleich mit anderen Handschriften gesichert werden. Die 
Liste der Natiiral lieferungen schliesst sich an die des Ibn Chaldun an, ist 
aber nach den Producten, nicht nach Ländern geordnet. 

Dann folgt ein kurzer Auszug aus Kod&ma, nach welchem das Gre- 
sammteinkommen der von Bagdad beherrschten Länder (die östlichen Länder 
scheinen nicht mit inbegriffen zu sein) und zwar nach dem im Jahre 204 H. 
stattgefundenen Brande der Archive in Bagdad, war wie folgt: 

Baarzahlungen und Naturallieforungen, zusammen 200,637.000 Dirham. 

Hievon in baarem Gelde: 177,620.700 Dirham. 

Hieran reiht Wass&f einen anderen Auszug aus einem Budget der 
Einnahmen und Ausgaben vom Jahre 306 H. (918 — 19 Chr.) unter der 
Regierung des Chalifen Moktadir, wonach die Einnahme mit AusschUiss 
der Naturallicferungen sich auf 24,629.280 Dirham belief. 



272 Tn. Die FiiiaiiMii. 

die Summe, welche jährlich in den Schatz des Chalifen floss, 
411 Millionen Dirham. 

Den SchlnsR maclit eine sehr ausführliche Liste der sämmtlichen 
Districte des Sawad und der von jedem bezahlten jährlichen Steuer. Es 
zeifrt sich im Vcrfi^Ieiche mit den ganz analogen Steuerlisten KodAma\s und 
Um Chordadbeh's eine auffallende Abnahme des Erträgnisses; ich will 
einige Vorgleichungen hier folgen lassen, um dies zu beweisen. Ich bezeichne 
WassAfs Liste mit W., Koduma mit K. und Ibn Chordadbeh mit Ch. 

W. 266.288 Dirham 
District Badurajjft, Nähr Byn und Kalwad^ K. 1,330.000 

Ch. detto 

IW. 25.000 „ 
K. 660.000 ,, 
Ch. 300.000 y, 
IW. 42.999 y, 
K. 330.000 „ 
Ch. detto 

Auf die Steuerliste des Saw&d folgen die anderen verschiedenen 
Einnahmsquellen der Regierung, z. B. Taxeinnahraen von den Schiffen in 
Bassora, also wohl Ankergeld, 22.670 Dirham, Flussf&h reinnahmen von 
Nähr Byn 80.250 Dirh., Einkommen von den Münz- und Punzimngsämtem 
in Bagdad, Snmarrd, Wäsit, Bassora und Kufa 00.390 Dirh., femer Kopf- 
taxe (gawftly) der Juden und Christen in Bagdad 2G.O0O Dirh. — Diese 
Notiz ist besonders desshalb sehr interessant, da sie uns beweist, wie gering 
damals die Zahl der Christen und Juden in Bagdad war, denn da jeder 
mindestens 12 Dirham zu bezahlen hatte, so folgt, dass deren Zahl nicht 
viel über 2000 betrug. 

Es folgen nun die verschiedenen Provinzen, insofeme sie überhaupt 
noch dem Chalifen gehörten, oder nicht verpachtet waren. Gleich bei 
Chuzist&n wird bemerkt, dass die Steuer davon an mehrere Unternehmer 
für 1,260.922 Dirham verpachtet war. Noch bezeichnender ist das, was 
über die Provinz FÄris (F&rsistAn) berichtet wird: „Färis mit den Districten, 
die Munis, der Oberstkämmerer, verleiht und jenen Landschaften, die im 
Besitze einzelner MacJithaber sich befinden, zahlt im Ganzen 2,634.520 Dirh.*' 
Dieselbe Provinz hatte hundert Jahre fniher 24 — 30 Millionen Dirham 
jährlich abgeliefert. 

Ausser den beiden genannten Provinzen werden noch folgende Ge- 
biete als steuerzahlende angeführt: Kcrmftn, 'Oman (in MokAta'ah-Pacht), 
Holwfin, Aderbaigän und Armenien, Kom], Kazwyn, Isffth&n, Mäsabadan, 
HamadAn, M&h-albasra, Mah-alkufa und die beiden Freigüter. 



TII. Die TinMien. 273 

In der zweiten Epoche (Koflama^s Notizen), also in der 
Zeit von 204—237 H. (819—820 Chr.), betrug das Ein- 
kommen 3712/3 Millionen. 

In der dritten Epoche (Ihn Chordädbeh's Notizen), d. i. 
zwischen 231—260 H. (845—874 Chr.), belief sich die jähr- 
liche Einnahme auf 293 Millionen. ^) 

Aus diesen Ziffern ersieht man aufs deutlichste, wie 
rasch ein von Jahr zu Jahr fortschreitender Verfall sich 
geltend machte, welcher in den Ziffern des jährlichen Steuer- 
einkommens seinen Ausdruck findet. Die politische Ge- 
schichte bietet für diese Erscheinung den überzeugendsten Er- 
klärungsgrund. Die Bürgerkriege und inneren Unruhen, 
sowie die ununterbrochenen Kämpfe gegen das Ausland, 
nicht weniger auch der grenzenlose Luxus des Hofstaates 
und die Verschwendung der Fürsten, die nur übertroffen 
ward von der Raubsucht der Statthalter, zerrütteten immer 
mehr den Wohlstand jener Provinzen, welche den Kern des 
Reiches bildeten. Keine Steuerreform, keine auch noch so 
gut gemeinte administrative Reform konnte dem Verfalle 
Einhalt thun. 

Schon früh zeigte sich, wie unter den Omajjaden, so 
auch unter den Abbasiden, dass in Folge der fast unum- 
schränkten Machtvollkommenheit der Statthalter die Pro- 
vinzen von diesen ausgeplündert wurden, während die Cen- 



Auf dieses Verzeichniss folg^ die Einnahme von Aegypten, Syrien, 
der flyriflchen GrenzlandschAft (toghur) Mesopotamien (Dijfir Modar, Dijär 
Raby'a), von Mosnl und dem Uferdistrict des Euphrat (tAryk alforat). 

Den Schluss macht eine Uebersicht der Einnahmen von den Fami- 
liengütem und den als Stiftung erklärten Ländereien. Die Einzelnheiten 
dieser letzteren Liste sind schwer verständlich. 

Lant einer Unterschrift datirt die Zusammenstellung vom Jahre 303 H. 
(916—916 Chr.). 

^) Im Jahre 252 H. soll nach einer vereinzelten Notiz (Ihn Taghry- 
bardy I. p. 769) der Sold der Truppen 200 Millionen Dynar (lies Dirham) 
betragen haben und dies, fügt der Berichterstatter hinzu, war der Steuer- 
ertrag des ganzen Reichs. 

▼. Kramer, Cnltnr^escfaiclite de« Orients. 18 



274 VIT. Die Fiaansen. 

tralregierung ihre Einnahmen immer mehr durch die sinkende 
Steuerkraft geschmälert sah. Der zweite Herrscher aus dem 
Hause Abbäs griff daher schon zu einem Mittel, das seitdem 
im Oriente mehr und mehr sich eingebürgei't hat. Er ent- 
setzte den Statthalter einer reichen Provinz und legte ihm 
ein Strafgeld von 2,700.000 Dirham auf.*) Auch suchte or 
zu möglichst hohen Pauschalbeträgen, die Provinzen an 
die Statthalter gewissermaassen zu verpachten. Mit solchen 
Mitteln füllte dieser Herrscher den Schatz, so dass bei seinem 
Tode darin die Summe von 9öO Millionen Dirham sich 
vorfand. ^) 

Die reichste und wichtigste Provinz war, wie wir bereits 
früher nachgewiesen haben, das Stromland des Euphrat und 
Tigris. Man unterliess daher nicht, diesem Landstriche, der 
unter der directen Administration der Centralregierung stand, 
besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Verschiedene Cha- 
lifen suchten dui'ch den Bau neuer Kanäle, durch Ent- 
sumpfung verlassener Landstriche die Steuerkraft zu heben. 
So liess Mahdy den Kanal Sila im Districte von Wäsit 
graben und machte hiedurch grosse Strecken wüsten Landes 
culturfahig. ^) Der Kanal Nähr *Ysk, von einem Oheim des 
zweiten Abbasiden-Chalifen erbaut, zog sich vom Euphrat 
bei Anbär gegen Bagdad und mündete dort im westlichen 
Theile dieser Stadt in den Tigris. Auf diesem Kanäle konnte 
man zu Schiff vom Euphrat in den Tigris fahren. Ein grosses 
Netz von Kanälen verzweigte sich von ihm und machte das 
ganze Land zu einem ununterbrochenen Culturboden. Aller- 
dings hörte er auf schiffbar zu sein, w^enn der Euphrat am 
tiefsten Wasserstande angelangt war, aber dann setzten sich 
unzählige Wasserräder und Schöpfmaschinen in Bewegung 
und bewässerten aus den Wasserresten die Felder. Idrysy 

») Ihn Atyr VI. 8. 

2) GoGJe: Fragm. Hist Arab. I. p. 269. Vgl. die merkwürdige Stelle 
Ibn Atyr VI. 10. 

3) Vgl. BalÄdory p. 291. 



VII. Die Finanzen. 275 

bestätig ausdrücklich, dass dieser Kanal erst unter mo- 
hammedanischer Herrschaft gegraben ward. Aber auch die 
alten Kanäle aus yormohammedanischer Zeit wurden in 
gutem Stande erhalten, wie der südlich vom erstgenannten 
liegende Sarsar-Kanal, an den sich noch weiter südlich der 
Nahr-Mälik, Königskanal , anschloss. Von Bagdad strom- 
aufwärts wai* fiir das befruchtende Element des Lebens 
ebenso gut vorgesorgt durch den grossen Kanal von Dogail 
(d. i. der kleine Tigris). Bei der Stadt Tikiyt zweigte der- 
selbe ab vom Hauptstrome und reichte mit vielen Verzwei- ' 
gungen bis nach Bagdad. Ein Theil der unteren Abästung . 
erhielt den Namen Ifhäky, nach einem Polizeivogt des 
Chalifen Motawakkil, der sich das Verdienst erwarb, 
diese Strecke eröffnet zu haben (Ritter: Erdkunde X. 
p. 212). 

Wir können hier in die Hydrographie von Sawäd nicht 
eingehen, aber das Gesagte wird genügen, um zu beweisen^ 
dass es keine Uebertreibung ist, wenn versichert wird, dass 
zu jener Zeit das Lajqd zwischen Bagdad und Kufa, jetzt 
eine trostlose Einöde, ein grosser Garten voll Ortschaften, 
Dörfern und Villen war, hur müssen wir noch beifügen, dass 
nicht blos das zwischen den beiden Strömen liegende Gebiet 
so vortrefflich bewäs8ei*t und bebaut war, sondern auch der auf 
der Ostseite des Tigris befindliche District sich eines nicht 
weniger ausgebildeten Bewässerungssystemes erfreute, wozu 
das Wasser theils vom Tigris selbst, theils von seinen Neben- 
flüssen Dijalk, Adlem, Zab geliefert ward. Grossartige Reste 
von Dämmen, Schleussen, Kanalbauten, Brücken, weitaus- 
gedehnte Ruinenstätten ehemaliger volkreicher Ansiedlungen 
beweisen, dass einst das regste Culturleben in der vollsten 
Kraft hier geherrscht haben muss. Oestlich von Bagdad 
zieht sich jenseits des Tigris der grosse Kanal von Nahraw^n 
hin, der bei Samarrä aus dem Tigris abzweigt, und unterhalb 
Gargaräj4 wieder in denselben zuiückstrÖmt. In Zusammen- 
hang mit diesen entwickelten Agriculturzuständen befanden 

18* 



\ 



276 Vn. Die Finanzen. 

sich die für jene Zeit sehr beachten swerthen Bestrebungen 
zur Verbesserung der Steuergesetzgebung. 

Die Reform der Steuereinhebung nahm man schon früh 
in die Hand. Der zweite Abbaside, Mansur, schaffte die 
Einhebung der Steuer in Geld vom Weizen und Gerste ab 
und führte dafür das Mokäsamah-System ein, welches darin 
bestand , dass man die Steuer in . natura nach einem be- 
stimmten Procentsatz von dem Ernteerträgniss einhob. Nur 
für die anderen, minder wichtigen Culturen, dann für die 
Dattelpalmen und Fruchtbäume blieb das alte System der- 
Einhebung, der Steuer in baarem Gelde foi-tbestehen, w^elches 
desshalb äusserst drückend war, weil es in der Hand der 
Steuerbeamten lag, bei der Einhebung der Steuer dieselbe 
dadurch beträchtlich zu erhöhen, dass sie das Silbergeld, 
welches gewogen wurde, als nicht vollwichtig zurückwiesen 
und Aufgeld verlangten, ') Eine weitere , nicht unwichtige 
Reform fand unter Mahdy statt. Es bestand nämlich in der 
Provinz Sawäd das System der fixen, unveränderlichen 
Steuersätze (task, d. i. Ta^i?), nach welchem die einzelnen 
Verwaltungsbezirke, die, wie wir aus Ibn Chordädbeh lernen, 
von den Arabern unverändert so belassen wurden, wie schon 
zur Zeit der Herrschaft der Perser, eine ein- füi* allemal 
bestimmte Summe und eine bestimmte Quantität des Erträg- 
nisses in natura an die Regierung abzuliefern hatten. Es 
befanden sich zu diesem Zwecke in jedem der zwölf Districte 
der Provinz Sawäd eigene genau registrirte Magazine (bajä- 
dir^), wo die Feldfrüchte abgeliefert w^erden mussten, wo 
sie gedroschen, gereinigt wurden und gleichzeitig die Regie- 
rung den ihr zukommenden Theil in Empfang nahm, der 
in der ersten Epoche, also ungeßihr l)i8 zu Mahdy's Steuer- 
reform, die Hälfte des Erträgnisses verschlang. Allein dieses 
System hatte den grossen Uebelstand, dass hiedurch Districte, 






1) MAwardy p. 136, 137. 

') Goeje: Fragm. Hist. Arab. p. 471. 



YII. Die Finanzen. 277 

WO die Bevölkerung und die Cidtur abgenommen hatten, zu 
schwer, andere, wo das Erträgniss des Bodens sich gesteigert 
hatte, zu leicht getroflfen wurden. Mahdy fiihrte nun die 
Ertragsbesteuerung ein, indem er die Steuern im Verhältniss 
zu dem wirklichen Erträgnisse festsetzte. Er Hess von dem 
bebauten Lande die Hälfte der Ernte als Steuer einheben; 
war die Bewässeining der Gründe mühsam und kostspielig, 
so wurde nur ein Drittel der Ernte als Steuer erhoben und 
bei noch schwierigeren Bewässerungsverhältnissen selbst nur 
ein Viertel. Bei der Besteuerung von Weingärten, Dattel- 
pflanzungen, Fruchtgärten u. dgl. ward der Werth des Er- 
trages in gütlichem Wege abgeschätzt und darnach die Steuer 
bemessen, imd zwar mit der Hälfte des Werthes. Dieses 
System der Besteuerung nannte man im Gegensatz zu dem 
ersteren, das nur auf der Vermessung (masähah) beruhte, 
das Erträgnisssteuersystem (mokjisamah) und diese Benen- 
nung hat sich bis zum heutigen Tage in Indien in nahezu 
derselben Bedeutung erhalten. ') 

Im Jahre 204 H. (819—20 Chr.) führte Ma'mun eine 
weitere Steuerei'leichterung durch, indem er verfugte, dass 
die Erträgnisssteuer, welche bisher mit der Hälfte des Er- 
trages eingehoben ward , von nun an auf zwei Fünftel des 
Ganzen festzusetzen sei. Ein Bauer, der früher von 100 Kafyz 
Ernte die Hälfte, also 50 Kafyz abzidiefern hatte, war nach 
dieser neuen Verfügung nur mehr vei-pflichtet, zwei Fünftel, 
also 40 Kafyz zu entrichten. Es war dies also eine Steuer- 
reduction von 20 Percent. 2) Trotzdem gab es aber auch 
manche Gründe, die, durch alte Privilegien geschützt, weder 
nach der Messung, noch nach dem Erträgnisssteuersystem, 
sondern nach unveränderlichen Beträgen die Steuer entrich- 



*) Sprenger nach Kodftma in dem Aufsatze über Barbier de Mey- 
nard's Ausgabe des Ibn Chordädbeh; vgl. auch Elfachry ed. Ahlwardt 
p. 211, 212. 

2) Vgl. Goeje: Pragm. Hist. Arab. I. p. 359, Elfachry p. 260, Ibu 
Atyr VI. p. 254, Baladory p. 291. 



278 YU. Die FinanKen. 

teten. Es g-ab also fiir Grund und Boden eine dreifache 
Besteuerung: 1. nach der Messung (masahah); mit fixem 
Betrage in natura und in Geld, 2. nach dem Erträgniss 
mit Bezahlung in natura (mokäsamah), 3. nach unveränder- 
lichem^ auf alten Abmachungen oder Pachtverträgen zwischen 
der Regierung und den Privaten beruhendem Ueberein- 
kommen. 

In die letzte Klasse gehörten die meisten Kronländereien, 
dann die Freigüter ('Yghär), die gegen Bezahlung einer ein- 
für allemal ausgemachten Summe von allen Steuern befreit 
waren. Das Mokäsamah-System hielt sich in seinen wesent- 
lichen Grundzügen bis in die spätesten Zeiten, denn erst 
der Chalife Mostangid schaffte es ab und führte dafiir die 
alte Grundsteuer (charäg) wieder ein, welche Verfugung sehr 
ungünstig aufgenommen ward, indem sie eine sehr bedeutende 
Steuererhöhung zur Folge hatte. ') 

Zur Uebersicht lassen wir hier noch die Zusammen- 
stellung der sämmtlichcn Steuern folgen, welche unter den 
Abbasiden-Chalifen bestanden: 1. die Grundsteuer in ihren 
drei Arten: a) nach der Vermessung (masähah), b) nach dem 
Erträgniss (mokasamah), c) nach festem Pachtverträge (mo- 
käta'ah). 2. Die Vermögenssteuer (*oshr, zakäh, sadakah). 
3. Der Zehent von den Schiffen. 4. Das Fünftel von dem 
Ertrag der Bergwerke und Weidegründe. 5. Die Kopfsteuer 
der Rajahs. 6. Die Taxe des Münzhauses. 7. Die Mauth- 
gelder (maräsid). 8. Die Taxen für die Salzerzeugung und 
Benützung der Fischereien. 2) 9. Die Steuern für Benützung 
öffentlicher Plätze (mostaghillät), wie z. B. der Strassen und 
Plätze in den Städten zum Baue von Kaufbuden. 10. Die 
Steuer von den Mühlen und Fabriken (in Persien z. B. von 
den Rosenwasserfabriken, Istachry p. 158). 11. Luxus- und 
Consumsteuem (mokus). 



1) Elfachry p. 364. 

2) Vgl. über die Fischereipacht in Armenien Ibn Atyr IV. p. 294. 



^ VII. Die Finwizen. 279 

Man sieht; dass die Fiuanzmänner jener Zeiten keine 
solchen Stümper waren^ wie man etwa glaubt. Sie verstanden 
es recht gut, Mittel und Wege zu finden, um den Schatz 
zu füllen. Einige Herrscher zeichneten sich dui'ch wohl- 
wollende Steuernachlässe aus ; so schaffte Wä,tik, vormuthlich 
mit der Absicht, den Seehandel zu beleben, den Zehent, der 
von den Schiffen erhoben wurde, ab, ') und Motawakkil ver- 
schob den Nauruztag, an welchem das neue Finanzjahr be- 
gann und die Steuern fallig w^aren, indem er den Anfang 
des neuen Steuerjahres auf den 11. Raby^ I. verlegte. 2) Diese 
letzte Nachricht ist aus manchen Gründen wichtig. Wir er- 
sehen nämlich hieraus, dass die ganze Steueradministration 
nicht nach arabischen Mondesjahi*en, sondern nach dem alt- 
persischen Sonnenjahre sich richtete, dessen erster Tag, der 
Nauruz, mit dem Frühlingsäquinoctium zusammentrifft, wenn 
die Sonne in das Zeichen des Widders tritt. 3) Das alt- 
persische Jahr begann am 21. März, der 11. Raby* awwal 
245 H. entspricht aber dem 17. Juni 859 Chr. Die Ver- 
legung des Jahresanfanges war also gleichbedeutend mit 
einem Steuernachlass von ungefähr drei Monaten.*) 

Mohtady suchte ebenfalls die Steuern zu regeln und 
schaffte die von alten Zeiten her noch in Kraft gebliebene 
Einhebung der Steuer in Geld von den Feldfrüchten (mit 
Ausnahme von Weizen und Gerste), sowie von den Dattel- 
palmen und Obstbäumen ab, obwohl sich hiedurch die Ein- 



J) Ibn Atyr VII. p. 24. 

2) Ibn Atyr VII. p. 57, 58. 

3) PolUk: Persien I. p. 368. 

*) Die Stelle bei Ibn Atyr (VII. 57, 58) lautet: der Nauruz des 
Motawakkil, durch dessen Verschiebung er die Steuerzahler von Sawad 
unterstützte, war am 11. Raby' I. des Jahres '245 H. (d. i. 17. Juni) = 
28 Ardybihisht der altpersischen Zeitrechnung. Der Dichter Bohtory sagt 
mit Bezug darauf: 

Der Nanruetag ist zurückgekehrt an die Stelle, 

Wohin Ardashyr ihn gesetzt. 



^ I 



280 Yn. Die FmanMD. 

nähme des Aerars um 12 Millionen Dirham vermindert haben 
soll, indem der Agio-Gewinn entfiel, da man bei Bezahlung 
der Steuern nur vollwichtiges Geld annahm. ^) Auch Mo*tadid 
ahmte das von seinem Vorgänger gegebene Beispiel nach 
und schob den Nauruztag bis auf den 21. Juli hinaus.'^) 

Ueberblicken wir diese Verhältnisse in ihrem Zusam- 
menhange, so w-erden uns die zerstreuten Angaben der ein- 
heimischen Chronisten über die Geldverhältnisse jener Zeit 
nicht mehr so unglaublich vorkommen und wir werden wohl 
thun, es nicht als einfache Uebertreibung zu bezeichnen, 
wenn wir lesen, dass der Chalife Ma^'mun für seinen Hof- 
staat täglich ()000 Dynars, d. i. ungefähr 70.000 Frcs., also 
jährlich 25 Millionen Francs verausgabte, ^) oder dass Harun 
Rashyd, als er starb, in seinem Schatze baare 900 Millionen 
Dirham hinterlassen habe. ^) 

4. Die Epoche des Verfalles. 

Es waren kaum himdert Jahre verflossen seit dem Tode 
Ma'mun^s, unter dem das Chalifat im höchsten Glänze stand, 
als Moktafy, der in schweren Zeiten die Machtstellung des 
Reiches zu wahren verstand und« die gefährlichsten Kämpfe 
gegen innere Feinde (Karmaten), sowie gegen äussere (Byzan- 
tiner) glücklich zu Ende zu führen gewusst hatte, die Augen 
schloss und sein Bruder, der dreizehnjährige Moktadir zum 
Chalifen gewählt wurde (908 Chr.). Moktafy hinterliess in 



1) Mawardy p. 136, 137. 

^) Die bezügUcbe Verordnung erfolgte im Monat Moharram des 
Jahres 282 H. Ibn Taghrybardj II. p. 93. Das Monat Moharram 282 H. 
begann am 2. März 895, am 21. Mfirz sollte Naumz sein; indem der Cha- 
life diesen auf den 21. Juli verschob, gewährte er eine Steuemachsicht 
Ton vier Monaten. 

3) Elfachry p. 271. 

«) Ibn Atyr VI. 146, Ibn Chaldun: Allgem. Geschischte III. 229 hat 
fehlerhaft: Dynar statt Dirham. 



VlI. Die Finanzen. 2H1 

seinem Schatze die schöne Summe von lo Millionen Dynar. ') 

m 

Der neue Chalife zeichnete sich durch grenzenlose Vei*sch Wen- 
dung aus und war fast nie nüchtern. 2) Während seiner 
funfiindzwanzigjährigen Regiening aber ging der Staat 
aUenthalben aus den Fugen, die Finanznoth wurde perma- 
nent, denn die reichsten Provinzen führten keine Steuern 
mehr ab, das Harem, die Palastdienerschaft und eine räu- 
berische Beamtenbande verschlangen das ganze Einkommen 
und saugten die Provinzen aus. In demselben Maasse stei- 
gerte sich aber die Verschwendung dos Hofes von Bagdad. 
Von Zeit zu Zeit griflf der Chalife zu dem Mittel, seine 
höchsten Beamten, seine Minister zu brandschatzen, die 
sich mit ungeheuren Summen loskaufen mussten. Die nie- 
deren Beamten erhielten ihre Gehalte nicht mehr ausbezahlt 
und die Demoralisation ward so gross, dass der erste Mi- 
nister (Wezyr) selbst die Nothlage zu einer Geldspeculation 
benützte, indem er die Gehaltsanweisungen der Beamten um 
den halben Nominalwerth von den Inhabern ankaufte, 
und sie für den vollen Werth der Staatskasse aufrechnete. 
Die höchsten öffentlichen Aemter wiu'den gewissermaassen 
im Versteigerungswege an denjenigen vergeben, der das 
beste Angebot machte und sich verpflichtete für die nie- 
drigste Summe die Gehalte der Truppen und die Kosten 
der Administration zu bestreiten. Trotz alledem fehlte es 
immer dem Chalifen an Geld und gerade im entscheidenden 
Augenblicke. Es ist uns durch den persischen Geschicht- 
schreiber Wassäf eine amtliche Urkunde erhalten, nach 
welcher im Jahre 915 — 16 Chr. (303 H.) das gesammte 
Staatseinkommen an baarem Gelde nur mehr 24 Millionen 
Dirham betrug. So musste der Chalife einst, um die wegen 
vorenthaltener Löhnung meuternden Truppen zu besänftigen, 
die ganze Palasteinrichtung, Silberzeug, Juwelen u. s. w. 



J) Ibn Taghrybardy IL p. 172, Ihn Atyr VIII. 8. 
2) Kotb alsorur L p. 324, 25. 



282 Vll. Die Finanien. 

verkaufen, um mit dem Erlötr sie zu bezahlen. *) Schließslich 
ward man dui-ch die immer steigende Noth gezwungen, ein 
genaues Budget der Einnahmen und Ausgaben aufzustellen, 
wobei sich ein Deficit von 700,000 Dynar herausstellte. 
Auf die Zumuthung, dasselbe aus seiner Privatchatouille zu 
decken, gerieth der Chalife in eine unbeschreibliche Wuth. ^) 
Es blieb also nichts anderes übrig, als die Steuern im Vor- 
hinein zu erheben. Nicht besser wirthschafteten die Minister 
und Feldherren. Einer der Generäle legte der Stadt Nehäwend, 
die durch ihre Wohlhabenheit das Unglück hatte, seine 
Aufmerksamkeit zu erregen, eine Brandschatzung von 3 Mil- 
lionen Dynar (30 Millionen Franken) auf. 3) Am verderb- 
lichsten aber wirkte eine andere Neueining: ganze Pro- 
vinzen wurden an mächtige Häuptlinge, kühne Empörer, 
gegen Bezahlung eines fixen jährlichen Tributs in Erbpacht 
verliehen (mokä,ta'ah). Selbst mit einem seiner Minister 
traf der Chalife ein Uebereinkommen ähnlicher Art, indem 
ersterer sich verpflichtete, für eine fixe Pauschalsumme 
sämmtliche Staatsauslagen zu bestreiten, wogegen alles übrige 
Staatseinkommen dem Chalifen zur freien Verfugung gestellt 
ward.*) Reiche Provinzen verpachtete man den Meistbie- 
tenden ; so belehnte er im Jahre 310 H. einen Emyr fiir die 
Jahressummc von 500.000 Dynar mit Aderbaigän, Ray, 
Kazwyn, Abhar und Zeugän, wogegen letzterer die Auslagen 
für die Administration dieses Gebietes und den Sold der 
Truppen zu bestreiten hatte. Dieselben Landstriche hatten 
aber hundert Jahre früher eine jährliche Steuersumme von 
mindestens 19 — 20 Millionen Dirham gezahlt. Um den Krieg 
gegen die Karmaten zu fuhren, wies er seinem Feldherrn 
den Ertrag einiger Provinzen zu. '^) Dabei trieben die 

«) Hamza Isf&hÄny p. 209. * 

2) Ibn Chaldun: AU. Geschichte III. 376. . 

3) Ibid. m. 383. 

*) Ibid. III 370, 371. 
*) Ibid. III. 3^2—89. 



VII. Die Finanzen. 283 

höchsten Staatsbeamten Missbräuche jeder Art. Einer der- 
selben legte^ in Untersuchung gezogen, das Geständniss ab; 
nicht weniger als eine Million Dynar unterschlagen zu haben. ') 
Und dessen Amtsnachfolger machte es nicht besser, denn 
der Chalife legte ihm eine Geldstrafe von einer Million Dynar 
auf, 2) aber erst, nachdem derselbe den Schatz vollständig 
geleert hatte, indem er, um seine Stellung zu befestigen, 
reiche Gehalte an alle nach Tausenden zählende Mitglieder 
des regierenden Hauses der Abbasiden, sowie an die mäch- 
tige Partei der AJyiden und die Officiere der Truppen an- 
gewiesen hatte. 3) Moktadir's unmittelbarer Nachfolger Kahir 
wusste wieder eine grössere Machtstellung zu gewinnen. *) 
Er war bei seiner Wahl so arm, dass er sich einen anstän- 
digen Anzug ausleihen musste; durch die Beraubung der 
Beamten und seiner Verwandten gelang es ihm bald, die 
erforderlichen Geldmittel aufzutreiben. Ueber die reichen 
und industriellen Sabier von Harrän verhängte er eine Reli- 
gionsverfolgung, Hess sie aber dann, als jene grosse Summen 
bezahlt hatten, wieder in Ruhe. Sonst verstand er es durch 
energisches Auftreten das Ansehen des Chalifates zu be- 
festigen. Doch herrschte er nicht lang, eine Empörung 
stürzte ihn vom Thron.*) Sein Nachfolger Rädy war der 
letzte, der wenigstens äusserlich noch die alte Sitte, Hof- 
etiquette und das ganze Schaugepränge der früheren Herr- 
scher aufrecht hielt, ^) obgleich es mit den Finanzen noch 
schlechter stand als unter Moktadir, denn die Macht des 
Chalifen erstreckte sich kaum mehr über die Hauptstadt 
hinaus und die wenigsten Provinzen sandten ihre Jahres- 



1) Ibn Chaldun p. 373. 

2) 1. 1. III. p. 374. 

3) Ibn Atyr VIII. 14. 

*) Ibn Chaldun UI. 447. 
*) 1. 1. m. p. 447 flf. 
«) Ibn Wardy I. p. 272. 



284 VIL Die Finunen. 

zahlung-cn. *) Den Gewalthaber von FarsistUn musste er fiir 
einen Jahrestribut von 8 Millionen Dirhani anerkennen und 
dabei noch froh sein^ dass er sich überhaupt zu einer Zahlung 
herbeiliess. 2) 

Um sich eine Vorstellung von der Lage des Staates 
zu machen, genügt es, einen Blick zu werfen auf die dama- 
ligen Machtverhältnisse: Wäsit und Bassora waren im Be- 
sitze des Ibn Kaik, der später als Majordomus (amyr alo- 
marä) den Chalifen ganz in seine Macht bekam. Chuzistan 
gehörte dem Barydy, Färis wurde von den Bujiden beherrscht, 
Mesopotamien war den Ilamdaniden unterworfen, in Aegypten 
und Syrien regierte die Ichshyd-Dynastie, Africa war im Be- 
sitze der Fatimiden, Tabaristan und Gorgän gehorchten 
den Dailamiten, im eigentlichen Arabien aber, sowie in 
Bahrain und *Omän waren die Karmaten die Gebieter 3). 
Bald geriethen die Chalifen in vollständige Abhängigkeit 
von den bujidischen Sultanen, welche selbst die Hauptstadt 
Bagdad in ihre Gewalt brachten. Es kam dann auch so 
weit, dass Mo*izz aldaula dem Chalifen Mostakfy, dem vierten 
nach Moktadir, eine tägliche Civilliste von 5000 Dirham 
zuwies, mit der er sein Auskommen finden musste. ^) Von 
einer fernem Finanzgeschichte des Chalifats kann also nicht 
mehr die Rede sejn, denn dasselbe ging für einige Zeit 
ganz auf in dem neuen Reiche der Bujiden und den CHk- 
lifcn blieb niu* mehr der Glanz ihrer religiösen Würde. — 
Später kam allerdings nochmals die Zeit, wo sie wieder 
die weltliche Herrschaft zu gewinnen und theilweise auch 
zu behaupten vermochten. 

Die Bujiden vollendeten übrigens den finanziellen Ruin 
jener früher so blühenden Länder. Um seine Truppen zu 

^) Weil: Gesch. der islamischen Völker p. 213. 

2) Ibn Taghrybardy II. 263. 

3) Weil: Gesch. der islam. Völkei* p. 213. Ibn Ghaldun: Allgem. 
Gesch. III. 401. 

*) Hammer: Gesch. der Ilcbane I. 122. 



Vn. Die Finansen. 285 

bezahlen griff Mo'izz aldaula zu den beliebten Mitteln von 
ausserordentlichen Steuerauflag-en und Vermögensconfisca- 
tionen. Er wies auch den Officieren und Truppen- statt der 
Bezahlung Ländereien zu, als Militarlehen. Jene Lande- 
reien nun, die den Truppenfuhrern und den einflussreichen 
Regierungsmännern zugewiesen wurden, pflegten gut bebaut 
und sorgfaltig geschont zu werden, die anderen, die in den 
Besitz der Soldaten und der grossen Menge kamen, ver- 
ödeten und gingen zu Grunde in Folge der unaufhörlichen 
Ei-pressungen, der Vernachlässigung der Brücken, Kanäle 
und Dämme, sowie des Bewässeiningssystems. Jede Steuer- 
controle hörte auf, indem die Steuern von den türkischen 
Truppcnbefehlshabern eingetrieben wurden, über welche die 
Regieiningsämter keine Aufsicht ausüben konnten. ') 

Ueberhaupt kann man sagen, dass durch Einführung 
des Systems der Militärlehen, einer eigentlich türkischen 
Schöpfung, die ganze politische Organisation des Chalifatea 
vernichtet ward. 2) Die Bujidensultane waren "die alleinigen 
Gebieter in der Residenz und der Chalife hatte kaum mehr 
als die äusserlichen Abzeichen der Souveränität: den Thron, 
die Münze, die Nennung seines Namens bei der Predigt 
und dem Gebete in der Moschee. 

So ward es denn bald im Munde des Volkes ein ste- 
hender Witz, von dem, der mit dem schlechtesten Theil 
sich zu begnügen gezwungen ist, zu sagen : Er begnügt sich 
mit dem Münzrecht und der Predigt. ^) 

*Adod aldaula, der Bujide, soll sich bemüht haben, 
den gesunkenen Wohlstand zu heben, und es wird von ihm 
berichtet, dass er den grossen Kanal habe graben lassen, 
der den Fluss von Chuzistan mit dem Tigris verbindet,^) 



•} Ibn Chaldun: Gesch. III. 421, 422. 

2) Ibn Chaldun: IV. p. 436. 

3) Elfachry p. 38. 

*) Sprenger: Po«t und Reiserouten p. 06. 



I 

I 



286 VIT. Die Finanuii. 

aber trotzclem unterließ es sehr dem Zweifel, ob sich die 
Steuerkraft wesentlich g^ehoben und ob das Einkommen des 
Staates unter ihm wieder die Höhe von 300 Millionen Dirhara 
erreicht habe, wie aus zweifelhaftcin Quellen berichtet wird. ') 

n. statistische Uebersicht der Provinzen. 

1. Sawad (Babylonien). 

Diese Provinz, in welcher die Residenz Bagdad lag, 
bildete recht eigentlich das Ilerz des Reiches. Der Name 
Sawäd ist arabisch und war vermuthlich schon vor der Er- 
oberung durch die Moslimen im Gebrauch. Er bedeutet 
soviel als: Ackerland, oder eine Gegend mit schwarzem, 
fruchtbai^eiti Boden. Diese Provinz entspricht fast vollkommen 
jener, die in etwas späterer Zeit mit dem Namen Irak be- 
zeichnet wird, welcher Name jedenfalls schon unter den , 
Sasaniden bekannt war, denn in der Form c^rak kommt 
diese Benennung schcm im Bundehesh vor. Die auf unseren 
Karten mit dem Namen Irak Areby verzeichnete türkische 
Provinz deckt annähernd das alte Sawäd. 

Grenzen. Die frühesten arabischen Juristen haben 
sich schon wegen der wichtigen Principienfragen, die mit 
Sawäd zusammenhängen, bemüht, dessen Grenzen genau 
festzustellen. Nach ihnen war die Ausdehnung wie folgt: 
von der Bergkette von Ilolwän, dem Zagros der Alten, bis 
zur Strasse von 'Odaib, die bei Kädisijja gegen die arabische 
Wüste im Südwesten die Grenze bildete, und von Mosul 
im Norden bis Taff im Sumpflande bei Bassora. In der 
Länge dehnt sich also Sawäd aus von 'Abbädän, das unter- 
halb Bassora an der Mündung des Tigris liegt, bis Mosul, 
während die Breite von Ilolwän bis zur Strasse von Kädisijja 



I) HAinmer: GemäldeRaal IV. p. 97. Die Zahl 3G0 allein, genügt, um 
Bedenken zu erregen. 






Vn. Die Fiunzen. 287 

bei *Odaib sich erstreckt. Die arabischen Geographen be- 
stimmen die Länge auf 125 Parasangen, die Breite aber 
auf 85. Man wird also auf der Karte die Grenzen von 
Sawäd am Ijßsten bestimmen können, wie folgt: nördlichster 
Punkt: Mündung des oberen Zabflusses in den Tigris, dort 
wo Hadyta lag; von da nach Süden ausgehend bildet die 
östliche Grenze der Gebirgszug des Zagros, jetzt Shahrzur- 
Gebirge, und dessen Ausläufer bis in die Sumpfgegenden 
hinab, wo Tigris und Euphrat sich vereinigen. Die westliche 
Grenze war von der Zäbmündung abwärts der Tigris bis 
zum Sedd-Nimrud unserer Karte, *) wo dann die ganze Breite 
des Euphratgebietes, das im Westen von der syrischen Wüste 
begrenzt ward, das Sawäd bildete, das sich bis zum Meer 
erstreckte und mit der Tigrismündung ungefähr bei *Abbädän 
endete. Ebenso gibt auch der Geograph Istachry die Grenzen 
an, namentlich über die Abgrenzung gegen Mesopotamien 
(Gazyra) sagt er ausdrücklich, sie folge dem Euphrat auf- 
wärts bis Anbär und ziehe sich von Anbär durch das Zwei- 
stromland nach Tikryt. Anbär lag 12 Parasangen westlich 
von Bagdad am Euphrat: alles darüber nordwärts gelegene 
Gebiet gehörte nicht mehr zu Sawäd, sondern zu Mesopo- 
tamien. 2) 



') Vgl. über den Sedd-Nimrud Layard: Discoveries in the mins 
of Ninive and Babylon. Second Expedition, Cnp. XXV. Vermnthlich sind 
diese Reste, die von den Arabern jetzt der Damm des Nimrod genannt 
werden, die Reste der mcdischen Maner, neben der südlich von ihr der 
Königskanal floss. Diese Mauer war nach Xcnophon 100 Fuss hoch, 20 Fuss 
dick und ist ungefähr 6 geographLsclie Meilen nördlich von Bagdad an der 
Stelle, wo die beiden Ströme sich am meisten einander nfihern. Vgl. Ritter: 
Erdkunde X. p. 19, 144, 213 ff. 

3) Nach Ibn Chordädbeh ist die Länge des Saw&d von Hadyta bis 
'AbbAd&n (125 Parasangen) und die Breite vom Engpass von HolwAn bis 
'Odaib (85 Parasangen). Der Gesammtflächenranm betrug 36,000,000 Garyb 
(im Texte des Ihn Chord. steht irrig 36000). Vgl, Mawardy Cap. XIV. 
letzter Abschnitt. 



i 



2^8 VIT. Die Finsnxen. 

Städte. Die wichtifj^sten Städte waren nächst Bagdad, 
der Hauptstadt des Reichs, über die wir im zweiten Bande 
ausluhrlich sprechen werden, folgende: Bassora, in einer 
weiten von zahllosen Kanälen durchfurchten El^ne, die von 
unabsehbaren, bis an die nahe Meeresküste bei Obolla und 
selbst bis zu dem 5() Parasangen südlicher am Meer gele- 
genen 'Abbädän sich hinziehenden Pahnpflanzungen bedeckt 
war. Da Bassora etwas landeinwärts lag, so hatte es einen 
besonderen Hafen in Obolla, dem Apologos der Alten ('Aro- 
Xovoj £{x::6piov). Viele Sümpfe und stehende Wasser machten 
das umliegende Gebiet sehr fieberhaft. — Wäsit am Euphrat, 
auf dessen beiden Ufern die Stadt sich ausbreitete, lag 
mitten in einem sehr reich cultivirten Gebiete. Eine SchiflF- 
brücke verband die beiden Stadttheile. — Kufa, an einem 
seitdem vertrockneten Euphratkanal, war fast ebensogross 
wie Bassora. Westlich von Kufa, ungeföhr eine Tagreise 
landeinwärts, gegen die Wüste zu lagen die historisch be- 
rühmten Ortschaften Ksldisijja, dann Chawarnak und endlich 
die Stadt Hyra, alte, aus der Zeit der persischen Herrschaft 
stammende Orte, wovon letztere schon zu Istachry's Zeit 
ganz verödet; indem die Bevölkerung nach Kufa übersiedelt 
war. Von dieser letztgenannten Stadt bis Bagdad zog. sich 
ein gut bebauter, von Äahlreichen Kanälen bewässerter Land- 
strich hin. Etwas nördlicher als Kufa, in einiger Entfernung 
vom Euphrat, liegt Karbalä, die Wallfahrtstätte der Shy'iten, 
bekannt durch den hier erfolgten tragischen Kampf Hosain's 
mit den omajjadischen Truppen, wobei er den Tod fand. 

Von Bagdad nordöstlich fortschreitend treffen wir zu- 
erst das Städtchen Nahrawän, vier Parasangen von ersterem 
Orte entfernt, an dem gleichnamigen Kanal. Von hier führte 
die Strasse über Daskara nach Holwän, der nordöstlichen 
Grenzstadt, die dicht am Fusse des Zagrosgtibirges liegt. *) 
Es ist dieser Ort aus dem Grunde wichtig, weil die alte 

«) Vgl. Ritter: Erdkunde IX, 470. 



VII. Die Finanzen. 289 

Heeres- und Völkerstrasae hier ausmündete, welche aus 
Assyrien durch die Zagroskette nach Medien und dessen 
alter Hauptstadt Ekbatana, jetzt Hamadän führte. Dies war 
der grosse Heerweg für alle militärischen Expeditionen 
sowohl im Alterthume als unter dem Chalifate, welches auf 
dieser Verkehrstrasse von Station zu Station Posthäuser 
und Kelais einrichtete, wodurch die Hauptstadt in rasche 
Verbindung mit der äussersten östlichen Grenze gesetzt 
ward. Von Holwän führte diese Route über Hamadän 
nach Ray, dann zu den kaspischen Thoren bei Dämeghän, 
von da nach Parthien und Hyrkanien , und zwar -über 
Chosrawgird und Sarachs bis Bochelrä und Samarkand, 
mit einer südlichen Abzweigung nach Balch. 

Die einige Meilen südöstlich von Bagdad gelegene alte 
Winterresidenz der persischen Könige, Madäin (Ktesiphon), 
war schon unter den Abbasideii ein Ruinenhaufen, der als 
Steinbruch diente für die Bauten von Bagdad. Nördlich 
den Tigris hinauf lag das von Mo*tasim gegründete Samarrä, 
für einige Zeit die Residenz der Chalifen. Das ganze Gebiet 
westlich von Tikryt zwisclien Tigris und Euphrat bis gegen 
An bar war weniger gut bebaut als der untere Theil des 
Sawäd und zum grossen Theil herrschte die Wüste vor, 
wo statt der Palmpflanzungen sich höchstens dichte Tama- 
i'iskenwäld er- zeigten und auf der weiten Ebene Beduinen- 
stämmo der Viehzucht oblagen, eine Beschäftigung, die sie 
gelegentlich mit dem Räuberhandwerk vertauschten. Nur 
um Samarrü, herum dehnten sich die Pflanzungen einige 
Meilen weit aus, >) 

Bevölkerung. Verschiedene Volksstämme bewohnten 
die Provinz. Die alten Landeseinwohner waren aramäischen 
Stammes und bildeten die grosse Menge der bäuerlichen 
Bevölkerung. Unter der persischen Herrschaft hatten sich 
auch viele Perser angesiedelt, und arabische Beduinen stamme 



») Iptachry cd. Gooje p. 78—88. 
T. Krem er, CaUargeschiehte des Orients. 19 



290 Vn. Die PinsnzflD. 

waren schon vor der Eroberung dui'cli die Moslimen ein- 
gewandert und hatten sich besonders in dem nördlichen 
Theile des Sawä^d, von Anb&r aufwärts, in der grossen Ebene 
zwischen den beiden Strömen niedergelassen, wo sie ein 
Nomadenleben führten. In dem südlichen Theil um Bassora 
und in den sogenannten Sumpfdistricten (Batä'ih) hatte eine 
indische Völkerschaft, die Dschats, von den Arabern Zott 
genannt, sich Wohnsitze gewählt. *) In den nördlichen und 
östlichen Gegenden mischen sich Araber mit Persem und 
Kurden, und scheint die Sprachgrenze gegen Osten mit dem 
Zagrosgebirge zusammengetroffen zu sein, denn die Bevöl- 
kerung von Holwän bestand schon zum grossen Theil aus 
Persern und Kurden. Die Ebene war überwiegend semitisch 
und die Gebirge, welche West-Erän eindämmen, waren 
zugleich die Sprachgrenze.^) 

Industrie und Bodenerzeugnisse. Die grossen 
Städte von Saw&d waren natürlich der Sitz einer hochent- 
wickelten Industrie. In Samarrä begründete Mo'tasim die 
Papierfabrication, indem er Arbeiter und Werkfiihrer aus 
Aegypten dort ansiedelte, auch Hess er aus Bassora, wo die 
Glasfabrication sehr vorgeschritten war, Arbeiter in seine 
Residenz kommen, ebenso Töpfer und Verfertiger von Binsen- 
matten. 3) Kufa glänzte durch seine Webeindustrie und die 
unter dem Namen Kufijjje noch jetzt im ganzen Orient ver- 
breiteten halb- und ganzseidenen Kopftücher wurden zuerst 
hier verfertig^. Ganz besonders reich war aber diese Provinz 
durch die Ergiebigkeit des Bodens an Feldfrüchten und 
Obst, voi-züglich sind Gerste, Weizen, Reis und Datteln zu 
nennen. Ein Netz von Kanälen, das von den Arabern sehr 
sorgfaltig gepflegt und vervollständigt ward , umfasste 



1) Baladory 376. 

2) Ja'kuby p. 46. 

3) Ja*knby p. 30. 



n\. Die FinftaxAn. 291 

das ganze Gebiet und verdoppelte die Ergiebigkeit des 
Bodens. *) 

Steuerertrag von Sawäd: 

Ibn Chaldun: Kodäina: Ibn Chordädbeh: 

Sawad . . . 27,780.000 Dir. 109,457.660 Dir. 78,309.340 Dir. 

14,800.000 „ 

Kaskar . . . 11.600.000 „ 

Holwan . . . 4,800.000 „ 

District zwi- 
schen Knfannd 

Bassora . . 10.700.000 „ 

Tigrisdistrict .20,800.000 „ 

90,4 80.000 Dir. 

2. Ahwäz (Susiana). 

Dieser jetzt zu Persien unter dem Namen Chuzist&n 
gehörige Ijandstrich ist schon seit hohem Alterthum der 
Sitz einer bedeutenden Cultur gewesen. Hier war die Grenz- 
scheide zwischen zwei verschiedenen Kassen, der semitischen. 



^) Nach Ihn Chord&dbeh war Sawad schon unter der persischen 
Herrschaft znm Behufe der Steueradministration in zwölf Landschaften 
f arabisch: kurah, persisch: ftsitan) eingetheilt worden, deren jede iu eine 
Anzahl Districte (tassng) zerfiel; solcher Districte zählte man sechzig. Zu 
Ibn ChordAdbeh*s Zeit bestanden aber nur achtundvierzig, denn die ganze 
Landschaft Holwlln, welche fünf Districte enthielt, war von Saw&d getrennt 
und mit der Provinz Gabal vereinigt worden. Die Tigrislandschaft, welche 
vier Districte nmfasste, war zur Statthalterschaft Bassora geschlagen 
worden; ferners war ein District versumpft und wurde nicht mehr gezählt. 
Zwei Districte aber waren in Kronländereien umgewandelt worden. If'ie 
Namen der zwölf Landschaften sind: 1. AsitAn Shftd Fyruz, 2. A. Sh&d 
Hormoz, 3. Ä. Shftd Kobad. 4. A. Sh&d/l Gftn Chosru (Chosrus&bur), 
5. A. S&bur, 6. A. ShAd Bahman, 7. A. 'A'lä, 8. A. Ardashyr B&bakftn, 
9. A. Dywam&sit&n, 10. A. Ober-Bihkobäd, 11. A. Mittel-BihkobAd, 12. A. 
Unter-Bihkobad. 

Diese administrative Eintheilnng, welche, wie schon die persischen 
Namen beweisen, ans der Zeit der persischen Herrschaft stammt, blieb 
auch unter den Arabern unverändert. 

19» 



292 Vn. Di« FiBMMB. 

die in Babylonien, und der arischen, die in Persien die 
herrschende war. In Chuzistän trafen diese Geg^ensätze 
zusammen und fanden ilire Vermittlung, aber auch in geo- 
graphischer Beziehung war es das Bindeglied zwischen der 
heissen babylonischen Tiefebene und deren sumpfigen Nie- 
derungen, durch welche der mit dem Euphrat vereinte Tigris 
dem Meere zueilt, und dem kühlen trockenen Hochlande 
von Erän. 

Grenzen und Bodenbeschaffenheit. Oestlich 
bildet der Tabfluss (Tsab der Karte von Kiepert) die Grenze 
gegen Persis (Färis), dann das Bachtjäry-Gebirge, das 
Chuzistän von dem zur Zeit der ersten abbasidischen Cha- 
lifen selbstständigen Bezirk von Isfähän scheidet. Zwischen 
Daurak (Dorak) und Mahrubän geht die Grenzlinie zum 
Meere: Westlich liegt der schon zu Sawäd gehörige District 
von Wäsit (Wäsit alhai), nördlich Saimara (Seimarra der 
Karte), Kercha und Lur (d. i. Luristän), welches letztere 
ehemals zu Chuzistän gerechnet ward, später aber zur Pro- 
vinz Gibäl geschlagen ward. Die südliche Grenze geht vom 
Meere an über *Abbädän hinauf bis zum District von Wäsit. 
Das zu Chuzistän gehörige Stück Seeküste ist nur schmal 
und reicht von Bajän (Uian der Karte) und Mahrubän bis 
'Abbädän. 

In seiner BodenbeschaflFenheit und geographischen Ge- 
staltung zeigt das Land die grössten Gegensätze. In den 
nur wenig über dem Meeresspiegel erhöhten Niederungen 
der Küste setzt sich der Charakter der babylonischen Tief- 
ebene fort. Es sind sandige, weite Ilächen, auf welchen 
sich unter dem Brande der sengenden Sonnenstrahlen nur 
dort eine Vegetation entfalten kann, wo künstliche oder 
natürliche Bewässerung der durstigen Erde das Element 

Ibn Haiikal (ed. Goeje p. 1G9) gibt den Steuerbetrag von Ir&k, nach 
der Verpachtung im Jahre 358 H. (968 Chr.) auf 30 Millionen Dirham an, 
wossu noch 12 Millionen von W4sit und Kufa zu rechneu sind, die be- 
sonders verpachtot wurden. 



VU. Die Finanzen. 293 

des Lebens spendet. Die natürliche Bewässerung durch die 
wenigen schwachen Wasseradern, Karun, Dizful, Dscherrahi, 
Eerkha, Zohrek (Tab), reichte hiezu nicht aus und desshalb 
hatte schon der Fleiss der ältesten Bewohner duich Anlage 
eines sehr ausgebildeten Netzes von Kanälen und künstlichen 
Bewässerungsarbeiten vorgesorgt. Die südliche Ebene steht 
mit der babylonischen in unmittelbarer Verbindung, wird 
aber im Norden und Osten durch die Gebirgsmassen be- 
grenzt, die in der Höhe von 8 — 10,000 Fuss an das Zagros- 
gebirge einerseits und das persische Hochland andererseits 
anschliessen. Hieraus ergibt sich von selbst die Beschaifen- 
heit des Klima's: kühl und gesund auf den Höhen, ist die 
Hitze drückend und gesundheitsschädlicli in den Ebenen. 

Städte und politische Eintheilung. Nach den 
wichtigsten Städten des Landes führten auch die meisten 
Districte den Namen und zwar waren die Städte: Ahwäz 
(Hormozshahr), *Askar Mokram, Tostar (Shuster der Karten), 
Gonday-Säbur, Sus (das alte Susa), Rarahormoz die Haupt- 
orte der nach ihnen benannten Districte, nur die siebente 
Landschaft Sorrak hatte als Hauptort die Stadt Daurak 
(Dorak). Merkwüi'dige Denkmale aus den Zeiten der Achä- 
meniden und der späteren altpersischen Dynastien finden 
sich an vielen Oii;en und zeugen von der Höhe der alten 
Cultur. «) 

Bevölkerung. Den Stock der Bevölkerung bildeten 
die alten Landeseingeborenen, die auch ihre eigene Sprache, 
die chuzische, hatten, dabei war aber das Arabische sowohl 
als das Persische allgemein verbreitet. In der Kleidung 
konnte man die Bewohner von Chuzistän von denen von 



1) Nach Kodäma war die Eintheilung wie folgt: 1. Suk (alahw&z), 

2. Nähr Tyrä, 3. Tostar, 4. Sus, 5. Gonday-Säbur, C. RÄm-Hormoz, 7. Suk- 
ol *atyk« — Nach Ihn Chordädbeh: 1. Gonday-Sibur, 2. Suk alahwaz, 

3. Gross- und Klein- Manädir, 4. Nähr Tyrä, ö. Räm-Hormoz, Daurak, 
6. Sus. 



294 VIL Die PinauMB. 

Irak kaum untefBcheiden. *) In den Ebenen herrschte zwei- 
fellos die semitische Rasse vor, während in dem gebirgigen 
Theil der alte Volksstamm sich reiner erhielt. 

Industrie und Bodenerzeugnisse. Chuzistän war 
eine jener Provinzen, wo zur Zeit der Chalifen die Industrie 
am höchsten entwickelt war. In Tostar wurden prachtvolle 
Brokate (dybäg) verfertigt und nach allen Gegenden expor- 
tirt: die Hülle der Kaaba in Mekka ward von diesem Stoff 
gemacht, der als der feinste galt. In Sus wurden berühmte 
Seidenzeuge, . besonders Atlas (chazz), fabricirt und nach 
allen Richtungen versendet. Ein grosser Handelsartikel 
waren auch die weit berühmten und theuer bezahlten Susan- 
gird-Teppiche, die in Korkub angefertigt wurden. In Sus 
sowohl als in Tostar bestanden zu Istachry's Zeit königliche 
Goldstickereifabriken (tirÄz). In Basinnk wurden Vorhänge 
gewebt, die so gesucht waren, dass man auch an anderen 
Orten sie vielfach imitirte und die Fabriksmarken fälschte. 
Ja selbst ganz moderne Concurrenzkunstgriffe waren den 
Fabrikanten von Chuzistän nicht fremd geblieben und in 
Nähr Tyrk imitirte man mit grossem Erfolge die beliebten 
Bagdader Kleiderstoffe, die man dann nach Bagdad schickte 
dort appretiren Hess und als Original-Fabrikat verkaufte. 
In Tyb wurden vorzügliche Seidengürtel (tikkeh) producirt, 
die den armenischen glichen und ihnen an Qualität nicht 
nachstanden. 2) Ebenso reich war das Land an Rohproducten, 
vorzüglich an Datteln und allen Gattungen von Südfrüchten, 
dann Gerste, Weizen und Reis, der ein Hauptnahrungsmittel 
der Bevölkerung war, die daraus Brot bereitete. Auch 
Baumwolle gedieh, ganz besonders aber war die Cultur des 
Zuckerrohres verbreitet. Namentlich war es die Stadt Ahwäz, 
in mohammedanischen Zeiten der Hauptort der ganzen 



») Ißtachry p. 91. Vgl. über die ethnograph. Verhältniss» Spiegel: 
Er&n p. 10 ff. 

2) Istachry 88-96. 



VII. Die Finanxen. 295 

Provinz, welche durch ihre Zuckerrohrplantagen und die 
Zuckerfabrication eine wahre Weltstellung" erlangt hatte. 
Zahlreiche Raffinerien und Fabriken bestanden daselbst, 
welche einen grossen Theil Asiens mit seinem Zuckerbedarf 
versorgten. Hier tritt zum ersten Male das geschäftsmässige 
Plantagewesen mit einer fachgemässen Fabrication auf und 
bricht sich von hier Bahn nach dem Westen. *) In Gonday- 
Säbur war zu jener Zeit der Sitz einer mit Recht in der 
Geschichte berühmten Hochschule der Natui'wissenschaften, 
aus der die gelehrtesten Aerzte hervorgingen und es unter- 
liegt keinem Zweifel, dass die daselbst betriebenen Studien 
viel beitrugen zu dem Aufschwünge der Industrie und des 
Handels. Die erste Kenntniss der Zucker raffln erie ging von 
dort aus und fand die früheste Anwendung und fabriks- 
massige Ausnützung auf dem Boden von Chuzistan. 2) 

Steuerabfuhr : 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

In Geld: 25,000.000 Dir. 3) 23,000.000 Dir. 30,000.000 Dir. 

In natura: 30.000 Ffd. Zucker. 

Die Kopfsteuer betrug nach einer vereinzelten Nach- 
richt unter dem omajjadischen Chalifen Abdalmalik 18 Mil- 
lionen Dirham (Barbier de Meynard: Dictionnaire göogra- 
phique de la Perse, p. 412). Nach Ibn Haukai (ed. Goeje 
p. 178) war das gesammte Steuereinkommen der Provinz 
30 Millionen Dirham. 



') Vgl. Kittor: Erdkunde Bd. IX. p. 229 ff. 284 ff. Lassen: ludische 
Alterthumskunde IL Aufl. I. p. 321. Die eigentliche Raffinerie scheint eine 
Erfindung der arabischen Aerzte von Ahwaz und Gonday-Sftbur zu sein, 
wo seit dem fünften Jahrhundert das Zuckerrohr eingeführt wurde. 

^ Ritter: Erdkunde Bd. IX. p. 287. 

3) Im Texte steht 25,000; es ist aber kaum zweifelhaft, dass durch 
ein jedem Arabisten leicht verstündliches Versehen die Bezeichnung Mil- 
lion ausfiel. 



296 VII. Die Finanzen. 



3. Färiö (Färsistän, PersisV 

Eb ist dieR das Stammland der persischen Macbt^ hier 
lag Persepolis, die alte Königsresidenz der Achämeniden^ 
deren grossartige Trümmer noch jetzt die höchste Bewun- 
derung erwecken und hier war (ier eigentliche Brennpunkt 
des ältesten persischen Staatswesens. Eine uralte einheimische 
Civilisation Hess zahlreiche Spuren zurück, und trotz der 
Verwüstungen, welche die Einbrüche der Araber und deren 
von wilder Beutegier getragene Kriegszüge zur Folge haben 
mussten, blieb diese Provinz bis in die späteren Zeiten des 
Chalifates eine der reichsten und wichtigsten. 

Grenzen und Bodenbeschaffenheit. Die Grenzen 
von Färsistan sind fast unverrückt geblieben seit dem Alter- 
thum; Jahrtausende haben auf die politische Gestaltung 
dieser Gebiete einen kaum merklichen Einfluss gehabt, denn 
diese Unveränderlichkeit ist zum grossen Theil eine Folge der 
immer sich gleich bleibenden Bodenverhältnisse. Oestlich 
grenzt es an Eermän, westlich an Chuzistan, wo der Fluss 
Tab die Grenze bildet, nördlich liegen die grosse Wüste, die 
Färsist^n von Choräsan trennt, und Theile der Provinz Is- 
fähan, welche zur Zeit der Chalifen nicht zu Farsistän ge- 
hörte, sondern ein besonderes Gebiet für sich bildete. Im 
Süden war das Meer die Grenze, an dessen Gestade sich 
jene sandigen Ebenen erstrecken, die den ganzen Süden 
Erän's umsäumen. Der salzige und sandige Boden dieser 
Niederungen ist wenig zur Cidtur geeignet, an natürlichen 
Wasserstrassen ist grosser Mangel und nur die periodischen 
Regengüsse gestatten eine spärliche Bebauung. Farsistan 
hat gegenwärtig keinen Fluss, der schiffbar ist, und die be- 
deutendsten Binnenflüsse erreichen nicht das Meer, sondern 
ergiessen sich in den Salzsee Derjä-i-Neiriz (Bachtekän). 
IVüher scheint der Wasserreichthum grösser gewesen zu sein 
und Ibn Haukai führt mehrere schiffbare Flüsse an, ebenso 



YII. Die Finanzen. 297 

wie der Verfasser des Mo*gam. Viel günstiger ist die Lage 
des gebirgigen Binnenlandes. Terassenformig erheben sich 
die Ebenen zwischen Gebirgsketten; znm Theil niu* wenige 
Stunden breit, erweitern sie sich im Innern und während 
die Niederungen an der Küste nur wenige hundert Fuss 
über den Meeresspiegel emporsteigen, haben diese Tafel- 
flächen im Binnenlande eine P^rhebuig von 3000 — 5000 Fuss. 
So hat diese Ijandschaft auch ein doppeltes Klima: drückend 
heiss in den Niederungen (gorum), gemässigt in den Gebirgs- 
regionen (sorud). 

Städte und politische Eintheilung. Färsistän 
zerfallt in fünf Landschaften (kurah): 1. Istachr mit der 
gleichnamigen Hauptstadt (Persepolis). 2. Ardashyr-Cfaorrah 
mit der Hauptstadt Gur und der Stadt Kobäd-Chorrah. 

3. Däräbgird mit den Hauptorten Därabgird und Fasä. 

4. Arragan mit dem gleichnamigen Hauptort. 5. Säbur mit 
den Hauptorten Säbur, Kdzerun, Nubandgan u. s. w. *) Die 
Hauptstadt der ganzen Provinz war Shyräz, wo die Residenz 
der arabischen Statthalter und die Regierungskanzleien sich 
befanden. Es ist eine Schöpfung des Islams. 

Ausser dieser Gliederung in fünf Landschaften bestanden 
in Färsistän fünf grössere oder kleinere, fast ganz selbst- 
ständige Gebiete, die mit dem Namen Ramm bezeichnet 
werden und von kurdischen Ansiedlern von Alters her be- 
völkert w^aren. ^) Sie erfreuten sich einer beinahe vollständig 
unabhängigen territorialen Verfassung, welche ihnen eine 
so grosse Autonomie gewährte, dass jedes Ramm seine Ginind- 
steuer durch Vermittlung eines eigenen, aus der Mitte der 
Ansiedler gewählten Vertrauensmannes an die Regierung 
entrichtete und somit von dem allgemeinen Steuersystem 



1) Uebereinstimmend anch Kodäma; Ibn Chordildbeh füg^ die Land- 
schaft FasS hinzu. 

2) Vgl. Spiegel: Er&n p. 79. Diese gnnz altgermanischc Stainmver- 
fassong blieb, wie es scheint, durch die arabische Eroberung unberührt 



298 YU. Die Fiaanxen. 

eine Aiiöuahme bildete, indem die Bewohner jedes Gaues 
(Kamm) ihre Steuern direct bezahlten und jeder Einfluss 
der Regierungsbeamten beseitigt wiii*. Jeder Gau bildete 
also einen kleinen Staat im Staate. Die einzige Verpflichtung, 
die ihnen oblag, war die, den Karawanen Bedeckung zu 
geben und im Kriege dem Sultan Heeresfolge zu leisten. ') 
Der Vorsteher jedes Kammgebietes oder Gaues war ein Gau- 
graf im vollen Sinn des Wortes und hatte stets eine be- 
waflFnete Macht von 1 — 3000 Mann um sich. 2) Färsistan 
hatte eine sehr zahlreiche kurdische Bevölkerung, die auch 
ausser den Rammdistricten unter Zelten von der Viehzucht 
lebte. Istachry schätzt ihre Zahl auf 50.000 Zelte und fiigt 
hinzu, dass auf ein Zelt 1 — -10 Männer zu rechnen sin<l. 
Nur ein kleiner Theil war sesshaft, es waren dies ilie Stämme 
an der Grenze des Gebirgslandcs (sorud) und der Tiefebene 
(gorum), alle anderen sind Nomaden, sehr kriegerisch und 
schwer in Ordnung zu halten. Diese kurdischen Wander- 
stämme hatten nur die Armentaxe (sadakah) zu entrichten 
und waren zu diesem Behufs in den Dywansregistern ein- 
getragen. 3) 

Man sieht aus dem eben Gesagten, dass dieses Land, 
welches ehemals der Kern und das Herz des alten Perser- 
reiches war, sich aus dem höchsten Alterthum einen grossen 
Theil seiner alten, agrarischen und socialen Einrichtungen zu 
erhalten gewusst hatte, und zwar bis in die Zeiten der Cha- 
lifen, indem trotz der Einthcilung in fünf grosse Verwaltungs- 
bezirke sich eine beträchtliche Anzahl von Städten und 



1) Vgl. Barbier de Meynard: Dict. G6ogr. de la Perse p. 263, 64. 

3) Istachry p. 144, Ibn Haukai p. 180, Ibn ChordAdbeh führt vier 
Rammbezirke an. 1. Ramm des Hosain Ibn Gylawaih, genannt Mij&ngftn, 
14 Parasangen von Shyraz entfernt. 2. Ramm des K&sim Ibn Shahrij&r, 
genannt Kurijan (Jaknt und Edrysj : Berlngän), 30 Parasangen von Sh jrAz. 
3. Ramm des Ardamrfty, Qaw&mfth, 26 Parasangen von Sbyraz. 4. Ramm 
des Hosain Ibn SÄlih, genannt Ryzan, 7 Parasangen von Sbyr&z. 

») Istachry p. 99. 



YII. Di« Fioanun. 299 

Flecken mit ihrem (xebiete eine selbstständige administrative 
Stellung gewahrt hatten, so dass sie einzelne selbstständige 
Steuer- und Verwaltungsbezirke bildeten und als solche ihre 
besonderen Stellen in den Rechnungsregistern angewiesen 
erhielten. *) Einzelne von diesen Comitaten, denn so kann 
man sie in der That nennen, hatten eine beträchtliche Aus- 
dehnung, so das Comitat von Jezd, welches das grösste war, 
dann jenes von Rudän, das aber eher zu Kerm4n gerechnet 
werden muss, später aber zu Fslrsistän geschlagen wurde, 
und eine Ausdehnung von 60 Parasangen hatte. Die Provinz 
Ardashyr-Chorrah zählte solcher Comitate 13, deren jedes 
seine eigene Steuerrolle (*amal) hatte. *^) Von den zahlreichen 
Burgen und Schlössern waren viele die Sitze der alten, edlen 
Familien des Landes. Mit diesen Resten der antiken Landes- 
verfassung bestand auch vieles von der zoroastrischen Reli- 
gion fort und gab es damals noch zahlreiche Feueraltäre. 
Manches altpersische Geschlecht hatte es verstanden, auch 
unter dem Islam sich Ansehen, Macht und Reichthum zu 
wahren und dessen Häuptlinge regierten wie kleine Könige 
auf ihren angestammten Gütern. Auch an der Spitze einiger 
Rammlandschaften standen solche Abkömmlinge edler Fami- 
lien. ^) Das altpersischc Feudalwesen war durch den Islam 
nicht gebrochen und der alte Landesadel war im Besitze 
grosser Ländereien geblieben. 

Städte. Färsistsln ist reich an bedeutenden und alten 
Städten. Den ersten Rang nimmt Istachr (Persepolis) ein, 
der Sitz det alten Könige ; dann kommen S4bur, Däräbgird 
und Gur. Die Bauten sowohl als die Ringmauern dieser 
persischen Städte sind meist aus ungebrannter Erde, zum 
Theil auch aus Stein. Shyräz ist mohammedanischen Ur- 
spnmgs und ward unter dem Chalifen Abdalmalik erbaut; 



! 



Istacbry p. 100. 
2) 1. L p. 104. 
^ iBtachrj p. 141. 



300 TU. Di« FiBAniea. 

es war Anfangs ein befestigtes Lager^ wo die Garnison für 
die Provinz lag, daraus ging dann die Stadt hervor. Daselbst 
war der Sitz des Statthalters, des obersten Militärbefehls^ 
habers und der Regierungsämter (Dywane). Zunächst ist 
Keteh zu nennen, der Hauptort des Comitates von Jezd, 
dann Aberkuh und Kudän. In der Provinz Istachr war 
Baida nach Istachr die grössto Stadt, auch ein ehemaliges, 
befestigtes, arabisches Heerlager. •) In der Provinz Sabur 
waren die bedeutendsten Städte Kazerun, Chorrah und Nu- 
bengän, die Gebäude waren von Lehm, zum Theil aus Gyps 
und Steinen. In der Provinz Däräbgird war die grösste 
Stadt Fasa. Die Städte der Provinz Ardashyr-Chorrah 
haben wir schon genannt (Gur, Shyi*az.) Die wichtigste 
Stadt von ganz FarsistÄn nach Shyräz war aber Syräf an 
der Seeküste, der bedeutendste Handelsplatz des pei*sischen 
Meeres zu jener Zeit. Es herrschte daselbst grosse Wohl- 
habenheit, die Häuser waren mehrere Stockwerke hoch und 
• man bediente sich zum Bauen des kostbaren Teckholzes 
(sag), das von der africanischen Küste importirt wurde. 
Die Bewohner, reich durch ihre Handelsgeschäfte, lebten 
in grossem Luxus und mancher Kaufmann gab für seine 
Wohnung 30,000 Dynar aus. 2) Die Syrafer galten als kühne 
Seefahrer und Handelsleute, die oft in ihren Geschäften 
jahrelange Seereisen machten. ^) Beträchtliche Reichthümer 
hatten sich auf diese Art angesammelt und Istachry erzählt, 
dass mancher Kaufmann daselbst über 60 Millionen Dirham 
besass. *) 

Bevölkerung. Die Masse der Bewohner von Färsistan 
war eranischen Stammes und die als Kurden genannten 



1) Istachry p. 126. 

«) 1. 1 p. 127. 

3) 1. 1. p. 138. 

*) Der Grösse nach folgten die Städte in nachstehender Ordnung 
auf einander: Shyräz, Fas&, Syr&f, Arragäu, Tawwag, Sftbur, Istachr, 
Keteh) D&räbgird, Gur Genn&beh, Nubendgän, Ghondig&n. 



J 



YIL Die Finanwii. 301 

Einwohner der Rammdistricte ^wurden von den arabischen 
Geogfraphen nur desshalb mit diesem Namen bezeichnet^ weil 
sie vermuthlich einen altpersischen Dialekt sprachen und 
somit Fremde zu sein schienen^ was sie sicher nicht waren. 
Von der Westseite her ragen die Luren «us Susiana noch 
jetzt nach Färsistän hinein und diese lurischen Stämme sind 
wahrscheinlich identisch mit jenen, welche Istachry Kurden 
nennt. <) An der Seeküste hatten sich arabische Einwanderer 
festgesetzt, die aus Bahrain herübergekommen waren. Sie 
hatten zum Theil auch, wie dies noch in der Gegenwart der 
Fall ist, kleine, halbsouveräne arabische Duodezfursteu- 
thümer in den Küstengebieten begründet, und waren selbst 
in einzelnen Gegenden tiefer in das Binnenland eingedrun- 
gen: Istachr war der Sitz eines solchen arabischen Häupt- 
lings geworden; das edle Geschlecht, dem er angehörte, 
bezahlte von den Ijändereien, die sie besassen, eine Grund- 
steuer von 10 Millionen Dirham. 2) 

Industrie und Boden er Zeugnisse. 3) Aus der 
Stadt Gur wurden wohlriechende Oele und Parfiims stark 
nach Arabien, Syrien und andern I^ändern exportirt, wie 
z. B. Rosenwasser, DattelblüthenparAim, mit Lilien versetz- 
tes Saffranwasser, Stabwurzessenz , Weidenöl , Weiden- 
wasser u. s. w. *) Von Säbur versandte man wohlriechende Po- 
maden, Veilchenöl u. s. w. Nur in Kufa erzeugte man eine 
noch feinere Qualität. Ebenso exportirte man stark Mangocon- 
serven (anbigät). Därslbgird lieferte die berühmte RÄziky- 
Pomade. Ganz vorzüglich war aber die Webeindustrie ver- 
treten : aus Shynyz, Gennäbet, Käzerun und Tawwag wurden 
Linnenstoffe ausgeführt , ausserdem bestanden in diesen 



1) Spiegel: Er&n p. 78. 

=*) Istachry p. 142. 

3) 1. I. p. 152. 

*) Hierüber sagt Pollak: Ueber die Betheilignng Persiens an der 
Wiener Weltausstellang p. 27: Sehr erfrischend nnd von feinem Aroma 
ist das destiUirte Wasser aus den Kätzchen einer Weide (Salix zygostomon). 



302 VII. Die FinaaMii. 

StädteO; mit AusDahme der zweitgenannten , Regierungs- 
fabriken fiir Goldstickerei (tiräz). Auch aus Fasä wurden Webe- 
stoffe, dann Brokat, Stoffe aus Kameel- und Ziegenhaar und 
Susangirdteppiche exportirt und befand sich auch hier eine kö- 
nigliche Gold Stickereifabrik für Damast, Haarstoffe und Susan- 
girdteppiche. Aus Flockseide (kazz) wurden gestickte Vor- 
hänge fär den Sultan verfertigt, ebenso Rohseidenkleider 
und Kleiderstoffe aus Haargeweben (Kameel- oder Ziegenhaar) 
und fanden einen starken Absatz nach dem Ausland. Auch 
fabricirte man Susangirdteppiche, deren Qualität besser war 
als jene v,on Korkub (in ChuzistAn), Tawwag und Tärim. 
Sehr beliebte Oberkleider (Mäntel) machte man aus Flock- 
seide (kazz). Aus Gahram kamen Brokat (washj), Teppiche 
und Filzdecken, aus Jezd und Aberkuh Baumwollkleider. 
Aus Ghondigän wurden Teppiche, Vorhänge, Kissenüberzüge 
und dergl. verkauft und zwar von ebenso guter Qualität wie 
die armenischen, daselbst war auch eine königliche Gold- 
stickerei. Die Susangirdteppiche von Fasä waren von Schaf- 
wolle, jene von Korkub hingegen von Rohseide (ibrysim), aber 
die Schafwolle ist zur Verarbeitung besser geeignet als die 
Seide. Auch verstand man es treffliche Tusche (mid&d) 
zu verfertigen, die weit versendet ward. In Shyräz fabricirte 
man gestreifte Mäntel und in Gän&t eine Art sehr beliebter 
feiner Baumwollstoffe. 

Von Syr&f wurden zu Schiff eine Menge kostbarer 
Waaren theils ein-, theils ausgeführt, so Gewürze und Rauch- 
werk, wie Aloe, Ambra, Kjampher, Pfeffer, Sandelholz und 
vielartige Drogueu oder Medicinalien, dann Edelsteine und 
Schmuck, endlich Bambusrohr, Ebenholz und Elfenbein. 
•Man sieht aus dieser Aufzählung, dass Syräf damals der 
Ort für den Austausch sowohl indischer als nordasiatischer 
und africanischer Producte war. Von Arragän aus betrieb 
man ein lebhaftes Geschäft in Traubensirup (dush&b), dessen 
Qualität weitaus jene von Irak übertraf. Dieselbe Stadt 
erzeugte auch ausgezeichnetes Oel. Datteln der feinsten 



VII. Die FiBUisan. 303 

Qualität; die unter dem Namen Gylandär bekannt waren^ 
wurden stark nach Ir&k versendet. Die Linnengewebe von 
K&zerun waren weltbekannt. Von Däräbgird brachte man 
Mumia (Erdpech); das dort in einer Höhle gefunden ward ; 
alle andere im Handel damals vorkommende Mumia galt 
als gefälscht. 

F4rsistän ist auch reich an Mineralien; an mehreren 
Orten waren Salzgruben, dann gab es Bergwerke von Silber, 
Eisen, Blei (änok), Schwefel, Bergöl (Naphtha). Silber kam 
nur spärlich in der Gegend von Jezd vor, Gold fehlte, hin- 
gegen grub man in Sardan Kupfer und transportirte es nach 
Bassora und anderen Orten , wo es verarbeitet wurde. ^) 
Eisen findet sich in den Gebirgen von Istachr und auch 
eine Quecksilbermine ist in jener Gegend. 

Die Besteuerung. Die Steuern, welche die Regierung 
von dem Volke und den Rammlandschaften einhob, bestanden 
aus folgenden: 1. Grundsteuer, 2. Armentaxe (Vermögens- 
steuer), 3. Zehenten von den Schiffen, 4. Fünftel von den 
Bergwerken und Weidegründen, 5. Kopfsteuer, G. Taxen 
des Münzhauses, der Mauthen (maräsid^), der Landwirth- 
schaften, der Pachterträgnisse (mostaghillat), Wassertaxe, 
7. Taxen von den Salzsiedereien und Sümpfen. 

Die Einhebung der Grundsteuer war dreifach: 1. Per- 
centualtaxirung nach der Vermessung und Bodenfläche, 
2. nach dem Erträgniss der Ernte (mokäsamah), 3. nach 
iixen Taxsätzen und unveränderlichen Pachtbeträgen (mo- 
kata*ah), die bezahlt werden müssen, gleichviel ob der Boden 
bebaut wurde oder nicht. 

In ganz Färsist&n, mit Ausnahme der Rammlandschaften, 
fand die Besteuerung nach der Vermessung und Boden fläche 
statt, nur die Rammlandschaften zahlten unveränderliche 



^) Nach Ibn Haukai (ed. Goeje p. 215) fand man auch Gold. 
') Da08 dies die Bedeutung des Wortes sei, erhellt aus Ibn Haukal 
p. 263. Vgl. auch p. 279, wo dafür der Ausdruck ars&d yorkommt. 



304 VII- Die FiBftntmi. 

Jahrestaxen mit Außnahme eini^r weuiger GrüDcle, die nach 
dem Erträgniss besteuert wurden (mokAsamah). Die Steuer- 
sätze waren in den verschiedenen Geg^enden sehr ungleich, 
am schwersten waren sie in Shyräz; daselbst zahlte man 
an Steuern von einem grossen Garyb wie folgt: 

„ Weizen oder Gerste 190 Dir. 

,; Obstbäume 192 „ 

„ Klee, Grünfutter oder Gemüse (makaty) . 237 ^/^ „ 

„ Baumwolle • . 25(3yjj „ 

„ Weinreben 1425 „ 

Diese Taxenansätze galten für jene Gründe, welche zweimal 
künstlich bewässert werden mussten (saih). Der grosse Ga- 
ryb, von dem hier die Rede ist, hatte den Flächenraum von 
2^3 kleinen Garyb ; der letzte ist gleich GO Königsellen mul- 
tiplicirt mit GO, also = 3G00. Jede Königselle hat 9 Palmen 
zu vier Finger (Zoll), also zusammen 36 Zoll. 

Die Grundsteuer von Gur *) war um ein Drittel geringer, 
da der C^alife Ifarun liashyd diese Abänderung genehmigte. 
Die nicht künstlich bewässerten Gründe zahlten nur ein 
Drittel der obigen Steuersätze. Die Provinzen Däräbgird, 
Arragan und Säbur waren wieder anders besteuert. 

Die Erträgnissteuer (mokä,samah) war zweifach, einer- 
seits für die Rammländereien, dann für jene Gründe, deren 
Eigenthümer von den fiüheren Chalifen besondere Capitu- 
latiouen erhalten hatten. Diese zahlten von dem Erträgniss 
ein Zehntel, ein Drittel, ein Viertel u. dgl. Eine andere 
Erträgnisssteuer existirte für die Ländereien, die von den 
Privaten bebaut wurden. Die Krongüter hingegen wurden 
nicht nach der Vermessung und der Bodenfläche besteuert, 
sondern nach dem Erträgniss (mokalsamah)'oder mit einer 
fixen Pachtsumme (mokäta'ah). Die Landleute und Bewohner 
dieser Ländereien hatten feste Auflagen (daraib) in Geld 
zu entrichten. 



1) Nach Ibn Hanknl (ed. Goejp p. 216) wäre zu lesen KüwAr. 



YTI. Dia Fiiiftniaii. 305 

Die Arinentaxen (sadakat), Schiffszölle ('a*sh&r alsofon); 
die Bergwerksfiinfteltaxe; die Kopfsteuer, die Münz- und 
Punzirungstaxe, die Mauthtaxen (marasid), die Auflage fiir 
Benützung der Sümpfe, der Salzquellen, der Weiden und 
Wässer waren jenen ähnlich, die in den anderen Theilen 
des Reiches erhoben wurden. In Shyräz befand sich das 
Münzhaus von FärsistHn. *) Was die andern Abgaben (mo- 
staghillät) anbelangt, so bestanden dieselben in jenen Pacht- 
beträgen und Taxen, die von den öffentlichen Bazaren und 
Strassen in Shjräz oder in andern Städten für die Erlaub- 
niss bezahlt werden musste, daselbst Kaufbuden, Magazine 
oder andere Baulichkeiten zu errichten. Es ist dies gewisser- 
massen ein Pachtschilling, der an die Regierung fiir die 
Benützung der öffentlichen Gründe bezahlt ward; ebenso 
mussten die Mühlen eine fixe Jahresabgabe zahlen ; dasselbe 
galt auch fiir Rosen wasserfabriken. 

Es bestand in Fftrsistän von Alters her der Brauch 
dass keine Steuer von Baum- und Weinrebenpflanzungen 
bezahlt ward. Erst Aly Ihn 'Ysk, der Wezyr, fährte im 
Jahre 302 H. (914—15 Chr.) die Grundsteuer für Alles ein. 
Es gab aber in F&rsistan Ländereien, deren Besitzer ihre 
Grundstücke auf den Namen der Grossen des Hofes von 
Bagdad umschreiben Hessen und so deren Schutz erlangten, 
wodurch es ihnen möglich wurde, eine Verminderung der 
Abgaben um ein Viertel zu erzielen. 2) 

Nach der Eroberung durch die Araber ward die Grund- 
steuer auf 33 Millionen angesetzt, aber unter dem Chalifen 
Motawakkil erhöhte man diese Ziffer auf 35 Millionen Dirham. 
Hagg^ bestimmte die Kopfsteuer auf 18 Millionen Dirham, 
ebenso wie für Chuzistän. ^) 

Nach unseren Quellen ist der Steuerertrag dieser Pro- 
vinz wie folgt: 

1) FrQher bestand ein MixnzhaiiA zu Istachr. 

>) latacbry p. 158. Ibn Hankal p. 817. 

3) Barbier de Meynard: Dict. g^o^r. de la Perse p. 412. 
▼. Kremer, CalturgMcliiehte des Orients. 20 



306 VII. Die FinanMii. 

Ibn Chaldun Kod&ma Ibn Chordädbeh 

27,000.000 Dirh. 24,000.000 Dirh. 30.000.000 Dirb. 

In natura: 30.000 Flaschen Roaenwasser, i) 
20.000 Pfand Rosinen. 

Ibn Haukal gibt den Steuerbetrag* zu seiner Zeit auf 
1,500.200 Dynar, d. i. 22,503.000 Dirham, an, wozu er jedoch 
den District von Arragän, der damals von Faris getrennt 
war, nicht rechnet. Diese Provinz zahlte ungefähr 510.000 
Dynar, d. i. 7,650.000 Dirham. 

4. Kermän (Karamania). 

Diese Provinz grenzt im Süd-Osten an MokrA,n, von 
dem es durch das Bäshkardgebirge geschieden wird, im 
Osten an Beludschistan und Segistän, im Norden an die 
Wüste, im Westen an FÄrsißtän, im Süden aber an Theile 
von Mokrfin und an den persischen Meerbusen. 

Ebenso wie Färsistan zerfiillt es in kalte, gesunde 
Hochländer und heisse, höchst ungesunde Niederungen. 
Es ist ein wnldes, von vielfiiltig sich durchkreuzenden Berg- 
zügen durchbrochenes Gebiet, wo in den engen Thälern sich 
nur eine spärliche Cultur entwickeln konnte. Es hat keine 
grösseren Flüsse, keine Landseen und leidet im ganzen an 
Wassermangel. Die allgemeine Dürre wird erhöht durch 
die Seltenheit und die kjarze Dauer der Regengüsse. Die 
Gipfel der hohen Berge sind mit Schnee bedeckt, während 
in den Thälern eine verzehrende Hitze herrscht. Der Süd- 
rand von Kermän gegen das Meer zu ist, wie überall an 
der persischen Küste, sandig und nahezu unfruchtbar; das 
Einzige, was dort gedeiht, sind Datteln von sehr untergeord- 
neter Qualität. Die wichtigsten Gebirgssysteme dieser wilden 



^) Das persische Rosenwasser ans den Fabriken von Shjrftz und 
Chnnsar bei Käshän ist noch jetzt ein starker Ausfuhrartikel nach Indien. 
Vgl. PoUak: Ueber die Betheiligung Persiens an der Weltansstellung. 
Wien 1873 p. 27. 



Vn. Die FinftDMiu 307 

Landschaft sind drei: das KofsgebirgO; das Bärizgebirge 
und die Silberberge. Das erstgenannte liegt im Süden und 
bildet die Meeresküste, es entspricht dem jetzt B&shkard 
genannten Berglande, nördlich davon liegen die Städte 
Gyraft und Rudabär, sowie der District Kuhistän (Aby 
Ghanim), der jetzt sowie das Bäshkardgebii'ge auf unseren 
Karten als zu Mokrän gehörig verzeichnet ist. Die Silber- 
berge ziehen sich im Norden mitten durch Kermän und 
die westliche Fortsetzung, welche die Grenze gegen Fsirsistan 
bildet, führte den Namen Bolusgebirge. Die Lage der Bariz- 
kette ist nicht ermittelt. Die heissen Niederungen übertreflfen 
ah Ausdehnung die Hochländer, welche ungefähr ein Viertel 
der ersteren betragen. 

Städte. Die grösste Stadt der ganzen Provinz ist jetzt 
Kerm^n, früher war es Shyragän ; die Gebäude waren wegen 
des Holzmangels fast alle gewölbt. Die wichtigste Seestadt 
war Hormuz, der später Bender Abbas oder Gambrun den 
Vorrang abgewann, das aber seitdem durch Abushahr über- 
flügelt worden ist. Im Binnenlande liegt Bamm, das der 
Hauptort für den Handelsverkehr mit Chorasän und Segistan 
ist, endlich Gyraft, in der Entfernung einer Tagreise von 
WalUshgird. 

Bevölkerung^ Die Bewohner waren mit Ausnahme 
einzelner arabischer oder indischer Ansiedler an der Küste 
ungemischte Eranier. Besonders in den schwer zugänglichen 
Gebirgen erhielten sich die alten Landeseinwohner nahezu 
unabhängig. Die persische Sprache war die allgemein herr- 
schende, nur die Bewohner der Gebirge, des Kofs- und 
B&rizgebirges, sowie der Boluskette hatten nebst dem Per- 
sischen ihre eigene Sprache, die höchst wahrscheinlich ein 
altpersischer Dialekt war. *) Die Bewohner der Kofsberge 

1) Es ist schon von Spiegel erkannt worden, dass diese Stämme 
der Kofsberge identisch sind mit dem Volke, das man jetzt Belntschen 
nennt, anf welche anch der Name Bolns hindeutet. Erst spKter scheinen 
diese kriegerischen Gebirgsbewohner nach Osten in das heutige Belu- 

20* 



308 VTI. IM« Finaniea. 

waren ein kühner, unabhängiger Menschenschlag, die von 
der Regierung jährlich eine gewisse Summe erhielten, um 
sie in Ruhe zu erhalten, was sie aber nicht verhinderte, 
die ganze Karawanenstrasse bis nach Segistän hinein un- 
sicher zu machen. Ihnen waren nur die Bolusstämme tiber- 
legen. Diese lebten von Viehzucht und unter Zelten wie 
Nomaden, enthielten sich aber jeder Räuberei oder Gewalt- 
that. Die Bewohner der B&rizkette waren ihnen in dieser 
Hinsicht sehr ähnlich, indem sie ruhig in ihren schwer zu- 
gänglichen Bergen lebten, ohne jemand zu belästigen. In 
ihrer Gebirgsheimat, deren Boden er Zeugnisse als sehr reich- 
lich geschildert werden, gedeihen schon die Bäume der 
heissen Zone. Dieser Volksstamm blieb dem zoroastrischen 
Glauben treu bis in die Zeiten der Abbasiden. Die Gegend, 
die sie bewohnten, galt als die reichste Landschaft des 
Kofsgebirges. ^) 

Industrie und Bodenerzeugnisse. Ausser den 
unentbehrlichsten Nahrungspflanzen wurde von Moghun und 
Waläshgird bis in das Gebiet von Hormuz viel Indigo 
und Kümmel gebaut 2) und auch stark exportirt, dasselbe 
war auch mit dem Zuckerrohr der Fall und raffinirter 
Zucker bildete einen namhaften Ausfuhrartikel. Die Bevöl- 
kerung nährte sich vorzüglich von Durah, auch gab es viele 
Palmenpflanzungen, so dass der Preis von 100 Mann Datteln 
ein Dirham war. In den Kofsbergen fand man Eisen, Silber 
wurde in der Bergkette gegraben, die sich ober Gyraft hin- 
zieht. 3) Von Industrieartikeln exportirte Bamm Baumwoll- 
gewebe und Zerend die bekannten Schafwolldecken. 



tAchiRtan vorg^edrungen zu sein. Vgl. Spiegel: Erän, p. 219 und Eränische 
Alterthnmskunde I. 384. 

*) Fstachry p. 164, 65. 

^ Der Kümmel von Kcrm&n ist noch jetzt Reines feinen Aromas 
wegen berühmt. Vgl. Pollak: Die BetheiliguDg Persiens an der Weltaus- 
stellung Wien 1873 p. 20. 

3) Istachry p. 166. 



YII. Die FiiuuiseB. 309 

Besteuerung^. Die Palmpäanzungen in Gyraft zaUten, 
ebenso wie dies in Bassora üblich war, nur den Zehent. *) 
Das Gesammtsteuerträgniss von Kerman war: 
Ibn Chaldun KodÄma Ibn Cbordädbeh 2) 

4,000.000 Dir. 6,000.000 Dir. 6,000.000 Dir. 

In natura: 500 Stück jemeniBche Stoffe, 
20.000 Pfd. Datteln, 
1000 Pfd. Kümmel. 

Ibn Haukal gibt die Steuer der Provinz auf 500,000 Dynar, 
d. i. 7,500.000 Dirham an. 

5. Sind. 

Mit diesem Namen bezeichnen die orientalischen Au- 
toren den grossen, in seinen Grenzen ziemlich unbestimmten 
und häufig wechselnden Ländercomplex , der nebst dem 
eigentlichen Stromgebiete des Indus auch die angrenzenden 
Gebiete, namentlich Afghanistan nnd Beludschistän umfasst 
und im Norden an der Soleimankette, im Süden an der 
Meeresküste von Mokrän seine Grenze findet. In der Zeit 
der ersten Abbasiden ward auch die Provinz Mokrän als 
zu Sind gehörig betrachtet und bildeten beide eine Statt- 
halterschaft. Ausserdem rechnete man zu Sind auch das 
Bodhagebiet und die Landschaft Turän, die dem heutigen 
Beludschist&n, genauer den Landschaften Dschalawän und 
Sarawän am Westabhange der Brahukette entsprechen. Wir 
gehen nun zur kurzen Darstellung dieser Gegenden über 
und beginnen mit Mokrän. 

a) Mokrän (Gedrosia). Das Gebirgsland von Bäshkard, 
von den Einen zu Kerman, von den Anderen schon zu Mokrän 
gerechnet, bildet die westliche Grenze. Es ist eine wilde 
Berglandschaft, wo Belutschenstämme ihre Heerden weiden, 



ßtacfary p. 167. 

2) Er zfthlt es zur Statthalterschaft von Cborftsftn. Unter den Sasa- 
niden soll die Provinz 60,000.000 Dirham an Steuern 'bezahlt haben. Ibn 
ChoidAdbeh. 



310 VII. Di« Finanien. 

geg^en Osten zu nehmen die Berge an Höhe ab und die 
Gegend gestaltet sich mehr und vorwiegend in ein heisses 
Tiefland um. Im Norden trennt die Bergkette Washati oder 
Matsch Belutschistan von der Wüste, im Süden bildet das 
Meer die Grenze und im Osten scheidet ein Bergrücken 
das eigentliche Belutschistan von jener Landschaft, welche 
die alten arabischen Geographen die Länder Bodha und 
Tuiän nennen , die jetzt Dschalawän (Kalawän bei Ibn 
Haukai) und Sarawän genannt werden und als Bestandtheile 
von Belutschistsln gelten. Der grösste Theil von Mokrän 
ist unfruchtbar und öde. Es mangelt überall an Wasser. 
Der Boden ist grösstentheils felsig. Man sprach sowohl 
persisch als einen eigenen Dialekt (mokräny). 

Städte. Die wichtigsten Städte waren zur Zeit der 
Abbasiden Tyz, Kyz, Kannazbur, Darak (Dizak) und R4sck. 
Erstere Stadt liegt am Meere und findet sich noch vor, hat 
aber ihre Bedeutung verloren, die an das etwas östlicher ge- 
legene Gwadur (Gwuttur) übergegangen ist. Die nächst- 
genannte Stadt ist identisch mit dem jetzt Kedje genannten 
Orte, der die eigentliche Hauptstadt ist, die sich durch 
grosse sie umgebende Palmpflanzungcn auszeichnete. Zu 
Istachry's Zeit herrschte in Mokrän ein selbstständiger Fürst, 
der sich Maharadja nannte und in Kyz residirte. *) 

Die Hauptproduction von Mokran bestand in Zucker, 
der daselbst raffinirt und in bedeutenden Quantitäten ex- 
portirt wurde. 

b) Die Landschaft Bodha entspricht der jetzigen Pro- 
vinz Dschalawän ; die alte Hauptstadt war Kandabyl, in der 
Entfernung von 5 Parasangen von Kosdär. 2) 

Die Bevölkerung des Bodhagebietes, jetzt Brahui ge- 
nannt, war ein nichtislamischer, wie es scheint turanischer 



») Istachry p. 170, 177. Barbier do Meynard: Dict, g^ogr. de la 

Perse p. 640. 

2) Vgl. über KosdÄr: Spiegel: Erftn. Alterthumskunde I. p. 20. 



yil. Die Finanzen. 311 

VolktistamiU; der zwischen MuMii; Turän, Mokrän und dem 
Gebiete von Mansura; westlich von Indus, seine Wohnsitze 
hatte, sie züchteten Kameele und verkauften die berühmten 
zweihöckerigen Kameele nach Choräsan und F4rsistan: die 
Stadt des Bodhavolkes, wohin sie vorzüglich Handel trieben, 
war Kandabyl; es ist 8 Tagreisen von Mansura, 10 von 
Multän entfernt. (Barbier de Meynard : Dictionaire g^ograph. 
de la Perse). Ein anderer Volksstamm, den die Araber 
Maid nennen, wohnte auf der Ostseite des Indus von Multan 
herab bis an das Meer (Ibn Haukai p. 231). 

c) Die Landschaft Turän schliesst sich an die vorher- 
gehende an; die vorzüglichsten Orte waren Kosdär, das noch 
jetzt besteht, dann Mahäly, Kyzkänan und Sura. Ein unab- 
hängiger arabischer Emyr, der zu Kyzkanän seine Residenz 
hatte, herrschte hier zu Istachry's Zeit *) unter der nominellen 
Oberherrschaft der abbasidischen Chalifen (Ibn Haukai 232). 

d) Das eigentliche Sind. Die Hauptstadt war Mansura, 
wie der Name zeigt, eine von den arabischen Eroberern 
gegründete Colonie. Anfangs den' Chalifen unterworfen, 
machten sich die Statthalter bald unabhängig, aber noch 
zu Ibn Haukal's Zeit (IV. Jahrhundert H.) ward das Kanzel- 
gebet fiii* den abbasidischen Chalifen verrichtet. Mansura 
lag auf einer durch einen Kanal des Indus gebildeten Insel, 
wird als grosse blühende Stadt geschildert, die eine Meile 
lang und ebenso breit war. Die zweitwichtigste Stadt ist 
MuItän. Zu Istachry's Zeit regierte daselbst ein unabhängiger 
arabischer Emyr, der nominell die Oberherrlichkeit der 
Abbasiden anerkannte. Er residirte in einem befestigten 
I^iager ausserhalb der Stadt. Es liegt ungefähr eine Parasange 
vom Indus entfernt. Der wichtigste Hafenplatz der Provinz 
Sind zur Zeit der Abbasiden war Daibol, Ritter hält es für 
einen und denselben Ort mit Tatta, nach Reinaud ist es 
das moderne Currachee. In Mansui'a und Multan sprach man 



1) Istachry p. 177. 



312 



YII. Di« Finanieii. 



sowohl Arabisch als Sindy, >) das Haüptproduct von Sind 
war Reis. 

Zwischen Mansora und Mokran sind sumpfige Niede- 

■ 

rungen am Indus, wo der schon früher erwähnte Volks- 
stamm wohnt; der von den Arabern Zott, von den Indern 
Dschdrt genannt wird : sie leben vom Fischfange und der 
Jagd der Wasservögel. 

Steuerertrag : 

Ibn Chaldun Eodäma Ihn Chordädbeh 

Von Sind 11,600.000 Dir. 
„ MokrÄn») 400.000 „ 1,000.000 Dir.») 



6. SegiBtd.n (Drangiana). 

In Sind haben wir die äusserste östliche Grenze des 
Chalifenreiches kennen gelernt. Wir sahen wie die arabischen 
Eroberer hier, trotz ihrer verschwindenden Minderzahl, sich 
unter Völkerstämmen, die ihnen ganz fremd waren, festgesetzt 
und zu Beherrschern des Landes emporgeschwungen hatten. 
Zugleich erfuhren wir aber, wie früh schon an der äussersten 
Peripherie der mohammedanischen Machtsphäre kleine selbst- 
ständige arabische Fürsten sich der Herrschaft bemächtigten, 
die den Chalifen nur als obersten religiösen Vorstand der 
mohammedanischen Welt anerkannten, sonst aber ganz un- 
abhängig in ihren Gebieten walteten. Aber nur in den 
Städten konnten sich die Araber festsetzen, auf dem Binnen- 
lande war die Bevölkerung un vermischt und zum grössten 
Theil auch ihrem alten Glauben treu geblieben. Die Griechen 



1) Istachry p. 175, 177; Tbn Haukai p. 228; derselbe fahrt als eine 
dieser Stadt eigenthümliclie Frucht die Limone (Ijmunah) an,; die also in 
der Mitte des IV. Jahrhunderts H. in Vorderasien noch nicht verbreitet war. 

^) Mokrän, das gewöhnlich zu Sind gerechnet wurde, ist bei Ibn 
ChordÄdbeh zu Kerm&n geschlagen. Ibn Chaldun's Liste fügt noch hinzu, 
dass Sind ausser der obigen Steuer 150 Pfund Aloeholz in natura abzu- 
führen hatte. 

3) Diese Steuer ward als fixe Pachtsumme (mokätft*ah) bezahlt. 



Tn. Die FinaiiMn. 313 

hatten zu ihrer Zeit auch die Welt beherrscht, indem sie 
überall ihre Handelscolonien gründeten, die Araber erreichten ; 
dasselbe Ziel, aber auf anderem Wege, denn ihre ersten | 
Colonien waren immer reine Militäransiedelungen. ' 

Aehnliche Verhältnisse wie in Sind herrschten auch 
in der Provinz Segistän, die damals einen viel grösseren 
Umfang hatte, als auf unseren jetzigen Karten, denn sie 
erstreckte sich von der centralen persischen Wüste im Westen 
bis an das Indusgebiet, indem sie die Landschaft Siwistan 
und Theile des heutigen Afghanistan in sich begriff. Im 
Süden war Segistän begrenzt von der Wüste von Belu- 
tschist&n und dem Saraw&n-Gebirge ; im Nordosten aber zog 
sich diese Provinz den Lauf des Hilmend entlang bis gegen 
Ghazna imd Kabul, während im Norden das von unabhän- 
gigen wilden Bergstämmen bewohnte Ghur die Grenze bildete. 

SegistUn lebt eigentlich nur durch die wenigen Flüsse, 
die von den Abhängen des im Norden und Osten des Landes 
emporragenden breiten Gebirgswalles des Hindukush (Par- 
opamisus), dem indischen Kaukasus, herabfliessen. Der 
Hilmend entspringt in der Nähe von Kd.bul, wird von Best 
(Abbeste) an für Barken bei Hochwasser schiffbar und er- 
giesst sich in den Z&reh-See. Die Wüste tritt oft nahe an 
den Strom heran, aber wo immer sein Wasser hindringt, 
da wuchert eine üppige Vegetation. Wilde Mandel-, Feigen- 
und Wallnussbäume, auch Platanen bilden dichte Laubmassen, 
ebenso gedeihen Maulbeerbäume und die meisten europäischen 
Obstsorten. Unter den Zuflüssen des Hilmend ist der 
Arghendftb der bedeutendste. Von der rechten Seite ist 
einer der Hauptzuflüsse der Chäshrud, der im Süden von 
Her&t seinen Ursprung nimmt, und nach einem Lauf von 
150 englischen Meilen sich mit dem ersteren vereinigt. 
Die zweite Stelle unter den Flüssen dieses Landes nimmt 
der* Farah (JHirrah) der E^arte ein. Alle diese Ströme 
entleeren ihre Wassermassen in die grosse Bodensenkung, 
welche schon die Alten unter dem Namen Aria palus kannten, 



314 VIL Die FinAnMiL 

jetzt Häinun, früher Zaxeli genannt. Durch ein Netz von 
Kanälen^ die gegenwärtig zum grossen Theil spurlos ver- 
schwunden sind, zur frühen Zeit der arabischen* Herrschaft 
aber sorgfaltig in Stand gehalten wurden, vertheilte man 
das Wasser über grosse Strecken und gewann sie för 
den Ackerbau. 

Segistä,n ward in verschiedene Landschaften eingetheilt. 
Die Landschaft Däwer, am oberen Lauf des Hilmend ge- 
legen, also dem heutigen Käbulgebiete entsprechend, war 
die Grenzscheide zwischen dem rein mohammedanischen 
und dem gemischten Gebiete, wo Mohammedaner und Heiden 
zusammen wohnten. Letztere hielten sich vorzüglich in den 
Berggegenden, während die Mohammedaner in den Thälern 
sich ausbreiteten. An das Däwerland stiess das Gebiet von 
Rochchag, Arachosia der Alten, mit der Hauptstadt Bangawäy, 
wo sehr ausgedehnte Kronländereien lagen. ') An den eben 
genannten Bezirk schlicsst sich im Süden die Landschaft 
Bälysh an mit der Hauptstadt Sywy. 

Städte. Als Hauptstadt bezeichnet Istachry den Ort 
Zarang, von dem, wie der Name Drangiana zeigt, im Alter- 
thume das ganze Land seine Benennung erhielt. Es war 
damals eine grosse, reiche, mit Wall, Graben und einem 
Castell gut befestigte Stadt. Alle Gebäude waren gewölbt, 
weil das Bauholz dort sich nicht hält. Eine Hauptmoschee 
mit Spital, ein Regierungspalast, verschiedene Paläste aus 
der Zeit der Saffariden-Herrscher zierten die Stadt, deren 
Bazare reich mit den Waaren aller Nachbarländer versorgt 
waren. Die Regierungstaxe von dem Bazar betrug täglich 
1000 Dirham. Zahlreiche Kanäle versorgten die Bewohner 
mit irischem Wasser. 2) Der nächstgrösste Ort war Best, 
am Hilmend gelegen, über den eine schöne Schiffbrücke 



^) Istachry p. 244, Rochchag ward von den späteren Qeographen 
zu KSbnl gerechnet. Die Grenze zwischen dem Däwerlaude und Bochchag 
bildete der Hilmend. Istachry p. 242. 

2) Istachry p. 241. 



VII. Die Finuiieii. 315 

filhrte, und der von hier an bei Hochwasser schiffbar wurde. 
Eine weitere namhafte Stadt des eigentlichen Segistän ist 
Farah, mitten zwischen Obstgärten, Palmpflanzungen und 
Ackerfeldern , der Hauptort eines Bezirkes , welcher an 
60 Dörfer umfasste (Istachry p. 247). 

Dann ist Sywy zu nennen, das der Hauptort jener 
Landschaft war, die jetzt auf den Karten Siwidtän genannt 
wird. Auch Sarawän, das noch auf den Karten sich findet, 
gehörte damals zu Segistan. 

Bevölkerung. Die Bewohner waren echter alter era- 
nischer Rasse und hieher verlegt die altpersische Sage viele 
ihrer anziehendsten Erzählungen. Während aber die Eranier 
in den Ebenen wohnten, hatten sich in den Gebirgen auch 
fremde Volksstämme, sei es von früher erhalten, sei es 
neu angesiedelt. So nennt schon Istachry die Cholgen als 
einen vor Alters eingewanderten türkischen Stamm, der 
die Ghurlandschaft bewohnte. *) 

Industrie und Bodenerzeugnisse. Wie man aus 
dem Vorhergehenden ersieht, war diese Provinz damals 
blühend, reich und wohlbevölkert. Palmpflanzungen umgaben 
fast immer die Städte und man erntete vortreffliche Datteln in 
grosser Fülle, nur in Zarang selbst, wo im Winter Schnee fiel, 
wollte die Dattelpalme nicht gedeihen. Das Land ist an Obst 
und Früchten sehr ergiebig, die Bevölkerung war wohlhabend. 
Das eigenthümlichste I^andesproduct ist die Assa foetida, 
die in der Wüste zwischen Segistan und Mokran im wilden 
Zustande wächst und eine Haupteinnahmsquelle war. 

Der Steuerertrag war: 
Ibn Chaldun Kodama Ibn Chordädbeh 

4,000.000 Dir. 1,000.000 Dir. 6,776.000 Dir.«) 

In natura: 800 Stück gestreifte Seidenstoffe, 
20.000 Pfand raffinirten Zucker. 



) 



1) Istachry p. 246. Ibn Haukal p. 302. 

2) Nach Abzug der Steuerrückstände von Fir&wän und Rochchag 
mit Inbegriff des D&werlandes und Zabolist&ns. 



316 ▼n. Die Fiausen. 

Ja*kuby gibt den Steuerertrag auf 10 Millionen Dirham 
an (p. 64). Aber Kodäma rechnet Segistän zu Choräsän und 
diese ganze Provinz mit allen Nebcnländern befand sich 
damals im Besitz des Abdallah Ibn Tähir^ welcher dafiir, 
laut seiner im Jahre 221 H. (836 Chr.) vereinbarten Steuer- 
listC; die Gesammtsumme von 38 Millionen Dirham abführte 
(Slane: Auszüge aus Kod&ma p. 169). Ibn Chordadbeh 
rechnet Segistan ebenfalls zu Choräsän und sagt, dass es 
mit Zäbulist&n und der Däwerlandschaft 6,776.000 Dirham 
entrichtete und zwar nach der Steuerliste des Abdallah Ibn 
Tahir für das Jahr 211—222 H. Zur Zeit, aus der die 
Liste des Ibn Chaldun stammt, war Segistfin noch zweifellos 
eine eigene Provinz des Reiches (Ibn Chordadbeh, lieber- 
Setzung p. 245). Die niedrige Ziffer bei Eodäma erklärt 
sich daraus, dass er unter der Summe von 1 Million Dirham 
nur die Abgaben der Hauptstadt Zarang (in Slane's Aus- 
zügen steht fehlerhaft Buzeng) versteht, indem diese Stadt 
auch schlechthin Segistan wie die Provinz selbst genannt 
wurde. Er rechnet auch den Rochchagdistrict nicht mehr 
zu Segistan, sondern betrachtet ihn als zu Choräsän gehörig. 
Zm* Zeit als Ibn Haukai schrieb, war Segistan schon voll- 
ständig den Chalifen entzogen, und der grösste Theil ge- 
hörte don Samaniden, welche Chorclsän beherrschten, der 
Rest befand sich im Besitze einzelner kleiner halbsouveräner 
Fürsten, wie Best, Ghazna u. s. w. Die Steuerabfuhr von 
SegistUn, d. i. Zarang, Rochchag imd Bost, sowie des hiezu 
gehörigen Gebietes gibt er auf 100.000 Dynar und 300,000 
Dirham an , also zusammen auf 1,800.000 Dirham. Die 
Steuerabfuhr von Ghazna, Kabul und den dazu gehörigen 
Landschaften bestimmt er auf 100.000 Dynar und 600.000 
Dirham, d. i. 2,100.000 Dirham (Ibn Haukai p. 308). 



TII. Die FinMien. 317 

7. Choräsän und Transoxanien. 

a) Chorftsftn. 

Diese grösste Provinz des ganzen Reiches grenzte im 
Osten an Segistän^ Ghur^ Eikbul und die Berglandschaften 
des indischen Kaukasus und reichte bis nahe an Tibet; im 
Norden stiess sie an Transoxanien und die Länder der un- 
abhängigen Türkenvölker; im Westen an die Salzwüste der 
türkischen Stämme (Turkomanen) und GorgÄn, im Süden 
an die grosse centrale persische Wüste, sowie an das Gebiet 
von Kumis (Comisene). Bei der Verschiedenheit der geo- 
graphischen Gestaltung dieses weiten Landes und der es 
bewohnenden Völkerstämme müssen wir darauf verzichten, 
die geographischen und ethnographischen Thatsachen in 
einem übersichtlichen Bilde hier zu vereinigen, wie wir dies 
bisher gethan haben. 

Die politischen Grenzen von Choräsd.n wechselten sehr 
oft. Balädory, der älteste Berichterstatter, theilt es in vier 
Provinzen, die aber alle unter dem Statthalter von Choräsän 
standen. Die erste begriff in sich folgende Landschaften: 
Nyshabur, Kuhist4n, die beiden Tabes (Tabesain) Herät, 
Bädghys, Tus (Taberän) ; die zweite umfasste : Marw (Shä-h- 
gihän) Sarachs, Nasa, Aby ward, Marw-rud, Tälikän, Chw&rizm, 
Amol ; die dritte erstreckte sich über den Oxus und bestand 
aus Fäijäb, Guzgän, Tochäristän Badachshän, Tirmid, Sag- 
hänijän, Cholm, Siming^n; die vierte umfasste: die übrigen 
Länder jenseits des Oxus: Bochärä, Shäsh, Soghd, Nasaf, 
Asrushana, Ferghäna, Samarkand. >) 

Wir gehen nun zur Aufzählung der vorzüglicheren 
Städte und Landschaften über. Es war nämlich die politische 
Organisation dieser weit ausgedehnten, von so verschiedenen 
Stämmen bevölkeften Provinz die, dass jede grössere Stadt 



1) Barbier de Meynard: Dict. G^gr. de la Perse p. 198, 199. 



318 YII. Di« FiUDMB. 

mit dem umliegenden Gebiete einen kleinen Staat im Staate 
bildete ; die Stadt hatte ihre eigene Verwaltung und stand 
mit dem Statthalter der Provinz in einem nur sehr losen, 
mit der Centralregierung in fast gar keinem Zusammenhang. 
Der Steuerbetrag, den jede Stadt zu entrichten hatte, war 
sehr ungleich und gründete sich gewöhnlich auf die Capitu- 
lation, welche bei der Eroberung durch die Moslimen abge- 
schlossen worden war. Auf diese Art bestand die Provinz 
au& einer grossen Zahl von einzelnen Stadtoasen, deren jede, 
unabhängig von den anderen, ihre eigenen Angelegenheiten 
besorgte und nur selten in Sachen von allgemeinem Belange, 
in Fällen von Streitfragen, bei Steuerrecursen und dergl. an 
den Statthalter sich zu wenden genöthigt war. Einzelne 
solcher Städte waren von einem dazu gehörigen Gebiete 
umgeben, das die Ausdehnung eines kleinen Königreiches 
hatte. Das Gebiet von Balch umfasste zehn Parasangen, 
und ward durch einen rund herum errichteten Erdwall ver- 
theidigt. *) Nicht minder ausgedehnt war das Gebiet von 
Soghd, Samarkand und vielen anderen grossen Städten. 
Diese Municipalverfassung der persischen Städte, welche 
denselben einen so grosäen Einfluss auf das Culturleben 
der Nation einräumt, gilt nicht blos für Choräsän, sondern 
für ganz Persien und ist offenbar ein üeberrest der alt- 
eranischen Gauverfassung, Jedenfalls gehört diese Einrich- 
tung dem höchsten Alterthume an imd hat zum Theil bis 
in die Gegenwart sich erhalten. Die einzige Einfliissnahme 
der Centralregierung bestand darin, dass sie die Unterstatt- 
halter ernannte, die sie selbstverständlich gewöhnlich aus 
den städtischen Patricierfamilien wählte, dann dass sie die 
Richter und obersten Würdenträger bestellte oder bestätigte. 
Eine eigentliche Bureaukratie mit ihrer geschäftigen und dabei 
so überaus schädlichen Vielregiererei hat der mohammedanische 
Orient glücklicher Weise nie gekannt. Die Verwaltung war 



«) Ja'kuby 67. 



I 

YIL Di« Fmanxen. 319 

V 

möglichst einfach und blieb den Gemeinden überlassen ; das 
einzige^ was die Staatsgewalt interessirte, war die richtige 
Zahlung dei* Steuern. 

1. Liandschaft Nysh&bur (Naisäbur). Die gleichnamige 
stark befestigte Hauptstadt hatte den Durchmesser einer 
ParasangC; exportirte BaumwolIstofiFe und Rohseide (ibrysim *). 
Das Gebiet von Nyshäbur war sehr ausgedehnt ; es umfasste 
Tabesain, Kuhistän^ Nasa; Abyward, Abarshahr u. s. w. Auch 
Tus (Meshhed) wird als zu NyshÄbur gehörig gerechnet, und 
der Steuerbetrag der vorletzt genannten Stadt wird von 
Ibn Chordädbeh auf 740.860 Dirham angesetzt. Der Steuei-- 
ertrag der ganzen Landschaft ist nach Ibn ChordÄdbeh 
4,108.700 Dirham. Ja'kuby gibt hiefiir die runde Summe 
von 4 Millionen an. ^) 

2. Die zweitgrösste Landschaft von Chor&ssln ist Mai"w 
(ShahigÄn). In einer weiten unabsehbaren Ebene gelegen, 
zeichnete sich die Stadt, sowie das umliegende Gebiet durch 
ein äusserst künstliches und ausgedehntes Bewässerungs- 
system aus. Marw ebenso wie Nyshäbur hatte eine alte Cita- 
delle und war befestigt. Die Gebäude waren von Lehm. 
Die Stadt zählte drei Hauptmoscheen, zahlreiche öffentliche 
Gebäude und Paläste. Im Anfange des Islams war daselbst 
ein arabisches Lager. ^) 

In Marw ward die Seidencultur stark betrieben, man 
erzeugte dort viel Rohseide und Flockseide (kazz). Auch 
Seidensamen ward stark von Marw nach Taberistän expor- 
tirt, obgleich das letztgenannte Land, sowie die Provinz 
Gorgä-n ursprünglich es gewesen sein sollen, von wo die 
Cultur der Seidenraupe nach Marw kam. Auch Baumwolle 



') Istachrj 254. 

2) Ja'knby 55. Bis znr Zeit der Tftbiriden war der Sitz des Statt- 
halters von Chorftsän in Marw oder Balch, diese erst verlegten ihre Resi- 
denz nach Nyshäbar. Die arabische Sprache scheint daselbst die herrschende 
f^wesen zn sein. Ta'&liby: LataVf 39. 

3) IsUchry 262. 



320 ▼IL Di« Finaudb. 

wurde viel gebaut und man fabricirte daselbst die berühmten 
Baumwollzeuge, welche nach allen Ländern exportirt wurden. 
In den umliegenden wüsten Strecken gedeiht. die unter dem 
Namen „Kameeldorn" (oshtorchär) bekannte Distelart, die 
ein vorzügliches Kameelfutter gibt und weit ausgeführt wird *), 
indem man sich dieser Pflanze auch zum Wollkrempeln 
bedient. 

Die Bevölkerung war vorwiegend persisch, viele der 
ältesten edlen Familien hatten hier ihren Sitz, aber auch 
eine arabische Colonie von den Stämmen Azd, Tamym und 
anderen hatte sich daselbst angesammelt.^) 

Der Steuerertrag von Marw war nach Ihn Chord4dbeh 
1,147.000 Dirham. 

3. Herat. Das ziemlich ausgedehnte Qebiet enthielt 
mehrere beträchtliche Ortschaften. Wall und Graben um- 
gaben die Stadt, deren Gebäude aus Lehm waren. Ein 
Regierungspalast, eine Hauptmoschee und andere öffentliche 
Gebäude zierten sie. An der Moschee herrschte ein sehr 
reges Treiben, indem daselbst die besuchteste Hochschule 
jener Gegenden war. Herat war das Emporium fUr den 
Handelsverkehr zwischen Färsistän, Choräsän und Segistän. 
Zu Istachry's Zeit befanden sich in der Nähe ein Feuer- 
tempel und eine' christliche Kirche. In der Stadt selbst, 
sowie vor deren Thoren herrscht grosser Wasserreichthum 
und dehnen sich schöne Gärten aus. Aus den Ghurbergen 
strömen die Wasser hinab, welche das Gebiet befruchten 
und es nach allen Seiten durchfurchen. Nur gegen Nord- 
osten tritt das Gebirge bis auf die Entfernung einer halben 
Parasange heran, man bricht dort Mühl- und Pflastersteine. 
Ununterbrochene Anpflanzungen und Gärten erstreckten sich 
von Herät auf der Strasse nach Segistlln, also nach Süden, 
eine ganze Tagreise weit. 



*) Tstachry 263. 
2) Ja'kuby 67. 



VII. Die Finanzen. 321 

Auch die zahlreichen kleineren Städte und Ortschaften, 
die in diesem Gebiete lagen, waren grösstentheils mit schönen 
Gärten und Anpflanzungen umgeben. 

Diese Landschaft producirte viel Obst, besonders treff- 
liche Weintrauben, die getrocknet in grossen Quantitäten 
exportirt wurden, dann auch Reis, Seide und Baumwolle 
erster Qualität. Der Steuerertrag war nach Ibn Chordädbeh 
mit dem von Ostowa und Isfydang 1,159.000 Dirham, nach 
Ibn Haukai 1,900.000 Dirham i). 

4. Bushang. In derselben Thalsenkung, wie Herät, liegt 
die Stadt Bushang (Fuschendj auf unseren Kaii;en), sie ist 
halb so gross wie die vorhergenannte; dasselbe Gebirge, das 
nordöstlich von Herät bis auf eine halbe Parasange an diese 
Stadt herantritt, zieht ober Bushang in der Entfernung von 
zwei Parasangen vorbei. Die Bauart ist auch hier dieselbe 
wie dort. Der Fluss von Herät strömt auch bei Bushang 
vorüber und wendet sich gegen Sarachs. Bushang ist von 
Wall und Graben umgeben. Der Hauptexport des Landes 
ist Wachholderholz (*ar*ar), das nur hier in den Bergen 
vorkommt, sonst nirgends in ChoräsUn. 

Zum Gebiete gehört eine Anzahl kleinerer Orte, wo 
Gartenbau und Viehzucht getrieben wird. Die Bevölkerung 
war vorwiegend persisch, doch befanden sich daselbst auch 
arabische Einwanderer 2). Der Steuerertrag war nach Ibn 
Chordädbeh 559.350 Dirham. 

5. Bädghys. Diese Stadt war nui* halb so gross wie die 
vorhergenannte. Die Bauart der Häuser war dieselbe, nämlich 
aus Erde. Sie liegt auf einer Anhöhe und leidet Mangel 
an fliessendem Wasser. Zum Gebiete gehört eine Anzahl 
Ortschaften, deren Bewohner Viehzucht und Feldbau treiben. 
In dem Districte finden sich Silberbergwerke, die man aber 



1) Ibn Haukai ed. Goeje 308. 

2) Ja'kuby 58. 

r, Krem er, Ciiltnrge»cliichte des Uriento. 21 



322 VI^ Bie Pinanien. 

wegen Mangel an Brennmaterial nicht bearbeiten konnte '). 
Der Steuerertrag war 124.000 Dirham, 

6. Kang Rostäk. Der Hauptort Baban war etwas 
grösser als Bushang. Baban sowohl als die anderen Ort- 
schaften dieses Gebietes liegen an der Strasse, die (von 
Bädghys) nach Marw-rud fuhrt ^). 

7. Marw-rud. Die Hauptstadt fuhrt denselben Namen 
und ist etwas kleiner als Bushang. Sie liegt am Morghäb 
in einem Thale, das die Breite von fünf Parasangen hat. 
Nebst anderen Ortschaften dieser Landschaft sind Tälakan 
und Färijä,b zu nennen. — Der Steuerertrag von Marw-nid 
war 420.400 Dirham, der von Talakän 21.400 Dirham. 

8. Die Landschaft Guzgän. Der Hauptort war Anbär. 
Andere Städte dieser Gegend sind Shoborkan (jetzt Schibur- 
kän), Anchod (jetzt Andchu). Die Bewohner waren nach 
Istachry zum Theil Kurden (wohl Turkomanen). Der Haupt- 
export war Schafwolle, die nach Marw ging, wo sie ver- 
arbeitet ward^). Auch Schaffelle wurden, bereits gegärbt, 
stark ausgeführt*). Der District ist gebirgig und wasserreich. 

9. Landschaft Oharg (Ghargistan). Diese Gegend, die 
unter einem selbstständigen Häuptling stand, umfasste den 
Gebirgsdistrict zwischen Marw-rud, Hcrät, Ghur und Ghazna. 
Die beiden grössten Orte waren Nishyn (Anshyn) und Surmyn 
(Shurmyn). Die Residenz des Häuptlings heisst Balkijän 
(Bylk&n). Die Gegend wird von dem Morghäb bewässert und 
exportirt sowohl Reis als Rosinen. Der Steuerertrag war 
nach Ibn Chord&dbeh 100.000 Dirham und 2000 Schafe. 

10. Landschaft Ghur. Ist die südliche Fortsetzung von 
Ghargistän. Die Bewohner waren grösstentheils Heiden, die 



*) Istachry 269. 

') Ist wohl identisch mit dem von Ihn Chord&dbeh genannten Tabab, 
dessen Steuerertrag er anf 20.000 Dirham angibt. 
«) Istachry 271. 
«) Ibn Haukai 322. 



▼II. Die Finanxen. 323 

in ihren schwer zugänglichen Gebirgswildnissen fast ganz 
unabhängig lebten ^). 

11. Landschaft Sarachs. Der gleichnamige Hauptoii; 
des Districtes liegt in der Ebene zwischen Nyshäbur und 
Marw und ist der Stapelplatz für den Handel dieser Gegend 
und Choräsän. Man verfertigte daselbst schöne Frauen- 
kleider^ goldgewirkte Bänder und dergleichen Luxusartikel^). 
Besonders stark ward die Kameelzucht betrieben. Die zweit- 
wichtigste Stadt ist Nasa. Der Steuerertrag war 307.440 Dir. 
(nach Ja'kuby, p. 56, 1 Million). 

12. KuhistäU; im Südwesten Chorasän's, gegen die 
grosse persische Wüste zu gelegen. Die Hauptstadt ist 
KlijU; weitere nennenswerthe Orte sind Tabasain, Chur, 
Tabas. Käyn ist mit Erdwall und Graben befestigt, und 
hat eine Citadelle. Die Ortschaften sind durch dazwischen 
liegende wüste Strecken getrennt, die von Kurden mit ihren 
Heerden von Kameelen und Schafen bewohnt werden. Die 
Bewässerung muss künstlich durch Kanäle und Brunnen er- 
folgen. Man fabricirte daselbst Zelttuch aus Baumwolle (Karär 
bys), grobe Schafwollstoffe und Teppiche. In der Entfer- 
nung zweier Tagreisen von Kayn wird eine Art essbarer Erde 
gefunden und stark ausgeführt. Der Steuerertrag der Land- 
schaft war 787.000 Dir. Tabasain allein zahlte 113.880 Dir. 3). 

13. Balch. Zu dieser Landschaft zählte man . die sämmt- 
lichen östlichen Grenzgebiete des Reiches als: Toch&rist&n, 
Chottal, Bangahyr, Badachshän, Bamijän. 

Balch liegt in der Ebene, ungefähr 4 Parasangen vom 
Gebirge entfernt, die Stadt hatte die Ausdehnung einer 
halben Parasange und war mit einem Erdwall befestigt. 
Die Gebäude waren aus Luftziegeln. Das Gebiet von Balch 
ist bekannt durch die Bochty-Kameele, die von hier nach 



^) Vgl. Spiegel: Eran. Alterthumskunde, I. 26, .H48. 
3) Barbier de Meynard: Dict. O^ogr. 308. 
*; Ibn ChordAdbeh. 



21» 



324 Vn. Die Flnanten. 

den fremden Ländern verkauft werden, es gedeihen daselbst 
alle Obstgattungen und auch das Zuckerrohr ; nur die Palme 
kommt nicht mehr fort, weil im Winter Schnee fallt. *). 

14. Die Hauptstadt von Tochäristän war Täjakän. Die 
nächst wichtigen Städte waren Warwälyz und Andaräb, 
dann Cholm und Simingän. 

15. Das Chottalgebiet ist fast durchwegs ein waldiges, 
wasserreiches GebirgslancC. Nur die Landschaft Wachsh ist 
eine Ebene. Die Flüsse strömen von hier alle in den 
Oxus. Gute Pferde wurden stark in's Ausland verkauft. 
Die Hauptstadt war Monk (Mungan .der Karte), es war 
mit einer Steinmauer befestigt und grenzte an die damals 
ausschliesslich von Heiden bewohnten Länder Wachchän 
und Karrän^). Der Steuerertrag war nach Ibn Chordädbeh: 
193.300 Dirham. 

Bangahjr ist eine im Gebirge gelegene Stadt, die unge- 
fähr 10.000 Mann zählte, hier sowohl als in Gärjäbah waren 
Silbergruben. Ein Fluss durchströmt beide Städte, der 
nach Indien hinab seinen Lauf nimmt. 

« 16. Badachshän enthält zahlreiche Ortschaften, der 
Hauptort hiess ebenfalls Badachshän und war der Sitz eines 
selbständigen mohammedanischen Emyrs'). Der District war 
wohlhabend und gut bevölkert. Aus Badachshän kommen 
Granatsteine und andere Edelsteine (Ibn Haukai p. 327). 

17. Bämijän ist der Hauptort des gleichnamigen Ge- 
bietes, ein Strom bewässert es, der nach Ghargist&n seinen 
Lauf nimmt.. Die reichste Stadt jener Gegend war aber 
Ghazna, ein wichtiger Handelsplatz fiir den Karawanenver- 
kehr mit Indien. Der Steuerertrag war 5000 Dir. Weiter 
ist noch Kabul zu nennen, mit einer starken Citadelle; es 
war zum Theil von Moslimen, zum Theil von Indiern be- 



1) Istachiy 280. 

2) Istachry 279. Ibn Haukal '327. 

3) iBtachry 278. 



YII. Die Finanxen. 325 

wohnt. Ihn Chordadbeh gibt den Steuerertrag von Kabul 
auf 2,000.500 Dirham an, wozu noch 2000 Sklaven kommen 
im Werthe von 600.000, also im Ganzen 2,600.500 Dir. 
Diese Nachricht kann sich aber nicht auf die Stadt, sondern 
nur auf die ganze Provinz beziehen. Kabul war der Haupt- 
markt für den Indigohandel und auch schöne Baumwollstoffe 
wurden hier verfertigt, die nach China und Indien versendet 
wurden. (Ibn Haukai p. 328.) 

18. Amol (jetzt Amujeh) und Zamm liegen schon am 
Oxus. Erstere Stadt ist der Knotenpunkt, wo die Strassen 
zusammenlaufen, die von Chorstsän nach Transoxanien führen. 
Ueber Zamm geht ebenfalls eine Strasse nach den Ländern 
jenseits des Oxus. Beide Städte sind von der Wüste ein- 
geschlossen, die sich von den Grenzen der Landschaft Balch 
bis an das Kaspische Meer ausdehnt. Der Steuerertrag von 
Amol wird von Ibn Chordadbeh auf 293.400 Dirham ange- 
geben. 

Was die Producte von Choräsän im Allgemeinen 
betrifft, so wurden Kameele besonders in Sarachs und Balch 
gezüchtet. Schafe kamen aus den Gebieten der türkischen 
Nomadenstämme der Steppe, oder aus dem Berglande Ghur. 
Die kostbarsten Pferde fand man in Balch, die werthvoUsten 
Sklaven brachte man aus den türkischen Ländern, die 
feinsten BaumwoU- und Seidenstoffe aus Nyshabur und Marw, 
die besten Linnenstoffe (bizz) ebenfalls aus letzterer Stadt, 
die auch als die wohlhabendste von ganz Choräsän galt^). 

b) Transoxanien. 

Diese Provinz gehörte unter den ersten Abbasiden- 
Chalifen zu Choräsän und erst später ward sie selbstständig. 
Grenzen: Gegen Osten das Hochplateau von Pamir, das 
Bolor-Gebirge und die Grenzländer von Chottal, gegen 
Westen die von türkischen und turkomanischen Stämmen 



1) Istadiry 282. 



326 VJL Die Finanien. 

(ghozz) bewohnten, bis gegen das Kaspische Meer sich hin- 
ziehenden Steppen, in Süden der Oxus, im Norden der 
Aralsee und das eigentliche Torkestan jenseits des Jaxartes. 
Transoxanien enthält folgende Landschaften und Städte : 

1. Zunächst von Balch am Oxus liegt Tirmid, eine 
befestigte Stadt, zu jenen Zeiten sehr volkreich und blühend. 
Steuerertrag nach Ibn Chordadbeh 47.100 Dir. 

2. Kawädyn (Kobädijän), eine Stadt mit umliegendem 
Gebiete, aber kleiner als Tirmid. 

3. Wäshgird und Shumän, erstere fast so gross wie 
Tirmid; sie producirten Saffi*an und Krapp, welche beiden 
Artikel stark exportirt wurden. 

4. Sagh^nijd.n grenzt mit seinem Districte an jenen 
von Tirmid. Der gleichnamige Hauptort ist grösser als die 
letztgenannte Stadt. Steuerertrag 48.500 Dii'ham nach Ibn 
Chordadbeh. 

5. Achsysak, ein kleiner Ort auf der rechten Uferseite 
des Oxus, während das bereits früher genannte Zamm auf 
dem linken Ufer gegenüber liegt; beide bildeten eigentlich 
eine und dieselbe Stadt, hier wurden vorzüglich Kameele 
und Schafe gezüchtet '). 

6. Bochärä mit der gleichnamigen Hauptstadt. Diese 
Landschaft hatte eine Ausdehnung in der Länge und Breite 
von 12 Parasangen und der ganze Bezirk war von einem 
Erdwall umgeben. BochärÄ selbst war stark befestigt mit 
zwei Ringmauern und einer Citadelle, wo die Statthalter 
zu residiren pflegten. Es war damals eine der grössten 
Städte der mohammedanischen Welt. Die Häuser bestanden 
zwar meistens aus Luftziegeln und Holz, aber es gab eine 
Menge prachtvoller Wohnhäuser der Reichen. Die Vorstädte 
und Gartenanlagen, bewässert durch den Fluss Zerefshän^ 
dehnten sich rings herum aus. Die Umgegend war dicht 
besäet mit Dörfern und Weilern; das ganze Gebiet hatte 



1) iBtachry 298. 



vir. Die FinaoMn. 327 

eine so starke Bevölkerung, dass die eigene Production zur 
Ernährung nicht ausreichte und Lebensmittel von aussen 
importirt werden mussten, während als Erzeugnisse der 
eigenen Gewerbsthätigkeit Bäum wollzeuge , Teppiche und 
Schafwollstoffe viel exportirt wurden. 

Bis zu Ende der Herrschaft der Tähiriden hatte Bochirä 
eine von Chor4s4n unabhängige Verwaltung und seinen 
eigenen Statthalter'). Zum Gebiete von Bochärä gehörten 
verschiedene ausser dem Erdwalle gelegene Städte wie : 
Bykand, Firabr, Karmyna u. s. w. Der Steuerertrag war 
nach Ibn Chordädbeh 1,189.200 Tätary - Dirham. Nach 
Ja*kuby (p. 73) zahlte es 1 Million. 

JDie Bewohner sprachen die Soghdsprache (osttürkisch), 
aber auch die Darysprache (persisch). Diese Nachricht, 
die uns Istachry gibt, beweist ^), dass schon zu jener Zeit das 
türkische Element vorherrschte ; das Persische ward vermuth- 
lich, sowie heut zu Tage, von den Tadschiks gesprochen. 

7. Soghd (Sogdiana). Diese Landschaft ist östlich von 
Bocharä gelegen und hat Samarkand zur Hauptstadt, die 
nach Bochärd, nächstgrösste Stadt von Transoxanien, mit 
Erdwall sammt tiefem Graben und einem starken Castell. 
Eine heiTliche Vegetation und grosser Wasserreichthum 
machten es zu einem der schönsten Punkte der Welt. In 
Samarkand waren die grossen Fabriken jener gesuchten 
Papiersorte, welche den Papyrus und das Pergament all- 
mälig in ganz Vorderasien aus dem Gebrauche verdrängten. 
Es war auch einer der bedeutendsten Handelsplätze von 
ganz Transoxanien. Besonders aber war hier das Haupt- 
geschäft in Sklaven. 

Der dazu gehörige Landstrich enthält zahlreiche Städte 
und Dörfer; der Steuerertrag von Soghd war nach Ibn 
Chordadbeh 326.400 Tätary-Dirham. 

1) Istachry 315. 
>) L L 314. 



328 VII. Die Finansen. 

Im Gebiete von Soghd befand sich auch noch zu 
Istachry's Zeit die äusserste arabische Colonie, Leute vom 
Stamme Bakr Ihn Wäil, die sich daselbst angesiedelt hatten^ 
wohlhabend und einflussreich geworden waren '). 

8. Als besondere Landschaften sind anzuführen: 

a) die Stadt Ishtychan, welche der Chalife Mo^tamid 
an den Enkel des Abdallah Ibn Tähir als Lehen verlieh. 

b) Kash, jetzt Shehri-Sebz, in der Entfernung zweier 
Tagreisen südöstlich von Samarkand. Nach Ibn Chordadbeh 
zahlte es an Steuern 111,500 Dir. 

c) Nasaf, drei Tagreisen südwestlich von Kash, mit 
einem grossen dazu gehörigen Gebiet 2). 

9. Ashrusana. Eine grosse Provinz, meist gebirgig, 
östlich von Samarkand ; im Norden stösst es an Shash und 
Theile von Ferghäna (Chokand), im Süden an die Gebiete 
von Eash, Saghslnijän, Shumän und Wäshgird, im Osten 
an Theile von Ferghäna. Die Hauptstadt war Bungikat; dann 
ist noch Dyzak (Dschisak der Karten) zu nennen. 

10. Shärsh und 'YlÄk. Die Ausdehnung dieser Land- 
schaften ist ungefähr zwei Tagreisen in der Breite und drei 
in der Länge. Sie waren gut gebaut und bevölkert. Die 
Hauptstadt war Binkat; die Hauptorte von 'Yläk aber 
waren Tunkat, das von Tymur zerstört ward, und Nukat; 
in letzterer Stadt befand sich ein Münzhaus, wie auch in 
Samarkand. Die beiden Landschaften hängen zusammen 
und bilden eine Provinz; in 'Yllik waren Gold- und Silber- 
minen. Nach Ibn Chordadbeh zahlte Shash jährlich 
607.100 Dir. 

11. Isbygab. Diese Stadt, in der Grösse ungefähr ein 
Drittel von Tunkat, war ein bedeutender Handelsplatz und 
das dazu gehörige Gebiet galt als äusserst ergiebig. Es 



») Ifltachry 323. 
2) 1. 1. 826. 



VII. Die Finanzen. 329 

war die einzige Stadt in Transoxanien ^ die Steuerfreiheit 
genoss ^). 

12. Choganda (Chodschend auf unseren Karten) am 
Jaxartes^ ein wichtiger Handelsplatz für den Verkehr mit 
den jenseits des Stromes wohnenden unabhängigen Türken- 
völkern. Steuererti-ag nach Ibn Chord. 100.000 Dir. (Sysy). 

13. Ferghäna entspricht der heutigen Provinz Andi- 
dschän unserer Karten; die Hauptstadt war Achsykat. Die 
äusserste Grenzstadt des mohammedanischen Gebietes gegen 
Osten war damals Uzkend, Die Steuerabfuhr von Fergh&na 
betrug nach Ibn Chord. 280.000 Dir. 

Das Gebiet von Ferghäna enthielt viele Ortschafken, 
war wohl bebaut und lieferte Gold, Silber, Quecksilber, Erdöl, 
Marienglas (tschirägh-senk). Eisen, Kupfer, Blei und Tür- 
kisen, dann aber auch, was am wichtigsten ist, vortreffliche 
Steinkohle, die man in jener Zeit nicht auszunützen ver- 
stand 2). 

Hiemit haben wir den äussersten Osten der moham- 
medanischen Welt jener frühen Zeit erreicht. Seitdem ist 
der Islam allerdings bedeutend weiter nach Osten vorge- 
drungen und setzt noch jetzt seine Eroberungen fort. Wir 
wenden uns nun wieder gegen Westen, indem wir zu dem 
westlichen Theil von Transoxanien übergehen, den die 
Orientalen Chwärizm nennen, der jetzt unter dem Namen 
Chywa ziemlich bekannt geworden ist. 

14. Chwärizm. Westlich von dem Chanate von Bochärä 
lieg^ die Landschaft Chwärizm, jetzt Chjwa, an den beiden 
Ufern des unteren Flusslaufes des Oxus und lehnt sich 
westlich an das Kaspische Meer, während im Norden der 
Aralsee und Jaxartes die Grenze bilden. Die Hauptstadt war 



1) Istachry 333. Ibn. Chord. gibt die Steuer von 106.600 Dir. für 
diese und zwei dazu gehörige Städte an. 

^) Istachrj 334. Blan sieht, dass die Bussen recht gut wissen, 
warum sie diese Qebiete allmälig annexiren. 



330 



TII. Die Finanzen. 



Kät, WO die Sultano residirten ^). Dann ist zu nennen 
Qorgänijja, jetzt Urgendsch, endlich die Stadt Chwäiizm, 
jetzt Chywa ^). Man expoi-tirte von dort vorzüglich Baum- 
und Schafwollstoffe. Die Bewohner wurden als sehr wohl- 
habend geschildert. Sie hatten nach Istachry ihre eigene 
Sprache (osttürkisch). Das Land producirte weder Silber 
noch Gold und die ganze Wohlhabenheit beruhte auf dem 
Handelsverkehr mit den türkischen StäQimen; besonders 
stark ward der Sklavenhandel betrieben, der nächstwichtige 
Artikel war Pelzwerk. Die beiden Städte Chwd,rizm und 
Kat zahlten jährlich an Steuern 487.000 Dirham (Ibn 
Chordadbeh). 

Transoxanien wird von den ältesten arabischen 
Geographen als eines der gesegnetsten Länder der Erde 
geschildert, es hatte reiche Viehzucht, treffliche Pferde, 
Maulthiere und Esel. 

Die einheimische Industrie, von der sich noch bis in 
die Gegenwart in Turkestan viele Reste erhalten haben, 
war sehr entwickelt, man verfertigte vorzügliche Baumwoll- 
stoffe, die weithin exportirt wurden, Gewebe aus Schaf- 
wolle und Kameelhaaren. Ein ergiebiger Handel ward mit 
Pelzwerk getrieben; in den Bergwerken grub man nach 
Eisen, Silber und Quecksilber, selbst Gold; auch Salmiak 
(nushädir) fand man, w^ie auch Steinkohle, die man als 
Brennmaterial benützte. Ganz besonders war aber Transoxa- 
nien berühmt wegen seiner Papierfabriken, aus welchen ein 
feines, hochgeschätztes Schreibpapier hervorging, das nach 
ganz Vorderasien ausgeführt ward. Von Transoxanien bezog 
man Moschus, der aus Tibet kam und durch die Kirgisen 
gebracht wurde. Auch Jagdfalken exportirte man und als 
kostbarste Seltenheit kam von Transoxanien das Hörn 



1) Istachry 300. Es ist noch auf unseren Karten yerzeichnet, ob- 
wohl es nur mehr ein menschenleerer Schutthaufen ist. 

3) Ibn Haukai 350 ist der erste, der Chjwa als Stadt nennt. 



YIL IMe Pmanzen. 331 

Chotu, welches zu hohen Summen gekauft und von den 
Fürsten und Reichen als unfehlbarer Talisman gegen Grift 
getragen wurde *), Schliesslich war ein sehr wichtiger 
Handelszweig; wie noch jetzt, der Sklavenhandel. Nur haben 
sich seit jenen Zeiten die Rollen geändert: jetzt verkauft 
man auf dem Bazar von Boch^rä persische Grefangene als 
Sklaven, damals aber waren es die Kriegsgefangenen, die 
man den zum Islam noch nicht bekehrten Bewohnern der 
Steppe oder der Nachbarländer, türkischer Nationalität, ab- , 
nahm ^). Die schönen türkischen Knaben und Mädchen 
wurden in Bochärä oder Samarkand, wo stets grosse Nach- 
frage nach diesem Artikel war, verkauft, denn Bagdad, die j 
Chalifenresidenz, allein bezog jährlich viele Tausende. Aus 
diesen, in den Steppen Hochasiens geraubten Türkenknaben 
stellten die Chalifen ihre Leibwachen zusammen, und aus 1 
ihrer Mitte gingen die allmächtigen Günstlinge hervor, die ^ 
das Reich beherrschten, Dynastien gründeten und zuletzt 
als übermüthige Prätorianer die Chalifen. nach ihrem Be- 
lieben absetzten oder auf den Thron erhoben. 

Gesammtsteuerertrag von ChordrSan und Transoxanien : 
Ibn Chaldun: Kodslma: Ibn Chordd^dbeh: 

28,000.000 Dir. 38,000.000 Dir. 10,729.200 Dir. 

Mit Einrechnnng der Nach Abzug von Ray 
Natarallieferangen. Gorgftn, Kumis, Ker- 

min und Segist&n. 

Nach Ibn Haukai war das gesammte Einkommen 
Chorasäns und Transoxaniens zu seiner Zeit 40 Millionen 
Dirham (Ibn Haukai ed. Goeje p. 341). — Die Ziffern der 
von den einzelnen Städten bezahlten Steuer, so wie sie von 
Ibn Haukai angegeben werden, weichen von jenen des Ibn 
Chord&dbeh ab. (Vgl. Ibn Haukai p. 342, 343.) 

<) Vgl. BorhAni KAtr sub voce Chotu, dann Ta'^laby: Lat&Yfed. de 
Jong p. 128. 

') Seitdem hat sich Russland das Verdienst erworben, die, wenn 
auch TorlKnfig wohl nor nominelle, Abschaffong der Sklaverei in jenen 
Gegenden herbeigeführt zu haben. 



332 VII. Die Finansen. 



8. öorgän (Hyrcania). 

Je mehr wir uns nach Westen wenden, desto kürzer 
können wir uns fassen, denn während die östlichen Länder 
des Reiches dem europäischen Leser nahezu eine terra 
incognita sind, befindet er sich in den Gegenden, die wir 
noch zu besprechen haben, schon weit mehr auf bekanntem 
Boden. Auch erschwert die Zersplitterung dieser Länder 
in kleinere Verwaltungsgebiete die allgemeine Uebersicht, 
die nur in einem Gesammtbilde von Erän gegeben werden 
könnte, wie es seitdem von Spiegel (Eranische Alterthums- 
künde) geliefert worden ist. 

So wenden wir uns nun denn zu der südlich von der 
Turkomanenwüste am Südrande des kaspischen Meeres 
gelegenen Landschaft Gorg&n. Die Provinz wird im Norden 
vom Atrekflusse begrenzt, südöstlich stösst sie an die Land- 
schaft Nyshäbui*, südwestlich und westlich an Kumis (Komi- 
sene), Taberistä.n und Mäsendereln. 

Die Hauptstadt Gorgän trieb einen starken Seiden- 
export, auch lieferte sie den Seidensamen für ganz Taberi- 
stän '). Asträbäd ist der Seehafen dieser Gegend, von wo 
aus ein lebhafter Ausfuhrhandel von Seide stattfindet. 

Steuer ertrag: Fadl Ibn Sahl, der Wezyr des Chali- 
fen Ma'mun, gab die Steuern von Gorg&n in Pacht für den 
Betrag von 50 Millionen Dirham. Das Steuereinkommen 
war : 

Ibn Chaldun: Kodd^ma: Ibn Chord&dbeh: 

12,000)000 Dir. 4,000.000 Dir. 10,170.800 Dir. 

Nach Ja'kuby: 10,000.000 Dir. Mokaddasy: 10,196.800 Dir. 

Ibn Haukal gibt den Steuerertrag nur mehr auf eine 
Million Dirham an. 



») Istachry p. 213. Vgl. Ritter Erdkunde VIIL 341—372. 



VIT. Die Fittanien. 333 

9. Eumis (Komisene). 

An Gorg^n schliesst sich die Provinz Kumis an, süd- 
lich vom Karungebirge, welches die Grenze gegen Taberistän 
bildet und nördlich von der grossen Salzwüste. Der Hauptort 
war Dämeghän, eine Stadt von mittlerer Grösse. Weitläufige 
Ruinen aus der Zeit der arabischen Herrschaft bezeugen die 
frühere Blüthe. Von anderen Städten dieser Landschaft sind 
noch Simnän und Bistäm zu nennen. Aus Dameghän wer- 
den schöne Kleiderstoffe exportirt. Der District von Kumis 
enthält eine grosse Anzahl von Dörfern und war gut cul- 
tivirt *). 

Steuerertrag: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

1,500.000 Dir. 1,050.000 Dir. 2,170.000 Dir. 

Ja*kuby^ p. 53,: Mokaddasy: 

1,500.000 Dir. 1,196.000 Dir. 

10. Taberistän 2). 

Diesen Namen führte die Provinz, welche sich am 
Südrande des Kaspischen Meeres hinzieht und in neuerer 
Zeit erst den Namen Mäzenderän erhalten hat. 

Die grösste Stadt und der Sitz des Gouvernements 
war Amol, früher Särija. Ebenso wie Amol für das Tief- 
land, so galt Rujän für das Hochland als Hauptort, und 
häufig wird letztere Stadt als Vorort eines selbstständigeo 
Bezirkes genannt. In den Steuerlisten Ibn Chaldun's wird 
Taberist^n sammt Rujän und Dembllwend (im Text steht 
fehlerhaft NehÄwend) angeführt. Nach Jäkut befahl erst der 
Chalife Harun Rashyd die Besteuerung (charag) fiir Rujän, 
welche 450.000 Dir. betrug. Derselbe Schriftsteller berichtet, 
dass der District an 5000 Mann Bewaffnete stellen konnte. 



1) Ritter: Erdkunde VlIL 118,341. Vgl. Spiegel: Eran. Alterthnms- 
kunde I. 62, 282. 

>) Ritter: Erdkunde VIII. 126, 640, 



334 VlI. Die Finanz«. 

TaberistÄn ist feucht, sumpfig; aber desshalb auch sehr 
fruchtbar. Seidenzucht wird stark betrieben und viel Seide 
exportirt, ebenso Seidenstoffe; Schafwollgewebe, Teppiche 
und Kleiderstoffe. 

Der Steuerertrag war: 

Ibn Chaldun: Eodäma: Ihn Chordädbeh: 

6,300.000 Dir. 1,163.070 Dir >) 

(Mit Inbegriff von Bajftn 
und Dembawend). 

Ja'kuby (p. 54): 

4,000.000 Dir. 

11. Ray und Dem&wend ^), 

Westlich von Kumis und südlich von Taberist&n folgt 
die reiche Landschaft Ray und Demäwend. Ray, in der 
Nähe des heutigen Teheran; an der Stelle der alten modi- 
schen Königsresidenz Rhagae gelegen; war unter den Äbba- 
siden nach Bagdad die grösste und blühendste Stadt Vorder- 
asiens. Bei der Eroberung durch die Araber zahlte es eine 
jährliche Steuer von 12 Millionen Dirham. Als der Chalife 
Ma'mun aber, aus Choräsän kommend; hier durchreiste, 
bewilligte er auf dringendes Bitten der Einwohner einen 
Steuernachlass von 2 Millionen; und stellte ihnen hierüber 
einen Freibrief aus ^). Erst durch die Mongolen unter 
G^häzän ward es im Jahre 1220 Chr. gänzlich zerstört. Zum 
Districte dieser Stadt rechnet man auch den Gebirgsbezirk 
Demäwend; welcher nach dem gleichnamigen Berge den 
Namen fuhrt: es gibt daselbst Minen von Antimonium; 
Bleiglätte (martak); Blei und Alaun (zÄg). Von Ray 



1) Ihn Chord&dbeh scheint diese Provinz vereinigt mit Ray auf- 
zuführen. 

2) Ritter: Erdkunde VUI. 650 ff. 695. 

3) Vgl. Istachrj und Ooeje: Fragm. Hist: Arab. 444, 461. Barbier 
de Meynard: Dict. Q^ogr. etc. p. 277. 



yil. Die FüiAnsen. 335 

exportirte man nach Bagdad und AderbaigsLn Baumwolle; 
buntblumige Kleiderstoffe^ Mäntel und Leibröcke ^). 

Nach Ifltachry bildete der Demäwend die Grenze. 

Der Steuerertrag war: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

12,000.000 Dir. 20,200.000 Dir. 10,000.000 Dir. 
(für Ray allein). (für Baj allein). 

Ja*kuby (p. 53): Mokaasy: 

10,000.000 Dir. 10,000.000 Dir. für Ray, 

(für Ray allein) 10,000.000 Dir. „ Dem&wend. 

Note. Die oben g^egebene Notiz üf>er den Stenernachlass durch 
Ma^mun iüt sehr wichtig: denn sie liefert einen weiteren Beweis, dass 
Ibn Chaldan*s Liste in die Zeit vor Ma^mun fSUt, indem daselbst die 
Steuer von Ray^noch mit 12 Millionen aufgeführt erscheint, während die 
späteren Listen, in Uebereinstimmung mit der vorgenommenen Reduc- 
tion, nur 10 Millionen ansetzen. 

12. Kazwyn. 

Die Landschaft von Kazwyn, die in den Steuerregi- 
stern selbstständig angeführt wird, umfasste die heutigen 
Districte Zengän und Kazwyn. Südlich grenzte sie an die 
Landschaft Hamadän, östlich an das Grebiet von Ray und 
im Norden bildete das Alborzgebirge die Scheidewand gegen 
Taberistän. Die wichtigeren Städte waren Kazwyn, Abhar, 
Zengän und Talakän^). 

Der Steuertrag war: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

1.628.000 Dir. 3) 

Ja'kuby (p. 47): 

1,500.000 Dir. (für Kazwyn und Zeng&n). 



1) Istachry 210; Ibn Haukai 270. Ritter: Erdkunde VIII. 595 ff. 
3) Istachry 211. Vgl. Ritter: Erdkunde VIII. 589. 



*) Ibn Chord&dbeh sagt p. 278, dass die Steuer von Kazwyn und 
Zengftn nicht auf fixer Basis beruhte, sondern nur annähernd von ihm 
angegeben worden sei. Diese Ziffer findet sich aber nicht vor. Harun 
Bashyd schaffte die Kopfsteuer ab, und setzte die von der Stadt Kazwyn, 
nicht dem Qebiete, zu bezahlende Jahresabgabe auf 10.000 Dir. an. Bar- 
bier de Meynard: Dict. g^og. p. 444. 



. I 



336 TU. Die Fiiutns«ii. 

13. Hamadän (Ekbatana). 

Diese Landschaft liegt im Süden des Districtes von 
Kazwyn. Hauptstadt ist Haniadän^ die alte Sommerresidenz 
der persischen; dann der parthischen Könige, eine grosse, 
damals auch reiche und wohlbevölkerte Stadt. Das Gebiet 
war in vier und zwanzig Cantone eingetheilt ; die von Nasa, 
Charud-Soflk und Charrakän wurden später zu Kazwyn ge- 
schlagen. 

An Steuern zahlte die Stadt im Jahre 284 H. 897 Chr. 
an den Staatsschatz 170.000 Dynars, woftir sie von allen 
anderen Zahlungen frei war ^) ; die Provinz zahlte nach : 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ja'tyiby (p. 48): 

11,800.000 Dir. 1,700.000 Dir. 6,000.000 Dir. 

Ibn Cordädbeh rechnet es zur Provinz Gabal, gibt 
aber die ZiflFer der Steuern nicht an 2). 

14. Kom (Komm) und Käshän. 

Die Lage dieses Districtes ist südlich von Hamadän. 
Die Stadt Kom gehörte ursprünglich zur Provinz Isfähan 
und ward unter Rashyd davon getrennt, ebenso wie der 
District von Karag. Es ist zwölf Parasangen von Käshän 
entfernt. Die Bevölkerung war vorwiegend arabisch. Käshän 
ist bekannt wegen der daselbst fabricirten glasirten Ziegel 
(fayence), mit welchen man in Persien nicht blos die 
öflFentlichen Gebäude, sondern auch die Privatbehausungen 
zu verzieren pflegte ^). 



1) l. 1. p. 605. Vgl. über Hamad&n Ritter; Erdkunde IX. 74. 

3) Ibn Chord&dbeh p. 254. Kodftma fasst unter dem Namen Pro- 
vinz Gabal folgende Landschaften zusammen: Dynawar, Nehftwend, Ha- 
madän, ^Tgh&rain, Kom, MAsabad&n, Mihragänkadak. 

3) In Ray waren fast alle Häuser mit solchen Ziegeln selbst von 
aussen bekleidet- Barbier de Meynard: Dict. g^ogr. p. 274. Vgl. über die 
beiden Stiidte Ritter: Erdkunde IX. 31, 34. Spiegel: Eranische Altertbnras- 
künde p. 102. 



VII. Die Finanien. 337 

Der Steuerertrag war wie folgt, nach: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn ChordUdbeh: 
») 3,000.000 8,800.000 (mit Dynawar.) ») 

Ja'kuby (p. 50). 

4,600.000 Dir. 

15. Isfähan. 

Die gleichnamige Hauptstadt dieser Landschaft ist auf 
der Stelle der alten Stadt Gaj erbaut, und ward auch oft 
zu Färsistd.n gerechnet, wesshalb Ibn Chaldun sie in seiner 
Liste nicht aufzählt. Der District war in sechzehn Cantone 
eingetheilt, und enthielt mehrere hundert Dörfer. 

Aus Isfahän, das der Sitz einer sehr regen Industrie 
war, wurden der schwere Atlas (*attäby) , dann Damast 
(washj) und alle Arten Seiden- und BaumwoUstofife nach 
Irak, Färsistan und Choräsän versendet. Feld- und Qarten- 
frtichte, sowie Saffran gingen vorzüglich nach Irak ^), 

Der Steuerertrag war wie folgt: 
Ibn Chaldun: Eodslma: Ibn Chordädbeh: Ja'kuby (p. 51): 

10,500.000 7,000.000 10,000.000 Dir. 

16. Dynawar und Nehäwend *). 

Diese beiden Landschaften, südwestlich von Hamadän 
gelegen, hatten den Namen von den gleichnamigen Hauptorten 

1) Da Ibn Chaldun^s Liste aaa der Zeit vor Harun Basbyd stammt, 
Kom aber erst unter diesem Chalifen zu einer selbststfindigen Provinz 
erhoben ward, so erkllirt sich deren Abwesenheit bei Ibn Chaldun. Frü- 
her gehörte es zur Provinz Isfahän (Ibn Chord&dbeh p. 254). Nun er- 
scheint aber auch Isfahän nicht in der Liste Ibn Chaldun^s, welches 
daselbst unter F&rsistftn inbegriffen sein muss. Kom zahlte unter Ma'^mun 
2 MiUionen, nach einem verunglückten Aufstande aber erhöhte er diesen 
Betrag auf 7 Millionen. Vgl. Ibn Atyr VI. p. 282. Goeje, Fragm. Hist. 
Arab. p. 461. Ibn Taghrybardy I. p. 604. 

^ Kom allein zahlte 2,000.000 Dir. 

3) Istachry 199. Ibn Haukai, 261. Vgl. Bitter: Erdkunde IX. 40. 

Spiegel: Erauische Alterthumskunde p. 100. 

*) Ritter: Erdkunde IX. 118, 444. Nehäwend IX. 95, 341. 
T. Krem er, Cnliiurgeechichte de« Orients. 22 



338 yn. Die FinADsen. 

und erschienen in den Steuerlisten unter der ofliciellen von 
den Persern überkommenen Benennung: Mäh-Kufa und 
Mäh-Basra. 

Der Steuertrag war: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

15,000.000 3,800.000 Dir. 

10,700.000 4,800. 000 (Ein zweite» Mal angeführt 

9,800.000 mit 1,000.000 Dir.) 

Note: Nach Ja'knby (p. 48) war die Steuer von Neh&wend, ohne 
die königlichen Dorfer, 2,000.000 Dir.*, der Steaerertrag von Dynawar, 
ohne die Krongüter, 5,700.000 Dir. Kod&ma bemerkt hiezu (p. 170): 
Der District von Holwftn war zuerst vereinigt mit der Provinz Irak, ward 
aber später zu Ghibal geschlagen, welche Provinz in folgende Landschaf- 
ten sich eintheilte : M&h-alknfa (Dynawar), M&h-albasra (Neh&wend), 
Aderbaig&n,' Hamad&n, ^YghArain, Kom, M&sabad&n, Mihragftnkadak. Die 
Grenzen von M&h-alkufa sind: westlich die Landschaft Holwan, südlich 
die Landschaft M&sabad&n, östlich das Gebiet von Hamad&n und nördlich 
AderbaigSn. Ja'kuby sagt (p. 46), dass Dynawar auch Mfih-alkufa hiess, 
weil das Einkommen davon zur Bestreitung des Soldes der Truppen von 
Kufa bestimmt war. Die Bevölkerung von Dynawar war gemischt aus 
Arabern und Persern. 

17. Mihragänkadak und Mäsabadän (Messabatene). 

Südwestlich vom Gebiete von Dynawar und Nehäwend 
liegt die Landschaft Mihragänkadak mit dem Hauptorte 
Saimara, welche beiden Namen sich auf unseren Karten noch 
jetzt finden. Der District liegt in den Gebirgen, rechts ab 
von der grossen Heerstrasse, die über Holwan nach Hama- 
dän fuhrt. Die Landschaft Mäsabadan ist nördlicher gele- 
gen und ist deren Hauptort die auf unseren Karten befind- 
liche Stadt Syrawän (auf Kiepert' s Karte: Sirirun). Endlich 
ist im Anschluss an diese beiden Landstriche noch der 
District von Holwan zu nennen, der früher zu L-äk gerech- 
net, später aber zur Provinz Gabal geschlagen ward, er ist 
in unseren drei Steuerlisten zu Irak gerechnet, und dort 
das Steuereinkommen eingetragen. 



YII. Die Füuuiien. 339 

Steuerzahlung von Mifaragänkadak und Mäsabadän: 
Ibn Ohaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

für Mihrag&nkadak . . . 2,200.000 

r, U&BahHdkn u. Rajfin 4,000.000 1,100.000 



3,600.000 Dir. ^) 



18. Shahrzur, Sameghän und Daräbäd^). 

Nördlich von den Landschaften Mihragänkadak und 
Masabadän, also links von der Strasse^ die über Holwän 
nach Hamadän fiihrt, liegen die Landschaften Shahrzur, 
Sameghän und Daräbäd, mitten in den kurdischen Gebirgen. 
Die Ruinen der erstgenannten Stadt sind auf unseren Karten 
verzeichnet, etliche Meilen südlich von Suleimania. Um 
Shahrzur war schon zu Istachry's Zeit die Bevölkerung vor- 
wiegend kurdisch und im Winter sah man oft 60.000 Zelte 
der verschiedenen kurdischen Stämme um die Stadt heinim. 

Ursprünglich gehörte die Landschaft zur Provinz Mosul, 
ward aber später getrennt und selbstständig administrirt ^). 

Der Steuerertrag war: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

2,760.000 2,760.000 Vir. 

19. Tghärain. 
Unter diesem Namen, der so viel bedeutet als die zwei 
Freigüter, werden zwei Landschaften aufgeführt, die zusam- 
men' gegen Bezahlung einer unveränderlichen Jahresrente 

1) Den Steaerertrag von Saimara gibt Ja^knbj (p. 46) auf 
2,600.000 Dir. an, and ist hiemnter die Stenersumme der ganzen Land- 
schaft Mihragänkadak zu verstehen. Die Bevölkerung war gemischt und 
bestand aus Arabern, Persem und Kurden. Vgl. über diese Landschaft 
Bitter: Erdkunde IX. 397. 407. 

3) VgL fiber diesen Ort Balädory ed. Goeje p. 333 ; dann MariUid. 

') Bei Ibn Chaldun erscheinen die Namen dieser drei Orte nicht, 
es ist aber das Ertrftgniss von Mosul um so viel höher angesetzt; es 
erhellt daraus, dass damals die Provinz von Mosul noch viel ausgedehnter 
war. Nach Kod&ma bestand die Landschaft Shahrzur aus den beiden 
Districten 8amegh&n und DarAbfid. 

22» 



340 VII. Die Finftiizen. 

einen von allen andern Regierung^aufiagen befreiten Be- 
zirk bildeten. Diese beiden Landschaften erhielten sich ihre 
Privilegien ziemlich lange. 

Die Hauptorte waren Karag und Borg. Ersteres ist 
seiner Lage nach bekannt, und befand sich auf halbem Wege 
zwischen Hamadan und Isiähan *). 

Der Steuerertrag war: 
Ihn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: 

800.000 (Ues 3,000.000) 3,100.000 Dir. ») 

20. Aderbaigän (Atropatene). 

Im Norden der eben vorher besprochenen Landschaf- 
ten Shahrzur, Hamadan und Kazwyn dehnt sich jene Pro- 
vinz aus, welche noch heute, wie im Alterthume, den Namen 



^) In den geographiachen Werken -wird oft Marg statt Borg ge- 
schrieben; allein dass die letztere Lesart die richtige sei, erhellt aus den 
von Dr. Stickel bekannt gemachten, ebenfalls auf die beiden Freigüter 
bezüglichen Bleisiegeln (Z. d. D. M. Gh. XX. 336), wo überall zweifellos 
Borg steht. Nur hat Dr. Stickel das Wort: g&lijah nicht verstanden, denn 
es bedeutet nichts anderes, als die von den Niclitmohammedanem zu be- 
zahlende Köpftaxe. Das Bleisiegel scheint also eine Controlsmarke gewe- 
sen zu sein, wie die Christen und Juden, wohl auch die Parsen sie am 
Halse zu tragen hatten, als Beweis der richtig bezahlten Kopfsteuer. Jedes 
Jahr MTurden die Marken umgewechselt. Vgl. oben S. 62. — Seitdem ich 
diese Note schrieb, hat Dr. Karabacek, dem ich diese Bemerkungen mit- 
theilte, ein ähnliches Bleisiegel in der Sammlung des Grafen Prokesch 
geprüft, und fand meine Vermuthung eine Bestätigung-, indem auf demsel- 
ben der Kopfsteuerbetrag der untersten Klanse mit 12 Dirham angegeben 
ist. Auch dieses Bleisiegel war also eine jener an die Andersgläubigen 
vertheilten Toleranzmarken. 

2) Er rechnet es zu Gabal. Istaohry sagt (p. 199): Karag ist eine 
Stadt mittlerer Grösse, und war der Stammsitz des Abu Dolaf und seiner 
Nachkommen, desshalb sieht man daselbst noch viele königliche Palfiste. 
Ja'kuby fpag. 49) gibt an, dass der Steuerbetrag von Karag (mok&ta'ah) 
3,400.000 Dir. betrug. Unter W&tik sank der Ertrag aber auf 1,300.000 
Dirham. Die Bevölkerung war vorwiegend persisch, mit einer kleinen Zahl 
arabischer Ansiedlor. 



VIT Di« Finanzen. 341 

Aderbaigän fuhrt. Sie scheidet sich in folgende Districte: 
Ardabyl, Marand^ G&brawän und Wartän. 

Als Hauptstadt nennt Kodäina Marägha nahe am Urumia- 
See. Istachiy aber bezeichnet als grösste Stadt Ardabyl. 
Hier war zu seiner Zeit das Standlager der Truppen und 
der Sitz der Regierung. Marägha nennt Istachry als die zweit- 
grösste Stadt und fugt hinzu, dass früher das Standlager der 
Truppen und der Sitz der Regierung sich daselbst befanden. 
Dann kommt Ormijja, jetzt Urumia, am gleichnamigen See 
gelegen. GabrawÄn, Marand und Wartan waren kleinere Städte, 
ebenso wie das damals noch sehr unbedeutende Tabiyz. 

Das Steuererträgniss war: 
Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh: ^) Ja*kuby (p. 48): 

4,000.000 4,500.000 4,000.000 Dir. 

Im Norden von Aderbaigän lagen die Kaukasusländer, 
welche die arabischen Geographen mit dem Namen Arrän 
(Alrän) bezeichnen. Die arabische Herrschaft ging aber nie 
über Tiflys und Barda'a hinaus. Es wird dieser Landstrich 
in den Steuerlisten gar nicht aufgeführt, was den Beweis 
liefert, dass von dort keine Gelder nach Bagdad abgeführt 
wurden. In den Zeiten der Omajjaden residirte der Statt- 
halter in Barda'a, woselbst auch das Schatzhaus der Pro- 
vinz war. (Vgl. Ibn Haukai ed Goeje p. 241. ^) 

21. Gylän. 

Oestlich von Aderbaigän liegt am Ufer des Kaspischen 
Meeres, dessen Südwestecke es bildet, die Landschaft Gylän, 
die aber nur auf der ältesten Steuerliste aufgezählt er- 
scheint, auf den späteren des Kodäma und Ibn Chordädbeh 
aber nicht, vermuthlich, weil sie zu jener Zeit bereits in 
den Besitz der Alyiden übergegangen war, und keine 
Steuern mehr abführte. 



') Er (^bt den Stenerertragf nicht an, und vereinigt es mit Armenien. 
2) Vgl. über diese Provinz, Ritteri.Brdknnde VHI. 124 ff. IX. 764 ff. 



342 VIT. Die FinaniAD. 

Das SteuererträgnißB war nach Ibn Chaldun: 5,000.000 
Dirham *). 

22. Armenien. 

Nachdem wir somit an der äussersten nördlichen 
Grenze des mohammedanischen Reichs angelangt sind, gehen 
wir zu dem w^estlich von Äderbaigän nach Kleinasien hin 
sich erstreckenden Armenien über. Nach Istachry war Dabyl 
die Hauptstadt und der Sitz der Regierimg : es war daselbst 
eine sehr zahlreiche christliche Bevölkerung, imd die Haupt- 
moschee stand neben der christlichen Pfarrkirche. Hier ver- 
fertigte man prachtvolle Schafwollstoflfe, Teppiche, Kissen- 
überzüge und Divanstoffe, Hosenbänder u. dgl. m. Man be- 
diente sich eines Färbemittels, das Kirmiz (Alkermes) genannt 
wird, um damit die Schafwolle zu färben. Auch ward da- 
selbst viel Bozjun, d. i. geblümter, buntfarbiger, schwerer 
Seidenstoflf angefertigt. Die Stadt war nach Istachry's Be- 
richt zu seiner Zeit im Besitze christlicher Fürsten, welche 
die Oberherrschaft der Chalifen anerkannten und Tribut 
zahlten. Zur Zeit Ibn Haukal's waren diese alten Landes- 
fiirsten aber schon gestürzt, und ihrer Herrschaft beraubt 
worden, indem der arabische Statthalter Jusof Ibn Aby Säg 
sich des Landes bemächtigt hatte 2). Die Grenzen Arme- 
niens waren: das Gebiet von Barda'a, dann Äderbaigän, 
Gazyra, und gegen das griechische Reich zu war Kalykalä 
die Grenzstadt. Armenien unterhielt seine Verbindungen mit 
Byzanz über Trapezunt, das damals noch im Besitze des 
griechischen Kaisers sich befand, und der Haupthafen, so- 
wie die bedeutendste Handelsstadt des Landes war, wo sich 
die Kaufleute sammelten, um sich in das byzantinische Reich 
zu begeben, und daselbst die vorzüglichen armenischen 
Exportartikel als: Damast (dybäg, bozjun) und Kleider- 
stoffe abzusetzen. 



1) Vgl. Ritter: Erdkunde VIIF. 606-^71. 

2) Vgl. Ibn Haukal p. 246. 



VII. Die FiaBnzen. . 343 

Kleinere Städte sind : Chalät, Manäzgird, Bidlys, Kaly- 
kal&, Arzan (Erzerum) und Majjäfärikyn. Der letztgenannte 
Distriet wird von Vielen zu Mesopotamien (öazyra) ge- 
rechnet *). 

Das Steuererträgniss war: 

Ibn Chaldun: Kodäma: Ibn Chordädbeh : 

13,000.000 Dirh. 4,000.000 Dirh. 4,000.000 Dirh. 

Note: Kod&ma führt ausserdem Arzan and Majjafirikyn mit 
4,100.000 Dirham an, ebenso die Landschaft Tamn in Armenien, welche 
eine jährliche Contribation (mokftta'ah) von 1,000.000 Dirham zahlte. Der 
Gesammtertrag von Armenien nach Kodäma war also, wie folgt: 
/ 4,000.000 

Arzan n. Majj&f&rikyn : 4,100.000 

Tanrn: 1,000.000 

9,100.000 

Zur Zeity/ als Ibn Haukai schrieb, war Armenien unter mehrere 
unabhängige Häuptlinge getheilt, die den Chalifen nur nominell als Ober- 
herm anerkannten, und kein Geld mehr nach Bagdad abführten. 

23. Gazyra (Mesopotamien). 

Von Armenien, dieser äussersten Nordwestprovinz des 
Chalifenreiches, wenden wir uns nun wieder südwärts an das 
nächst anschliessende Gebiet: Mesopotamien (Gazyra). Die 
Araber bezeichneten hiemit das ganze Land von der kurdi- 
sehen Bergkette, wo der Euphrat und Tigris aus derselben 
hervorbrechen, bis hinab gegen Anbär und Tikryt. Es ist 
also Gazyra das alte Mesopotamien und Assyrien. 

Es schied sich die Provinz ihrer administrativen Ein- 
theilung nach, sowie aus den Steuerlisten erhellt, in fol- 
gende Steuerbezirke: 

1. Mosul mit seinen Districten Gazyi*at Ibn 'Omar, 
Marg auf der westlichen, und Hadyta, Hazza u. s. w. auf 
der östlichen Seite des Tigris. 

2. Tikryt mit Sinn, Bawäzyg und Tabrah&n (TyrahÄn). 



1) Vgl. über Armenien Ritter: Erdkunde IX. 116, 285 ff. 
X. 669, 604. 



344 ' VII Die FiB»iiten. 

3. Dij&r-Raby'a mit den Hauptorten Nisybyn, Mari- 
dyn, Kafr-Tutä, Singär, Kas-al'ain und Chäbur. 

Vom Eintritte des Tigris in die Ebene beginnend sind 
folgende Städte zu nennen: Gazyrat Ibn Omar, ein kleiner 
Flecken, der Hauptort des gleichnamigen Gebietes. Die 
nächstbedeutende Stadt ist Mosul (Mausil), bekannt durch 
seine Industrie-Etablissements, aus welchen jene beliebten 
Stoffe hervorgingen, die. noch jetzt durch den Namen Mous- 
seline ihren Ursprung erkennen lassen. *) Es war später 
der Hauptort von ganz Mesopotamien, und hatte daselbst 
der Statthalter seinen Sitz. Kleinere Orte waren Hadyta 
auf der östlichen und Marg auf der westlichen Seite des 
Flusses. An das Gebiet von Mosul reiht sich flussabwärts 
jenes von Tikryt, dessen nördliche Grenze gegen den District 
von Mosul an der Einmündung des oberen Z&b in den Tigris 
anzusetzen sein dürfte, dort, wo jetzt die Ruinen von Sinn 
liegen, das mit Baw&zyg noch zu dem Bezirke von Tikryt 
gehörte. Diese Stadt liegt auf der Westseite des Tigris 
und war die Mehrzahl der Bewohner zu Istachry's Zeit 
Christen. Unterhalb Tikryt ist die Mündung des Dogail 
(kleinen Tigris), der aus dem Hauptstrome hier abzweigte 
und einen grossen Theil des Culturlandes von Bagdad be- 
wässerte. 

Die bedeutendste Stadt des Landes zwischen den beiden 
Flüssen, der grossen Ebene zwischen Tigris und Euphrat, 
welche die arabischen Geographen DijÄr Raby*a nannten, 
nach dem daselbst angesiedelten Araberstamm Raby'a, war 
Nisybyn, in der Mitte eines gut bebauten Landstriches; in 
der Umgegend befanden sich zahlreiche christliche Klöster 
und Einsiedeleien. '^) Weiters ist Sing&r zu nennen, so ziem- 



') Vgl. Ritter: Erdkunde XI. 171. 

^) Nach Ibn Haukal, p. 142, war das gesammte Einkommen der 
Stadt und Landschaft Nisybyn im Jahr 368 H. (969 Chr.) von den ver- 
schiedenen Steuern und Abgaben 5 Millionen Dirliam und 32.000 Dynar. 



yn. Die FiDanxeu. 345 

lieh in der Mitte des Raby'a-Gebietes gelegen, im Süden 
des hier Mesopotamien von Ost nach West durchsetzenden 
Höhenzuges, der auf unseren Karten den Namen Gebel 
Sing&r trägt. Es ist der nördlichste Punkt, wo in Meso- 
potamien die Palme gedeiht. Südlich von Sing&r hinab, 
•bis auf die Breite von Tikryt war alles unbebaut und 
von Nomaden bewohnt. Hingegfen war der Norden reich 
an anderen bedeutenden Städten. Nordwestlich von Singär 
lag Ras-aPain, jetzt nur mehr eine Ruinenstätte, damals 
aber ein wichtiger Ort, berühmt wegen seiner ausgedehnten 
Baumwollcultur, westlich von der eben genannten Stadt, 
in der Entfernung weniger Tagreisen, lag Harrän, der Sitz 
der Sabiergemeinden, die noch zu Istachry's Zeit daselbst 
ihren Tempel hatten; es war der Sitz einer bedeutenden 
Industrie. Eine Tagreise entfernt von Harrän war Sarug, 
eine wohlhabende Stadt, mit einem weiten dazu gehörigen 
District. Fast nördlich von Harrän liegt Rohä, jetzt Orfa 
genannt, das alte Edessa, welches in jener Zeit eine zahl- 
reiche christliche Bevölkerung hatte und mehrere hundert 
Klöster zählte. ^) 

Der Landstrich im Norden von Mesopotamien, im 
Süden eingesäumt von dem sichelförmig ihn einschliessen- 
den Gegirgszuge Karadja Dag und Tur Abdin, in dessen 
Mitte die Stadt Märdin (Märidyn) und an dessen nordwest- 
lichem Ende Diärbekir ^) liegt, wurde, wie es scheint, in 
jener Zeit nur zum Theile als zu Mesopotamien gehörig an- 
gesehen und dürfte seinem grösseren Theile nach zur Land- 
schaft Majjäfärikyn gerechnet worden seien, die als eine 
Dependenz von Armenien galt; der Hauptort war Majjäfä- 
rikyn (Mejafarkyn). 



') Vgl. Ritter: Erdkunde XL 816. 

*) Diese Stadt, welche in den alten Geographien den Namen Amid 
führt, war der Hanptort der Landschaft, die nach dem daselbst angesiedel- 
ten Stamme Bakr den Namen Dij&r-Bakr erhielt. 



346 VII. Die Finanzen. 

Die Westgrenze von Gazyra bildete der Euphrat von 
seinem Austritte aus den armenischen Gebirgen. Als Grenz- 
stadt gegen Syrien und Armenien galt Shimshät (Arsamo- 
sata); ein kleines befestigtes Städtchen in der Nähe von 
Chartbart, dem Charput unserer Karten. Schon im Alter- 
thum war Arsamosata eine starke Festung. Es lag in einem 
schönen Gefilde gerade mitten zwischen dem Euphrat \md 
den Quellen des Tigris, unfern der Pässe über den Taurus, 
welche Procop Kleisurä nennt. ^) Es folgen nun strom- 
abwärts Malatija, das alte Melita, ^) dann Somaisät (Samo- 
sata), die Hauptstadt der alten Landschaft Commagene, 
welche beide Orte aber schon zu Syrien gehörten, dann 
Byra, jetzt Biredjik, wichtig als Uebergangsstation der Ka- 
rawanen über den Euphrat, und Manbig, das alte Hierapolis, 
ferner BMis, das alte Barbalissus, dann Rakka (Callinicum), 
die ansehnlichste Stadt jener Gegend und der Hauptort des 
ganzen umliegenden Bezirkes, der mit dem Namen Dijär- 
Modar bezeichnet ward, d. i. Ansiedlungen der Modar- 
stämme, so benannt nach den arabischen Stämmen, die sich 
hier niedergelassen hatten und ostwärts vom Euphrat weit 
hinein das Binnenland besetzt hielten. Rakka bildete zu- 
sammen mit Räfika eine einzige Stadt auf der Ostseite des 
Flusses. Weiter abwärts lag an der Einmündung des Chäbur 
Karkysijä, das alte Circesium, jetzt nur ein Schutthaufen 
und nur wenige Meilen stromabwärts Rahba (Malik Ibn 
Tauk) auf dem Westufer des Euphrat, dann folgen *Ana, 
Hyt und endlich, nur wenige Meilen entfernt von Bagdad, 
Anbär, die ehemalige Residenz der Chalifen aus dem Hftuse 
Abbäs, deren Paläste zu Istachry's Zeit noch theilweise 
erhalten waren. 



*) Die arabischen Geographen, sowie anch die europäischen Forscher 
verwechselten häufig Shimshät (Arsamosata) und Somaisät (Samosata). Auch 
Ritter verfiel in diesen Irrthum. 

2) Die Landschaft hiess davon Melitene, aber später ging dieser Name 
auf die Stadt über. 



VII. Die Finansen. 347 

In Mesopotamien wohnten viele Beduinenstärame von 
Rabj'a und Modar, welche Pferde, Kameele und Schafe 
züchteten, allein die wenigsten von ihnen lebten als Noma- 
den in der Wüste, sondern sie hatten damals das Wander- 
leben aufgegeben und hielten sich fast alle in festen An- 
siedlungen auf. 

Der Steuerertrag von Gazyra war: 

Ibn Chaldun: Ibn Chordädbeh: 

VonMosul. . . . 24,000.000 Dir. Von Gazyra . . . . 4,000.000 Dir. 

Von Gazyra und dem Von Mosal .... 4,000.000 „ 

Euphratgebiet . .34,00.0000 „ Von DijÄr-Raby'a . . 7,700. 000 ^ 

68,000.000 Dir. 15,700.000 Dir. 

Kodäma : 

Von Tikryt, Sinn und Bawäzyg 1,700.000 Dir. 

Von Mosul, und zwar den auf der westlichen Uferseite 
des Tigris gelegenen Districten Hadyta, Hazza, Hilla, 
Hanndna u. s. w 6,300.000 „ 

Amid, welches Kodfima allein als besonderen Verwaltungs- 
bezirk auflFührt ' . 2,000.000 „ «) 

Norddistrict von Mosul mit den Hauptorten Gazyrat Ibn 

Omar und BAsuryn 3,200.000 „ 

Dijftr Raby'a: Nisybyn, Där&, MÄrdyn, Kafr Tutii, SingÄr 

Raa-al'ain, ChÄbur 4,635.000 „ 

Dijär Modar 6,000.000 „ ') 

Districte der Euphratstrasse 2,700.0^0_ „ _ 

26,535.0ÖÖ~bir. ^. 

m 

24. Syrien und Palästina. 

Im Osten begrenzt auf der Linie von Aila (*Akaba) 
bis zum Euphrat von der grossen syrisch-arabischen Wüste, 

*) Bei Koddma nur in der unverlässlichen Schlusstabelle angeführt. 

^ Nach IsfahAny war der Steuerertrag von Dij&r Modar 9,500.000 
Dynar (lies Dirham). 

') Ibn Hankai gibt das Gesammt-Einkommen von Gazyra auf 
16,290.000 Dirham an. Vgl. über Gazyra: Ritter, Erdkunde IX. 709; 
%. 1142; XI. 926. 



348 VII. Die Finansen 

dann vom £uphrat und westwärts bis zui* Bucht von Alexan- 
d rette (Iskenderuna) dui'ch das zu jener Zeit im Besitz der 
Byzantiner befindliche Kleinasien, im Süden von dem peträi- 
schen und dem eigentlichen Arabien^ im Westen aber vom 
Meere eingeschlossen, war Syrien nicht blos eine der reich- 
sten und schönsten, sondern durch seine geographische Lage 
auch in politischer Hinsicht eine der wichtigsten Provinzen. 
Istachry bezeichnet als den Grenzoii; gegen Aegypten Rafah, 
gegen das byzantinische Gebiet in Kleinasien galten folgende 
Orte als Grenzmarken: Malatija, Hadat, I^Iar^ash, H&runijja, 
Kanysa, 'Ainazarba (Aijazarba), Massysa, Adana, Tarsus. 

Als zu Syrien gehörig betrachtete man auch die syri- 
schen und mesopotamischen Militärgrenz-Districte (toghur). 
Zu den ersteren rechnete man alle Grenzgebiete, die west- 
lich vom Euphrat liegen, während die Districte von Mala- 
tija bis Mar'ash dcsshalb mesopotamische Militärgi-enze ge- 
nannt wurden, weil die Freiwilligen von Gazyra daselbst 
die Grenzwache hielten und von hier aus ihre Kriegpszüge 
gegen die Byzantiner unternahmen. 

Syriens politische Eintheilung war folgende: 1. Gond 
Filistyn, d. i. der Militärbezirk von Palästina; 2. Gond 
Ordonn, Militärbezirk des Jordangebietes; 3. Gond Hirns, 
Militärbezirk von Emessa; 4. Gond Dimishk, Militärbezirk 
von Damascus; 5. Gond Kinnasryn, Militärbezirk von Chal- 
cis; 6. die Militärgrenze ('awäsim) und die Grenzdistricte 
(toghur). 

1. Militärdistrict von Palästina. Derselbe erstreckt sich 
in der Länge von zwei Tagereisen von der ägyptischen 
Grenze bei Rafah bis nach Lagun (liCgio) auf der Ebene 
Esdrelon und in derselben Breite von Jäfä bis Ryhli (Je- 
richo). Hiezu gehörten auch Zoghar, d. i. der District des 
todten Meeres, dann Sharät, das steinige Hügelland, welches 
Syrien gegen Arabien zu einsäumt, den jetzigen Land- 
schaften Balka und *Ainmän (Ammonitis) entsprechend. Der 
Hauptort des Disti'ictos war Ramla, dann folgte als nächst- 



YII. Die FinanMn. 349 

grösste Stadt Jerusalem. Die Hauptstadt des Districtes 
Sharät war 'Adroh, der des Districtes Gibäl aber war 
Row&t. Gegen Arabien zu kann Ma'än als Grenzort des 
Sharat-Districtes angesehen werden; es war ein kleiner Ort, 
der zu Istachry's Zeit von Omajjaden und deren dienten 
bewohnt war. 

2. Militärdistrict des Jordan (Ordonn). Hauptstadt war 
Tabarijja (Tiberias). Das Ghur gehörte theils zu Ordonn, 
theils zu Filistyn; alles, was jenseits Baisän liegt, ward als 
zu Pilistyn gehörig, was diesseits sich befindet, als zu Or- 
donn gehörig betrachtet. Tyrus ward zu Ordonn gerechnet. 

3. Militärdistrict von Damascus. Zum District von 
Damascus gehörten Ba*lbakk (Heliopolis), Tripolis und Bai- 
rut (Berytos), ferners die I^ndschaften Haurän (Auranitis) 
und Batanijja (Batanaea). 

4. Militärdistrict von Hirns (Emessa). Die wichtigeren 
diesem Districte zugehörigen Orte waren: Antartus, Sala- 
mija (Salaminias), Shaizar und Hamät. 

5. Militärdistrict von Kinnasryn. Hauptort war zuerst 
Kinnasryn, dann Haleb. Andere namhaftere Orte waren 
daselbst Ma*arrat-alno*män und ChonA,sira. 

Die Militärgrenze ('awäsim). Es ist dies jener 
Landstrich an der griechischen Grenze, dessen Hauptort 
Antiochien war; ferner zählte man dazu folgende Städte: 
Bstlis (Barbalissus), eine kleine Hafenstadt am Euphrat, die 
erste syrische Stadt, die man' von Irak kommend betritt. 
Es war eine Zwischenstation ftir den Transithandel von 
Syrien und Irak. Dann ist Manbig zu nennen, in der Wüste 
gelegen, aber von einem wohl bebauten Gebiete umgeben; 
weiter stromaufwärts Somaisät (Samosata) am Euphrat, 
ebenso wie Gisr Manbig. Als Grenzfestungen gegen die 
Byzantiner sind anzuführen: Hisn Mansur, ein kleines 
Schloss, dann Malatija^ Hadat und Mar*ash, endlich die 
Festung Zibatra (Zapetron oder Sozopetron). Härunijja lag 
westlich vom Lokamgebirge, der östlichen Fortsetzung des 



350 YII. Die FitunieB. 

■ 

ÄmanuB, in einer Schlucht; es war eine Burg^ die Harun 
Rashyd erbaut hatte. Iskanderuna ist das jetzige Alexan- 
drette. Nicht ferne davon am selben Golf liegt das Städt- 
chen Bajj&s (Baiae). Als weitere, unbedeutendere Grenzorte 
sind zu nennen: Tjnat, ein Schloss am Meeresufer, Kanysa, 
eine Burg im Binnenlande an der Grenze, Motakkab, nicht 
weit von dem ebengenannten Orte, ein von Omar ü. er- 
bautes Schloss; dann *Ainazarba (Anazarba) mit Palm- 
bäumen, reichen Gärten und Aeckern. Massysa am Pyramus 
(Gaihän), das alte Mopsuestia, breitete sich auf beiden Ufern 
desselben aus. Westlich davon liegt Adana, nahe am 
Flusse Saihän (Sarus); dann folgt Tarsus, das damals die 
wichtigste Grenzstation war; es hatte doppelte Mauerwälle 
und eine starke Besatzung von Fusstruppen sowohl als 
Reiterei; die Umgebung war gut bebaut und die Stadt mit 
allen Lebensbedürfnissen reichlich versehen; ein Gebirgszug 
trennte sie von dem griechischen Gebiete. Es gab keine 
Stadt des ganzen Chalifenreiches, die nicht hier eine eigene 
Herberge für ihre Angehörigen hatte, wo dieselben Unter- 
kunft fanden, wenn sie nach Tarsus kamen, um als Frei- 
willige an dem Religionskriege sich zu betheiligen. Auch 
in Boghräs, dem alten Pagrae, befand sich eine Herberge 
mit freier Verpflegung, von Zobaida, der Gattin des Chalifen 
Harun Rashyd, gestiftet. 

Am Meeresufer liegt Auläs, das alte Eleusa, eine kleine 
Burg, wo einige Asceten ihre Wohnsitze hatten; es war der 
letzte von Moslimen bewohnte Ort. 

Der Steuerertrag von Syrien war: 





Ibn Chaldun: 


Kodäma : 


Ibi ChtrMM: 


Distr. 


. Kinnasryn 420.000 Dyu. 


Kinuasryn i _ 

« A Ä . > 360.000 Dyn. 
u. Aw&sim 1 "^ 


400.000 Dyn. 


n 


Damascus 420.000 „ 


Damascus 120.000 „ 


400.000 „ 


1» 


Ordonn . 96.000 „ 


Ordonn . . 109.000 „ 


350.000 „ 


1> 


FiliBtyn . 310.000 „ 


Filistyn . . 195.000 ^ 


600.000 „ 


tf 


Hirns ..... „ 


Hirns. . . 118.000 „ 


340.000 „ 




1,246.000 Dyn. 


902.000 Dyn. 


1,990.000 Dyn. 





Vir. 


Dio FioanKen. 






Ja*kuby: 




Isfithäny: *) 


District 


Hirns . . . . 


220.000 Dyii. 


180.000 Dyn. 


»» 


Damascus . . . 


300.000 „ 


140.000 „ 


>» 


Ordonn . . . . 


100.000 „ 


176.000 „ 


11 


Filiatyn . . . . 


.300.000 „ 


176.000 „ 






920.000 Dyn. 


670.000 Dyn. 




25. 


Arabien. 





351 



Die adininistrative Eintheilung Arabiens war^ ^äe folgt: 
1. Higiz, mit den beiden heiligen Städten Mekka und Me- 
dyna; 2. Jamäma, d. i. Centralarabien mit seinen Neben- 
ländern; 3. Nagd, das Hochland von Nordarabien, mit der 
dazu gehörigen Wüste, die zwischen Syrien und dem Euphrat- 
gebiet sich bis gegen Mesopotamien hinaufzieht; 4. Jemen, mit 
seinem Hoch- und Tiefland (Nagd und Tihama); 5. 'Oman, 
Mahra und Hadramaut; 6. Bahrain und das da^u gehörige 
Küstengebiet des persischen Golfs. 

Die vorzüglichsten Städte waren ausser Mekka und 
Medyna: Jamäma^ die Hauptstadt der gleichnamigen Pro- 
vinz, etwas kleiner als Medyna; Hagar, die Hauptstadt von 
Bahrain, San'ä, die Hauptstadt von Jemen, in welcher Pro- 
vinz die Städte Nagrän, Gorash und Sa*da lagen, die sich 
durch eine lebhafte Lederindustrie auszeichneten. In Higäz 
waren die Hauptorte nach Medyna: Wady-lkora und das 
fast ebenso bedeutende Taif. Die wichtigsten Hafenplätze 
waren Godda, zwei Tagreisen von Mekka, und Janbo*, der 
Seehafen von Medyna; Gar, das jetzt längst vergessen ist, 
lag in der Entfernung dreier Tage von Medyna, Madjan, 



1) Vgl. Ibn Chordadbeh: Joarnal Asiat. 1866, V. 461. - Nach einer 
Notis bei Ibn Chord&dbeh, p. 72 des Textes, betrag die Steuerabfuhr yon 
Ordonn wie von Filistyn weniger als die Hälfte der angegebenen Summe. 
Nach Ibn Haukal, p. 128, erhob sich die ganze Einnahme von Syrien in 
den Jahren 296 (908—9 Chr.) nnd 306 H. (918—19 Chr.), nach Abzug 
der Gkhalte der Beamten, auf 39 Millionen Dirham. 



352 Yn. Die FinftnMn. 

ebenfalls eine Handelsstadt, die nicht mehr existirt, fast 
in derselben Breite mit Tabuk, von dem sie sechs Tagreisen 
entfernt war. Der letztgenannte Ort galt als Grenzfeste 
gegen Norden, ebenso wie Ma*ä.n. Etwas südlicher gegen 
Osten zu lag Taimä. 

Auf dem südlichen Theil der Halbinsel wai* damals 
schon 'Adan (Aden) ein wichtiger Seehafen; es gab in der 
Nähe Perlmuschelbänke; an der Küste von Hadramaut lag 
die gleichnamige Hauptstadt dieser Provinz, gewöhnlich 
Zafar genannt, dann Shihr, die wichtigste Hafenstadt der 
Mahraküste. Die Hauptstadt von 'Oman war Soh4r, ein 
grosses Handelsemporium. 

Arabiens Steuerertrag war: 

Ibn Chaldun: ' Ibn Chordädbeh: 

Jemen 370.000 Dyn. Jemen . . . . ^ 600.000 Dyn. 

HijfÄz 800.000 „ HigÄzu.Nagd 

Bahrain u.Jamama . . . . i) 

670.000 Dyn. 600.000 Dyn. 

Kodama : 

Jemen mit Hadramant, Chanl4n und Shihr 600.000 Dyn. 

Hi^ftz mit Nagd nnd den beiden heiligen Städten . . . 100.000 „ 

Bahrain und Jam&ma (und zwar im Jahre 237 H.). . . 620.000 „ 

'Oman 300.000 „ 

1,020.000 Dyn. 

26. Aegypten. 

Die Grenzen sind hinreichend bekannt, nur muss be- 
merkt werden, dass zur Zeit der Abbasiden Nubien noch 



') Ihn Chordftdbeh g^ibt keine Zahlen für die anderen Proyinzen 
Arabiens, nur als Ertrag der Vermögenssteuer (sadakah) des Stammes 
Bakr Ibn Wfiil nennt er die Ziffer von 3000 Dirham. Ibn Chord. p. 498. 
— Ibn Chaldnn fahrt Bahrain, 'Omftn und die SüdkOste nicht an, weil 
sie zu seiner Zeit zur Statthalterschaft von Bassora gehörten, wie dies 
unter den Ommajjaden und ersten Abbasiden der Fall war. 



vir. Die Finanzen 353 

nicht von den Mohammedanern erobert war. Das ägyp- 
tische Gebiet endete daher bei Asuan. Die Residenz war 
in der Epoche der Abbasiden Fostat, das in der Ausdeh- 
nung ein Drittel des Flächenraumes von Bagdad ein- 
nahm. Die bedeutendste Hafenstadt war damals wie jetzt 
Alexandrien. In Oberägypten war Ashmunain der Sitz einer 
bedeutenden Industrie in Kleiderstoffen. Auch die Papyrus- 
fabrication war noch eine ergiebige Einkommensquelle^ in- 
dem damals diese Industrie ein Monopol Aegyptens war und 
das orientalische Papier aus Samarkand noch nicht den 
alten Papyrus aus dem Gebrauche verdrängt hatte (vgl. oben 
p. 322). Besondere Industriezweige waren auch die Weberei 
und Goldwirkerei in Tinnys, Alexandrien, Damiette und 
Shatä, wo man Brokate, goldgewirkte Stoffe (dabyky, kasab, 
washj) verfertigte, dann in Fajjum, wo man grobe Packlein- 
wand (chaish) erzeugte; in Sijut wurden schöne Teppiche 
gearbeitet, die den armenischen nicht nachstanden, in Ichmym 
flocht man Strohmatten und arbeitete in Leder; in Tahä 
wurden die schönen Töpferwaaren angefertigt, die jetzt in 
Kenne zu finden sind. Letzterer Industriezweig ist der ein- 
zige, der sich bis in die Gegenwart erhalten hat (Ja*kuby 
p. 119, 120, 126), 

Als die grösste Stadt Oberägyptens galt aber Asuän, 
das alte Syene. Als kleinere Städte sind zu nennen Ichmym 
und Esna. Gegen Syrien war Farama der Grenzort, es lag 
in der Entfernung von ungefähr zwei Parasangen von Tin- 
nys am Meere und wird als eine kleine, aber wohlhabende 
Stadt geschildert. In der Entfernung von ungefiihr 15 Tag- 
reisen von Asuan ist jenes goldhaltige Gebiet, wo im Sande 
und Steingerölle Gold gefunden wird : der Ort heisst 'AUäky. 
Der Hauptexportartikel Aegyptens in jener Zeit bestand in 
Cerealien, die nach Arabien, besonders nach Higäz, wo die 
einheimische Productiou nicht ausreichte, um die schnell 
angewachsene Bevölkerung zu ernähren, versendet wurden. 
Es kam hiedurch viel Geld in's Land. Aegypten war immer 

T. Krem er, Caltorgeschidile des OrienU. 23 



354 



Yfl. Die FinaoMii. 



der Kornspeicher für das Ausland. Die zahlreichen Funde 
von atheniensischen Tetrad rachmen, die noch jetzt dort sehr 
häufig sind; beweisen auch, wenn die alten Schriftsteller 
schwiegen, dass Griechenland sich von Aegypten aus ver- 
proviantirte. Rom trat später als Consument auf, und jede 
Verspätung in dem Eintreffen der ägyptischen Proviant- 
schiffe rief in Rom die Befürchtung einer Hungerstioth her- 
vor. Baumwolle ist erst in jüngster Zeit ein ebenso wichti- 
ger Ausfuhrartikel geworden. Im Alterthum ward die Baum- 
wollstaude noch nicht daselbst gepflanzt. Aber der Getreide- 
export allein genügte, um Aegypten zum reichsten Lande 
der Welt zu machen. Es ist desshalb auch die Ziffer des 
Steuerectrages eher zu nieder als zu hoch angesetzt. 

Der Steuerertrag war: 
Ibn Chaldun: Koddima: Ibn Chord&dbeh: 

2,920.000 Dyn. 2,600.000 Dyn. 2,180.000 Dyn.i) 



27. Barka, Ifrykijja und Maghrib. 

Das ganze westlich von Aegypten bis zum atlantischen 
Ocean sich erstreckende Gebiet theilten die Araber in drei 
grosse Ländermassen, die sie Barka, Ifrykijja und Maghrib 
nannten. Barka entspricht der alten Landschaft Pentapolis. 
Von Tripolis an beginnt schon die Landschaft lirykijja 
(Africa propria) und dehnte sich bis in die Mitte der heuti- 
gen Provinz Algier aus, alles westlich Gelegene gehörte zu 
Maghrib. 

Der Hauptort von Barka war die gleichnamige Stadt. 
Die eigentliche Capitale von Ifrykijja war aber Kairawän, wo 



*) Hiomit stimmt anch die Angabe überein, dass im Jahre 143 H. 
(760 — 1 Chr.) der Stenorertra^ Acgyptpns, der nach Bagdad abgeführt 
wurde, 2,884.500 Djn. betrug. Ooeje: Fragm. Hist Arab. I. p. 2.S0. Vgl. 
Ibn Haukai 88, 108. 



VII. Di« Finiinzeii. 355 

die Statthalter residirten; erst später ward Mahdijja von den 
Obaiditen gegründet und gewann Tunis an Bedeutung. Im 
Westen, dem eigentlichen Maghrib, waren die wichtigsten 
Orte: Tähart, das heutige Tuggurt, das von einigen noch zu 
Ifrykijja gerechnet ward, aber in den Dywanregistern als 
selbstständig aufgeführt wai'd, ^) dann Sigilmäsa, Talmasän 
(Tlemsen), endlich F&s (jetzt Fes). 

Die Hauptexportartikol bestanden in schwarzen und 
weissen Sklaven, letztere kamen alle aus Spanien, und wur- 
den mit 1000 Dynar per Stück bezahlt, dann exportirte 
man auch aus Maghrib Fili^zeuge, Satteldecken, Korallen, 
Ambra, Gold, Honig, Oel, Seide, schafwollene Kleider, 
Eisen, Kupfer, Quecksilber, Pelzwerk und Schiffe. ^) 

Der Steuerertrag war nach: 

Ibn Chaldun : Kodämah : Ibn ChordUdbeh : ^) 

Barka: 1,000.000 Dir. fehlt fehlt 

Ifrykijj a; 13,000.000 , 
14,000.000 Dir. 



1) Ibn Hankal ed. Goeje p. 68. 

>) Ibn Haukal p. 70. — Nach Weil: Gesch. d. Chal. II. p. 153, war die 
Statthalterschaft von I^kijja passiv, nnd kostete dem Staatsschatze jfthrlich 
100.000 Dyn. — Kod&ma nnd Ibn Chord&dboh führen das Einkommen von 
Africa nicht an, weil zn ihrer Zeit diese Provinz schon nnabhSng^g von Bag- 
dad war. Es herrschten damals die Aghlabiten fasst ganz sonverXn. Ihn 
Chaldan*s Listen fallen also auch nach diesem Merkzeichen in eine frühere 
Zeit. Unter dem ersten Abbasiden, Safflh, war Africa in vollem Aufstand und 
erst der zweite, Mansur, stellte die Autorität des Chalifates wieder her, und 
zwar im Jahre 166 H. (Vgl. Almunis fy achbftr Ifrykijja wa Tunis p. 46, 
dann Ibn 'Adftry I. p. 61 ff. 68.) Bevor Ifrykijja wieder soweit sich von den 
Unruhen erholte, dass es Steuern abführen konnte, vergangen einige Jahre. 
Mansur starb aber 168 H. Es fKllt also Ibn Chaldun*s Liste entweder in 
die Zeit des Chalifeu Mahdy, unter dem in Maghrib neuerdings das Anse- 
hen der Regierung hergestellt ward, oder in die Zeit seines Nachfolgers 
HÄdy (169—170 H.). 

') Spanien erscheint natürlich nicht in diesec Liste der Provinzen, 
da es zur Zeit der Abbasiden bereits unabhängig war. 

23* 



356 



Ytl. Die Pinanx«n. 



HL Die drei Steuerrollen. 

Nachdem wir durch die vorhergehende Darstellung 
der gesammten Provinzen des Reiches einen Ueberblick 
über dessen Ausdehnung, Hilfsquellen und Einkommen ge- 
wonnen haben, lassen wir hier die drei Steuerrollen folgen, 
welche die Jahreseinnahmen der Centralregierung von Bag- 
dad darstellen, so wie dieselben zur Zeit der höchsten Blüthe 
des Chalifates dem Schatze zuflössen. 

1. Ibn Chaldun's Steuerrolle 

(auB der Zeit v. Jahre 168-170 H.). 



Name der Provinz 


Steu 


erabf ahr 

in natara 


in Baarem 


Sawad 

dann in ver- 
schieden. Con- 
tributionen . . 


27,780.000 Dir. 
14,800.000 „ 


200 Oberkleider aus 
Nagr&n, 240 Pfund ar- 
menische Siegelerde 
(bolus). (Die bei Was- 
s4f erhaltene Steuer- 
liste gibt dieselbe 


Kaskar . . . 


11,600.000 „ 


Ziffer.) 


Tigrisdistrict 
Holwän . . . 


20,800.000 „ 
4,800.000 „ 




Districte zwi- 






schen Bassora 






und Kufa ^) . . 
ChuzistÄn . . 


10,700.000 „ 
25,000.000 „ ■^) 


30.000 Pfd. Zucker. 



1) Alle diese Districte rechnen Kod&ma und Ibn Chordadbeh eum 
Sawftd, dessen Gesammtertrag also bei Ibn Chaldan sich anf 90,480.000 
Dirham stellt. 

2) Im Texte steht 26.000. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass 
dies ein Schreibfehler ist, indem statt alf alf (Million) nur einmal alf 
(tausend) geschrieben wurde. Diese Emendation ist so sicher, da.48 ich 
sie in den Text aufnehme. 



VII. Die Finanzen. 



357 



Name der Provinz 


Steuerabfuhr 


in Haarem 


in natura 


Färsistan . . 


27,000.000 Dir. i 


30.000 Flasch. Rosen- 
wasser, 20.000 Pfund 


Kermän . . . 


4,200.000 r 


Rosinen (nach Was- 
säf 1000). 

500 Stück jemenische 
Stoffe, 20.000 Pfund 
Datteln, 1000 Pfund 


Mokrän . . . 


400.000 ,, 


Kümmel (nach Was- 
säf 100 Pfund.) 


Sind und die Ne- 
benländer . . 

Segistän . . . 


11,500.000 „ 
4,000.000 „ 


150 Pfund Aloeholz 
(auch bei Wassäf). 

30 Stück gestreifte 
Seidenstoffe, 2000 Pfd. 


Chorasän. . . 


28,000.000 „ 


raffinirten Zucker. 
1000 Stück SUber- 
barren, *) 4000 Last- 
thiere, 27.000 Stück 
Unterkleider, 3000 


Gorgän . . . 


12,000.000 „ 


Pfund Myrobolan. 
1000 Stück Seiden- 
Stoffe. 


Kumis . . . 
Taberistän , Ru- 


1,500.000 ,, 


1000 Silberbarren. 


jan und Denbä- 




• 


wend 2) . . , 


6,300.000 ,. 

* 


eOOtaberist. Tepp., 200 
1 Kleider, 500 Unterkl., 
; 300 Handtücher, 300 
, Silbertassen. 



») Variante : 2000 Silberbarren. 2) Im Text steht fehlerhaft : NehÄwend 



358 



VII. Die Fiuanzen 





S teuerabf uh r 


Name der Provinz 




1 




in Baarom 


in natura 

1 

1 


Ray .... 


12,000.000 Dir. 


' 20.000 Pfd. Honig. ') 


Hauiadän . . 


11,800.000 „ 


; 1000 Pfd. Granat-Con- 
fitüren, 1200 Pfund 
Honig. 


Mäsabadän und 






Rajän . . . 


4,000.000 „ 


1 


Aderbaigän . . 


4.000.000 „ 


1 


Shahrzur. . . 


6,000.000 „ 




Mosul und De- 




! \ 


pendenzen . . 


24,000.000 „ 


20.000 Pfund weissen 


Mesopotamien 




, Honig, 


und die dazu 




1 


gehörigen Ku- 






phrat-Dist riete 


34,000.000 „ 




Karag. . . . 


300.000 „ 




Gylän. ... 


5,000.000 „ 


1000 Sklaven, 12.000 
Schlauch Honig, 10 
Falken, 2) 20 Kleider. 


Armenien . . 


13,000.000 „ 


20 Teppiche, 580 Pfd. 
Rakm (?), 10.000 Pfd. 
Mäih - Sormahy (?), 
10.000 marin. Fische, 
200 Maulesel, 30 Fal- 
ken. ») 



») Nach Wassaf auch 100.000 Stück Granatäpfel. 

2) Ebenso bei WassÄf. 

3) Ebenso bei Wassäf, aber nur bezüglich der Falken, statt MäYh 
schreibt Wassäf: m&Uh, d. i. eingesalzene Fische und Rogen (tirrych) 
20 Pfund, Teppiche 20. 



VIL Die Finanzea. 



359 





Steuerabfuhr 


Name der Provios 








in Baarem 


in natura 


Syrien : 






a) Kinnasryn . 


420.000 Dynar 


1000 Lasten Rosinen *) 


b) DamascuB . 


420.000 „ 




c) Ordonn . . 


96.000 ^ 2) 


d)Filistyn . . 


310.000 „ 


300.000 Pfund Oel. 




1,246.000 Dynar 




= 18,690.000 Dir. 




Aegypten . . 


2,920.000 Dynar 






=43,800.000 Dir. 




Barka . . . 


1,000.000 Dir. 3) 




Ifrykijja . . . 


13,000.000 Dir. 


120 Teppiche. 


Jemen . . . 


370.000 Dynar 






= 5,550.000 Dir. 




Higaz. . . . 


300.000 Dynar 
= 4,500.000 Dir. 





Es betrug somit das Gesammteinkommen 41 1,020.000 Dirham. 



ij Nach Wa88&f lieferte ganz Syrien 300.000 Pfund Rosinen. 

2) Die Steuer von Ordonn war unter dem Chalifen Abdalmalik 
180.000 Dynar. Vgl. Mäwardy 349. 

') Die Steuer von Barka ward durch Harun Rashyd regulirt. Er 
sandte einen seiner Clienten hin. Die Grundsteuer trug fi4.000 Dynar, 
die Sadakah- und Kopfsteuer und die Zehenten trugen 15.000 Dynar. 
Vgl. Ja*kuby p. 134. 



360 



VII. Di« FiakOMB. 



2. Kodäma's Steuerrolle 

(nach amtlichen Quellen vom Jahre 204—237 H.^ 



Name der Provinz 



Korr Weizen 



I 
Korr Gerate In baarem Oeldo 



Saw4d, ') Districte 
auf der Ostseite des 
Tigris ; Anbär u. dei 
Kanal Nähr 'Ysk 

IVIaskan .... 

Katrabbol . . . 

Badurajä . . . 

Kanal Nähr Shyr 2) 

Rumak&n . . . 

Kutk 

Kanal Darkyt . . 

Kanal Gaubar 

Belrusainä und Nahr- 
M&lik .... 

Die drei Zäb-Disti 

Babel u. (Chatarijja) 

Ober-Falluga ») . 

Unter-Falluga . . 

Nahrain 

'Ain Tamr . . . 

Ganna ^) . . . 



-11.800 
3.000 
2.000 
3.500 
1.700 
3.300 
3.000 
2.000 
1.500 

3.500 

1.400 

3.000 

500 

2.000 

300 

300 

1.500 



6.400 
1.000 
1.000 
1.000 
1.700 
3.300 
2.000 
2.000 
6.000 

4.000 

7.200 

5.000 

500 

3.000 

400 

400 

1.600 



400.000 
150.000 
300.000 
1,000.000 
150.000 
250.000 
350.000 
200.000 
150.000 

122.000 

250.000 

350.000 

70.000 

280.000 

45.000 

45.000 

150.000 



■') Nach der bei Wassäf erhaltene» Steuerrolle, die aus der Zeit de« 
Chalifen Moktadir stammt, betrug dai Einkommen von Sawäd 1,647.734 
Dynar, also 23,216.010 Dirham. 

') Richtig: Baboraayr. 

') Vgl. Mo'gam des JAkut sub voce. 

*) f o ist zu lesen statt Oand. 



VII. Die Finanzea. 



361 



1 



Name der Provinz 

Sura ') u. Barbismä 
(Barnymä) . . . 

Ober- und Unter- 
Bors 2) 

Forat Bädaklk . . 

Sailahyn ^) ... 

Dabardaniäßän und 
Harud 

Jasyr 

'Yghär Jaktyn . . 

Die Disti'icte v. Kas- 
kar^) 

üistricte auf der öst- 
lichen Seite des Tig- 
ris stromabwärts 

Bozork Säbur •*•) . . 

Kadänain^). . . . 

Nähr Buk . . . . 

Kalwädk ") und Nähr 
Byn 

Gäzir und Madynat 
al *atyka .... 

Rostakabäd 



Korr Weizen 



Korr Gerste 



In baarero Gelde 



1.500 

500 
2.000 
1.000 

500 
2.200 
2.500 

30.000 



2.500 

4.800 

200 

1.600 

1.000 
1.000 



4.500 

5.500 
2.500 
1.500 

500 
2.000 
2.000 

20.000 



2.200 
4.800 
1.000 

1.500 

1.500 
1.400 



250.000 

150.000 
62.000 
44.000 

20.000 
300.000 
204.800 

270.000 



300.a)0 
300.000 
100.000 

330.000 

240.000 
246.000 



>) Nahe bei Bagdad. Ritter: Erdkunde X, 267. Barbismä: Mo'gnm 
snb Toce. 

^ Mo<gam sub voce. Ritter: Erdkunde X. 36. XI, 875. 

') Mo'gam. 

*i Diese Districto zahlten iu alten Zeiten 90.000 Dirham. 

>) Mo'gam. 

•) L 1. 

^) Ritter: Erdkunde X, -201. 



362 



TU. Uie t'iwuiuiL 



Name der Provinz 


Korr Weizen 


Korr Gerste 


Intiaaremaelde 


Galulä und Halula 

• 

Zabanain .... 

Daskara 

Bandanygain i) . . 
Baräz alrud ^) . . . 
Ober-Nahraw&n . . 
Mittel-Nahi*awän . \ 
Bädaiäjä») u. Bäk- 

s&jä 

Der Tigrisdistrict . 
Kaual Sila .... 
Unter-Nahrawän . . 


1.000 
1.900 
1.800 
600 
3.000 
1.700 
1.000 

4.700 

900 

1.000 

1.700 


1.000 
1.300 
1.400 

500 
5.100 
1.800 

500 

5.000 
4.000 
3.120 
1.300 


100.000 

40.000 

60.000 

35.000 

120.000 

350.000 

100.000 

330.000 

430.000 

59.000 

53.000 


114.900 


122.420 


8,368.800 



Kodäma gibt aber die Totalsummen yerschieden und 
zwar wie folgt: 



Korr Weizen: 
117.200 



Korr Gerste: 
99.721 



Steaersahlungen in baarem Gelde: 
8,095.800 Dirham. 



Diese Ziffern verdienen mehr Vertrauen als die aus 
der Addirung der Einzelposten sich ergebenden Totalsum- 
men, indem es viel wahrscheinlicher ist, dass sich dort 
durch Schuld der Copisten Fehler eingeschlichen haben. 
Kodäma macht ausserdem die Bemerkung, dass ein Korr 
Gerste und ein Korr Weizen zusammen den Durchschnitts- 
werth von 60 Dynar haben, den Dynar zu 15 Dirham ge- 
rechnet. Den auf diese Art ermittelten Gesammtwerth der 



1) Mo*gam. 

2) 1. 1. 

3) Bädar&ja bei MadAin. Vgl. Ritter: Erdkunde X,';i67. 



YIX. Die Finanzen. 303 

Naturallieferungen beziffert Kodama auf 100,361.850 Dirham. 
Der ganze Steuerertrag von Saw4d stellt sich also wie folgt: 

Gesammtwerth der Naturallieferungen . . 100,361.860 Dirham 

Steuerzahlungen in baarem Qelde .... 8,095,800 „ 
Ertrag der Sadakahsteuer von BasBora . . 1,000.000 „ 

Summe : 109,467.660 Dir. ») 

Chuzistän. 
Diese Provinz zahlt die Steuer in Dirham, und beträgt 
deren mittlere Ziflfer: 18,000.000 Dir. 

Färsistän. 
Steuerzahlung: 24,000.000 Dir. 

Kermän. 
Steuerzahlung: 6,000.000 Dir. 

Mokran. 
Diese Provinz wird schon zum Gebiet von Sind ge- 
rechnet und zahlte jährlich eine fixe Jahresrente (mokäta*ah) 
von 1,000.000 Dir. 

1) Bei Kod&ma ergeben sich aus der Addition der Einzelposten für 
die Naturallieferungen 114.900 Korr Gerste und 122.420 Korr Weizen also 
zusammen 237.320 Korr. Den Oeldwerth hieftir beziffert er auf 100.361.860 
Dirbam. Der Durchschnittspreis für je einen Korr Gerste oder Weizen 
wäre somit (100,361.860 : 237.320) = 420. Dies stimmt aber nicht zur 
Angabe, dass je zwei Korr Gerste und Weizen den Werth von 60 Dynar, 
d. i. 900 Dirham haben. Sollte dies zutreffen, so mnsste die Ziffer der 
Naturallieferungen 237.320 Korr und deren Geldwerth 106.794.000 sein. 
Nun ergibt sich aber in der That aus der Addition der Einzelposten für 
Weisen die Zahl von 114.900 Korr, für Gerste 122.420 Korr, zusammen 
237.320 Korr, deren Geldwerth 106.794 000 Dirham betragen muss, denn: 
106,794.000 : 237.320 = 460. Es scheint also, dass KodÄma den Geldwerth 
um 6*/} Million ungeflüir zu nieder angab, und wirklich gibt er bei der 
Recapitulation des gesammten Steuerertragpes des Sawäd hiefür die Ziffer 
114,467.660 Dirham; allein trotzdem halten wir, um nicht der Uebertrei- 
bung beschuldigt zu werden, an der niedrigeren Ziffer fest. Der Ertrag der 
Sadakahsteuer floss übrigens nicht in die Regierungskasse, sondern wurde 
sogleich für Unterstützungen an die Bezugsberechtigten vertheilt. 



364 VII. Die FinanMn. 

IsfähÄn. 

Bildete einen selbstständigen Steuerbezirk, und zahlte 
jährlich 10,500.000 Dir. 

S e g i 8 1 ä n. 
Nach' der Capitulationsurkunde zahlte diese Stadt (oder 
richtiger die Hauptstadt Zarang) jährlich die Summe von 
1,000.000 Dirham. Der gesammte Steuerertrag der Provinz, 
der zur Bestreitung der Administration und des Soldes der 
Besatzung verwendet wurde, belief sich nach Ja'kuby (p. 64) 
auf 10 Millionen Dirham. 

Choräsän. 
Die Steuern, welche Choräsän im Jahre 221 H. 
(836 Chr.) in Folge des mit Abdallah Ibn Tähir getroffenen 
Uebereinkommens zu zahlen hatte, mit Inbegriff der für 
den Verkauf von Gefangenen und der Kriegsbeute zu ent- 
richtenden Steuern, ferners der Natui*allieferungen in Zelt- 
tuch (Karäbis), also das ganze Einkommen, das aus dieser 
Provinz an den Schatz abgeführt wurde, betrug: 

38,000.000 Dir. i) 

Provinz Gabal. 

Der District von Holwän gehörte anfangs zu Irak, 
ward aber später zur Provinz Gabal geschlagen, welche 
folgende Landschaften umfasst: Mah-alkufa (d. i. Dynawar), 



I) Kodäma rechnet zu Choräsän auch ganz Transoxanien. Nach 
Ja'kuby war der Steuerbetrag von Choräsän 40 Millionen Dirham, allein 
er bemerkt hiezu (p. 92), dass von Ir&k jährlich J3 Millionen nach Cho- 
räsän gesendet wurden, eine Notiz, die nicht ganz klar scheint, denn es 
ist zweifellos, dass unter den ersten Tähiriden diese jährlich die dem obi- 
gen Uebereinkommen entsprechende Summe an den Schatz von Bagdad 
ablieferten. Trotzdem scheint es, dass von Bagdad wieder in einzelnen 
Fällen für gewisse Zwecke Gelder in die Provinz gesendet wurden. So 
sandte MoHasim jährlich dem Abdallah Ibn Tähir eine Summe zur Bezah- 
lung der Truppen. Goeje: Fragm. Hist. Arab. p. 517. 



ViL Die Finaoxen. 365 

Mäh-albasra (d. i. Nehäwend), Hamadan, 'Yghärain, Kom, 
Masabadan, Mihragänkadak. 

a) Mäh-alkufa besteht aus zwei Landschaften: 1. Dy- 
nawar mit den oberen Districten, 2. Karniasyn mit den un- 
teren Districten. 

Es grenzt die^ Landschaft Mäh-alkufa in. Westen an 
HoIwäU; im Süden an Masabadän, im Osten an Hamadän, 
im Norden an Aderbaigän. 

Der Steuerertrag erreichte im Durchschnitte die 
Summe von 

5,000.000 Dirham. 

b) Mah-albasra (NehÄwend und Borugird). Der Steuer- 
ertrag dieser Provinz erreicht im Dui'clischnitte die 
Summe von: 

4,800.000 Dirham. 

c) Hamadän, Steuerertrag: 

1,700.000 Dirham. 

d) Mäsabadan (mit dem Hauptorte Syrawän), mittlerer 

Steuerertrag: 

1,100.000 Dirham. 

e) Mihragänkadak (Hauptort Saimara), mittlerer Steuer- 
ertrag: 

2,200.000 Dirham. 

f) 'Yghärain, Freigründe, die in verschiedenen Di- 
stricten liegen; die Hauptorte sind: Karag und Borg. Mitt- 
lerer Steuerertrag: 

3,100.000 Dirham. 



H66 Yll. Die Finansen. 

g) Kom und Kashän; mittlerer Steuerertrag: 

3,000.000 Dirham. 

GesammtBteuerabfuhr der Provinz Gabal: 

20.900.000 Dir. 

Aderbaigan. 

Mittlerer Steuerertrag: 

4,500.000 Dirham. 

Kay. 

Unter Hinzurechnung der Landschaft Denbäwend ist 
der Steuerertrag: 

20,200.000 Dirham. 

Kazwyn. 

zahlt nach dem Steuersatze vom Jahre 237 H. (851 — 52 Chr.) 
die Summe von: 

1,628.000 Dirham. 

K u m i s. 
Steuerertrag: 1,150.000 Dirham. 

G o r g ä n. 
Steuerertrag: 4,000.000 Dirham. 

Taberi stän. 
zahlt nach der Steuerrolle vom Jahre 234 H. (848 — 49 Chr.) : 

1,163.070 Dirham. «) 

') NAchdem Rod&ma hiemit die Anfsftlilnng der ÖRtlichcn Provinzen 
beendet hat, kehrt er wieder nach Westen znriick, und beginnt mit Meso- 
potamien 



YII. Die FinanzoiL 367 

Tikryt. 
Mit EiDrechDung* der Districte Sinn, Bawäzyg und Ta- 
brahän, mittlerer Steuerertrag: 

1,700.000 Dirham. 

Shahrzur. 

Gehörte früher zur Provinz Mosul, ward aber später 
davon abgetrennt; es zerfallt diese Landschaft in die zwei 
Districte: S&meghän und Daräb&d. Fixer Steuerertrag (wa- 
zyfah) ist: 

2,750.000 Dirham. 

M O 8 u 1. 

Hiezu gehören die auf der Westseite des Tigris gele- 
genen Landschaften: Q-azyra, Ninawk (Ninive), Marg u. s. w., 
dann auf der östlichen Seite des Stromes: Hadyta, Hazza, 
Mahalla u. s. w. Der Steuerertrag war: 

6,300.000 Dirham. 

Provinz öazyrat Ibn-Omar und B&siiryn. 

Der Steuerertrag ist im Durchschnitte: 

3,200.000 Dirham. i) 

Dijär Raby'a. 
Steuerertrag mit Inbegriff der Ihtis&bd,t: 

4,635.000 Dirham. 



*) Der Name der Provinz bei KodAma ist Farydy und Barydj, was 
offenbar fehlerhaft ist. lieber die Lage derselben kann aber kein Zweifel 
sein, da die beiden Hanptorte: Gazyrat Ibn Omar und Bftsnryn bekannt 
sind. Naeh Barbier de Meynard (Uebersetsnng des Ibn Ghordfidbeh 
p. 465) wiüre zu lesen: Kirdk and Bazibdä, oder noch besser: Bakird^ 
und R&zabdk, Mas'ndy I. 227 und Mar&sid. Bazabdü ist das alte Castruni 
Zabdaenm, später Zebedaenm. Ritter: Erdkunde X. p. 253 und über 
Bakerdll, Ritter: IX, 712. 



368 VII. Die Finanzen. 

Arzan und Majjäfarikyo. 
Mittlerer Steuerertrag : 

4,100.000 Dirham. 

Tarun. 
Gehört noch zu Armenien, der Häuptling dieses (le- 
bietos zahlt jährlich die fixe Summe (mokjita*ah) von: 

1,000.000 Dirham. 

Armenien. 
Mittlerer Steuerertrag : 

4,000.000 Dirham. 

D i j ä r M o d a r. 
Durchschnittlicher Steuerertrag : 

0,000.000 Dirham. 

Districte der Euphratstrasse. 

Ilyt, 'Ana, Riihba, Karkysijä u. s. w. Steuerertrag: 

2,700.000 Dirham. 

Syrien. 

a) Kinnasryn und ^Awasim. Steuerertrag in Dynaren: 

8G0.000, also: 

&,400.00() Dirham. 

b) Hirns. Steuerertrag in Dynaren: 118,000, also: 

1,770.000 Dirham. 

c) Damascus. Steuerertrag in Dynaren : 120.000, also 

1,H00.000 Dirham, 

d) Ordonn. Steuerertrag in Dynaren: 109.000, alsoi 

1,635.000 Dirham. 

e) Filistyn. Steuerertrag in Dynaren: 195.000, also: 

2,925.000 Dirham. 



YII. Die Finanzen. 869 

Aeg^yp ten. 
Steuerertrag in Dynaren: 2,500.000, also: 

37,500.000 Dirham. ') 

Arabien. 

a) Higaz und das Gebiet der heiligen Städte 100.000 

Dynar, d. i. 

1,500.000 Dirham. 

b) Jemen, Steuerertrag: 600.000 Dynai-, also: 

9,000.000 Dirham. 

c) Bahrain, mit Jamäma; nach der Steuerrolle des 
Ibn Modabbir für das Jahr 237 H. (851-52 Chr.) erreich- 
ten die Steuerabfuhren die Ziflfer von 520.000 Dynar, d. i. 

7,800.000 Dirham. 

d) 'Omäli bezahlte eine feste Jahressumme (mokUta'ah) 
von 300.000 Dynar, d. i. 

4,500.000 Dirham. 

Der Gesammtertrag von Arabien ist somit: 

22,800.000 Dirham. 

Es erreichte also nach Kodäma's Steuerrolle die jährliche 
Gesammteinnahme des Schatzes von Bagdad die Ziffer von : 

371,713.720 Dirham. ») 

1) Das Einkommen Aegyptens unter Mo*äwija und zwar von der 
Kopfsteuer soll 6 Millionen Dynar gewesen sein, unter Rashyd betrug es 
noch 4 Millionen Öynar, später 3 Millionen Dynar. (Ja'kuby p. 128.) 
Unter Ahmad Ibn Tulun erreichte der Steuerertrag wieder die Ziflfer 
von 4,300.000 Dynar. (Vgl. Ibn Taghrybardy IL p. 11.) Nach Abzug aller 
Auslagen verblieb noch ein reiner Ueberschuss von 1 Million Dynar. Ibn 
Taghrybardy II. p. 22. 

^) Wir haben bei dieser Berechnung den Steuerertrag der Provinz 

Saw&d zu 109,457.650 Dirham (mit Einrechnung einer Million für die Sa- 

dakah von Bassora) angenommen. Da Kodäma an einer andern Stelle das 

Gesammteinkommen von dieser Provinz auf 114,467.650 Dirham angibt, 

so würde sich hienach obige Ziffer um den Mehrbetrag von 5 Millionen, 

also auf 376,713.720 erhöhen. Die Sadakahsteuer von Bassora ist aber 

jedenfalls abzurechnen, da sie nicht in die Centralcasse floss, sondern in 

loco vertheilt wurde. 

T. Kremer, CaUarge»clüchte de« Orient«. 24 



370 



YII. Die Fiiutnzen. 



3. Ibn ChordÄdbeh's Steuer rolle 
a) Steuerrolle der Provinz SawAd, nach amtlichen Quellen von 231 — 260 H. 



Geogr. 
Lage 



Name des Di- 
8tricte8 



Zahl 


Zahl 1 




der 


^®'' Scheu 


Dörfer 


nen 



Korr 
Weizen 



Korr 
Gerste 



Zahlung in 
haar. Geld 



CO 

u 

.SP 

H 

a 

a. 



£ 

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t: 

« 

0) 



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H 

u 
ja 

CO 



Anbär . . 
Katrabbol . 
Maskan . . 
Badurijä . . 
Bahorasyr . 
Kumakän 
Kuta . . . 
Kanal Darky t 
Kanal Gaubar 
Zaw&by . 
Babel u-Cha- 

tarnijja . . 
Ober-Falluga 
Unt.-Falluga 
Die 2 Kivnäle 

'Ain altamr 
Granna u. Ba- 

dät . 
Surä, u. Bar- 

bisijja . . 
Bärusama u. 

Nahralmalik 
Sinnyn^)u. d. 
Wakfgründe 



10 

6 

14 

10 

10 

9 

9 

10 
12 

16 

15 

6 

3 

3 

8 



2.50 
220 
105 
420 
j 240, 
■ 220 
; 220 
I 125 
227 
244 

378 
240 
i 72 
81 
14 

71 



10 j 265 



10 6(54 



•') 



2.300 


1.400 ' 


1.000 


1.000 ; 

1 


3.000 


1.000 


3.500 


1.000 


1.700 


1.700 


3.300 


3.050 


3.000 


2.000 


2.000 


2.000 


1.700 


6.000 


1.700 


7.200 


. • • • 


• ■■') 


1.150 


500 


1.000' 


3.000 


300 


400 


300 


400 


1.200 


1.600 


700 


2.400») 


1.500 


4.500 


500 


5.500 



150.000 

300.000 

300.000 

1.000.000 
n 

• ■ • > I 

350.000 
150.000 
150.000 
150.000 
250.000 

350.000 
70.000 

280.000 
75.000 
51.000 

150.000 

100.000 

250.000 

250.000 



') Lücke im Text. ') Lücke im Text. ') Keis. 

*) Der Verfasser liemerkt I1ie7.11, dass anter diesem Namen ver- 
schiedene Gehöfte inbegriffen waren. Die Steuer in natnra sowohl als in 
baorem Oelde wurde als Zehent ('oshr) eingehoben. 

^) Lücke im Text. 







VII. 


Die Finanxea. 




371 


GeogT. 
Lasre 


Name des Di- 
strictes 


Zalil 

der 

Dörfer 


Zahl 
der 

Scheu- 
nen 


Kon- 
Weizen 


Korr 
Gerste 


Znhltuig in 
baar. Oeld 


i a 


Forat-Bädaklk 


10 


271 


2.000') 


' 2.500 


900.000 


'S *J *» 


Sailahiin . 


.•^) 


34 


1.000 


1.500 


140.000 


|2h 


Kumistan u. 














Honnozgird 


• ■ • 


••") 


r)00 


500 


10.000 


-So. 
9 k d 


Nistar . . 


7 


163 


1.250 


2.000 


300.000 


^oS 




• • • 


• • • 


• • • • 


• • • • 


200.840 




1 

Kaskar, Ka- 




A ' 








S-^a 


nal von Sila, 




r 








N «CD 


Rakka und 












as • 


Kaiiän. . 






3.000 


2.000 

Gerste 


70.000 


^jj 


■ ■ • 
• 


• • • 












and Reis 




y 


Bozorks&bur 


9 


200 


2.500 


2.200 


300.000 




Rädän . . 


19 


302 


4.800 


• • • • 


120.000 




Kanal Buk . 






200 


1 000 


100000 


3 
1 


Kalwad4,Ka- 








X »\j\jyj 


1 \J\J»\7\.f\J 




nal Byn . . 


3 


34 


l.GOO 


1.500 


330.000 


!*beil dei 


Gäzir u. Ma- 
dynat al'a- 












u 


tyka . . . 


7 


HC 


1.000 , 

1 


1.700 


250.000 


•p4 


Galula und 






1 






;3 


Halula . . 


5 


GG 


1.000 


1.000 


100.000 


O 


Dasyn . . 


4 


230 


700 


1.300 

( 


40.000 




Daskara . . 


7 


44 


1.000 


1.000 i 


70.000 




Baräz alrud . 


6 


2G 


3.000 


2.000 


120.000 



<) Gerste und Reis. 

2) Lücke. Im District Sailahau befanden sich die Orte Tyznabäd 
und Chawamak. 

') Lücke im Text. 

*) YghAr I>edentet ein Freigut, das von den allgemeinen Steuern 
Exemption geniesst. 

24» 



VII. Di« FiDaniH. 



Hiezu ist Folg^endea zu bemerken. An einer anderen 
Stelle Heiner Schrift g;ibt Ibo Chordädboh den Geldbetrag der 
in boarem Geldo entrichteten Steuer <ler Provinz Sawäd auf 
8,500.000 Dirham an. Ea zeigt alch also im Vergleiche mit 
obiger Ziffer eine Differenz von 43.160 Dirham, die sich 
wo)il daraus erklärt, daas die erste Angabe den Steuerbe- 
trag iu ruudor Summe darstellen sollte. 

Wir haben jetzt nur noch zu berechnen, welcher Geld- 
werth den obigen Ziffern von G3.400 Korr Weizen und 
91.850 Korr Gerste entspricht. Um diese Berechnung zu 
machen, müssen wir auf die schon frilher gegebene Angabe 
Kodäma's uns stutzen, der berichtet, dass zu seiner Zeit ein 
KoiT Weizen und ein Korr Gerste zusammen den Werth 
von 60 Dynar hatten. Der Durchschnittspreis eines Korr 
Gerste oder Weizen ist also 450 Dirham per Korr. ') 

£a ergibt sich somit als Geldwerth der gesaminten 
Naturalsteuerabgaben die Summe von 09,852.500 Dirham. 

■) Hiemit stimmt mnnShernd BUch die ADgabe des Ibn Hkakai, der 
dem Korr einen DurcbschnitlapreiB von 600 Dirbam gibt. Ibn Haakal ed. 
Goeje p, 146, 147. 



YII. Die FinanMü. , 373 

Hiezu kommt noch der Betrag der in baarem Gelde gezahl- 
ten Steuer, d. i. 8,456.840 Dirham. Hiernach erreichte das 
gesammte Steuererträgniss der Provinz Saw&d die Ziffer von: 

78,309.340 Dirham. 

Landschaft Holwän. 
(Kurat 'Asitan Sh4d-Fyruz). 
Diese Landschaft bezahlte mit Inbegriff der Geldbe- 
träge, welche die Kurden- und Katärika-Stämme ') entrich- 
ten mussten, eine jährliche Summe von: 

1,800.000 Dirham. 
Yerzeichniss der SteuerbetrSge, 

welche Abu Abdallah Ibn Tfthir im Jahre 221 u. 222 H. (835 u. 8:^6 Chr.) 
von den ihm zugewiesenen Provinzen an die Schatzkammer des Chalifen 

bezahlte. 

Chorasän. 

Name der Stadt oder des Landes Betrag in Dirham 

L Ray 10,000,000 

2. Kumis (Komisene) 2,170.000 

3. Gorgän 10,170.800 

4.^ermän 5,000.000 

5. Segistän (nach Abzug der Steuer- 

rückstände von Firawan und 
Kocchag) mit Inbegriff von 

ZÄbolistÄn 6,776.000 

6. Tabasain 113.880 

7. Kuhistan 787.080 

8. NyshÄbur 4,108.700 

9. Tu8 740.860 

10. Abyward 700.000 

11. Sarachs 307.440 



^) Barbier de Meynard übersetzt den Ausdruck ^kAtärikah'' mit 
„Katholiken**, was mir sehr zweifelhaft scheint. 



n 



374 VH. Die Finanzen 

Name der Stadt oder des Landes Betrag in Dirham 

12. Marwi-Shähgihän 1,147.000 

13. Marw-alrud 420.400 

14. Tälakän 21.400 

15. Ghargistilii bezahlt in natui*a 2000 

Ilainmel und in Baarem . 100.000 

16. Bädghys 124.000 

17. Herät, Ostowäh und Isfydang . . 1,159.000 

18. Bushang 559.350 

19. Tochäristan 106.000 

20. Kurkän 154.000 

21. Cholm 12.300 

22. ChatlÄn mit den Gebirgen 193.300 

23. Fatnighas (?) 4.000 

24. Termetä (?) 2.000 

25. Dur und Singän (Simingän?) . . 12.600 

26. Andyshäran 10.000 

27. Bamijan ^ 5.000 

28. Sharmakftn, Gaumars und Isfygfib 106.500 

29. Ghädto und Ramän ..... 12.000 

30. K&bol 2000 Türken - Sklaven im 

Werthe von 600,000 Dirham ») 

und in Baarem 2,000.500 

31. Bost 90.000 

32. Kash 111.500 

33. Nym (Nymruz) 5.000 

34. BÄdekyn 6.200 

35. Rishtän und Gaw^n 9.000 

36. Zubän 2.220 

37. Tirmid 47.100 

38. Soghd&n ^ . . 3.500 

39. Saghjän (Saghn&n?) 4.000 



^) Im Texte der Ausübe von Barbier de Meynard p. 89 ist statt 
alHdjah zu lesen alghozzijjah. 



VII. Die Finanzen. 375 
Name der Stadt oder des Landes * Betrag iu Dirham 

40. ChÄii 10.000 

41. Mydagän 2.000 

42. Achazun 10.000 

43. Tabab (Baban) 20.000 

44. Baham ») 20.000 

45. Sagh&nij&n . . • 48.500 

46. B&Bdrä 7.300 

47. Zagharsan (Zaghartän?) .... 1.000 

48. Akt 48.000 

49. Chwärizni und Kät (Chwärizmy-Dirhains) 487.000 

50. Amol 293.400 



Transoxanien. 

51. Boch&rä 1,189.200 

52. Soghd (Sogdiana) und alle zur Statt- 

halterschaft des Nuh Ibn Asad gehö- 
rigen Districte: 326.400 Tätary-Dir- • 
hams. Hierin ist Ferghäna inbegrif- 
fen mit 280.000 Dir. (Mohammady); 
die türkischen Städte zahlen 46.400 
Dirham (Chw&rizmy und Sysy), dann 
hatten diese Provinzen von Zelttuch 
(karäbys) 1187 Stück zu liefern, 
ferners 1300 Stück Eisen in Ge- 
schirren und in Platten. 

Alles in allem bezahlt Transoxa- 
nien in Mohammady-Dirhams . . 2,072.000 

Hievon kamen auf Soghd, Sa- 
markand, das Salzbergwerk, Kash, 
Nasaf, Nym und andere Landschaften 
von Soghd 1,089.000 Dirham Mo- 



*) Ist das Bah&m bei Sprenger: Post^ und Reiserouten p. 21. 



376 VII. Die FSnftnzen. 

Name der Stadt oder des Landes Betrag in Dirham 

hammady und 2000 Dirham (Sysy) 
dann auf Shäsh und das Silberberg- 
werk 607.100 Dirham. 
53. Choganda 100.000 Dirham (Sysy). 

Es ergibt sich also für das Steuereinkommen von 
Choräsän die Summe von 50,611.030 Dirham. Ibn Chor- 
dädheh gibt aber ausdrücklich für das Steuererträgniss von 
ganz Chorelsän mit Transoxanien die ZiflFer von 44,846.000 
Dirham an, welche Summe ich als die richtigere annehme. 
Es erreicht also das Gesammtsteuererträgniss von Choräsän 
und Transoxanien die Summe von: 

44,846.000 Dirham. 2) 

Chuzistän. '' 
Steuerertrag: 30,000.000 Dirham. 

Färsist&n. 
Steuerertrag: 30,000.000 Dirham. 



^) Obige Ziffer, welche den ganzen Steiierertrag von Transoxanien 
ausdrücken soll, ist nicht genau, denn addirt man folgende TheilbetrSge': 
Soghd 826.400, die türkischen Städte 46.400, Soghd 1,089.000, femers 
2000 Dirham, dann Sh&sh und das Silberbergwerk 607.100, so erhält man 
die Ziffer von 2,070.900, welche etwas niedriger ist, als die im Texte 
als Gesammtbetrag von Transoxanien angesetzte. Jedenfalls lassen wir die 
niedrigere Ziffer unverändert stehen, um keinesfalls das Einkommen zu 
hoch anzusetzen. — Mokaddasy gibt folgende Notizen über Transoxanien, 
die sich auf das Jahr 376 H. (888^89 Chr.) beziehen. Steuerertrag von 
Ferghftna 280.000 Dirham (Mohammad^) Sh&sh 180.000 Dirham (Mo- 
saiby), Choganda 100.000 Dirham (Mohammady)' Isfyg&b 4000 Dirham 
(Mosaibj) und ein Bruchtheil, Bochär& 1,166.897 Dirham (T&tary), Sagh&- 
nij&n 48.629 Dirham, Dachau (1. Wachen) 40.000, Chwibizm 420.120 Dir- 
ham (Chwärizmy), Soghd, Kash, Nasaf und Ashrusana 1,039,031 Dirham. 

2) Hiebei konnte der Unterschied zwischen gewöhnlichen Dirhams, 
dann TÄtary-, ChwÄrizmy- und Sysy-Dirhams nicht berücksichtig^ werden. 
Der Tätary-Dirhani war gleich 1 '/g gewöhnliche Dirham. Ibn Haukai ed. 
Goeje p. 228. — Nach Istachry, p. 173, hat er das Gewicht von P/j Dirh. 



YII. Die Finanzen. 377 

Isfähän: 
Steuerertrag: 7,000.000 Dirham. 

Provinz Gabal: 

1. Landschaft Dynawar. Steuerertrag: 

3,800.000 Dirham, 

oder nach einer anderen Notiz des Ihn Chordadbehp. 97 (Text): 

1,000.000 Dirham. 

2. M&sabadän und Mihrag&nkadak. Steuerertrag: 

3,500.000 Dirham. 

3. Korn. Steuerertrag: 

2,000.000 Dirham. 

4. Shahrzur, Samegh&n und Daräbäd. Steuerertrag: 

2,750.000 Dirham. 

GesammtsteuereHrag der Provinz Gabal: 

12,050.000 Dirham. 

Provinz G a z y r a. 
Steuerertrag: 4,000.000 Dynar, richtiger: 4,000.000 Dirh. 2) 

Provinz Mosul. 
Steuerertrag: 4,000.000 Dirham. 

Provinz Dijar Raby*a. 
Steuerertrag: 7,700.000 Dirham. 

Provinz Armenien. 
Steuerertrag: 4,000.000 Dirham. 



1) Den Gesammtbetrag von Gabal gibt Ibn Chordädbch nicht an. 

2) Der Vergleich mit Ibn Chaldan und Kod&ma zeig^, dass diese 
Angabe fehlerhaft ist, Termnthlich schrieb der Copist Djnar, statt Dirham. 
Es ist dies um so wahrscheinlicher, da Gazyra nicht in Gold, sondern in 
Silber Steuer zahlte. 



378 VII. Die Finansen. 

Provinz 'Awasim (Militär^renzc und Kinnasryn). 
Steuerertrag: 4a).000 Dyn., d. i. 6,000.000 Dir. 

Provinz II im 8. 
Steuerertrag: 340.000 Dyn., d. i. 5,100.(KX) Dirham. 

Provinz Dainascus. 
Steuerertrag: 4O0.0CX3 Dyn., d. i. 0,000.000 Dirham. ') 

Provinz Ordonn. 
Steuerertrag: 350.000 Dyn., d. i. 3,250.000 Dirham. 

Provinz Filistyn. 
Steuerertrag: 500.000 Dyn., d. i. 7,500.000 Dirham. 

Provinz Aegypten. 

Nach dem Steuerausmaasse, das mit der Thronbesteigung 
der Abbasiden festgestellt ward: 2,180.000 Dynar d. i. 

32,700.000 Dirham. 

Africanische Länder. 

Ibn Chord&dbeh zählt noch folgende africanische Län- 
der im Anhange zu Aegypten auf, die aber zu seiner Zeit 
schon unabhängig waren und keine Steuer mehr nach 
Bagdad abführten: 1. Staaten der Dynastie der Aghlabiten; 
zur Zeit des Ibn Chordädbeh gehcirten folgende Städte 
dazu: Kairawän, Ghadd^mes, Marmagana, Kafsa, Kastylijja, 
Banzart, Wadd&n und Tunis. 2. Staaten der Idrysiden im 
äussersten Westen; Städte: Tanger, Fez mit der Provinz 
Sus und dem Auräsgebirge. 3. Statuten der Rostamiden mit 
der Hauptstadt Tähart. 4. Staaten der Omajjjaden in Spanien. 



^) Isfähdny bemerkt hiezu: Dieser Steuersatz ist von Ibn Modabbir 
zu hoch abgeschätzt worden, er belauft sich mit Inbeg^ff der Zehente und 
Kopfsteuer (gawÄly) auf 140.000 Dynar. 



yil. Die Finanien. 379 

Provinz Jemen. 

Höchste Ziffer des Steuerertrages unter den Abbasiden war: 
600.000 Dyn., d. i. 9,000.000 Dirham. ') 

Gesammtbetrag der Steuern nach Ibn ChordSdbeh: 

293,255.340 Dirham. 

*} Für die anderen Landestheile von Arabien gibt Ibn Chordftdbeh 
die Steuern nicht an. Ostarabien war im Besitze der ChArigiten und Hi- 
g&z war mehrmals während der Regierung de» Mo'tamid, unter dem Ibn 
ChordUdbeh seine Zusammenstelinngfen machte, von den ägyptischen Trup- 
pen der Tnlaniden. besetzt. 

Ich benütze diese Stelle zu einer Berichtigung. Das Wort ^^tirrych^, 
welches ich S. 358 Note 3 mit Rogen übersetzte, bedeutet richtig eine 
Art kleiner Fische, die im gedörrten Zustande stark ezportirt wurden. 



VIII. 



Der Organismus des Staates. 



Wir haben in dem Vorhergehenden die Entstehung 
des religiös-politischen Gemeinwesens des Islams, den Ur- 
sprung der Souveränität, die administrativen Einrichtungen, 
die militärische Organisation des unerm esslichen Reiches 
und dessen Finanzquellon kennen gelernt, ebenso wie 
den Hof der genussüchtigen Chalifen der omajjadischen 
Dynastie in dem reizenden Damascus. Wir belauschten sie 
bei ihrem öffentlichen und häuslichen Leben, ihren Zech- 
gelagen und Abenduntorhaltungen, und werden später den 
noch weit glänzenderen Hof von Bagdad mit den Wundern 
dieser damaligen Weltstadt uns besehen. Jetzt glauben wir 
aber, um das so gewonnene Bild zu vervollständigen, auch 
den Gesammt-Organismus des mohammedanischen Staates mit 
besonderer Berücksichtigung der von den arabischen Staats- 
rechtslehrern aufgestellten Theorien, die freilich oft genug 
der Wirklichkeit vorausgeeilt sind, schildern zu sollen, in- 
dem wir die Stellung des Staatsoberhauptes, die Theorien über 
Souveränität und Herrscherrechte, den Wirkungskreis der 
höchsten Staatsämter, die für die Rechtspflege und Verwaltung 
geltenden leitenden Ideen einer eingehenden Besprechung 
unterziehen. Wir stützen uns hiebei immer auf die Ansichten 
der angesehensten eingebornen Schriftsteller, und erhalten auf 
diese Art eine klare Vorstellung von dem, was in den Augen 
der arabischen Staatsmänner der islamische Staat hätte sein 
sollen. Hiedurch wird das vervollständigt, was wir in den 
früheren Abschnitten dieses Werkes über die Verhältnisse 



YIII. Der Organumas dea Staates. 381 

des Chalifates gesagt haben^ wie sie in Wirklichkeit waren; 
freilich werden wir auch hier, wie bei allen menschlichen 
Dingen, die Wahrnehmung machen müssen, wie weit das 
Ideal entfernt blieb von seiner thatsächlichen Verwirklichung. 
Allein, indem wir mit einem Blicke das gesammte Gebiet 
der Erscheinungen des politischen Lebens jener Zeiten und 
Länder umfassen, und dabei als Leitfaden die Werke der 
grössten Denker des arabischen Volkes stets zur Hand ha- 
ben, werden wir unser Endurtheil über viele der merkwür- 
digsten culturgeschichtlichen Erscheinungen jener grossen 
Epoche des arabisclien Staatslebens mit Sicherheit feststel- 
len können. Nur so werden wir den Geist jener Zeit und 
ihrer Schöpfungen besonders auf dem politischen Gebiete 
richtig erkennen. Viele verjährte Irrthümer erhalten hie- 
durch ihre Berichtigung, und neue Anschauungen werden 
auf diesem Wege uns erschlossen. 

Selbstverständlich ist es, und keiner Begründung be- 
darf es, dass wir unsere Untersuchung damit beginnen, über 
die staatsrechtliche Stellung des Oberhauptes, des obersten 
Trägers der Herrschergewalt in weltlichen und religiösen 
Dingen, des Chalifen, des Souveräns (imäm), von seinen 
Rechten und Pflichten und seinen Beziehungen zur Ge- 
sammtheit der Nation uns volle Klarheit zu verschaffen. 
Somit wird zuerst die Stellung des Staatsoberhauptes und 
die Uebertragung der Souveränitätsrechte den Gegenstand 
unserer Untersuchung bilden; hiebei werden wir die An- 
sichten der arabischen Schriftsteller, welche das Staats- 
recht zum Gegenstande gelehrter Untersuchungen gewählt \ 
haben, kennen lernen müssen, denn die Araber waren eine j 
zu urwüchsige, zu originelle Nation, als dass sie nicht auch j 
in dieser Richtung ganz selbstständige Ideen und nur ihnen 
eigenthümliche Ansichten hervorgebracht hätten. Und wenn 
auch der geschichtliche Verlauf der Ereignisse nur zu oft 
ihre Thaorien Lügen strafte, so ist es doch desshalb nicht 
weniger lehrreich, jene tief durchdachten, und nicht selten 



382 Vin. Der Organismus .des Staates. 

übeiTaschend freimüthigen Systeme kennen zu lernen, auf 
welche sie ihr Reich und dessen Keg^ierung begründen 
wollten. 

Nächst dem Staatsoberhaupte sind es dessen £xecutiv- 
Organe, die höchsten Würdenträger, die Inhaber der ober- 
sten Staatsämter, deren Rechte, Befugnisse und Wirkungs- 
kreis eine genaue Darstellung erfordern. Das Wezyrat, die 
Statthalterschaft, das Militärwesen müssen in dieser Hin- 
sicht zuerst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. 
Hieran schliesst sich eine der wichtigsten Functionen der 
Staatsmaschinerie, nämlich die Rechtspflege, ferners sind 
nicht zu übergehen das Polizeiwesen, die Finanz- und 
Steuerverwaltung, die so wichtigen Angelegenheiten des 
Grundbesitzes mit den hiefur maassgebenden Verwaltungs- 
grundsätzen, endlich die religiösen Angelegenheiten, die im 
mohammedanischen Staate noch viel weniger als im moder- 
nen europäischen sich von dem politischen Leben trennen 
Hessen, dann die administrativen Einrichtungen, und den 
Schluss wird ein Blick auf die Grundsätze des Strafrechts 
bilden, das die Araber unter die Verwaltungslehre einreihen. 

Diesem Plane zufolge schreiten wir vorerst an die 
Besprechung der politischen Stellung des Staatsoberhauptes, 
des Chalifen, als weltlichen und geistlichen Souveräns aller 
Gläubigen. 

L Der Fürst der Q-läubigen. 

Das arabische Volk verstand es, auf dem Gebiete des 
staatlichen Lebens, trotz der mannigfachen Entlehnungen, die 
es auch in diesen Dingen von den früheren Culturvölkern 
machte, sich die vollste Eigenthümlichkeit seiner Schöpfun- 
gen zu wahren. Eben desshalb unterscheidet sich auch die 
arabische Auffassung des Wesens und Endzweckes des Staates, 
der Natur und der Grenzen der fürstlichen Gewalt, der Sou- 
veränität, von allem früher Dagewesenen. Der mohammeda- 
nische Staat der patriarchalischen Epoche, wie wir ihn bereits 



VIII. Der Organismus des Staates. 383 

in den Einrichtungen der vier ersten Chalifen kennen ge- (j 
lernt haben^ war nichts anderes als eine grosse, religiös- \ 
politische Association der arabischen Stämme zu gemeinsa- 
men Raubzügen und Eroberungskriegen unter dem religiö- 
sen Banner des Islams und dem Ijosungswort : Kein Gott 
ausser öott, und Mohammed sein Gesandter! Die Araber 
überflutheten unter dem Vorgeben, die einzig wahre Religion 
zu verbreiten, die reichen Nachbarländer, und machten 
nebenbei vortreffliche Geschäfte für eigene weltliche Rech- 
nung. An der Spitze dieser plötzlich zu einer Weltmacht 
angewachsenen Masse der durch gemeinsame Interessen 
geeinigten Stämme stand der Chalife, welcher in der ersten 
Zeit einfach als Stellvertreter des dahingeschiedenen Pro- 
pheten galt. Er befahl unter Beiziehung des Rathes der an- 
gesehensten Gefährten des Propheten über die zu unterneh- 
menden Eriegszüge, er organisirte und leitete die militäri- 
schen Angelegenheiten, er verwaltete das Staatseinkommen, 
und administrirte die Finanzen, er verfügte über das „Schatz- 
haus der Moslimen (bait-mäl almoslimyn)", wie man noch 
jetzt das Staatsvermögen nennt. Der Chalife übte auch das 
Richteramt in Streitsachen aus, er entschied Processe oder 
Criminalfalle und schliesslich — dies war wohl die wich- 
tigste seiner Befugnisse — • leitete er den gesamiiiten Gottes- 
dienst und war er das religiöse Oberhaupt der ganzen mos- 
limischen Religionsgenossenschaft. In welch anspruchsloser 
Weise die zwei ersten Stellvertreter des Propheten dieser j 
Aufgabe sich entledigten, haben wir bereits früher gezeigt: 
kein fürstlicher Luxus umgab sie, kein höfisches Gepränge 
herrschte in ihrem Haushalt; sie lebten wie jeder Mann aus 
dem Volke, machten auf keine besonderen Ehrenbezeugun- 
gen Anspruch, und jeder freigeborne Araber galt ihnen als 
vollkommen gleich. Nur dui'ch den Zauber der ihnen an- 
heimgefallenen religiösen Weihe, als Oberhäupter des Islams 
und Stellvertreter des Propheten heiTschten sie über ein 
unermessliches Reich und über die Gemüther eines sehr 



.^w* 



384 Till. Der Organismai des StutM. 

unruhigen und jeder Autorität von vorne herein abgeneig- 
ten Volkes, wie es die Araber von jeher waren. Sie hatten 

^ sich nie gewöhnen können, anderen Oberhäuptern zu gehor- 
chen als ihren ephemeren Stammeshäuptlingen, die sie 
nach Belieben wählten und wieder absetzten, so dass es als 

\ Seltenheit galt, wenn die Häuptlingswürde eines arabischen 
Volksstammes durch mehr als vier Generationen in dersel- 
' ben Familie verblieb. Die Vorstellung von der Erblichkeit 
des Königthums oder von der göttlichen Weihe und prie- 
sterlichen Bestätigung der Fürsten, welche unter dem Ein- 
fluss der theokratischen Idee bei den Hebräern auftritt, war 
den Arabern fremd. Bei ihnen ging der Fürst aus der all- 
gemeinen Wahl hervor, diese galt als die einzige Quelle der 
Souveränität. 

Diese Ideen des arabischen Alterthums mochte der 
Islam in seinen ersten Jahren wohl etwas zurückgedrängt 
haben, so lange die prophetische Glorie Mohammeds noch 
einen hellen Abglanz auf seine Nachfolger warf und als 
die grossen Eroberungs- und Beutezüge der ersten Jahr- 
hunderte noch vollauf die Gemüther beschäftigten. Allein 
schon mit 'Osmän's Ermordung fand diese Periode der un- 
bestrittenen Unterwerfung unter die Autorität des Chalifen 
ihr Ende. 

Als nun die ganze islamische Welt, gutwillig oder ge- 
zwungen, den ersten Omajjaden als Chalifen anerkannt hatte, 
trat er sowohl in geistlichen, wie in religiösen Dingen die 
Erbschaft seiner Vorgänger an, er präsidirte bei dem Ge- 
bete, entschied richterliche und religiöse Streitfragen, aber 
trotzdem war seine ganze Haltung und Geistesrichtung eine 
entschieden weltliche. Und dieser Geist blieb von nun an 
mit wenigen Ausnahmen der vorherrschende dieser Dyna- 
stie und selbst unter den Abbasiden tritt die religiöse Seite 
erst dann schärfer hei-vor, als die Chalifen, in ihrer welt- 
lichen Machtstellung mehr und mehr beschränkt, es vortheil- 
haft fanden, ihre hierarchische Bedeutung als religiöse Ober- 



\ 



VIII. Der OrganisranB des Staates. 385 

hirten der g^esammten islamischen Welt nach Möglichkeit 
geltend zu machen. 

In den guten Zeiten des Chalifates, besonders der 
Omajjaden^ lebten die Beherrscher der Rechtgläubigen viel 
mehr wie die Häuptlinge des herrschenden Stammes, denn 
als die Oberpriester des Islams. Aber auch das Volk hielt 
hai'tnäckig fest an seinen altarabischen Ideen über die Wähl- 
barkeit und Absetzbarkeit der Fürsten. Es gab keine gere- 
gelte Thronfolge nach dem Erbrecht, sondern nur die Wahl 
des Volkes und dessen Huldigung ertheilte dem Thronfolger 
das Anrecht auf die Herrschaft. Zwar gelang es Mo'äwija, 
seinem Sohne die Nachfolge zu sichern, indem er noch bei 
seinen Lebzeiten die Stimmen der einflussreichsten Partei- 
fiihrer gewann, und die Wahl seines Sohnes durch diese 
und die Bevölkerung der Hauptstadt herbeiführte, aber hie- 
durch wird es klar, dass die Erbfolge durchaus nicht als 
der allein giltige Rechtstitel auf den Thron betrachtet 
wurde. Und in der That hatten von den vierzehn Herr- i 
Sehern dieser Dynastie nur vier ihre Söhne zu Nachfolgern, j ' 
Die altarabische Senioratsidee lag im steten Kampfe mit 
der natürlich von den Vätern immer mit Eifer angestrebten 
Uebertragung der Herrschaft auf ihre Söhne. ^) Wie tief 
aber das Bewusstsein des altarabischen Wahlrechtes im 
Volke wurzelte, das beweisen viele einzelne Fälle. So Hess ^ 
Abdalmalik für seine beiden Söhne die Wahl und Huldi- 
gung im ganzen Reiche vornehmen: in alle Provinzen er- 
ging an die Statthalter der Befehl den ganzen Hochdruck 
des ofiSciellen Einflusses zur Anwendung zu bringen, um 
jeden Widerspruch zu beseitigen. Der Statthalter von Mekka 
berief das Volk zusammen; aber einer der angesehensten 

*) Vg^l. Geschichte der herrschenden Ideen des Islams p. 407 AT. Es 

wird ein Ausspruch Omar's I. angeführt, welcher lautet: Wenn eine i 

Chalifenwahl vorgenommen wird, ohne dass alle Moslimen sich hierüber •■ 

aasgesprochen haben, so ist diese Wahl null und nichtig Dozy: Hist. des 

Musulmans d^ Espagne I. p. 121. 

T. K r e m e r , Culturgeschichte des Orientu. 26 



386 VIIL Der OrganismuB des SUatos. 

Mänuer, der schon hochbejahrte Sa'yd Ihn MosBajjib, der be- 
rühmteste Rechtsgelehrte seiner Zeit, weigerte sich entschie- 
den, indem er sagte, er werde nicht wählen, so lange noch 
der Chalife am Leben sei. Der Statthalter wollte ihn durch 
Drohungen und Misshandlungen einschüchtern, aber der Alte 
blieb fest. Abdalmalik, dem der Statthalter hierüber Bericht 
erstattete, tadelte dessen Vorgehen und schrieb zurück: 
Entweder hättest du den Mann gleich enthaupten, oder 
ihn ganz unbehelligt lassen sollen. — Letzteres geschah 
auch wirklich, man kümmerte sich nicht weiter um den 
starrköpfigen Greis. *) 

Die einmal vollzogene Wahl hielt man aber fiir so 
heilig und so bindend, dass deren zwingende Wirkung erst 
dann aufhörte, wenn der Gewählte selbst seine Wähler da- 
von entbunden hatte. Man hielt dafiii*, dass die Wahl wie 
eine unauflösliche Kette den Wähler an seinen Erwählten 
fesselte, und es lautet daher auch eine arabische sehr ge- 
wöhnliche Redensart : Die Wahl lastet auf meinem Nacken. ^) 
Immer war es nur die drohendste Gefahr des eigenen 
Lebens, welche den Erwählten bestimmen konnte, auf die 
Wahl Verzicht zu leisten; dies mus&te dann auch öffent- 
lich geschehen. Der Chalife Hädy hatte seinem Sohne Ga'far 
huldigen lassen, als Ersterer aber starb, sprach sich die 
Majorität für Harun Rashyd aus. Einer der Officiere des 
Letzteren eilte sofort zu Ga*far, und drohte ihn augenblick- 
lich niederzumaclien, wenn er nicht auf die Wahl verzichte. 
Dieser fügte sich, trat auf den Altan des Palastes hinaus, 
und rief: O Bewohner der Stadt! wem meine Wahl auf 
dem Nacken lastet, den entbinde ich davon ; die Herrschaft 
gebührt meinem Oheim Rashyd, und ich habe kein Recht 
darauf. ^) 



») Ibn Atyr IV. p. 410. — Ibn KotÄilmh p. 223. 

2) Goeje: Fragm. Hi«tor. Arab. p. 9. 

3) Ibidem I. p. 291. 






VI II. Der Organiamns des StaAtes. 387 

Die Wahl und Huldigung bestand in der ersten Zeit 
darin^ dass sich die Mitglieder der herrschenden Familie, 
die höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträger, die 
obersten Befehlshaber der Truppen um den Throncandidaten 
versammelten und ihm den Handschlag gaben. Hiermit war 
die Huldigung vollzogen. Nach dieser pflegte der neue 
Chalife gewöhnlich in der Moschee vor dem versammelten 
Volke seine Antrittspredigt zu halten. Es ist uns eine solche 
Rede erhalten, die Jazyd IH. zugeschrieben wird, und wenn 
wir sie auch nicht als authentisch betrachten können, so 
stammt sie doch aus früher Zeit und beweist, wie ganz 
demokratisch die Stellung de% Fürsten der Rechtgläubigen 
aufgefasst ward. 

Jazyd hatte gegen seinen Vetter Walyd H., den gros- 
sen Schwelger und Wüstling, eine Empörung angestiftet, 
ihn auf seinem Landschlosse überfallen und getödtet. Hier- 
auf Bezug nehmend sagte er in seiner Antrittsrede : „Bei 
Gott! ich erhob mich gegen ihn nicht aus Ehrgeiz oder 
Begehr nach der Welt, und aus Lust nach der Herrschaft: 
dies sage ich nicht aus Selbstüberhebung, denn ich bin 
wirklich ein Sünder, wenn Gott sich nicht meiner erbarmt; 
sondern ich griff zu den Waffen aus Eifer für Gott und 
seine Religion, indem ich die Menschen einlud, zu Gott und 
seiner Offenbarung und zur Satzung seines Propheten 
zurückzukehren, nachdem die Wegzeichen der Religion ver- 
nichtet, die Spuren der Wahrheit verwischt, und das Licht 
der Offenbarung ausgelöscht worden waren; als sich offen 
kundgegeben hatte, jener eigensinnige Tyrann, der alles 
Verbotene für erlaubt hielt und jeder Ketzerei sich hingab, 
indem er weder an das jüngste Gericht, noch an den Ko- 
ran glaubte; und wenn er auch mein Vetter und Stammes- 
vorwandter ist. Als ich dies sah, wandte ich mich zu Gott 
um Rath,.uud bat ihn, mir keinen andern Helfer zu geben 
ausser sich selbst, und flehte um seine Unterstützung. Und 
es erhörte mich da so mancher von seinen frommen 

2Ö* 



388 ym. Der Org&nismnB de« Staates. 

Verehrern ; ich zog geg-en den Tyrannen, bis öott sein Volk 
von jenem Gewalthaber befreite durch seine Macht und 
Gewalt, nicht durch meine Macht und Gewalt. O I^eute! 
(hört) : euch f^Cfj^enüber verpflichte ich mich, keinen Stein 
auf den andern, keinen Ziegel auf den andern zu legen, 
keinen eurer Flüsse je in Pacht zu geben, keinen Palast zu 
bauen, keine Keichthümer anzuhäufen, keine Gattin und 
Kinder damit zu bereichern: euch gebührt von mir die 
Auszahlung eurer Jahresdotationen Jahr für Jahr, eurer 
Naturalbezüge Monat für Monat, so dass der Wohlstand 
zwischen den Moslimen sich entfalte und der Fernewohnende 
ebenso betheilt werde wie dar Zunächstwohnende. Halte ich 
euch meine Zusage, so seid ihr gebunden, mir willig zu 
gehorchen, mich zu stützen und zu schützen ; halte ich euch 
aber die Zusage nicht, so steht es £uch frei mich abzusetzen, 
nur sollt ihr vorher mich ermahnen, und wenn ich mich 
bessere, meine Entschuldigung annehmen. Wisst ihr aber 
einen Mann von bewährtem Charakter, der euch aus freien 
Stücken bietet, was ich euch biete, so wählt diesen, wenn 
Ihr wollt, und ich bin der Erste, der ihm huldigt und sich 
ihm unterwirft. O I^eute ! ihr wisst, dass keinem Menschen 
gehorcht werden darf, wenn er sündhaftes befiehlt. Dies ist 
meine Rede und ich flehe Gott um Verzeihung an für mich 
und für euch! 

Nach dieser Rede Hess er sich von dem Volke ein zweites 
Mal wählen. ') Jedenfalls sieht man aus dieser Ansprache, 
wie ganz demokratisch man die Wahl des Fürsten auffasste : 
er konnte, wenn er seiner Aufgabe nicht entsprach, einfach 
abgesetzt werden. Die Wahl der versammelten Gemeinde 
der Moslimen war die einzige und ausschliessliche Quelle 
der Souveränität und Herrscherrechte. 

In ruhigen Zeiten ging die Wahl regelmässig in der 
Art vor sich, dass der Thronfolger sich in die Hauptmoschee, 



/ 



*) Goeje: Fragm. Histor. Arab. I. 160. 



YIII. Der Urganismus des Staate«. 389 

welche bei den Arabern der Ort für allg-emeine Volksver- 
sammlungfen war, und die Stelle des Forums der Römer 
vertrat, verfugte, die Kanzel bestieg, seine Antrittspredigt 
oder Wahlrede hielt und .dann die Wahl und Huldigung 
entgegennahm. So war der Verlauf bei der Thronbesteigung 
Walyds I. ^) Der Chalife erschien hiebei unter den Omajjar 
den ganz weiss, unter den Abbasiden im Gegensatz zu den 
ersteren ganz schwarz gekleidet, in einem bis zu den Knien 
reichenden, vorne geschlossenen Leibrock ohne Taille mit 
weiten herabhängenden Aermeln (dorrä^ah), einem über die 
Schultern geworfenen Mantel, ebenfalls mit weiten aber 
kürzeren Aermeln (kisä'). von dem Schnitt, den man jetzt 
Abäjah nennt; das Haupt bedeckte eine konische Mütze 
ohne Krampe (kalansowah 2). Auch trug der Chalife bei 
solchem Anlasse die Insignien seiner Souveränität. Diese 
waren bei den Omajjaden der Siegelring und der Kadyb 
des Propheten, ein kurzer Stab mit Widerhaken, wie ihn 
die Beduinen noch jetzt regelmässig zu tragen pflegen; bei 
den Abbasiden kam noch der Mantel des Propheten (bordah) 
hinzu. Der erste Chalife dieser Dynastie hatte diese an- 
gebliche Reliquie für 300 Dynare gekauft und es blieb nun 
dieser Mantel, der jetzt im Schatze zu Constantinopel be- 
wahrt wird, fortan die heiligste Reichsreliquie. ^) 

Die Omajjaden hatten, nachdem sie durch die Abbasi- 
den des Thrones und Reiches beraubt worden waren, ein 
neues glänzendes Chalifenreich im fernen Spanien gegründet 
und übertrugen dorthin die Sitten und Gewohnheiten ihrer 
syrischen Heimath. Auch dort herrschten ganz dieselben, 
dem arabischen Volke eigenthümlichen Grundsätze von der 
Fürstenwahl und der Huldigung durch das Volk und dess- 



I 



1) Ibn Atyr IV. p. 415. 

2) lieber die weisse Kleidung der Omajjaden vgl. Aghäny VI. 141, 
über die schwarze der Abbasiden: Goeje: Fragm. Ilist. Arab. I. p. 1*99, 338. 

3) Goeje : Frag. Hist Arab. I. 82, 208, 283 ; M&wardy p. 298, 299. 



390 Vin. Der Or^niflmQB des Staates. 

halb ist es nicht ohne Werth, hier die Schihlerung einzu- 
schalten^ die uns ein spanischer Schriftsteller von einer 
solchen Wahlceremonie am Ilofe von Cordova entwirft. 

„Das erste, was Hakam IL nach dem Tode seines 
Vaters that, war, dass er die Huldig^ung der fränkischen 
Leibgarde und ihrer Anfuhrer entgegennahm, welch letztere 
die obersten Hofamter bekleideten. Indem sie selbst die 
Huldigung leisteten, verpflichteten sie sich, die Huldigung 
und den Eid der Treue fiir den neuen Chalifen von ihren 
Untergebenen abzunehmen. Dann kamen die ersten Haus- 
beamten, die Officiere der Truppen und die gesammte Diener- 
schaft. Nun ertheilte der neue Herrscher, nachdem er so 
von seiner unmittelbaren Umgebung und dem ganzen Per- 
sonal des Palastes als legitimer Fürst anerkannt worden war, 
den Befehl, seine beiden leiblichen Brüder vorzuladen, damit 
auch sie ihm den Eid der Treue leisteten. Truppenabtheilun- 
gen eilten sogleich in die Wohnungen der beiden Prinzen 
und führten sie in den Residenzpalast, wo ihnen entsprechende 
Gemächer angewiesen wurden; andere Truppenabtheilungen 
hatten den Auftrag, die übrigen Halbbrüder des Chalifen 
vorzufuhren. Sie kamen auch, acht an der Zahl, noch in 
derselben Nacht in das Residenzschloss Zahrst von Cordova. 
Der Chalife Hess sich am folgenden Tage früh Morgens auf 
einem Throne nieder, der in dem mittleren Pavillon der 
vergoldeten Säulengänge stand, die sich auf der Südseite 
des ersten Stockwerkes auf eine Marmorterrasse öflFneten. 
Zuerst wurden seine Brüder eingeführt, welche die Huldigung 
leisteten und die schriftliche Eidesformel unterzeichneten. 
Dann kamen die Minister und deren Angehörige, ihnen 
folgten die Polizeivögte (afhab alshortah) und die verschie- 
denen Klassen der Staatsbeamten. Alle jene, die den Eid 
geleistet hatten, sassen nach ihrem Kange in langen Reihen 
an den beiden Seiten des Saales, aber einer der ersten Hof- 
beamten stand am Eingang der Halle imd nahm jedem, der 
eintrat, den Huldigungseid ab. 



YIII Der OrganiKmus des Staates 391 

In den grossen Empfangssälen des Palastes waren alle 
Anwesenden nach ihrem Range geordnet: in dem Prachtsaal, 
wo der Chalife thronte, waren links und rechts (vom Thron) 
in zwei langen Reihen die Officiero der Leibgarde aufgestellt, 
mit weissen Ueberziehern (zahäir) als Zeichen der Trauer, 
über welche sie die Säbelgehänge trugen; an diese reihten 
sich in langen Panzerhemden die Garden, mit reichge- 
schmückten Säbeln; sie standen in zwei Reihen ausserhalb 
der Arcaden auf der offenen Plattform. In den anstossenden 
Corridoren standen die fränkischen Eunuchen mit Helle- 
barden , in weissen Tuniken mit gezogenen Schwertern. 
Hierauf kamen die unteren weissen Palasteunuchen, dann 
die Bogenschützen mit umgehängten Bogen und Pfeilköchern ; 
diesen Leibgarden der fränkischen Eunuchen schlössen sich 
die Reihen der schwarzen Sklaven an, ebenfalls in vollem 
Waffenschmuck. 

In der Halle der Palastwache waren die aus schwarzen 
Sklaven gebildeten Fusstruppen versammelt, sie trugen Brust- 
harnische mit weissen Tuniken darunter, fränkische Helme 
und farbige Schilder an den Arm«n; ihre Waffen waren 
prachtvoll verziert, sie waren in doppelter Reihe aufgestellt 
und dehnten sich bis zum Ende des Vorhofes aus. Am 
gi'ossen Hauptthor des Palastes aber befanden sich die Thor- 
hüter utid deren Mannschaft. Ausserhalb desselben hielt die 
Negercavallerie, deren Geschwader bis zum Ai'cadenthor den 
Raum erfüllten. Andere Tnippenabtheilungen, Cavalleric, 
Infanterie und Bogenschützen waren hier in dichten Massen 
aufgestellt und hielten die Strassen besetzt, bis zum Aussen- 
thore der Stadt, das ins offene Land fuhrt. 

Nach vollzogenem allgemeinem Huldigungsact gestat- 
tete der Chalife Allen, sich zurückzuziehen imd behielt nur 
seine Brüder, die Minister und Palastbeamten zurück bis 
zur Beerdigung seines Vaters Näsii', der in den Chalifen- 
gräbei'n von Cordova zur Erde bestattet ward. 



392 Yin. Der OrganiBmiiB des Staates. 

In den nächsten Tagen trafen zahlreiche Deputationen 
aus allen Theilen Spaniens am Hofe ein, um zu huldigen 
oder Anliegen vorzubringen. Sie wurden in Gegenwart der 
Minister und des Kady vom Chalifen empfangen, ihre Huldi- 
gungen angenommen und die bezüglichen Protokolle unter- 
fertigt". ») 

Diese malerische Schilderung aus spanisch-arabischen 
Quellen entschädigt uns für die gewöhnliche Trockenheit 
der Geschichtschreiber des Ostens, die nur sehr selten derlei 
Ceremonien eingehender darstellen, indem sie dieselben als 
bekannt voraussetzen. Jedenfalls waren solche Feierlichkeiten 
am Hofe von Damascus oder Bagdad nicht minder gross- 
artig und prachtvoll, wie wir bei der Darstellung des Lebens 
am Hofe der Abbasiden sehen werden. Wir wissen, dass 
auch in den späteren Zeiten die Wahl und Huldigung 
immer in einer grossen Staatsversammlung erfolgte, an welcher 
alle Minister (Wezyre), dann sämmtliche hohen Staatsbeamten, 
die Richter (Kädy) von Bagdad und die Alyiden, sowie die 
Abbasiden unter Anfuhrung ihrer beiden Adelsmarschälle 
(nakyb alashräf), imd endlich die Notabein der Hauptsadt 
theilnahmen. 2) 

Schon früh kam die Sitte auf, dass der neu gewählte 
Chalife bei seiner Wahl an die Truppen und das Volk gross- 
artige Geldsummen vertheilte. Wie die spätrömischen Im- 
peratoren durch solche Geldgeschenke (donativa) ihre Prä- 
torianer zu gewinnen suchen mttssten, so waren nicht minder 
auch die Chalifen hiezu gezwungen, da sie von ihren über- 
müthigen türkischen Gardon ebenso leicht auf den Thron 
erhoben als davon hinabgestossen wurden. 

Allerdings sanken oftmals ftir längere Zeit die Wahl 
und Huldigung zu reiner Formsache herab, aber doch fehlt 



^) Makkary I . p. 182, 183; Gayangos: Histoiy of the Mohammedan 
Dynasties of Spain. London, 1853. II. p. 156. 

2) Ibn Chaldiui: Ällgem. Gesch. III. 410, 480. 



VIII. Der Org;aniBmaB des Staates. 393 

es nicht an einzelnen Beispielen, welche den Beweis liefern, 
wie eingewui'zelt im Geiste des arabischen Volkes der Ge- 
danke war, dass die Wahl eine wesentliche Vorbedingung 
der legalen Uebertragung der Souveränität sei. Als Moktadir 
gewählt werden sollte, weigerte sich der Kädy Motannk ihn 
zu wählen und ihm zu huldigen, indem er sagte : Ich wähle 
keinen Knaben zum Chalifen ! — Er hielt sich hiebei strenge 
an den von den Juristen und Staatsrechtslehrern aufgestell- 
ten Grundsatz, dass ein Minderjähriger nicht gewählt wer- 
den dürfe. Dies« Festigkeit seiner Ueberzeugung kostete 
ihm das Leben. ^) 

Man ersieht aus dem Gesagten, dass dieses altarabische 
Wahlrecht innerhalb sehr unbestimmter Grenzen sich be- 
wegte. Es war alles auf alten, mehr oder weniger schwan- 
kenden Gewohnheiten und Volksüberlieferungea begründet, 
welche im Laufe der Zeiten sich merklich umgestalteten. 
So galt es unter den ersten Omajjaden-Chalifen als UHcr- 
hört, dass der Sohn einer Beischläferin zum Thronfolger 
proclamirt worden wäre. Der Chalife Walyd II. that es 
trotzdem *^) , wenngleich ohne Erfolg. Aber später kamen 
solche Fälle oftmals vor. So ernannte Harun Rashyd seine 
beiden Söhne Amyu und Ma'mun zu Thronfolgern und Hess 
ihnen als solchen huldigen; der letztere war um einen 
Monat älter als der erstere, aber Amyn war der Sohn der 
Zobaida, die von hochedlem haschimidischem Stamm war, 
während Ma'mun der Sohn einer persischen Sklavin war. ^) 
Trotzdem gelang es dem I^etzteren, der allerdings viel mehr 
staatsmännische Begabung hatte, die Alleinherrschaft an 
sich zu reissen. 

Die unbeschränkte fürstliche Macht erstarkte eben in 
dem Maasse, als die Autorität der öflfentlichen Meinung, 



1) Ibn Atyr VIIL p. 13. 

2) Agh&ny VI. 136. 

^) Ihn Taghrybardy I. p. 482. 



X » 



394 VIU. Der Or^ftninniis des fltaat«ii. 

der Volksstimme ihre Wirksamkeit einbüBste. Je mehr aber die 
politischen Parteien sich allmälig ausbildeten, desto grössere 
Meinungsverschiedenheiten enstanden gerade über die wich- 
tigsten Fragen des Staatsrechtes ; zu diesen sind gewiss vor 
allem Anderen das Wahlrecht und die Thronfolge zu rechnen. 
Die Partei derjenigen, welche der bequemen Theorie des 
bestehenden Zustandes der Dinge, des Status quo huldigten, 
war wie immer die zahlreichste. Sie legten sich die Benen- 
nung: Partei der Sonna und der Gesammtheit der Gemeinde 
bei. Sie waren immer bereit, den vollzogenen Thatsachen 
möglichst Rechnung zu tragen und jenen Chalifen als legal 
gewählt anzuerkennen, der in der Keichshaupt Stadt von den 
einflussreichsten Persönlichkeiten gewählt und von der Ma- 
jorität der islamischen Gemeinde anerkannt worden war. 
Ihnen gegenüber standen die strengen Legitimisten, welche 
die Berechtigung zum Chalifat nur den Nachkommen Aly's 
zuei'kannten, während die Charigiten, welche als Vertreter 
der demokratischen Ideen, zugleich aber als fanatische 
Puritaner erscheinen, die entgegengesetzten Ansichten ver- 
theidigten: sie behaupteten, dass jeder Moslim, wenn er nui' 
fromm und gottesfurchtig sei, selbst ein Bauer oder Naba- 
täer, zum Souverän der islamischen Gemeinde gewählt wer- 
den könne, und die Vorgeschritteneren unter ihnen stellten 
sogar die Ansicht auf, dass ein Souverän oder Chalife über- 
haupt nicht nothwendig sei. 

Die conservative Majorität suchte diesen extremen 
Richtungen gegenüber ihre Ansichten auch wissenschaftlich 
zu begründen und schon fi'üh wurde die Frage über die 
Berechtigung zum Chalifat, die Souveränität und Tlu'onfolge 
zum Gegenstande schriftstellerischer Polemik. Gegenüber 
den stets gefahrlicher werdenden extremen Bestrebungen 
sowohl der demokratischen (Charigiten) als der legitimi- 
stischen Partei (Shyiten) stellten die Orthodoxen den Grund- 
satz auf, dass die höchste Autorität in solchen Fragen die 
Gesammtheit der moslimischen Gemeinde sei. In einem der 



ten, dass jeder Moslim zum Oberhaupte des Staatswesens 
ei-wählt werden könne. Alle diese Theorien fanden auch 
ihre praktische Anwendung, denn bei der Ausdehnung des 
Reiches, den häufigen Aufständen, kam jede, selbst die 
extremste Partei, für kürzere oder längere Zeit in der einen 
oder anderen Provinz zur Herrschaft und hatte Gelegenheit, 
ihre politischen Theorien zu verwirklichen; die Charigiten 
wählten ihre Souveräne aus den untersten Kreisen oder 
nahmen republikanische Formen an, während die Shyiten 
den Nachkommen Aly's eine immer mehr ausartende ab- 
göttische Verehrung widmeten und schliesslich soweit ka- 
men, den jeweiligen Imäm für absolut unfehlbar und sündenlos 
zu erklären und ihn als eine Fleisch werdung des göttlichen 
Logos zu betrachten. 

Allein die grosse Majorität der Nation hielt auch hier, 
wie immer in solchen Fällen, an den gemässigten Ansich- 



* ylll. Der Organismus des Staates. 395 

ältesten religiös-politischen Tractate (dem KitÄb alloma' von 
Ash'ary) heisst es ausdrücklich : ' Es ist nicht gestattet zu 
glauben, dass die Gesammtheit des Volkes einen Irrthum 
begehen könne (1& jaguzo an jogmiVlommata *alk chata'in.*) I / 

Die Uebereinstimmung der ganzen moslimischen Ge- 
meinde und die freie Wahl waren es also, welche als ein- 
zige Rechtsquelle der Souveränität erklärt wui'den.^) Aller- 
dings beschränkte man schon in den ersten Zeiten die 
Wahlfahigkeit, indem die grosse Majorität der Orthodoxen 
und Altgläubigen nur den als wählbar erklärte, welcher der 
Familie Koraish angehörte, aus welcher Mohammed selbst 
hervorgegangen war, während die Shyiten die Wählbarkeit 
zum Souverän nur den Nachkommen Aly's zuerkannten. 
Die Charigiten hingegen Hessen, iusoferne sie überhaupt die 
Nothwendigkeit eines Staatsoberhauptes nicht ganz in Abrede ' 
stellten, eine solcHe Einschränkung nicht zu und behaupte- ^.7*;^ 



f 



I r 



1) MB. in meinem Besitze p. 139. 

^) ShahrastAny, deutsch von Haarbrückor, I. p. 112. 



396 VIII. Der Organumns des Staates. • 

teil fest, und als unter den ersten Abbasiden das Reich 
eine Epoche des höchsten Glanzes durchlebte, wurden die 
wichtigsten staatsrechtlichen PVagen, ganz besonders die der 
Souveränität, der Thronfolge und der Wahl des Fürsten, 
durch das Volk wissenschaftlich in den juristischen und 
politischen Kreisen von Bagdad erörtert, und allmälig in 
ein festes System gebracht, das uns in Mäwardy's Schrif- 
ten erhalten ist. 

Bevor wir, auf diese Arbeiten uns stützend, die wich- 
tigeren hieher bezüglichen Fragen näher besprechen, wol- 
len wir einige kurze Bemerkungen über das Leben dieses 
Staatsmannes und Schriftstellers einschalten, dessen Buch 
über das Staatsrecht eines der lehrreichsten der arabischen 
Literatur ist. 

Mawardy war seinen Studien nach Jurist, und zwar 
jener Schule, welche die shÄfi'itische genannt wird. Er hatte 
die Rechtswissenschaft unter berühmten Meistern in Bassora 
und Bagdad betrieben, und bekleidete dann das Richteramt 
in verschiedenen Städten. In seinen Musestunden beschäf- 
tigte er sich mit Schriftsteller ei, vorzüglich in seiner Fach- 
wissenschaft. Allein bald ward er aus der ruhigen Beschau- 
lichkeit seiner Studirstubc in das bewegte Leben hinaus- 
getneben. Es herrschte damals der Chalife Kä^dir, aber 
derselbe besass kaum etwas mehr als eine religiöse Macht- 
stellung. Die bujidischen Sultane hatten Irak und Färis, 
die schönsten Provinzen des Reiches, sich annectirt, und in 
Bagdad selbst hatte der Fürst der Gläubigen keine poli- 
tische Autorität meKr. Trotzdem war der religiöse Nimbus 
der Chalifen noch immer so gross, dass jeder der verschie- 
denen Sultane, die sich in die Provinzen des Chalifenreichs 
getheilt hatten, nur dann im Besitze seiner Macht sich 
sicher fühlte, und nur dann sich legitimirt zu haben ver- 
meinte, wenn der geistliche Oberpriester des gesammten 
Islams, der Chalife, ihm mit seinem Segen die Investitur 



VIII. Der OrgraniBmas des Staates. 897 

ertheilte, ihn in Amt und Würde als seinen Stellvertreter 
und Statthalter in allen weltlichen Dingen bestätigte. 

Bei dem Chalifen genoss Mäwardy eines grossen An- 
sehens und wurde mehrmals als diplomatischer Agent in 
schwierigen Verhandlungen mit den weltlichen Herrschern 
verwendet. ') Er war also besser als irgend Jemand in die 
hohe Politik jener Zeiten eingeweiht und sicher waren es 
die in solcher Stellung gesammelten Erfahrungen, welche 
er in seinen staatsrechtlichen Schriften verwerthete. 

In seinem Hauptwerke stellt er ein System des Staats- 
rechtes auf; und so sehr in vielen Beziehungen daraus ersicht- 
lich ist; dass er den factischen Machtverhältnissen seiner 
Zeit volle Rechnung zu tragen wusste, so ist doch das 
Merkwürdigste an dieser Arbeit die wissenschaftliche Unab- 
hängigkeit; mit welcher er ohne Rücksicht auf Gunst oder 
Ungunst die Ergebnisse seiner Geistesthätigkeit in einem ' 
wohldurchdachten System zusammenstellt. Wie Archimedes 
seine Kreise zog, als schon der rohe römische Krieger das 
Schwert gegen ihn schwang zum tödtlichen Hiebe, so^ erör- 
tert Mäwardy die Rechte und Pflichten des Chalifen, dessen 
geistliche und weltliche Machtstellung von dem theoretischen 
Standpunkte des orthodoxen islamischen Rechtsgclehrten, 
ebenso unbefangen, als ob die Bujiden, welche damals in 
Bagdad heiTschten, für ihn gar nicht dagewesen wären, und * i 
als ob es sich einfach darum gehandelt hätte, irgend ein 
wissenschaftliches Thema, und nicht die brennendsten Fra- 
gen der Tagespolitik zu erörtern. Darin glichen die arabi- . 
sehen Gelehrten den deutschen Denkern, dass sie von aller 
Wirklichkeit absehend, ganz in ihre Theorien sich zu ver- 
senken verstanden. 

Mit Rücksicht auf die oberste geistliche und weltliche 
Souveränität (imämbh) sagt Mäwardy, ist die ganze Nation 



A 



tAA-» 



^^^ Geschichte d. herrsch. Ideen des Islams d. 418; Hammer: 
Pnrpitall Lit. Gesch. VI. 416. 



398 VIII. Der Organidmus des Staates. 

• 

in zwei Klassen einzutheileii: die erste umfasst alle jene, 
welche das Wahlrecht ausüben, die andere Jene, die auf die 
Wald zum Souverän Anspruch machen und darauf ein An- 
recht haben. Die Bedingungen aber, die erforderlich sind, 
um, sei es als Wähler, sei es als Wahlcandidat, aufzutreten, 
sind mehrfach. Für den Wähler sind folgende Eigenschaften 
unentbehrlich: 1. Makellose Unbescholtenheit. 2. Die nöthi- 
gen Kenntnisse, um darüber urtheilen zu können, welche 
Personen die zum Staatsoberhaupte erforderlichen Eigen- 
schaften besitzen. 3. Die nöthige Einsicht und Urtheilskraft, 
um unter den zur Wahl qualificirten Personen jene zu wäh- 
len, welche (nach den gegebenen Zeitverhältnissen) zur Sou- 
veränitätswürde geeigneter und zur Leitung der Staatsange- 
legenheiten tüchtiger und befähigter ist. 

Die Bewohner der Residenz hatten hierin keinen Vor- 
zug vor dem übrigen Volke : nur die Praxis, nicht aber die 
gesetzliche Theorie, hat es gefügt, dass, nachdem die Be- 
wohner der Residenz früher den Tod des Souveränes er- 
fahren, sie auch früher als die andern zur Wahl des neuen 
Souveräns schreiten können , wobei noch zu bemerken 
kömmt, dass auch die Personen, welche, die zur Wählbar- * 
keit erforderlichen Eigenschaften besitzen, gewöhnlich in der 
Residenz sich auflialten. 

Mäw^ardy stellt, wie man sieht, seine Theorie, die 
wissenschaftlich ganz logisch begründet wird, ohne irgend 
eine Rücksicht für die factischen Verhältnisse hin: es küm- 
mert ihn nicht, dass die Chalifenwahl fast immer von dem 
Pöbel der Hauptstadt und den Soldtruppen gemacht wurde, 
und dass gewöhnlich die gesammte Nation nichts anderes 
thun konnte, als die in der Hauptstadt vollzogenen Ereig^ 
nisse anzuerkennen, oder die Fahne des Aufruhrs zu erhe- 
ben. Der arabische Staatsrechtslehrer stellt daher von seinem 
theoretischen Standpunkte mit voller Consequenz den Grund- 
satz auf, dass alle wahlberechtigten Moslimen bei der Wahl 
in gleichem Maasse ihre Stimme geltend zu machen berufen 



YIII. Der Organismus des Stautes 399 

seieU; wenngleich er die Bemerkung nicht unterdrücken 
kann, dass in der Praxis die Sachen sich anders gestalten, 
und meistens* die Hauptstadt in der Wahlfrage das ent- 
scheidende Wort spreche. 

Was die Erfordernisse betriflft, welche an Jene gestellt 
werden müssen, die darauf Anspruch erheben, zum Chalifen 
gewählt zu werden, so sind diese nach Mäwardy folgende: 
1. Makellose Unbescholtenheit. 2. Die erforderlichen juri- 
disch-theologischen Kenntnisse, um nach eigenem Ermessen 
in schwierigen Fällen das Urtheil zu sprechen. 3. Unver- 
sehrtheit der Sinneswerkzeuge: des Gehörs, des Gesichts 
und der Zunge. 4. Unversehrtheit der Leibesglieder. 5. Die 
zur Beherrschung des Volkes und Leitung der Geschäfte 
erforderliche Einsicht. 6. Muth und Kühnheit, um das mo- 
hammedanische Gebiet vertheidigen ' und die Ungläubigen 
bekriegen zu können. 7. Die adelige Abstammung aus der 
Familie Koraish. ') 

Unter den obigen Bedingungen lässt Mäwardy zwei 
aus, die von späteren Juristen, wie Kady Baidslwy in sei- 
nem Werke: Taw&li* alanwär, von Ghazz&ly in seinem Ihjä 
(L p. 147), hinzugefugt werden, nämlich: Das mannbare 
Alter, oder, wie wir sagen würden, die Grossjährigkeit, und 
das männliche Geschlecht. ^) 



1) Es ist hier der Ort, daran zu erinnern, dass bei den Hebräern 
körperliche Gebrechen als Hindernisse zur £rlangiing- der Priesterwürde 
galten. Die wesentlichen Bedingungen finden sich im Leviticus XXI. 1*7. ff. 
Blinde, Lahme und Bresthafte mussten dem Altar ferne bleiben. Aus dem- 
selben Grunde kam es bei den späteren Abbasiden-Chalifen oftmals vor, 
dass, wenn einer derselben durch Empörung des Thrones * verlustig gegan- 
gen war, man ihn blendete, um ihn auf diese Art für immer unfähig zu 
machen, die Regierung wieder anzutreten. Jedenfalls liefert; aber das 
Vorhandensein derselben Idee bei den Hebräern und Arabern einen neuen 
Beweis für den grossen Einfluss jüdischer Ideen auf den Islam. 

^) Eine charigitische Fraction, die Secte der Shabjbijjah, hatte 
nämlich ein Weib zum Souverän gewählt. Vgl. Gesch. d. herrsch. Ideen 
des Islams p. 369. 



(: 



1 • 



400 



VIII. Der Organismus des Staates. 



i'J 



Ueber die Art und Weise, wie die Fürsten wähl vor- 
zunehmen sei, herrschten verschiedene Ansichten; die Einen 
behaupteten, die Wahl sei nur dann giltig, wenn die Ge- 
sammtheit der Wahlberechtigten des ganzen Reichs sie vor- 
genommen habe — also ein vollkommenes suffrage universel. 
Andere hingegen vertraten die Ansicht, dass auch eine ge- 
ringere Anzahl genüge, indem sie sich hiebei auf die Vor- 
gänge bei den Wahlacten der ersten Chalifen beriefen. Es 
gab sogar einige rabulistische Juristen, die meinten, die von 
fünf maassgebenden Männern (einstimmig) erfolgte Wahl 
sei als legal anzusehen; andere gingen sogar noch weiter. 

Man ersieht hieraus, welche Gegensätze in den ver- 
schiedenen Schulen herrschten ; während die Einen ein Ple- 
bescit für nothwendig erklärten, nahmen die Anderen keinen 
Anstand, das Wahlrecht der Gesammtheit in die Hände 
einiger weniger Personen zu legen. 

Ganz merkwürdig ist die Auffassung des Verhältnisses 
zwischen Volk und Souverän. Mawardy bezeichnet es als das 
eines bilateralen Vertrages ('akd). Lehnt der Gewählte ab, 
so kann er nicht zur Annahme gezwungen werden. Eine 
nothwendige Folge dieser Auffassung ist die, dass die An- 
nahme der Wahl auch gewisse Pflichten auferlegt. Diese 
Pflichten des mohammedanischen Souveräns, des Chalifen, 
fasst, Mawardy zusammen, wie folgt: 1. Die Religion in 
ihren festen Grundprincipien zu bewahren. 2. Processe zu 
entscheiden und Streitigkeiten zu schlichten. 3. Das moham- 
medanische Gebiet zu vertheidigen und die öffentliche Sicher- 
heit zu wahren. 4. Die strafrechtlichen Verfugungen zur 
Anwendung zu bringen. 5. Die Grenzen zu behüten dui'ch 
Besatzungen und Kriegsvorbereitungen. 6. Jene zu bekrie- 
gen, die den Islam anzunehmen oder die Unterwerfung 
unter den für Nichtmohammodaner festgesetzten Bedingun- 
gen verweigern. 7. Die Steuern und Abgaben nach Vor- 
schrift des Gesetzes einzuheben. 8. Die Jahresgehalte aus- 
zubezahlen, und auf den Staatsschatz anzuweisen. 9. Die 



YIII. Der Organiimus dea Staates. 401 

Wahl der Vertrauensmänner und Ernennung der Räthe zur 
Verwaltung der verschiedenen Steuerdistricte zu treflfen. 
10. Selbstständig in die Regierungsgeschäfte Einsicht zu . 
nehmen und die Zustände (der Verwjiltung) zu controlliren. 

Wird der Chalife diesen Verpflichtungen gerecht und 
erfüllt er sie, so hat das Volk zwei Pflichten ihm gegenüber 
zu erfüllen und diese sind : 1. Gehorsam zu leisten, 2. den 
Beistand ihm zu gewähren. — Kommt jedoch der Fürst 
seinen Verpflichtungen nicht nach, so wird er des Herr- 
scherrechtes verlustig. Die beiden Hauptursachen, welche« 
den Verlust der Herrschaft zur Folge haben, sind: Unge- 
rechtigkeit und ein geistiges oder leibliches Gebrechen. Von 
letzteren sind jene, die hier vorzüglich in Betracht kommen : 
Verlust der ürtheilskraft oder des Augenlichtes. Mindere I 
Gebrechen, welche nicht die freie Bewegung behindern, ha- 
ben den Verlust der Herrscherwürde nicht zur Folge. 

In allen diesen Fällen, wo eine solche zwingende Ur- 
sache den Verlust der Souveränität nach sich zieht, hatte 
eine neue Wahl stattzufinden. 

Allein nebst der Wahl lassen die arabischen Juristen 
auch noch eine andere Art der Ueberlieferung der Herr- 
scherrechte zu ; nämlich die durch Verfügung des Herrschers 
selbst, indem derselbe seinen Nachfolger bezeichnet. Es 
stützt sich diese Ansicht auf die historischen Vorgänge zur 
Zeit der ersten Chalifen,, wo solche 'Fälle vorkamen. Es 
wird sogar zugestanden, dass der noch lebende Chalife zwei 
oder drei Nachfolger bezeichnen könne, die nacheinander 
die Souveränität auszuüben haben würden. So bestimmet 
Harun Rashjd, dass seine drei Söhne, Amyn, Ma'mun und 
Mo^tamin in der Chalifenwürde auf einander folgen sollten. 

Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, 
welcher offenbare Widerspruch zwischen den beiden eben 
dargestellten Arten der Ueberlieferung der Herrscherrechte 
durch die Wahl des Volkes und durch Verfügung des Fürsten 
sich ergibt. Das Wahlrecht ging aus dem altarabischen 

▼. Krem er, Ciiltnrgesciuchte des Orienti. .26 



402 VIII- I>«r Organinnas des RUatos 

Brauche der Häuptlings wähl der einzelnen Ktäinnie hervor. 
Die Uebertragung der Souveränitätsrechte durch testamen- 
tarische Verfugung hingegen entstand aus der Rücksichts- 
nähme auf den oftmals wiederholten historischen Vorgang 
solcher Uebertragung, sowohl bei den ersten Chalifen als 
bei den Omajjaden und Abbasiden. Allerdings musste auch, 
wenn der Nachfolger von dem Vorgänger ernannt worden 
\ war , immer diese Verfiigung durch die allgemeine Wahl 
I und Huldigung sanctionirt werden ; und kein Chalife, der 
einen Sohn oder Verwandten zum Nachfolger bestimmte^ 
unterliess es, die allgemeine Huldigung vornehmen zu lassen, 
durch welche das, Volk den bezüglichen Staatsact billigte 
und demselben die letzte Weihe ertheilte. 

Es war eine der gefahrlichsten Seiten des Wahlrechtes, 
dass auch hier, wie überall, wo die Souveränität nicht auf 
festeren Grundlagen steht, das Volk als nothwendige Folge 
seines Wahlrechtes den Anspruch geltend machte den ge- 
wählten Fürsten der Souveränität verlustig zu erklären, 
seiner Würde zu entsetzen. Gewöhnlich versammelte sich 
. hiezu das Volk in der Hauptmoschee ; ein durch seine Stel- 
lung einflussreicher Mann hielt eine Anrede an die ver- 
sammelte Gemeinde, worin die Anklage gegen den herr- 
schenden Chalifen erhoben und dessen Absetzung als im 
Interesse des Islams geboten begiündet ward, und er endete 
damit, dass er seinen Ring vom Finger zog, ihn zur Erde 
warf oder seinen Schuh abzog, ihn wegschleuderte und dazu 
sprach : Ich verwerfe den N. N. so wie ich diesen Ring oder 
diesen Schuh wegwerfe ! Jeder der Anwesenden gab seine 
Zustimmung dadurch zu erkennen, dass er einen seiner 
Schuhe, oder seinen Turban oder ein anderes Kleidungsstück 
hinwarf. Hiedurch galt die Absetzung als vollzogen. *) 



1) Vgl. Ibn Taghrybardj II. p. 192. Amari: Storia dei Masnlmani 
della Sicilia f. p. 137, 188. 



YIII. Der Organitmas des Staate§. 4()3 

Das Gesagte genügt, um sich über die Verfassung des 
alten Chalifenreiches ein Uii;heil zu bilden. Dieselbe war 
kaum besser als die des gewesenen polnischen Königreichs 
mit seinem unbeschränkten Veto jedes einzelnen Edelmannes. 

Die ötaatsrechtslelirer der späteren Zeit stellen aber 
noch eine dritte Art der Erlangung der Souveränitätsrechte 
auf/ nämlich die ,,zwangweise Wahl^ (albai*at alkahrijjah). 
Man verstand darunter jene Erwerbung der obersten Gewalt, 
wo in Zeiten eines Interregnums oder anarchischer Zustände 
kein allgemein anerkannter Souverän herrscht, sondern ein 
kühner Parteigänger mit Gewalt und Heeresmacht ohne 
Wahl und Huldigung des Volkes und ohne testamentarische 
Uebertragung der Herrscherrechte sich des Thrones bemäch- , 
tigt, und dem zu gehorchen das allgemeine Beste der 
mohammedanischen .Staatsgenossenschaft erfordei*t , damit 
Anarchie und Bürgerkrieg vermieden werden. 

Es hat, sagt Ibn Gama'a, nichts auf sich, wenn dieser 
Herrscher ungebildet, ungerecht oder lasterhaft ist. Erhebt 
sich aber geg^n ihn ein anderer Usurpator und beraubt ihn 
der Herrschaft, so ist der Sieger als der rechtmässige Sou- 
verän zu betrachten. *) 

Man ersieht hieraus, dass man durch die Erfahrung 
klug geworden war. Man hatte mit den vollzogenen That- 
sachen rechnen gelernt und fand es am besten, dieselben 
anzuerkennen. Das mohammedanische Staatsrecht ward somit 
in seiner letzten Periode zur Theorie der unbedingten An- ] 
erkennung des Rechtes des Stärkeren. 

Ibn Gamä*a war eben ein praktischer Staatsmann, der 
das I^ben so auffasste, wie es war, nicht wie es hätte sein 
können oder sollen. ^) Um wie viel höher steht nicht Mäwardy 



<) Ibn Oam&*A: Tahryr alahkftm fol. 7 und 8. 

^ Geboren im Jahre 639 H. (1238 Chr.), machte Ibn Gama*a 
seine Stadien in Damasens and war besonders in den theologisch-jaridtschen 
Wissenschaften der Traditionsknnde, Rechtslehre a. s. w. sehr bewandert. 

26* 



404 VIII. Der Organismus des S^tes. 

mit seiner zwar theoretischen aber sittlich-reineren Auf- 
fassung der Souveränität. Zu seinen Zeiten war der Chalife 
vollständig in der Gewalt der Sultane des Geschlechtes 
Bujeh. Das Chalifat begann in eine von Vater auf Sohn 
sich vererbende Oberpriesterschaft überzugehen. Aber Mä- 
wardy lässt diese thatsachlichen Machtverhältnisse ganz 
ausser Betracht und setzt nur mit Rücksicht auf das theo- 
retische Staatsprincip die Bedingungen der Chalifenwahl fest: 
sind zwei Chalifatscandidaten da, welche in der Berechtigung 
und Befähigung sich gleich sind, so sei der zu wählen, 
welcher jene Eigenschaften in höherem Grade besitzt, die 
unter den gegebenen Zeitverhältnissen dringender erforderlich 
sind : also in kriegerischen Zeiten hat die Wahl auf den zu 
fallen, welcher unternehmungslustiger iind militärisch er- 
fahrener ist, in friedlichen Zeiten auf jenen, der in der 
Regierungskunst grössere Kenntnisse besitzt. ^) Ja er scheut 
sich nicht, die in der Praxis gewiss höchst verderbliche, in 
seiner Theorie aber begründete Lehre auszusprechen, dass 
ein lasterhafter Chalife seiner Ilerrscherrechte verlustig 
werde und durch einen besseren zu ersetzen sei, während 
Ibn Gamä'a, praktischer aber weniger moralisch, die gerade 
entgegengesetzte Theorie vertheidigt. 

Nachdem wir nun im Vorhergehenden die theoretischen 
Darstellungen der Araber selbst über den ersten und höchsten 
Factor ihres Staatslebens: das weltliche und religiöse Ober- 
haupt desselben, gegeben haben, schreiten wir zur Besprechung 
der Stellung der niedrigeren Factoren des mohammedanischen 
Staatsorganismus, nämlich der dtem Chalifen unmittelbar 
unterstehenden ersten Staatsbeamten, der Minister und 
Statthalter. 



Er bekleidete wiederholt das Richteramt und die höchsten Staats würden. 
Seine Schriften haben die Traditionskiinde und das Staatsrecht zum Ge- 
genstande. Er starb 773 H. (1371 Chr.). Fawät IL 217. 
«) Mftwardy p. 7. ff. 



VIII. Der Organiemu» des SUate». 405 

n. Die Minister und Statthalter. 

Zur Besorgung der politisch-administrativeii Angelegen- 
heiten bediente sich der Chalife der Wezyre (Minister) 
und der Statthalter (omarä albilad oder wolat). Ueber die 
Stellung des Wezyrs und die Bedeutung dieses Amtes haben 
wir schon in dem Abschnitte von den administrativen Ein- 
richtungen der Abbasiden ausfuhrlich gehandelt, indem erst 
durch die Abbasiden diese Würde und die ihr entsprechende 
Benennung aufkam. Es erübrigt daher nur, über die wissen- 
schaftlichen Theorien von der Stellung und dem Wirkungs- 
kreise des Wezyrs einiges zu bemerken. 

Nach Mäwardy sind die nothwendigen Eigenschaften 
des Wezyrs dieselben wie die, welche der Chalife haben 
soll; mit einziger Ausnahme der Abstammung von der Fa- 
milie Koraish, welche wohl bei dem Chalifen aber nicht bei 
dem Wezyr erforderlich ist: ausserdem soll er noch die 
entsprechende Geschäftskenntniss im Militärwesen sowohl 
wie im Finanzfache (dem Steuerwesen) besitzen. 

Das Wezyrat zerfallt, wie wir schon früher gesehen 
haben, in das unbeschränkte (wizarät tafwyd) und das be- 
schränkte (wizärat tanfyd). Der unbeschränkte Wezyr kann 
alle Majestätsrechte ausüben, nur keinen Thronfolger darf er 
ernennen. 

Es erhellt aus dem Gesagten, dass die Machtvollkom- 
menheit, welche die arabischen Juristen dem unbeschränkten 
Wezyr zuerkannten, fast das Gleichgewicht hielt jener des 
Chalifen. 

Der unbeschränkte Wezyr hatte das Recht selbststän- 
dig, ohne früher den Chalifen zu befragen, die Statthalter- 
posten und anderen hohen Aemter zu besetzen; der be- 
schränkte Wezyr konnte dies nur nach Einholung der Befehle 
seines fürstlichen Gebieters ; der unbeschränkte Wezyr konnte, 
ohne vorher angefragt zu haben, die nöthigen Entscheidun- 
gen und Instructionen hinausgeben, der beschränkte Wezyr 



406 VII I. Der Organlraus den Staates. 

konnte dies nur in Ausfuhrung der erhaltenen Aufträge. 
Wenn der Chalife den beschränkten Wezyr seiner Stelle 
enthob, so blieben die Statthalter und anderen hohen Beam- 
ten in ihren Aemtern, aber wenn der unbeschränkte Wezyr ., 
seines Postens enthoben ward, so galten alle von ihm 
ernannten Statthalter und anderen Würdenträger als ab- 
gesetzt, und muBSten von dem Chalifen ausdrücklich neu 
bestätigt werden. 

Uebrigens fiigt Mawardy, dem diese Angaben ent- 
nommen sind, am Schlüsse seiner Abhandlung über das 
Wezyrat eine Bemerkung hinzu, die ein bezeichnendes 
Streiflicht auf die politischen Zustände jener späteren 
Periode des Chalifates wirft; er sagt: ^Wenn der Chalife 
die Verwaltung der Provinzen ganz den Statthaltern über- 
lässt, wie dies in unseren Tagen der Fall ist, so kann der 
König jeder Provinz sich seine Wezyre ernennen, deren 
Stellung ihm gegenüber ganz dieselbe ist, wie jene der 
Wezyre des Chalifen diesem gegenüber.? 

Die Statthalter der Provinzen des Chalifenreiches 
waren nämlich zu jener Zeit schon fast souveräne Fürsten 
geworden, welche die Oberhoheit des Chalifen nur formell 
anerkannten, ihre Länder ganz selbstständig verwalteten, 
und ihre Minister (Wezyre) hatten. Diesem Zustand der 
Dinge trägt Mawardy Rechnung durch den obigen Zusatz 
(Mäwardy p. 33—47). 

Nächst den Wezyren, den Ministern, waren die wich- 
tigsten Exocutivorgane des Chalifen, die Statthalter der 
Provinzen. Auch bei ihnen wird der Unterschied gemacht 
zwischen solchen mit unbeschränkter oder mit beschränkter 
Vollmacht. In den Wirkungskreis des Statthalters mit un- 
beschränkter Vollmacht gehören folgende Angelegenheiten: 
1. Die oberste Leitxmg des Militärwesens seiner Provinz, 
(wenn nicht ein besonderer. Militär-Obercommandant bestellt 
worden war), die Stationirung und Vertheilung der Trup- 
pen, die Bemessung ihres Soldes (es sei denn, dass der 



YIII. Der Organismus des Staates. / 407 

Chalife besonders hierüber verfügt, und die Löhnung selbst 
den Truppen anweist). 2. Die oberste Aufsicht über die 
Rechtspflege, die Ernennung der Richter (kädy). 3. Die 
Einhebung der Steuern und Abgaben, Ernennung der 
Steuerbeamten, sowie die Repartition der Steuern. 4. Der 
Schutz der öffentlichen Sicherheit, sowie der Religion und 
Bewahrung derselben vor Neuerungen. 5. Die Handhabung 
der Sitten- und Strafpolizei (zu welchem Behüfe der Statt- 
halter gewöhnlich besondere Beamten [mohtasib] ernannte). 
6. Der Vorsitz bei den öffentlichen Freitags- und Festge- 
beten. 7. Die Ausrüstung und Förderung der jährlich nach 
Mekka abgehenden Pilgerkarawane. 8. Die Führung des 
Krieges gegen die Ungläubigen (wenn seine Provinz an 
Feindesland gi*enzt) und die Vertheilung der Beute unter 
die Soldaten, sowie Einhebung des von derselben dem Staats- 
schatze gesetzlich gebührenden Fünftelantheils. 

Hingegen hat der Statthalter nicht das Recht, den 
Sold der Truppen eigenmächtig zu erhöhen. Sieht er sich 
aber durch gewichtige Gründe (Theuerung oder unvorher- 
gesehene Ereignisse) genöthigt es zu thun, und ist diese* 
Solderhöhung eine solche, die keinen permanenten Charak- 
ter trägt, so kann der Statthalter auch ohne die Ermächti- 
gung des Chalifen einzuholen, diese Verfügung treffen. Soll 
jedoch diese Solderhöhung eine bleibende sein, so muss immer 
die Erlaubniss des Chalifen angesucht werden. Hingegen 
steht es in der Machtbefugniss des Statthalters, den erwach- 
senen Söhnen der Soldaten Dotationen zuzuweisen, und 
ihnen Löhnungen zu verabreichen, ohne vorher angefragt 
zu haben. 

Erübrigt nach Bestreitung aller Auslagen für die 
Provinzialverwaltung und nach Auszahlung des Soldes der 
Truppen irgend etwas von dem Einkommen der Provinz, 
so hat der Statthalter den Ueberschuss an den Chalifen ab- 
zuführen, reicht aber das Steuereinkommen nicht aus, um 
die Truppen zu bezahlen, so kann er den erforderlichen 



408 Vni- I>«r OrgiuiiBmufl des Staatea. 

Betrag aus dem Schatze der Centralregiemng beanspruchen. *) 
Ist der Statthalter vom Chalifen ernannt, so hat dessen Tod 
nicht die Folge, dass jener abgesetzt ist; wenn er aber vom 
Wezyr ernannt wurde, so hat der Tod des Letzteren die 
Wirkung, daas alle von ihm eingesetzten Statthalter ihrer 
Posten verlustig werden, w^enn sie nicht auf*s Neue die 
Bestätigung in Amt und Würde erhalten. 

Weniger ausgedehnt waren die Befugnisse des be- 
schränkten Statthalters: er hatte nur das Recht der Verfü- 
gung über die Militärmacht der Provinz, die Leitung der 
Administration und die Fürsorge für die öffentliche Sicher- 
heit. Hingegen stand ihm kein Recht zu, sich mit der 
Justiz oder der Erhebung der Steuern und Abgaben zu be- 
fassen. In strafrechtlichen Angelegenheiten war seine Com- 
petenz eine sehr beschränkte. Alle strafbaren Handlungen, 
wobei ein Religionsgebot verletzt wurde, gehörten vor das 
Forum des Kädy und nicht des Statthalters. In anderen 
strafrechtlichen Fällen, wo es sich um eine Verletzung nicht 
religiöser Gesetze und Vorschriften handelte, war der Statt- 
halter nur dann competent, wenn der Kläger bei ihm seine 
Klage einreichte. Hingegen kam ihm die Handhabung der 
Sittenpolizei zu. Was die Entscheidung letzter Instanz bei 
Recursen (mazalim) anbelangt, so war er hiezu berechtigt, 
wenn bereits eine richterliche Entscheidung erflossen war, 
und nicht dieser Entscheidung noch ein gerichtliches Ver- 
fahren vorauszugehen hatte. In diesem letzten Falle hatte 
er die Rechtssache dem ordentlichen Richter zuzuweisen 
(Mäwardy p. 53). 

Ebenso gehörte die Ausrüstung und Förderung der 
jährlichen Pilgerkarawane nach Mekka zu den Obliegen- 
heiten des beschränkten Statthalters. 



^) Verbleibt von der Arraentaxe ein Ueberschuss, so ist er nicht 
verpflichtet, diesen an die Centralregiemng abzuführen (M&wardy p. 50). 



YIII. Der Organumns des Staates 409 

Was 'aber den Vorsitz bei dem öffentlichen Freitags- 
gottesdienste betrifft, 'so sind die Juristen verschiedener 
Meinung: nach der Schule des Shäfi*y wären die Kadys 
hiezu mehr berechtigt, nach der Schule des Abu Hanyfa 
aber ist der Statthalter hiezu berufen. 

Diesen Bemerkungen Mäwardy's haben wir nur bei- 
zufügen, dass gewöhnlich bei der Ernennung des Statthalters 
bestimmt wurde, ob er das Recht habe, bei dem öffentlichen 
Gottesdienste zu präsidiren oder nicht. Der mit dem Präsi- 
dium bei dem Gottesdienst ernannte Statthalter galt als der 
eigentliche, höchste Vertreter der Regierung. 

Grenzte die Provinz an feindliches Gebiet, so stand es 
dem beschränkten Statthalter nicht zu, den Krieg ohne 
vorher eingeholte Ermächtigung des Chalifen zu eröffnen 
(Mäwar^y, 53). 

Nebst den eben besprochenen beiden Arten der Statt- 
halterschaft stellen die Theoretiker noch eine dritte auf, 
welche von beiden sich wesentlich unterschied. Es ist 
dies die Statthalterschaft durch Usurpation, von der wir 
schon früher (p. 192) gehandelt haben. 

Die Staatsrechtslehrer knüpfen an die Bestallung eines 
Usurpators zum legitimen Landesfursten durch die Weihe des 
Oberpriesters gewisse Bedingungen, die jener zu erfüllen 
hatte, und welche nahezu wie ein Concordat aussehen, das 
er mit dem geistlichen Oberhirten des Islams abzuschliessen 
hatte. Diese Bedingungen, zu deren genauer Erfüllung sich 
der um die Legitimirung werbende Usurpator verpflichten 
musste, waren folgende: 1. die Würde des Chalifats als der 
obei*sten religiösen Behörde der ganzen islamischen Gemeinde 
zu wahren und zu achten. 2. Die religiöse Unterwerfung 
unter den Chalifen stets offen an den Tag zu legen. 3. In 
allen gemeinsamen Angelegenheiten des Islams willig Unter- 
stützung und Beistand zu leisten, um die Einheit de^ 
islamischen Gemeinde gegenüber den Fremden zu bethätigen. 
4. Die (von dem Chalifen ausgehenden) Ernennungen der 



410 VIII. Der OrganifBas des Staate« 

religiösen Würdenträger (Kädy^ Iinäm) zu respectiren und 
die hierüber erfliessenden Verfugungen zur Ausfuhrung zu 
bringen. 5. Dafür zu sorgen, dass die Erhebung der dui-ch 
das religiöse Gesetz vorgeschriebenen Steuern nach Recht 
und Billigkeit stattfinde, ß. Darüber zu wachen , dass die 
strafrechtlichen Bestimmungen des Gesetzes mit Gerechtig^ 
keit zur Anwendung kommen. 7. Das Volk zur treuen Be- 
wahrung der Religion anzuspornen und von dem, was Gott 
verboten hat, abzuhalten. ^) 

m. Das Militärwesen. 

Der Hauptzweck der Militäreinrichtungen ist nach den 
Grundsätzen des mohammedanischen Staatsrechtes der Kampf 
gegen die Ungläubigen, der Religionskrieg. Ebenso' wie bei 
dem Wezyrat und der Statthalterwürde, so wird auch bei 
der Oberbefehlshaberschaft der Truppen die Unterscheidung 
der beschränkten und der unbeschränkten gemacht; in 
crsterem Falle ist dem Oberbefehlshaber nur die Führung 
der Tnippen und die Leitung der militärischen Operationen 
zugewiesen, in letzterem hingegen sind ihm auch alle mit 
dem Kriegswesen in Verbindung stehenden Befugnisse ein- 
geräumt, wie z. B. die Vertheilung der Beute und das Recht 
zum Abschluss des Friedens. 

Die Truppen werden in zwei Klassen eingetheilt, näm- 
lich reguläre Soldtruppen (mostarzikah, mortazikah), die 
vom Staate Löhnung erhalten und in den Armeeregistern 
eingetragen sind, und Freiwillige (mottawwi*ah) ; diese letz- 
teren bestehen aus Beduinen, Bauern und Städtern, welche 
aus religiösem oder patriotischem Gefühl sich freiwillig am 
Kriege betheiligen; sie erhalten keine fixe Löhnung und 
werden in die Armeeregister nicht eingetragen, sondern 
bekommen Geldunterstützungen aus dem Ertrage der Sada- 



') M&wardy, 47-67. 



Yill. Der OrganiHiniia des Staates. 411 

kahsteuer und dürfen aus dem Staatsschatze ebenso wenig 
eine Subvention erhalten, als die Soldtruppen etwas aus 
dem Sadakahfond beziehen sollen (Mäwardy, 59). 

Rechte und Pflichten des Soldaten. 

Es ist dem mohammedanischen Krieger gestattet, seinen 
ungläubigen Gegner zu tödten, sei es, dass er ihn im Kampfe 
besiegt hat, oder dass derselbe auf eine andere Art in seine 
Gewalt gekommen ist. Verschieden sind die Meinungen der 
Juristen nur in Hinsicht der Greise, der Mönche und Kloster- 
geistlichen: die einen behaupten, dieselben seien zu tödten, 
die andern bestreiten dies. *) Hingegen ist es verboten, 
Kinder oder Frauen, Sklaven oder Dienstleute zu tödten. 
Betheiligen sich Frauen und Kinder am Kampfe, so dürfen 
sie getödtet werden, so lange sie activ im Kampfe mit- 
helfen, aber nicht mehr, sobald sie sich zur Flucht wenden 
(Mäwardy, 68). 

Der moslimische Soldat soll bei der Ablieferung der 
Beute sich der grossten Gewissenhaftigkeit befleissen 
und nichts davon unterschlagen. 2) Endlich darf er sich 
durch keine verwandtschaftlichen Bande oder R'eundschafts- 
beziehungen, die ihn früher an Einzelne von den Feinden 
knüpfen, beeinflussen lassen. 

Pflichten des Oberbefehlshabers. 

Die Pflichten des Oberbefehlshabers der Truppen sind 
folgende: er hat die Truppen marsch- und schlagfei'tig zu 

1) Die Schonung der Geistlichen scheint in den meisten Fällen 
vorgeherrscht zu haben. Der Araber betrachtete den Geistlichen wie einen 
Derwisch mit einer gewissen abergläubischen Scheu und vergriff sich nicht 
gerne an ihm. Vgl. den Fall bei der Einnahme von Syracus. Aman: 
Storia dei Musulmani della Sicilia, I. p. 403. 

2) Die strenge Beobachtung dieser Vorschrift erregte die Bewun- 
derung der christlichen Chronisten. Vergl. Aman: Storia dei Musulmani 
della Sicüia, II. p. 71. 



> 



i 



412 YIII. Der OrganismuB des Staates. 

machen, besondere Aufmerksamkeit dem guten Stande der 
Reit- und 8aumthiere zu widmen, er hat die Officiere (nakyb) 
und Unterofficiere (*aryf) zu ernennen, er hat das Losungswort 
auszugeben, das Heer von unvei-lässlichen Individuen, Spionen 
u. s. w. zu säubern. Der Heerführer hat die Verpflichtung, 
in der Bekämpfung der Ungläubigen auszuharren und da- 
von nicht abzulassen, bis die Feinde entweder den Islam 
angenommen haben und hicmit gleiche Rechte und Pflichten 
mit allen übrigen Moslimen erhalten, oder bis sie vollstän- 
dig imterworfen sind, oder endlich bis sie eine Capitulation 
abgeschlossen, unter Bezahlung eines Tributes sich der mos- 
limischen Herrschaft gefugt haben und zu derselben in das 
Schutzverhältniss getreten sind. Es ist aber auch dem Ober- 
befehlshaber gestattet, wenn der Chalife ihm hiezu die Er- 
mächtigung ertheilt hat, für eine gewisse Zeit einen Waffen- 
stillstand abzuschliessen (Mäwardy, p. 59 ff.). 

Kriegsrechtliche Grundsätze. 

In Betreff der Eröflftiung der Feindseligkeiten ist Fol- 
gendes zu bemerken: Die Feinde sind in zwei Klassen zu 
scheiden: 1. solche, an welche die Auffordening ergangen 
ist, entweder den Islam anzunehmen oder sich zu unter- 
werfen, 2. solche, an welche diese Aufforderung noch nicht 
notificirt worden - ist. — Die ersteren können allsogleich an- 
gegriffen werden, die zweiton aber sind fi'üher einzuladen, 
entweder den Islam anzunehmen, oder sich zu unterwerfen 
und eine Capitulation abzuschliegsen. Erst wenn diese Auf- 
forderung erfolglos geblieben ist, darf der Angriff auf sie 
eröffnet werden (Mäwardy, p. (31). 

Nehmen die Ungläubigen selbst noch auf dem Schlacht- 
felde den Islam an, so erwerben sie hicmit volle Sicherheit 
für ihre Personen und ihre Habe (Maw,, p. 81). 

Werden aber die Ungläubigen besiegt und mit Waffen- 
gewalt unterworfen, so gelten sie mit ihren Frauen und 



Till. Der OrganumoB dei Staates. 413 

Kindern als Krigsgefang^eue, und können als Sklaven ver- 
kauft werden; ') es steht aber den Moslimen auch das 
Recht zu sie (d. i. nur die Männer) zu tödten, oder sie 
zum Austausch moslimischer Gefangener zu verwenden, oder 
endlich sie zu ainnestiren. 

Die letzte der oben angeführten Alternativen ist die, 
dass die Ungläubigen mit den Moslimen eine Capitulation 
abschliessen. Bei Abschluss derselben .haben sie ein- für 
allemal eine bestimmte Summe zu erlegen, die als Kriegs- 
beute gilt, ferner haben sie jährlich einen Txibut zu bezah- 
len, von dessen pünktlicher Entrichtung die Aufrechthaltung 
des durch Capitulation ihnen gewährten Friedenszustandes 
abhängig ist. (Mäwardy, 82, 83). 

Nie ist es den Moslimen erlaubt, auch wenn die Un- 
gläubigen den Vertrag brechen, die Geiseln zu tödten: 
denn es ist, nach Ansicht der arabischen Juristen besser, 
dem Vertragsbruch die Vertragstreue entgegenzusetzen, als 
dem VeiTath mit Verraih zu begegnen (Mäwardy, 84). Die * 
Geiseln werden daher, so lange die Feindseligkeiten nicht 
eröffnet worden sind, zurückgehalten, sobald aber der Krieg 
begonnen hat, sind sie in ihre Heimat zu entlassen ; Weiber, 
welche unterdessen sich zum Islam bekehrt haben, sind 
nicht zurückzustellen, sondern es ist ihren Gatten nur das 
Heirathsgut auszubezahlen. 

In Ansehung der Art der Kriegsfiihrung gilt Folgen- 
des: es ist gestattet, Kriegsmaschinen, Bailisten und Kata- 
pulten anzuwenden, die feindlichen Ansiedlungen zu über- 
fallen, anzuzünden oder zu zerstören; auch ist es erlaubt, 
die feindlichen Palmpflanzungen und Bäume zu fallen, doch 
nur dann, wenn mit Fug hievon ein Erfolg zu erwarten 



Damit man nicht glaube, dass die christlichen Gegner der Ara- 
ber civiliflirter gewesen seien als sie, will ich nur beifügen, dass auch die 
byzantinischen Feldherren die Gefangenen einfach verkauften, lind wie jede 
andere Kriegsbeute theilten. Amari: Storia dei Musulmanl della Bicilia, 

n. 441. 



414 



YIII. Der Org»iii«raa(i dei Staates. 



8teht, nicht nutzlos. Ferner ist es erlaubt, die feindlichen 
Bi-unnen und Wasserquellen zu zerstören, selbst wenn Wei- 
ber und Kinder darunter leiden sollten, weil dies am ersten 
geeignet ist, die Gegner zur Unterwerfung zu bestimmen. 
Die Feinde dürfen getödtet werden, doch keiner, sei es 
lebend oder todt, soll verbrannt, gemartert, oder die Leiche 
verstümmelt werden. Den mohammedanischen Truppen steht 
es im Feindesland frei, den Proviant und die Fourage, welche 
sie vorfinden, für sich und ihre Thiere zu verwenden, ohne 
darüber Rechnung zu legen, doch sollen sie ohne zwingende 
Noth nichts Anderes, wie etwa Kleider oder Reitthiere, sich 
aneignen. Zwingt sie aber die Noth hiezu, so haben sie 
hierüber bei der Einsammlung der Beute Rechnung zu 
legen, und wird ihnen dann der Werth von ihrem Beute- 
antheil abgezogen (Mäwardy, 85, ff). 

Anders als gegenüber den Ungläubigen sind die Be- 
stimmungen fiir den Kampf mit Jenen, die dem Islam ab- 
trünnig werden, oder sich im mohammedanischen Staate 
gegen die Staatsgewalt erheben und zu den W^flfen greifen. 

Jene, die vom Islam abfallen, sei es zu einer vom 
Staate geduldeten Religion (z. B. Christenthum, Judenthum) 
oder zu einer solchen, die nicht geduldet wird (Götzen- 
dienst, Manichäismus) sind zu tödten. ^) 

Das Vermögen eines Apostaten wird zum Besten des 
Staates eingezogen. Nach Abu Hanyfa aber konnte der 
Staat nur jenen Theil seines Vermögens einziehen, den er 
nach seiner Apostasie erworben hatte: sein früheres Ver- 
mögen aber sollte seinen gesetzlichen Erben anheimfallen; 
nach Abu Jusof fier sein ganzes Vermögen ohne Ausnahme 
an seine Erben (Mäwardy, 91). 

Alle diese Bestimmungen über die Apostaten beziehen 
sich nur auf den Fall, wo sie vereinzelt vorkommen: wenn 



■j Dieses Gesetz besteht nocb in den echt orientalischen Staaten, 
Persicn nnd Marokko in voller Kraft. In der Türkei ist es längst beseitigt. 



VII J. Der Organismnii des Staates. 415 

aber die vom Islain Abtj*ünnigen in Masse auftreten, ' und 
ein g-anzer Landstrich sich ihnen anschliesst, so sind sie 
einfach nach ergangener Aufforderung, zum Islam zuiiick- 
zukehren, mit Krieg zu überziehen, und gerade so wie die 
Ungläubigen zu behandeln. Nur darf mit den Abtrünnigen 
kein WaiFenstillstand und keine Capitulation abgeschlossen 
werden, ferner dürfen weder sie noch ihre Familien zu 
Sklaven gemacht werden, wie die Andersgläubigen, ebenso 
wenig kann ihr Besitzthum als Kriegsbeute erklärt werden, 
sondern es gehört dem Staate oder ihren legalen Erben 
(Mawardy, 92—94). 

In Betreff der Sektirer (ahl albaghj) gelten folgende 
Bestimmungen (96) : Wenn sie vereinzelt auftreten, so wer- 
den einfach administrative Mittel gegen sie angewendet, um 
sie zur Ordnung zurückzuführen. Bilden sie hingegen eine 
besonrdere Partei, die sich in einem Landestheile ansammelt 
und festsetzt, so werden sie nicht mit Krieg überzogen, so- 
lange sie der Regierung Gehorsam leisten und ihre Pflich- 
ten gegen dieselbe erfuLllen. Ist jedoch das G^gentheil der 
Fall, verweigern sie der Regierung die Abgaben, und er- 
wählen sie einen besonderen Im&m (Souverän) aus ihrer 
Mitte, so ist mit militärischen Maassregeln gegen sie einzu- 
schreiten (98). Allein auch hierin sind sie nicht wie die 
Ungläubigen zu behandeln, sondern sie haben auf gewisse 
Rücksichten Anspruch (Mawardy, 100). 

Was Üie Wegelagerer und Räuber anbelangt, so ist 
ihre Strafe nach einem Koranvers die, dass sie getödtet 
oder gekreuzigt, ihnen Hände und Füsse abgehauen, oder 
dass sie aus dem I^ande verbannt werden. 

rv. Die Bechtspflege. 

Die Rechtspflege wird durch die vom Chalifen, oder 
über dessen Ermächtigung vom Wezyr oder Statthalter 
ernannten Richter ausgeübt. Die Bedingungen, um das Amt 



- 1 



41 6 ▼II^ D«r Orgftniimug des Staates. 

eines Richters bekleiden zu können; sind folgende: *) 1. Das 
männliche Geschlecht und das grossjährige Alter. Abu Ha- 
njfa stellte jedoch die Ansicht auf; dass auch ein Weib als 
Richter fungiren könnO; doch nur in jenen Fällen, in wel- 
chen ihre Zeugenaussage gesetzlich als zulässig anerkannt 
ist. Der Jurist Abu Graryr Tabary hingegen behauptete, dass 
für alle Fälle ein Weib das Richteramt bekleiden könne. 
2. Der volle Besitz der geistigen Fähigkeiten. 3. Der freie 
Stand. Der Sklave ist somit vom Richteramt ausgeschlossen. 
Hingegen kann ein Freigelassener das Richteramt verwal- 
ten. Einfache Rechtsgutachten (fatwk) abzugeben, ist aber 
selbst dem Sklaven gestattet, indem das Amt eines Rechts- 
freundes (mofty) kein Regieiningsamt (wilajah) ist. 4. Das 
Bekenntniss zum Islam. Es darf also kein Ungläubiger zum 
Richter über die Moslimen oder über (die Ungläubigen be- 
stellt werden. Abu Hanyfa lässt es aber zu, dass ein Un- 
gläubiger als Richter über seine Glaubensgenossen fungire, 
nur haben dessen Urtheile keine executorische Kraft. 5. Die 
Unbescholtenheit. 6. Unversehrtheit des Gesichtes und des 
Gehörs. (Mälik betrachtet aber die Blindheit nicht als einen 
Ausschliessungsgrund). 7. Die Kenntniss der gesetzlichen 
Bestimmungen, sowol in den Principien (osul) und der 
Theorie, als in dem praktischen Theile (Mäwardy, 110). 

Die Bestellung des Richters kann auf doppelte Art 
erfolgen, nämlich durch schriftliche oder auch nur mündliche 
Ernennung seitens des Souveräns (Mawardy, 114). Immer 
ist aber hiezu auch die Annahme und Einwilligung durch 
den Ernannten erforderlich, die gleich mündlich oder auch 
später schriftlich gegeben werden kann. Auch ist es bei 
jeder solchen Ernennung nothwendig, dass der Ort oder die 
Stadt bezeichnet werde, für welchö der Richter bestellt ist 
(Mäwardy, llß). Ferners soll auch die Ernennung in der 
entsprechenden Weise öfiFentlich kund gemacht werden. Der 



») Mftwardy p. 107. 



VIII. Der OrganiamiiB des Staates. 417 

Fürst kann ebenso gut den Kädy seiner Würde entsetzen, 
wie dieser selbst sein Amt niederlegen kann (p. 116). Die 
Entsetzung oder Demission ist gerade so wie die Ernen- 
nung ebenfalls öffentlich kund zu geben (p. 117). Die Macht- 
befugnisse welche dem Kädy bei seiner Ernennung über- 
tragen wird, ist entweder eine allgemeine, oder beschränkte. 
Im ersten Falle sind seine Amtsbefugnisse und Pflichten wie 
folgt: 1. Streitigkeiten und Processe, sei es im Vergleichs- 
wege, sei es durch richterliche Erkenntniss zu beendigen. 
2. Die Rechtsansprüche von Jenen, welche deren Erfüllung 
verweigern, zu Gunsten der Berechtigten einzutreiben, nach- 
dem die Begründung, durch das Eingeständniss, oder durch 
den Beweis (bajjinah), hergestellt worden ist. 3. Vormund- 
schaften aufzustellen für Solche, die von der freien Ver- 
waltung ihres Vermögens ausgeschlossen sind, als: Geistes- 
kranke, Unmündige, unter Curatel Gestellte. 4. Die Aufsicht 
über die Stiftungen (wokuf) und deren Verwaltung. 5. Aus- 
fuhrung der testamentarischen Verfügungen, (insoweit das 
Gesetz es gestattet, nach den Vorschriften des Testators). 
6. Fürsorge für die Verehelichung der Witwen mit braven 
Männern. 7. Anordnung der vom Religionsgesetz festgesetzten 
Strafen (hodud) gegen Jene, die etwas verschuldet haben. 
Betrifft die Uebertretung das religiöse Gesetz, so fallt die 
Entscheidung ganz in die Competenz des Kady, verletzt sie 
aber ein weltliches Gesetz, so ist der Kädy nur dann com- 
petent, wenn sich der Kläger an ihn mit der Klage wendet. 
8. Die Oberaufsicht über die Strassen- und Gebäudeord- 
nung in seinem Gerichtssprengel, so dass Niemand die 
Strassen und Plätze verunstalte durch eigenmächtige Errich- 
tung von Vordächern oder Neubauten u. dgl. m. 9. Die 
Oberaufsicht über die Gerichtsbeamten (Notare, shohud, 
Secretäre, omanä) und Unterrichter (näibyn), die er an- 
stellt oder absetzt. 10. Die Unparteilichkeit in seinen Ur- 
theilen zwischen Hohen und Niedrigen, Mächtigen und 
Schwachen, Edlen und Gemeinen. 

?. Krem er, Cnltorgetchicbte de« Orientii. 27 



418 VIII. Der Orf&numu des Staatoi. 

Dem K&dy kommt auch in dem Fall, dass kein beson- 
derer Einsammler der Armentaxe bestellt ist, die Einhebung 
dieser Steuer (sadakah) zu, so wie die Vertheilung des 
Erträgnisses derselben an die hiezu Berechtigten. Der Vor- 
sitz bei dem Freitagsgebete gebührt ihm nur dann, wenn 
nicht ein besonderer Würdenträger hiefbr vom Souverän 
bestellt worden ist. (M&w. 121—122.) 

Ist aber dem Kädy nur das beschränkte Richteramt 
übertragen worden, so übt er innerhalb der Grenzen des 
erhaltenen Mandates seine Befugnisse aus: ist er also nur 
zur Entscheidung jener Processe berufen, wo der Beweis 
durch das Eingeständniss hergestellt wird, oder von Strei- 
tigkeiten über Schulden, nicht aber für eherechtliche An- 
gelegenheiten, so ist er nicht berechtigt Angelegenheiten 
anderer Art zu entscheiden (p. 122). 

Der Richter darf von keinem der Processanten oder 
einem anderen Angehörigen seines Gerichtssprengeis ein 
Geschenk annehmen, selbst wenn derselbe keinen Pro- 
cess hat. Ebenso wenig soll er die Processe verschleppen 
oder einer Partei in der Zeit seiner Erholung von den Amts- 
goschäften den Zutritt versagen. Ferners darf er nicht in 
Processen, wo seine Aeltern oder Kinder betheiligt sind, ein 
Urtheil zu ihren Gunsten fallen, wohl aber gegen sie, noch 
kann er zu ihren Gunsten Zeugenschaft ablegen, wohl aber 
gegen sie; ebenso ist es ihm untersagt, gegen seinen Feind 
Zeugenschaft zu leisten, nicht aber zu dessen Gunsten. 

Stirbt der Ksldy, so sind auch alle seine Kanzlei- 
beamten (Unterrichter, Secretäre, Notare) ihres Amtes ver- 
lustig. Stirbt aber der Souverän, so sind keineswegs die 
von ihm ernannten Richter ihres Amtes entsetzt. *) Wenn 



1) Es ^alt überhaupt im mohammedanischen Staate der Grnndsats, 
dass der Souverän nur die obersten Würdenträger ernannte (Wezyre, Statt- 
halter, Feldherm, Richter). Diese wählten ganz selbatstandig ihre Unter- 
gebenen. In Persien, wo sich das altorientalische Regierungssystem unver- 
änderter als in anderen mohammedanischen Ländern erhalten hat. ernennt 



VIII. Der Organinnus des Staatea. 419 

hingegen bei einem Interregnum die Einwohner einer Stadt, 
wo der Richterposten erledigt ist, einen Richter wählen, so 
ist diese «Ernennung legal, nicht abär so lange der Souve- 
rän am Leben ist (p. 128). 

V. Die oberste Ck>ntrolle f&r Verwaltung und Rechtspflege. 

(Kasar almasälim i). 

Die Controlle für Verwaltung und Rechtspflege ist 
eine der eigenthümlichsten Einrichtungen des arabischen 
Staatswesens, deren praktische Wirksamkeit allerdings nicht 
immer der theoretischen Bedeutung entsprochen haben mag. 

Die Aufgabe dieser Institution sollte es sein, Rechts- 
verletzungen, die entweder auf administrativem oder judi- 
ciellem Gebiete stattgefunden hatten, zu beseitigen, und 
Jenen, welche aus solchem Grunde Klage führten, zu ihrem 
Rechte zu verhelfen. Es ist selbstverständlich, dass Der- 
jenige, welcher dieses wichtige Amt bekleidete, durch seine 
persönliche Stellung, durch sefn Ansehen, durch den Ruf 
seiner Unparteilichkeit und Gerechtigkeit genügenden Ein- 
fluss besitzen musste, um seinen Entscheidungen volle Wir- 
kung zu sichern. Ist der Vorsteher dieses Amtes schon mit 
der Würde eines Wezyrs oder unbeschränkten Statthalters 
bekleidet, so bedarf er zur Ausübung des ControUamtes 
keiner besonderen Ernennung, indem die Ueberwachung 
der Justizpflege schon von selbst sich aus seiner Stellung 
ergibt. Uebt er jedoch die Function eines beschränkton 
Wezyrs oder Statthalters aus, so ist eine besondere Bestal- 
lung nothwendig. 

Der erste mohammedanische Fürst, welcher die Appelle, 
Recurse und Beschwerden, die an ihn gelangten, prüfte, war 
Abdalmalik. In schwierigen Rechtsfragen pflegte er die 



der Schah die Officiore der Armee nnr bis zum Obersteiii die niedri^ren 

Poiiten werden nicht von ihm, sondern von dem Oberbefehlnhaber besetzt. 

») MAwardy 128- 1G4. 

27* 



420 VIII. Der OrgAiuKiDtts def StutM. 

Klagen seinem Eädy Abu Idrys Andy zu übermitteln. ^) 
Nach diesem IHirsten war es besonders Omar IL; der sicH 
eifrig mit der Prüfung jener Klagen befasste, die über un- 
gerechte Entscheidungen oder Bedrückungen an ihn kamen. 
Seinem Beispiele folgten die späteren Chalifen und von den 
Abbasiden waren es Mahdy^ Hädy, Harun Rashyd und 
Ma'mun, die in allgemeinen Audienzen solche Klagen ent- 
gegennahmen. Der letzte Fürst^ welcher diesen alten Brauch 
einhielt; war Mohtady. 2) Allein auch noch später ward das 
oberste Controllamt entweder durch eigens hiezu bestimmte 
Würdenträger oder durch einflussreiche Personen des Hofes 
versehen, die der Chalife besonders hiemit beauftragte. So 
kam unter Moktadir der Fall vor, dass dessen Mutter, 
welche damals das Reich beherrschte, ihre Obersthofmeiste- 
rin ermächtigte, Beschwerdeschriften und Klagen entgegen- 
zunehmen, und in der That pflegte dieselbe jeden Freitag 
in dem Mausoleum, das sich die Mutter des Chalifen in dem 
Stadttheile Rosäfa erbaut hatte, Sitzung zu halten, umgeben 
von den Juristen, Richtern und Notabein; die Erledigung 
der Ellageschriften ward gleich in der l^itzung den Parteien 
hinausgegeben, und zwar mit der Unterschrift der Oberst- 
hofmeisterin. 3) 

Selbst auf europäischen Boden fand diese Einrichtung 
ihre Uebertragung, indem König Roger, der normannische 
Beherrscher von Sicilien mit anderen arabischen Institutio- 
nen auch die des ControUamtes (dywän almazälim) annah^. ^) 

Vor allem gilt die Regel, dass Derjenige, welcher mit 
dem Amte eines Präsidenten des Controllhofes betraut ist, 
einen gewissen Tag bestimmen muss, an welchem er die 
klagefuhrenden Parteien empfangt. ^) Seine Kanzlei hat 



1) Ibid. 131. 

2) Mftwardy 1. 1. 

3) Ibn Taghrybardy IL 203. 

«) Vgl. Aman: Storia dei Mnsnlmani della Sicilia III, 445. 
•^) Mawardy 134. 



YIII. Der Organismus des Staates. 421 

zusammengeBetzt zu sein, wie folgt: 1. Gerichtsdiener zui* 
Vorladung der Parteien und Aufrechthaltung der Ordnung. 

2. Richter und Verwaltungsbeamte zur Erörterung der 
rechtlichen Beweisfiihrung und der Processverhandlungen. 

3. Rechtsgelehrte zur Lösung schwieriger Rechtsfragen. 

4. Secretäre und Schreiber zur protokollarischen Aufnahme 
der Verhandlungen. 5. Gerichtszeugen zur Bestätigung der 
getroffenen Verfügungen und Entscheidungen. 

Der Wirkungskreis des mit den obersten ControUs- 
functionen beauftragten Beamten war im Wesentlichen nach 
Mä-wardy folgender: Die Controlle über bedrückendes Vor- 
gehen der Verwaltungsbehörden gegenüber dem Volke, und ist 
hiebei nicht blos auf Grund eingelaufener Etagen und Be- 
schwerden, sondern auch ohne solche, ex officio vorzugehen; 
die Controlle über die Finanz- und Steuerbeamten, über 
die Beamten der Regierimgskanzleien ; dann über die rich- 
tige Auszahlung der Truppen; die Rückerstattung unrecht- 
mässig erworbenen Gutes; die Oberaufsicht über die Stif- 
tungen (wokuf) und Ueberwachung derselben ; Vollstreckung 
und Durchfuhrung jener richterlichen Entscheidungen, welche 
die Richter wegen unzureichender Autorität und wegen 
Machtlosigkeit der Executivorgane nicht zur Durchfuhrung 
bringen konnten; Ueberwachung der mit der Handhabimg 
der Sittenpolizei und der Aufrechthaltung der öffentlichen 
Ordnung betrauten Beamten; Beaufsichtigung und Schutz der 
öffentlichen gottesdienstlichen Handlimgen, z. B. des Freitags- 
gottesdienstes, der Festtage, der Wallfahrt, des Religions- 
krieges, und die Fürsorge gegen jede Vernachlässigung die- 
ser Pflichten; die Erörterung und Entscheidung von Streit- 
fragen: doch sind hiebei strenge die gesetzlichen Bestim- 
mungen einzuhalten, und ist keine Entscheidung zu erlassen, 
die im Widerspruch stände mit den richterlichen Grund- 
sätzen der Kädy's und Administrativbehörden (hokkäm *). 



1) M&wardy p. 141. 



422 VIII. Der Organismos des Skaatos. 

Die Befugnisse und das richterliche Verfahren des 
Vorstandes der ControUbehörde unterscheiden sich in eini- 
gen Punkten von jenen der Kädys. Er ist nicht verpflichtet, 
wie der Kädy, jede Streitfrage, die ihm vorgetragen wird, 
allsogleich zu entscheiden, sondern er kann dieselbe ver- 
tagen, bis er vollkommen sich über die Angelegenheit un- 
terrichtet hat. Er kann die Streitenden an Vertrauensmänner 
oder Schiedsrichter verweisen, was der Kkdj zu thun nicht 
berechtigt ist. Auch kann er die Zeugen allsogleich beeiden 
lassen, oder damit beginnen, die Zeugen beider Theile vor- 
zuladen und zu verhören, während der K&dy zuerst die 
Zeugen des Klägers vernehmen muss, nach der Rechts- 
maxime: Der Beweis obliegt dem Kläger. *) 

Diese Theorie des richterlichen Verfahrens wird von 
den arabischen Gelehrten der verschiedenen juridischen 
Schulen bis in die Einzelnheiten verfolgt und bildet nament- 
lich das Beweisverfahren nach seinen verschiedenen Arten: 
durch das Eingeständniss, durch den mündlichen oder 
schriftlichen Zeugenbeweis, durch den Eid oder durch Ur- 
kunden, den Stoff für weitläufige Erörterungen, ^) Ebenso 
ist es die Stellung des Vorsitzenden der obersten ControU- 
behörde, gegenüber dem ordentlichen Richter (Kddy), welche 
in ihren verschiedenen Beziehungen reichliche Gelegenheit 
zur Besprechung gibt. So viel steht fest, dass die Stellung 
des Chefs der ControUbehörde stets höher als die des Kädy 
galt; denn dieser stand unter der Aufsicht des Ersteren, 
und erhielt von ihm seine Weisungen; der Chef der ControU- 
behörde konnte Rechtsstreite selbst entscheiden, sie dem 
Kädy zur Entscheidung zuweisen, oder dieselben an Schieds- 
richter übertragen. In seinen Entscheidungen war der Chef 
des ControUamtes nicht an den strengen Buchstaben des 
Gesetzes gebunden, wie der Kädy, denn er konnte die Zeu- 



») Mäwardy p. M'2. 
2) Ibid. p. 142—160. 



YIII. Der Organismus des Staates. 423 

* 

gen beider Theile verhöreo, und schliesslich — dies war 
das Wichtigste — er hatte nicht nach dem Wortlaut des 
Gesetzes zu entscheiden; sondern nach Billigkeits- 
gründen. I) 

VI. Die Markt- und Sittenpolizei, (alhisbah. 2) 

Das Amt des Polizeivogtes (mohtasib) nimmt eine 
Mittelstellung zwischen dem Richteramt und dem ControU- 
amt ein. Die vorzüglichsten Pflichten des Polizeivogtes sind: 
1. Darüber zu wachen^ .dass keine unrichtigen Maasse und 
Gewichte gebraucht werden. 2. Zu verhindern, dass im Ver- 
kaufe keine Betrügereien und keine Fälschung der Waaren 
vorkomme. 3. Säumige Schuldner zur Einhaltung ihrer Ver- 
pflichtungen zu veranlassen. 

Doch muss hiezu bemerkt werden, dass er nur über 
Ansuchen der Partei einschreiten, und keine Zwangsmaass- 
regeln anzuordnen befugt war, wie er überhaupt keine Ver- 
fügung treffen durfte, die rein richterlicher Natui* war. 

Es stand dem Polizeivogt nicht das Recht zu in judiciel- 
len Angelegenheiten richterliche Entscheidung zu fällen ; nur 
wenn der Geklagte das Eingeständniss ablegte, und auch 
wirklich die Mittel besass, seiner Verpflichtung nachzukom- 
men, oder den Schaden zu ersetzen, konnte der Polizeivogt 
ihn hiezu zwingen: hingegen war er nicht berechtigt das 
gerichtliche Verfahren einzuleiten, ausser, wenn er hiezu die 
ausdrückliche Vollmacht erhalten hatte, in welchem Falle er 
die beiden Aemter eines Polizeivogts und Richters vereinigte. 
Im Allgemeinen galt der Grundsatz, dass bei allen Streitig- 
keiten, wo der Geklagte oder Beschuldigte leugnete, die 
Competenz des Polizeivogtes endete, denn sobald es sich 
darum handelte Zeugen zu verhören, Eide aufzutragen und 
die Beweise zu prüfen, hörte das Amt des Polizeivogtes auf 
und begann jenes des Kädy. 

^) Mllwardy-f 160 : liwäly-lmazalim au jahkoma bilgäi'zi duna-lwä^^ib. 
2) Ibid. 404 ff. 



I 

I ■ 



424 Vlll. Der Organisma« des Staate» 

Man sieht hieraus^ wie sehr mau schon damals die 
Befug^nisse der verschiedenen Aemter genau zu definiren 
suchte, um Compotenzstreitigkeiten vorzubeugen. 

Hingegen stand dem PoHzeichef das Recht zu, ohne 
vorhergehende Anklage, ex officio, einzuschreiten, während 
der Kädy nur in Folge einer Klage die gerichtliche Ver- 
handlung einleiten konnte. 

Im allgemeinen kann es als Aufgabe des Polizeivogtes 
bezeichnet werden, die Aufrechthaltung der guten Sitte zu 
überwachen und die Begehung verbotener Handlungen mög- 
lichst zu verhindern und davon abzumahnen. Er hatte 
namentlich in Hinsicht religiöser Vorschriften darauf zu 
sehen, dass die Gebete in der vorgeschriebenen Weise ab- 
gehalten und Neuerungen vermieden wurden. Ihm oblag es 
ferner für alle zum öflFentlichen Wohle und zur allgemeinen 
Sicherheit erforderlichen Anstalten Fürsorge zu tragen. 

Es wird besonders angeführt, dass er im Interesse der 
ÖflFentlichen Moralität für die Wittwen passende Gatten zu 
ermitteln hatte ; er sollte darauf sehen, dass keine Frau 
vor Ablauf des gesetzlichen Zeitraumes (*iddah) eine neue 
Ehe eingehe ;* seine Sache war es Paternitätsklagen zu unter- 
suchen, er hatte die Sklaven und Dienstboten vor Miss- 
handlungeu seitens ihrer Herrn zu schützen und die Eigen- 
thümer von Lastthieren zu bestrafen, wenn sie dieselben 
nicht genügend nährten und ihnen zu schwere Lasten auf- 
bürdeten. Ferner war es seine Pflicht darauf zu sehen, dass 
Findlinge, welche in die Pflege gegeben worden waren, an- 
ständig verpflegt wurden und dgl. m. 

Aus Gründen der öflEentlichen Sicherheit und der Sitt- 
lichkeit hatte er den Besuch übelberufener Localitäten zu 
verbieten, er musste darüber wachen, dass die Männer nicht 
auf den Strassen oder an öflTentlichen Orten mit den Frauen 
sich zeigten. Namentlich galt die Polizeivorschrift, dass der 
öffentliche Verkauf von Wein zu bestrafen, und Betrun- 



, VI II. Der Organiümus des Staates 425 

kene zu verhaften seien ; Musikinstrumente (malähy) durften 
nicht an öffentlichen Orten gespielt werden. *) 

Alle derartigen Unzukömmlichkeiten abzustellen .war 
Aufgabe des Polizeivogtes, aber nur dann, wenn sie öffent- 
lich vorkamen, denn in das Geheimniss der Familien 
und der Privatwohnungen einzudringen, war ihm 
untersagt. Nur wenn ihm sichere Anzeichen zukamen dass 
eine strafbare Handlung beabsichtigt werde, die, einmal 
vollzogen, nicht wieder gut gemacht werden kann, stand es 
ihm zu, den Sachverhalt auszukundschaften und der Sache 
auf den Grund zu sehen. In allen anderea Fällen von ge- 
ringerer Bedeutung aber galt es als Grundsatz, dass jedes 
Spioniren und unbefugte Einmischen in Privatsachen unter- 
sagt sei. 

In Betreff der verbotenen Handelsgeschäfte (z. B.Wucher, 
illegale Verkäufe u. s. w.) hatte die Polizei die Pflicht sie 
zu verhindern und zu bestrafen. Hieher gehören auch die 
Fälschung der Waaren, schwindelhafte Uebertreibung der 
Preise u. s. w., als besonders strafbar galt die Uebervor- 
theilung im Gewichte, die Betrügerei im Maasse und die 
Fälschung der Wagen. Dem Polizeivogt stand daher auch 
die Befugniss zu die Gewichte und Wagen der Kauflcute 
auf den Bazaren zu untersuchen, mit einem Controllstempel 
zu versehen und den Gebrauch aller nicht gestempelten 

Gewichte und Wagen zu verbieten. 

Zu den Amtspflichten des Polizeivogtes gehörte es auch 
darauf acht zu geben, dass niemand in seinem Hause durch 
die Blicke zudringlicher Nächbarn belästigt werde, dass die 
Christen ihre Häuser nicht höher bauten als die der Mos- 
limen, dass erstere den Ghijär*-^) trügen, wodurch sie sich 
von den Moslimen unterschieden, dann aber hatte er die 

1) Vgl. oben S. 39, 40. 

2) GbijUr ist ein gelbes Stück Tucb, das die Christen und Juden 
ihren Kleidern anheften mussten, um sich von den Mohammedanern ssu 
unterscheiden. 



426 VIII. Der OrifMiiinnofl den Staat««. • 

Moslimen zu bestrafen, wenn sie die Andersgläubigen be- 
schimpften oder misshandelten. 

Hinsichtlich der Markt- und Strassenpolizei galt es 
als besonders wichtig , dass die Kaufbuden nicht zu weit 
auf die Strasse vorgebaut würden und die Vorübergehenden 
nicht behinderten, so wie auch der Bau von Erkern, Bai- 
konen, Kanälen und Latrinen nur dann gestattet wurde^ 
wenn sie den Strassenverkehr nicht erschwerten. 

Der Polizeivogt hatte ferners die Castration von 
Menschen und Thieren zu verbieten und zu bestrafen, und 
wenn ein Schadenersatz oder ein Schmerzensgeld gefordert 
wurde, so trieb er es ein. 

Diese Aufzählung der verschiedenen unter die fürsorg- 
lich© Aufsicht des Polizeivogtes gestellten Angelegenheiten 
ist noch keineswegs vollständig: die arabischen Theoretiker 
sind gross im Specialisiren und wir hoben nur das vom 
culturgeschichtlichen Standpunkte Beachtenswertheste und 
Wichtigste heraus. Es dürfte dies vollkommen genügen, um 
sich von der damaligen Thätigkeit und Wirksamkeit der 
Polizei eine richtige Vorstellung zu machon. Bagdad, das 
in der Zeit der Blüthe über eine Million Einwohner hatte, 
brauchte eine gute und energische Sicherheitsbehörde. 

Nur eine Notiz wollen wir nach Mäwardy noch bei- 
fugen bevor wir schliessen: der Polizeivogt sollte auf die 
Tracht und äussere Erscheinung sein Augenmerk richten 
und hatte besonders jene Männer zu strafen, die, um bei 
den Damen Erfolg zu haben, sich den grauen Bart schwarz 
fiirbten ; dies zu thun war nur den Herren vom Militär, den 
Religionskriegern (mogähid) gestattet ; hingegen war es jeder- 
mann erlaubt sich den Bart mit Henna oder Katam hellroth 
zu filrben. *) 



^) Das Färben des Bartes ist noch jetzt im Oriente allgemein üblich. 
/ ^ Man färbt ihn glänzend schwarz oder hellroth mit Henna (La^onia alba). 



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/-» 



Vlll. D«r Organismue des Staates. 427 

Vn. Das Finanzwesen. 

Wir haben in dem Abschnitte über die Staatseinrich- 
tungen der patriarchalischen Epoche schon die Grundzüge der 
Steuergesetzgebung kennen gelernt. Allein mit dem gewal- 
tigen Aufschwung des Staatswesens unter den Abbasiden 
stellte sich auch die Nothwendigkeit ein die Finanzgesetz- 
gebung zu vervollständigen und die juridische Schule von 
Bagdad unterzog sich dieser Aufgabe mit ebenso grossem 
Eifer als bewundernswerthem Scharfsinn. Man ging von den 
Staatseinrichtungen der ersten Chalifen aus, die als unver-^, 
änderliche Rechtsbasis galten, und baute darauf ein umfang- 
reiches, fiir die seitdem wesentlich geänderten Verhältnisse 
des Staatslebens berechnetes System auf. Dieses wollen wir 
nun in seinen grossen Umrissen darzustellen versuchen, 
wobei wir Mäwardy zum Führer wählen. 

Das Einkommen des mohammedanischen Gemeinwesens 
floss aus folgenden Quellen: 1. Vermögenssteuer (sada- 
kah, zakäh^). 2. Allgemeine Staatseinnahmen von den 
Tributzahlungen der unterworfenen Völker, der Ki'iegsbeute, 
der Kopfsteuer, den Zehenten und der Grundsteuer. 

1. Vermögenssteuer. 

Die Vermögenssteuer ist obligatorisch für jeden Mos- 
lim, und zwar ist sie die einzige legale Abgabe, die er von 
seinem Eigen thum zu entrichten hat, aber nui* von dem 
Besitzthum, das, sei es von sich selbst, sei es dui*ch den 
Gebrauch, einer Vermehrung fähig ist. ^) 

Die dieser Abgabe unterworfenen übjecte sind ent- 
weder offenkundig, wie Saatfelder, Häuser, Früchte, Heerden, 



^) Die Vermögenssteuer , auch Armentaxe genannt, ist eine altsemi- 
tische Einrichtung, die schon bei den Hebräern unter demselben Namen 
(zedakah) bestand. Vgl. Haneberg: die relig. Alterthümer der Bibel, II. Aufl. 
p. 583. Dann Saalschütz: Mosaisches Recht, IV. Aufl. Bd. 1. p. 282, 356, 
und 6 Mos. 14, 28, 29. 



42S VIII. Der Organismus des Staates. 

oder geheime , die sich leicht verbergen lassen , wie Gold 
und Silber, Handelsgüter und dgl. Der Rteuereinsammler 
hat sein Augenmerk nur auf die erstere Gattung zu richten 
und muss es in Betreff der zweiten ganz der Gewissenhaf- 
tigkeit der Einzelnen tiberlassen, sich ihrer Pflicht zu ent- 
ledigen. Die Verweigerung der Entrichtung dieser Abgabe 
ist als offene Auflehnung gegen die Regierung zu betrachten 
und berechtigt zur Anwendung der Gewalt, selbst der 
WaflFen. 

Die Hauptklassen der Objecto, von welchen diese Steuer 
cingehoben wird, sind folgende: 

a) die Nutzthiere (mawäshy), d. i. Karneole, Rinder 
und Schafe. Die Grundsätze, nach welchen die Einhebung 
der Steuer erfolgt, sind bereits früher gegeben worden. *) 

b) Ertrag der Dattelpflanzungen und der Obst- 
bäume. Hierüber sind die Ansichten verschieden: Shafi'y 
erklärt nur den Ertrag der Dattel pflanzungen und Wein- 
gärten für steuerpflichtig, alle andern Früchte aber waren 
nach seiner Ansicht frei. Abu Hanyfa erkläi*te alle für 
steuerpflichtig. Uebrigens beginnt die Steuerpflichtigkeit erst 
dann, wenn die Früchte geniessbar sind ; ist man genöthigt 
die Ernte vor diesem Zeitpunkte vorzunehmen, so ist keine 
Steuer zu bezahlen. Allgemeine Regel ist, dass alles, was 
unter 5 Last im Gewichte ist, *^) keine Steuer zu entrichten 
hat. Abu Hanyfa setzt keine solche Einschränkung fest und 
erklärt alles für steuerpflichtig. Die Einhebung dieser Er- 
tragssteuer erfolgte gewöhnlich im Wege des gütlichen 
Uebereinkommens, indem man die zu erwartende Quantität 
der Ernte durch Abschätzung bestimmte und, wenn der 
Eigenthümer für richtige Ablieferung der Steuerquote gute 
Bürgschaft leistete, ihn frei über seine Ernte verfugen Hess. 



1) Vgl. Capitel III. p. 51 ff. 

Eine Last ist nach Aba Hanyfa gleich 60 SA', und 1 Sfi* = öVs 



irakauische Rotl. 



J 



YIII. Der OrguUrans des Staates 429 

Das Ausmaass dieser Stc«fer war, wie folgt : W'/o von Grün- 
den, welche nicht künstlich bewässert werden, 5% von 
solchen, wo eine künstliche Bewässerung erforderlich ist. ^) 

Entsteht zwischen dein Steuereinnehmer und dem Steuer- 
pflichtigen eine Differenz über die Klasse, in welche das 
Ginindstück gehört, so gilt die Erklärung des Letzteren, 
auf welche der Steuereinnehmer ihn zum Eide verhal- 
ten kann. 

Geht die Ernte nach der steuerämtlichen Abschätzung 
zu Grunde, aber bevor es möglich war die Steuer davon zu 
entrichten, so entfallt auch die Steuerpflicht. 

c) Die Nutzpflanzen (zoru*). Nach Abu Hanyfa sind 
alle Nutzpflanzen steuerpflichtig, nach Shäfi'y aber nur jene, 
die zu Nahrungszwecken cultivirt werden. Ferner sind nach 
seiner Ansicht steuerfrei die Gemüse (bokul), dann die nicht 
zur Nahrung dienenden Pflanzen wie Baumwolle (kotn) und 
Lein (kattän). 

Die Steuer der Nutzpflanzen ist föllig, sobald sie ihr 
volles Wachsthum erreicht haben, doch darf die Steuer nur 
eingehoben werden nach der Ausdreschung oder Reinigung. 
Quantitäten unter 5 Lasten sind steuerfrei; aber nach Abu 
Hanyfa ist diese Ausnahme nicht zulässig. 

d) Silber und Gold. Die Steuer ist ein Viertel des 
Zehntels, also 2'/2%« Alles, was unter 200 Dirham ist, gilt 
als steuerfrei. Von 200 Dirham sind also 5 Dirham einzu- 
heben. Bei Gold wird die Steuer eingehoben von 20 Mitkäl 
aufwärts und zwar mit Y2 Mitkäl. Geprägtes und rohes Me- 
tall gelten gleich. 

e) Die Bergwerke. Die Ansichten der Rechtsgelehr- 
ten hierüber sind verschieden. Abu Hanyfa erklärt alles fiir 
steuerpflichtig, was wie Silber, Gold, Messing (sofr) und 
Kupfer geschmiedet werden kann, alles andere, was nicht 
geschmiedet werden kann, weil es flüssig oder spröde ist. 



<) MAwardy, p. 204. 



430 V^llI- I>er Or^ftnismiis de« SUatM. 

crkläi*te er als steuerfrei. Abu Jüsof lehrte: alles^ was zum 
Schmucke dient, wie die Edelsteine sei steuerpflichtig. Nach 
Shäfi*y ist die Steuer nur von Silber- und Goldbergwerken 
zu entrichten und zwar blos von dem reinen Metall , nach- 
dem es eingeschmolzen oder gereinigt worden ist. Bezüglich 
der Bemessung der Steuer galten drei Ansichten: nach der 
ersten ist 2V2V0 ^^ erheben, nach der zweiten 2%, nach 
der dritten, je nachdem die Gewinnung des Metalls grössere 
oder geringere Kosten in Anspruch nimmt, 2 oder 272%. 

Hinsichtlich der Schätze aus heidnischer Zeit, die man 
in der Erde findet, wo sie verscharrt worden sind, gilt der 
Grundsatz, dass davon 2^2% ^^ entrichten ist. 

Verwendung des Erträgnisses der Vermögens- 
steuer. Der aus der Vermögenssteuer gebildete Fond ist 
für Folgende zu verwenden: 1. die Armen und Mittellosen ; 
die höchste Summe, welche einem solchen gegeben werden 
kann, setzt Abu Hanyfa fest, auf weniger als 200 Dirham 
oder 20 Dynare. 

2. Die Steuerbeamten, welche aus dem Sadakahfond 
Anspruch auf Bezahlung haben. Diese Beamten sind ent- 
weder solche, die mit der Einhebung sich befassen, oder 
solche, welche über höheren Auftrag die Vertheilung be- 
sorgen. Sie erhalten ein entsprechendes Entgelt aus dem 
Sadakahfond. 

3. Die dritte Klasse der aus dem Sadakah-Fond Sub- 
ventionsberechtigten bilden Jene, die man mit dem Aus- 
druck des Koran „die Herzbesänftigten** zu nennen pflegt, 
d. i. jene Personen, die durch Geldgeschenke und andere 
Vortheile für den Islam gewonnen -worden waren. Man ver- 
stand in den späteren Zeiten alle Jene hierunter, die man 
zm* Vertheidigung des Staates heranzog, endlich Jene, die 
man aneifern wollte, für das mohammedanische Staatsinteresse 
zu wii'ken, oder die man zu gewinnen suchte, um ilire An- 
gehörigen und Stammesverwandten zur Annahme des Islams 
zu bewegen. Jeder zu einer dieser eben genannten Kategorien 



VIII. X>^T Organismafl des Staates. 431 

Gehörige konnte aus dem Sadakah-Fond unterstützt werden, 
wenn er Moslim war; gehörte er einer fremden Religion d/a, 
so durfte er nicht aus dem Sadakah-Fond seine Entlohnung 
erhalten, sondern aus der allgemeinen Staatskasse. 

4. Die vierte Klasse ist die der Sklaven, denen aus 
dem Sadakah-Fond Geldunterstützungen ausgefolgt werden, 
um sich frei zu kaufen. Nach Mälik sollten auch Sklaven 
angekauft werden, um ihnen die Freiheit zu schenken. 

5. Die fönfte Klasse ist die der Verschuldeten, die man 
in zwei Unterabtheilungen trennen kann, a) Solche, die in 
ihren Privatgeschäften in Schulden gerathen sind, b) solche, 
die im Interesse des Staates und des Islams in Schulden 
kamen. — Diesen Letzteren sind ihre Schulden ganz zu 
bezahlen. 

6. In die sechste Klasse gehören jene Moslimen, die 
als Freiwillige in den Religionskrieg ziehen; es sind ihnen 
die Reise- und Unterhaltskosten zu bezahlen. 

7. Die siebente Klasse besteht aus mitteUosen Fremd- 
lingen (abnä'-alsabyl). 

Die Sadakah-Steuer jeder Stadt und jedes Districtes 
war immer in loco an die Unterstützungsberechtigten zu 
vertheilen, und nur, wenn keine solchen sich vorfanden, 
konnte der Sadakah-Fond auf eine andere Localität über- 
tragen werden. 

Ausgeschlossen von der Betheilung aus diesem Fond 
waren: die Mitglieder der beiden mekkanischen Familien 
Mottalib und Häshim, weil dies mit ihrer Würde unverträg- 
lich wäre, indem der Prophet ihnen angehörte. Abu Hanyfa 
gestattet es trotzdem. Ferners soll aus dem Sadakah-Fond 
kein Ungläubiger dotirt werden, obwohl Abu Hanyfa, doch 
mit gewisser Beschränkung, für einen Dimmy *) die Bethei- 
ligung aus der Sadakah zulässt (Mäwardy, 214), ebenso 



*) Dimmy bedeutet ho viel als ein im Schutzverhäitniss stehender 
Nichtmohammedaner. 



433 Vlli. Der Orffanismns des Staates. 

wenig soll ein Sklave aus diesem Fond 6ine Dotation er- 
halten, mit Ausnahme der früher genannten Unterstützungen 
zum Selbstloskauf; dann aber hat auch kein Reicher oder 
einer der nächsten Verwandten des mit der Eintreibung 
und Vertheilung der Sadakah-Gelder betrauten Beamten 
Anspruch auf irgend eine Betheilung. 

2. Die allgemeinen Staatseinnahmen (alfaj'). 

Eine fernere wichtige Quelle des Staatseinkommens 
sind die Zahlungen der unterjochten Völker, welche in Folge 
besonderer Capitulationen und friedlichen Uebereinkommens 
geleistet werden. Man bezeichnet diese Art von Geldleistun- 
gen mit dem Namen: Fay\ Hiezu gehören auch die Sum- 
men, mittelst welcher der Feind von den mohammedanischen 
Truppen sich einen Waffenstillstand erkauft, dann die Kopf- 
steuer, die Zehenten, die von den Waaren der Ungläubigen 
eingehoben werden, wenn sie das moslimische Gebiet in 
Handelsangelegenheiten betreten, und endlich die Grund- 
steuer (charäg). 

Ueber die Art der Verwendung dieser Staatseinnahmen 
waren die Meinungen verschieden. Nach einem Koransvers 
(Sur. 59, 7) hielt man dafür, das gesammte Einkommen sei 
in fünf gleiche Theile zu scheiden, wovon ein Theil dem 
Propheten zur beliebigen Verwendung zugewiesen war. 

Dieser zur freien Disposition des Propheten (beziehungs- 
weise seiner Nachfolger, der Chalifen) stehende Fünfteltheil 
des allgemeinen Staatseinkommens, wird nach der Verwen- 
dung von den arabischen Theoretikern, die im Schematisi- 
ren gross sind, in fünf Quoten zerlegt, deren Bestimmung 
sein sollte, wie folgt: a) Für den Propheten selbst, b) Zur 
Subvention der Verwandten des Propheten (Bann Mottalib 
und Banu Häshim), also für deren Apanagen, c) Unter- 
stützungen an Waisen, d) und e) an arme und mittellose 
Reisende. 



Till. Der OrgsniaaniB dt>B Stofttet. 438 

I 

Die übrigen vier Fünftel sollten nach der herrschenden 
Ansicht ganz und gar für die Bedürfnisse des Heerwesens 
und den Sold der Truppen dienen. Nach einer anderen Auf- 
fassung aber waren hieraus auch alle übrigen Auslagen des 
mohammedanischen Staatswesens zu bestreiten. 

Zwischen den zu Unterstützungen aus dem Sadakah- 
Fond Berechtigten und Jenen, welchen ähnliche Ansprüche 
aus dem allgemeinen Staatseinkommen zustanden, machte 
man einen strengen Unterschied. Zu den ersteren gehörten 
jene Personen, die nicht zum Kriegsstande zählten ; die aus 
dem allgemeinen Staatseinkommen Bezugsberechtigten aber 
waren in erster Reihe die Krieger und Vertheidiger des 
mohammedanischen Gebietes. 

Die Einhebung der allgemeinen Staatseinnahmen konnte 
auch durch Mitglieder der beiden Familien Mottalib und 
Hashim erfolgen, und konnten sie also die einträglichen 
Stellen von Steuercommissären übernehmen, während in Be- 
treff der Sadakah dies ausdrücklich verboten war. Der Ein- 
heber der Staatseinnahmen hatte nicht das Recht, die Ver- 
theilung vorzunehmen, indem diese Befugniss dem Fürsten 
allein zukommt, hingegen konnte der Einsammler der 
Sadakahsteuer die Vei-theilung gleich selbst besorgen. 

Nach diesen Bemerkungen gehen wir nun zu den vor- 
züglichsten Rubriken des Staatscinkommens über. 

a) Die Kriegsbeute. 

Unter dem Ausdruck „Kriegsbeute" sind inbegriffen: 
Die Gefangenen (Krieger: osra, Weiber und Kinder: sabj), 
dann die eroberten Ländereien und die dem Feinde abge- 
nommenen Werthgegenstände. 

In Betreff der gefangenen feindlichen Krieger ist die 
allgemeine Ansicht die, dass der Chalife zu bestimmen habe, 
ob sie zu tödten, als Sklaven zu verkaufen, oder gegen Löse- 
geld freizugeben seien. 

▼. Kr«Bier, Ciiltnrgatchiohte dM Orients. 28 



434 Vin. I>«r Organismas d«t Stoatet. 

In Betreff der gefangenen Weiber und Kinder ist Fol- 
gendes zu bemerken: es war nicht gestattet sie zu tödten, 
wenn sie sich zu einer geoffenbarten Religion bekannten. 
Nach 8h&fi*y war dies auch im entgegengesetzten Falle nicht 
zulässig. Sie sind einfach als Sklaven zu behandeln und 
unter die Sieger zu vertheilen: doch war es untersagt, die 
Kinder von der Mutter zu trennen. Für Lösegeld konnten 
sie auch wieder freigelassen werden. Ohne Lösegeld durfte 
ihnen der Chalife nur dann die Freiheit schenken, wenn 
die Truppen, welche sie erbeutet hatten, auf ihr Anrecht 
vorher verzichtet und eingewilligt hatten, oder wenn der 
Chalife die Truppen für ihren hiedurch verminderten Beute- 
antheil aus dem Staatsschatze oder aus seiner Privatkasse 
entschädigte. 

Wer aber sich weigerte, auf seinen Beuteantheil zu 
verzichten, der konnte nicht hiezu gezwungen werden. Bei 
den männlichen Gefangenen war dies nicht erforderlich, da 
der Chalife das Recht hatte sie zu tödten, was bei den 
Weibern und Kindern nicht der Fall war. Befanden sich 
unter den Kriegsgefangenen verheirathete Weiber, so ward 
•I durch die Gefangenschaft die Heirath als aufgelöst betrach- 
■ tet: es sei denn, sagt Abu Hauyfa allein, dass ihre Ehe- 
männer mit ihnen zugleich in die Gefangenschaft geriethen. 

Erobern die Ungläubigen mohammedanisches Besitz- 
thum, so wird das Eigenthumsrecht der Moslimen als fort- 
bestehend betrachtet; erobern die Moslimen später dasselbe 
wieder zurück, so gehört es nicht zur Beute, sondern es 
ist den früheren Eigen thümern auszufolgen. 

Nehmen die kriegsgefangen en Aeltern den Islam an, 
so gelten auch ihre noch nicht erwachsenen Kinder als zum 
Islam übergetreten; haben diese aber schon das mannbare 
Alter erreicht, so hatte dies auf sie keinen Einfluss. 

In Ansehung der eroberten Ländereien galten fol- 
gende Grundsätze: die den Ungläubigen abgenommenen Län- 
dereien sind in drei Klassen zu theilen: L mit Waffen- 



YIII. Der Organitmiu des Staates. 435 

gewalt eroberte, 2. von den Ungläubigen verlassene und 
durch die Moslimen in Besitz genommene; 3. in Folge 
einer Capitulation oder eines besonderen Vertrages dem 
mohammedanischen Reiche einverleibte Gründe. 

Die erste Klass6 von Ländereien ist nach Shä,fi'y wie 
die übrige Beute an die Truppen zu vertheilen; Mälik hin- 
gegen will sie als Staatseigenthum betrachtet wissen. Abu 
Hanyfa aber lehi-t, es sei dem Chalifen anheimgestellt, in 
der einen oder andern Weise darüber zu verfugen. 

Die verlassenen- von den Moslimen occupirten Län- 
dereien sind nach der einen Ansicht als unveräusserliche 
Staatsgründe zu betrachten, nach der anderen werden sie 
das erst, wenn der Chalife sie ausdrücklich für Wakfgründe 
erklärt. £s steht aber dem Fürsten auch das Recht zu, den 
Ländereien eine Grundsteuer aufzuerlegen, die von deren 
Besitzern, seien sie nun Moslimen oder Ungläubige, zu ent- 
richten ist; ausserdem ist von dem Erträgniss noch die 
Ertragssteuer von 10^/q zu bezahlen. 

Die dritte Klasse von Ländereien ist jene, welche 
durch friedliches Uebereinkommen unter die mohammeda- 
nische Oberherrschaft kamen, deren frühere Eigen thümer 
daselbst ungestört belassen werden, gegen Entrichtung einer 
fixen Grundsteuer (charäg), die sie von den Gründen, und 
einer Kopfsteuer (gizjah), die sie von ihren Personen zu 
bezahlen haben. 

Bezüglich der anderen erbeuteten Werthgegenstände 
galt der Grundsatz, dass dieselben nach Abzug eines Fünf- 
tels, welches für den Chalifen und zu dessen freier Verfü- 
gung bestimmt war, unter die Truppen zu vertheilen seien ; 
aber auch jene Personen hatten hiebei Anspruch, die zwar 
nicht unmittelbar am Kampfe Theil nahmen, jedoch den 
Feldzug mitgemacht hatten. Der Reiter hatte Anrecht auf 
das Doppelte, nach Andern auf das Dreifache des Antheils 
eines Fusssoldaten ; zu ersteren werden auch jene gerechnet, 
die auf Maulthieren, Eseln, Kameelen oder Elephanten 



436 Vni. Der OrgMiimaa dei SUuktos. 

beritten sind. ^) Bei der Vertheilung der Beute ist zwischen 

regulären Soldtruppen und Freiwilligen kein Unterschied zu 

machen ; wenn sie beide am Kampfe activ sich betheiligt 

haben. Hat sich einer der Soldaten besonders ausgezeichnet, 

so bekommt er zwar denselben Antheil der Beute, wie die 

anderen , aber er ist aus dem allgemeinen Staatschatze zu 

belohnen. 

b) Die Kopftaxe. 

Ueber den Betrag der Taxe sprechen sich die Juristen 
verschieden aus. Abu Hanyfa theilt *sie in drei Klassen, 
1. Reiche zu 48 Dirham, 2. Mittlere zu 24 Dirham, 3. Arme 
zu 12 Dirham (jährlich ^). Mälik hingegen vindicirte dem 
Fürsten das Recht, das Maximum und Minimum zu bestim- 
men. Shäfi'y setzte den Maximalbetrag nicht fest, sondern 
überliess die Entscheidung dem Fürsten, nur den Minimal- 
betrag bestimmte er zu 12 Dirham. In den ersten Jahr- 
hundei*ten des Chalifates galt überall der Ansatz des Abu 
Hanyfa. 

War aber einmal die Kopftaxe festgestellt, so hatte 
dasselbe Ausmaass unverändert fiir alle Zeiten fortzubestehen 
und kam keinem späteren Fürsten das Recht zu, diese 
einmal fixirte Ziffer zu ändern. Die genaue Einhaltung 
der hierüber mit den Andersgläubigen abgeschlossenen Ver- 
tragsstipulationen war besonders anempfohlen. 

Auch mussten die unterworfenen Völker sich verpflich- 
ten den Islam und den Propheten zu respectiren und nichts 
gegen die mohammedanische Herrschaft zu unternehmen. 
Sie sollten in der äusserlichen Erscheinung von den Mo- 
hammedanern sich unterscheiden.^) 



^) Vgl. Abu Jusof: Denknchrift Fol. 11. 

«) Vgl. oben S. 60 ff. 

') Verscbiedene Fürsten gaben Kleidervorschriften für die Anders- 
gläubigen. Noch jetzt tragen in Aegypten die Eingebornen Christen und 
Juden den dunkelblauen Turban. 



YIII. D«r Organismiu des Staates. 437 

Die Kopftaxe war jährlich nach dem Mondjahre zu 
entrichten. Betraten Ung>läubig>e in Geschäftsangelegenheiten 
das mohammedanische Gebiet^ so durften sie nur vier Mo- 
nate verweilen ohne die Kopftaxe zu bezahlen, blieben sie 
länger, so mussten sie dieselbe entrichten. 

Verweigerten die unterworfenen Völker (ahl aldimmah) 
die Bezahlung der Kopftaxe, so galt dies als Vertragsbruch. 

c) Die Grundsteuer (char&g). 

Man kann hinsichtlich dieser Steuer die Gründe in 
vier Klassen eintheilen: 1. Von den Moslimen urbar 
gemachte Gründe; diese sind zehentpflichtig. 2. Gründe, 
deren Bewohner den Islam angenommen haben. 
Nach Shäfi'y sind auch diese Gründe nur zehentpflichtig 
und durften nicht mit Grundsteuer belastet werden. Nach 
Abu Hanyfa steht es dem Ermessen des Fürsten zu, die 
Gründe entweder für Zehent- oder Charäg-Gründe zu er- 
klären, auch kann er die letzteren in Zehentgründe umwan- 
deln, nicht aber umgekehrt. 3. Gründe, die von den 
Ungläubigen durch Eroberung erworben worden 
sind. Nach Shäfi'y sind sie als Beute zu betrachten und 
unter die Truppen zu vertheilen, und haben solche Grund- 
stücke den Zehent, aber keinen Charäg zu entrichten. Nach 
M41ik sollen diese Gründe als unveräusserliches Staatseigen- 
thum (wakf) gelten und mit keiner Grundsteuer belastet 
werden. Nach Abu Hanyfa steht dem Fürsten die Entschei- 
dung zu. 4. Gründe, deren Einwohner mit den Mos- 
limen eine Capitulation abgeschlossen haben, in 
Folge welcher sie im Besitze ihre Länderein belassen werden, 
aber eine Grundsteuer davon bezahlen müssen. 

Es kommen hiebei gewöhnlich zwei Alternativen vor: 
die alten Einwohner verzichten bei Abschluss der Capitu- 

■ 

lation zu Gunsten des mohammedanischen Staates auf ihr 
Eigen thumsrecht, und entrichten fortan eine fixe Grund- 



438 Vni. Der Organisraiis de« StaaMa. 

Steuer als Jahrespacht^ woflir sie und ihre Nachkommen im 
Besitze ihrer alten Ländereien belassen werden. In diesem 
Falle müssen sie dieselbe Grundsteuer auch fortbezahlen, 
selbst wenn sie zum Islam übertreten. Ausserdem haben sie, 
solange sie ihrem alten Glauben treu bleiben, die Kopfsteuer 
zu entrichten. Das Recht, solche Grundstücke zu verkaufen, 
steht ihnen nicht zu. Die zweite Alternative bei dem Ab- 
schlüsse der Capitulation ist die, dass die Gründe den Ein- 
wohnern als Eigen thum belassen werden gegen Bezahlung 
einer Grundsteuer, welche zugleich die Kopfsteuer vertritt. 
Sobald sie den Islam annehmen, entfällt diese Steuer. Sie 
haben auch das Recht, ihre Grundstücke zu verkaufen und 
kommen dieselben durch Verkauf in das Eigenthum eines 
Moslims, so fällt die alte Steuer und hat derselbe nur mehr 
die Ertragssteuer von 10%, den Zehent, zu entrichten. 

Für die Bemessung der Grundsteuer gilt die Frucht- 
barkeit des Grundes und Bodens als Maassstab. Hiebei 
muss auch die grössere oder geringere Mühe und Kost- 
spieligkeit der Bearbeitung und Bewässerung des Bodens, 
dann die Qualität und Einträglichkeit der Bepflanzung in 
Rechnung gezogen werden. 

Die Vertheilung der Grundsteuer auf die einzelnen 
Gründe fand auf dreierlei Weise statt: 1. Indem das ganze 
Gebiet vermessen und die Grundsteuer nach dem gesamm- 
ten Flächeninhalt festgesetzt wird. 2. Indem die bebauten 
Gründe vermessen und nach deren Flächeninhalt die Grund- 
steuer festgestellt wird. 3. Indem man das Mokasamah-System 
anwendet. ') 

In den zwei ersten Fällen wird die Steuereinhebung 
nach dem Sonnenjahr vorgenommen. Im dritten Falle ist 
die Einbringung und Reinigung der Ernte der Zeitpunkt 
hiefiir. Ist aber die Grundsteuer einmal nach dem einen oder 
anderen System festgesetzt, so darf hierin keine Aenderung 



») Vgl. hierüber oben p. 278. 



YIIl. Der Organiarnns des Staates. 439 

mehr vorgenommen werden und hat dieselbe flir alle Zeiten 
so zu verbleiben ; es sei denn, dass sich in den wesentlichen 
Thatsachen, nach welchen die Steuer festgestellt wurde, 
eine Aenderung ergeben habe. Findet eine Abnahme oder 
eine Zunahme des Erträgnisses der Gründe durch Zuthun 
und auf Veranlassung der Besitzer statt, z. B. durch nach- 
lässige oder sorgföltige Bebauung, so hat die Grundsteuer 
unverändert zu bleiben, tritt hingegen ohne ihr Zuthun eine 
Abnahme des Erträgnisses ein, z. B. durch einen Damm- 
bruch oder durch Verseichtung eines Kanales: so ist auf 
Staatskosten das Hinderniss gleich zu beseitigen und der 
Steuersatz, so lange der Uebelstand nicht behoben ist, ver- 
hältnissmässig zu vermindern, oder auch, wenn ein Hinder- 
niss eintritt, das die Bebauung des Bodens ganz unmöglich 
macht, vollständig zu streichen. Hingegen wird die Grund- 
steuer von culturfahigem Boden auch dann erhoben, wenn 
er gar nicht erbaut wird ; Mälik aber behauptet, dass keine 
Grundsteuer . behoben werden solle, wenn ein Grundstück, 
sei es absichtlich oder gezwungen, unbebaut gelassen wor- 
den ist. Abu Hanyfa gesteht die Steuerfreiheit nur im 
letzteren Falle zu. 

Bei Steuerrückständen ward zur Eintreibung durch 
Execution geschritten ; man verkaufte dem säumigen Steuer- 
pflichtigen seine Habe oder auch seinen Grund, oder man 
verpachtete ihn und zahlte die Steuer mit dem Pachtschilling. 
Ist jemand unfähig sein Grundstück zu bebauen, so muss 
er es entweder verpachten oder darauf Verzicht leisten, da^ 
mit ein Anderer es bebaue; unbebaut darf das Grundstück 
nicht bleiben, selbst wenn die Grundsteuer regelmässig da- 
für bezahlt wird. 

Der Gehalt des mit der Einhebung der Grundsteuer 
betrauten Beamten wird aus dem Ertrage der Steuer be- 
zahlt, sowie der des Einsammlers der Sadakah aus dem 
Ertrage derselben ; so auch der Sold der Messbeamten. Was 
die Saläre der Steuerdistributoren (kossäm) betriflft, so sind 



440 Till. Der Organumnf des StMtet. 

die Ansichten verschieden: nach Einigen (Shaii*y> SoiQ*^^ 
Taury) sind sie vom Erträgniss der Steuer oder von der 
Regierung zu bezahlen^ nach Änderen (MMik, Abu Hanyfa) 
zur Hälfte von den Steuerpflichtigen, zur Hälfte von der 
Regierung. 

vuLL. Die Provinzen und ihre territorialen Privilegien. 

Die Provinzen des Chalifenreiches sind hinsichtlich 
ihrer politischen und administrativen Stellung in drei Klassen 
einzutheilen : a) das heilige Gebiet, d. i. Mekka und sein 
Weichbild, b) Higäz, c) die übrigen Provinzen. 

a) Unter dem Weichbild von Mekka versteht man das 
umliegende Gebiet, welches sich in der Ausdehnung von 
3 — 10 englischen Meilen um die Stadt erstreckt. ^) Dieses 
Gebiet gilt als geheiligt. 

Ganz besonders sind es folgende Satzungen, durch 
welche Mekka sich von allen anderen Städten unterscheidet: 
1. Der heilige Gottestempel von Mekka darf von niemand 
(ausser den Bediensteten ) anders als im Weihgewande (ihram) 
betreten werden. 2. Die Bewohner von Mekka dürfen nicht 
mit Krieg überzogen werden, ausser wenn sie sich im Auf- 
stande gegen die rechtmässige Regierungsgewalt befinden. 
3. Das Wild des heiligen Gebietes darf nicht getödtet wer- 
den, und wer aus Versehen oder Unwissenheit es thut, hat 
dafür die vorgeschriebene Sühne zu leisten. Hingegen ist 
die Tödtung schädlicher Thiere, Reptilien und Insecten ge- 
stattet. 4. Es ist verboten, einen freiwachscnden Baum oder 
Strauch auf dem heiligen Gebiete zu fiillen : hingegen steht 
es frei, die eigenen Saaten und Pflanzungen zu schneiden, 
ebenso wie die Haus- und Nutzthiere zu schlachten. Fällt 
jemand einen voll wüchsigen Baum, so ist das Sühngeld eine 
Kuh, für einen kleinen Baum ein Schaf. 5. Kein Anders- 



1) M&wardy, 286. 



ym. Der OrgAniimiu des StMtes. 441 

gläubiger, nur der echte Moslim darf das heilige Gebiet be- 
treten (Abu Hanyfa gestattet den vorübergehenden Auf- 
enthalt von Ungläubigen). Betritt es doch der eine oder der 
andere; so ist er zu bestrafen , aber es ist untersagt^ ihn 
zu tödten. Das Betreten des Gottestempels von Mekka ist 
den Ungläubigen untersagt (in allen anderen Moscheen ist 
ihnen der Eintritt erlaubt; nui* MUik erklärt dies für 
verboten. *) 

b) Aehnliche Aiisnahmsbcstimmungen , wenn auch in 
geringerem Grade, bestehen fiir die ganze Provinz (Higaz), 
in der sich die beiden heiligen Städte Mekka und Medyna 
befinden: 1. Kein Ungläubiger darf daselbst seinen bleibenden 
Wohnsitz nehmen (Abu Hanyfa gestattet es). Er durfte nur drei 
Tage an einem und demselben Orte sich aufhalten. 2. Kein 
Ungläubiger durfte daselbst begraben werden, wenngleich 
oft wegen der grossen Entfernungen und der praktischen 
Schwierigkeiten dies Gebot nicht zur Anwendung kam. 
3. Die Stadt des Propheten (Medyna) hatte ihr heiliges 
Weichbild, welches, kleiner als das von Mekka, von den bei- 
den Thalwänden (läbatani) begrenzt war; es durfte daselbst 
kein Wild getödtet, kein Baum gefallt werden (Abu Hanyfa 
erklärt beides für erlaubt). 4. Das ganze Territorium von 
Higäz theilte man in zwei Kategorien von Gründen : solche, 
welche dem Propheten als Eigenthum gehörten und die er 
als fromme Stiftung zu öffentlichen Zwecken widmete; 
Gründe, welche die einfache Ertragssteuer von lO^o zahl- 
ten, aber frei von jeder Grundsteuer waren. '^) 

c) Alle anderen Provinzen ausser dem Weihgebiete 
von Mekka und Higaz können in vier Klassen gesondert 
werden: 1. Provinzen, deren Bewohner den Islam annahmen: 
diese zahlen nur die Ertragssteuer von 10%. 2. Provinzen, 



t) M&wardy, 286. 
2) 1. 1. 291. 



t 



442 VIII. Der OrgftniniBns des Staates. 

welche von den Mosliinen urbar gemacht worden sind: 
diese zahlen ebenfalls die Ertragssteuer von 10%. 3. Pro- 
vinzen, welche durch Eroberung in das Eigenthum der 
Moslimen gekommen sind: sie haben die Ertragssteuer von 
10% zu entrichten. 4. Provinzen, deren Bewohner den Islam 
nicht angenommen haben, sondern eine Capitulation ab- 
schlössen und die Grundsteuer zahlen. ^) 

IX. RechtsverhältnisBe des GrandeigenthumB. 

1. Verfügungsrecht des Sultans und Belehnung mit 

Gründen.2) 

Der Sultan kann über jene Ländereien verfügen, die 
keinen F^igenthümer haben. Gründe, welche auf diese Art 
von dem Sultan an Privatpersonen verliehen werden, müssen 
innerhalb eines gewissen Zeitraumes bebaut und cultivirt 
werden, geschieht dies nicht, so wird der Eigenthümer seines 
Rechtes verlustig und kehren sie wieder in die freie Ver- 
fügung des Sultans zuiiick. 

Solcher Gründe, über die dem Fürsten das freie Ver- 
fügungsrecht zusteht, gibt es mehrere Arten. Bei der 
Eroberung der Ländereien wurden viele Landstriche ent^ 
weder als der dem Staate zufallende Fünftelantheil der Beute 
eingezogen, oder auch mit Zustimmung der Truppen als 
Staatseigenthum erklärt. 

Die Gründe dieser Kategorie dürfen nicht als Eigen- 
thum verliehen werden, sondern nur im Wege der Ver- 
pachtung, denn sie sind unveräusserliches Staatseigenthum. 
Endlich gibt es viele Gründe, deren Eigenthümer ausgestor- 
ben sind, und welche dem Staate anheimfallen. Auch sie 
können vom Chalifen verliehen werden, entweder gegen Ent- 
richtung einer fixen jährlichen Pachtzahlung, oder gegen 
Erlag einer ein- für allemal geltenden Kaufsumme. 



') MÄwardy, 299. 
2) Mäwardy, 330. 



YIII. Der OrguiiBnms de« StaateB. 443 

Es gab auch eine Belehnung zur Nutzniessung und 
zwar in der Art, dass der Belehnte die Abgaben, welche 
von diesen Gründen in die Staatskasse fliessen sollten, für 
seine eigene Bechnung in Empfang zu nehmen berechtigt 
war. Doch ist hiebei zu bemerken, dass die Ertrag^steuer 
von 10^ Iq (*08hr) nie in solcher Weise einem Privatmanne 
zugewiesen werden durfte, nur die Belehnung mit der Grund- 
steuer war zulässig. Ganz besonders galt dies fiir Militärs, 
denen der Ertrag an Ginindsteuer von einzelnen Ländereien 
(anstatt der Löhnung) zugewiesen werden konnte, doch 
sollte dies nur für eine bestimmte Zahl von Jahren geschehen.*) 
Starb der hicmit Belehnte vor Ablauf der festgesetzten Frist, 
so war die Belehnung erloschen und kehrte das freie Ver- 
fiigungsrecht an den Staat zurück. Ilinterliess er Witwen 
und Waisen, so erhielten diese ihre Dotationen, aber durften 
nicht mehr auf den Löhnungsregistern der Truppen fort- 
geführt werden. 

Es kam allerdings noch eine Art der Belehn uug mit 
der Grundsteuer vor, indem dieselbe nicht blos für Leb- 
zeiten des Belehnten, sondern auch für seine Nachkommen 
Giltigkeit hatte, aber diese Art (von Erblehen) erklärt MÄ- 
wardy für gesetzwidrig, indem sie die Rechte des Staats- 
schatzes präjudicirt. 

Was aber die Anweisung der Gehalte der Civilstaats- 
diener auf den Ertrag der Grundsteuer anbelangt, so galt 
Folgendes : jene, die nicht beständig, definitiv, sondern nur 
in vorübergehender Bedienstung angestellt waren, wie z. ß. 
die Steuereinsammler, oder andere Regierungsbedienstete, 
deren Belehnung mit der Grundsteuer war unzulässig, und 
galt eine solche nur als einfache Anweisung (ihrer Gehalte 
für eine bestimmte Zeit) auf das Staatseinkommen aus der 
Grundsteuer. Bei jenen Beamten aber, die definitiv angestellt 
waren, hatte die Anweisung ihrer Gehalte auf das Grund- 



') Vgl. oben p. 2ö5, 286. 



444 YIII. D«r Orfaiiiftiniu dM Staates. 

steuererträgDiss nicht als Belehnung (iktft*); sondern als 
einfache Gehaltsan Weisung zu gelten, wie dies z. B. bei den 
Imäms und Muaddins der Fall war. Bei jenen, welche de- 
finitiv und nicht blos fiir einen bestimmten Zeitraum im 
Staatsdienste sich befanden und zwar mittelst besonderer 
Bestallung (taklyd), wie die Kadys, die Administrativbeamten 
(hokkäm), die Dywansbeamten (kottab aldywan), konnten 
die Gehalte auch für mehr als ein Jahr auf den Ertrag der 
Grundsteuer angewiesen werden, ganz besonders war dies 
hinsichtlich der Armee der Fall. Fiir Civilbeamte aber wird 
dies von einem Staatsrechtslehrer ausdrücklich als unstatt- 
haft bezeichnet, da der eine oder andere abgesetzt werden 
kann und es somit unklug wäre, ihnen den Gehalt im Vor- 
aus für länger als ein Jahr anzuweisen. 

2. Ueber die Minen und Bergwerke. *) 

Jene Schätze der Erde, die ofien daliegen, wie das 
Antimonium (kohl), Salz, Erdpech, Erdöl, sind, sowie das 
Wasser zu betrachten, welches Gemeingut Aller ist. Sie 
dürfen nicht als ausschliessliches Eigenthum eines Einzelnen 
angesehen werden und soll die Benützung Jedermann nach 
Bedarf freistehen. Jene Schätze der Erde aber, die verbor- 
gen sind, und nur durch Bearbeitung gewonnen werden 
können, wie z. B. Silber und Gold, Kupfer (sofr) und Eisen, 
können nach der Ansicht einiger Juristen nicht als Lehen 
(ikta*) vom Sultan verliehen werden; nach Andern aber 
wäre dies zulässig. 

»3. Die Urbarmachung der Brachgründe und Eröff- 
nung neuer Kanäle*^). 

Es war stehende Regel des mohammedanischen Ver- 
waltungsreclites, dass, wer ein Brachland urbar macht, das- 



1) Mawardy, 341. 
3) M&wardj, 308. 



yni. Der Orgftnismns des SUates. 445 

selbe zum Eigenthume erwerbe. Und zwar ist die Bewilligung 
des Souveräns hiezu gar nicht erforderlich. Abu Hanyfa 
lehrt allerdings, dass zur Urbarmachung diese Erlaubniss 
nothwendig sei. 

Unter dem Ausdrucke Brachland versteht man unbe- 
bautes, unbewohntes Land, das ohne Bew^ässerung ist — 
fugt Abu Hanyfa hinzu. 

Das urbar gemachte Land darf nicht mit Grundsteuer, 
sondern nur mit Zehent belastet werden. 

Bei der grossen Wichtigkeit der Bewässerung für den 
Feldbau befassten sich die arabischen Juristen früh mit den 
gesetzlichen Bestimmungen hierüber, um Streitigkeiten zu 
vermeiden oder zu entscheiden. Die Benützung der grossen 
natürlichen Ströme war, w^ie sich von selbst versteht, frei 
für Alle: Jeder konnte seine Felder bewässern, iqdem er 
daraus einen Kanal ableitete. *) Die kleineren natürlichen 
Wasseradern, die eine genügende Wassermenge hatten, stan- 
den ebenfalls Allen zur freien Benützung. Nur musste, wenn 
ein Kanal daraus abgeleitet werden sollte, früher festgestellt 
werden, ob nicht die Anwohner hiedurch Schaden leiden 
könnten. Bei kleinen Flüssen, deren Wassermenge nur 
für die nächsten Felder genügte, galt die Kegel, dass die 
Bewässerung successive stattzufinden habe, indem die ober- 
sten Felder zuerst bewässert wurden, zu welchem Behufe 
man das Wasser abdämmte, und auf die Felder leitete, dann 
liess man es dem nächstfolgenden Grundstücke zukommen, 
und so weiter nach der Reihenfolge stromabwärts. ^) 

Was endlich die Kanäle (anh&r) und künstlichen Wasser- 
strassen anbelangt, so gelten sie als Eigen thum Jener, die 
gemeinschaftlich dieselben zur Bewässerung ihrer Ländereien 
und auf ihre Kosten hergestellt haben. Diese sind berech- 
tigt, in solchem Falle jeden Andern von der Benützung 

<) Mnwardy p. 313. 
>) Mftwardy p. 314. 



446 Vin. Der OrganisiDUK dw Staat«!. 

auszuBchliessen. Ihr Besitz ist ein coUectiver und hat kein 
Einzelner von ihnen das Recht einen Steg (*abbärah) zu 
errichten oder das Wasser zu stauen, ohne vorher mit sei- 
nen Mitbesitzern sich verständigt zu haben. 

Ganz dieselben Grundsätze gelten fiir gemauerte Wasser- 
leitungen (kanawät). 

Auch in Betreff der Brunnen wurden nicht weniger 
sorgfältig die gesetzlichen Bestimmungen festgestellt. Sehr 
oft wurden die Brunnen, wie dies noch jetzt allgemein im 
Oriente üblich ist, zu wohlthätigen Zwecken, zur freien Be- 
nützung der Vorübergehenden bestimmt. In solchem Falle 
stand es Allen frei, sich derselben zu bedienen. Anders ver- 
hielt es sich mit den Brunnen, die Jemand zu seinem eige- 
nen Gebrauche grub, wie z. B. die Beduinen, wenn sie auf 
einem Weideplatze sich fü.r einige Zeit niederlassen: in diesem 
Falle stand der Brunnen so lange zur Verfugung desjeni- 
gen, der ihn gegraben hat, als er ihn benützte; sobald er 
aber aufhörte, sich desselben zu bedienen, ward er allgemei- 
nes Gemeingut. Gräbt Jemand auf brachliegendem, herren- 
losem Grunde einen Brunnen, so erlangt er das Eigenthums- 
recht auf denselben und dessen Umfriedung (harym. ') 

Ueber die Ausdehnung dieser Umfriedung sind die 
Juristen verschiedener Ansicht. Abu Hanyfa setzt dieselbe 
auf 50 Ellen (cubitus) im Umkreise an; Abu Jusof auf 
40 — 50 Ellen. Hinsichtlich der Quellen gelten im Allgemei- 
nen dieselben Grundsätze, wie für die Brunnen. Nur wird 
die zu einer Quelle gehörige Umfriedung, welche dem als 
Eigenthum zufällt, der die Quelle auffindet, nach Abu Ha- 
nyfa auf 500 Ellen bestimmt, also das Zehnfache der Um- 
friedung eines Brunnens. Man ersieht hieraus, dass man das 
Graben von Bininnen, die Auffindung neuer Quellen dadurch 
zu fordern suchte, dass man eine gewisse Prämie aussetzte. 



1) M&wardy p. 317 ff. 



YI1L Der OrganiiinaB dw Staates. 447 

iDdem man dem, welcher den Bninnen grub, oder die Quelle 
entdeckte, das Eigenthumsrecht auf den nächsten Umkreis 
zusicherte. 

4. Die Staatsgehege *). 

Unter dein Ausdruck: Staatsgehege versteht man 
einen brachliegenden Landstrich, den der Souverän zu 
einem gewissen Zwecke bestimmt hat, der also nicht urbar 
gemacht oder bebaut werden darf. Solche Bezirke Messen 
Himk, und sie dienten vorzüglich zui* Weide für die 
der Regierung gehörigen Heerden, oder die Reitthiere 
der Truppen. In späteren Zeiten kam jedoch diese aus- 
schliessliche Vorbehaltung grösserer Weidegründe zu solchen 
Zwecken kaum mehr vor. Die Regierung brauchte nicht 
unbebaute Strecken für Himk zu erklären, denn schon 
nach den ersten Eroberungen besass sie ausgedehnte Staats- 
ländereien, die ihr fSir alle Zwecke genügten. 

5. Die allgemeinen Nutzniessungen. 

Unter dem Ausdruck der allgemeinen Nutzniessungen 
(maräfik) versteht man im arabischen Vei-waltungsrecht die 
freie. Jedermann zustehende Benützung der öffentlichen 
Bazare, der Plätze, der offenen Umgebung (harym) der 
Städte und der öffentlichen Reiseherbergen u. s. w. 

In Betreff der Wüste und der unbewohnten Ländereien 
ist zu bemerken, dass in erster Linie hier die Benützung 
der Karawanserais (Chane) und der Quellen in Betracht 
kommt. Diese sollen immer Allen, die des Weges vor- 
beiziehen, zur Benützung frei stehen, und der Sultan hat 
nur dafür zu sorgen, dass sie im guten Stande erhalten 
bleiben. 

Eine andere Art der Nutzniessung ist die Benützung 
der freien Plätze vor den Gebäuden und Wohnorten, Ent- 
steht hieraus irgend ein Nachtheil für die Bewohner, so hat 

M&wardy p. 312 ff. 



448 Vni. Der OreranismiLS des Staate«. 

der Sultan diese Benützung zu untersagen, es sei denn, 
dass die zunächst Betheiligten sich selbst hiemit einverstan- 
den erklären. Dasselbe gilt von der Benützung der Umfrie- 
dung (harym) der Moscheen und Bethäuser; dieselbe ist 
also nur dann gestattet, wenn sie den zunächst Bethei- 
ligten, nämlich den Betenden, nicht hinderlich und nach- 
theilig ist. 

Die dritte Art der Nutzniessung ist die Benützung der 
öffentlichen Plätze und Strassen; hierüber hat der Sultan 
allein zu entscheiden. 

Was die Ulemä's und Rechtsgolehrten anbelangt, die in 
den Moscheen und Bethäusern zum Behufe des Unterrichts 
oder der Rechtsentscheidungen (fatwk) ihre Sitzplätze ein- 
nehmen, so hat der Sultan die Oberaufsicht hierüber. Doch 
entscheidet der Usus, ob für solche religiöse Functionen an 
den Moscheen und die Benützung der inneren Räume zu 
solchen Zwecken eine besondere Ermächtigung durch den 
Sultan erforderlich ist oder nicht. ^) 

X. Die religiösen Angelegenheiten. 
1. Das Adelsmarschallamt (nikäbat alashräf^). 

Der Zweck und die Aufgabe des Adelsmarschallamtes 
ist der, die Mitglieder der Familie des Propheten und deren 
Nachkommen davon zu bewahren, dass nicht Jemand über 
sie gebiete, der nicht ebenbürtig ist. 

Die Ernennung des Adelsmarschalls erfolgt entweder 
durch den Chalifen oder dessen Stellvertreter, den unbe- 
schränkten Wezyr, den Provinzialstatthalter, oder den ober- 
sten Adelsmarschall, dem die Befugniss eingeräumt worden 



*) Nur die Vorbeter (imäm) werden gewöhnlich vom Sultan ernannt. 
An den Moscheen galt vollkommene Lehrfreiheit; wer sich dazu befähigt 
glaubte, konnte Vorträge halten, wenn er ein Auditorium fand. 

2) MAwardy p. 164. 



VIII. Der OrffanismuB des Staates. 44^ 

ist; Unter-Adelsmarschiille in den einzelnen Städten zu er- 
nennen. Es gibt immer zweierlei Adelsmarschälle, der eine 
wird für die Tsdibiden (Alyiden), der andere ftir die 
Abbftsiden bestellt. Diese Würde pflegte in der Regel nur 
dem edelsten und angesehensten Manne des ganzen Ge- 
schlechtes übertragen zu werden. Seine Befugnisse waren 
beschränkt oder unbeschränkt. Der mit beschränkten Be- 
fugnissen ausgestattete Adelsmarschall hatte keine civil- 
oder strafrechtliche Gewalt, und hatte sich ausschliesslich 
mit den Angelegenheiten des Adelsmarschallamtes zu befas- 
sen; diese bestehen im Folgendem: er hat die Geschlechts- 
register zu führen und richtig zu stellen, die Sterbefälle und 
Geburten genau darauf einzutragen, darüber zu wachen, 
dass alle Stammesmitglieder auf eine ihrer Abstammung von 
dem Propheten würdige Weise leben. Er hat sie in ihren 
Rechtsangelegenheiten und Ansprüchen zu unterstützen, und 
sie hierin zu vertreten, er muss darauf Acht geben, dass 
die Witwen keine Missheirathen eing^en, sondern sich mit 
ebenbürtigen Männern verehelichen. Er soll seine Stammes- 
mitglieder, wenn sie sich eines Vergehens schuldig machen, 
ermahnen und zurechtweisen, ohne sie aber körperlich zu 
bestrafen. Endlich hat er die zu ihren Gunsten errichteten 
frommen Stiftungen und deren Verwaltung zu überwachen, 
sowie die Vertheilung des Einkommens derselben unter sie 
vorzunehmen. 

Der mit allgemeinen Machtbefugnissen ausgestattete 
Adelsmarschall hat ausser den eben aufgezählten noch fol- 
gende Befugnisse: er schlichtet und entscheidet Streitigkeiten 



1) Dieses Ehrenamt bestand schon nnter den Omajjaden. Denn 

schon Mo'&wija ernannte einen Adelsniarschall der H&shimiden. Vgl. Ibn 

Chaldun: Allgem. Geschichte III. 134. Es scheint also, dass es damals nur 

einen Adelsmarschall gab. Noch bis in unsere Tage hat sich diese Würde 

in der Türkei erhalten, Terlor aber viel von dem früheren Ansehen. Mein 

Freund Seheich Nahh&s in Beirat, der dort das Amt eines Adelsmarschalls 

bekleidet, verbindet hiemit die bescheidene Thfitigkeit eines Schulmeisters. 
T. Kremer, CnliargMcliiclite dat Orienta. 29 



450 Vm. D«r Orgsnismiii dM SUatM. 

zwischen seiDen Stammesmitgliedern , verwaltet das Ver- 
mögen der Minderjährigen^ und hat die strafrechtlichen 
Bestimmungen zur Anwendung zu bringen; endlich hat er 
die Irrsinnigen, Tobsüchtigen und Geistesschwachen unter 
Aufsicht zu stellen. 

Ist dem Adelsmarschall die richterliche Gewalt nicht 
ausdrücklich eingeräumt, so bleibt der ordentliche Richter 
zur Entscheidung der Streitigkeiten berufen. 

Ganz dieselben Grundsätze, wie die über die Adels- 
marschälle eben dargelegten, gelten auch für die von der 
Regierung bestellten Obmänner der Araberstämme und ein- 
zelnen Nomadenhorden. Sie üben über ihre Stammesange- 
hörigen dieselbe Autorität aus, wie die Adelsmarschälle über 
ihre Adelsgenossen. ') 

2. Die Vorsteherschaft bei dem öffentlichen 

Gebete.^) 

Die Vorsteherschaft bei dem Gebete ist eine dreifache: 
1. Bei den fünfmaligen täglichen Gebeten. 2. Bei dem 
Freitagsgebete. 3. Bei dem facultativen Gebete. •^) 

Was die Vorsteherschaft bei den fiinfmaligen täglichen 
Gebeten anbelangt, so richtet sie sich nach den Moscheen. 
In der Sultansmoschee, d. i. der grossen Ilauptmoschee, 
wo der allgemeine Freitagsgottesdienst abgehalten zu wer- 
den pflegt, werden die Imäme (Gebetvorsteher) vom Sul- 
tan ernannt, und darf kein anderer als Vorbeter fungiren. 



^) Wie dies noch jetzt in der Türkei sowohl, als in Persien der 
Fall ist, wo die Regiemng den Häuptlingen der Wanderstlunme die Ge- 
richtsbarkeit und oberste Leitung des ganzen Stammes zuerkennt. 

2) MÄwardy p. 171. 

3) Salftt alnadb, d. i. facultative Gebete, sind im Gegensatze zu den 
für jeden Muselmann obligatorisch vorgeschriebenen tfiglichen fiinfmaligen 
Gebeten, sowie dem Freitagsgottesdienste, jene, welche nur bei gewissen 
Anlässen tu verrichten sind, und nicht obligatorischen, sondern facultati- 
ven Charakter haben. 



YIII. Der Organismus des Staates. 451 

SO lange jene ihrem Dienste nachkommen können. Der so 
bestellte Imslm hat seinerseits das Recht, die Muaddins 
(Gebetausrufer) zu bestellen. Sowohl die Imäme wie die 
Muaddins können aus dem Staatsschatze eine Besoldung zu- 
gewiesen erhalten, nur Abu Hanyfa spricht sich dagegen 
aus. Was aber die Volksmoscheen anbelangt, die das Volk 
in den verschiedenen Stadtvierteln oder auf dem Lande für 
sich selbst und auf eigene Kosten erbaut, so steht dem 
Sultan kein Ernennungsrecht der daselbst bestellten Imäme 
zu, sondern die Gemeinde wählt sie selbst; kann dieselbe 
sich über die Wahl nicht verständigen, so bestimmt der 
Sultan den Vorbeter. 

Anders verhält es sich mit der Vorsteherschaft bei dem 
Freitagsgebete. Abu Hanyfa und die Anhänger der Schule 
von Irak sind der Ansicht, dass es zu den obligaten Reli- 
gionsceremonien gehöre und nur in Gegenwart des Sultans 
oder seines von ihm bestellten Stellvertreters regelmässig 
abgehalten werden könne, Shäfi'y hingegen und die Juri- 
sten der Schule von Higaz behaupten, dass die Ernennung 
eines besonderen Vorbetörs hiezu nur facultativ (nadb) sei, 
und dass die Gegenwart des Sultans oder seines Stellver- 
treters nicht eine nothwendige Bedingung der Legalität des 
Gottesdienstes sei. 

Was aber die facultativen Gebete (salawädt alnadb) 
betrifft, wie die fünf Gebete der beiden grossen Feste, 
bei Mond- und Sonnenfinsterniss , das Kegengebet u. s. w., 
so ist die Bestellung eines besondern Imäm hiezu faculta- 
tiv (nadb). 

Der Imäm hatte bei den Gebeten, wobei des Sultans 
Erwähnung geschieht, den schwarzen Mantel (sawäd) zu 
tragen, als Abzeichen der herrschenden Familie (der Abbä- 
siden). Zwar ist dies durch keine besondere religiöse Vor- 
schrift geboten, aber, wie Mäwardy beifügt, aus Rücksicht 

für den Herrscher nicht zu unterlassen, um nicht etwa den 

29* 



452 ▼ni. Der Orf^nismm dai Stomtot. 

Schein der Opposition gegen die regierende Familie auf 
sich zu laden. *) 

3) Die Vorsteherschaft der Pilgerkarawane.^) 

Dieses Ämt^ das als einer der höchsten Ehrenposten 
betrachtet und von den Chalifen oft selbst übernommen^ 
gewöhnlich aber den ersten Würdenträgern des Reiches 
(dem Thronfolger, Prinzen der herrschenden Dynastie u. s. w.) 
übertragen wurde, ist ein zweifaches: 1. die Leitung und 
Führung der Pilgerkarawane nach Mekka und zurück. 
2. Die Leitung der nach der Ankunft in Mekka und während 
des Aufenthaltes daselbst zu erRillenden religiösen Cere- 
monien. Nicht selten wurden diese beiden Functionen an 
verschiedene Personen übertragen: denn die ErfUUung des 
zweiten Theiles erfordert theologische Kenntnisse und be- 
sonders genaue Vertrautheit mit dem religiösen Ceremoniell. 
Der mit der einfachen Leitung und Führung der Pilger- 
karawane betraute Würdenträger, welcher gewöhnlich Amyr 
alhagg, d. i. Fürst der Wallfahrt, hiess, hatte folgende Auf- 
gabe: er musste den Marsch der Pilgerkarawane leiten, die 
Rastplätze und Aufbruchstunden bestimmen, und für die 
Sicherheit der Karawane sorgen. Ferners war es seine Auf- 
gabe, die Streitigkeiten zwischen den Pilgern zu schlichten, 
richterliche Entscheidungen hatte er nur dann zu fallen und 
auszuführen, wenn ihm die richterlichen Functionen beson- 
ders übertragen waren. In diesem Falle galt er als der 
competente Richter für alle Streitigkeiten der Mitglieder 
der Karawane unter einander. 

Ferners übte er die Sitten- und Strafpolizei aus, doch 
sollte er sich blos auf Rügen beschränken, wenn er nicht 
ausdrücklich zur Verhängung von Strafen und Züchtigungen 



1) MÄw., 171—186. 

2) Ibid. 186. 



TUT. Der Orffaaismas des Staates. 453 

ermächtigt worden war. Befand sich die Karawane in einer 
Stadt ^ wo ein Strafrichter seinen Sitz hatte , so entschied 
der Fürst der Wallfahrt nur über jene Straffälle , die vor 
dem Betreten der Stadt begangen worden waren; für die 
in der Stadt selbst begangenen Straffälle war der ordentliche 
Richter jener Stadt allein competent. Endlich hatte er dafür 
zu sorgen^ dass die Karawane rechtzeitig in Mekka anlange 
und nicht den vorgeschriebenen Zeitpunkt zur Erfüllung 
der Wallfahrtsceremonien versäume. 

Hatte der Fürst der Wallfahrt die Karawane glücklich 
nach Mekka geführt^ so hörte seine Autorität für Jene auf, 
die nicht mehr mit derselben Karawane die Rückreise an- 
treten wollten ; für die Andern aber dauerten seine Be- 
fugnisse unverändert bis zur Rückkehr in die Heimat fort. 
Bei der Rückreise ward gewöhnlich der Weg über Medyna 
eingeschlagen ; damit die Pilger das Grab des Propheten 
daselbst besuchen könnten, obgleich dies keine obligatorische 
Pflicht, wie die Wallfahrt, war. 

Erstreckte sich die Aufgabe des Fürsten der Wallfahrt 
auch auf die religiösen Ceremonien in Mekka selbst, so 
fungirte er als Imäm (Vorbeter) bei der Abhaltung der 
Gebete und hatte er dieselben Pflichten, wie der Leiter des 
öffentlichen Gebetes. 

XI. Die Organisation des Staatsreohnungswesens. ^) 

Die Aufgabe der Regierungskanzleien ist, nach Ma- 
wardy, eine vierfache : 1. Registrirung der . Truppen und 
ihrer Löhnung (also die Buchführung über das Militärwesen). 

2. Registrirung der Steuern und Abgaben der Provinzen. 

3. Die Ausfertigung der Bcstallungs- und Absetzungsdecrete 
für Regierungsbeamte. 4. Die Buchführung über das Ein- 
kommen und die Ausgaben des Staates. 



1) Hawardy, 343. 



454 VIII. Der Organinniis de« Sta&tei. 

An der Spitze des DywÄns, welcher also jene Stelle 
einnahm y die in unserem Verwaltungssystem durch das Mi- 
nisterium der Finanzen und des Innern ausgefüllt wird, 
stand der Secretär des Dywäns (Kdtib aldyw&n). Seine 
Dienstesobfiegenheiten waren wie folgt: 1. Er hatte die 
gesetzlichen Bestimmungen zu wahren. 2. Die Einhebung 
der Staatsabgaben zu registriren. 3. Die Auszahlungen (dofu*) 
zu überwachen. 4. Die Rechnungscon trolle über die Finanz- 
beamten zu üben, und 5. über die an ihn gelangenden Be- 
schwerden gegen Finanzmaassregeln zu entscheiden. ') 

1. Die Buchführung über das Militärwesen. 

In den Registern der Armee sind die einzelnen Sol- 
daten genau einzuzeichnen und ist deren Personsbeschreibung 
aufzunehmen, um Verwechslungen vorzubeugen und um 
jeden bei der Soldvertheilung vorrufen zu können. Jeder 
Soldat ist einem Ofticier (nakyb) oder Untcrofficier ('aryf) 
zuzuweisen, der die Verpflichtung hat, ihn, wenn immer 
seine Dienste erfordert werden, zu stellen. ^) Die Soldaten 
werden in den Armeeregistern nach ihren Stämmen und 
Geschlechtern eingereiht. Sind die Truppen aus echten 
Arabern zusammengesetzt, so werden sie nach ihren Stäm- 
men eingereiht und zwar nach dem Verwandtschaftsgrade 
mit dem Stamme des Propheten; sind sie aber nicht ara- 
bischer Nationalität, und besitzen sie kein festes genealogisches 
System, wie die Araber, so sind sie nach ihren Volksstäm- 
men oder nach ihren Stammländern zu registriren, so dass 
die Türken, die Inder, die Dailamiten als besondere Völker- 
stämme eingetragen und jeder solche Volksstamm wieder in 
seine Unterabtheilungen geschieden wird. 



MÄw., 370. 

^) Es bezieht sich dies nut' die Betirlaubunp^en, während welcher die 
Soldaten in ihre Dörfer zurückkehrten und nur in Evidenz gehalten wur- 
den, um im Nothfall einberufen zu werden. 



YIII. Der OrgHBisrnuK des Staat«!. 455 

Hinsichtlich der Löhnung gilt der Grundsatz^ dieselbe 
sei so festzusetzen, dass sie zum nothwendigen Lebensunter- 
halt ausreiche 9 wobei vorzüglich darauf Rücksicht zu neh- 
men ist, wie viele Familienmitglieder der Soldat zu ernähren 
hat, wie viele Pferde und Saumthiere er hält und ob an 
dem Ort, wo er stationirt ist, Theuerung oder Billigkeit 
vorherrscht. Die Auszahlung des Lohnes kann ein- oder 
zweimal im Jahre erfolgen, je nachdem der Staat seine 
Steuern jährlich oder halbjährlich einhebt. 

Werden die Truppen dem Feinde entgegengefiihrt und 
sie weigern sich zu kämpfen, so verlieren sie das Recht 
auf die Löhnung; geräth einem Soldaten im Felde sein 
Reitthier in Verlust, so ist es ihm zu ersetzen, ebenso wenn 
im Kampfe seine Waflfen unbrauchbar werden : es sei denn, 
dass etwa schon bei der Bemessung seines Soldes ihm die 
Verpflichtung auferlegt worden wäre, selbst für seine Be- 
waffnung und Ausrüstung zu sorgen. Ganz derselbe Grund- 
satz gilt in Betreff der Reisekosten: ist bei dem Ausmaass 
seiner Löhnung hierauf keine Rücksicht genommen worden, 
so gebührt ihm der Ersatz, sonst aber nicht. 

Stirbt ein Soldat oder fUUt er im Kampfe, so haben 
seine Erben Anrecht auf den ausstehenden Sold. Verschieden 
sind die Ansichten der Juristen darüber, ob der hinter- 
lassenen Familie des Soldaten ein Recht auf den Fortbezug 
des Soldes zustehe oder nicht. Nach der einen Ansicht ge- 
bührt ihnen der Fortbezug der Löhnung und sind sie in 
den Armeeregistern fortzuführen; nach anderen aber sind 
die Hinterbliebenen aus dem Ertrage des Zehents (*oshr) 
und der Vermögenssteuer (sadakah) zu unterstützen. 

Auch darüber herrschte Meinungsverschiedenheit, ob 
jenen Soldaten, welche kriegsunföhig werden, der Sold 
fortzubezahlen sei oder nicht. Die Einen verneinten es, weil 
der Soldat dem Staate keine Dienste mehr leiste und somit 
kein Anrecht auf Löhnungsbezug habe. Die Andern aber 



456 Till. Der Organismiis des StMies. 

sagten^ der Sold sei ihm forzubezahlen zur Aneiferung für 
die Übrigen. 

2. Die Buchhaltung bezüglich der dem Aerar in den 
verschiedenen Landestheilen zustehenden Rechte 

und Abgaben. 

Hierüber bemerkt Mäwardy Folgendes: In den Re- 
gistern ist jeder Verwaltungsbezirk für sich aufzuführen^ 
dessen Districte und Unterabtheilungen mit den verschie- 
denen für sie Geltung habenden Regulativen genau zu ver- 
zeichnen; gelten ftir die verschiedenen Ländereien des 
Districtes verschiedene fiscalische Bestimmungen, so sind 
dieselben besonders aufzuführen. 

Ferners ist bei jeder Stadt anzugeben, ob dieselbe mit- 
telst eigener Capitulation sich unterwarf, oder ob sie mit 
Gewalt erobert ward, dann ob die Ländereien Grundsteuer 
(charäg) oder nur Zehent ('oshr) zu entrichten haben, und 
ob sie alle derselben oder einer verschiedenen Besteuerung 
unterliegen. ^) 

Die zehentpflichtigen Gründe sind in den Zehent- 
registern, die grundsteuerpflichtigen in den Grundsteuer- 
registern einzutragen. Bei der erstgenannten Klasse ist die 
Vermessung nicht nothwendig, da sie die Steuer vom Er- 
trage zahlen, bei der zweiten Klasse aber ist sie erforderlich, 
da sie die Steuer nach der Bodenfläche entrichten. Ferners 
ist bei den grundsteuerpflichtigen Gründen genau festzustellen, 
ob die Steuer in natura oder in Geld eingehoben wird. Im 
ersteren Falle ist, nachdem die Vermessung stattgefunden 
hat, der Mokasamah-Betrag anzugeben, der als Steuer zu 
entrichten ist, also: ein Viertel, ein Drittel oder die Hälfte 
des Erträgnisses u. s. w. 



') Diese aintlich«n Verzeichnisse wurden sicher bei der Ausarbeitung 
der ältesten geographischen Schriften benützt. 



Till. Der Org»iiismu des Staates. 457 

In dem Register muss auch ferners bemerkt werden, 
wie hoch die Zahl der in jedem Districte ansässigen nicht- 
mohammedanischen Bevölkerung ist, sowie auch die ihnen 
auferlegten Abgaben verzeichnet werden sollen. 

Dann sind bei Beschreibung jener Provinzen, wo sich 
Bergwerke befinden, dieselben zu bezeichnen, damit die 
Regierung in der Lage sei, den ihr zukommenden Antheil 
des Erträgnisses zu erheben. 

Hinsichtlich der Landestheile , die an feindliches Ge- 
biet grenzen, ist genau in den Dywansregistern vorzumerken, 
welche Steuern an der Grenze bei der Einfuhr der Waaren 
aus dem fremden Gebiete erhoben werden und ist der hierauf 
bezügliche Friedensvertrag in den Registern einzutragen, 
sowie die Höhe des Eingangszolles; wechselt derselbe nach 
der Natur der Waaren, so ist dies ebenfalls vorzumerken. 

Strenge untersagt ist es aber, Zwischonzölle zu er- 
heben für den Waarenverkehr zwischen den einzelnen Pro- 
vinzen und Landschaften des mohammedanischen Gebietes. 

3. Die Buchführung über die Ernennung und Ent- 
hebung der Regierungsbeamten. 

Die Ernennung der Beamten erfolgt entweder unmittel- 
bar von dem Sultan, von dem mit unbeschränkter Machtvoll- 
kommenheit ausgestatteten Wezyr, oder von einem mit dem 
Ernennungsrecht bestellten Statthalter. 

Bei der Ernennung der mit unbeschränkter Machtvoll- 
kommenheit und mit richterlichen Befugnissen (igtihad) aus- 
gestatteten Beamten sind zwei Bedingungen zu beachten: 
a) der freie Stand, b) der Islam. Bei Anstellungen, welche 
mit richterlichen Befugnissen (igtihad) nicht verbunden sind, 
entfallen diese Vorbeding^mgen (es können also Unfreie 
und Andersgläubige angestellt werden). Bei jeder solchen 
Anstellung ist genau der Wirkungskreis zu bezeichnen, 
ferners die Dauer der Bedienstung. In letzter Hinsicht ist 



458 VIU. I><fr Orgsnisma« des ätMtet. 

zwischen temporären und permanenten Anstellungen zu unter- 
scheiden. Der Beamte kann immer seiner Functionen ent- 
hoben werden. Hingegen kann er, wenn er mit fixem Ge- 
halte für eine bestimmte Dauer angestellt worden ist, ^or 
Ablauf der Frist seine Demission nicht geben. Ist der 
Beamte ohne fixen Gehalt angestellt, so kann er nach vor- 
läufiger Kündigung den Dienst einstellen. Wenn er mit be- 
stimmter Frist angestellt ist, so endet sein Amt mit Ablauf 
derselben. Ist die Anstellung ohne Zeitbestimmung erfolgt, 
so yei*waltet er sein Amt so lange als er nicht von dem, 
der ihn bestellt hat, seines Dienstes enthoben wird. 

4. Die Buchführung über das Einkommen und die 

Ausgaben des Staates. 

Jedes Einkommen, das dem mohammedanischen Ge- 
meinwesen zufallt, auf das aber kein einzelner Moslim einen 
bestimmten Rechtsanspruch hat, gehört dem Staatsschatze; 
jede Ausgabe, die aber im allgemeinen Interesse der Mos- 
limen zu machen ist, fallt dem Staatsschatze zur Last. 

Was die Verpflichtungen der Regierungskasse anbe- 
langt, so entfallt jede für das allgemeine Wohl unwesentliche 
Verpflichtung, wenn die Staatskasse leer ist; jene Verpflich- 
tungen hingegen, die einen vollen Rechtsanspruch gegen 
das Aerar begründen, wie z. B. der Sold der Truppen, der 
Ankaufspreis für Wafien und Reit- oder Saumthiere, bleiben 
auch dann rechtsgiltig, wenn der Staatsschatz momentan die 
Mittel nicht besitzt, die fälligen Summen sogleich zu bezahlen, 
sondern solche Ansprüche gelten als Schulden, die getilgt 
werden müssen, sobald das Aerar die Mittel hiefur besitzt. 
Jene Zahlungen aber, welche der Staat nur zu gemein- 
nützigem Zwecke oder zum allgemeinen Nutzen macht, ent- 
fallen ipso facto, sobald die Mittel hiefur fehlen. Hat das 
Aerar Zahlungen zu leisten, aus deren Unterlassung grosser 
Schaden für den Staat entstehen könnte, so kann auf Rech- 



Yni. T)«r Orguismu des Stute«. 459 

nun^ des Staatsschatzes ein Anlehen aufgenommen werden, 
und hat jeder Nachfolger des Fürsten, der das An- 
lehen aufgenommen hat, die Verpflichtung, diese 
Schuld zu tilgen, sobald im Staatsschatze die Mit- 
tel hiezu vorhanden sind. 

Bleibt im Staatsschatze nach Abrechnung aller Aus- 
gaben ein Rest, so ist nach Abu Hanyfa derselbe als Reserve 
für unvorhergesehene Fälle aufzubewahren. Shäfi'y aber ist 
der Ansicht, dass dieser Ueberschuss zum Besten der mos- 
limischen Staatsgemeinde zu vertheilen sei und dass die 
Kosten für unvorhergesehene Ereignisse von der Gesammt- 
heit der Moslimen aufzubringen seien. 

XIL Die gesetBliohen Bestiinmungen für FolüEeiangelegen- 

heiten und strafireohtliche Fälle. ^) 

Die strafbaren Handlungen werden, je nachdem sie 
gegen das religiöse Gesetz (Koran und Sonna) oder nur 
gegen die Vorschriften der Sittenpolizei Verstössen, entweder 
durch die vom religiösen Gesetze bestimmten Strafen (hadd) 
oder durch einfache Polizeistrafen (ta*zyr) geahndet. 

Als allgemeine Regel gilt der Grundsatz, dass niemand 
auf blossen Verdacht einer strafbaren Handlung eingesperrt 
werden darf, ebensowenig kann jemand durch Anwendung 
von Gewalt zum Eingeständniss gezwungen werden. 2) 

Die Ueberweisung des Angeklagten kann erfolgen ent- 
weder durch das Eingeständniss oder durch den Beweis. 
Nach Herstellung des Beweises erfolgt die Bemessung der 



») MÄwardy, 375 ff. 

^) Dieser Rechts^uodsatz ist zwar selten im Oriente znr Geltung 
gekommen, aber dass im eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung die 
mohammedanischen Juristen solclie Theorien aufstellen konnten, liefert 
den Beweis dafür, wie weit damals die Civilisation des Orients jener von 
Europa Yorangeeilt war. 



460 VIfl. Der Örganismas des StMtei. 

Strafe; diese kann aber zuerkannt werden eben sowohl 
wegen Begehung einer verbotenen als wegen Unterlassung 
einer gebotenen Handlung. 

Wir betrachten zuerst die strafbaren Handlungen re- 
ligiöser Natur. 

1. Strafbare Handlungen religiöser Natur. 

Das schwerste Verbrechen dieser Art ist die Apostasie, 
der Abfall vom Islam. Die hieflir festgesetzte Strafe des- 
jenigen, der nicht noch im letzten Augenblicke Busse thut, 
ist der Tod. 

Wer das vorgeschriebene Fasten nicht einhält, ist ein- 
fach einzusperren und für die Zeit der Fasten ist ihm Speise 
und Trank zu entziehen. 

Wenn jemand die vorgeschriebene Vermögenssteuer 
abzuliefern unterliess, so wurde dieselbe zwangsweise von 
ihm eingehoben. 

Die Unterlassung der vorgeschriebenen Wallfahrt ist 
in keinem Falle zu bestrafen. 

» 

2. Strafbare Handlungen nicht religiöser Natur. 

Unzucht. Die hiefiir festgesetzte Strafe ist wie folgt: 
a) wenn sich zwei ledige Personen mit einander vergehen: 
100 Geisseihiebe. Einige Juristen fügen noch für den 
männlichen Theil eine einjährige Verbannung hinzu. Sh&fi'y 
dehnt diese Bestimmung auch auf den weiblichen Theil aus 
und zwar soll die Verbannung wenigstens auf Entfernung 
von 24 Wegstunden von dem Wohnorte stattfinden, b) wenn 
Verwitwete sich miteinander vergehen, ist die Strafe fest- 
gesetzt auf 100 Hiebe und die Steinigung. — Die Strafe des 
Sklaven ist die Hälfte von der des freien Mannes, also 
50 Hiebe, c) Der Verheirathete, welcher Ehebruch begeht, 
dessen Strafe ist die Steinigung bis zum Tode. Dies gilt 
ebenso fiir den Moslim wie für den Ungläubigen. Abu 



f 



Till. I>er OrguniBinat det Staates. 461 

Hanyfa aber bestreitet dies und sagt, der Ungläubige sei 
nur mit 100 Hieben zu bestrafen. Auch der Sklave darf 
nicht gesteiniget werden, sondern wird nur mit Hieben 
bestraft. 

Der Beweis der Unzucht kann nur hergestellt werden 
durch das Eingeständniss oder durch mindestens vier über- 
einstimmende Augenzeugen. Hat jemand das Eingeständniss 
abgelegt und widerruft es vor Antritt der Strafe, so hat 
dieselbe zu entfallen. 

Wird die Steinigung in Folge des hergestellten Be- 
weises vorgenommen, so geschieht dies in folgender Art: 
es wird dem Schuldigen eine Grube gegraben, die ihm bis 
zur halben Körperhöhe reicht und ihn verhindert, die Flucht 
zu ergreifen; gelingt ihm dies aber dennoch, so kann er 
verfolgt und gesteiniget werden. 

Findet die Steinigung auf Grund des eigenen Ein- 
geständnisses statt, so wird keine Grube gegraben, und 
wendet sich der Schuldige zur Flucht, so darf er nicht ver- 
folgt werden. 

Diebstahl. Wenn ein Erwachsener, im vollen Ge- 
brauche seiner geistigen Fähigkeiten stehender Mensch ein 
fremdes, in Verwahrung befindliches Gut stiehlt, das einen 
gewissen Geldwerth hat, so ist ihm die rechte Hand vom 
Gelenke abzuhauen, stiehlt er ein zweites Mal, so ist ihm 
der linke Fuss vom Gelenke abzuhauen, stiehlt er ein drittes 
Mal, so ist nach Abu Hanyfa ihm kein Glied mehr abzu- 
hauen, nach ShUfi^y aber die linke Hand und bei einem 
vierten Diebstahl der rechte Fuss. Verschieden sind die 
Ansichten über die Summe, deren Höhe den Diebstahl qua- 
lificirt. Shäfi'y stellt die Ansicht auf, dass alles, was den 
Werth von ^/^ Dynar übersteigt als Diebstahl zu gelten 
habe. Abu Hanyfa setzt die Werthziflfer, die nicht über- 
schritten werden darf, auf 10 Dirham (oder 1 Dynar) fest. 
Für einen minderen Betrag darf die Strafe der Verstümm- 
lung nicht zur Anwendung kommen. Andere bestimmen die 



462 Vni. D«r Organümnii des StMtei. 

Summe ^ je nachdem sie milder oder strenger denken, auf 
40 Dirham (4 Dynar), auf 5 oder sogar auf 3 Dirham. 

Auch nach der Art des gestohlenen Gegenstandes 
richtete sich die Strafe. Shäfi*y lehrte, dass die Verstümmlung 
stattzufinden habe für jeden Diebstahl , Abu Hanyfa aber, 
dass für die Entwendung eines ursprünglich herrenlosen 
Gegenstandes wie Holz, Heu oder Jagdbeute die Verstümm- 
lung nicht zur Anwendung kommen dürfe. Er behauptete 
dasselbe von allen frischen Esswaaren und dgl. m. Die 
Hauptbedingung, damit die That als Diebstahl aufgefasst 
werden konnte, war, dass die gestohlene Sache sich im Be- 
sitz und unter Verwahrsam befand. War dies nicht der 
Fall, so galt auch deren Entwendung nicht als Diebstahl 
und konnte die Strafe der Verstümmlung nicht zur Anwen- 
dung kommen. 

Weingenus s. Eigentlich sollte das Vergehen des 
Weingenusses , da derselbe durch den Koran untersagt ist, 
in die Kategorie der Vergehen gegen das religiöse .Gesetz 
gehören. Jedes berauschende Getränk, sei es Wein oder 
etwas anderes, ist verboten und wird derjenige, der es trinkt, 
bestraft. *) Abu Hanyfa macht zwischen Wein (chamr) und 
Dattelwein (nabyd) einen Unterschied und bestraft nur den 
Genuss des ersteren. Die Strafe besteht in 40 Hieben, welche 
Strafe auch verdoppelt werden kann. Wer Wein als Arznei 
geniesst, wird nicht bestraft, auch der Trunkene darf nicht 
abgestraft werden, wenn er nicht selbst das Eingeständniss 
ablegt, oder durch zwei Zeugen überwiesen ist, dass er 
wissentlich und absichtlich Wein genossen habe. 

Verleumdung und gegenseitige Verfluchung 
(li^än*-^). Die Strafe desjenigen, der unbegründet einen 
andern der Unzucht beschuldigt, besteht in 80 Hieben. Ist 



^) Vg^l. Omar's II. Hirtenbrief gegen den Weingenuss in den Cultur- 
geschichtl. Streifzügen, p. 68. 
2) MÄwardy, 390. 



Yin. Der Organirams des Staates. 463 

der Verläumder ein Sklave, so ist die Strafe mit der Hälfte 
zu bemessen. Dieselbe Strafe gilt nicht blos für den Mos- 
lim , sondern auch für den Andersgläubigen , für Männer 
ebensogut wie für Frauen. Die gerichtliche Zeugenschaft 
eines der Verläumdung Ueberwiesenen ward nicht angenom- 
men, ausser wenn er Busse that und sich besserte. 

Beschuldigt jemand seine Frau des Ehebruchs, so ist 
er ebenso zu bestrafen, ausser wenn er zur Li'än-Formel 
seine Zuflucht nimmt; diese besteht in Folgendem: er er- 
klärt in der Moschee von der Kanzel herab, oder neben 
derselben stehend in Gegenwart des Richters und vor vier 
Zeugen, wie folgt: „Ich rufe Gott zum Zeugen an, dass 
ich die Wahrheit spreche, indem ich meine Frau der Un- 
zucht mit dem N. N. beschuldige und dass dieses Kind aus 
der Unzucht entsprossen und nicht von mir ist!*^ — Diese 
Formel hat er viermal zu wiederholen und dann hinzuzu- 
fügen: j, Gottes Fluch treffe mich, wenn ich lüge in dem, 
was ich ihr vorwerfe in Betreff der Unzucht, begangen mit 
dem N. N., und dass dieses Kind aus der Unzucht ent- 
sprossen und nicht von mir ist." — Wenn er nun diese 
Formel ausspricht, so trifft ihn keine Strafe des Verläum- 
ders und wird seine Frau bestraft, wenn sie sich nicht be- 
reit erklärt, den Gegenbeweis anzutreten; derselbe besteht 
darin, dass sie sagt: „Ich rufe Gott zum Zeugen an, dass 
mein Mann ein Lügner ist, in dem was er mir vorwarf, in 
Betreff der Unzucht mit dem N. N., und dass dieses Kind 
von ihm ist und nicht aus der Unzucht entsprossen." Diese 
Formel hat sie viermal zu wiederholen und dann hinzu- 
zufügen: „Mich treffe der Zorn Gottes, wenn dieser, mein 
Mann, wahr sprach in dem, was er mir vorgeworfen hat 
in Betreff der Unzucht mit dem N. N," Spricht die Frau 
diese Formel, so geht sie ohne Strafe aus, und wird die 
Ehe als für immer geschieden betrachtet. 



464 Vin. Der Organiimai des SUateB. 

Beschuldigt die Frau aber ihren Gatten der Unzucht, 
so ist sie zu bestrafen und sie hat nicht das Recht die Li'än- 
Formel gegen ihn anzuwenden. 

3. Sühngeld und Schadenersatz der strafbaren 

Handlungen. 

Die Vergehen gegen die persönliche Sicherheit sind 
dreifacher Art: 1. absichtlich, 2. aus Versehen, 3. mit 
Absicht unter dem Scheine des Versehens. 

Absichtlich ist ein Vergehen gegen die persönliche 
Sicherheit, wenn mit Absicht die Tödtung einer Person 
mittelst eines schneidenden Werkzeuges oder eines solchen, 
das durch seine Schwere tödtet, vollzogen wird. Die Strafe 
hiefur besteht entweder in der Hinrichtung des Mörders 
durch die nächsten Anverwandten des Ermordeten oder in 
der Bezahlung von Blutgeld, wenn die Verwandten des Er- 
mordeten sich hiemit zufrieden stellen und auf die Wieder- 
vergeltung verzichten. Es genügt, dass ein einziger Ver- 
wandter sich für die Annahme des Blutgeldes ausspricht. 
Es macht nach Shatfi'y einen wesentlichen Unterschied, ob 
der Mörder oder der Ermordete Moslim oder Ungläubiger, 
Freier oder Sklave ist; tödtet also ein Moslim einen Un- 
gläubigen, ein Freier einen Sklaven, so kommt die Wieder- 
vergeltung nicht zur Anwendung. Abu Hanyfa hingegen 
behauptete das Gegentheil und lehi'te, dass, wenn ein Mos- 
lim einen Ungläubigen, ein Freier einen Sklaven tödte, an 
dem Mörder das Gesetz der Wiedervergeltung zu vollziehen 
sei. *) Das Leben eines Weibes gilt ebensoviel wie das eines 
Mannes, das eines Erwachsenen nicht mehr als das eines 
Kindes, das eines verständigen, zurechnungsfähigen Menschen 
ebenso wie das eines unzurechnungsfähigen. Doch ist die 



*) Mäwardj, 392, 393. Es ist dies meines Wissens das erste Mal, 
dass im Oriente die Qleichheit aller vor dem Gesetze ausgesprochen ward. 



VIII. Der Organismus des Staate«. 465 

Wiedervergeltung nicht anwendbar bei dem von einem Vater 
gegen sein Kind; oder von einem Bruder gegen seinen Bruder 
begangenen Verbrechen des Mordes. 

Der Todtschlag aus reinem Versehen gibt zu keiner 
Wiedervergeltung Anlass wie z. B., wenn jemand auf die 
Scheibe schiesst und einen Menschen trifft und dgl. m. 
Hingegen ist in solchen Fällen das Sühngeld zu bezahlen 
und zwar von den nächsten Stammesangehörigen ('äkilah ^) 
des an dem Todtschlag Schuld tragenden und ist das Sühn- 
geld in Raten während drei Jahren zu bezahlen, vom Todes- 
tage an gerechnet. Der Todtschläger hat in demselben Ver- 
hältniss wie seine Stammesangehörigen an der Zahlung theil- 
zunehmen. Der Antheil, den jeder Wohlhabende (mu'sir) 
in solchem Falle zu decken hat, ist ein halber Dynar, oder 
die entsprechende Werthquote eines Kameeies , der seinem 
Vermö'gen nach der mittleren Klasse Angehörige hat im 
Jahre ein Viertel Dynar zu entrichten. Der Arme geht 
natürlich frei aus. 

Das Sühngeld für den Todtschlag, begangen an einem 
freien Moslim, ist, wenn die Schuldtragenden die Mittel be- 



*) Unter dem Ausdnicke 'äkilab sind alle jene Personen zu verstehen, 
die in demselben Register der Finanzverwaltung eingetragen waren, ent- 
weder weil sie dem Militärstande angehörten, oder eine Dotation aus dem 
Staatsschatze erhielten; sonst sind die ^Akilah- Angehörigen eines Mannes, 
dessen Stammes- oder Familienmitglieder, dann seine Patrone und Clienten. 
Bewohnte der Betreffende eine Stadt oder ein Dorf, so waren alle, die im 
Dywau immatriculirten Bewohner dieser Stadt und dieses Dorfes seine 
*Akilah. Ihn Khallikan's Bibliographical Dlctionary, tranfllated by Baron 
Mac Quckin de Slane, II. p. X. Nach Querry: Droit musulman, II. 673 
sind unter dem Ausdrucke 'äkilah die männlichen Verwandten von väter- 
licher Seite zu verstehen. — Es ist diese allgemeine Haftpflicht aller 
Stammesmitglieder für jeden einzelnen demselben Stamme Angehörigen ein 
merkwürdiges Ueberbleibsel der uralten, dem Stadium der Staatenbildung 
vorangegangenen Stammesverfassung, die bis in die Gegenwart noch im 

Oriente mehr oder weniger volbtSndig sich erhalten hat. 

T. Krämer, CnlturgeBCbicht« de« Oriente. 30 



466 YUJ. Der Orgsnisnins des Staates. 

sitzeD^ 1000 Dynar in Gold, d. i. 12.000 Dirham (nach Abu 
Hanyfa, der den Dynar zu 10 Dirham rechnet, 10.000 Dir- 
hara), oder in Kameelen 100 fünfjährig-e Kameele, denn die 
urspiüngliche Fixirung der Höhe des Blutgeldes fand in 
Kameelen statt. ^) Das Blutgeld eines Weibes ist die Hälfte. 
Verschieden sind die Ansichten der Juristen in Betreff des 
Blutgeldes für einen Christen oder Juden. Nach Abu Hanyfa 
ist es dasselbe wie für einen Moslim. Nach Mälik ist es 
die Hälfte, nach Shäti*y ein Drittel. Das Blutgeld für einen 
Parsen ist zwei Drittel vom Zehntel des Blutgeldes eines 
Moslims, also 800 Dirham. Das Blutgeld für einen Sklaven 
ist sein Geldwerth, doch soll es immer mindestens um 
10 Dirham geringer sein als das Blutgeld eines Freien. 

Für jeden absichtlichen Mord konnte das Sühngeld 
nur in dem Falle zur Anwendung kommen, wenn die nächsten 
Anverwandten des Ermordeten sich hiemit einverstanden 
erklärten und auf die Anwendung der Blutrache verzich- 
teten. 2) Es bestand die Sühne für den absichtlichen Mord 
in der ältesten Zeit aus 25 Bint-Machäd, d. i. weiblichen 
Kameelfüllen, die bereits das erste Jahr überschritten haben, 
dann 25 Bint Labun, d. i. weiblichen Kameelen, die schon 
ins dritte Jahr alt sind, dann 25 Hikkah, d. i. vierjährigen 
Kameelen , und endlich 25 Gada'ah, d. i. füniQährigen 
Kameelen. 

Die Tödtung, die aber den Anschein eines Versehens 
hat, besteht in Folgendem : es beabsichtigt Jemand eine That, 

^) Nach Kodury können die 100 Rameele ersetzt werden durch 
10.000 Dirham oder 200 Kühe oder 2000 Schafe, oder 200 Oberkleider 
(holiah). Hieraus lassen sich interessante Verg^leiche über das Werthver- 
hältniss gewinnen. 

2) Die gegenwartige Rechtsübung bei den türkischen Gerichten be- 
steht darin, dass wenn auch nur einer der nächsten Verwandten des 
Ermordeten sich für die Annahme des Blutgeldes und den Verzicht auf 
die Wiedervergeltung (talio) ausspricht, letztere nicht zur Anwendung 
kommen kann. Eine solche Entscheidung kam während meines letzten 
Aufenthaltes in Syrien (1870) zu meiner Kenntniss. 



YIII. Der Org»iuimii8 des Stafttes. 467 

ohne den Andern tödten zu wollen, aber es erfolgt daraus 
der Tod des Andern, z. B. es wirft einer den andern mit 
einem Stein und dieser trifft ihn so, dass er todt bleibt. 
In solchen Fällen kann die Wiedervergeltung nicht statt- 
finden und ist einfach von den nächsten Anverwandten das 
Blutgeld zu entrichten und zwar das sogenannte verstärkte 
d. i. in baarer Münze um ein Drittel höher als sonst (Mä,- 
wardy, 394, 395). 

Das Blutgeld für den mit Absicht vollbrachten Todt- 
schlag ist ebenfalls das verstärkte. 

In Betreff localer Körperbeschädig^ng gilt die volle 
Wiedervergeltung, es wird also Hand um Hand, Fuss um 
Fuss, Finger um Finger gelten. Verzichtet der Beschädigte 
auf das Recht der Wieder Vergeltung, so ist Sühngeld zu 
bezahlen und zwar ward hiefür ein besonderer Entschädi- 
gungstarif aufgestellt: für beide Hände das volle Sühngeld 
(100 Kameele), für eine Hand das halbe Sühngeld (50 Ka- 
meele), für jeden Finger '/,q des Sühngeldes, d. i. 10 Ka- 
meele; fiir jedes Glied eines Fingers 372 Kameele oder der 
entsprechende Geldwerth mit Ausnahme des Daumens (ibhäm), 
für welchen 5 Kameele zu bezahlen sind. 

Für die Füsse berechnete man eben so viel wie für 
die Hände; für jede Zehe 5 Kameele. 

Für die beiden Augen ist das volle Sühngeld (100 Ka- 
meele, oder 10.000 Dirham) zu zahlen, für je eines die 
Hälfte u. 8. -w. 

Aehnliche Bestimmungen setzen das Sühngeld für eine 
grosse Anzahl von anderen minder oder mehr beträchtlichen 
Körperverletzungen fest. *) Ausserdem hat aber jener, der 
eine Blutschuld trägt, sei es nun, dass er mit Absicht oder 
aus Zufall einen andern ums Leben brachte, nebst der 
Entrichtimg des Blutgeldes noch eine religiöse Abbusse zu 



*) Vgl. Querry: Droit masnlman II. p. 541. Das shyitische Becht 
unterscheidet sich auch hierin nicht wesentlich von dem sonniti»chen. 

80* 



4()8 YIIT. Der OrgaDismui des StuUs. 

leisten. Abu Hanyfa schreibt dieselbe nur in Betreff des 
Todtschlages aus Zufall vor. Diese religiöse Sühnung besteht 
in der Freilassung eines rechtgläubigen, fehlerfreien Sklaven. 
Kann der Schuldtragende das nicht, so hat er zwei Monate 
lang zu fasten, und ist ihm dies nicht möglich, so soll er 
durch zwei Jahre einem Armen die Nahrung spenden. 

Handelt es sich darum, die Wiedervergeltung zu üben, 
so steht es dem Vertreter oder nächsten Anverwandten des 
Ermordeten oder Verwundeten nicht zu, allein die Wieder- 
vergeltung zu vollziehen, es sei denn über besondere Be- 
willigung des Sultans; bei der Wieder Vergeltung an einem 
Körpergliede darf nicht der Verwundete selbst die Opera- 
tion an dem Schuldigen vollziehen; findet die Wiedervergel- 
tung aber wegen einer Tödtung statt, so kann der Sultan 
die Erlaubniss ertheilen, dass der Vertreter oder nächste 
Verwandte des Getödteten die Hinrichtung des Schuldigen 
selbst vollziehe, wenn er die hiezu erforderliche Festigkeit 
besitzt; die Hinrichtung hat mit einem scharfen Schwerte 
stattzufinden. Im entgegengesetzten Falle lässt der Sultan 
die Hinrichtung (durch den Scharfrichter) vornehmen. *) 

Hinsichtlich der Polizeistrafen (ta'zyr) ist zu bemer- 
ken, wie folgt: Die Zurechtweisung wird bei jenen Ver- 
gehen ertheilt, fiir welche das geoffenbarte Gesetz (shar*) 
keine besonderen Strafen festgestellt hat. Die Polizeistrafen 
sind daher auch nach der Stellung der Personen sehr ver- 
schieden. Am häufigsten war die Arreststrafe. 

Abdallah Zobairy, ein Anhänger der Schule des Shäfi'y 
lehrte, die längste Arrestdauer zum Behufe (ier Unter- 
suchung sei ein Monat , zur Bestrafung sechs Monate. Wer 
schwerere Strafe verdient, wird, wenn er auch Andere zu dem- 
selben Vergehen verleitet hat, aus dem I^ande verbannt. 
Diese Verbannung soll aber kein volles Jahr dauern, 
gewöhnlich ward sie desshalb auf ein Jahr weniger einen Tag 



») Mawardy p. 399. 



YIII. Der Organismas des Staatei. 469 

angesetzt und zwar aus dem Grunde, damit diese Strafe 
nicht zusammentreffe mit jener für Unzucht, die in einjäh- 
riger Verbannung bestand. Nach Mälik kann der Arrest 
länger als ein Jahr dauern. Leute ganz niedrigen Standes 
können auch mit Schlägen bestraft werden. Nach Shafi*y 
darf für den Freien die Zahl der Hiebe nicht mehr als 39 be- 
tragen, damit diese Polizeistrafe geringer sei als die religiöse 
Strafe für Weingenuss, welche in 40 Hieben bestand. Nach 
Abu Hanyfa soll die Zahl der Hiebe (bei Polizeistrafen) 
für den Freien oder Sklaven, ohne Unterschied, nicht mehr 
als 39 betragen, nach Abu Jusof aber nur 35. Je nach der 
grösseren oder minderen Strafbarkeit der Vergehen wird 
entweder die höchste Zahl von Hieben oder eine geringere, 
doch nicht unter 10 zuerkannt. Die Art der Bestrafung ist 
die, dass die Hiebe mit einem Stabe oder der Geissei (saut), 
deren Knopf aber abgebrochen wird, gegeben wurden. Auch 
ist es bei solchen Polizeistrafen zulässig, dass Jemand le- 
bendig an's Kreuz geheftet werde. Diese Strafe, während 
welcher der Sträfling Speise und Trank zu sich nehmen 
durfte, sollte aber keinesfalls länger als drei Tage dauern. 
Auch ist es bei Vergehen polizeilicher Natur gestattet, den 
Sträfling an den Pranger zu stellen, und sein Vergehen 
ausrufen zu lassen, wenn er es wiederholt begangen hat 
und keine Busse that. 

Ebenso ward es als statthaft bezeichnet, dem Schuldi- 
gen die Haare zu scheren, nicht aber den Bart. Die Mehr- 
zahl der Juristen spricht sich auch dafür aus, dass den Sträf- 
lingen die Gesichter geschwärzt werden dürfen. Andere aber 
erklären diese Art der Strafe für unerlaubt. 

Indem wir hiemit unsere Darstellung der mohamme- 
danischen Staats- und verwaltungsrechtlichen Theorien be- 
Bch]ies83n, müssen wir nur bemerken, dass in der Praxis 
die Dinge sich oft ganz anders gestalteten, denn: 

Grau, theurer Frennd, ist alle Theorie 
Und grün des Lebens gold'ner Baum. 



\ 



IX. 



Das Recht. 



L Die Anfänge des Beohts. 

bowie der neue Staat die Formen seines politischen 
Bestandes mit überraschender Schnelligkeit zu finden wusste, 
nicht minder gelang- es ihm, seine Rechtsverhältnisse zu re- 
geln. Die Araber sind das einzige Volk des frühen Mittel- 
alters, welches in der Entwicklung und wissenschaftlichen 
Bearbeitung der Rechtsidee Leistungen aufzuweisen hat, 
die an Grossartigkeit dem nahe kommen, was die Römer, 
diese Gesetzgeber der Welt, geschaffen haben. 

Ein beträchtlicher Theil jener angeblich göttlichen 
OflFenbarungen, die Mohammed in den Augenblicken poeti- 
scher Aufregung, oder in den wechselvollen Stimmungen 
seiner an Zwischenfällen so reichen Laufbahn rhapsodisch 
und grösstentheils ohne inneren Zusammenhang vorgetragen 
hatte, bezogen sich auf rechtliche Angelegenheiten.^ Und die 
in dem heiligen Buche hierüber enthaltenen Anordnungen 
waren für die Gläubigen die höchste und in ihren Augen 
auch unanfechtbarste Quelle der richterlichen Entscheidun- 
gen. Der Koran war somit die erste und heiligste Grund- 
lage alles Rechts im mohammedanischen Staate. 

Je mehr aber aus den patriarchalischen Zuständen der 
ersten Zeiten sich ein riesiges Staatswesen erhob, desto leb- 
hafter fühlte man die Nöthigung, für viele ganz neue Ver- 
hältnisse die entsprechenden juridischen Formeln und Be- 
griffsbestimmungen zu finden. Mohammed hatte in Medyna, 



IX. Das Recht. 471 

dem kleinen nordarabischen Landstädtchen, das ihn als 
armen, von seiner Vaterstadt ausgestossenen und verfolgten 
Flüchtling gastfreundlich aufgenommen hatte, seinen blei- 
benden Sitz gewählt. Hier waltete er in den Tagen seines 
Erfolges nicht blos als Prophet, oder wie ihn die Seinen 
nannten, als Gesandter Gottes, sondern übte auch alle 
Pflichten und Befugnisse eines unbeschränkten weltlichen 
Fürsten aus. 

Damals war hiemit, gerade so wie in den biblischen 
Zeiten, das Richteramt verbunden. Die Urtheilssprüche, 
w^elche er bei solchen Anlässen kundgab, galten als ent- 
scheidende Präcedenzfalle, und dienten dazu, jene zahlreichen 
Lücken auszufüllen, welche der Koran in legislatorischer 
Hinsicht aufweist. Aber nicht blos die Entscheidungen, die 
er als Richter traf, sondern sein ganzes Verhalten im 
öifentlichen und häuslichen Leben bildete für die Gläubigen 
eine Norm, nach der sie ihr Benehmen einzurichten sich 
beflissen. Ja selbst das Stillschweigen (sokut) des Gesetz- 
gebers, seine stillschweigende Billigung in gewissen Rechts- 
fällen (takrjr), wurden sorgfältig beachtet und dienten den 
frommen Moslimen als Richtschnur für ähnliche Anlässe. 

So bildeten das Leben des Gottesgesandten, seine 
Reden und Aussprüche, seine Handlungen, seine stillschwei- 
gende Billigung und selbst sein passives Verhalten die nach 
dem Koran zweit wichtigste Rechtsquelle des jungen mosli- 
misch-arabischen Staatswesens. 

Es verband sich alno mit dem geschriebenen Gesetz 
(shar*), das in dem als unmittelbare göttliche Offenbarung 
geltenden Koran vorlag, eine weitere suppletorische Rechts- 
quelle, die nur mündlich überliefert ward : nämlich die 
Tradition von den Entscheidungen des Gottesgesandten, j 
von seinen Reden und Thaten, seinem ablehnenden, zustim- 
menden oder passiven Verhalten in gewissen Fällen. Die 
Gesammtheit dieser Ueberlieferung bezeichnete man mit 



1 



472 IX. Da» Recht. 



} 



dem Namen Sonna, während jede einzelne solche Ueber- 
lieferu^ng. Hadyt, d. i. Erzählung, genannt ward. 

Nach dem Hintritte Mohammeds übten, so wie er, 
seine Nachfolger während jener ganzen Epoche, der wir 
den Namen der „patriarchalischen" beilegten, die richter- 
\ liehen Befugnisse aus, und wo immer der Koran oder die 
y Sonna sie im Stiche Hessen, da suchten sie die Entschei- 
dung in der Weise zu fallen, wie sie voraussetzten, dass in 
ähnlichem Falle der Prophet geurtheilt haben würde. In 
den meisten Fällen mögen sie in der That dies so ziemlich 
richtig getroffen haben, denn die vier ersten Chalifen waren 
die nächsten Anverwandten und vertrautesten Anhänger Mo- 
hammeds, die durch jahrelanges Zusammenleben mit ihm 
sowohl sich innig vertraut gemacht hatten mit all' seinen 
Ideen und seiner ganzen Denkungs weise, als auch mit sei- 
ner Auffassung der verschiedenartigsten Ijobonsverhältnisse. 
Nächst diesen Männern, die in der Leitung des schon in 
wenig Jahren zu einem Weltreiche herangewachsenen ara- 
bischen Gemeinwesens sich ablösten, war es noch eine be- 
trächtliche Anzahl der einflussreichston und eifrigsten An- 
hänger des Islams, welche als Schüler des Propheten das 
Monopol hatten, in schwierigen Fällen aus der Lebens- 
geschichte ihres Herrn und Meisters Präcedenzfalle zu über- 
liefern. Auf die Gewähr ihres Namens wurden auch diese 
von der gläubigen Gemeinde als eben so viele neue Bau- 
steine dem bald zu riesigen Verhältnissen anwachsenden 
Gebäude der Sonna und der Prophetengeschichte eingefügt. 
Ja selbst die Frauen des Propheten, die nach seinem Ab- 
leben hohe Verehrung genossen, und als „Mütter der Gläu- 
bigen"^ oftmals um die Lebensverhältnisse ihres verewigten 
Gebieters befragt wurden, trugen in reichstem Maasse ihr 
Schärf lein bei. 



) 



') Die Ueberlieferungen von den Entscheidunpen der ersten Chalifen 
bezeichnete man mit dem Namen 'At&r. Sie g-alten aach als Recbtsquelle. 



IX. Du Recht. 478 

Selbst die minder hervorragenden Gefährten, unter 
welchem Namen man Jene einbezog, die auch nur ein 
einziges Mal mit dem Propheten in Berührung gekommen 
waren — und deren Zahl überstieg viele Tausende — 
erzählten jeder für sich ihre Erlebnisse mit dem Gottge- 
sandten, sie gaben einzelne Aussprüche, die sie von^ ihm ge- 
hört haben wollten, zum besten und bereicherten so die Zahl 
der im Umlauf betindlichen Erzählungen in's Unendliche. 
Man darf nämlich nicht vergessen, dass unmittelbar nach 
Mohammeds Tode seine Persönlichkeit rasch mit einem 
legendenreichen Heiligenschein umgeben ward, und jeder 
einzelne Moslim, der durch längere oder kürzere Zeit mit 
ihm zusammen gelebt hatte, sein Theil von dieser aber- 
gläubischen Vorehrung einerntete. Die Eroberungskriege 
der ersten Jahrzehnte des Islams hatten seine Anhänger in 
die entferntesten Gegenden zerstreut. Die Einen waren, be- 
günstigt vom Kriegsglück, steinreiche Leute geworden, die 
Andern dienten im Heere: Persien, Babylonien, Syrien, 
Aegypten und Africa hatten ihr Contingent von „Gefähr- 
ten des Propheten^, und in dieser Eigenschaft genossen 
sie, je mehr ihre Reihen sich lichteten, eines um so grösse- 
ren Ansehens. Jeder aber suchte sich eine kleinere oder 
grössere Anzahl von Erinnerungen an den Propheten zu- 
recht zu legen, die er als kostbarstes Gut aufbewahrte, und 
seinen jüngeren Glaubensgenossen erzählte, welche mit gie- 
rigen Ohren diesen Erzählungen lauschten, und dieselben 
mit frommer Ehrfurcht sich einprägten. 

Als aber endlich der letzte jener Männer gestorben 
war, der sich rühmen konnte, Mohammed mit eigenen 
Augen gesehen und mit eigenen Ohren seine Rede 
vernommen zu haben (also ungefähr um das Jahr 100 H., 
718 Chr.) da trat an deren Stelle die noch zahlreichere 
Klasse jener, \velche mit einem oder mehreren Gefährten 
des Propheten verkehrt, und von ihnen Traditionen erlernt 
hatten. Diese zweite Klasse erhielt den Namen : täbi*y, d. i. 



474 IX. Das Recht. 

Nachfolger, und trug noch ausgiebiger dazu bei, den vorhan- 
denen Vorrath der Traditionen in*8 Riesige anzuschwellen. 

So mag denn, wo der Koran keine genügenden 
Anhaltspunkte für eine richterliche Entscheidung bot, wo 
das Verhalten der ersten Chalifen und Genossen ('at&r) 
keinen Präcedenzfall lieferte, die Sonna eher durch über- 
grossen Reichthum als durch Mangel an Beispielen Verlegen- 
heiten bereitet haben. 



2. Die Sammlung der Ueberlieferungen. 

Die Erzählung von den Worten und Handlungen des 
Propheten fand theils mündlich statt, theils schriftlich und 
erst allmälig kam hiebei ein gewisses System zur allge- 
meinen Geltung. In den ersten Zeiten wui*den die Ueber- 
lieferungen vorzüglich durch das lebende Wort fortgepflanzt 
und im Gedächtnisse aufbewahrt, denn es herrschte die 
Ansicht vor, die Schrift sei nur da, um den Koran zu ver- 
vielfältigen, zur geschäftlichen Correspondenz oder Abfassung 
von Urkunden benützt zu werden. Es werden verschiedene 
Aussprüche von Gefährten Mohammeds überliefert, welche 
den Gebrauch der Schrift zum Zwecke wissenschaftlicher 
Aufzeichnungen der Traditionen geradezu untersagen. Aber 
^besonders wichtige und wegen ihrer Länge durch das Ge- 
idächtniss allein schwer zu bewahrende Texte wurden schon 
früh niedergeschrieben. 

So hat uns Chatyb Baghdady eine Tradition aufbe- 
wahrt, wo ein Augenzeuge Folgendes erzählt: Ich sah Aly 
auf der Predigerkanzel und er sprach: „Ich habe kein Buch, 
um es euch vorzulegen, ausser dem Koran und dieser Rolle." 
Dieselbe war mittelst eines eisernen Ringes an seinem 
SchwertgrifFe befestigt und enthielt die Gesetze über die 
Armensteuer, die Altersklassen und Zahl der (als Sühngeld 



IX. Dm Recht. 475 

bei Tödtung oder Verwundung zu zahlenden) Kameele, so- 
wie Bestimmungen über das Strafrecht. >) 

Man ersieht aus dieser Stelle, dass schon in der älte- 
sten Zeit nebst dem Koran gewisse wichtige Gesetzesbe- 
stimmungen, die wegen der grösseren Ausdehnung des 
Textes, oder wegen der darin enthaltenen Zahlenangaben 
nicht durch das Gedächtniss allein mit Sicherheit überliefert 
werden konnten, schriftlich aufbewahrt wurden; dies waren 
die Anordnungen über die Armentaxe und über das arabische 
Strafrecht, welches in jenen Zeiten, bei den täglich vor- 
kommenden Verwundungen und Tödtungen, von besonderer 
praktischer Wichtigkeit war und auf Grundlage altarabischer 
Rechtsgewohnheiten vermuthlich von Omar endgiltig fixirt 
worden ist. Die auf diese Angelegenheiten bezüglichen Schrift- 
stellen der Sonna sind also nach dem Koran die ältesten 
urkundlichen Ueberreste der arabischen Literatur. Aber für 
die allgemeinen, gewöhnlich in kurzen anekdotenartig ge- 
haltenen Sätzen ausgedrückten Traditionen herrschte die 
mündliche Xleberliefenmg und die Aufbewahrung durch das 
Gedächtniss vor, wenngleich man es ^jicht verschmähte, schon 
früh dem Gedächtnisse dadurch zu Hilfe zu kommen, dass 
man einzelne Traditionen sich aufzeichnete. Doch geschah 
dies nur in Form von losen Blättern und man dachte in 
der ersten Zeit nicht daran, Bücher daraus zusammen- 
zustellen. 

Viele besonders scrupulöse Gelehrte schrieben sich 
zwar ihre gesammelten Traditionen auf, vertilgten aber ihre 
Collectaneen, sobald sie deren Inhalt dem Gedächtnisse gut 
eingeprägt hatten. Grosse, mit jahrelangem Fleisse angelegte 
Sammlungen gingen auf diese Weise verloren, ja einzelne 
von frommer Pedanterie besonders geängstigte Gemüther 



'j Sprenger: On the origin and propress of writing down historical 
factfl p. 16, im Journal of the Asiatic Society of Bengal 1856. Vgl. auch 
BochAry 3846 in dem Kit<ib ari'tisam bilkitÄb walsonnah 0. 



476 IX. Das lUcht. 

trafen sogar die testamentarißche Verfügung", dass nach ihrem 
Tode ihre gesammten Aufzeichnungen in der Erde zu ver- 
scharren seien und dieser Brauch erhielt sich bis ins dritte 
Jahrhundert H. 

Allein die durch fanatische Vorurtheile minder ge- 
trübten Köpfe Hessen es sich trotzdem nicht nehmen, vieles 
niederzuschreiben und aufzubewahren. Gerade wie wir dies von 
gewissen gesetzlichen Bestimmungen eben nachgewiesen ha- 
ben, so fand dasselbe zweifellos auch hinsichtlich einer grossen 
Menge von Traditionen statt. Jedoch diese Notaten dienten 
nur zum Privatgebrauche; damit eine Tradition als correct 
überliefert und glaubwürdig betrachtet werden konnte, musste 
dieselbe immer mündlich mitgetheilt werden, und stets mit 
der ununterbrochenen Kette der Gewährsmänner versehen 
sein, von dem letzten Erzähler abwärts bis zu dem, der sie 
von dem Propheten selbst gehört zu haben versicherte. 

Während aber die Aufzeichnungen der frühesten Epoche 
aus ungeordneten und losen Blättern bestanden, begann 
man bald, nicht erst um die Mitte, sondern schon zu Anfang 
des zweiten Jahrhunderts nach Mohammed und vielleicht 
schon früher diese aufgespeicherten Materialien zu ordnen, 
zu sichten und systematisch zusammenzustellen. Um 131 H. 
(748 Chr.) schrieb schon Ibn Monaggim seine zum Theil 
noch jetzt erhaltene Chronik. Und da dies doch kaum das 
erste systematisch angelegte Werk gewesen sein dürfte, das 
in arabischer Sprache verfasst ward, so unterliegt es keinem 
Zweifel, dass die Abfassung der ältesten wissenschaftlichen 
Arbeiten der Araber bedeutend früher stattfand, als bisher 
angenommen worden ist. ') 

Unbezweifelt ist es, dass diejenige Stätte des ganzen 
Keligionsgebietes des Islams, wo die Tradition aus den 



^) Vgl. Zork&ny: Commentar zum Mowatta' I. p. 10. Sprenger: 
Das Leben und die Lehre des Mohammed IIL LXXXVII Note. Den An- 
stoss zur Sammlung der Tradition gab Omar II. 



II. Das Recht 477 

reinsten Quellen floss^ wo die meisten echten Erinnerungen 
im Gedächtnisse des Volkes fortlebten, wo selbst die Ge- 
bräuche und volksthümlichen Satzungen den Ideen und Ge- 
wohnheiten der Prophetenzeit am nächsten stehen mussten, 
Medyna war. Es war die Wiege des Islams, die Adoptiv- 
Stadt Mohammeds, der Wohnsitz seiner eifrigsten und er- 
gebensten Anhänger und hier war es auch, wo zuerst die 
g^sammte als glaubwürdig und gut verbürgt anerkannte 
Masse der Traditionen in einem grossen Corpus juris divini 
et humani von einem hervorragenden Gelehrten gesammelt 
und somit für die spätesten Zeiten in endgiltiger Form co- 
dificirt ward. 

Mälik Ibn Anas, ein geborner Medynenser, ist der 
Mann, der sich dieser Arbeit unterzog und sie auch voll- 
endete. Er eröffnet die Reihe der grossen schriftstellerischen 
Arbeiten auf diesem Gebiete und desshalb ist auch seine 
Sammlung noch jetzt die reichste Quelle für die richtige 
Erkenntniss der religiösen und socialen Verhältnisse jener 
Epoche. 

Geboren im Beginne des zweiten Jahrhunderts nacl^ 
der Flucht, widmete er die ganze Arbeitskraft eines langen 
Lebens dem Studium, dem Vortrage an der Moschee und 
dem Richteramte in religiösen und weltlichen Streitfragen.*) 
Im Alter von siebzehn Jahren schon begann er seine öffent- 
lichen Vorlesungen abzuhalten , die bald einen solchen Ruf 
ihm erwarben, dass man sich mehr dazu drängte, als an 
einen fürstlichen Hof. 

Er lebte auch im höchsten Ansehen und nahm in seiner 
Vaterstadt die hervorragendste Stellung ein, so dass man 
unwillkürlich an Cicero' s Worte erinnert wird : Est enim 
domus jurisconsulti totius oraculum civitatis. 



1) Sein Geburtsjahr iat nach Ibn Kotaiba (p. 251) 112 H. nach 
Ibn 'Abd albarr 93 H. (Zork&nj: Commentar zum Mowatta'), er starb 
nach Ibn Sa*d 179 H., nach Anderen aber 197 H. (812—13 Chr.). 



478 IX- D»« Recht. 

Er scheint der Erste gewesen zu sein, welcher die 
Grundsätze einer strengeren Kritik in Betreff der Traditionen 
zur Anwendung brachte : jede ihm zweifelhaft scheinende Ueber- 
liefening verwarf er. Dabei ging er mit so grossem religiösem 
Gefühl an die Arbeit, dass er stets, bevor er seine Vor- 
lesung über die Traditionen eröffnete, die vorgeschriebenen 
Waschungen verrichtete, um sich in den Stand der voll- 
kommenen Reinheit zu versetzen, dann kleidete er sich in 
neue Gewänder, parfümirte sich, wand seinen Turban zu- 
recht, und nahm so voll Würde seinen Sitz ein, während 
die Halle mit Aloeholz geräuchert ward. Sein Lehrer und 
Meister war der als einer der ersten Sammler der schrift- 
lichen Traditionen genannte Zohry. *) 

Seine Vortragsweise war eine zweifache, theils trug er 
selbst seine Traditionssammlung mündlich vor und die 
Schüler schrieben nach, theils las einer der Schüler den 
Text vor, während Mälik und die Andern zuhörten, wobei 
er nur die irrigen Ijcsarten verbesserte oder schwierige 
Stellen erläuterte. Ausserdem scheint es, dass er von ihm 
selbst revidirte Exemplare vertheilte, mit der Ermächtigung, 
das Werk weiter zu überliefern. 2) 

Der Titel, den Mälik seinem Sammelwerk gab, ist 
eigenthümlich ; er nannte es Mowatta', was so viel besagen 
will als: Das Geebnete, wo nämlich die Schwierigkeiten 
beseitigt worden sind. ^) Es enthält ungefähr 1 700 Traditio- 
nen, die nach ihrem Inhalt geordnet sind. 

Ihm gebührt jedenfalls das Verdienst, zuerst die da- 
mals in Medyna allgemein geltende Ansicht über Civil- und 
Strafrecht zusammengestellt und hiedurch die Grundlage 
zu dem später mit so gi-osser Vorliebe und Spitzfindigkeit 



1) So nach Dftrakotny bei Zorkäny I. p. 6. 

2) Diese Art der Mittheilung heiflst mit einem technischen Aus- 
druck „mon&walÄh". Vgl. Sprenger: Zeitschrift der D. M. Ges. X. p. 13. 

3) ZorkÄny I. p. 8. 



IX. Da» Reclit. 479 

entwickelten System des mohammedanischen Rechts gelegt 
zu haben, indem er in seinem Buche das Medynensische 
Gemeinrecht codificirte und hiedurch die weitere Entwick- 
lung der juridischen Studien veranlasste. 

Ungefähr um dieselbe Zeit, als Mälik starb, ward 
Bochäry am andern Ende der mohammedanischen Welt 
geboren (194 H., 810 Chr.) 

Ein grossartiges Sammelwerk war die Frucht seiner 
langjährigen Arbeiten, denn sechzehn volle Jahre hatte er 
darauf verwendet. Es enthält ungefähr 7000 Traditionen, die er 
aus sechsmalhundei*ttausend ausgewählt haben soll. Er nahm 
nur jene in sein Werk auf, welche ganz den damals gilti- 
gen Grundeiätzen der geschichtlichen Kritik entsprachen, 
einer Wissenschaft, die eben um jene Zeit entstand. 
Bochäry's Werk wird als eines der heiligsten Bücher, als das 
kostbarste Vermächtniss der Gelehrsamkeit und Glaubens- 
begeisterung der früheren Generationen noch jetzt in der 
ganzen islamischen Welt, von Bochärä bis Marocco in hohen 
Ehren gehalten und bildet nächst dem Mowatta' die wich- 
tigste Quelle der Glaubenslehre und Rechtswissenschaft des 
Islams. 

Von nun an stieg der Eifer, mit dem man sich 
dem Sammeln und Erläutern der Tradition widmete, und 
riesige Sammelwerke, deren jedes allein die Arbeit 
eines ganzen Lebens fiir sich in Anspruch nahm, folgten 
aufeinander. 

Gleichzeitig mit dieser compilirenden Thätigkeit be- ■ 
gann man mit der Kritik der Quellen sich zu beschäftigen. 
Bei dem grossen Werthe, den man den Ueberlieferungen 
beilegte, und bei der gesteigerten Nachfrage konnte es nicht 
fehlen, dass auch das Angebot in demselben Verhältnisse 
zunahm. Allein, da man nicht so viele echte Traditionen 
aufbringen konnte, so verfertigte man falsche, und setzte 
sie als echt im Umlauf. Die mohammedanischen Gelehrten 
stellten desshalb bald, vermuthlich schon zu Mälik's Zeit, 



480 IX. DiM Recht. 

bestimmte Regeln auf, um falsche Traditionen von echten 
zu unterscheiden. Um uns eine richtige Vorstellung zu 
machen, wollen wir eine Tradition wählen und an derselben 
zeigen, wie man ihre Echtheit prüfte. 

Die dritte Tradition im Mowatta' lautet: „Malik er- 
zählt von Jahjk Ibn Sa*yd von 'Omra, der Tochter des 
Abdalrahman, von *Aisha, der Gattin des Propheten, welche 
sagte: Der Prophet verrichtete das Frühgebet und die 
Frauen kehrten, in ihre Oberkleider eingehüllt, davon zurück, 
so dass man sie nicht erkennen konnte wegen des Zwie- 
lichtes." 

Diese Tradition, welche angeführt wird, um zu be- 
weisen, dass Mohammed sein Frühgebet noch im Zwielicht, 
vor Sonnenaufgang zu verrichten pflegte, ist durch eine un- 
unterbrochene Kette von Ueberlieferern verbürgt, deren 
letzter Mälik ist. Jeder als Bürge für die Richtigkeit der 
Tradition genannte Erzähler ist als verlässlich bekannt, und 
die erste Stelle in dieser Reihenfolge nimmt die Grattin des 
Propheten selbst ein. Eine solche Tradition gilt als gut und 
unanfechtbar (sahyh), fehlt jedoch ein Glied in der Kette, 
so ist sie lückenhaft (maktu') oder schadhaft (mo'dal), fehlte 
der Name des ersten Ueberlieferers, also im obigen Beispiele 
der der 'Ai'sha, so nannte man die Tradition eine lose 
(morsal). 

Aber nicht blos solche äussere Gebrechen konnten eine 
Tradition als unzuverlässig qualificireu. Man ging weiter und 
prüfte die ganze Kette der Ueberlieferer, deren Verlässlich- 
keit, Genauigkeit in der Wiedergabe des Textes und ihre 
sonstigen Lebensverhältnisse. Je nach dein Ergebnisse die- 
ser Untersuchung wurden die einzelnen Ueberlieferer für 
sicher, schwach, oder ganz unzuverlässig erklärt. Aus diesen 
Erhebungen über die Personen, deren Namen als Ueber- 
lieferer vorkommen, entstanden die ersten biographischen 
Werke. Man stellte schon früh Repertorien zusammen, wo 
man die auf viele Tausende sich belaufenden Namen all' 



IX. Das Recht 481 

der Personen einfügte, die mit Mohammed in Berührung 
gekommen waren, wo deren Lebensumstände erörtert, und 
der als Traditionisten ihnen zukommende Grad von Glaub- 
würdigkeit bestimmt wurde. Später that man einen Schritt 
weiter, dehnte dieselben Untersuchungen auf die Nachfolger 
der Gefährten und Zeitgenossen Mohammed's aus, und end- 
lich auch auf die successiven Generationen von Ueberliefe- 
rern der Tradition. 

Allerdings ward auf diese Art eine Sichtung der un- 
zähligen aus den verschiedensten Quellen in Umlauf gekom- 
menen Ueberlieferungen ermöglicht, aber es bedarf wohl 
keines Nachweises, dass es mit diesem Kriterium doch im 
Ganzen schlecht bestellt ist, denn, wie könnte man es für i 
möglich halten, dass über air die vielen tausende von Per- 
sonen, deren Namen in den auf Millionen sich belaufenden 
Traditionen vorkamen, wirklich verlässliche Nachrichten 
vorliegen? wer möchte es verbürgen, dass die über ihre 
Lebensverhältnisse, ihre Vertrauenswürdigkeit und Wahrheits- 
liebe u. s. w. gegebeneu Nachrichten wirklich durchaus 
authentisch seien? Schon im Beginne des Islams kamen 
eine Menge gefälschter und erfundener Traditionen in Um- 
lauf. In späteren Zeiten nahmen die Fälschungen nur zu, 
und wurden in grossartigem Maasstabe betrieben. Aus die- 
sem Grunde wird der Umfang der Traditionssammlungen, 
in je spätere Zeit sie fallen, desto beträchtlicher. 

Um sich einen Begriff davon zu machen, in welchem 
Grade die Fälschungen überhand nahmen, genüge das Bei- 
spiel des Ibn Aby *Auga', der vor seiner Hinrichtung im ; 
Jahre 155 IL (772 Chr.) das Eingcständniss ablegte, er habe ' 
4000 falsche Traditionen seiner eigenen Mache in Umlauf 
gesetzt. *) Ganz besonders war es die Schule von Ku&, die 
wegen solcher Fälschungen verrufen war, so dass Kufanische 
Traditionen als gleich bedeutend galten mit absichtlichen 



») Ibn Atyr VI. p. 3. 
T. Krener, Caltargeschichte des Orients. 31 



482 IX. Das Recht. 

Fälschungen. ^) Es ist kaum erforderlich, zu bemerken, dass 
man bei solchen Ueberlieferungen nicht nur den Text, son- 
dern auch das Isnäd fabricirte, und letzteres aus Namen von 
bestem Klange zusammensetzte. Die arabische Literatur 
weist daher schon früh Schriften auf über lügenhafte Tradi- 
tionen, Fälscher (modallisyn) und schwache üeberlieferer 
(do*afa). 

Trotzdem war und blieb diese Kritik der Ueberliefe- 
, rung eine sehr unbeholfene, eine stumpfe Waffe: denn die 
I religiöse Orthodoxie verlangte, dass jede Tradition, die 
[ etwas zum Ruhme des Propheten und des Islams aussagte, 
oder die mit den herrschenden religiösen Ansichten überein- 
stimmte, als echt betrachtet werde, und auf diese Art ward 
vieles unzweifelhaft künstlich Geschaffene in die Sonna auf- 
genommen. Die mit der Orthodoxie im Kampfe liegende 
. Secte der Rationalisten (Mo*taziliten) ging kühner vor und 
^ übte eine viel schärfere Textkritik. 

t*jj ^/ ^ ^ '^x So scheute sich der Rationalist Nazzam nicht, einen 

/kIjA) , Gefährten des Propheten, Abu Horaira, der als Gewährs.- 

pA rX^')!^ I jjjj^nu f^j. unzählige üeberlieferungen erscheint, einen Lüg- 

^ thn^l^^f^' ner zu nennen,^) und derselbe Nazzam that den im Munde 

/ 4^ eines Moslims merkwürdigen Ausspruch: Das erste ab- 

//*^^' Jolute Erforderniss (der Erkenntniss) ist der 

Zweifel. ^) Allein mit dem Siege der orthodoxen Partei 

hörten solche Versuche von selbst auf, und die äusserlich 

correcte Form einer Tradition, sowie ihr Inhalt, bleiben 

allein entscheidend bei Beurtheilung ihrer Echtheit. 

Auch in der Art der Weiterüberlieferung ward man 
später viel oberflächlicher und gewissenloser. Während 
früher die Licenz zur Weiterüberlieferung nur Jenem ertheilt 



*) Zorkäny II. p. 7; Ibn 'As&kir: Gesch. von Damascus, Manascr. 
fol. 5. yO. 

2) Makryzy: Chitat II. p. 346. 

^) Tarsusy: Anmiidag arolum, Maunscr. der Hofbibliothek fol. 63 vO. 



IX. Das Bacht. 483 

wurde, der unter Leitung seines Professors ein Traditions- 
werk genau memorirt oder doch eine vom Scheich durch- 
gesehene und bestätigte Abschrift davon sich gemacht hatte, 
nach welcher er das Werk weiter verbreitete, riss immer 
mehr der Unfug ein, sich die Licenz einfach zu erkaufen, 
80 wie man noch vor nicht langer Zeit an einigen Uni- 
versitäten sich das Doctordiplom für eine gewisse Taxe 
verschaffen konnte. Der Missbrauch ward so arg, dass der 
Professor Licenzen verkaufte an Candidaten, die er gar nicht 
gesehen hatte. Dieser Unfiig herrschte schon im dritten 
Jahrhundert. ^) Es ward immer mehr Sitte, mit Zeugnissen 
zu prunken, dass man die Vorlesungen von so und so vielen 
gelehrten Professoren besucht habe und diese Zeugnisse 
wurden mit grösster Bereitwilligkeit ausgestellt, so dass 
Ghazzäly hierüber die beissendsten Bemerkungen macht. 2) 

3. Die Rechtsschule von Medyna. 

In Medyna, welche Stadt, wie wir aus dem Vorher- 
gehenden gesehen haben, die Geburtsstätte der üeberlie- 
ferung und der aus ihr fliessenden Rechtswissenschaft war, 
hatte sich schon unter den ersten Chalifen eine Schule der 
Tradition und des Rechtes gebildet, deren Bedeutung durch 
eine Reihe hei*vorragender Männer eine immer grössere 
wurde. 

Als deren Begründer sind zwei zu nennen: Abdallah 
Ibn Mas'ud und Abdallah Ibn *Abbäs. Der Erstgenannte 
war einer der frühesten und eifrigsten Anhänger Mohammed's, 
bei dem er die Stelle eines Hausfreundes und Majordomus 
einnahm. Viele hervorragende Zeitgenossen des Propheten 
erzählten einen Theil ihrer Traditionen auf seinen Namen. 
Er galt als einer der besten Kenner nicht blos des Korans, 



^)- Sprenger: Zeitschrift d. D. M. Gesch. X. p. 10. 
2) Ihjä III. p. 482. 



31* 



484 IX. Das Recht. 

sondern auch der ganzen Denkart und Geistesrichtung seines 
Meisters und Freundes. Omar I. sandte ihn desshalb als 
Religionslehrer und Seelsorger nach Kufa. Später gcrieth 
er, wie es scheint, wegen der von *Osinän veranstalteten 
officiellen Textrecension des Korans, mit diesem in Streit, 
indem er seine eigene Recension vertheidigte. Er starb 
32 H, (652—53 Chr.) in Medyna. ') 

Nächst ihm ist Abdallah Ibn 'Abbas zu nennen, ein 
Vetter Mohammed's. Er zeichnete sich als Kenner der Ueber- 
lieferung, des Rechtes, besonders der Koranexegese aus, 
deren Begründer er war, und es wird hervorgehoben, dass 
er als einer der genauesten Kenner der 'Atar, d. i. der rich- 
terlichen Entscheidungen der drei ersten Chalifen galt. Er 
starb im Jahre 68 H. (687—88 Chr.) zu Taif. Als Vetter 
des Propheten ist er sicher einer der eifi'igsten Mitarbeiter 
der ihn verherrlichenden Legenden gewesen. Dass er viele 
Erinnerungen aus . seinem persönlichen Verkehr mit ihm 
zu erzählen hatte, darf mit Recht bezweifelt werden, denn 
er wai:, als Mohammed starb, ein Knabe von dreizehn, oder 
nach anderen Angaben von fünfzehn Jahren. Es ist so ziemlich 
sicher, dass er viele Traditionen ad majorem Dei gloriam 
unterschoben habe. Als Schüler des Abdallah Ibn Mas*ud 
genoss er aber das grösste Ansehen und ward als Gewährs- 
mann ersten Ranges in allen auf Koranexegese und Rechts- 
angelegenheiten bezüglichen Fragen betrachtet. 2) 

Auf diese zwei Männer folgte eine Reihe von Ju- 
risten, Theologen und Traditionisten, die unter dem Namen 
der sieben Rechtsgclehrten von Medyna bekannt sind. Sie 
standen ohne Ausnahme theils Mohammed selbst, theils seiner 
Familie sehr nahe, sichteten und ordneten das überreiche 



1) Vgl. über aeiiie Hiographie: Sprenger: Da» Leben nnd die Lehre 
des Mohammed I. p. 440. Meine obige DarstoUuDg ist aus dem Osod 
algh&bah entnommen. 

3) EbenfaUs nach Osod alghabah. Vgl. Sprenger: D. Leb. u. d. L. 
d. Moh. m. CVI. 



IX. Das Recht. 485 

Material, sie graben einem grossen Theil der Tradition die 
stylistische Schulforni, sie sammelten dazu die Entscheidun- 
gen der ersten Chalifen, benützten sie als Rechtsquelle und 
riefen die Koranexegese ins Leben. 

Diese sieben Rcchtsgelehrten von Medyna sind fol- 
gende: 1. *Otba Ibn Mas*ud, ein Bruder des obengenannten 
Abdallah Ibn Mas*ud. 

2. Sa*yd Ibn Mosajjib, berühmt als der angesehenste 
Jurist von Medyna, dessen Rechtsgutachten als entscheidend 
galten. ') 

3. *Orwa Ibn Zobair, ein Sohn des Zobair Ibn *Awwäm, 
eines Verwandten von Chadyga, der ersten Frau Mohammed's. 
Er hatte viele Traditionen von seinem Vater, einem der 
hervorragendsten „Gefährten", dann von seinem Bruder Ab- 
dallah, und von seiner Tante Aisha. ^) 

4. Abu Bakr Abdalrahman Machzumy führte den Bei- 
namen „Mönch der Koraishiten'^ wegen seiner ascetischen 
Geistesrichtung. Seine Traditionen hatte er vorzüglich von 
'Aisha, Abu Iloraira und Omni Salania; letztere ebenfalls 
eine Gattin Mohammed^s. Er starb gegen Ende des ersten 
Jahrhunderts. 3) 

5. Chäriga Ibn Zaid, von dem nähere Umstände nicht 
bekannt sind. Er starb im Jahre 100 H. (718 — 19 Chr.) im 
Alter von 70 Jahren. 

(). Käsim Ibn Mohammed, ein Enkel des Chalifen Abu 
Bakr. Seine Traditionen hatte er von Abdallah Ibn *Abbäs, 

A 

von Abu Iloraira, von 'Aisha und Anderen. Besonders galt 
er als Hauptkenner der von der Letztgenannten stammenden 
Ueberlieferungen. Er starb im Beginn des zweiten Jahr- 
hunderts. *) 

>j Sein Tod milt in da« Jahr OH oder 94 H. (711—13 Chr.). Na- 
wawy. Tahdyb. 

2; Er starb 94 oder 99 H. Nawawy: Tahdyb. 

3) 93 oder 94 H. ibidem. . 

*) 108 oder 112 H. (730-731 Chr.) ibidem. 



486 IX. Dm R«cht. 

7. Solaiman Ibn Jasär, ein Client der Maimuna, der 
Gattin des Propheten. Seine Traditionen hatte, er von Ab- 
dallah Ibn *Abbäs, von Abu Horaira und 0mm Salama. Er 
starb um 109 H., nach Anderen schon 103 H. (721—22 Chr. •) 

Ueberblicken wir diese Namenreihe, so zeigt sich, wie 
eng der Kreis jener Personen war, welche den ersten An- 
stoss gaben zur Ueberlieferung und Formulirung der Tra- 
ditionen. Air die Mitarbeiter in dieser ältesten Werkstätte 
des Islams, wo die noch flüssigen Ideen, Meinungen und 
Dogmen geschmiedet, verkittet und in feste Formen ge- 
staltet wurden, standen mit dem Propheten in den innigsten, 
zum Theil auch verwandtschaftlichen Beziehungen. Alle 
arbeiteten desshalb in demselben Sinn und verfolgten die- 
selbe Richtung. 

Auffallend ist aber der grosse Antheil der Frauen an 
der Entstehung der Tradition und der daraus abgeleiteten 
Rechtslehre. Nicht weniger als drei Wittwen des Propheten 
werden unter den Personen genannt, von welchen die 
„Sieben" ihre Traditionen erlernt hatten. Von diesen Pro- 
phetenwitwen ist es besonders 'Aisha, welche nicht blos die 
hervorragendste politische Thätigkeit entfaltete, sondern 
auch ihrem seligen Gatten das Prophetenhandwerk so gut 
abgeschaut und sich solches Ansehen zu verschaflFen gewusst 
hatte, dass sie unter den drei ersten Chalifen in schwierigen 
Rechtsfallen um ihr Rechtsgutachten angegangen ward, und 
ihre Entscheidungen in Angelegenheiten rechtlicher oder 
religiöser Natur stets der höchsten Achtung sich erfreuten.^) 
Allerdings dürfen wir hiebei nicht vergessen, dass es bei 
solchen Rechtsfragen immer um sehr einfache, den stark 
primitiven Zuständen entsprechende Rechtssachen, über 
Dein und Mein, über Haben und Sollen, sich handelte. 



*) Nawawy: Tahdyb. Einige setzen an seine SteUe einen Anderen. 
Vgl. Tahdyb p. 228. 

2) Nawawy, 607. 



IX. Da« Recht. 487 

Derlei Fragen zu entscheiden, konnte bei klarem Verstände, 
Lebenserfahrung und gesundem Mutterwitz nicht schwer 
fallen, und 'Aisha war mit diesen Erfordernissen wohl aus- 
gerüstet; dort aber, wo diese Behelfe nicht ausreichten, i 
hatte sie ein probates Mittel aus der prophetischen Haus- 1 
apotheke, das immer wirkte. Sie berief sich auf irgend 
einen wirklichen, oder zu dem Änlass eigens erfundenen 
Ausspruch Mohammed^s und schnitt hiemit jede Gegenrede 
ab. Der Process war entschieden und die Gemeinde der ] 
Moslimen war mit einer neuen Tradition bereichei-t. Zwei- 
feln durfte aber Niemand, denn wer konnte behaupten den / 
Propheten besser gekannt zu haben, als *Aisha ihn, ihren 
Gatten ? >) 

Die sieben Rechtsgelehrten von Medyna beobachteten 
bei ihren richterlichen Entscheidungen einen ähnlichen Vor- 

A 

gang, nur mussten sie mit dem von 'Aisha und anderen 
Personen ihnen überlieferten Traditionsvorrath in allen Fällen 
auskommen, sie konnten es kaum wagen, neue zu erfinden. 
Aber für das sorgten Andere und es unterliegt keinem Zwei- 
fel, dass der von allen Seiten ihnen zufliessende Vorrath 
von Traditionen schon gross genug war, um so ziemlich für 
alle Fälle hinzureichen. Die Regeln der historischen Kritik 
waren damals auch noch nicht so fest aufgestellt, dass die 
Auswahl dadurch wesentlich beschränkt worden w^äre und 
selbst der berühmte Sa'yd Ibn Mosajjib überlieferte viele 
Traditionen mit lückenhafter Namenskette (morsaP). Wie 
wir aus der Biographie des ebengenannten Gelehrten ersehen, 
lebte er von dem Ertrage seines Oelhandels ; denn in jener - 
Zeit, sowie zum Theil noch jetzt im Orient, war jeder für 
seinen Ei-werb auf ein Handwerk oder ein Handelsgeschäft 



') Sie war ein Mannweib und eine alte Redensart sagt von ilir : 
Sie war ein Mannweib in Hinsicht des Verstandes. Lane: Arabic Lexicon 
sub voce rgl. 

2) Nawawy: Tahdyb p. 285. 



488 n. Das Recht. 

angewiesen, fixe Staatsanstellimgen gab es nui* sehr wenige 
und iuimer galt die bescheidene Unabhängigkeit, die ein 
Handwerk oder der Handel gewährte, als das ehrenvollste 
Loos. Sa*yds Beschäftigung mit Tradition und Jurisprudenz 
' war ganz Sache der Neigung und des religiösen Gefühles. 
Dasselbe scheint bei den anderen Juristen seiner Zeit der 
; Fall gewesen zu sein. Sie waren nicht praktische Richter 
oder Rechtsanwälte, sie oblagen ihren Studien ohne welt- 
lichen Nebenzweck, und gaben nur dann ihr Rechtsgutachten 
ab, wenn die Parteien sie darum angingen. Die Jurispru- 
denz jener Zeiten war daher vorherrschend , ja fast aus- 
schliesslich Casuistik. Aus dieser leitete man erst später die 
Theorie ab, indem man vom Concreten zum Allgemeinen 
aufstieg. 

Malik war der erste, welcher diesen Versuch wagte. 
Dass er dabei auf die Vorarbeiten der „Sieben'^ sich 
stützte, unterliegt keinem Zweifel. Sein corpus juris ist 
daher der Inbe"'riff der im ersten Jahrhundert H. in Medvna 
selbst zur allgemeinen Geltung gekommenen Rechtsan- 
schauungen. 

Für Malik war die in SIedyna herrschende Rechtslehre 
die ausschliessliche Grundlage, und er bestritt ganz ent- 
schieden die von den Juristen audef*er Provinzen ihm ent- 
gegengestellte Theorie von der allgemeinen Uebereinstim- 
mung der moslimischen Gemeinde, w^elche sie in zweifel- 
haften Fällen als oberste Norm anerkannten. Für ihn war 
die Tradition von Medyna allein entscheidend. ') Er ist so- 
mit der Vertreter der streng historischen Schule des Rechtes. 

Aber sein Hauptverdienst besteht darin, dass er sich 
nicht blos darauf beschränkte, nur die Thaten und Worte 
des Propheten zu überliefern, sondern dass er diese sowohl 
systematisch nach den Materien ordnete, indem er z. ß. 
alle auf das Erbrecht, das Eherecht, die Verträge u. s. w. 



1) Ibn Khaldoim: Proleg. III. 6, 7. 



IX. Das Recht. 489 

bezüg^lichen Stellen der Ueberlieferung zusammenstellte^ 
als er auch sogar zur selbstständigen Formulirung von 
Rechtsgrundsätzen sich erhebt, wobei er immer das gemeine 
Rocht von Medyna als Ausgangspunkt nimmt. Diesem misst 
er eine solche Wichtigkeit bei, dass er oft ohne weitere 
Belege aus der Tradition einzig und allein auf dasselbe 
sich stützt. Sein Werk ist also keine geistlose Compilation, 
sondern aus vielen Stellen tritt das Streben hervor, die 
wirre Masse des gesammelten Stoffes zu bearbeiten und zu 
einem System des medynensischen Rechtes zu gestalten. So 
eröffnet er seine Abhandlung über das Erbrecht mit den 
Worten: „Die einstimmige Ansicht bei uns (in Medyna), 
bei welcher ich die Männer der Wissenschaft in unserer 
Stadt antraf, ist in Betreff der Erbschafts vertheilung fol- 
gende u. 8. w." 

Aber auch rechtliche Bestimmungen der ersten Chali- 
fen (*atar) und überhaupt frühere, richterliche Entscheidun- 
gen benützte Malik ebensogut wie die Ueberlieferung; so 
nimmt er die humane Bestimmung Omar's I. als allgemein 
giltige Norm in sein Oesetzbuch auf, nach welcher die 
Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hatte, nicht 
mehr verkauft werden darf, sondern nach dem Tode ihres 
Herrn frei wird, ') und ist diese rechtliche Verfügung von 
diesem Zeitpunkte an ein Rechtsgrundsatz der Juristen des 
Islams geworden. 

4. Die juridischen Schulen und Lehrsysteme. 

Zur selben Zeit als in Medyna sich eine Schule der 
juridisch-theologischen Studien ausbildete, die wesentlich auf 
der Tradition beruhte, und also eine vorwiegend historische 
Grundlage hatte, war in einer andern Provinz des Reiches, 
nämlich in den wohlhabenden und bevölkerten Städten des 



^) Sharh almowatta' III. p. .'51. 



490 IX Da« Recht. 

Eiiphratgebietes, wo sich in Folge des gesteigerten Wohl- 
standes^ des städtischen Lebens, der wachsenden Handels- 
thätigkeit, das Bedürfniss nach einem gesicherten Rechts- 
I boden nicht weniger dringend geltend machte, als in dem 
eigentlichen Arabien, eine andere Schule der Gesetzwissen- 
schaft entstanden, die andere Bahnen einschlug, von andern 
Grundsätzen ausging, und desshalb ein wesentlich ver- 
schiedenes System begründete. 

N Während die Medynenser sich stets auf Traditionen 

oder frühere Entscheidungen richterlicher Autoritäten stütz- 
ten, betraten die Juristen von Irak einen anderen Weg. 
Sie befassten sich, wie es scheint, weniger mit der Samm- 
lung von Ueberlieferungen und Zusammenstellung allgemei- 
ner Grundsätze über das daraus abgeleitete Recht, sondern 
ihre Thätigkeit war die von praktischen Richtern, welche 
die zahllosen Streitigkeiten zu entwirren hatten, die in den 
grossen Städten von Irak vor ihr Tribunal gelangten. Hie- 
I bei machten sie ausgiebigen Gebrauch von der Analogie 
und der deductiven Methode (kijäs), mittelst welcher sie in 
Fällen, für die in Koran, Sonna und *Atar ein Präcedens 
fehlte, die Entscheidung fällten. Diese Schule erhielt daher 
schon früh den Namen: Schule der speculativen Juristen 
(afhäb alra'j) im Gegensatz zu der Schule von Medyna, 
die man die traditionelle, d. i. historische nannte. So kam, 
ausser Koran und Sonna, auch die juristische Speculation, 
die deductive Methode (kijäs) hinzu, der sich dann später 
die Uebereinstimmung der Gemeinde (igmä' alommah) als 
weitere Rechtsquelle anschloss. 

Der erste Jurist von Bedeutung aus jener Schule, des- 
sen Namen die arabische Literaturgeschichte kennt, ist Ibn 
Aby Lailk, der das Richteramt in Irak ausübte und um 
148 H. (765 — 66 Chr.) starb. Er w^ar zuletzt Richter unter 
dem Chalifen Mansur. Seine Urtheilssprüche pflegte er auf 



IX. Das B«cht. 491 

speculativem Wege festzustellen. ') Es werden noch mehrere 
Rechtsgelehrte jener Zeit genannt^ die alle dieser Richtung 
huldigten. 

Aber alle seine Vorgänger verdunkelte Abu Hanjfa 
(t 150 H., 767 Chr.), der grösste Rechtsgelehrte seines Volkes, 
dessen volle Bedeutung erst jetzt sich zeigt, wo allmälig 
die seltensten und ältesten Werke der arabischen Litera- 
tur auf den europäischen Bibliotheken zugänglich werden, 
und uns ebenso überraschende als anziehende Einblicke 
gestatten in die geistige Bewegung jener frühen Zeiten, als 
die Araber das erste Culturvolk waren, und eine jugend- 
liche Rührigkeit die ganze Nation in ihren verschiedenarti- 
gen Bestrebungen belebte. 

Eigen thümlich ist es, dass die Schule von Irak weder 
auf dem Gebiete der Traditionskritik, noch auf dem der 
juridischen Literatur bedeutendere Arbeiten hinterlassen hat. 
Von Abu Hanyfa, der gewiss der gi'össte Jurist nicht blos 
seiner Zeit, sondern des ganzen Islams war, ist nichts er- 
halten, ausser dem Titel einiger kleiner Schriften. '^) 

Er wollte nie das Richteramt bekleiden, und er scheint 
sein ganzes Leben lang im Style der alten Meister sich 
darauf beschränkt zu haben, sein Lehr System im mündli- 
chen Vortrage dem Kreise seiner Zuhörer mitzutheilen. 
Dies that er wohl mehr im Gefühle, hiemit einer religiösen 
Pflicht zu genügen, als mit der Absicht, sich einen Namen 
zu machen, oder in der Gelehrtenwelf zu glänzen; der lite- 
rarische Ehrgeiz, der später bei den Arabern so rege ward. 



») Fihrist p. 203, Ibn Kotaiba p. 248. 

2) Die Ansicht, daas die Schrift Alfikh alakbar nicht von ihm sei, 
muss ich , ungeachtet dieser Titel unter seinen Werken im FihriBt er- 
scheint, noch jetzt aufrecht halten. Die arabischen Literarhistoriker ver- 
zeichnen noch ein anderes Werk von ihm, nämlich ein Mosnad. Entscheidend 
für die Unechtheit dieses Buchs dürfte wohl der (Jmstand sein, dass der 
Verfasser des Fihrist weder dieses noch ein anderes Werk des Abu Ha- 
nyfa über die Tradition anführt. Fihrist p. 202. 



492 IX. Das iUcht. 

dürfte in jener Kpoche nocli kaum bestanden haben. Abu 
Hanvfa lebte von seinem bescheidenen Krwerb als Kauf- 
mann; indem er ein (Jeschäft in Kleiderstoffen (chazzäz ') 
betrieb. 

Es würde uns nun schwer fallen^ über seine Thätig"- 
keit eine richtige Vorstellung zu g-cwinnen, wenn nicht der 
ü^ünstige Zufall es fj^efügt hätte, dass die Schrift eines seiner 
eifrigsten Anhänger und unmittelbaren Schülers, des Kädy 
Abu Jusof (t 182 H., 798 Chr.) uns erhalten wäre, die sei- 
nes Meisters Ansichten gerade über eines der wichtigsten 
Gebiete, nämlich über das moslimischc Staats- und Ver- 
waltungsrecht wörtlich wiedergibt. '^) Man darf jedoch hieraus 
nicht den Schluss ableiten, dass er auf den andern Gebie- 
ten des Rechts nicht ebenso Bedeutendes geleistet habe; im 
Gegentheile — aiich hier stellte er ein System des religiö- 
sen und weltlichen Rechts auf, das von seinen Schülern 
verarbeitet und ausgebildet ward und bis jetzt in dem 
grössten Theile <les Orients das herrschende geblieben ist. •*) 
Aber er scheint der Erste gewesen zu sein, der das Staats- 
und Verwaltungsrecht begründete und demselben seine, für 



') Nach Ibn Kotaiba. Vgl. Nawawy: Tahdyb p. ß99. 

2) Abu Jusofs Schrift trägt den Titel: Denkschrift an den 
Chalifen Harun Rashyd, und ward über Befehl detuselben verfasst. 
Er stellt hierin die leitenden Grundsäte für Administration und Politik 
zusannnen, und zwar in der Ordnung der von dem Chalifen an ihn ge- 
richteten Fragen. Ein Exemplar, das einzige in Europa bekannte, die- 
ses höchst merkwürdigen Buchs befindet sich in der Sprenger^schen 
Sammlung und ward mit dieser der königl. Bibliothek in Berlin einver- 
leibt, welche mir die Benützung gestattete. - Abu Jusof nahm am Hofe 
von Bagdad eine höchst einflussreiche Stellung ein. Das Verzeichniss sei- 
ner zahlreichen Schriften, worunter auch die oben besprochene Denkschrift 
nicht fehlt, ist im Fihrist p. '203 erhalten. Meinem verehrten Freunde 
Dr. X. Sprenger, der zuerst mich auf diese wichtige Schrift aufmerksam 
machte, spreche ich hiefür meinen aufrichtigen Dank aus. 

3) Man findet Abu Hanyfa's System am besten dargestellt in dem 
Compendium des Kodury (f 428 H., 1036—7 Chr.). 



IX. Daa RecM. 493 

alle späteren Zeiten giltigen Formen gab. Es lassen sich 
auch leicht die Ursachen nachweisen, wesshalb die politische 
und administrative Gesetzgebung sich . in Irak entwickelte. 
Diese Provinz war mit der Thronbesteigung der Abbäsiden 
der Mittelpunkt des Reiches, der Sitz der Regierung geworden, 
von wo aus der grösste Theil der damals bekannten Welt 
beherrscht ward. Eine nothwendige Folge dieser Sachlage war 
es, dass man schon früh in Bagdad die wichtigsten Fragen 
des Staats- und Vcrwaltungsrechtes, der äusseren Politik 
und der Beziehungen zu den fremden, theils unterworfenen, 
theils unabhängigen Völkern zu erörtern und hiefür gewisse 
leitende Grundsätze aufzustellen sich genöthigt sah. Abu 
Hanyfa und sein Schüler Abu Jusof nun waren die ersten, 
welche dieses neue Gebiet wissenschaftlich bearbeiteten. 

In seinen religiösen Ueberzeugungen gehörte Abu 
Hanyfa jener gemässigten, toleranten und lebensfrohen Secte 
an, die den Namen der Morgiten führt. Sehr bezeichnend 
für seinen Charakter und seine nachsichtsvolle Stimmung 
ist folgende Erzählung aus seinem Leben. Er hatte in Kufa 
einen Nachbai'n, der ein flotter Zecher war und jeden Abend 
auf der Veranda seines Hauses sitzend sich berauschte, 
wobei er regelmässig mit lauter Stimme folgendes, damals 
sehr verbreitete Lied zu singen pflegte: 

Sie haben mich schmShlich veiTathen; 

Und welch* ein Mann ist^H, den sie verricthen ! 

Ein Held am Ta^ der Schlacht 

Und um treu die Grenze zu behüten! 

Voll hohen Muths und Heldensinns, 

Am Tummelplatz der Todesschrecken, 

Wo der Feinde Lanzenspitzen 

Mir schon die Brust belecken u. s. w. 

Eines Abends blieb Alles still im Nachbarhause, denn 
der lustige Sänger war von der Schaarwache wegen Trun- 
kenheit verhaftet und festgesetzt worden. Da machte sich 
Abu Hanyfa auf und begab sich zum Statthalter mit der 
Bitte, seinen Nachbarn freizulassen. Djes geschah auch 



494 IX. Das Recht. 

sogleich. Als der Zecher in Freiheit gesetzt worden war, 
sagte ihm Abu Hanyfa : Warst nicht du es, der jede Nacht 
sang : 

Sie haben mich schmählich verratheu 

Und welcher Mann ist es, den sie verriethen ! 

habe ich dich denn wirklich verrathenV — Gott behüte! 
entgegnete der. — Nun denn, sprach jener, so thu' mir den 
Gefallen und singe wieder, w^ie früher. Denn ich habe mich 
daran gewöhnt und sehe nichts Bedenkliches darin. ^) 

Dieser Erzählung entspricht vollkommen der humane, 
tolerante und menschenfreundliche Geist, der seine gesetz- 
lichen Bestimmungen belebt; eine genaue Kenntniss seiner 
Geistesrichtung, seines stets gerechten und unparteiischen, 
namentlich in Bezug auf die Andersgläubigen sehr toleranten 
Geistes, zeigt uns in ihm einen Mann, der den engherzigen, 
rohen Gewohnheiten seiner Zeit und seines Volkes um Jahr- 
hunderte vorausgeeilt war. Für das eben Gesagte, das bisher 
gänzlich unbeachtet geblieben ist, wollen wir hier einige 
Belege zusammenstellen. 
\ Bekanntlich sehen die mohammedanischen Gelehrten 

7 den Andersgläubigen als ein tief unter (iem rechtgläubigen 
|j ^, Moslim stehendes Geschöpf an und die gesetzlichen Bestim- 
mungen . geben dieser Anschauung vollen Ausdruck. Das 
Leben und das Blut eines Ungläubigen stand immer bei 
ihnen unendlich tiefer im Werthe, als das des Moslims. Es 
gilt im mohammedanischen Gesetze bekanntlich, wie bei den 
, Hebräern, die Wiedervergeltung. Allein die Juristen Hessen 
dieselbe nur zwischen Moslims oder Freien zu, nicht aber 
zwischen Moslims und Andersgläubigen oder Sklaven. Abu 
Hanyfa w^ar der erste, der den Menschen als Menschen nahm 
und den Lehrsatz aufstellte, das Leben eines Andersgläu- 
bigen oder eines Sklaven sei ebensoviel werth, als das des 
Moslims, indem er den Grundsatz aussprach: wenn die 

i) Aghänj I. 166. 



IX. Das Becht 495 

Wieder vergeltuDg in Folge einer Blutschuld zur Anwendung 
komme, sei die Todesstrafe ebenso an dem Freien zu voll- 
ziehen, der einen Sklaven, wie an dem Moslim, der einen 
Andersgläubigen getödtet habe. *) 

Ueberaus streng ist das mohammedanische Gesetz fiir 
den Diebstahl, Abu Hanyfa suchte es nach Möglichkeit zu 
mildern. '^) 

Ausserdem fügte er die Bestimmung hinzu, dass bei 
Diebstahl aus der Staatskasse, von den Aeltern, Kindern, 
Schwestern und Brüdern oder anderen nahen Blutsverwandten 
an die Stelle der strengen Strafe der Verstümmelung eine 
andere minder grausame Züchtigung zu treten habe. Der 
Grund hiefiir ist leicht zu erkennen. Ebenso wie die Staats- 
kasse in der arabischen Auffassung als gemeinsames Eigen- 
thum aller Moslimen galt, nicht minder betrachtete Abu 
Hanyfa das Besitzthum einer Familie als ein gemeinsames. 
Es konnte also ein hieran begangener Diebstahl nicht voll- 
kommen einem gemeinen Diebstahl gleichgestellt werden, 
da ja dem Diebe ein gewisses Miteigenthumsrecht zukam. ^) 

Auch lehrte er, dass dei jenige, welcher mehrmals das- 
selbe Vergehen sich zu Schulden hatte kommen lassen und 
nur bei dem letzten zur Verantwortung gezogen worden 
war, nur einmal das gesetzliche Ausmaass der Strafe für 
alle Wiederholungsfälle auszustehen habe. "*) 

Nicht weniger mild fasste er andere Straffiüle auf. 
Bekanntlich steigerte sich die Verehrung des Propheten schon 



») MÄwardj, 392. 

2) Mawardy, 385. 

') MocbtaBar alkodury: Kitab alsirkah, Abu Jusof fol. 93 v^, wo 
noch die BestimmiiDg hinzugefügt wird, dass der Sklave, der seinen Herrn 
bestiehlt, nicht mit der Verstümmelung bestraft werden darf. — Auch bei 
den Kömern galten ans demselben Grunde Entwendungen zwischen Ehe- 
gatten nicht als gewöhnliches furtum ; Puchta : Cursus der Institutionen 
4. Aufl. Bd. m. §. 294, p. 196. 

*) Abu Jnsof fol. 92 v». 



496 IX- 1>M Recht. 

in den ersten Jahrhunderten zu einer wahrhaften Vergötte- 
rung: ihn zu schmähen, seinen Namen zu verunglimpfen, 
galt als Blasphemie, als Gotteslästerung und so wie die 
spanische Inquisition den dieses Verbrechens Angeklagten 
den Flammen überantwortete, nicht minder waren die Ge- 
lehrten des Islams einstimmig darin, die Todesstrafe hiefiir 
auszusprechen. Abu Hanyfa macht aber wenigstens zu Gun- 
sten der Frauen die Ausnahme und lehrt, eine Frau, die 
den Propheten beschimpft habe, dürfe nicht getödtet, sondern 
nur gezüchtigt werden, um sie zu bessern und in den Schooss 
des Islams zurückzuführen (Abu Jusof fol. 99 v*'). Eine 
weitere sehr tolerante Bestimmung des hanafi tischen Rechts 
betrifft die Zulassung der Andersgläubigen als Zeugen bei 
Abschluss eines Ehebündnisses zwischen einem Moslim und 
einer Andei'sgläubigen. Abu Ilanyfa ebenso wie Abu Jusof 
gestatten in diesem Falle ausdrücklich, dass zwei Christen 
oder Juden als Zeugen beigezogen werden dürfen, während 
alle anderen Kechtslehrer auch der hauaiitischeu Schule nur 
Moslim en zulassen. 

Auch in Betreff des Vorkaufsrechtes (alshorah) ge- 
stand er den Andersgläubigen ganz dieselben Rechte zu, 
wie den Mohammedanern. ^) Unterlässt jemand die vorge- 
schriebenen Gebete zu verrichten, so gilt dies als ein Ver- 
brechen gegen die Religion. Ahmad Ibn Haubai lehrte, dass 
dies so viel wie Apostasie sei und mit dem Tode bestraft 
werden müsse. Abu Hanyfa vertritt auch in diesem Falle 
die mildere Auffassung und lehrt, dass höchstens eine 
körperliche Züchtigung zulässig sei. *^) 

Die unterworfenen Völker, welche in einem Vertrag- 
verhältnisse ziu* Regierung standen , waren nach den An- 
sichten vieler Juristen, wenn sie die Bedingungen ihres 
Schutz vertragcis nicht einhielten , wie die Ungläubigen zu 



') Kodury im Kit&b alshofnh. 
2} Mäwardy cap. 19. 



IX. Da« Recht. 497 

behandeln, das heisst: mit Krieg zu überziehen und wenn 
sie sich weig^erten, den Islam anzunehmen, so tödtete man 
die erwachsenen Männer, führte die Frauen und Kinder in 
die Sklaverei. Abu Hanyfa vertritt auch hier die humanere 
Ansicht, dass sie einfach aus dem mohammedanischen Ge- 
biete auszuweisen seien. ^) 

Diese Thatsachen dürften genügen um darzuthun, dass / 
Abu Ilanyfa in einer Zeit, wo der zügelloseste Fanatismus, ■ 
vollste Vei'kennung aller Menschenrechte, sobald es sich um 
Nichtmohammedaner handelte, und die drakonischen Bestim- 
mungen des Strafrechtes ohne jede mildernde Einwirkung 
vorherrschten, eine Richtung der Humanität, der Toleranz 
und Milde vertrat, welche im Islam kaum je wieder in 
solcher Weise sich offenbart, Er verdient es, wenn wir auch 
nichts weiter von seinen Lehren wüssten, als das oben An- 
geführte, als einer der edelsten Geister seines Volkes ge- 
nannt zu werden. Sein Lehrsystem stellt die höchste und 
menschenwürdigste Entwickelungsphase dar, deren ein so 
fest abgeschlossenes Religions- und Staatssystem wie der 
Islam überhaupt fähig ist. 

Diejenige Schule der Theologie und Jurisprudenz, 
welche dem Lehrsystem des Abu Hanyfa huldigte, und schon 
kurz nach dem Tode desselben in Bagdad, sowie am Hofe 
der Chalifen die herrschende ward , bald auch im ganzen 
Reiche als die officielle galt, führt nach ihrem Begründer 
den Namen der hanafitischen. Zu ihr bekennen sich noch 
jetzt die Osmanen und der Hof von Constantinopel, sow^e 
der grösste Theil der Bevölkerung der osttürkischen Länder. 

Es scheint, dass mit dem Auftreten Abu Hanyfa's und 
Mälik's die wissenschaftliche und gelehrte Thätigkeit vor- 
züglich auf das juridisch-theologische Gebiet gelenkt ward, 
denn von nun an ward dieses Fach das am eifrigsten und 



*) Mäwardy cap. 13. 
y. Kremer, CttUnrgeschichte deo Orients. 32 



498 IX. Das Recht. 

am ausführlichsten bearbeitete Gebiet der arabischen wissen- 
schaftlichen Literatur. • 

Unter des Abu Ilanyfa Schülern sind zwei besonders 
zu nennen. Der erste ist der inehrerwähnte Abu Jusof, 
(113—182 H., 731—799 Chr.), der unter Harun Rashyd, 
dem Zeitgenossen Karls des Grossen, oberster Richter in 
Bagdad war, wo er des höchsten Ansehens und Einflusses 
genoss, so dass der Chalife über die wichtigsten Staats- 
angelegenheiten ihn zu Rathe zog, und hiedurch zu dem 
schon früher besprochenen Werke Veranlassung gab. — 
Ebenso berühmt machte sich durch gelehrte Arbeiten Mo- 
hammed Shaibäny, ein anderer Schüler Abu Hanyfa's und 
auch des Abu Jusof. Auf Ersuchen des Letzteren verfasste 
er sein hochgeschätztes, noch jetzt erhaltenes Buch: Alg&mi' 
alsaghyr, ein Hauptwerk hanafitischer Rechtskunde, welches 
in solchem Ansehen stand, dass durch lange Zeit der Grund- 
satz galt, keiner dürfe zum Richter ernannt werden, der 
nicht sein Examen aus diesem Buche gut bestanden habe. *) 

Diese grosse geistige Rührigkeit hatte zur Folge, dass 
noch immer neue Lehrsysteme aufgestellt wurden ; es waren 
nämlich damals noch alle Elemente dieser intellectuellen 
Bewegung im vollständigen Flusse und suchten sich in ver- 
schiedenartigen Gestalten zu krystallisiren. Fast fünfzig 
Jahre nach Abu Hanyfas Tod (um 195 H., SlO— 11 Chr.) 
kam ein in Ascalon oder Gaza am phönicischen Gestade 
geborner Gelehrter nach Bagdad. Es war Shati*y; er hatte 
seine Studien in Mekka gemacht, daselbst Mälik's Vor- 
lesungen gehört, und begann nun bald in Bagdad zu lehren. 
Schnell erlangte er solche Berühmtheit, dass die Zahl sei- 
ner Schüler sich auf l'ausende belief, und das von ihm auf- 
gestellte System des gesammten Rechtes eine neue, den 



*) Vgl. über Abu Jusof: Hammer-Purgstall : Lit Gesch. d. Araber 
III. 173, Ibn Kotaiba p. 251, und über Mohammed Sliaib&ny: Hammer- 
Purgstall: Lit. Gesch. d. Araber III. p. 113 und Nawawy: Tahdyb p. 103. 



IX. Du Beeilt. 499 

früheren Schulen des Mälik und Abu Hanyfa ebenbürtige 
Schule in's Leben rief, die als die dritte orthodoxe allge- 
meine Anerkennung fand und nach ihrem Stifter den 
Namen der shafi'itischen führt. Sein System war aus einer 
Vermittlung zwischen den Ideen des Mälik und des Abu 
Hanyfa hervorgegangen, neigte sich jedoch mehr zur streng 
historischen Schule des Ersteren, im Gegensatz zu der spe- 
culativen Richtung des Letztgenannten. Rasch verbreitete 
es sich in den arabischen Ländern, besonders in Syrien, 
Aegypten und Irak, wo es auch gegenwärtig vorherrscht, 
drang selbst nach Indien vor, und besteht noch jetzt auf 
Java in Kraft, wo es seine äusserste östliche Grenze fand. ^) 

Ein Schüler Shäfi*y's ward der Stifter der vierten \ 
orthodoxen Schule. Er hiess Ahmad Ibn Hanbai. Er scheint 
es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, den nach seiner 
Ansicht in vielem von der ursprünglichen Einfachheit ab- 
gewichenen späteren Islam wieder zu reinigen und in 
vollster Echtheit herzustellen. Er trieb dabei den starren 
Buchstabenglauben an den Wortlaut der Tradition aufs 
äusserste, sammelte ein grosses Werk der Traditionen und 
vertheidigte mit besonderer Leidenschaftlichkeit die anthropo- 
morphistische Gottesidee der alten Orthodoxie. Er ward 
der Stifter der bigottesten und fanatischesten Secte, die 
in Folg« ihrer rigoristischen Richtung keine- allzugrosse 
Verbreitung fand, aber in Bagdad oftmals zu Ruhestörun- 
gen Anlass gab. Jetzt herrscht sie nur noch in Centi'al- 



') Sh&fi'y war der Erste, welcher jene Wissenschaft zum Gegen- 
stande gelehrter Vorlesungen machte, welche die Araber 'Um alosul, d. i. 
Wissenschaft der Principien, nennen. Dieselbe gibt die Kegeln über die 
Anwendung der Stellen des Korans und der Tradition auf richterliche 
Entscheidungen, über deren Interpretation und die Art und Weise, Schlüsse 
und Folgerungen daraus abzuleiten. Shftfi'y soll in seiner politischen An- 
sicht sich stark zu den Shyiten hingeneigt haben. Er starb 204 H. (819—20 
Chr.). Hammer-Purgstall: Liter. Gesch. der Araber 11 1., p. 103 flf. Nawawy: 

Tahdyb, p. 56. 

32* 



500 IX- Da» Recht. 

arabien vpr, und aus ihr entwickelte sich die wahhabitische 
Ueaction. ') 

Während die eben genannten vier Männer ebenso 
viele Schulen in's Leben riefen, die, alle auf dem Boden 
des orthodoxen Islams stehend , besondere Systeme der 
Theologie und der damit eng verketteten Jurisprudenz aus- 
arbeiteten, traten zwischen diesen vier Ilauptschulen einige 
l| Nebensysteme in^s Leben, welche mit mehr oder weniger 
1 Erfolg ihre eigenthümlichen Anschauungen zur Geltung zu 
bringen suchten, ohne jedoch den Boden der Orthodoxie 
allzusehr zu verlassen. Zuerst ist hier zu nennen Auza'y. 
Er lebte schon gegen P]nde des ersten Jahrhunderts 
(88 — 157 IL, 707 — 74 Chr.) in Syrien und zwar in Damas- 
cus und Beirut, erfreute sich grosser Berühmtheit, aber es 
ist nichts von seinen Werken erhalten '^) und seine Anhän- 
ger, die in Syrien vorherrschten, verschwinden später voll- 
kommen. Sein Grab l>ci Beirut, auf den Sanddünen, welche 
westlich von der Stadt am Meere sich hinziehen, gilt noch 
jetzt als eine heiligte Stelle. Eine jetzt hall) verfallene Kup- 
pel wölbt sich darüber, beschattet von einem schon von 
ferne sichtbaren alten Baume. Ein weiteres sc^lbststäudisres 
System rief Abu Taur (f 240 IL, 854—55 Chr.) in's Leben, 
zu dem sich die Bewohner von Aderbaigän und Armenien 
bekannten. (Vgl. Fihrist p. 21 L) Weit wichtiger aber als 
diese eben genannten ist die Schule des Däwod Ibn 'Aly 
(t 270 H., 883-4 Chr.) 3), der den Grundsatz aufstellte. 



^) Uebor seine Lebensverhältnisfle vgl. Hftmmer-Piirg'atall: Lit. 
Gesch. III. p. 110; dann Nawnwy: Tahdyb, p. 142, Fihrist. p. 229. 

2) Fihrist p. 227, Nawawy: Talidjb, p. 882. Hanmier-Purgstnll : 
Lit. Gesch. III. p. 111. 

^) DÄwod Ibn *Aly war persischer Abkunft, gel)oren in Kufa im 
Jahre 202 H. (817—8 Ch.) liess sich in Bagdad nieder, und starb daselbst 
270 H. Er stand bei Shäfi'y in besonderer Gunst. DAwod hielt streng die 
Ansicht aufrecht, dass im Gegensatz zu Abu Hanyfa bei der Anwendung 
der Koransstellen und der Sonna auf richterliche Entscheidungen die 



IX. Das Recht. 5()1 

Tradition und Sonna, wohl auch der Koran, seien in ihrem 
buchstäblichen, äusseren Sinne aufzufassen und nur hierauf 
dürfe bei richterlichen Entscheidungen Bedacht genommen 
werden. Er befand sich mit dieser Lehre im Gegensatz zu 
den Ilanaliten und näherte sich allem Anscheine nach den 
Hanbaliten. Die von ihm in's Leben gerufene Rechtsauf- 
fassung verbreitete sich bis nach Spanien. ') 

Nebst diesen durchaus auf dem Boden der Orthodoxie 
stehenden Secten unterliessen aber auch die dissentirenden 
Parteien, besonders die der Shy'iten es nicht, sich eigen- 
thümliche, ihren religiösen und politischen Ansichten ent- 
sprechende, jiu'idisch-theologische Systeme zu schaffen, die 
mehr oder weniger von jenen der orthodoxen Schulen sich 
entfernten; bei den Shy^iten ward die Verfertigung falscher 
Traditionen in ausgedehntem Maassstabe betrieben, um die 
Lehre von der Unfehlbarkeit ihrer religiösen Oberhäupter 
(Imam) aus dem Stamme Aly's und ihre, den Lehren der 
Sonniten oft diametral engegengesetzten Glaubensansichten 
zu stützen. Durch diese Gewissenlosigkeit ward iler Werth 
ihrer Arbeiten stark beeinträchtigt. Ihre fanatische Partei- 
nahme für Aly und dessen Nachkommen, sowie der llass 
gegen die zwei ersten Chalifen, besonders aber Omar L, 
machten ihnen jedes Mittel gut- zur Erreichimg ihrer poli- 
tischen Bestrebungen, die auf den Umsturz der herrschen- 
den Dynastie gerichtet waren. Das juridische Lehrsystem 
(ier Shy*iten herrscht noch gegenwärtig in Persien, stimmt 
aber im Grossen ziemlich überein mit jenem der Sonniten. '^) 

Analogie und Deduction (kijAs) zu verwerfen seien, und man sich aus- 
.scliliesfllich an den buchstäblichen, ünsäeren Sinn zu halten habe. Na- 
wawy : Tahdyb p. 236. Das Verzeichnis» seiner zahlreichen Schriften findet 
»ich in Fihrist p. 2U>. 

M Vgl. Geschichte der herrsch. Ideen des Islams p. 124, Ibn Khal- 
doun: Proleg. III. p. 5. 

2) Näheres hierüber in Tornauw's Buch über das mohammedanische 
Recht und besonders in Querry's: Droit muäulman. Paris 1871. Die 



502 IX. Das Recht 

Ebenso unterliess es die andere extreme, politisch-religiöse 
Partei der Demokraten des Islams nicht ihre eigenen theo- 
logischen und juridischen Ueberzeugungen sich zurecht 
zu legen. 

Dies sind in Kürze geschildert die Wege, welche das 
mohammedanische Recht von seinen Anfängen bis zur voll- 
ständigen Ausbildung und Feststellung der verschiedenen 
Lehrgebäude verfolgt hat. Je mehr es unwandelbare For- 
men annahm, je mehr die geistige Arbeit der ersten drei 
Jahrhunderte des Islams in schriftstellerischen Leistungen 
ihren Ausdruck und Abschluss fand, desto fühlbarer macht 
sich auf diesen Gebieten ein allmäliges Erschlafifen der gei- 
stigen Regsamkeit; auf die ungebändigte Arbeitslust und 
schöpferische Kraft folgte die Epoche des Ordnens, Sich- 
tens, Abwägens und Erläuterns; man verglich die verschie- 
denen Systeme, trieb gelehrte Polemik und schrieb über die 
Werke der alten Meister bändereiche Commentare. Bald 
gewöhnte man sich daran die grossen Gelehrten der frühe- 
ren Jahrhunderte als Männer zu betrachten, deren Leistun- 
gen zu erreichen keinem der spätem Nachkommen vergönnt 
sei. Man stellte die Ansicht auf, jene allein hätten die Gabe 
imd die göttliche Ermächtigung besessen, die Offenbarung 
und Sonna zu erläutern (igtihäd fylshar*), sie allein hätten 
alles Wissenswerthe bereits gewusst und gelehrt, mehr als 
sie zu wissen sei von Uebel. Als solche unerreichbare Mei- 
ster des Wissens und der Gelehrsamkeit wurden ausser den 
Genossen des Propheten und den TÄbiVs nur die vier oben 
genannten 8ectenstifter : Mälik, Abu Hanyfa, Shäfi'y und 



Lostrennung des shyitisclien Zweip^es von dem ortliodoxen Stamm erfolgte 
erst im III. Jahrhundert H. als der orthodoxe Islam sein Rechtssystem 
bereit« fertig hatte. Hieraus erklärt sich die Erscheinung, dass das shyitische 
Recht nur in Einzelnheiten von ersterem abweicht, während das zu Grunde 
liegende System fiü* beide dasselbe ist. Vgl. Querry: Droit musulman I., 
p. IV. lieber die Eigenthümlichkeiten des shyitischen Rechts vgl. v. Tor- 
nauw: Moslimisches Recht p. 12 u. a. a. O. — 



IX. Das Recht. r)03 

Ahmad Ibn Hanbal, dann So^än Taury und Däwod Ihn 
'Aly genannt. ') 

Diese waren die Autoritäten ersten Ranges^ denen die 
selbstständig-e Entscheidung in Sachen des Gesetzes unbe- 
stritten zukam. 

Eine Autorität minderen Grades besassen die Schüler 
dieser grossen Meister. Ihnen erkannte man zwar nicht die 
Befugniss zu an den Grundsätzen des Lehrsystems etwas 
zu ändern, hingegen konnten sie in Fragen, welche nicht 
die Principien betrafen, ihre selbstständigen Entscheidungen 
fallen und ihre eigenen Ansichten vertreten: es hiess dies 
das Recht zur Spccidation innerhalb der Schule (igtihad 
fylmadhab). 

Niedriger stand die grosse Menge der Juristen, die, 
je nachdem sie der einen oder andern Schule apgehörten, 
nach deren Grund säten einzelne Rechtsfragen entscheiden 
konnten (igtihad fyliuasai'l), welche Entscheidungen als 
rechtsgiltig betrachtet wurden, wenn sie mit den Principien 
der Schule und der grossen Autoritäten derselben im Ein- 
klang waren, denn nach moslimischem Recht besteht die 
Aufgabe des Richters darin, seinen Urtheilsspruch so einzu- 
richten, dass er mit den in Präcedenzfällen nach altern und 
neuern juridischen Autoritäten erfolgten Entscheidungen 
übereinstimme; solche Autoritäten sind in erster Reihe die 
Offenbarung, dann die Sonna und endlich die Lehren der 
grossen Meister, der sogenannten Fürsten der Wissenschaft, 

') Sofjan Taury war ein wegen seiner Frömmij^keit, sowie seiner 
Kenntniss der Traditionen und des Rechtes berühmter Gelehrter. Er wird 
oft als Autorität in schwierigen Fragen citirt, aber von seinen Werken 
ist nichts erhalten, denn er verfügte testamentarisch, dass seine gesamm- 
ten Sohriften nach seinem Ableben verbrannt werden sollten. Er starb 
161 H. (777—8 Chr.) Ibn Kotaiba p. 260. Er galt ebenso wie D&wod Ibn 
'Aly als Stifter einer orthodoxen »Schule, wodurch sich deren Zahl auf 
sechs erhöht. Nawawy: Tahdyb p. '288. Seine Werke wurden von seinen 
Schülern, die sie auswendig gelernt hatten, überliefert. Fihrist p. 225. 



5()4 IX. Dtt8 Recht. 

die (lurc'^h allgemeine Anerkennung der rechtgläubigen Ma- 
jorität des mosliraischen Volkes (iguiä* aloniiuah) unbestrit- 
tene Rechtskraft erlangt haben. ') 

5. Das System des hanafitischen Rechts. 

Das von Abu Hanyfa begründete Lehrgebäude ward 
von seinen Schülern weiter ausgearbeitet, und fand im Laufe 
der Zeiten zahllose Commcntatorcn, begeisterte Anhänger 
und Bewunderer. Bald wuchs die juridische Literatur zu 
riesigem Umfange an. Eines der angesehensten und vcr- 
breitesten Werke der früheren Epoche ist das Compen- 
dium des Kodury, der noch jetzt in den Rechtsakademien 
des Orients als Autorität gilt. Diese Arbeit benütze ich 



^) Ueber die BerecIitipfUiig des Ip^tihad, d. i. der freien ForBcliuntir 
auf dem Gebiete de« religiösen und weltlichen Gesetzes, hat von jeher 
starke Meinungsverschiedenheit geherrscht. Die Einen, und diese waren 
die strengen alten Ortliodoxen, wollen davon nichts wissen, und hiel- 
ten an dem Buchstaben des Korans und der Sonna fest: Ahmad Ibn 
Hanbal, Shäfi'y und besonders Dawod Ibn Aly vertraten diese Rich- 
tung. Abu Hanyfa hingegen ist der eigentliche Begründer der freien 
Forschung, der Interpretation des Gesetzes mit Hilfe des Verstandes 
und der logischen Deduction. Und diese letztere Ansicht ist die 
herrschende geworden. Sehr richtig bemerkt ein grosser Gelehrter: „Der 
bei weitem grösste Theil des Gesetzes ist ein Product der freien For- 
schung, denn die eigentlichen Textstellen (des Korans und der Sonna) 
machen nicht den hundertsten Theil davon aus.f Nawawy p. iJH7. — 
Solche gesetzliche Bestimmungen, welche durch hervorragende Gelehrte 
(raogtahid) von allgemein anerkannter Autorität ausgesprochen und durch 
allgemeine Uebereinstimmung der gesammten moslimischen Gemeinde an- 
genommen worden waren, erlangten volle Gesetzeskraft und galten fortan 
als integrireude Bestandtheile des islamischen Gesetzes. Auf diese Art 
ward die Uebereinstimmung der Gemeinde ebenfalls eine von den späteren 
Juristen anerkannte und häufig angerufene Rechtsquelle. Aber Shäfi*y 
wollte dieselbe nicht anerkennen. Nawawy: Tahdyb p. 237. Später stellte 
man sogar den Grundsatz auf, dass die Gesammtheit des Volkes der 
Rechtgläubigen als solche unfehlbar sei und alles das, worüber sie ein- 
stimmig ist, als rechtsverbindlich für Alle zu gelten habe. Ibn Khaldoun: 
Proleg. m. p. 26—28. 



IX. Da» Recht. 505 

nun hier, um eine Zusammeustellung- des Wichtigsten aus 
dem hanaiitischen Kechtssystem zu versuchen. 

Ich beschränke mich hiebei darauf, über die Behand- 
lung des gesammten Rechtsstoffes, sowie über die Anord- 
nung und Eintheilung desselben einige Andeutungen zu 
geben, welchen ich dann eine gedrängte Uebersicht der vom 
culturgeschichtlichen Standpunkte wichtigsten Bestimmungen 
des positiven Rechts anreihe. 

Von einer planmässigen, streng logischen Anordnung, 
wie wir sie bei europäischen Juristen zu finden gewohnt 
sind, ist allerdings in dem arabischen corpus juris ebenso 
wenig zu bemerken, wie in den römischen Pandekten oder 
den Basiliken, aber durch eine geschickte Vertheilung des 
gesammten Stoffes unter die einzelnen Titel der wichtigsten 
Angelegenheiten des religiösen und bürgerlichen Rechts, des 
gerichtlichen Verfahrens und des Strafrechts haben die ara- 
bischen Juristen doch eine sehr brauchbare Gliederung des 
gewaltigen Stoffes zu erzielen verstanden. Es ist in der 
That, sobald man einmal mit der systematischen Eintheilung 
der juridischen Werke vertraut ist, durchaus nicht schwer, 
über jeden gegebenen Rechtsfall gleich die einschlägigen 
Stellen im Texte aufzufinden. An die Spitze stellen sie 
immer das religiöse Gesetz, und behandeln sehr eingehend 
die Reinheitsregeln, die Vorschriften über das Gebet, über 
die Vermögensteuer, welche zu den religiösen Pflichten ge- 
zählt wird, während sie nach unserer Auffassung in das 
Verwaltungsrecht gehört; daran reihen sich die Gesetze 
über das Fasten, die Wallfahrt nach Mekka, über den 
Religionskrieg gegen die Ungläubigen, über die Opferthiere, 
die Jagd und die Schlachtung des erlegten Wildes in der, 
um es gesetzlich geniessbar zu machen, vorgeschriebenen 
Weise. An diese religiöse Abtheilung, die wir an einem an- 
deren Orte besprechen werden, schliessen sich die civil- 
rechtlichen Satzungen an, ohne strenge Trennung, je nach- 
dem sie dem Personeurechte oder Sachenrechte angehören. 



506 II. DAb Kecht. 

aber doch wird jede Frage selbstständig in einem eigenen 
Capitel behandelt: so das Eherecht, dann die dazu gehöri- 
gen Bestimmungen über die Scheidung und deren verschie- 
dene Arten, die Rechtsansprüche der geschiedenen Gattin 
auf Sustentationskosten, dann das Sklavenrecht. Die Bestim- 
mungen über die Clientel und das Patronat, über die ver- 
schiedenen Arten der Freilassung, den Selbstloskauf, dann 
die Curatel (hagr, capitis diminutio), die rechtliche Stellung 
der Findlinge, der Verschollenen u. s. w. 

Auf diese vorzüglich das Personenrecht betrefi^nde 
Zusammenstellung lasse ich nun die Aufzählung der wesent- 
lich dem Sachenrechte zugehörigen Rechtspartien folgen, 
ein Gebiet, das die Araber mit dem bewundernswerthesten 
Fleiss und Scharfsinn bearbeitet haben. Ganz besonders sind 
wegen ihrer Wichtigkeit für das praktische Leben an erster 
Stelle zu nennen die Lehre von den Kaufverträgen (boju*) 
und den andern Arten der Verträge, als Pfand-, Darlehen-, 
Pacht- oder Miethverträge , Gewinntheilungs- und Auf- 
bewahrungsverträge, ferner die Vorträge, welche eine Ueber- 
tragung oder Aufhebung der Rechte zur Folge haben, als: 
Vollmachtertheilung, Bürgeleistung, Substitution, Vergleiche 
und Schenkungen. Eine besonders eingehende Behandlung 
erfahrt das Erbrecht, die Ijchre von den Testamenten und 
der Berechnung der Erbtheile. Hieran reihen sich die ge- 
setzlichen Bestimmungen über das gerichtliche Verfahren, 
die Zeugenschaften, die Eide, das Eingestand niss, die Ver- 
haltungsregeln der Richter (adäb alkädy). Einen wichtigen 
Theil endlich aller arabischen Rechtswerke bilden die Anord- 
nimgen über das Strafrecht, die Verbrechen und Vergehen, 
die hiefiir gesetzlich normirten Strafen, das Sühngeld für 
den Mord, die Verfügungen über den Diebstahl, die Un- 
zucht u. s. w. ; dann über leichtere Vergehen gegen die 
persönliche Sicherheit. *) 

•) Die Strafgesetze haben wir bereits im vorhergehenden Abschnitt 
besprochen. 



IX. Dm Recht 507 

An diese Hauptgeg-enstände des juridischen Lehr- 
gebäudes werden noch verschiedene Abhandlungen über 
Rechtsfragen vermischter Natur angeknüpft, die zum Theil 
zweifellos dem Verwaltungsreeht zuzuweisen sein würden, 
wie z. B. über die Urbarmachung von Brachgründen und 
die Erwerbung des Eigen thumsrechtes hiedurch, über die 
Stiftungen (zu frommen nnd gemeinnützigen Zwecken), end- 
lich auch Polizeivorschriften über gefundene Gegenstände, 
über verbotene und gestattete Dinge, über gewaltsame 
Aneignung fremden Gutes, über Anwendung von Gewalt- 
maassregeln und Einschüchterung durch Drohungen (ikräh) 
und dgl. m. 

Diese Aufzählung allein dürfte schon genügen, um 
sich eine Idee zu machen von dem reichen Inhalte des 
arabischen corpus juris, das, wenn auch alle anderen 
Schriftdenkmäler verloren gegangen wären, allein voUgilti- 
ges Zeugniss abgeben würde für den hochentwickelten 
Culturzustand der Araber in jener Zeit, wo sie die erste 
Nation waren. Nächst den Römern gibt es kein Volk, das 
schon so früh ein so sorgfaltig bearbeitetes System des 
Rechts sein eigen nennen konnte. 

Nachdem wir nun im Vorhergehenden eine allgemeine 
Rundschau über Anordnung und Einthcilung des arabischen 
Rechts abgehalten haben, schreiten wir daran, den positiven 
Inhalt der wichtigeren Rechtssatzungen des näheren zu be- 
trachten. Wir sehen hiebei ganz ab von der bei Abu Ha- 
nyfa sowohl als bei anderen Juristen immer an erster 
Stelle sehr ausfuhrlich dargelegten, religiösen Gesetzgebung 
und gehen gleich zu den Verträgen und Handelsgeschäften 
über, die am besten einen Einblick gewähren sowohl in 
den Geist der Zeit als in die Art und Weise der Behand- 
lung und die wissenschaftliche Auffassung der Rechtsidee. •) 

^) IVber die Kauf- und Verkaufvcrträge lese man: De contractu 
do ut des, von Van den Berg, Leyden 18G8. 



508 IX. Das Hecht. 

a) Kauf- und Verkaufs-Vorträg-e. 

Die liervorrageiidstc Stolle nehmen die Kauf- und 
Verkaufs- Vertrüge ein. Der Verkauf, lehrt Abu Hanyfa, ge- 
schieht durch den Autrag uiid die Annahme, welche letz- 
tere ganz unzweideutig ausgesprochen wenlen muss. Ein 
Rücktritt ist nur möglich wegen eines erwiesenen Fehlers 
der Waaro oder wegen der früher nicht statt gefundenen 
Besichtigung derselben. Es ist nicht gesetzlich erforderlich, 
dass Menge, Maass und Gewicht der Verkauf sobjecte genau 
])ekannt seien, aber der Kaufpreis muss immer genau be- 
stimmt sein. Der Verkauf kann gegen gleich baare Bezah- 
lung oder auf Katen stattlinden, in letzterem Falle müssen 
die Zahlungstermine genau bezeichnet sein. Wird der Preis 
nur allgemein angegeben, so ist die rechtliche Vermuthung, 
dass Landesmünze darunter verstanden sei, cursiren Landes- 
münzen derselben Benennung, aber verschiedener Währung 
(z. B. Silber-Dirhams und Weisssud-Dirhams) , so ist der 
Verkauf ohne nähere Bestimmung der Münze ungiltig. 

Bei den Kaufgeschäften können verschiedene auf- 
lösende Bedingungen eintreten: L Sowohl Käufer als Ver- 
käufer können sich bei Abschluss des Geschäftes den Rück- 
tritt während dreier Tagen ausbedingen. 2. Es kann die 
Bedingung gestellt werden, dass der Verkauf erst nach 
Besichtigung der Waiire perfect wird. 3. Entdeckt der 
Käufer einen Makel an der Wfiare, so kann er zurück- 
treten. ^) Ungesetzlich ist es, wenn er die Waiire behalten, 
aber einen Abzug vom Kaufpreise machen wollte. 

Der Voj'kauf mit Lieferung auf bestimmte Frist (salam) 
ist gestattet für (iegenstände, die gewogen, gemessen oder 
gezählt werden. Verboten ist er, wenn das Viirkaufsobject 
noch nicht existirt. Die Lieferungsfrist muss immer genau 
bestimmt sein. Abu Hanyfa stellt folgende Bedingungen 



1) \fr\. da.s Judicium redliibitorium des Rom. Rechts. Puchta: 
Cursus der lustitutioueii. 4. Aurt. J5. IH. §. 275 p. 107, 



IX. Das Eecht. 509 

fui' die Giltigkeit dieses Kaufgeschäftes auf, die in dem 
bezüglichen Vertrage nicht fehlen dürfen: 1. Angabe der 
Gattung der Waare. 2. Angabe der Species (nau*). 3. und 
4. Bezeichnung der Qualität und Quantität, 5. des Lieferungs- 
termins, 6. des Preises, 7. des Ortes, wo die Lieferung 
stattzufinden hat. 

Ungiltig ist jeder Verkauf, wenn das Verkaufsobject 
in die Kategorie der gesetzlich verbotenen Gegenstände 
gehört. 

Die Auflösung eines Verkaufsgeschäftes durch gegen- 
seitige Einwilligung der beiden Theile (ikalah) ist immer 
zulässig, wobei das Verkaufsobject um den ursprünglichen 
Preis zurückerstattet wird, der Weiterverkauf mit Gewinn 
(morabahah) und die Cession (taulijah) sind erlaubt. Im 
erstei-en Falle verkauft jemand die Waare, die er gekauft 
hat, mit Gewinn an einen Dritten; die Cession besteht darin, 
dass er sie um denselben Preis, um den er sie erstanden 
hat, an einen Dritten abgibt. Beide Uebertragungsarten sind 
legal, doch nur, wenn es sich um Waaren handelt, die im 
Verkehr vorkommen. Bei Gegenständen, die in einem ein- 
zigen Exemplar existiren, ist dies Geschäft unerlaubt. 

b) Uebertragfung der Rechte auf andere Weise. 

An die Kauf- und Verkauf- Verträge reihen wir hier 
die anderen Arten der Uebertragung der Rechte. Es kom- 
men besonders die Assignation (Geldanweisung) und die 
Schenkung in Betracht. 

Die Assignation (hawälah). Die gesetzlichen Be- 
stimmungen hierüber liefern jedenfalls den Beweis für den 
schon sehr ausgebihleten Handelsverkehr, indem die Assig- 
nation offenbar die Bestimmung hatte, als Ersatzmittejl für 
die Wechsel zu dienen. Es ist kein geringes Verdienst des 
Abu Hanyfa, dieses älteste Wechsel recht juridisch fest- 
gestellt zu haben. Nach ihm ist die Assignation zulässig bei 



510 IX. Dm Recht. 

Schulden (beziehungsweise Guthaben). Sie findet statt durch 
ein Uebereinkommen zwischen dem Assignanten (mohjl)^ 
dem Assignatar (moht&l) und dem Assignaten (mohtal *alaih). 
In solchem Falle weist der Schuldner (Assignant) seinem 
Gläubiger (Assignatar) an die Person eines Dritten (Assig- 
nate), von dem er (Assignant) ein Guthaben zu fordern 
hat. Der Assignatar hat in solchem Falle keine Rechts- 
ansprüche mehr gegen seinen ersten Schuldner (Assignant) ^ 
es sei denn, dass der Substitut (Assignate, Trassate) seinen 
Verpflichtungen nicht nachkomme, oder durch Bankerott 
oder Tod verhindert werde, die Tratte zu honoriren. Tritt 
ein solcher Fall ein, so hat der Assignatar den Regress 
gegen den ersten Aussteller der Assignation (Assignanten, 
Trahenten). 

Zu diesen rechtlichen Bestimmungen, deren Wichtig- 
keit für die damaligen Handelsbeziehungen nicht zu ver- 
kennen ist, fugen die arabischen Juristen immer gleich- 
zeitig auch die auf das richterliche Verfahren bezüglichen 
maassgebeuden Rechtsgrundsätze hinzu. So wird im vorliegen- 
den Falle ausdrücklich bemerkt : wenn der Assignate (Tras- 
sate) den Assignanten auf den Betrag der Assignation ein- 
klagt und Letzterer wendet ein, er habe nur so viel auf 
ihn trassirt, als er von ihm zu fordern hatte, so wird diese 
Einwen<lung nicht angenommen. Klagt der Assignant (Tra- 
hent) den Assignatar auf den Betrag der Assignation, indem 
er vorgibt, er habe ihm die Assignation nur ausgestellt, 
damit dieser für seine Rechnung die Summe einkassire, 
und der Andere läugnet dies, so gilt die Behauptung des 
Assignanten, die er mit dem Eide zu bekräftigen hat. 

Uebrigens scheint es, dass diese Art der Geldanwei- 
sung durch Assignation so aufgefasst ward, dass sie in der 
Regel nicht von einer Stadt zur andern, sondern nur inner- 
halb derselben Stadt oder der umliegenden Orte zur An- 
wendung kam : denn eigentliche Geldanweisungen auf fi-emde 
Plätze (safatig), womit man sich die Gefahr der Baarver- 



IX. Das Recht 511 

Sendungen zu ersparen suchte, werden zwar nicht gesetz- 
lich verboten, aber als juridisch missliebig bezeichnet. 

Die Schenkung*. Die zweite Art der Uebertragung 
der Rechte ist die Schenkung (hibah). Die Schenkung er- 
folgt durch den Antrag und die Annahme, sie wird rechts- 
kräftig durch die Empfangnahme. Nicht zulässig ist die 
Schenkung von theilbaren Gegenständen, ausser wenn der 
Geber den Gegenstand ganz zum Eigenthum besitzt und 
bei der Schenkung schon die Theilung stattgefunden hat. 
Die Schenkung von un theilbaren Sachen an Mehrere zum 
ungetheilten Miteigenthum ist gestattet. Bei der Schenkung 
an Fremde ist der Widerruf zulässig (Shäti'y bestreitet dies), 
es sei denn der Beschenkte leistete einen Ersatz (für das 
Geschenk), oder einer der beiden starb, oder das Geschenk 
wäre bereits in das Eigenthum eines Dritten übergegangen. 
Hingegen ist bei Geschenken zwischen Blutsverwandten der 
Widerruf unzulässig, ebenso zwischen Ehegatten. ^) Aber 
auch bei einer Schenkung an eine fremde Person ist der 
Widerruf unzulässig, wenn diese eine Gegengabe leistete 
und der Geschenkgeber diese entgegennahm. Sonst ist eine 
Auflösung der Schenkung nur durch gegenseitiges Einver- 
ständniss oder richterliches Urtheil zulässig. 

Findet die Schenkung unter der Bedingung einer 
Gegenleistung statt, so gehört dieser Vertrag unter die 
Tausch- oder Kaufverträge und gelten die für diese aufge- 
stellten Kegeln. 

Die Schenkung auf Lebzeiten (*omry) besteht darin, 
dass man jemand etwas überlässt, unter der Bedingung, 
dass es nach dessen Tode an den ursprünglichen Eigen- 
thümer zurückfalle. 

Die Schenkung auf Todesfall (rokba) besteht darin, 
dass jemand das Eigenthum einer Sache für den Todesfall 

*) Nach rÖmiRchem Recht sind Sclienkungen zwischen Ehe^ttcn 
ganz verboten. 



512 IX- Da» Recht. 

des EigeDthümers zug'esichcrt wird. Nach Abu Hanyfa und 
Shaibäny ist diese Schenkuug unzulässig, aber Abu Jusof 
g^estattet sie. Nach malikitischem Recht ist sie ebenfalls 
verboten. 

Die Bevollmächtigung (wakälah) ist eine Vertrags- 
art, die von den arabischen Juristen sehr eingehend be- 
handelt worden ist. Sie stellen den allgemeinen Grundsatz 
auf: Für jeden Vert,rag, den jemand selbst abzu- 
schliessen berechtigt ist, kann er einen Bevollmäch- 
tigten ernennen. Gestattet ist es auch, in allen Civil- 
streitsachen sich durch einen Bevollmächtigten vertreten zu 
lassen, aber nicht in Criminalsachen. Abu Hanyfa hält die 
Ansicht fest, dass die Ernennung eines Bevollmächtigten 
in Streitsachen nur mit Einwilligung des Gegners zulässig 
sei, ausser die Partei wäre durch Krankheit oder Abwesen- 
heit vom Orte der Gerichtsverhandlung (und zwar wenig- 
stens in der Entfernung von drei Tagreisen) verhindert, 
sich selbst zu vertreten und gezwungen einen Bevollmäch- 
tigten zu bestellen. 

Wir glauben nun hier die Darstellung der weiteren 
wichtigeren Rechtsbestimmungen anknüpfen zu sollen und 
beginnen mit den Gesellschaftsverträgen. 

c) Die Gesellschaftsverträge. 

Der Gesellsclmftsvertrag zerfiillt nach hanalitischem 
Recht